Dienstag, 16. Juni 2026

„Irgend‘n Pisser hat hier locker zwei Euro verloren!“ – Marcants problematische Schatzsuche

 Jutta Zerres


Einen launiger Samstagsausflug unternahm Politik-Influencer Marcant mit seinem Kumpel Vincent. Man wollte sich auf die Spuren der Vorfahren begeben und als echte Youtuber dokumentierte man die Aktion mit der Kamera.


Für alle, die sich jetzt fragen, wer Marcant und Vincent sind: Erstgenannter ist ein 24jähriger Jura-Student aus Frankfurt, der mehrere Socialmedia-Kanäle betreibt. Zunächst setzte er sich kritisch mit rechtsextremen Inhalten auf Tiktok und Youtube auseinander. Die große Resonanz im Netz begann, als er ab Anfang 2025 mit Kamera und Mikrofon bei Veranstaltungen der rechtsextremen Szene auftauchte, um Interviews mit Akteur*innen und Teilnehmer*innen zu führen. Er befragt sie nach ihren Motiven und Meinungen zu gesellschaftspolitischen Themen. Dabei bewahrt er stets eine freundlich-sachliche Haltung, hört zu, lässt ausreden, enthält sich jeder Belehrung, macht aber auch keinen Hehl aus seinem demokratischen Standpunkt. Die Zuschauer der teilweise millionenfach geklickten Videos erhalten einen ungefilterten Einblick in die Denkwelt der Protagonist*innen. Sie werden Zeugen wie sich so manche/r Gesprächspartner*in in Widersprüche verwickelt, bei der rationalen Begründung der eigenen Weltsicht ins Trudeln gerät und zuweilen sogar ins Nachdenken kommt. Ergänzt werden die Interviews mit nachträglich hereingeschnittenen Faktenchecks und humorigen Randbemerkungen. Vincent betreibt ebenfalls zwei YT-Kanäle und ist Marcants gelegentlicher Begleiter. 


Mit zunehmender Bekanntheit steigt der Argwohn gegenüber dem jungen Mann in der Szene. Veranstalter versuchen Gespräche zu unterbinden, Pöbeleien, Drohungen und auch tätliche Angriffe sind nicht selten. Die Abwehr zeigt deutlich, dass er einen Punkt trifft. Der junge Typ mit „credibility“ in der Altersgruppe transportiert demokratische Standpunkte genau dorthin, wo andere Akteure der Zivilgesellschaft schon längst nicht mehr angehört werden: In die rechtsextremen Bubbles der sozialen Medien. Marcants Engagement wurde jüngst von der Theodor-Heuss-Stiftung ausgezeichnet.


Umso bestürzender ist diese Aktion, die als „Saturday Sidequest“ auf einem YT-Nebenkanal veröffentlicht wurde. Ausgestattet mit einem Metalldetektor, einem Bauhelm (wozu?), Handschuhen, einer Kinderschaufel (!) und einer kleinen Spitzhacke kurven die beiden durch den ländlichen Raum südlich der oberfränkischen Stadt Hof (Eppenreuth, Oberkotzau) und suchen zunächst in einem Wald, später auf einem Spielplatz am Ufer des Untreusees.

Soweit die Ortsangaben aus dem Video Recherchen im Denkmalatlas Bayern erlauben, bewegten sich die beiden zwar nicht auf oder in der Nähe von ausgewiesenen Bodendenkmälern. Ihre Suche war daher nicht erlaubnispflichtig. Die Ausbeute an Fundmaterial aus der nicht besonders ernst betriebenen „Schatzsuche“ überrascht daher nicht: Metallschrott, Kronkorken, ein rostiger Nagel. Die Vorgehensweise hat zwar erkennbar (?) satirische Züge und ist gewollt dilettantisch, aber trotzdem macht mich die Sache sauer!

Spielplatz am Untreusee, einer der Schauplätze von Marcants  "Schatzsuche"
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Foto: PantheraLeo1359531, CC BY-4.0 via WikimediaCommons


Der reichweitenstarke Influencer, der für viele besonders junge Menschen ein Vorbild ist, macht sich als Wochenendbelustigung auf die Suche mit einem Metalldetektor, um „Schätze auszugraben“. Der Jurastudent hat es versäumt, sich wenigstens grob mit dem Standpunkt der professionellen Archäologie zur Suche mit Metalldetektoren durch Laien zu befassen oder sogar einen Blick in das Bayerische Denkmalschutzgesetz zu werfen. Zumindest sagt er nichts dazu…

Auch der telefonisch kontaktierte Fachmann, Dr. Joachim Rother, ist in puncto Denkmalschutz ein Totalausfall (ab Min. 3:19). Der Historiker befasst sich im Schwerpunkt mit Kreuzzügen und Ritterorden und teilt sein Wissen ebenfalls auf Youtube (@mdval). Dieser habe recherchiert und könne erzählen, was man ausgraben könne.
Hätte er sich mal lieber mit dem Thema Denkmalschutz befasst und die beiden Suchtouristen informiert. Dabei muss er den Gesetzestext nicht auswendig aufsagen können, aber von einem Historiker kann man das bare Minimum erwarten: Das Wissen, dass archäologische Stätten keine Spielplätze für Schatzsucher sind und unsachgemäße Buddelei zum Verlust von wissenschaftlichen Erkenntnissen führt. Verstöße gegen das Denkmalschutzgesetz können als Ordnungswidrigkeiten geahndet werden und auch strafrechtliche Belange berühren.

Auf seiner Homepage mdval.de wirbt Rother folgendermaßen: „Wissenschaft? Aber bitte richtig. Keine TikTok-Verschwörungen, kein Esoterik-Müll. MDVAL steht für historische Genauigkeit, Quellenkritik und eine Prise ironische Bodenhaftung. Ich arbeite mit aktuellen Forschungsergebnissen, kooperiere mit Unis, schreibe Fachartikel – und zerlege Desinformation mit Quellenstellen, nicht mit Gefühlen.“ Nun ja…

Die beiden Schatzsucher machen sich immer wieder über die rechte Szene und deren Germanen-Affinität lustig – versäumen es aber, das Problem auch deutlich anzusprechen. Die nicht zu verallgemeinernde, aber immer wieder festzustellende Affinität rechter Esoterik mit eigener Sondel-„Forschung“.


Links

 Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege: https://www.blfd.bayern.de/Über Marcant:Einige der Interviews:

Montag, 15. Juni 2026

UNESCO-Welterbe brennt

Putin lässt weiter auf Kiew bomben und hat jetzt auch das UNESCO-Welterbe in Kiew getroffen. 
Bei den landesweiten Angriff gab es neun Tote und zahlreiche Verletzte in Kiew kames  laut Aussagen des Militärgouverneurs zu „ernsthaften Schäden auf dem Gelände des Höhlenklosters“. 

