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Montag, 3. August 2026

Chersonesos: Weltkulturerbe auf der roten Liste

Die antike Stadt Chersonesos und ihr Umland im Südwesten der Krim wurde im Juli 2026 offiziell auf die Liste des gefährdeten Welterbes der UNESCO gesetzt. Diese Entscheidung fiel während der 48. Sitzung des Welterbekomitees in Busan, Republik Korea.

Gründe für die Eintragung der Stätte in die Liste des gefährdeten Welterbes waren dokumentierte Belege für illegale archäologische Ausgrabungen, die großflächige Bebauung der Stätte und ihrer Pufferzonen, die Zerstörung des archäologischen Kontextes, die Verbringung von Kulturgut außerhalb der Krim sowie weitere Handlungen, die die Erhaltung ihres außergewöhnlichen universellen Wertes bedrohen.

Die Zerstörungen durch Putins Propagandapark habe ich hier auf Archaeologik und für die EAA dokumentiert – verbunden mit dem Aufruf, dass die UNESCO handeln und der Stätte den Welterbestatus aberkennen müsse.


Das Kommitee begründete den Schritt juristisch mit zwei Kriterien der UNESCO-Richtlinien: 
  • Nachgewiesene Gefahr (Ascertained Danger): Der reale, unumkehrbare Verlust der historischen Authentizität durch die modernen Überbauungen. 
  • Potenzielle Gefahr (Potential Danger): Der anhaltende bewaffnete Konflikt, die mangelnde Rechtsstaatlichkeit durch die illegale Annexion sowie der negative Einfluss großflächiger urbaner Regionalprojekte. 
Hinzu kommt der mangelnde Zugang durch die verantwortliche Ukraine. Da sie seit 2014 keinen physischen Zugriff mehr auf das Territorium hat, kann sie ihren völkerrechtlichen Verpflichtungen zum Schutz und Management der Stätte nicht nachkommen. 

Die Aufnahme in die „Rote Liste“ entzieht einer Stätte nicht den Welterbe-Titel. Sie ist jedoch ein internationaler Alarmmechanismus. Damit werden erweiterte UN-Überwachungsprozesse in Gang gesetzt, Gelder aus globalen Notfallfonds freigegeben und rechtliche Grundlagen für spätere internationale Strafprozesse wegen der Zerstörung von Kulturgütern im Krieg gefestigt. Chersonesos ist damit die erste Welterbestätte auf der von Russland besetzten Krim, die diesen Status erhält. 


Politische Reaktionen

Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha und das Ministerium für Kultur begrüßten das Urteil als „wichtige internationale Bestätigung der russischen Zerstörungen“. Die Ukraine fordert nun verstärkte weltweite Kontrollen, um den illegalen Handel mit den geraubten antiken Kulturgütern aus der Krim zu stoppen. Westliche Staaten wie Polen, Tschechien und die Schweiz unterstützten den ukrainischen Antrag während der Sitzung aktiv.

Der russische UNESCO-Vertreter Rinat Aljautdinow erklärte, Russland erkenne die Entscheidung nicht an. Moskau behauptet, die Maßnahmen vor Ort dienten dem „Erhalt“ und der „Restaurierung“ der Denkmäler. Tatsächlich zeigen die vorliegenden Informationen deutkich, dass Russland für seine nationale Propaganda Geschichte umdeutet und die Zerstörung authentischer Quellen dazu zumindest un Kauf nimmt.


Weitere Stätten auf der Krim

Chersonesos ist die einzige offizielle UNESCO-Welterbestätte auf der Krim. Daher  bezieht sich die Rote Liste der UNESCO für die Krim rein auf diese Stätte. Dennoch äußern sich die UNESCO sowie internationale Experten im Zuge der aktuellen Beschlüsse auch zu anderen historisch bedeutenden Kulturdenkmälern der Krim, die unter Denkmalschutz oder far auf der Vorschlagsliste (Tentative List) der Ukraine stehen: 

Der Khanspalast von Bachtschyssaraj gilt als das wichtigste verbliebene Kulturdenkmal der indigenen Krimtataren. Die ukrainische Delegation (darunter Kulturministerin Tetjana Bereschna) hat bei der UNESCO-Sitzung explizit gefordert, auch den Khanpalast unter internationalen Schutz zu stellen. Russland führt dort seit Jahren sogenannte „Restaurierungen“ durch, bei denen laut Denkmalschützern historische Eichenbalken und authentische Ziegel mutwillig durch moderne Materialien ersetzt wurden. Kritiker werfen Moskau vor, die krimtatarische Identität und Geschichte gezielt auszulöschen (vgl. Archaeologik) 30.12.2017).  
 
Khanspalast Bakchissaraj
(Foto: R. Schreg/RGZM)


Auch andere archäologische Stätten der Krim geraten zunehmend ins Visier kommerzieller und militärischer Bauprojekte. Die byzantinische Festung Cembalo bei Balaklava ist durch ein großes Neubauprojekt mit Luxushotels und Yachthafen bedroht. Große Teile des geschützten Areals wurden freigegeben, um Platz für ein Luxushotel-Projekt russischer Oligarchen zu schaffen. Zuvor wurden dort wertvolle Kulturschichten aus dem 14. bis 18. Jahrhundert in einer Notgrabung untersucht.
Archaeologik hat schon früher die Situation auf der Krim thematisiert (Label Krim). 

Das generelle Mandat der UNESCO zur Krim

Da die UNESCO die Annexion der Krim völkerrechtlich nicht anerkennt, fordert das Welterbekomitee in seinen Resolutionen fortlaufend den Schutz aller beweglichen und unbeweglichen Kulturgüter auf der gesamten Halbinsel. Die Organisation ruft die internationale Gemeinschaft auf, den illegalen Handel und Schmuggel mit Antiquitäten zu stoppen, die bei unautorisierten Grabungen auf der Krim entwendet und nach Russland verbracht werden. 

