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Samstag, 12. September 2026

Antiken und das doppelte Gesicht von ICE

In der Region Tampa im US-Bundesstaat Florida wurde ein illegales Schmuggel-Depot mit mehr als 22.000 antiken Objekten ausgehoben.  
 

Die Rolle von ICE 

Die offizielle Bekanntgabe der Beschlagnahmung erfolgte Ende August 2026. durch ICE (Immigration and Customs Enforcement), jener US-Bundestruppe, die in den letzten Monaten auf Weisung von POTUS Don. Trump mit Terrormethoden gegen Immigranten vorgeht und nun schon mehrere Tote zu verantworten hat, von denen Renée Nicole Good nur diejenige ist, die am meisten Aufmerksamkeit gefunden hat, weil ihre Ermordung im Video dokumentiert ist. Aktuell gibt es in den USA Ankündigungen, dass ICE in den Wahllokalen der Midtermwahlen im November Festnahmen durchführen würde (dazu hier) - ein angekündigter Rechtsbruch, der aber genug Angst verbreiten könnte, um die Wahlen zu beeinflussen. ICE entwickelt sich zu einer hochgerüsteten paramilitärischen Truppe, wie sie für faschistische Systeme charakteristisch ist (dazu schon Arendt 1955) und die vor allem der Einschüchterung der eigenen Bevölkerung dient (dazu hier; Samaras 2026). Ihre unkontrollierte Gewalt gegen Zivilisten schwebt auch hierzulande einigen Rechtspopulisten der AfD vor Augen. Wenn hier die Rüstungsindustrie als relevant für Remigration angesehen wird, so muss man sich auf geplante Gewalt einrichten (dazu hier und hier)

Die US-Einwanderungs- und Zollbehörde ICE ist neben dem Migrationsrecht auch für die Bekämpfung von grenzüberschreitender Kriminalität wie Schmuggel, Menschenhandel und Geldwäsche zuständig. Über ihre spezialisierte Ermittlungseinheit Homeland Security Investigations (HSI) ist sie für Antiken zuständig, da der illegale Handel mit geraubten Kulturgütern über internationale Grenzen hinweg gegen US-Zollgesetze verstößt und da kriminelle und terroristische Netzwerke den Schmuggel von Antiken häufig zur Geldwäsche oder Finanzierung nutzen.
[5]
ICE sieht sich in den USA inzwischen mit einem zivilgesellschaftlichen Ungehorsam konfrontiert, der Nachbarn zu schützen sucht. In seiner PR-Arbeit versucht ICE sein Image aufzubessern und seine Legitimität unter Beweis zu stellen.
Leider kommt hier nun der prinzipiell zu begrüßende Kampf gegen die internationale Antikenhehlerei ins Spiel. Medienwirksam inszenierte Rückgabe-Zeremonien mit Botschaftern, Kuratoren und antiken Schätzen bringen ICE positive Schlagzeilen.  Das Narrativ einer "Retterin der Weltkultur", lenkt von Internierungslagern, Familientrennungen und Gewalt ab. Das ist dasselbe Propagandamuster, das wir in vielen Situationen etwa in Syrien kennen gelernt haben, wo sich Russland in Palmyra als Kulturretter inszeniert hat (Archaeologik 1.10.2015).
ICE verfügt mit der spezialisierten Ermittlungsabteilung HSI (Homeland Security Investigations) über das Programm für Kulturgüter, Kunst und Antiquitäten (Cultural Property, Art and Antiquities, CPAA), die im Kampf gegen die weltweite Antikenhehlerei in letzter Zeit einige Erfolge aufweisen kann.

Das Antikenlager in Florida 

Der aktuelle Fund in Florida stellt zwar einen der größten Schläge von ICE/ HSI dar, ist aber bei weitem nicht der einzige Fall. In Tampa, Florida wurden nach Medienberichten über 22.000 antike Artefakte sichergestellt, die aus Europa, Afrika und dem Mittelmeerraum stammen. Unter den Stücken befanden sich nach Medienangaben antike griechische und römische Münzen, byzantinisches Glas, Schmuck, Keilschrifttäfelchen und -zylinder, Terrakottafiguren, Gefäße, Statuen und Mosaike. Laut ICE stammen die Funde aus illegalen Grabungen und Museumsdiebstählen in Europa, Nordafrika und dem Nahen Osten. Aktuell arbeiten Archäologen der University of South Florida und der University of Pennsylvania unter Hochdruck daran, jedes einzelne Stück zu zertifizieren.
Glas- und Keramikfunde aus der Sicherstellung in Tampa
(Foto: ICE, PD, via ICE)

 
Die veröffentlichten Bilder lassen in der Tat ein großes Spektrum unterschiedlichster Fundobjekte erkennen, darunter auch solche, die nach meiner Einschätzung aus Syrien oder der Ukraine stammen könnten. Das stützt die These, dass Raubgrabungsfunde verzögert auf den Markt kommen und zunächst, entweder nahe ihrer Herkunftsgebiete oder aber schon in Händen der Hehler und Schmuggler über Jahren eingelagert werden, bevor Gras über die Konflikte gewachsen ist - oder die Politik ältere Funde mal wieder durch Anpassung der gesetzlichen Fristen legalisiert. 

Rückgaben

Sobald die strafrechtlichen Ermittlungen und Eigentumsprüfungen abgeschlossen sind, übergibt die US-Regierung die Raubkunst im Rahmen formeller Zeremonien an die Herkunftsländer. Zu den bedeutendsten Rückgaben der letzten Jahre gehören:
In Zusammenarbeit mit dem US-Außenministerium gab HSI im Mai 2026 26 antike Artefakte an die Republik Griechenland zurück. Das Prunkstück der Rückgabe war ein rund 250 Kilo schwerer Marmortorso von Asklepios, dem griechischen Gott der Heilkunst. Zudem wurden 25 seltene antike Münzen übergeben, die bis in die griechische, römische und byzantinische Epoche zurückreichen. 
 
Asklepios-Statue
(Foto: ICE, PD via WikimediaCommons)


Ebenfalls im Mai übergab die HSI-Dienststelle in El Paso in einer feierlichen Restitution eine Vielzahl präkolumbianischer Artefakte und Kolonialgüter an die mexikanische Regierung. 
In Washington wurden im Januar 2026 sieben wertvolle Artefakte an die ägyptische Botschaft restituiert. Darunter befanden sich zwei mumifizierte Fische sowie ein Falkenkopf aus der Ptolemäerzeit (304–30 v. Chr.) sowie ein Amulett des Gottes Set und ein Herzskarabäus aus Basalt. 
HSI New York gab im Februar 2025 gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft Manhattan 133 antike Kunstschätze an Pakistan zurück. Die Stücke stammten größtenteils aus Beschlagnahmungen rund um illegale Kunsthändlerringe. 

Rückgaben gab es bereits vor Trumps zweiter Präsidentschaft, unter anderem an Indien, den Jemen, Zypern, Italien und Frankreich. Insgesamt hat das HSI-Kulturgüterschutzprogramm seit seiner Gründung im Jahr 2007 weit über 20.000 Objekte in mehr als 40 Länder weltweit zurückgebracht. 

Es ist schade, dass die notwendige Verfolgung der Antikenhehler nun einen Beigeschmack bekommt und diese Arbeit auch dazu dient, die dunkle Seite von ICE zu relativieren.