Google KI fasst die Situation heute morgen wie folgt zusammen:

Bei den schweren russischen Angriffen auf Kiew am 15. Juni 2026 kam es zu folgendem Schadensbild: [1, 2] 

🏛️ Akute Schäden an der Hauptkirche

  • Brand des Daches: Das Dach der Mariä-Entschlafens-Kathedrale (auch bekannt als Uspenski-Kathedrale, die Hauptkirche des Komplexes) geriet im Dachbereich unter den vergoldeten Kuppeln in Brand. [1, 2] 
  • Ursache: Laut Berichten fing das Dach Feuer, nachdem entweder Trümmerteile einer abgetroffenen russischen Drohne auf einen angrenzenden Parkplatz stürzten oder die Anlage direkt von Geschossen getroffen wurde. [2, 3] 

📦 Rettung der Kulturgüter [4] 

  • Ikonen und Reliquien gesichert: Liturgische Gegenstände, wertvolle Ikonen und die historischen Heiligtümer der Kathedrale konnten durch eine schnelle Evakuierungsaktion rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden. [1] 

🕳️ Zustand der Höhlen und Nebengebäude

  • Unterirdische Höhlen intakt: Das weltberühmte mittelalterliche Höhlensystem mit den mumifizierten Überresten von Geistlichen im unteren Teil des Geländes blieb nach ersten Erkenntnissen von den aktuellen Zerstörungen unversehrt. [2, 5] 
  • Hinweis zu früheren Schäden: Kleinere oberflächliche Schäden an den Eingängen der Fernen Höhlen (zerstörte Fenster, Türen und Putzschäden an der Sankt-Anna-Kirche) stammten bereits aus einer vorangegangenen Angriffswelle im Januar 2026. Die aktuellen Brände betreffen das Dach der zentralen Oberkirche. [2, 5, 6] 
Möchtest du weitere Details zu den internationalen Reaktionen (wie der UNESCO oder Frankreich) erfahren oder die aktuelle Lage der Rettungsarbeiten weiterverfolgen? [1] 
Diese KI-Zusammenfassung verweist auf aktuelle Medienquellen und scheint den Stand der Dinge zu treffen. Im syrischen Bürgerkrieg wurden Routinen entwickelt um digitale Quellen zur Schadensanalyse am Kulturerbe zu nutzen. Wenige Stunden nach dem Angriff in Kiew thematisiert ein (schrecklich werbe überladener) Artikel im KI-Magazin IT-boltwise die Rolle, die KI dabei spielen kann, Aber auch die Probleme, die dabei auftreten, weil sehr schnell auch manipulierte Bilder  und propagandistische Fake News im Umlauf sein können.





Das Höhlenkloster in Kiew
(Foto: i.Parfeniy [in public domain] via WikimediaCommons)


Mal sehen, ob sich Putins Propagandist dazu äußern: zu vermuten ist das übliche Schema: die Ukraine ist schuld. Das Höhlenkloster soll in die Zeit der Kiewer Rus zurückgehen und hat daher großes, symbolische Bedeutung für die Nationalgeschichten Russlands und der Ukraine.


Links


interner Link

Samstag, 13. Juni 2026

Trump darf Geschichte nicht umschreiben

Kurz vor dem 250. US-Geburtstag hat Bundesrichterin Angel Kelley in Boston die Regierung gestoppt: Sie untersagte die weitere Umsetzung von Trumps Executive Order 14253 „Restoring Truth and Sanity to American History“ – auf Deutsch: „Wiederherstellung von Wahrheit und Vernunft in der amerikanischen Geschichte“ (siehe dazu Archaeologik 31.3.2025) – und der darauf basierenden Anordnung Nr. 3431 des Innenministeriums in den Nationalparks.

Kelley begründete, gerade zum Jubiläum am 4. Juli 2026 dürfe Geschichte nicht geschönt werden. Die Regierung habe mit dem Dekret Schilder zu Sklaverei, Klimawandel und Bürgerrechten abhängen lassen und damit „unbestreitbare Wahrheiten“ zu „Halbwahrheiten“ gemacht – deshalb müsse die gemeinsame Geschichte „ehrlich erzählt und bis zum 250. Jahrestag vollständig wiederhergestellt“ werden.

Geklagt hatten Verbände aus Geschichte, Naturschutz und Wissenschaft – darunter die National Parks Conservation Association, die American Association for State and Local History und die Union of  Concerned Scientists.

Alle seit dem 20. Mai 2025 entfernten oder veränderten Ausstellungstexte müssen binnen 21 Tagen wiederhergestellt werden – also bis zum 3. Juli, knapp vor dem 250. Geburtstag der USA am 4. Juli. 

Wenige Stunden nach der Urteilsverkündung steht eine Reaktion von Don Trump noch aus. Aber ein Sprecher des Innenministeriums hat gegenüber CNN und anderen Agenturen Richterin Angel Kelley als „liberal activist judge“ bezeichnet und angekündigt, die Entscheidung anzufechten...

 

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Freitag, 12. Juni 2026

Der Trump Arch auf schlammigem Grund

POTUS Trump will in Washington einen monumentalen rund 76 Meter hohen „Triumphbogen“ errichten.  Von einem "Triumph" ist die abstruse Außen- und Kriegspolitik des POTUS Don. Trump weit entfernt - aber statt eines Triumph Arch gibt es eben einen Trump Arch. Das Projekt des - jedenfalls laut Trump - größten und schönsten Bogens  hat viel Spott und Kritik geerntet.

 

Der Trump Arch
(Graphik:  Hstoops - Own work, CC0, via WikimediaCommons)

Der Monumentalbogen soll zum 250jährigen Jubiläum der amerikanischen Unabhängigkeit westlich des Potomac River auf der Achse zwischen Lincoln Memorial und dem Arlington Friedhof errichtet werden.

Die Trump-Regierung versucht, den Bau massiv zu beschleunigen und setzt sich dabei über alle gesetzlichen Vorgaben und Zuständigkeiten hinweg. Die eigentlich erforderliche Einbindung des US-Kongresses übergeht POTUS Trump und die von ihm mit Anhängern neu besetzte United States Commission of Fine Arts hat das Projekt einstimmig gebilligt. Das Genehmigungsverfahren des National Park Service (NPS) wirft massive Fragen auf. Trotz einer prognostizierten Bauzeit von zwei bis drei Jahren versucht die Behörde aktuell, ein beschleunigtes Verfahren durchzudrücken und die normalen Abläufe und Genehmigungen zu umgehen.  Mit einer sehr kurzer Frist von insgesamt 10 Tagen (nur noch bis 15. Juni 2026)  gibt es ein öffentliches Anhörungsverfahren.  Das Formular ist beim National Park Service zu erreichen. Eine eigentlich vorgeschriebene fundierte Folgenabschätzung scheint zu unterbleiben, zumal unklar ist, wie das endgültige Konzept des Projektes aussehen wird. Wie der Koloss das historische Landschaftsbild verändert, wurde nicht ausreichend simuliert, ebenso wenig wurden die Auswirkungen einer nächtlichen Beleuchtung geprüft.

Vor allem fehlen die vorgeschriebenen Baugrunduntersuchungen, die sowohl die Statik wie auch die Archäologie betreffen.
Auf Staatsland des Bundes, das vom National Park Service (NPS) verwaltet wird, gelten für ein solches Bauprojekt streng geregelte gesetzliche Vorgaben. Selbst bei nachweislich gestörtem Untergrund entbindet das Gesetz den Bauträger nicht von archäologischen Prüfungen. Da es sich um Bundeseigentum handelt, greifen primär der National Historic Preservation Act (NHPA) und der Archaeological Resources Protection Act (ARPA). Ein gestörter Untergrund (wie die Aufschüttung durch das Army Corps) ändert den Prozess nicht grundsätzlich, sondern beeinflusst lediglich die Erwartungshaltung der Archäologen.
Der reguläre Prozess läuft in drei Phasen ab:
  • Phase I (Identification / Erkundung): Es muss eine historische Recherche und eine erste Bodenprüfung (oft durch Testbohrungen oder Suchgräben) stattfinden. Selbst wenn die oberen Schichten gestört sind, muss geprüft werden, ob darunter (im alten Flussbett) originale Schichten existieren.
  • Phase II (Evaluation / Bewertung): Werden Artefakte gefunden, wird geprüft, ob die Fundstelle für das National Register of Historic Places bedeutend genug ist.
  • Phase III (Mitigation / Schadensbegrenzung): Kann die Fundstelle nicht umgangen werden, folgt eine vollständige, wissenschaftliche Notgrabung (Data Recovery), bevor gebaut werden darf.
  • Die ARPA-Genehmigung: Für jede archäologische Grabung oder Bodenvorbereitung auf NPS-Land ist eine spezielle ARPA-Genehmigung erforderlich. Wer ohne diese gräbt oder archäologische Güter beschädigt, begeht eine Straftat.
Auch nach den Guidelines for Archaeological Investigations in DC lässt es eine im 20. Jahrhundert von Menschenhand aufgeschüttete Deckschicht nicht zu, ohne eine Phase-I/IA-Untersuchung (Geoarchäologie und GIS-Schnittanalysen) in die darunter liegende Paläolandschaft einzugreifen.  
Die Trump-Regierung versucht, direkt zu den geotechnischen Bohrungen überzugehen, ohne die Phase-I-Archäologie für Pre-contact-Ressourcen ordnungsgemäß abgeschlossen oder die Stämme konsultiert zu haben. Sollte AECOM bei den aktuellen Bohrungen im Juni 2026 auch nur ein einziges indigenes Artefakt aus dem alten Flussschlamm an die Oberfläche befördern, könnte dies das gesamte Projekt über Monate rechtlich blockieren. 
The Washington Post berichtete, dass die Regierung ein halbes Dutzend etablierter Denkmalschutzorganisationen – darunter den National Trust for Historic Preservation und die Cultural Landscape Foundation (TCLF) – einfach aus dem gesetzlich vorgeschriebenen Konsultationsprozess ausgeschlossen hat. Organisationen wie die TCLF haben bereits Klagen eingereicht. Sie argumentieren, dass das Übergehen dieser Prüfungen illegal ist und ein verheerendes Signal für den Schutz historischer Stätten im ganzen Land sendet.  