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Links

 Interne Links



 


Mittwoch, 25. März 2026

Der Fall Butyagin - Politik in der Archäologie

Bereits im Dezember 2025 wurde der russische Staatsbürger Alexander Butyagin in Warschau festgenommen. Die Ukraine hat bei der Warschauer Staatsanwaltschaft einen Antrag auf Auslieferung gestellt. Butyagin ist Leiter der Abteilung für antike Archäologie der Schwarzmeerregion des Staatlichen Eremitage-Museums in St. Petersburg und ihm werden illegale Ausgrabungen auf der Krim vorgeworfen.

Butyagin, 1971 noch in der Sowjetunion in Leningrad geboren und in Leningrad aufgewachsen, arbeitete schon seit 1999 als Ausgrabungsleiter in Myrmekion, einer antiken griechischen Kolonie aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. auf der Krim nahe des heutigen Kertsch. Bereits seine Abschlussarbeit an der staatlichen Universität in Leningrad befasste sich mit Myrmekion. Seitdem ist er an der Eremitage tätig wo er 2006 Abteilungsleiter wurde. Von 2010 bis zum russischen Angriffskrieg arbeitete er auch in römischen Villen am Golf von Neapel.

Die Grabungen erfolgten seit 2014 in Myrmekion mit russischer, nicht mit ukrainischer Genehmigung. Bereits im Januar 2022 begann die Ukraine ein Strafverfahren gegen Butyagin wegen "illegaler Grabungen".

Die Ukraine hat deswegen schon seit Jahren eine ganze Reihe von Archäolog*innen international zur Fahndung ausgeschrieben. Dennoch war Butyagin 2025 auf einer Vortragsreise durch Europa – geplant waren die Stationen Paris, Prag, Amsterdam, Warschau und Belgrad. An den ersten Stationen konnte er seinen Vortrag über "Die letzten Tage von Pompeji" auch halten. 

 

Russlands Reaktion und Butyagins Verteidigung

Der Fall Butyagin entwickelt sich nun zum diplomatisch-juristischen Nebenkriegsschauplatz. Russland bezeichnet die Festnahme als "politisch motiviert" und hat den polnischen Botschafter einbestellt. Das russische Außenministerium nannte die Vorwürfe "absurd" und behauptete, Butyagins Arbeit "bereichere das kulturelle Erbe der Völker der Krim". Michail Piotrowski, der Direktor der Eremitage, verglich die Verhaftung Butyagins und die Sanktionen gegen Russland mit der Belagerung Leningrads. 

Butyagin selbst betonte stets, er habe wissenschaftlich korrekt gearbeitet und sei kein Gesetzesbrecher, sondern ein Forscher, der dokumentiere und bewahre. Er sah sich als "Mann von Spaten, Kellen, Pinseln" und "Archiven", nie als "Mann der Politik". Er verwies auf die historischen Verbindungen der Eremitage zur Krim, die bis ins zaristische Russland zurückreichen. 2014 verfasste Butyagin nach der russischen Besetzung der Krim allerdings ein Gedicht, in dem er Russland seine Treue versicherte: "Bereit für Gefängnis und Armut, tue ich das, was ich für Russland tun muss." Dies zeigt seine Priorisierung der Loyalität gegenüber dem Staat über potenzielle rechtliche Grauzonen, was seine Beteuerungen, seine Tätigkeit sei völlig unpolitisch, in Frage stellt.
 

Der Prozess in Polen

Ein Warschauer Berufungsgericht hat im Februar Butyagins Verhaftung bestätigt, und seine Haft bis zum 1. Juni 2026 verlängert. Ein polnisches Gericht muss nun über die Auslieferung an die Ukraine entscheiden. 

Das polnische Gericht befasst sich nicht mit der Frage der Schuld Butyagins. Es klärt nur, ob die ihm von der Ukraine vorgeworfenen Handlungen eine Straftat darstellen, die nach polnischem und ukrainischem Recht mit mindestens einem Jahr Gefängnis zu bestrafen wäre; ob der Antrag der Ukraine ausreichend begründet ist und ob Butyagin in der Ukraine ein faires Verfahren bekommen würde.

Im Januar wurde der Prozess vorübergehend unterbrochen, da Butyagins Anwälte gegen die Richterin einen inzwischen abgelehnten Befangenheitsantrag gestellt hatten.

Bei der Verhandlung im Januar trat ein maskierter Demonstrant auf, der ein Foto von Butyagin hochhielt und lautstark über die Notwendigkeit sprach, „das Naziregime in Kiew zu bekämpfen“. Abgelehnt wurde zudem der Antrag, Butyagin aus der Haft zu entlassen und stattdessen in Hausarrest zu nehmen. Kolleg*innen - auch aus dem Westen - hatten eine Petition eingereicht und gesammelt, um einen Hausarrest zu erreichen.

Instrumentalisierung der Archäologie

Der russische Krieg in der Ukraine zeigt verschiedene Arten, wie Archäologie politisch instrumentalisiert wird. 
 
1.) Da ist zunächst die bewusste Manipulation. Herausragendes Beispiel dafür ist Putins Geschichtspark in Chersonnesos. Direkt an die Kernzone des UNESCO-Welterbes Und mitten in der antiken Vorstadt und mittelalterlichen Besiedlung wurden hier Pseudo-Rekonstruktionen hingeklotzt, die die propagierte Größe der russischen Vergangenheit vermitteln sollen (vgl. Archaeologik 4.8.2024; Schreg 2025). Hier geht es um Manipulation in der Interpretation und der Vermittlung, die sich ggf. auch Originalbefunde zerstört oder verfälscht. Auch Inszenierungen archäologischer Stätten als Bühne für politische Veranstaltungen können manipulativ sein (müssen es aber nicht unbedingt).
 