Quellen

  • Offizielle Pressemitteilungen ICE/HSI

Literatur

  • H. Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft (Frankfurt 1955). 
  • G. Samaras, ICE as domestic state terror: operation Metro Surge and the production of fear in Minneapolis. Critical Studies on Terrorism 19/3, 2026, 811–828. - doi: https://doi.org/10.1080/17539153.2026.2686525

Sonntag, 9. November 2025

Palmyra nach dem Krieg

Vom 29. bis 30. Oktober 2025 fand in Lausanne in der Schweiz die zweite Internationale Palmyra-Konferenz statt. Die Veranstaltung wird von der Universität Lausanne, der UNESCO sowie der ALIPH (International Alliance for the Protection of Heritage in Conflict Areas) gefördert und gemeinsam mit der syrischen Altertumsbehörde DGAM veranstaltet. 

Programm: 

Berichte: 

Die Konferenz baute auf den Erkenntnissen der ersten Konferenz von Lausanne auf, die bereits im Dezember 2019 eine Bestandsaufnahme der internationalen Projekte in Palmyra vorgenommen hat, drei Jahre nachdem Daesh/IS aus der Stadt vertrieben worden war. 

Die Entwicklungen in Syrien nach dem Sturz des Assad-Regimes und einer teilweisen Lockerung der internationale Sanktionen eröffnen sich neue Möglichkeiten zur Zusammenarbeit bei der Erhaltung und Sicherung des gefährdeten Welterbe. Ziel der Konferenz war es, Mitglieder der syrischen Gemeinschaft, Akademiker, Experten, ehemalige Ausgräber sowie Vertreter internationaler Institutionen zusammenzubringen. Der verstärkte Austausch soll die Planung koordinierter Maßnahmen voranbringen, um Palmyra von der Gefährdeten-Liste der UNESCO zu entfernen. 

In einer Bestandsaufnahme wurden folgende Fragen behandelt:

  • Was ist der aktuelle Stand und die Zugänglichkeit von Archivmaterialien, die sich auf Palmyra beziehen? 
  • Wie können Archive besser genutzt werden, um laufende Forschungs- und Erhaltungsbemühungen zu unterstützen? 
  • Welche aktuellen Lücken bestehen in den verfügbaren Archiven und Publikationen? Was sind die besten Praktiken für die Veröffentlichung und Verbreitung von Forschungsergebnissen über Palmyra? 

Um die Transparenz und Kommunikation zu fördern wurde die Idee eine jährlichen Berichtes zur Diskussion gestellt, der kurze Berichte und ausführliche Artikel enthalten soll, um die laufenden Fortschritte in der Archivarbeit und der Publikationen zu Grabungen zu dokumentieren. Einen besonderen Stellenwert soll einer digitale Karten Palmyras zukommen. Einen Ansatz dazu hat das DAI auf seinem Geoserver stehen: 

Aus Anlaß der Tagung publizierte die UNESCO eine vergleichsweise primitive Webkarte, die jedoch Publikationen zu einzelnen Punkten in der Stadt zitiert und ggf. auch verlinkt:

  

Literatur

  • C. Schranz, The Digital Memory of Palmyra –. In: dies. (Hrsg.), Shifts in Mapping (Bielefeld 2021) 125–156. 

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Freitag, 6. Juni 2025

Nachlaß Helmut Thoma: Zeit für die Rückgabe des palmyrenischen Grabreliefs

Helmut Thoma
(Foto Manfred Werner - Tsui
[CC-BY-SA-3.0
via Wikimedia Commons])
Anfang Mai 2025 ist Helmut Thoma an seinem 86. Geburtstag in Wien verstorben. Die Medien haben ihm als einem unterm Strich wohl erfolgreichem Medienmanager einige Nachrufe gewidmet. Die Geschichte seiner Beteiligung an einer Raubgrabung in Palmyra und dem Schmuggel eines palmyrenischen Grabreliefs nach Deutschland wird nicht erwähnt. Dennoch ist das der Augenblick, daran zu erinnern, denn jetzt wäre der Zeitpunkt, zu dem seine Erben das Stück - sofern es nicht schon wieder längst auf den Markt gelangt ist - nach Syrien zurück geben sollten. In Syrien hat sich die Lage verändert und die Geste einer solchen Rückgabe würde eine positive Entwicklung dort auch unterstützen. 
 
Bereits 2010 forderte der Palmyra-Experte Prof. Andreas Schmidt-Colinet eine Rückgabe des Reliefs an den syrischen Staat als rechtmäßigem Eigentümer.. Nach dem Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs 2011 und der Verbrechen des Assad-Regimes war eine Rückgabe an diesen Staat aber nicht denkbar. Jetzt aber ist die Lage eine andere. Jetzt kann und muß das unrechtmäßig aus einem Grab entfernte und nach Deutschland geschmuggelte Relief zurück gegeben werden.


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Freitag, 23. Mai 2025

Syriens neue Machthaber, der Tourismus und Kulturpolitik

Die neuen Machthaber in Syrien haben Interesse an Tourismus und bringen damit eine gewisse Aufmerksamkeit für das kulturelle Erbe. Kulturschaffende genießen derzeit gewisse Freiheiten, die Problematik der Raubgräber - und der Antikenhehlerei ist aber ungelöst. - Ein Beitrag von swr Kultur;



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Sonntag, 2. Februar 2025

Öffnungen und Eröffnungen in Damaskus

Wenige Wochen nach der Wende in Syrien zeigen sich einige optimistische Entwicklungen für die archäologischen Stätten im Land:

In einer Erklärung der Generaldirektion für Antiquitäten und Museen  (DGAM) vom 31.1.2025 (via facebook) lädt sie zur Rückkehr ausländischer archäologischer Expeditionen nach Syrien ein.  Sie betont, dass es wichtig ist, „alle Anstrengungen zum Schutz und zur Bewahrung des syrischen Kulturerbes zu bündeln, das die gemeinsame Identität aller Syrer, unabhängig von ihrem Umfeld, darstellt.“

Weiter heisst es „Dies ist eine entscheidende und sensible Zeit für die Wiederherstellung des syrischen Kulturerbes und erfordert, dass alle Syrer gemeinsam mit der lokalen und internationalen Gemeinschaft auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten: dieses Erbe zu schützen und eine Zukunftsvision zu entwickeln, die alle einbezieht, um die Brillianz und Vitalität des syrischen Kulturerbes wiederherzustellen.


Frankreich und Italien sind offenbar bereits in Verhandlungen, um die langjährigen Grabungen in Marie wieder aufzunehmen, wie aus einem anderen Statement der DGAM hervorgeht

Auf den Seiten des DAI finden sich noch keine Angaben zu einer möglichen Rückkehr nach Damaskus. Auch im Kontext des Besuchs der deutschen Außenministerin Annalena Baerbock findet das DAI keine Beachtung. Schon kurz nach dem Sturz des Assad-Regines wurde bon Seiten des DAI auf die Bedeutende einer Bestandsaufnahme hingewiesen.

Die neue Regierung ist offenbar auch in der Verfolgung von Raubgrabungen und Antikenhehlerei aktiv geworden. 