 

Die historische und archäologische Topographie von Washington DC

Die historische Topographie von Washington, D.C. basiert auf einem strengen, rationalen Barockkonzept, das bewusst Sichtachsen, demokratische Machtverteilung und strikte Höhenbegrenzungen miteinander verknüpft. 1791 wurde der Stadtplan von dem französischen Ingenieur Pierre Charles L’Enfant als Planstadt am Potomac River entworfen. Der Trump Arch sprengt die städtebaulichen Maßstäbe Washingtons in Bezug auf Höhe, Symbolik und Geometrie. Das Gelände selbst wurde in den 1920er Jahren mit ausgebaggertem Flusssediment aufgeschüttet und wurde zum Brückenkopf für die damals gebaute Arlington Memorial Bridge. Das Gelände liegt also außerhalb der ursprünglichen Stadtplanung, die immer wieder verändert und spätestens mit der Anlage des Arlington Gräberfelds 1864 in die politische Symbolandschaft einbezogen wurde. Mit komplexen archäologischen Strukturen der historischen Archäologie ist an der - statisch wohl nicht unproblematischen - Baustelle eher nicht zu rechnen. Wohl aber haben sich die Uferbereiche des Potomac als wichtige Fundlandschaft der präkolumbischen Zeit erwiesen. Das Risiko, bei den Fundamentarbeiten auf unentdeckte Pre-contact-Ressourcen zu stoßen, ist daher nicht zu vernachlässigen.

Pre-contact-Funde spielen eine massive rechtliche und politische Rolle, da sie sofort weitere Bundesgesetze aktivieren, die extrem streng ausgelegt werden. Sollten bei den Tiefbohrungen oder Erdarbeiten für das Fundament des Bogens menschliche Überreste, Grabbeigaben oder sakrale Gegenstände der amerikanischen Ureinwohner entdeckt werden, greift sofort der Native American Graves Protection and Repatriation Act (NAGPRA) mit einem sofortigen Baustopp. Das Gesetz schreibt vor, dass bei Funden die historisch dort ansässigen, staatlich anerkannten indigenen Stämme (wie die Piscataway Conoy Tribe oder die Pamunkey Indian Tribe) zwingend als gleichberechtigte Partner in den Section 106-Prozess eingebunden werden müssen.

Denkmalschützer sind ein wesentlicher Teil der Opposition gegen den Trump Arch. Erst im März haben Denkmalpfleger Trumps Monumentlballsaal am Weißen Haus vorerst gestoppt (Archaeologik 1.4.2026). Sie rufen nun aktiv dazu auf, die Bedenken in der kurzfristigen Anhörung einzubringen.  Sie möchten erreichen, dass zunächst das endgültige Projektdesign feststeht, damit die Prüfungen auch durchgeführt werden können. Die vollständige Dokumentation – inklusive der archäologischen Phase-Ia-Studie und aller Entscheidungsgrundlagen – müsse zumindest beratenden Organisationen und indigenen Stämmen transparent zugänglich sein. Zehn Tage Frist für die Anhörung seien für die Bewertung derart massiver Auswirkungen auf Dutzende historische Objekte unzureichend. Die Kommentierungsfrist müsse verlängert werden. Die Öffentlichkeit möge sich in diesem Sinne an der Anhörung beteiligen.

Links

  • Kunst-Kommission macht Weg für Trumps Triumphbogen frei. Spiegel (22.5.2026). - https://www.spiegel.de/ausland/usa-kommission-macht-weg-fuer-donald-trumps-triumphbogen-in-washington-d-c-frei-a-b1f0bdb0-ea7f-4b0d-a2d1-3a49f2ad1dea
  • Größer als das Pariser Vorbild – Trump will in Washington einen Triumphbogen bauen lassen. Welt 11.4.2026. - https://www.welt.de/vermischtes/article69d9f3470695c741e3c297aa/praesidiales-bauvorhaben-groesser-als-das-pariser-vorbild-trump-will-in-washington-einen-triumphbogen-bauen-lassen.html 
  • Trump’s arch gets overwhelmingly negative public feedback but appears poised to move forward. CNN 17.4.2026. - https://edition.cnn.com/2026/04/16/politics/trump-arch-feedback-commission 
  • Trump officials lay out aggressive timeline to build triumphal arch. The Washington Post 10.6.2026. - https://www.washingtonpost.com/politics/2026/06/10/trump-officials-lay-out-aggressive-timeline-build-triumphal-arch/ 
  • Zur Archäologie in Washington bietet der NPS eine Artikelserie online: https://www.nps.gov/articles/series.htm?id=D66CB41B-D9B4-3504-A62D536B320F70C8 
  • Historic Landmarks: https://opendata.dc.gov/datasets/992ca2e2d4e04f08b46d03ee0dbe791a_24/explore?location=38.930723%2C-77.012026%2C12 
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    Dienstag, 12. Mai 2026

    Zur Plünderung freigegeben - die Katastrophe wiederholt sich jeden Tag

    Sehr grundlegend und mal nicht beschönigend oder paragraphenwedelnd...

    Wolfgang Bauer schildert die Resignation und Ratlosigkeit von Archäolog*innen und Denkmalpfleger*innen ob einer Lobby von Sondlern, Händlern und Detektoranbietern bei gleichzeitiger Ignoranz von Polizei und Justiz. Seit Corona hat sich das Hobby des Sondelns weiter verbreitet und führt dazu, dass archäologische Fundstellen in größtem Ausmaß vernichtet werden. 

    Bauer berichtet von der Option eines Verbots leistungsstarker Metalldetektoren bzw. der Pflicht zu einem Detektorschein. Da die Suche auf Bodendenkmälern längst verboten ist, scheint das die einzige Chance, wenn auch die Möglichkeit dies bundesweit durchzusetzen ob der Kulturhoheit der Länder und der Lobbyarbeit der Sondler nicht einfach sein wird.

    Der ZEIT-Artikel hebt sich wohltuend von all den Berichten ab,  die wieder mal einen Sondlerfund feiern, bestenfalls auf die Gesetzeslage hinweisen, aber nicht registrieren, dass solche Funde meist aus dem Kontext gerissen sind.

    Was also tun? Ein kleiner Schritt, für den einige Kollegen plädieren, wäre es, so viele Anzeigen auf den Weg zu bringen, dass die Polizeistatistik die Ausmaße des Problems deutlich macht und die nötige Aufmerksamkeit schafft. Man muss sich das aber trauen. Bauer berichtet von zunehmenden „körperlichen Auseinandersetzungen“.