2.) Die subtile Propagandierung, bei der den beteiligten Wissenschaftlern in ihrem “quellen- und praxisorientierten“ Herangehen die eigenen Vorurteile gar nicht mehr bewusst sind und daher Wissenschaftlichkeit und Selbstkritik soweit verloren gehen, dass etablierte, aber möglicherweise falsche Geschichtsbilder weitergetragen werden. Politisch-gesellschaftlich stabilisiert dies bestehende Verhältnisse oder unterstützt konservative, schlimmstenfalls rückwärtsgewandte Weltbilder. Auf der Krim sind dies die ethnischen Deutungen, die weiterhin unreflektiert verbreitet werden, obwohl sie ein Konstrukt des Stalinismus sind. Damals waren die Alano-Goten erfunden worden, um die deutsche Gotenpropaganda abzuwehren und andererseits, um sich nicht mit den wenig angesehenen Byzantinern auseinandersetzen zu müssen (Archaeologik 28.6.2020). Die Politik steuert hier im Hintergrund nicht selten dadurch, dass sie durch Förderanreize oder Verbote bestimmte Themen unterdrückt oder fördert - oder in die Personalauswahl der Wissenschaft eingreift.
Die Integration archäologischer Funde und Stätten in die eigene Nationalgeschichte kann banal, aber auch politisch-identitätsstiftend sein und wäre je nachdem dem einen oder anderen zuzuordnen.

3.) Die Verfügbarkeit über archäologische Funde und Stätten als Ausdruck staatlicher Hoheitsrechte.  Die Initiative dafür geht oft nicht von der Archäologie aus, aber gerade solche Fälle machen klar, dass die Archäologie nicht unpolitisch sein kann. Im russischen Krieg gegen die Ukraine war dies von Anfang an ein wesentliches Feld der politischen Rolle der Archäologie. Der Aspekt wird vor allem dann wirksam, wenn eine öffentliche Aufmerksamkeit vorhanden ist und die Hoheitsrechte demonstrativ eingefordert werden können. Das war bei dem Krim-Gold in Amsterdam so (Archaeologik 29.1.2022) und das ist nun auch im Fall Butyagin so.
 
4.) Archäologie zur Normalisierung ist ein Fall, der häufig eintritt, wenn ein Staat mit demokratischen Defiziten versucht, internationale Beziehungen zu halten oder zu festigen. Hier geht es einfach um Akzeptanz, nicht um die archäologischen Inhalte. Nach dem Ende der Sowjetunion hatten archäologische Ausstellungen einige Bedeutung für die Völkerverständigung - etwa auch mit der 1999 in Zusammenarbeit mit der Ukraine  im Kurpfälzischen Museum in Heidelberg  gezeigten Ausstellung „Unbekannte Krim“ (Werner/Ludwig 1999), oder den deutsch-russischen Ausstellungen der Staatlichen Museen in Berlin mit dem Puschkin-Museum in Moskau und der Eremitage in Sankt Petersburg etwa zur Merowingerzeit (Menghin / Bertram 2007). Gerade diese Normalisierung führt häufig zu divergierenden Einschätzungen und sozialem Sprengstoff. Aktuell beispielsweise geht es in der European Association of Archaeologists (EAA) um den Umgang mit Kolleg*innen aus Israel. Einige fordern, beim nächsten Annual Meeting  in Athen Kollegen aus Israel wegen der Politik Israels und dessen potentieller Kriegsverbrechen im Gaza-Streifen, generell auszuschließen und wollen andernfalls die EAA boykottieren. Außerhalb der Archäologie finden die Debatten um den Ausschluss russischer Sportler bei den olympischen Spielen, aber auch den Boykott von Fußballweltmeisterschaften 2022 in Katar oder nun auch 2026 in den USA große Aufmerksamkeit. Teilweise wird russischen Sportler*innen eine individuelle Teilnahme gestattet. Von der Teilnahme als Vertreter ihres Staates befürchtet man eine Normalisierung der Kriegsführung. Normalisierung kann dabei von zwei Seiten wirken: Einerseits kann Unrecht von Täterseite relativiert werden, andererseits kann eine fehlende Verurteilung von Opferseite als normalisierend empfunden werden. 
 
Dabei ist zu fragen, ob die Normalisierung eine Strategie ist, die von den Akteuren selbst bewusst verfolgt wird - oder ob sie nicht ggf. einfach so weitermachen wie immer, weil sie vordergründig von dem eigentlichen Problem nicht betroffen und darin nicht engagiert sind. 
 
Ein Pauschalurteil und der generelle Boykott ganzer Nationen dürfen kein Automatismus sein. 
 
Im Falle Butyagin stellt sich die Frage, ob seine Vortragsreise in Europa bewusst das politische Ziel einer Normalisierung verfolgt hat und ob es darum ging, Russland salon-fähig zu machen. Schließlich wolle er tun, was er "für Russland tun muss" und schließlich stellt einer seiner Anhänger im Gerichtssaal den Prozess auch in einen Kontext mit den russischen Kriegszielen. Darum geht es aber bei der Verhaftung aktuell gar nicht - und ein Urteil ist hier eher auf einer moralischen, denn auf einer rechtlichen Ebene zu suchen. Dabei ist der Einzelfall zu berücksichtigen.

Klar ist nur: Wissenschaftler, die durch gezielte Manipulation der Geschichte aktiv Grundprinzipien der Wissenschaftlichkeit verletzen, können keine wissenschaftlichen Partner mehr sein. Wo aber die Grenze zwischen bewusster Manipulation und unbewusster Weitergabe von Mythen verläuft, ist oft nicht klar nachzuvollziehen. Völkerverständigung bedeutet  ja gerade auch, einander mit verschiedenen Werten und Kulturen vertraut zu machen - problematisch wird das nur, wenn die transportierten Geschichtsbilder nicht auf einer wissenschaftlichen Analyse, sondern auf einer politischen Agenda oder unkritisch hingenommenen Mythen beruhen. 
Wo verläuft aber beispielsweise die Grenze zwischen der wissenschaftlich gebotenen Dekonstruktion von Mythen und einer politischen Agitation dagegen? Viele Aspekte liegen dabei ja außerhalb der Aussagekraft archäologischer Daten.