ATHAR Project berichtet auf TwiX , dass die Behörden der neuen syrischen Regierung Personen verhaftet, hätte die sowohl in Drogen- als auch in Antikenhehlerei verwickelt sind. Dazu heisst es: „Die Einwohner haben die neue Regierung aufgefordert, alle Personen strafrechtlich zu verfolgen, die an solchen Aktionen beteiligt sind, die die kulturelle und historische Identität Syriens bedrohen.“

ATHAR Project ist unter @atharproject.bsky.social  nun auch auf bluesky, aber dort noch nicht aktiv


Wiedereröffnung des Nationalmuseums in Damaskus

Das Nationalmuseum in Damaskus wurde  am 8. Januar 2025 1.8.2025 wiedereröffnet. Der Direktor der DGAM , Dr. Anas Haj Zidanes führte dabei  den türkischen Botschafter Burhan Kaur Oglu im Nationalmuseum.

Auch andere Stätten in Damaskus werden wiedereröffnet und mit Bürgerbeteiligung gereinigt.



Mittwoch, 18. Dezember 2024

Sonntag, 15. Dezember 2024

Syrische Altertumsbehörde berichtet von massiven Zerstörungen

Die Reaktionen zu den Vorgängen in Syrien schwanken zwischen Euphorie und Zweifel. In kürzester Zeit ist das Assad-Regime gefallen und die Rebellen des HTS haben die Macht übernommen. Aber noch scheint die Gefahr für das kulturelle Erbe des Landes nicht vorbei.

Die Internetseite des  syrischen Antikenverwaltung DGAM ist offline, zugleich teilt die Behörde jedoch über facebook eine besorgniserregende Nachricht. Demnach kooperiert die DGAM mit der Militärischen Operationsleitung und der Politischen Verwaltung, was sich auf die neuen Machthaber in Syrien beziehen dürfte. In Damaskus sei es in den letzten Tagen aufgrund fehlender archäologischer Überwachung zu Verstößen gegen die Bauaufsicht gekommen. Diese Verstöße und Überführungen nehmen erheblich zu und geben Anlass zur Sorge, dass dieses auch in den übrigen antiken Städten geschehen und  zu erheblichen Veränderungen in der historischen Struktur führen könnte. Die DGAM fordert deshalb die Anwohner und alle lokalen Einrichtungen, Institutionen und Organisationen auf,  mit allen Mitteln dazu beizutragen, diese Verstöße zu reduzieren, um das syrische Kulturerbe vor der Zerstörung zu bewahren.


Das Museum in Damaskus hat die Tage des Umschwungs bisher offenbar gut überstanden, obgleich am 8.12. im Museum ein Feuer - wohl aufgrund eines Defekts in der Elektrik - ausgebrochen war.

Die unsichere Situation im Land wir wohl ausgenutzt, um Schwarzbauten zu errichten. Abzuwarten bleibt, ob diese SItuation auch wie üblich die Plünderer auf den Plan ruft.


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Dienstag, 3. Dezember 2024

Aleppo wird erneut Kriegsschauplatz

Mehrere Jahre war Syrien auf Archaeologik kaum noch Thema. Der Bürgerkrieg war indes nie vorbei.
Jetzt flammt er wieder auf.
Ein wesentlicher Hintergrund dürfte der israelische Krieg gegen die Hisbollah im Libanon sein, der sich zwar aktuell in einem Waffenstillstand befindet, aber nicht die israelischen Angriffe auf Hisbollahstellungen invSyrien gestoppt hat.

Überraschend sind nun die dschihadistischen Rebellen, die sich über die Jahre unter türkischem Schutz in der Region Idlib halten konnten, nach Aleppo vorgestoßen und haben die Stadt weitgehend eingenommen. In Deutschland kam es unter syrischen Flüchtlingenob der Nachrichten aus Aleppo zu spontanen Feiern, die in den Social Media sofort zur Hetze gegen syrische Flüchtlinge genutzt werden. In den Jahren relativer Ruhe - so jedenfalls in der Außensicht - haben sich teilweise neue Koalitionen ergeben, so dass es schwer fällt, die jetzigen Rebellen in ihren Zielen einzuschätzen. Nach 13 Jahren Bürgerkrieg sind die Aufständischen natürlich nicht mehr die friedlich demonstrierenden Bürger des Arabischen Frühlings. Auch hier haben Radikalisierungen statt gefunden. Dominierend in der aktuellen Rebellenkoalition ist die Hayat Tahrir al-Sham (engl. Transkribierung, abgek. HTS), die sich aus einem Al-Qaida-Ableger entwickelt haben. Inzwischen geben sie sich moderat, werden aber von vielen Staaten als Terror-Organisation eingestuft.

Die Rebellen der HTS erhalten in Aleppo nun wohl auch Unterstützung von kurdischen Kräften, die im Norden mit der Türkei im Krieg stehen, während die HTS angeblich von der Türkei unterstützt würden. Rußland als Verbündeter des Assad-Regimes bomardiert nun Aleppo und Idlib, wo jeweils Krankenhäuser angegriffen worden sein sollen. In den 4 Tagen der Rebellenoffensive sol es über 500 Tote gegeben haben.

 

erneute Gefahr für Aleppos Kulturerbe

Inzwischen  finden sich in den Social Media erste Berichte aus Aleppo, die zeigen, dass es bislang keine neuen Schäden am Museum und der Zitadelle (von der Bilder mit den Fahnen Syriens und Palästina durchs Netz gehen) gibt.

Nach dieser Quelle - Adnan Almohamad, der jüngst zu den Zerstörungen archäologischen Kulturerbes in Syrien auch wissenschaftlich publiziert hat (Almohamad 2022) ,gibt es eine Zusicherung der "für die Befreiung Aleppos verantwortlichen militärischen Einsatzleitun"g zum Schutz archäologischer und historischer Stätten - verbunden mit dem Link zu einem TikTok-Video auf TwiX, das einen Reporter vor und im Museum zeigt.

Inzwischen bombardieren russische Luftstreitkräfte wieder Aleppo, aber auch Idlib. 

 

Ist Aleppos Kulturerbe nun gesichert?

Aleppo wurde 2016 mit Hilfe russischer Luftangriffe vom Assad-Regime zurückerobert. Zahlreiche Kulturdenkmale waren in diesen und vorausgehenden Kämpfen zerstört worden. Viele Objekte des Nationalmuseums in Aleppo waren jedoch rechtzeitig in Sicherheit gebracht worden, so dass es im National,useum zu keinen größern Verlusten kam.  2019 konnte das Nationalmuseum teilweise wieder eröffnet werden. 
Anfang 2023 traf jedoch das große Erdbeben im ostanatolischen Graben auch die Region Aleppo. Es kam zu Schäden an der bereits im Krieg stark geschädigten Zitadelle sowie in der Stadt. Der Bau des Nationalmuseums hielt dem Erdbeben stand und wurde danach für viele Museumsarbeiter zum sicheren Ausweichquartier. Dennoch wurde das Gebäude so geschädigt, dass seine Standfestigkeit im Falle eines weiteren Bebens nicht mehr gegeben war. Daraus wurde der Plan entwickelt, das Gebäude erdbebensicher zu machen und auch als Zufluchstmöglichkeit für die Bevölkerung zu konzipieren. Nach einigen Reparaturen an zerbrochenen Fenstern und der Beseitigung der Trümmer wurden die Pläne mit Unterstützung der Universität Florenz und der syrischen Altertumsbehörde DGAM ausgearbeitet und seit Oktober 2023 umgesetzt (Pucci 2024).