    Gleichwohl: Die Archäologie muss den wirklich Geschichtsinteressierten Angebote machen, mitzuforschen. Citizen Science - wo es Sinn macht auch mit Sonde - ist kein Luxus, sondern gehört eigentlich zur disziplinären Matrix der Archäologie. Sie hat sich erst aus bürgerschaftlichem Engagement über die adligen Schatzkammern hinaus zur Wissenschaft weiter entwickelt. Es sind Steuerzahler*innen und demokratische Gesetze, die unsere moderne archäologische Praxis ermöglichen. 

    Falsch wären Modelle jedoch wie das britische PAS oder eine Fundprämie, da das nur Anreize zur weiteren Zerstörung von Bodendenkmälern bietet. Sondler (man verzeihe die Pauschalisierung) sind stolz auf ihre Funde, werfen der Archäologie vor, zu versagen, weil sie ihre Funde nicht anerkenne, aber selber unfähig sei, zu finden. Es ist ein grundlegendes Misverständnis, dass Funde per se ein Gewinn sind.  Ja, die Archäologie ist auf Neufunde angewiesen - aber nur auf gut dokumentierte, der Rest ist ineffektiv, Zeit und Personalverschwendung. "Funde" sollten so lange als möglich im Boden verbleiben (wobei man wohl mehr als bisher über Notgrabungen im Ackergelände nachdenken muss). Dass man auch im Fach immer wieder von Funden redet, ist da kontraproduktiv. Es sind zunächst Quellen der Vergangenheit, die adäquat erschlossen werden müssen - dazu gehört zunächst deren Lokalisierung. Eine anständige Geomagnetik bringt dabei viel mehr als eine noch so gut ausgestattete Sonde. Vor allem müssen Kontexte dokumentiert werden - wenn das am Ende die Bergung von Objekten beinhaltet, ist das auch okay. Funde haben auch Folgekosten in den Bereichen Dokumentation, Restaurierung, Lagerung und auch wissenschaftlicher Bearbeitung. Anstatt einer Fundprämie wäre theoretisch eine Fundgebühr volkswirtschaftlich sehr viel konsequenter - aber natürlich auch nicht im Interesse der Wissenschaft.

     

    Sondler auf einer Wüstung (Foto R. Schreg, 2026)

    Man muss hier mit ernsthaft archäologisch Interessierten zu Kooperationen kommen - die, wenn man gut miteinander kommuniziert, auch außerordentlich fruchtbar sein können - unter den Schlagwort "public archaeology" oder "citizen science" gibt es eine wachsende Zahl guter Beispiele. Gute Geländekenntnis, oft gute Materialkenntnis, flexiblere und kontinuierlichere Feldarbeit und bisweilen gute örtliche Vernetzung können wertvolle Beiträge sein, die Amateurforscher einbringen und die mit wissenschaftlicher Expertise und Dokumentation (was man ggf. auch lernen kann) ein neues Bild der Vergangenheit ergeben können. Sondelfunde bedeuten bestenfalls eingeschränkte Erkenntnis, immer begleitet vom Schmerz des Informationsverlustes.
    Das muss erklärt werden - der durchaus richtige Verweis auf die Gesetzeslage ist dabei wenig hilfreich.


    Donnerstag, 7. Mai 2026

    "Für eine gute Entwicklung der Landesmuseen und ihrer Sammlungen setzen wir uns ein." Der Koalitionsvertrag 2026 in Baden-Württemberg

    Vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg Anfang März stand wenig zur Denkmalpflege in den Wahlprogrammen (Archaeologik 28.2.2026):

    Jetzt liegt der Koalitionsvertrag von Grünen und CDU zur Bildung einer Landesregierung vor. Hier finden sich einige Passagen, die auf Kultur- und Denkmalpolitik eingehen.

    Im Bereich Tourismus sollen digitale Angebote und KI-Anwendungen zur Ressourcenschonung bis hin zur Echtzeit-Gästeinformation beitragen und damit eine enge Vernetzung der touristischen Angebote auch zu Kultur- und Denkmaleinrichtungen stärken (S. 28).  Der KI-Einsatz in der Kultur wird auch S. 43 thematisiert, wonach die KI-Kompetenzen in den Kultureinrichtungen des Landes ausgebaut werden sollen. Ein Förderprogramm soll Kultureinrichtungen bei der Erprobung innovativer KI-Anwendungen unterstützen. Dieser KI- und Digitalfokus entstammt dem Wahlprogramm der CDU.

    Seite 42f des Koalitionsvertrages heißt es:

    Das Land als verlässlicher Partner für Kunst und Kultur Zu den Stärken unseres Landes gehört die besonders reiche Kunst- und Kulturszene, die Spitzeneinrichtungen des Landes ebenso umfasst wie kleinere Initiativen, kommunale Institutionen ebenso wie die Amateur- und Breitenkultur. Wir verstehen Kunst und Kultur als verbindendes Element über gesellschaftliche Gruppen hinweg, das in den Städten und den ländlichen Räumen gleichermaßen wirkt. Für uns sind kulturelle Bildung und Teilhabe wesentliche Grundlagen einer modernen Bürgergesellschaft. Wir wollen niedrigschwellige Zugänge zu Kultur für alle ermöglichen. Dabei berücksichtigen und unterstützen wir auch den wertvollen Beitrag des Ehrenamts zum kulturellen Leben. Wir stehen zur Kunstfreiheit. Um Kultureinrichtungen besser und unbürokratisch zu unterstützen, wollen wir den Aufwand für Einzelmaßnahmen verringern und stärker auf institutionelle Förderung setzen. In schwierigen Zeiten sind wir ein vorausschauender und auch finanziell verlässlicher Partner. Gemeinsam mit den Kommunen wollen wir angesichts angespannter Haushalte Einrichtungen und Kulturschaffenden Perspektiven geben und setzen uns dafür ein, das kulturelle Angebot vor Ort zu erhalten. Der Ausgleich der Tarifsteigerungen in staatlichen Einrichtungen wird gesichert. Wir setzen uns für eine faire Vergütung im Bereich der privaten Trägerschaften sowie freischaffender Künstlerinnen und Künstler ein.

    Das Land steht in besonderer Verantwortung für seine staatlichen Einrichtungen. Wir statten sie – insbesondere unsere Museen, Bibliotheken und das Landesarchiv – mit den zur Wahrnehmung ihrer Aufgaben erforderlichen Mitteln aus, denn sie sind das Fundament unserer Wissensgesellschaft. Für eine gute Entwicklung der Landesmuseen und ihrer Sammlungen setzen wir uns ein. Wir stärken Museen und Bibliotheken als „Dritte Orte“. Gemeinsam mit den Städten Stuttgart und Karlsruhe erhalten wir unsere Staatstheater als Mehrspartenhäuser mit Oper, Schauspiel und Ballett und setzen Rahmenbedingungen, damit diese durch die Qualität und Exzellenz ihrer künstlerischen Produktionen weiterhin national wie international ausstrahlen können.

    Wir wollen den Wandel der Kulturlandschaft durch Digitalisierung unterstützend begleiten sowie den Erhalt und den Neubau von Kultur- und Funktionsgebäuden langfristig sichern. Die finanziell schwierigen Haushaltslagen erfordern aus unserer Sicht einen Kulturdialog mit den Kommunen, den Kulturschaffenden aus allen Sparten und Hierarchieebenen und externen Expertinnen und Experten. Wir wollen die Kultur stärken und vernetzen, Raum für Neues schaffen, Kooperationsmöglichkeiten aufzeigen, innovative Strategien entwickeln und Planungssicherheit geben.  

    Das Konzept der Großen Landesausstellung wollen wir überarbeiten. 

     ...

    Die Großen Landesausstellungen in Baden-Württemberg waren den letzten Jahrzehnten eine wesentliche Plattform historische und insbesondere archäologische Themen der Öffentlichkeit zu präsentieren.  