Monitoring durch die Ukraine

Die Ukraine wirft Russland vor, das Kulturerbe zur Legitimation der Besetzung zu missbrauchen. Websites wie "The Ancient City of Tauric Chersonese and its Chora", betrieben vom CISS, beobachten die Situation speziell in Chersonesos. Eine weitere Website ("War Sanctions") dokumentiert illegale Ausgrabungen, Museumsdiebstähle und Zerstörungen in der gesamten Ukraine. Zahlreiche Berichte und Artikel untersuchen das russische Vorgehen bei Denkmalen, insbesondere auf der Krim (Campfens et al., 2023; Klenina et al., 2024; Kravchenko, 2024). Das CISS bietet zudem eine interaktive Karte des ukrainischen Kulturerbes, die Zerstörung, Plünderung und illegale Ausgrabungen aufzeigt.

Ukrainische Behörden haben damit russische Archäologen, die illegale Ausgrabungen in besetzten Gebieten wie der Krim durchführen, identifiziert und werfen ihnen Verstöße gegen ukrainisches und internationales Recht vor ("War Sanctions Stealers of Heritage"). Diese Aktivitäten werden als Plünderung und Diebstahl von Kulturgütern gewertet und sind oftmals Teil größerer Bauprojekte, wie etwa der Autobahn von der Krim-Brücke bei Kertsch nach Sewastopol. Hierbei wurden zwar viele archäologische Stätten zerstört, aber immerhin durch Notgrabungen dokumentiert. Angesichts der Umstände kann es sogar als glücklich angesehen werden, dass überhaupt Grabungen durchgeführt wurden. Obwohl sie unter erheblichem Zeitdruck stattfanden, scheinen sie  auch archäologischen Standards zu genügen - anders als die Grabungen zu Putins Geschichtspark.

Elmira Ablyalimova-Chyihoz vom CISS betont gegenüber den Medien, dass Archäologie nicht außerhalb legaler Rahmenbedingungen existiere und der Anspruch, Ausgrabungen "aufgrund einer kulturellen Mission" durchzuführen, nicht akzeptabel sei. Irina Tarsis vom Center for Art Law weist darauf hin, dass nach ukrainischem Recht seit 2004 Genehmigungen für Ausgrabungen erforderlich sind und unzulässige Grabungen als Verbrechen gelten. 

 

Künftige Urteile

Gerichtsurteile und moralische Urteile fallen nicht immer zusammen. Teil des moralischen Urteils sollte immer auch die Reflektion darüber sein, wie man selbst in solch einer Situation handeln würde. Früher waren das eher theoretische Denkspiele, heute sind das für manche Kolleg*innen schon ganz konkrete Entscheidungen.

Kollegen, die auf der Krim Notgrabungen durchgeführt haben, sind sicher anders zu beurteilen als solche, die das russische Regime freiwillig unterstützen und sich aktiv über das Völkerrecht hinwegsetzen und die  Wissenschaft dazu auch propagandistisch verbiegen.  Meist wissen wir auch nicht, ob und wie die betreffenden Kolleg“innen möglicherweise unter Druck gesetzt wurden.

Die Haltung Butyagins und die seines Arbeitgebers spaltet anscheinend auch die russische Wissenschaftsgemeinschaft. Von den Kolleg*innen in Russland erfahren wir naturgemäß nur wenig. Einige stellen sich auf die Seite Butyagins und betonen die "Grenzenlosigkeit der Archäologie". Andere bewerten sein Handeln kritisch, da er auch nach 2014 ohne ukrainische Genehmigung weitergegraben hat. Ein ehemaliger Kollege, Pawel Kolosnizyn, der Russland 2022 wegen seiner Kritik am Krieg verlassen hat, bemerkt: "Lebenswerk hin oder her, jeder trifft seine Entscheidung", sieht also eine Verantwortung.

Auch wenn einige die Ausstellung von Haftbefehlen für alle russischen Kollegen, die an illegalen Ausgrabungen teilnehmen, für angemessen halten (Tymchuk, 2017; War Sanctions Stealers of Heritage), wird es nach Kriegsende entscheidend sein, das Ausmaß solcher Anschuldigungen realistisch zu bewerten. Viele der russischen Wissenschaftler könnten unter erheblichem Druck stehen, wie das Beispiel eines Archäologen aus St. Petersburg zeigt, der 2023 wegen der Verbreitung von "Fake News über das russische Militär" zu 5 1/2 Jahren Haft verurteilt wurde (Novaya Gazeta Europe, 2023).

Zu gegebener Zeit wird man sich das genauer ansehen müssen. Aktuell scheint das gerechterweise kaum möglich. Das ist schlecht für Butyagin, der möglicherweise schon bald vor einem ukrainischen Gericht stehen wird.