Seit 2017 haben mehrere internationale NGOs und Stiftungen  Restaurierungs- und Rehabilitationsprojekte am kulturellen Erbe der Stadt geplant und teilweise auch durchgeführt.  Es wurden Tagungen veranstaltet, Bücher geschrieben, WebGIS mit Informationen erarbeitet, aber auch Gebäude restauriert. Diese Arbeiten sind noch im Gange, wie beispielsweise der facebook-Auftritt des Syrian Heritage Archive Project zeigt. Dahinter steht untere anderem das Projekt Stunde Null: “Post Conflict Recovery of Urban Cultural Heritage in the Middle East: The Case of the Old City of Aleppo”, das, getragen vom Deutschen Archäologischen Institut mit dem Museum für Islamische Kunst in Berlin, historische Daten und Dokumente zu den Baudenkmalen der Altstadt und des Viertels Suwayqat Ali sammelt.
Im Gefolge der Zerstörungen in Palmyra wurde die Digitalisierung der Kulturgüter stark propagiert und so entstand auch ein Virtuales Museum Aleppo.
Naben nationalen syrischen Initiativen, die teilweise wegen ihrer fehlenden Bürgerbeteiligung kritisiert worden waren, gab es Projekte u.a. auch von derm Aga Khan Trust for Culture und der UNDP oder der Gerda-Henkel-Stiftung.
 
Die Projekte sind noch nicht abgeschlossen, da droht Aleppo die nächste Katastrophe. Diese Gefahr verdeutlicht aber auch, wie unrealistisch digitale Sicherungen sind.Sie helfen in keiner Weise gegen den Verlust des Kulturerbes als historischer Quelle, die man mit Bauforschung oder Grabungen fragestellungsorientiert wissenschaftlich untersuchen könnte. Digitalisierung von Kulturerbe verspricht allenfalls, dass man der bewussten Zerstörung von Kulturgut politisch etwas entgegen zu halten hat - allerdings nur, wenn es den Angreifern um historisches Vergessen oder Geschichtskorrektur geht (Beispie Putin in Bezug auf ukrainiches Kulturgut),  nicht, wenn sie damit Terror verbreiten oder politische Statements setzen wollen (Beispiel Daesh/ IS).

Literatur

  • Almohamad 2022: Adnan Almohamad; The Destruction of Cultural Heritage in Syria: The Case of Shash Hamdan Tomb 1 in the Upper Euphrates, 1995–2020. Journal of Eastern Mediterranean Archaeology and Heritage Studies 2022; 10/1, 2022, 49–73. -  doi: https://doi.org/10.5325/jeasmedarcherstu.10.1.0049  - leider kein OA
  • Pucci 2024: M. Pucci, National Museum of Aleppo. In: M. Loda/ P. Abenante (Hrsg.) Cultural Heritage and Development in Fragile Contexts. Research for Development (Cham 2024) . - https://doi.org/10.1007/978-3-031-54816-1_12

Freitag, 23. Februar 2024

Schlechte Wertanlage: Antiken des IS in Heilbronn

Ein 35-jähriger Mann aus dem Kreis Heilbronn hat eine jahrtausendealte Keilschrifttafel aus Syrien erworben, Er fragte bei einer Universität um eine Übersetzung des Keilschrifttextes an. Die Experten fragten in Kenntnis der Situation vor Ort bei syrischen Kollegen, nach. Dabei stellte sich heraus, dass die Keilschrifttafel 2015 aus einem Museum in Idlib gestohlen wurde.
Der Mann behauptete, die Keilschrift aus einer alten bayerischen Sammlung erworben zu haben, um sie als Wertanlage zu nutzen. Bei einer Durchsuchung fand das LKA noch mehr archäologische Kulturgüter, darunter eine weitere Keilschrift und ägyptische Uschebtis. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun, ob der Mann gegen das Kultugutschutzgesetz verstoßen hat. 

Interessant an dem Fall ist vor allem, dass hier nun in Deutschland Artefakte auftauchen, die Daesh/ der IS nach 2015 im Museum Idlib gestohlen hat. 1550 Keilschrifttafeln werden dort seither vermisst. Versuche des Kunsthandels, die Rolle des Antikenhandels für die Terrorfinanzierung herunterzuspielen, hatten darauf verwiesen, dass in Europa bisher kaum Objekte aufgetaucht seien, die sich mit den IS-Plünderungen in Syrien verbinden lassen. Das war von Anfang an eine Nebelkerze. IS/Daesh hat ja sicherlich nicht direkt nach Heilbronn geliefert, sondern sein Geld von Zwischenhändlern erhalten, die die Funde erst einmal in Verstecken und Freihandelslagern zwischen gelagert haben, um sie dann nach und nach auf den Markt zu bringen. Der Fall aus Heilbronn ist ein Indiz, dass diese Welle nun anrollen dürfte, weil genug Gras über den Bürgerkrieg in Syrien gewachsen ist und die Welt genügend andere Krisen hat, um Raubgrabungen in Syrien, die vor fast 10 Jahren stattgefunden haben, Aufmerksamkeit zu schenken.  


 

Ein weiteres lehrt der Fall: Antiken sind eine schlechte Wertanlage, da sie meistens unter fragwürdigen bis illegalen Bedingungen auf den Markt gekommen sind. Regulär ausgegrabene Objekte werden schleßlich nicht verkauft, sondern kommen ins Museum.

 

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 Bearbeitungsvermerk 20.9.2025: stilistische Korrekturen


 

Donnerstag, 22. Februar 2024

Ein Schritt zur Normalität? Aleppo nach dem Bürgerkrieg

Im Februar 2024 wurde in Syrien die Wiedereröffnung der Zitadelle von Aleppo gefeiert. In der Lesart des syrischen Kultusministerium ist die Wiedereröffnung der Zitadelle von Aleppo "ein bedeutsames Ereignis für Syrien und symbolisiert nicht nur die Bewahrung seines kulturellen Erbes, sondern auch einen Schritt in Richtung Normalität angesichts der Widrigkeiten".

Zitadelle von Aleppo, Zugang 2005
(Foto: James Gordon [CC BY 2.0] via Wikimedia Commons)

Die Zitadelle hat im syrischen Bürgerkrieg arg gelitten. Die Stadt wurde über Monate hinweg von Truppen des syrischen Regimes belagert, bombardiert und ausgehungert. Auch die russischen Truppen bombardierten die Stadt (Archaeologik 2.2.2016). Zuvor hatte die Rebellenorganisation „Islamische Front“ das Hilton-Hotel an der Nordseite der Zitadelle gesprengt und in einem inzwischen leider nicht mehr verfügbaren Video gedroht, auch die Zitadelle zu unterminieren und zu sprengen (Archaeologik 24.2.2014). Im Juli 2015 entstand in der Befestigungsmauer der Zitadelle infolge der Sprengung eines Tunnels tatsächlich eine Bresche (Archaeologik 1.8.2015). Über Schäden an der Zitadelle wurde erstmals jedoch schon 2012 berichtet, als sie von Regierungstruppen beschossen worden sein soll (Archaeologik 11.8.2012).