    Seite 103 folgt eine Passage speziell zu Denkmalpflege und Kulturerbe. Hier steht:

    Baden-Württemberg ist gesegnet mit einem herausragenden Kulturerbe. Wir stellen uns der Verantwortung, diese Zeugnisse der Kulturgeschichte zu bewahren, ihre Bedeutung zu vermitteln und sie erlebbar zu machen. Wir unterstützen die UNESCO-Welterbebewerbungen bezüglich des Fernsehturms Stuttgart und des frühkeltischen Machtzentrums Heuneburg. Den Welterbefonds BW führen wir fort, um die wertvolle Arbeit an allen sieben UNESCOWelterbestätten zu unterstützen. Mit einer eigenen Eiszeitkunst-Konzeption wollen wir das Bewusstsein für die historische Bedeutung der ältesten vom Menschen geschaffenen Kunst weiter voranbringen und deren touristische Potenziale besser erschließen.

    Die Plattform DenkmalnetzBW wollen wir nutzen, um Haupt- und Ehrenamtliche in der Denkmalpflege zu vernetzen, gute Lösungen im Denkmalschutz breiter bekannt zu machen und die Nutzung von denkmalgeschützten Gebäuden zu erleichtern.

    Beim Denkmalschutz gilt für uns: Wir wollen Schutz, aber auch Spielräume für neue Ideen, für Sanierung, Umbau und Nutzung. Wir setzen auf einen pragmatischen Ansatz, der Denkmalschutz und erneuerbare Energien in Einklang bringt. Wohnen im Denkmal wollen wir stärken. 

    Angesichts der Entwicklung in Niederstotzingen, wo nach der Mammut-Blamage (Archaeologik 8.10.2022; 16.3.2026) der einstige UNESCO- Archäopark inzwischen als Kindergarten genutzt wird (Naturnaher Kindergarten am Vogelherd) ist das Versprechen bemerkenswert, nun eine Eiszeitkunst-Konzeption zu erarbeiten.

    Interessant ist, was die Grünen in den Verhandlungen mit der CDU offenbar nicht durchsetzen konnten.  Im Wahlprogramm der Grünen wurde die Provenienzforschung und koloniale Vergangenheit relativ breit thematisiert - das Thema fehlt im Koalitionsvertrag. Zwar sollen Museen und Bibliotheken als „Dritte Orte“ gestärkt werden, aber von einem freien Eintritt für Kinder und Jugendliche in die Sammlungsausstellungen der Landesmuseen ist keine Rede mehr..

     

    Einen breiten Raum nimmt im Koalitionsvertrag die Universiäts- und Forschungspolitik ein (S. 34-42). Geistes- und Kulturwissenschaften spielen dabei jedoch keine Rolle. Ein Abschnitt heisst "Freiheit von Forschung und Lehre verteidigen" und trägt den wissenschaftsfeindlichen Agitationen der amerikanischen MAGAs oder der AfD Rechnung.  "Die Wissenschaftsfreiheit ist das unverzichtbare Grundprinzip unserer Politik. Wir lehnen alle Formen von Einschränkungen entschieden ab, die dieser Freiheit entgegenstehen oder sie einengen könnten. Dazu zählen Vorgaben, die Themen, Methoden oder Kooperationen in der Forschung beschränken. Sie widersprechen dem Prinzip der ergebnisoffenen Wissenschaft." Für Wissenschaftler*innen aus den möglicherweise bald den Rechtsextremisten anheim fallenden Bundesländern mögen die "Beratungsstellen für angegriffene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler" hilfreich sein. Ein Passus gilt der Wissenschaftskommunikation: "Wir setzen uns für eine offene, digitale und transparente Kommunikation wissenschaftlicher Ergebnisse und Methoden ein. Dies stärkt die Rolle der Wissenschaft und ihre Glaubwürdigkeit in der Gesellschaft". 

     

    Interne Links

     

    Mittwoch, 29. April 2026

    glaub nicht der KI

    Grabstätte des Ötzi (Italien) – Obgleich aus der Kupferzeit, zeigt dieser Fund präkolumbianischen Einfluss auf die Fläche des Mittelalters.

     

    Montag, 20. April 2026

    Kriegszerstörungen im Libanon

    Seit dem Ausbruch des intensivierten Konflikts im März 2026 hat der Libanon massive Zerstörungen durch israelische Angriffe und Bodenoperationen gegen die Hisbollah-Miliz erlitten. Trotz einer am 17. April 2026 in Kraft getretenen zehntägigen Waffenruhe bleibt die Lage aufgrund schwerer Schäden an der Infrastruktur und Wohngebieten katastrophal. Im gesamten Libanon wurden zahlreiche Gebäude zerstört. Besonders betroffen sind die südlichen Vororte von Beirut (Dahiyeh), die Bekaa-Ebene und der Südlibanon. In grenznahen Dörfern im Süden wurden ganze Straßenzüge dem Erdboden gleichgemacht; Satellitenbilder zeigen teils völlig verwüstete Orte. Mehr als 2000 Menschen sollen getötet, etwa 1,2 Millionen Menschen (etwa jeder fünfte Libanese) aus ihren Häusern vertrieben worden sein. 

    Die UNESCO hat Berichte über Schäden an mehr als 20 Kulturstätten in der Region erhalten. Zu den konkret gemeldeten Vorfällen im Libanon gehören: 

    Tyros (Sour)

     Die UNESCO hat Schäden an der antiken phönizischen und römischen Welterbestätte bestätigt. Besonders der Eingangsbereich der archäologischen Stätte wurde Anfang März durch eine israelische Rakete beschädigt. Das Welterbe in Tyros dient aktuell als Pilotprojekt für einen „Notfall-Kontingenzplan“. Dabei werden Listen erstellt und Sicherungsmaßnahmen für Objekte entwickelt, die nicht evakuiert werden können, um sie vor Vandalismus und Plünderung zu schützen. 

     

     Zitadelle von Chama' 

    Am 17. April 2026 reichte das libanesische Kulturministerium eine dringende Beschwerde bei der UNESCO ein, da befürchtet wird, dass diese Festung aus dem 12. Jahrhundert durch israelische Truppen vollständig zerstört wurde. Diese Einschätzung basiert auf Berichten lokaler Behörden und Augenzeugen aus dem Südlibanon, die den Einsatz von Bulldozern zur systematischen Zerstörung der Anlage meldeten. Die Zerstörung von Infrastruktur oder Gebäuden durch die israelische Armee ist ein öfters dokumentiertes Vorgehen in den aktuellen Konfliktgebieten. In den Medienberichten finden sich jedoch vor allem Hinweise auf einen israelischen Luftangriff am 13. April. Die Zitadelle beherrscht strategisch das Umland von Tyros und geht im wesentlichen auf die Kreuzfahrerzeit zurück - mit älteren u.a. römischen und byzantinischen Phasen. 

    Hier liegt auch der Simeon-Schrein, ein schiitisches Heiligtum wohl des späten 11. Jahrhunderts - der lokalen Überlieferung ist Petrus hier und nicht im Vatikan bestattet. Bereits 2024 war er beim israelischen Vordringen gegen die Hisbollah umkämpft und wurde zerstört, nachdem er erst nach Zerstörungen im Krieg 2006 mit italienischer Hilfe seit 2017 neu restauriert worden war. Als die Anlage unter israelischer Kontrolle stand, gewährte die israelische Armee einem Hobby-Archäologen Zutritt, der dort in einem Feuergefecht mit der Hisbollah ums Leben kam. 1978 bis 2000 diente die Zitadelle während der damaligen Besetzung des Südlibanons als israelischer Militärposten. 

    Chamaa Zitadelle und Simeonsschrein, 2020
    (Foto: Ibrahimamirnaeem, CC BY SA 4.0 via WikimediaCommons)

    Ganze historische Grenzdörfer wie Muhaibib wurden laut Berichten dem Erdboden gleichgemacht. Weitere gefährdete Orte unter Beobachtung sind die römischen Tempel von Hibarieh, die Ausgrabungsstätte Qana und die Burg Beaufort. 