Quellen

Medienberichte 

Literatur 

  • Lifanti 2024
    O. Lifantii, Occupied Heritage in Crimea: 10 Years of Illicit Excavations. In: 30th EAA Annual Meeting, Rome, Italy 2024. Abstract Book, Rome, 433. 
  • Lytvynenko, R. (2024). Ukraine’s Archaeological Heritage: Challenges of War. In: Lytvynenko, R. O. (ed.) The Current Russian-Ukrainian War: Socio-Historical Realities and Prospects. Proceedings of the International Conference, Vinnytsia, 15 March 2024. Konstanz, 173–182. - https://rchr.org.ua/wp-content/uploads/2023/06/buklet-press-anhl.-sotssety-2.pdf. 
  • Menghin / Bertram 2007
    W. Menghin / M. Bertram (Hrsg.), Merowingerzeit - Europa ohne Grenzen. Archäologie und Geschichte des 5. bis 8. Jahrhunderts. Archeologija i istorija V - VIII vv. = Merowingerzeit - Europa ohne Grenzen = The Merovingian period - Europe without borders (Wolfratshausen 2007). 
  • Schreg 2025
    R. Schreg, Russian Fake Historyand the Destruction of Heritage Sites by Illegal Excavations TEA 86, 2025, 27-36. - https://www.e-a-a.org/EAA/News___Publications/TEA_86_content/Special_Section.aspx
  • Werner / Ludwig 1999
    T. Werner / R. Ludwig (Hrsg.), Unbekannte Krim: archäologische Schätze aus drei Jahrtausenden. Ausstellungskat. Kurpfälz. Museum Heidelberg (9. Mai - 8. August 1999) (Heidelberg 1999). 

Interne Links 

Sonntag, 4. August 2024

Russische Geschichtsfantasy in Chersonesos: UNESCO-Welterbetitel muss aberkannt werden

Dass die russische Besetzung der Krim nichts Gutes für die archäologischen Befunde in Chersonesos zu bedeuten hat, war abzusehen. Bereits kurz nach der Besetzung der Krim brachte Putin die Fundstelle unter direkte Kontrolle des Kulturministeriums in Moskau. Bei einem Besuch 2015 ergriff er die Initiative für "den größten Museumskomplex in Russland als ein spirituelles und pädagogisches Zentrum in der Nähe des antiken Chersones, das der Geschichte der russischen Orthodoxie und des Weltchristentums gewidmet ist.„ 2017 sprach Vladimir Putin von „der Notwendigkeit, Chersones zu einem gesamtrussischen historischen Zentrum zu entwickeln, das mit der Bildung der russischen Nation und eines einheitlichen russischen Staates verbunden ist“ (http://фондмояистория.рф/o-fonde/). “Eine breite öffentliche Darstellung von Chersones als nationalem, sakralem Zentrum Russlands wird es ermöglichen, im internationalen Informationsbereich ein klares und eindeutiges Verständnis für die grundlegende Bedeutung der Krim als historische Taufstätte und unveräußerlichem Teil des russischen Staates zu schaffen”.

   Vladimir-Kathedrale inmitten der antiken Fundstelle
von Chersonesos 
(Foto: R.Schreg/RGZM, 2007)
Im Juli 2024 vermeldet die Stiftung, dass der 2022 begonnene Bau der Anlagen in New Resos abgeschlossen werde. Auf 24 ha befinden sich nun Gebäude und Bauwerke mit einer Gesamtfläche von 40.000 m², die ein einzigartiges Garten- und Parkensemble bilden, so sei neben dem antiken Chersonesos eine echte byzantinische Stadt entstanden, die Besucher mit ihrer Größe und Schönheit beeindrucke. Zu der Anlage gehören drei Museen, nämlich das Museum des Christentums, das Museum für Antike und Byzanz sowie das Museum der Krim und Neurussland. Zum Komplex gehören weiterhin ein “Tempelpark”, ein modernes Amphitheater mit 1200 Plätzen für historische Aufführungen, Rekonstruktionen von Schlachten und Gladiatorenkämpfen sowie Aufführungen von Werken antiker und moderner Autoren. Geplant sind "Massenveranstaltungen mit theatralischen Prozessionen und Karneval”. Der Schwerpunkt der Darstellung soll hier auf den letzten Jahrhunderten liegen, weil sich herausgestellt habe, "dass die Geschichte der Halbinsel untrennbar mit unserem Land verbunden war." Im Mittelpunkt soll hier ein Markt stehen, dessen Beschreibung auf den Seiten von my history, stark nach einem historischen Trödelmarkt klingt (http://фондмояистория.рф/novosti/muzejno-xramovyij-kompleks-%C2%ABnovyij-xersones%C2%BB.html)..

Ein Post der russischen Botschaft in Südafrika auf TwiX zeigt einige Bilder der Anlage.



Eine russische Nachrichtensendung von HTC Sevastopol auf youtube vermittelt weitere Eindrücke:
Auf youtube stehen auch erste Touristen-Videos:
Im April 2024 kündigte Putin zudem die Eröffnung eines Jugendbildungszentrums in Chersonesos an. Es soll noch dieses Jahr in Betrieb gehen. Der Bau wird von "Spezialisten des militärisch-industriellen Komplexes des russischen Verteidigungsministeriums errichtet” (http://фондмояистория.рф/novosti/kopiya-v-obrazovatelnom-czentre-mashuk-rasskazali-o-proektax-fonda.html).

Zur Umsetzung des Projektes wurde eine Stiftung "My History", mit Sitz in Moskau gegründet, die Wissenschaftler des Instituts für Archäologie und des Instituts für russische Geschichte der russischen Akademie der Wissenschaften sowie die Universität Moskau und andere akademische Institute einbindet.

Der neuen Stiftung my History wurden inzwischen viele weitere Geschichtsparks in Russland unterstellt in vier Regionen und insgesamt 24 Städten darunter auch Novgorod (http://фондмояистория.рф/proekty/rossiya-moya-istoriya/)

Aus Anlaß der Eröffnung des Parks im Probebetrieb am 30.7.2024 wurde der Park als Thema in den Medien aufgegriffen.
Die Bezeichnung des Putin'schen Geschichtsparks als Disneyland zieht sich durch fast alle Berichte. Disneyland ist zwar auch nicht Ideologie-frei, dient aber vorrangig der Unterhaltung und ist klar ein Ort der Phantasie. Neu-Cherson versucht jedoch, sein Publikum zu betrügen, indem es vorspiegelt, reales historisches Wissen zu vermitteln. Ein Blick auf die Fotos und Videos der Neubauten macht auf den ersten Blick klar, dass es hier nicht um archäologische Rekonstruktionen geht. Die gebauten Komplexe haben nichts mit den sehr viel kleineren ergrabenen Bauten der antiken Stadt und erst recht nicht mit der mittelalterlichen Stadt zu tun. So prunkvoll und edel war die Antike nicht - und sicher nicht zu Zeiten Vladimirs. Es geht hier nicht um Geschichtsvermittlung, sondern um Geschichtskonstruktion, die einen russischen Machtanspruch darstellen und legitimieren soll. Die Bauten erinnern mehr an neuzeitliche Herrschaftsarchitektur und Putins Prunkpalast als an byzantinische Bauten.