Im Frühjahr 2017 ist die Belagerung Aleppos durch die Regime-Truppen zu Ende gegangen, Danach begannen rasch die Aufbaubemühungen des Regimes (Archaeologik 1.4.2017). Die große Moschee wurde bereits 2019 restauriert (Archaeologik 8.9.2019). Noch während im Ostteil der Stadt heftig gekämpft, gemordet und gestorben wurde, ließ die syrische Altertumsbehörde wenige Meter nebenan die Zitadelle von Aleppo mit Drohnenbefliegungen fotografisch dokumentieren, um eine Grundlage für künftige Restaurierungsarbeiten zu erhalten (Archaeologik 3.1.2017). 

In den Medien findet sich bishe nur wenig über die Modalitäten der Restaurierungen. Ein Bericht über die Eröffnung eines Teils des weitgehend zerstörten Souks von Aleppo 2017 stand im Widerspruch zu anderen Meldungen, die der Regierung eine gezielte Vernachlässigung der Wiederaufbaubemühungen vorwerfen (Archaeologik 1.12.2027). In die Restaurierung waren auch russische Archäologen involviert.

Auch im Ausland war das Interesse am Wiederaufbau Aleppos groß (z.B. Munawar 2018; Fansa u.a. 2020). Über Jahre hinweg waren internationale Mittel in eine denkmalpflegerisch mustergültige Sanierung der Aktstadt geflossen. Die Befürchtungen waren groß, dass ein Wiederaufbau nach den Kriegszerstörungen keine solchen Rücksichten nehmen würde und Immobilienhaie und Korruption das ihre dazu beitragen würden, möglichst viel Profit rauszuschlagen.

Schon bald nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs 2011 gab es Planungen und Konferenzen für einen Wiederaufbau der Altstadt von Aleppo.

Im Januar 2023 entstanden bei dem großen Erdbeben (Archaeologik 8.2.2023) neue Schäden an der Zitadelle.

Viele der Links in den früheren Archaeologik-Posts funktionieren heute nicht mehr. Die Seiten mit den verdienstvollen und an der denkmalpflegerischen Sorge orientierten Seiten der syrischen Altertumsbehörde DGAM unter dem damaligen Direktor Maamoun Abdulkarim mit ihren zahlreichen Schadensberichten sind nun offline und die neue Denkmälerverwaltung ist deutlich tiefer in die politische Selbstdarstellung des Assad-Regimes involviert.

Leider ist auch APSA - Association for the Protection of Syrian Archaeology seit 6 Jahren nicht mehr aktiv. Ihre Website führt nun zu einer online-Spielbank, aber immerhin sind die Einträge auf Facebook und YouTube noch vorhanden.

Positiv ist, dass die Menschen in Aleppo vielleicht tatsächlich etwas Normalität zurück erhalten - anders als die Einwohner im Nordwesten Syriens. Die Ziele des arabischen Frühlings wurden nicht erreicht, die Unterdrückung ist stärker denn zuvor, der Wohlstand, den sich Syrien in den Jahren vor dem Bürgerkrieg erarbeiten konnte, ist dahin. Vieles des Kulturerbes ist verloren - als authentische historische Quelle ist es verloren, selbst wenn die Restaurierungen sensibel und qualitätsvoll vorgenommen worden sein sollten.

Literaturhinweise

  • Fansa 2013: Mamoun Fansa (Hrsg.), Aleppo. Ein Krieg zerstört Weltkulturerbe. Geschichte, Gegenwart, Perspektiven (Mainz: Nünnerich Asmus Verlag 2013)
  • Fansa 2014: Mamoun Fansa (Hrsg.), Syrien. Sechs Weltkulturerbe-Stätten in den Wirren des Bürgerkriegs. Geschichte, Gegenwart, Perspektiven (Mainz: Nünnerich Asmus Verlag 2014)
  • Fansa u.a. 2020: Mamoun Fansa, Carola Simon, Lena Wimmer (Hrsg.), Strategies to rebuild Aleppo(Oppenheim 2016)
  • Munawar 2018: Nour A.Munawar,Rebuilding Aleppo: Public Engagement in Post-Conflict Reconstruction. ICOMOS University Forum, 1, 2018, 1-18. - https://openarchive.icomos.org/id/eprint/1848

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Donnerstag, 1. Juni 2023

Digitale Dokumentation der Raubgrabungen des IS/ Daesh

Im Krieg gegen IS/Daesh in Syrien und Irak wurden zahlreiche Kulturdenkmäler zerstört. Die Öffentlichkeit hat das längst wieder vergessen, gab es inzwischen doch schon einige weitere Krisen, die uns auch viel näher gekommen sind Für die Archäologie werden die Zerstörungen noch lange Thema sein, da Raubgrabungsgüter erst nach und nach auf dem Markt erscheinen werden und weil die Dokumentation und sichernde Notgrabungen viel Zeit beanspruchen. Ein Artikel in der taz bringt diesen Aspekt an die Medien:  

Ein älterer Bericht:

Nach den Zerstörungen des Daesh/IS wurde das 3D-Scannen zur Sicherung der archäologischen Denkmäler propagiert. Der Scannereinsatz bei Notgrabungen im Bereich eines assyrischen Palasts unter der vom IS zerstörten Jonasmoschee in Mosul unter Beteiligung der Universität Heidelberg stellt unter sehr ungewöhnlichen Bedingungen letztlich nur eine zeitgemäße Befunddokumentation dar. Der Fall macht aber deutlich, dass eine 3D-Dokumentatiin nur das gerade Sichtbare erschließt. Eine Sicherung des Monuments als historische Quelle ist damit nicht möglich.
Nur als Erinnerung und Symbol kann es so erhalten werden - und das erklärt das politische Interesse, das meist nicht in Erkenntnis sondern in Geschichtspolitik liegt.

Ruinen der Jonas-Moschee nach Zerstörung durch den IS 2017
(Foto: Voice of America, gemeinfrei, via WikimediaCommons)

 

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Donnerstag, 16. Februar 2023

Die historische Dimension der Erdbeben am ostanatolischen Graben vom 6. Februar 2023

Die Opferzahlen der beiden Erdbeben vom 6.2.2023, die sich gegen 4 Uhr morgens mit Epizenttum nordwestlich von Gaziantep in der Region Kahranmaras und gegen 13.30 mit Epizentrum bei Elbistan, etwa 120 km weiter nördlich,  erreignet haben, steigen noch immer. Aktuell (16.2.2023) liegt die Zahl der Opfer bereits bei über 40.000. Bis über 67.000 Opfer werden indes für realistisch eingeschätzt (Schäfer u.a. 2023).

Die geologische Gewalt illustriert sehr eindrucksvoll die Spalte, die auf 300 km Länge zu verfolgen ist und die teilweise als 30 m tiefe und 200 m breite Schlucht in Erscheinung tritt.

Ein Drohnenflug über die Schlucht bei ntv:

Eine Schande ist es, dass in Syrien wie in der Türkei die Situation zur Sicherung eigener Machtansprüche genutzt wird, indem Hilfe erschwert oder sie gar für militärische Angriffe ausgenutzt wird. Zudem zeigt sich, dass erdbebensichers Bauen vernachlässigt wurde, obgleich genügend Erdbeben der jüngeren Vergangenheit es ganz deutlich gemacht haben, dass weite Teile der Türkei stark erdbebengefährdet sind. Tektonisch gibt es hier mehrere Bruchzonen und Verwerfungen.