    Baalbek 

    Während die römischen Tempelanlagen selbst laut vorläufigen Satellitenanalysen noch keine massiven sichtbaren Schäden aufweisen, gab es Einschläge in unmittelbarer Nähe, die durch Erschütterungen die Statik gefährden. Schon während des Gazakrieges wurden im November 2024 Beschädigungen in Baalbek befürchtet. Im Jahr 2024 konzentrierten sich die Zerstörungen in Baalbek durch israelische Luftangriffe vor allem auf historische Gebäude in unmittelbarer Nähe des UNESCO-Weltkulturerbes sowie auf zivile Infrastruktur. Während die berühmten römischen Tempelanlagen (Jupiter-, Bacchus- und Venus-Tempel) nach bisherigen Erkenntnissen keine direkten Volltreffer erlitten, kam es zu massiven Schäden im direkten Umfeld. Zerstörungen und Erfahrungen 2024 Bereits bei der israelischen Invasion im Süden Libanons 2024 war es zu erheblichen Zerstörungen gekomnen. Heritage for Peace, die zuvor bereits in Syrien aktiv waren, begann ein Monitoring. Eine Zusammenfassung der Zerstörungen findet sich in der englischsprachigen Wikipedia

    Bacchus-Tempel in Baalbek
    (Foto: Lodo, CC BY SA 2.0 via WikimediaCommons)



     

    Reaktionen der UNESCO 

    Die UNESCO hat mit außergewöhnlichen Notmaßnahmen reagiert: Am 1. April 2026 stellte die UNESCO 39 libanesische Kulturstätten unter den sogenannten „verstärkten Schutz“ (enhanced protection). Dies ist die höchste völkerrechtliche Schutzstufe nach dem Haager Abkommen von 1954. Ein Angriff auf diese Stätten kann als Kriegsverbrechen geahndet werden. 2024 war dies schon einmal ausgesprochen worden. 

    Die UNESCO stellte über 100.000 USD für Sofortmaßnahmen zur Verfügung. Dazu gehören Schulungen für Personal sowie Unterstützung beim Abtransport und der sicheren Lagerung von Artefakten aus gefährdeten Städten wie Tyros und Sidon. 

    Die UNESCO hat die genauen geografischen Koordinaten aller Welterbestätten an die Konfliktparteien übermittelt, um versehentliche Angriffe zu verhindern. In Zusammenarbeit mit dem UN-Satellitenzentrum (UNOSAT) führt die UNESCO eine kontinuierliche Überwachung durch, um Schäden zeitnah zu dokumentieren, solange Bodeninspektionen unmöglich sind. 

    Im Allgemeinen ist der Schutz archäologischer Denkmäler im Libanon auch ohne Kriegszerstörungen eher eine schwierige Angelegenheit (taz 2025). 

     

     Links 

     

    Interner Link 

    Bemerkung: ich habe einige der Informationen unter Zuhilfenahme von KI (Google) zusammengestellt, aber die Quellen grob überprüft.  

    Mittwoch, 1. April 2026

    Denkmalpflege stoppt Trump

     Erst mal…

    Meldung von gestern anscheinend kein Aprilscherz…

    Baustelles des Trump-Ballsaal an Stelle des illegal abgerissenen Ostflügels des Weißen Hauses 
    (Foto:G.Edward Johnson,    CC B Y SA 4.0 via WikinediaCommons)


    Dienstag, 31. März 2026

    Zusammen oder getrennt?

    In Sachsen wird über eine Neuorganisation des smac in Chemnitz  nachgedacht. 

     

    smac Chemnitz
    (Foto: Derbrauni, CC BY 4.0, via WikimediaCommons)

    Zwei Organisationsmodelle sind zu unterscheiden:

    1. das integrierte Museum, bei dem Denkmalpflege und Museum in einer Organisation vereint sind, so etwa in Halle oder auf Schloß Gottorf 
    2. das eigenständige Museum, das organisatorisch eigenständig ist, da aber natürlich kooperiert. Beispiel wäre die Archäologische Staatssammlung in München und das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege. 

    In der Praxis gibt es Hybridformen, so im Saarland, wo Denkmalpflege und Staatliche Altertümersammlung organisatorisch verbunden sind, das Museum für Vor- und Frühgeschichte jedoch von einer Stiftung getragen wird. Hier wird bei den Museumsaufgaben zwischen Archiierung und Ausstellung getrennt. In Baden-Württemberg wurde eine Kompromisslösung installiert, indem der Präsident des Denkmalamtes und der Direktor des Archäologischen Landesmuseums in Personalunion besetzt wurden. Das trägt indes nur so lange, so lange der Präsident des Amtes aus der Archäologe und nicht etwa der Bau- und Kunstdenkmalpflege kommt. 

    Welche Lösung hier tatsächlich von Vorteil ist, hängt wohl ganz wesentlich von den beteiligten Personen und den Budgets ab und lsst sich pauschal nicht so ohne weiteres beantworten. Ein Aspekt, der derzeit aktuell wird ist die Frage, wie Wissenschaftsvermittlung resilient organisiert werden kann, so dass denkbare populistische Regierungen keinen Zugriff auf die historischen Narrative erhalten und die Wissenschaftsfreiheit gewahrt bleibt. Hier bieten stiftungsbasierte Organisationsformen möglicheweise Vorteile.

    Samstag, 28. März 2026

    Die digitale Sammlung des ALM Baden-Württemberg

    leider mit den üblichen Schwächen:

    • keine Angabe über die Handhabung der Nutzungsrechte (keine CC-Lizenzierung)
    • keine genaue Fundsortangaben  
    • keine Normdaten
    • keine Permalinks
    • keine zuverlässige Suche 

    Siehe:

     

     

    Mittwoch, 25. März 2026

    Der Fall Butyagin - Politik in der Archäologie

    Bereits im Dezember 2025 wurde der russische Staatsbürger Alexander Butyagin in Warschau festgenommen. Die Ukraine hat bei der Warschauer Staatsanwaltschaft einen Antrag auf Auslieferung gestellt. Butyagin ist Leiter der Abteilung für antike Archäologie der Schwarzmeerregion des Staatlichen Eremitage-Museums in St. Petersburg und ihm werden illegale Ausgrabungen auf der Krim vorgeworfen.

    Butyagin, 1971 noch in der Sowjetunion in Leningrad geboren und in Leningrad aufgewachsen, arbeitete schon seit 1999 als Ausgrabungsleiter in Myrmekion, einer antiken griechischen Kolonie aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. auf der Krim nahe des heutigen Kertsch. Bereits seine Abschlussarbeit an der staatlichen Universität in Leningrad befasste sich mit Myrmekion. Seitdem ist er an der Eremitage tätig wo er 2006 Abteilungsleiter wurde. Von 2010 bis zum russischen Angriffskrieg arbeitete er auch in römischen Villen am Golf von Neapel.

    Die Grabungen erfolgten seit 2014 in Myrmekion mit russischer, nicht mit ukrainischer Genehmigung. Bereits im Januar 2022 begann die Ukraine ein Strafverfahren gegen Butyagin wegen "illegaler Grabungen".

    Die Ukraine hat deswegen schon seit Jahren eine ganze Reihe von Archäolog*innen international zur Fahndung ausgeschrieben. Dennoch war Butyagin 2025 auf einer Vortragsreise durch Europa – geplant waren die Stationen Paris, Prag, Amsterdam, Warschau und Belgrad. An den ersten Stationen konnte er seinen Vortrag über "Die letzten Tage von Pompeji" auch halten. 

     

    Russlands Reaktion und Butyagins Verteidigung

    Der Fall Butyagin entwickelt sich nun zum diplomatisch-juristischen Nebenkriegsschauplatz. Russland bezeichnet die Festnahme als "politisch motiviert" und hat den polnischen Botschafter einbestellt. Das russische Außenministerium nannte die Vorwürfe "absurd" und behauptete, Butyagins Arbeit "bereichere das kulturelle Erbe der Völker der Krim". Michail Piotrowski, der Direktor der Eremitage, verglich die Verhaftung Butyagins und die Sanktionen gegen Russland mit der Belagerung Leningrads. 