Die aktuellen Berichte suggerieren, dass das Gelände des Ruinengeländes der antiken Stadt durch den neuen Park überbaut und zerstört wurde. Das Zentrum des neuen Putinparks liegt jedoch südlich des antiken Stadtareals. Vor einigen Jahren befanden sich hier Militär-, Industrie- und Gewerbeflächen. In der Kartierung des UNESCO-Weltkulturerbes liegt das Areal außerhalb des eigentlichen Schutzgebietes, wohl aber in der Buffer-Zone, in die auch weit abseits gelegene Reste der antiken Flureinteilung der Halbinsel eingestuft worden sind.

 

Die antike Stadt Chersonesos westlich von Sevastopol
mit Eintrag der Flächen, die nach GoogleEarth seit 2014 umgestaltet wurden (Graphik R. Schreg)
 

 
Die Darstellung, eine “Überbauung in Chersones und dem archäologischen Park würde Präsident Putin richtige Geschichte durch Fake-Geschichte ersetzen.” (SRF) ist also nicht völlig zutreffend. Gleichwohl war das nun überbaute Gelände nicht frei von archäologischen Befunden. In der Antike lag hier vor der Befestigung die südliche Vorstadt. Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden hier eine große Nekropole entdeckt sowie ein Handerwerkerviertel der hellenistischen Zeit mit Töpfereibetrieben. Im Vorfeld der Park-Neubauten wurden 2020/21 in kürzester Zeit Notgrabungen durchgeführt, bei denen unter anderem ein Anten-Tempel des 4. Jh. v.Chr. ausgegraben wurde, dessen Fundamente nun in dem neuen Gelände konserviert sind (Erläuterungstafel erkennbar in Touristen-Video). 
Das Umfeld der antiken Stadt ist durch Militäranlagen im 19. und 20. Jahrhundert schon lange tief gestört; wie viele Befunde in dem betreffenden Areal vor den Baumaßnahmen erhalten waren, lässt sich nicht mit Sicherheit bestimmen. Allerdings sind die Ausgrabungen in Luftbildern bei Google Earth zu erkennen. Deutlich wird, dass sehr schnell und großflächig, aber in 4 x 4 m großen Grabungschnitten ausgegraben wurde, obwohl schon auf den Luftbildern zahlreiche Befunde der Vorstadtbebauung zu erkennen sind.
Angesichts der Zerstörung der Grabungsbefunde lässt sich hier durchaus von einer Ausradierung der realen Geschichte zugunsten einer Fake-Geschichte reden. Man kann gespannt sein, wie die Ausgrabungen publiziert werden. Angeblich liegen mehrere Millionen an Funden vor.  Eine seriöse Publikation wird ganz sicher und eindeutig belegen, dass Putins Rekonstruktionen völlige Fantasie sind. Ob die Publikation zensiert werden wird (oder sich die Kolleg*innen in Selbstzensur üben [müssen]), wird sich zeigen.

Grabungsflächen in der südlichen Vorstadt von Chersonesos
von Juni 2021 bis Juni 2022 nach Google Earth. 
Der Ausschnitt zeigt nur einen kleinen Teil der Grabungen
nahe des alten Zugangs zum Ruinengelände.



Nach ukrainischer Einschätzung handelt es sich jedenfalls um die “weltweit zerstörerischsten Aktivitäten an einer Stätte der antiken Archäologie. In den Jahren 2021–2023 wurden 85.000 Quadratmeter der Kulturschicht zerstört, etwa 4 Millionen Objekte und mehr als 1.500 archäologische Komplexe entfernt (nach Angaben der Besatzungsverwaltung).”
  • vgl. https://ciss.org.ua/en/map.html mit Zoom auf Chersonesos - Die Seite des Crimean Institute for Strategic Studie präsentiert eine Liste der Kulturgutzerstörungen inklusive aller Grabungen, die auf der Krim nach 2014 ohne Genehmigung der ukrainischen Behörden durchgeführt wurden. Die Beschreibungen wurden offenbar von Archäologen vorgenommen, bieten aber leider keine Quellen zu den Aussagen über die russischen Grabungen. Im Falle einiger Aussagen über die Höhensiedlung Mangup wurden offenbar die Publikationen in der Zeitschrift MAYET ausgewertet.

Zweifellos ist der Putinpark eine nicht zu rechtfertigende Zerstörung archäologischer Quellen. Wissenschaftliche Seriosität gebietet es, dem dort ptäsentierten Geschichtsbild (da ist auch mit Führungen oder seriösen Ausstellungen vor Ort nichts mehr zu retetn) vehement zu widersprechen - aber auch, dass auch ukrainische Propaganda nicht unbesehen wiederholt und verbreitet wird. Die Medienberichte blieben hier allesamt sehr unkritisch und folgen den Darstellungen der Interviewpartner, die überwiegend nicht als Wissenschaftler, sondern als Kriegsbeobachter und -kommentatoren agieren.