Erdbeben in der Türkei 1900-2023
(Karte: Phoenix777 auf Basis OSM und USGS [CC BY SA 4.0] via WikimediaCommons)

Plattentektonik in der Türkei
(Karte: Roxy [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)

 

Historische Erdbeben

Der Blick in die entferntere Vergangenheit zeigt zudem, dass in der Region einige der schwersten Erdbeben der bekannten Geschichte überhaupt mit mehr als 100.000 Opferm aufgetreten sind.

Antiochia 526

Johannes Malalas (590-570) berichtet in seiner Weltgeschichte von einem großen Erdbeben, das 526 die Umgebung von Antiochia, dem heutigen Antakya getroffen hat. Die Bewohner wurden unter dem Schutt der Häuser begraben, nur einige Häuser nahe der Berge überdauerten das Beben, alle anderen wurden zerstört. Nach dem Erdbeben brach Feuer aus, das die Große Kirche, aber auch die übrig gebliebenen Häuser zerstörte. Andere Quellen bestätigen diese Angaben, wobei wir noch erfahren, dass Wind das Feuer anfachte, das sechs Tage lang brannte. Viele Kirchen seien vom Boden bis zum Dach in zwei Teile getrennt worden. Mehrere Monate lang kam es zu Nachbeben. 540 nutzen die Sassaniden die andauernde Krisensituation und nahmen Antiochia im Sturm.
Historische Opferzahlen sind immer schwer zu bewerten. Malalas nennt 250000 Opfer, Johannes von Ephesus 255000 und Prokop 300000. Ziemlich sicher sind diese Zahlen zu hoch angesetzt, zeigen aber doch das enorme Ausmaß. Antiochia hat trotz Wiederaufbauversuchen damals seine einstige Bedeutung verloren. Dennoch wird diskutiert, inwiefern die Stadt nicht doch eine Resilienz gegenüber diesen Krisen gezeigt hat (Mordechai 2016). Aktuell ist der Resilienz-Begriff in der Archäologie ein Modebegriff geworden, der dadurch inflationär Gebrauch findet. Inwiefern das Statement einer Resilienz der Stadt angesichts der Tausenden von Toten tatsächlich angebracht ist, sei einfach zu bedenken gegeben. Deutlich wird das, wenn man die aktuellen Berichte über Schicksale im nun wieder vom Erdbeben zerstörten heutigen Antakya dagegen hält.

Antiochia 1114

Am 19. November 1114 traf - nach vielen kleineren - wiederum ein schweres Erdbeben Antiochia. Arabische Quellen berichten vom Einsturz weiter Teile der Stadtbefestigung sowie zahlreicher Häuser, die ihre Bewohner unter sich begruben. Einige Siedlungen im Umland wurden ebenfalls zerstört.

Aleppo 1138

Das Erdbeben von Aleppo im Oktober des Jahres 1138 soll sogar 230.000 Opfer gehabt haben. Das Erdbeben war das erste einer ganze Reihe. Die Stadt und die Zitadelle sowie mehrere umliegende Burgen wurden zerstört.


Archäoseismologie

Seit einiger Zeit gibt es die Forschungsrichtung der Archäoseismologie, die versucht, frühere Erdbebebn in ihren Auswirkungen zu erfassen. Besonders wichtig sind hierbei Gebäude, deren Schäden Aufschluß über die Stärke, ggf. aber auch über die Richtung der Erdbewegungen geben können. Grundsätzlich ist es nicht ohne Schwierigkeiten, die Auswirkungen von Erdbeben archäologisch unabhängig zu bewerten. Im Umland des antiken Antiochia steht mit dem Aquaedukt eine interessante Quelle dafür zur Verfügung. Da die Wasserleitung, für die Versorgung der Stadt - immerhin war Antiochia eine der größten Städte der Antike - dringend notwendig und zugleich besonders anfällig für Erdbeben war, wurde sie jeweils rasch repariert. Forschungen am Aquaeduct konnten solche Reparaturen feststellen, doch leider gelingt deren Datierung nicht mit der Präzision, die nötig wäre, um sie mit einzelnen historisch bekannten Erdbeben zu verknüpfen (Benjelloun et al. 2015). Die Datierung von Erdbebenspuren konnte so vor wenigen Jahren zeigen, dass es in der Region nach vielen heftigen Erdbeben in Antike und Mittelalter in den vergangenen rund 800 Jahren keine vergleichbaren Erdbeben gegeben hat (Meghraoui et al. 2003). Die Erdbeben von Erzincan 1939 und Izmir 1999 liegen an anderen Grabenzonen und so war eigentlich klar, dass mit einem so enormen Beben wie nun im Februar 2023 in der Region zu rechnen war. 

In der öffentlichen Wahrnehmung wie auch in der Politik wurde dies aber nicht aufgegriffen. Überhaupt ist in der Türkei eine auffallende Geringschätzung des Erdbebenrisikos zu sehen.Die nach den letzten Erdbeben verschärften Bauordnungen wurden nicht durchgesetzt. In Akkuyu an der türkischen Südküste gegenüber Zypern baut die Türkei - mit russischer Federführung - ein Atomkraftwerk. Zwar scheint dies im Hinblick auf Erdbeben seit der Zeit um 1900 eine relativ ruhige Region zu sein, doch gibt es Zweifel, ob das langfristige Erdbebenrisiko ausreichend bewertet wurde, Akkuyu liegt just am Rand der anatolischen Platte, die nun - glücklicherweise - 350 km weiter östlich ihre Spannungen entladen hat. Die lange Bebenstille um Akkuyu muss nicht bedeuten, dass diese Erdbebenzone heute inaktiv ist,

 

Zerstörung historischer Monumente

Nachdem die Menschenrettung selbstverständlich Vorrang hatte, läuft erst langsam eine Bestandsaufnahme an.

Laut der türkischen Wikipedia und der entsprechenden Kategorisierung in WikimediaCommons sind zahlreiche archäologische Stätten und Museen von der Erdbebenkatastrophe betroffen:

  • Antakya
  • Archaeological Museum
  • St. Paul Orthodox Church
  • Arslantepe‎ - hettitische archäologische Stätte
  • İskenderun
  • Diyarbakir
  • Church of St. George
  • City walls in Diyarbakır
  • Gaziantep
  • Burg 
  • Kurtuluş Mosque
  • Şirvani Cami‎, Moschee
  • Malatya
  • Große Moschee
  • Habib-i Neccar Mosque
  • Hacı Yusuf Mosque

Syrien 

In Syrien ist aufgrund der politischen Situation die Nachrichtenage schwierig, doch berichten sowohl die syrische Altertumsbehörde DGAM, als auch das Idleb Antiquities center und die Initiative Syrians for heritage auf facebook über Schäden. Ein erster Kurzbericht der Antikenbehörde:
Schäden werden unter anderem gemeldet aus:
  • Aleppo
  • Zitadelle
  • Museum