    Butyagin selbst betonte stets, er habe wissenschaftlich korrekt gearbeitet und sei kein Gesetzesbrecher, sondern ein Forscher, der dokumentiere und bewahre. Er sah sich als "Mann von Spaten, Kellen, Pinseln" und "Archiven", nie als "Mann der Politik". Er verwies auf die historischen Verbindungen der Eremitage zur Krim, die bis ins zaristische Russland zurückreichen. 2014 verfasste Butyagin nach der russischen Besetzung der Krim allerdings ein Gedicht, in dem er Russland seine Treue versicherte: "Bereit für Gefängnis und Armut, tue ich das, was ich für Russland tun muss." Dies zeigt seine Priorisierung der Loyalität gegenüber dem Staat über potenzielle rechtliche Grauzonen, was seine Beteuerungen, seine Tätigkeit sei völlig unpolitisch, in Frage stellt.
     

    Der Prozess in Polen

    Ein Warschauer Berufungsgericht hat im Februar Butyagins Verhaftung bestätigt, und seine Haft bis zum 1. Juni 2026 verlängert. Ein polnisches Gericht muss nun über die Auslieferung an die Ukraine entscheiden. 

    Das polnische Gericht befasst sich nicht mit der Frage der Schuld Butyagins. Es klärt nur, ob die ihm von der Ukraine vorgeworfenen Handlungen eine Straftat darstellen, die nach polnischem und ukrainischem Recht mit mindestens einem Jahr Gefängnis zu bestrafen wäre; ob der Antrag der Ukraine ausreichend begründet ist und ob Butyagin in der Ukraine ein faires Verfahren bekommen würde.

    Im Januar wurde der Prozess vorübergehend unterbrochen, da Butyagins Anwälte gegen die Richterin einen inzwischen abgelehnten Befangenheitsantrag gestellt hatten.

    Bei der Verhandlung im Januar trat ein maskierter Demonstrant auf, der ein Foto von Butyagin hochhielt und lautstark über die Notwendigkeit sprach, „das Naziregime in Kiew zu bekämpfen“. Abgelehnt wurde zudem der Antrag, Butyagin aus der Haft zu entlassen und stattdessen in Hausarrest zu nehmen. Kolleg*innen - auch aus dem Westen - hatten eine Petition eingereicht und gesammelt, um einen Hausarrest zu erreichen.

    Instrumentalisierung der Archäologie

    Der russische Krieg in der Ukraine zeigt verschiedene Arten, wie Archäologie politisch instrumentalisiert wird. 
     
    1.) Da ist zunächst die bewusste Manipulation. Herausragendes Beispiel dafür ist Putins Geschichtspark in Chersonnesos. Direkt an die Kernzone des UNESCO-Welterbes Und mitten in der antiken Vorstadt und mittelalterlichen Besiedlung wurden hier Pseudo-Rekonstruktionen hingeklotzt, die die propagierte Größe der russischen Vergangenheit vermitteln sollen (vgl. Archaeologik 4.8.2024; Schreg 2025). Hier geht es um Manipulation in der Interpretation und der Vermittlung, die sich ggf. auch Originalbefunde zerstört oder verfälscht. Auch Inszenierungen archäologischer Stätten als Bühne für politische Veranstaltungen können manipulativ sein (müssen es aber nicht unbedingt).
     
    2.) Die subtile Propagandierung, bei der den beteiligten Wissenschaftlern in ihrem “quellen- und praxisorientierten“ Herangehen die eigenen Vorurteile gar nicht mehr bewusst sind und daher Wissenschaftlichkeit und Selbstkritik soweit verloren gehen, dass etablierte, aber möglicherweise falsche Geschichtsbilder weitergetragen werden. Politisch-gesellschaftlich stabilisiert dies bestehende Verhältnisse oder unterstützt konservative, schlimmstenfalls rückwärtsgewandte Weltbilder. Auf der Krim sind dies die ethnischen Deutungen, die weiterhin unreflektiert verbreitet werden, obwohl sie ein Konstrukt des Stalinismus sind. Damals waren die Alano-Goten erfunden worden, um die deutsche Gotenpropaganda abzuwehren und andererseits, um sich nicht mit den wenig angesehenen Byzantinern auseinandersetzen zu müssen (Archaeologik 28.6.2020). Die Politik steuert hier im Hintergrund nicht selten dadurch, dass sie durch Förderanreize oder Verbote bestimmte Themen unterdrückt oder fördert - oder in die Personalauswahl der Wissenschaft eingreift.
    Die Integration archäologischer Funde und Stätten in die eigene Nationalgeschichte kann banal, aber auch politisch-identitätsstiftend sein und wäre je nachdem dem einen oder anderen zuzuordnen.

    3.) Die Verfügbarkeit über archäologische Funde und Stätten als Ausdruck staatlicher Hoheitsrechte.  Die Initiative dafür geht oft nicht von der Archäologie aus, aber gerade solche Fälle machen klar, dass die Archäologie nicht unpolitisch sein kann. Im russischen Krieg gegen die Ukraine war dies von Anfang an ein wesentliches Feld der politischen Rolle der Archäologie. Der Aspekt wird vor allem dann wirksam, wenn eine öffentliche Aufmerksamkeit vorhanden ist und die Hoheitsrechte demonstrativ eingefordert werden können. Das war bei dem Krim-Gold in Amsterdam so (Archaeologik 29.1.2022) und das ist nun auch im Fall Butyagin so.
     
    4.) Archäologie zur Normalisierung ist ein Fall, der häufig eintritt, wenn ein Staat mit demokratischen Defiziten versucht, internationale Beziehungen zu halten oder zu festigen. Hier geht es einfach um Akzeptanz, nicht um die archäologischen Inhalte. Nach dem Ende der Sowjetunion hatten archäologische Ausstellungen einige Bedeutung für die Völkerverständigung - etwa auch mit der 1999 in Zusammenarbeit mit der Ukraine  im Kurpfälzischen Museum in Heidelberg  gezeigten Ausstellung „Unbekannte Krim“ (Werner/Ludwig 1999), oder den deutsch-russischen Ausstellungen der Staatlichen Museen in Berlin mit dem Puschkin-Museum in Moskau und der Eremitage in Sankt Petersburg etwa zur Merowingerzeit (Menghin / Bertram 2007). Gerade diese Normalisierung führt häufig zu divergierenden Einschätzungen und sozialem Sprengstoff. Aktuell beispielsweise geht es in der European Association of Archaeologists (EAA) um den Umgang mit Kolleg*innen aus Israel. Einige fordern, beim nächsten Annual Meeting  in Athen Kollegen aus Israel wegen der Politik Israels und dessen potentieller Kriegsverbrechen im Gaza-Streifen, generell auszuschließen und wollen andernfalls die EAA boykottieren. Außerhalb der Archäologie finden die Debatten um den Ausschluss russischer Sportler bei den olympischen Spielen, aber auch den Boykott von Fußballweltmeisterschaften 2022 in Katar oder nun auch 2026 in den USA große Aufmerksamkeit. Teilweise wird russischen Sportler*innen eine individuelle Teilnahme gestattet. Von der Teilnahme als Vertreter ihres Staates befürchtet man eine Normalisierung der Kriegsführung. Normalisierung kann dabei von zwei Seiten wirken: Einerseits kann Unrecht von Täterseite relativiert werden, andererseits kann eine fehlende Verurteilung von Opferseite als normalisierend empfunden werden. 
     
    Dabei ist zu fragen, ob die Normalisierung eine Strategie ist, die von den Akteuren selbst bewusst verfolgt wird - oder ob sie nicht ggf. einfach so weitermachen wie immer, weil sie vordergründig von dem eigentlichen Problem nicht betroffen und darin nicht engagiert sind. 
     
    Ein Pauschalurteil und der generelle Boykott ganzer Nationen dürfen kein Automatismus sein. 
     