Anzumerken ist deshalb auch, dass bei der berechtigten Empörung auf ukrainischer Seite fragwürdige Eingriffe in die archäologische Stätte bereits vor der russischen Okkupation eingesetzt haben. Ein Vergleich der historischen Luftbilder auf Google Earth zeigt, dass bereits 2008 im Umfeld der modernen Vladimir-Kathedrale einige Gebäude in das Ruinengelände gebaut worden sind. Auch die Anlage eines Gartens und der Ausbau des Theaters ist bereits auf einem Luftbild des Jahres 2012 zu erkennen. Die Installationen im Theater scheinen nun indes größer und schwerer geworden zu sein.

GoogleEarth zeigt kein beruhigendes Bild, aber ein anderes als es in aktuellen Medienberichten wiederholt wird. Neu-Chersonesos ist ein Propagandaprojekt, das abermals die Bedeutung der Geschichtspolitik in Putins Herrschaftsdenken belegt. 

Putin als Plünderer der Antike im August 2011
(Foto: Kreml, CC BY 4.0 via WikimediaCommons)


 

Fazit: UNESCO-Welterbetitel muß aberkannt werden

Der Status als UNESCO-Welterbe muss Chersonesos aberkannt werden! Angesichts der Tatsache, dass die UNESCO dies schon bei geringeren Eingriffen getan hat, ist es zwingend geboten, dass die UNESCO in Moskau protestiert und den Welterbetitel auch entzieht. Putins-Propaganda-Geschichte darf nicht durch ein Welterbelabel aufgewertet werden.

 


weitere Links

interne Links

  • Beiträge auf Archaeologik zur Krim

 

Literaturhinweise

  • J.C. Carter (Hrsg.), Crimean Chersonesos: City, Chora, Museum, and Environs (Austin 2003)
 

Änderungsvermerk 17.8.2025: 
einige Typos korrigiert 

Samstag, 24. Februar 2024

Politik, Propaganda und Geschäfte mit archäologischen Funden - 2 Jahre russischer Überfall auf die Rest-Ukraine

Vor zwei Jahren hat Russland die Ukraine überfallen. Aus russischer sichthat sie eigentlich nur die Rest-Ukraine überfallen, denn der Krieg begann schon 2014 mit der Annexion der Krim. Ein Ende des Krieges ist nicht in Sicht.  Der russische Umgang mit archäologischen Funden verrät einiges über die russischen Kriegsziele.

Im letzten Blogpost (Archaeologik 14.2.2024) zum russischen Krieg gegen die Ukraine standen die Zerstörungen im Mittelpunkt, die Plünderungen der Museen waren nur angedeutet.

 

"Sicherstellungen"

Auch dazu gibt es inzwischen zahlreiche Berichte, die indes in der augenblicklichen Situation kein abschließendes Urteil erlauben und kaum konkrete Objekte benennen. Im Januar 2014 hat Forbes versucht, eine Liste der berühmtesten in der Ukraine geraubten Kunstwerke zusammenzustellen, die aber kaum auf die Archäologie einging.

Bezogen auf archäologische Funde  ist bekannt, dass russische Akteure aus den Museen in Kherson, Mariupol und Melitopol entfernt haben. Nachdem Putin im Oktober 2021 über die besetzten und annektierten Gebiete der Ukraine das Kriegsrecht verhängt hat, "legalisierte" er damit auch eine "Sicherung" der Kulturgüter. Nach internationalem Recht ist dies nicht zulässig, doch wäre es für den Schutz der Objekte möglicherweise tatsächlich sicherer, so aus der Kampfzone heraus zu kommen. 
In Cherson wurden mindestens 10.000 Objekte aus dem Museum abtransportiert (vgl. Archaeologik 18.11.2022). Inzwischen hat sich herausgestellt, dass sie nach Simferopol auf die Krim gebracht wurden, wo sie sich nun unter der Obhut des Zentralmuseums der Krim befinden. Aus Platzgründen sind die rund 10000 Objekte in der Konzerthalle untergebracht.

Im Mai 2022 sagten örtliche Beamte in Mariupol, russische Streitkräfte hätten mehr als 2.000 Kunstwerke aus drei Museen der Stadt geraubt, nachdem sie die Stadt erobert hatten. Die Objekte seien in die von Russland besetzte Stadt Donezk gebracht worden.

In Melitopol wurden unter Aufsicht eines unbekannten Mannes im weißen Laborkittel, beschützt durch russische Soldaten, skythische Goldfunde, darunter ein Helm aus dem Museum abtransportiert (Archaeologik 3.5.2022). Der Verbleib scheint unbekannt.

 
Der goldene skythische Goryt aus einem Kurgan bei Melitopol,
Museum of Historical Treasures of Ukraine
(Foto: VoidWanderer [CC BY-SA 4.0] via WikimediaCommons)


Die Verluste durch die mutmaßliche Plünderung des historischen und künstlerischen Erbes der Ukraine durch Russland werden auf mehrere Hundert Millionen Euro geschätzt. Eine genaue Bilanz wird schwierig sein, denn viele Museumsbestände waren schlecht inventarisiert oder es existierten nur Inventare auf Papier, die nun verschollen sind. In Cherson haben die Russen die Festplatten mit den digitalen Inventarlisten mitgenommen.


"Ausstellungen"

Es zeigt sich vielfach, dass eine vorgebliche "Sicherung" nicht das alleinige und wichtigste Ziel der russischen Abtransporte archäologischer Funde und anderer Kulturgüter darstellt. Schon lange betreibt Putin mit Archäologie Politik, erst zur Selbstdarstellung (Archaeologik 15.8.2011), später zur Inszenierung der russischen Erfolge in Syrien (Archaeologik 9.10.2022). Nun scheint es darum zu gehen, Überlieferungen, die nicht zu dem wirren Geschichstbild Pitins und seines Russlands passen, verschwinden zu lassen.
Die Journalistin Hana Mamonova sagte gegenüber der spanischen Zeitung El País, die Bedeutung des Kunstmuseums in Cherson liege darin, dass es Moskaus Propaganda-Narrativ widerspreche, wonach die Südukraine Teil Russlands sei. Zu den nun deportierten Museumsbestände gehören Objekte vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, die ukrainische Kultur darstellen. 
 