Literatur

  • Benjelloun et al. 2015: Y. Benjelloun / J. de Sigoyer / J. Carlut / A. Hubert-Ferrari / H. Dessales / H. Pamir / V. Karabacak, Characterization of building materials from the aqueduct of Antioch-on-the-Orontes (Turkey). Comptes Rendus Geoscience 347,4, 2015, 170–180. -  https://doi.org/10.1016/j.crte.2014.12.002
  • Daniell et al. 2011: J. E. Daniell / B. Khazai / F. Wenzel / A. Vervaeck, The CATDAT damaging earthquakes database. Nat. Hazards Earth Syst. Sci. 11,8, 2011, 2235–2251. -  https://doi.org/10.5194/nhess-11-2235-201
  • Guidoboni u.a. 2004: E. Guidoboni, F. Bernardini, A. Comastri, The 1138–1139 and 1156–1159 destructive seismic crises in Syria, south-eastern Turkey and northern Lebanon. Journal of Seismology 8, 2004, 105–127. - https://doi.org/10.1023/B:JOSE.0000009502.58351.06
  • Schäfer u.a. 2023: A.M.Schäfer u.a., Kahramanmaraş & Elbistan Erdbeben Türkei. CEDIM Forensic Disaster Analysis Group (FDA) 2023. - https://doi.org/10.5445/IR/1000155770
  • Sbeinati et al. 2005: Mohamed Reda, Ryad Darawcheh,Mikhail Mouty, The historical earthquakes of Syria: an analysis of large and moderate earthquakes from 1365 B.C. to 1900 A.D. 347. Annals of Geophysics 48/3, 2005, 347-435 - https://citeseerx.ist.psu.edu/document?repid=rep1&type=pdf&doi=b935e405c1d7a89c75374f1a1a81cb92a13f6055
  • Meghraoui et al. 2003: M. Meghraoui / F. Gomez / R. Sbeinati / J. van der Woerd / M. Mouty / A. N. Darkal / Y. Radwan / I. Layyous / H. Al Najjar / R. Darawcheh / F. Hijazi / R. Al-Ghazzi / M. Barazangi, Evidence for 830 years of seismic quiescence from palaeoseismology, archaeoseismology and historical seismicity along the Dead Sea fault in Syria. Earth and Planetary Science Letters 210,1, 2003, 35–52. -  https://doi.org/10.1016/S0012-821X(03)00144-4
  • Mordechai 2016: Lee Mordechai,Antioch in the Sixth Century: Resilience or Vulnerability? Late Antiq. Archaeol. 12 (1), 2016, 25–41. - https://doi.org/10.1163/22134522-12340065.
  • Aleppo earthquake of 1138. Britannica. - https://www.britannica.com/event/Aleppo-earthquake-of-1138

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Sonntag, 9. Oktober 2022

Russische Geschichte in Personalunion mit dem Geheimdienst

Anlässlich der Einrichtung einer Außenstelle der Russischen Historischen Gesellschaft im illegal annektierten ukrainischen Mariupol, das die Russische Armee zuvor weitgehend zerstört hat, erschien ein Bericht auf der Website Odna Rodina“ (odnarodyna.org), die einige Aspekte aktueller russischer Geschichtspolitik erkennen lässt. 

In automatisierter Übersetzung heißt es da:

"Seit 1991 haben die Kiewer Behörden darum gekämpft, die Geschichte der Ukraine und zusammen mit Russland neu zu schreiben, aber Kiew war besonders eifrig dabei, ukrainische historische Mythen nach dem Putsch im Jahr 2014 zu schaffen. Es scheint, dass sich keiner der Vertreter der ukrainischen Behörden für die völlig wilden „historischen Fakten“ in den Geschichtsbüchern geschämt hat. All dies wurde Kindern als „ultimative Wahrheit“ präsentiert, an die Sie sich nur erinnern müssen. Ist es heute ein Wunder, dass junge Menschen, die mit solchen Mythen aufgewachsen sind, ein sehr perverses Geschichtswissen haben? Diese Situation muss so schnell wie möglich korrigiert werden.

Im April, als in Mariupol noch gekämpft wurde, beschloss das Präsidium der Russischen Historischen Gesellschaft (RIO), ihre Zweigstellen in den Volksrepubliken Donezk und Lugansk zu gründen. Laut dem Vorsitzenden des RIO, dem Direktor des Auslandsgeheimdienstes der Russischen Föderation, Sergej Naryschkin, ist dies für die rasche Eingliederung der Donbass-Republiken in einen einzigen historischen und kulturellen Raum notwendig."

Die Russische Historische Gesellschaft wurde im Juni 2012 auf Anordnung Putins gegründet, wobei sie sich als Nachfolgerin der bereits zwischen 1866 und 1920 bestehenden "Imperialen [Imperatorskoe] Russischen Historischen Gesellschaft" sieht. Der Artikel lenkt den Blick auf Sergey Naryshkin, der als Vorsitzender der Gesellschaft und als Direktor des Auslandsgeheimdienstes der Russischen Föderation bezeichnet wird. Die Seite der Russischen Historischen Gesellschaft stellt ihn genauer vor. 

Wiederum automatisch übersetzt heißt es hier:

Seit der Wiederbelebung der Russian Historical Society im Jahr 2012 ist Sergey Naryshkin ihr ständiger Vorsitzender . Unter seiner direkten Beteiligung werden alle wichtigen Veranstaltungen organisiert und durchgeführt - historische und dokumentarische Ausstellungen, Runde Tische, wissenschaftliche Konferenzen, Präsentationen von Buchverlagen und Dokumentarfilmprojekten. Die Russische Historische Gesellschaft bereitete und organisierte Veranstaltungen zu Ehren des 400. Jahrestages der Wahl von Michail Fjodorowitsch Romanow auf den Thron, des 200. Jahrestages des Sieges im Vaterländischen Krieg von 1812, des 100. Jahrestages des Ersten Weltkriegs, des 100. Jahrestages der Großen Russischen Revolution von 1917 und andere wichtige historische Daten. Darüber hinaus wurde unter der Schirmherrschaft der Russischen Historischen Gesellschaft das Konzept eines neuen Schullehrbuchs zur Nationalgeschichte entwickelt.
Sergey Naryshkin ist auch Vorstandsvorsitzender der Stiftung Geschichte des Vaterlandes, die 2016 per Dekret des Präsidenten der Russischen Föderation als Instrument zur Unterstützung der Aktivitäten der Russischen Historischen Gesellschaft gegründet wurde.
Darüber hinaus leitet Sergey Naryshkin das Organisationskomitee für die Vorbereitung von Veranstaltungen zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs und das Organisationskomitee für die Unterstützung von Literatur, Buchveröffentlichung und Lesen in der Russischen Föderation. Sergey Naryshkin leitet auch das Kuratorium des Filmstudios Lenfilm."

Die aufgeführten Aktivitäten - Erinnerungsveranstaltungen an ruhmreiche Episoden russischer Geschichte" zeigen bereits, dass hier ein nationales, identitätsstiftende Narrativ und nicht kritische historische Forschung im Mittelpunkt steht. In der Biographie Naryshkins, die sich der Wikipedia (deutsch, englisch, russisch) entnehmen lässt, zeigt sich, wie stark Geschichte hier politisch vereinnahmt wird.  

Sergei Jewgenjewitsch Naryschkin wurde 1954 in Leningrad geboren. Er gehört in den engeren Kreis der Vertrauten Putins. 2008 bis 2011 war er Leiter der russischen Präsidialverwaltung und vom 21. Dezember 2011 bis 2016 Vorsitzender der Staatsduma Russlands. Er ist ständiges Mitglied im Sicherheitsrat der Russischen Föderation und Mitglied des Oberen Rates der Partei „Einiges Russland“. 