    Im Falle Butyagin stellt sich die Frage, ob seine Vortragsreise in Europa bewusst das politische Ziel einer Normalisierung verfolgt hat und ob es darum ging, Russland salon-fähig zu machen. Schließlich wolle er tun, was er "für Russland tun muss" und schließlich stellt einer seiner Anhänger im Gerichtssaal den Prozess auch in einen Kontext mit den russischen Kriegszielen. Darum geht es aber bei der Verhaftung aktuell gar nicht - und ein Urteil ist hier eher auf einer moralischen, denn auf einer rechtlichen Ebene zu suchen. Dabei ist der Einzelfall zu berücksichtigen.

    Klar ist nur: Wissenschaftler, die durch gezielte Manipulation der Geschichte aktiv Grundprinzipien der Wissenschaftlichkeit verletzen, können keine wissenschaftlichen Partner mehr sein. Wo aber die Grenze zwischen bewusster Manipulation und unbewusster Weitergabe von Mythen verläuft, ist oft nicht klar nachzuvollziehen. Völkerverständigung bedeutet  ja gerade auch, einander mit verschiedenen Werten und Kulturen vertraut zu machen - problematisch wird das nur, wenn die transportierten Geschichtsbilder nicht auf einer wissenschaftlichen Analyse, sondern auf einer politischen Agenda oder unkritisch hingenommenen Mythen beruhen. 
    Wo verläuft aber beispielsweise die Grenze zwischen der wissenschaftlich gebotenen Dekonstruktion von Mythen und einer politischen Agitation dagegen? Viele Aspekte liegen dabei ja außerhalb der Aussagekraft archäologischer Daten.

    Monitoring durch die Ukraine

    Die Ukraine wirft Russland vor, das Kulturerbe zur Legitimation der Besetzung zu missbrauchen. Websites wie "The Ancient City of Tauric Chersonese and its Chora", betrieben vom CISS, beobachten die Situation speziell in Chersonesos. Eine weitere Website ("War Sanctions") dokumentiert illegale Ausgrabungen, Museumsdiebstähle und Zerstörungen in der gesamten Ukraine. Zahlreiche Berichte und Artikel untersuchen das russische Vorgehen bei Denkmalen, insbesondere auf der Krim (Campfens et al., 2023; Klenina et al., 2024; Kravchenko, 2024). Das CISS bietet zudem eine interaktive Karte des ukrainischen Kulturerbes, die Zerstörung, Plünderung und illegale Ausgrabungen aufzeigt.

    Ukrainische Behörden haben damit russische Archäologen, die illegale Ausgrabungen in besetzten Gebieten wie der Krim durchführen, identifiziert und werfen ihnen Verstöße gegen ukrainisches und internationales Recht vor ("War Sanctions Stealers of Heritage"). Diese Aktivitäten werden als Plünderung und Diebstahl von Kulturgütern gewertet und sind oftmals Teil größerer Bauprojekte, wie etwa der Autobahn von der Krim-Brücke bei Kertsch nach Sewastopol. Hierbei wurden zwar viele archäologische Stätten zerstört, aber immerhin durch Notgrabungen dokumentiert. Angesichts der Umstände kann es sogar als glücklich angesehen werden, dass überhaupt Grabungen durchgeführt wurden. Obwohl sie unter erheblichem Zeitdruck stattfanden, scheinen sie  auch archäologischen Standards zu genügen - anders als die Grabungen zu Putins Geschichtspark.

    Elmira Ablyalimova-Chyihoz vom CISS betont gegenüber den Medien, dass Archäologie nicht außerhalb legaler Rahmenbedingungen existiere und der Anspruch, Ausgrabungen "aufgrund einer kulturellen Mission" durchzuführen, nicht akzeptabel sei. Irina Tarsis vom Center for Art Law weist darauf hin, dass nach ukrainischem Recht seit 2004 Genehmigungen für Ausgrabungen erforderlich sind und unzulässige Grabungen als Verbrechen gelten. 

     

    Künftige Urteile

    Gerichtsurteile und moralische Urteile fallen nicht immer zusammen. Teil des moralischen Urteils sollte immer auch die Reflektion darüber sein, wie man selbst in solch einer Situation handeln würde. Früher waren das eher theoretische Denkspiele, heute sind das für manche Kolleg*innen schon ganz konkrete Entscheidungen.

    Kollegen, die auf der Krim Notgrabungen durchgeführt haben, sind sicher anders zu beurteilen als solche, die das russische Regime freiwillig unterstützen und sich aktiv über das Völkerrecht hinwegsetzen und die  Wissenschaft dazu auch propagandistisch verbiegen.  Meist wissen wir auch nicht, ob und wie die betreffenden Kolleg“innen möglicherweise unter Druck gesetzt wurden.

    Die Haltung Butyagins und die seines Arbeitgebers spaltet anscheinend auch die russische Wissenschaftsgemeinschaft. Von den Kolleg*innen in Russland erfahren wir naturgemäß nur wenig. Einige stellen sich auf die Seite Butyagins und betonen die "Grenzenlosigkeit der Archäologie". Andere bewerten sein Handeln kritisch, da er auch nach 2014 ohne ukrainische Genehmigung weitergegraben hat. Ein ehemaliger Kollege, Pawel Kolosnizyn, der Russland 2022 wegen seiner Kritik am Krieg verlassen hat, bemerkt: "Lebenswerk hin oder her, jeder trifft seine Entscheidung", sieht also eine Verantwortung.

    Auch wenn einige die Ausstellung von Haftbefehlen für alle russischen Kollegen, die an illegalen Ausgrabungen teilnehmen, für angemessen halten (Tymchuk, 2017; War Sanctions Stealers of Heritage), wird es nach Kriegsende entscheidend sein, das Ausmaß solcher Anschuldigungen realistisch zu bewerten. Viele der russischen Wissenschaftler könnten unter erheblichem Druck stehen, wie das Beispiel eines Archäologen aus St. Petersburg zeigt, der 2023 wegen der Verbreitung von "Fake News über das russische Militär" zu 5 1/2 Jahren Haft verurteilt wurde (Novaya Gazeta Europe, 2023).

    Zu gegebener Zeit wird man sich das genauer ansehen müssen. Aktuell scheint das gerechterweise kaum möglich. Das ist schlecht für Butyagin, der möglicherweise schon bald vor einem ukrainischen Gericht stehen wird.


    Quellen

    Medienberichte 

    Literatur 

    • Lifanti 2024
      O. Lifantii, Occupied Heritage in Crimea: 10 Years of Illicit Excavations. In: 30th EAA Annual Meeting, Rome, Italy 2024. Abstract Book, Rome, 433. 
    • Lytvynenko, R. (2024). Ukraine’s Archaeological Heritage: Challenges of War. In: Lytvynenko, R. O. (ed.) The Current Russian-Ukrainian War: Socio-Historical Realities and Prospects. Proceedings of the International Conference, Vinnytsia, 15 March 2024. Konstanz, 173–182. - https://rchr.org.ua/wp-content/uploads/2023/06/buklet-press-anhl.-sotssety-2.pdf
    • Menghin / Bertram 2007
      W. Menghin / M. Bertram (Hrsg.), Merowingerzeit - Europa ohne Grenzen. Archäologie und Geschichte des 5. bis 8. Jahrhunderts. Archeologija i istorija V - VIII vv. = Merowingerzeit - Europa ohne Grenzen = The Merovingian period - Europe without borders (Wolfratshausen 2007). 
    • Schreg 2025
      R. Schreg, Russian Fake Historyand the Destruction of Heritage Sites by Illegal Excavations TEA 86, 2025, 27-36. - https://www.e-a-a.org/EAA/News___Publications/TEA_86_content/Special_Section.aspx
    • Werner / Ludwig 1999
      T. Werner / R. Ludwig (Hrsg.), Unbekannte Krim: archäologische Schätze aus drei Jahrtausenden. Ausstellungskat. Kurpfälz. Museum Heidelberg (9. Mai - 8. August 1999) (Heidelberg 1999). 

    Interne Links