Aktuell ist Naryschkin Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR. Bekannt wurde er im Westen, als er kurz nach dem russischen Angriff auf die Ukraine von Putin öffentlich im Fernsehen bloßgestellt wurde, da er von der "Aufnahme der Donezker und der Luhansker Volksrepubliken in den Bestand der Russischen Föderation" gesprochen hat. In der offiziellen Sprachregelung ging es damals aber nur um die Anerkennung der Unabhängigkeit der separatistischen Volksrepubliken.

Schon seit 2014 steht Naryschkin auf der westlichen Sanktionsliste.

 

Sergei Naryschkin 2018
(Foto: Andreyklor [CC0] via WikimediaCommons [beschnitten])


Historiker ist Naryschkin nicht. Er hat eine Ausbildung an der Leningrader Mechanischen Hochschule und ein Diplom der Petersburger Internationalen Hochschule für Management. Seine Abschlussarbeit wurde 2015 als weitgehendes Plagiat entlarvt. Angeblich soll er in den 1980er Jahren zusammen mit Wladimir Putin an der KGB-eigenen Hochschule studiert haben.


Sergei Naryschkin (rechts) bei einem Treffen des russischen Präsidenten Wladimir Putin mit Außenminister Sergej Lawrow,
(Foto: Website des Präsidenten der Russischen Föderation [Original unter CC SA 4.0] via WikimediaCommons)

 

Diese enge Bindung der Russischen Historischen Gesellschaft an einen Politiker und Geheimdienstler macht deutlich, dass Geschchte als "nationale Aufgabe" aufgefasst wird, es aber keineswegs um "ein objektives und ehrliches Studium der Geschichte" geht, wie auf der Website der ROI behauptet wird.

Eine Rede Naryschkins formuliert seine Lehren aus der russischen Geschichte, "die wie nichts anderes moralisches Verhalten in der Politik lehren." Große Errungenschaften und Siege seien nur auf der Grundlage der Konsolidierung um die dauerhaften Werte Patriotismus und Staatsbürgerschaft möglich.

Der Vorwurf, an die Ukraine, sie hätte historische Mythen geschaffen und ihre Bevölkerung indoktriniert, reiht sich damit ein in das Muster russischer Schuldumkehr, die ihre eigenen Verbrechen leugnet und dem Gegener zuweist. Das war bei den Massaker von Butscha so, aber auch bei Luftangriffen auf Mariupol und wohl auch beim Beschuss des Atomkraftwerks Saporischschja. 

Interpretationsspielräume, die ich in meinem vorigen Blogpost noch gesehen habe, schränken sich damit erheblich ein. Die Variante, dass es den Beteiligten eventuell tatsächlich vor allem um den Schutz der Museen und Kulturgüter ginge, ist widerlegt.

Die Nähe der Archäologie zu dieser politisch instrumentalisierten Geschichte ist auch nicht erst in den letzten Monaten entstanden. Bereits im Kontext des Bürgerkriegs in Syrien haben sich Archäologen bereitwillig der Propaganda-Show in Palmyra hergegeben, wo die russische Intervention und der Sieg über den IS (der danach aber nochmals wiederkam) im Theater von Palmyra mit einem Konzert inszeniert wurde.


Nikolaj Makarov 2016 in Palmyra
(Foto: Russisches Verteidigungsministerium [CC BY 4.0] via WikimediaCommons)


Schon 2020 hat die Stiftung Wissenschaft und Politik eine Studie veröffentlicht, die die russische Geschichtspolitik und die historischen Narrative untersucht:

Die Analyse untersucht den offiziellen russischen Umgang mit negativ wie positiv konnotierten Ereignissen der russischen und sowjetischen Geschichte sowie das Geschichtsnarrativ insgesamt. Das Narrativ betont sehr stark die Kontinuität der Geschichte und die Rolle russischer Siege. Damit wird der russische Großmachtsanspruch legitimiert und geschchtsdeterministisch dargestellt.

Umbrüche werden negativ aufgefasst, was direkte politische und gesellschaftliche Konsequenzen hat. Susan Stewart schreibt dazu:  

"Dies wird besonders deutlich am Beispiel der Revolutionen von 1917 und dem sich anschließenden Bürgerkrieg. Auch hiermit sind Botschaften nach innen wie nach außen verbunden. Den russischen Bürgerinnen und Bürgern wird vermittelt, solche Phasen seien gefährlich für das Land und sollten vermieden werden. Damit einher geht die Botschaft, dass man von Protest absehen sollte bzw. dass Repression als Antwort darauf legitim sei, weil es zu den Aufgaben der Führung gehöre, das Land vor Unruhestiftern zu schützen. Untermauert wird diese Botschaft durch die Einschätzung, das Chaos revolutionärer Zeiten werde durch ausländische Kräfte zumindest verschärft, wenn nicht gänzlich verursacht. Mit dieser Aussage wird der Gesellschaft implizit eine eigene Handlungsfähigkeit abgesprochen"

In anderer Hinsicht ist solch ein Geschchtsbild ebenfalls problematisch: Politik orientiert sich auf die Vergangenheit, Wandlungsprozesse werden als negativ aufgefasst. Das sind außerordentlich schlechte Voraussetzungen für eine zukunftsorientierte Politik. Das Problem ist nicht der hohe Stellenwert der Geschichte an sich, sondern das normierende und legitimierende Narrativ dahinter.

Die russische Botschaft in Deutschland hält auf ihrer Website einen Vortrag von Sergei Naryschkin bereit, der den Hitler-Stalin-Pakt rechtfertigt. Hier soll es nicht um Naryschkins Sicht der Dinge gehen, die nebenbei bemerkt jede Kritik an Sowjetrussland zurückweist, das alles richtig gemacht habe. Die Schuld am Zweiten Weltkrieg wird dem Westen zugewiesen, störende "Details", wie das Massaker von Katyn werden übergangen. Interessant scheinen die abschließende Bemerkung,

"dass der wichtigste Grundsatz der Geschichtswissenschaft den Umgang mit dem Gestern von der Warte der Gegenwart ausschließt. Nur eine vertiefte Auseinandersetzung mit der in Frage stehenden Zeit, der Rückgriff auf authentische historische Quellen und Rücksichtnahme auf kompetente Meinungen von Berufshistorikern ermöglichen es, aus der Vergangenheit zeitrelevante und nützliche Lehren zu ziehen."

Gerade diese Prinzipien - übrigens mit starken Anklängen an den alten deutschen Historismus (vgl. Archaeologik 25.7.2020)- befolgt die politisch motivierte russische Forschung ja eben nicht. Naryschkin ist kein Berufshistoriker. Vielmehr gibt die Politik die Sicht vor, die Wissenschaftler*innen dienen nur der Bestätigung und Legitimierung. Freiraum für ernsthafte Forschung und sinnvollere historische Narrative - wie die Auseinandersetzung mit Krisen - gibt es nicht.

Für viele Kolleg*innen ist das möglicherweise ein persönliches Dilemma. Andere tun sich in vorderster Front hervor.
 

 

imterne Links

 

Änderungsvermerk 13.1.2023: Korrektur:Es stand oben einem falsch Bürgerkrieg in der Ukraine, gemeint war der Bürgerkrieg in Syrien.