Die politische Bedeutung der Putin'schen Geschichtspolitik wird auch darin deutlich, dass der Chef des Russischen Auslandsgeheimdienstes (SVR) zugleich Präsident der Russischen Historischen Gesellschaft ist. Diese Position hat Sergei Naryshkininne, der jüngst  Pläne bekannt gemacht hat, die  Befestigungen in der östlichen und südlichen Ukraine erforschen zu wollen, "die von Russen und Klein-Russen [gemeint sind die Ukrainer] zur Verteidigung ihres gemeinsamen russischen Vaterlands" gebaut worden seien. Das ist eindeutig politisch motiviert und mit den inhärenten ethnischen Interpretationen methodisch-theoretischer Unsinn. Die Funde sollen dann in das Register der bedeutenden Denkmäler der Russischen Föderation eingetragen werden.

Russland bedient sich der rechtlich in die Ukraine gehörenden Funde für seine eigene Geschichtspropaganda, die versucht, die südliche und östliche Ukraine als russisches Gebiet darzustellen.
 
In Novgorod wurden im Mai 2023 byzantinische Funde von der Krim insbesondere aus Chersonesos bei Sevastopol ausgestellt. Hier wird versucht, Chersonesos als die legendäre Wiege der russischen Christenheit eng mit den Rus im Norden zu verknüpfen (vgl. Archaeologik 22.1.2022).
 
Im Museum in Chersonesos wurde hingegen im September 2023 eine Ausstellung eröffnet, die Grabungsfunde aus einer meso- und neolithischen Siedlung Kamyana Mohyla im russischen besetzten Teil der Region Zaporizhzhya zeigt. Die Ausgrabungen dort wurden dem Museum in Chersonnesos unterstellt, obwohl sie mit der klassischen und byzantinischen Archäologie, die das Museum vertritt, nichts zu tun haben.
 

Auch auf ukrainischer Seite werden archäologische Funde zur Propaganda eingesetzt - allerdings ohne auf eine Manipulation der Vergangenheit zu zielen. In Kiew werden die Funde des Krim-Goldes gezeigt, um die es seit 2014 gerichtliche Auseinandersetzungen gab, weil die Funde zum Zeitpunkt der russischen Besetzung der Krim als Leihgaben bei einer Ausstellung in den Niederlanden waren (vgl. Archaeologik 29.1.2022). Die Ukraine hat den Prozess gewonnen und die Funde zugesprochen bekommen.
 
Auch in den USA sichergestellte Funde - mutmaßlich Raubgrabungsfunde aus den russisch besetzten Gebieten, von denen gleich noch die Rede sein muß -, werden aktuell ebenfalls ausgestellt.


Kriminalarchäologie

Wie in vielen anderen Krisengebieten betreiben nicht nur staatliche Akteure ihre Kulturpolitik mit Museumsfunden, sondern allmählich treten auch die üblichen Hehler, Fälscher und Sammler auf den Plan.

Im Oktober 2023 wurden in Madrid 11 Fundstücke, überwiegend skythischer Goldschmuck im Wert von insgesamt etwa 60 Millionen $ sichergestellt. Drei Spanier und zwei Ukrainer, einer davon ein orthodoxer Priester wurden damals verhaftet. Gefälschte Dokumente wiesen sie als Besitz der ukrainischen orthodoxen Kirche aus. 
Die spanische Polizei publizierte  - u.a. auf TwiX - ein Videos und mehrere Bilder, die nach einem Bericht der New York Times Zweifel daran aufkommen liesen, ob es sich um originale archäologische Funde oder doch eher um Fälschungen handele. In diesem Sinne zitiert die Zeitung Leonid Babenko und Caspar Meyer als Experten.

 
In einem zweiten Fall wurden  im Sommer 2022 am Flughafen John F. Kennedy bei New York eine Streitaxt aus der Bronzezeit sowie ein khazarisches Schwert aus dem 6. Jahrhundert beschlagnahmt, die wahrscheinlich für den amerikanischen Antiquitätenmarkt bestimmt waren, auf. Bei einem der Verdächtigen soll es sich um einen Russen handeln. Die amerikanischen Behörden haben die Objekte 2023 nach Kiew zurück gegeben, wo sie sich nun im Lavra-Museumskomplex befinden. Die Funde wurden wahrscheinlich illegal in der besetzten Südukraine nahe der Krim ausgegraben oder von russischen Truppen beim Ausheben von Schützengräben entdeckt, sagt Maksym Ostapenko, der Direktor des Lavra-Museums,.
 
Raubgrabungen sind bisher vor allem aus dem Bereich des ehemaligen Kakhovk-Dnepr-Stausees bekannt geworden. Nach der vermutlichen Sprengung des Damms durch russische Truppen am 6. Juni 2022, kam es zu einer Überschwemmungskatastrophe mit enormen ökologischen Folgen. Das Wasser ging um bis zu vier Meter zurück und legte Flächen frei, die seit dem Bau des Dammes in den 1950er Jahren überflutet waren. Dabei wurden Funde aus dem Zweiten Weltkrieg aber auch aus früheren Zeiten freigelegt. Berichtet wird beispielsweise von neolithischen und bronzezeitlichen Funden, einem mittelalterlichen Boot und Flintensteinen des 17. Jahrhunderts. Bei der Anlage des Stausees sind mehrere Dörfer und Kirchen im See verschwunden, die nun teilweise wieder aufgetaucht sein müssen, wenn auch in den vorliegenden Berichten v.a. von einer Brücke aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg die Rede ist. Der Bereich liegt unmittelbar an der Front. Dennochsind hier nun Schatzgräber, aber auch einige wenige professionelle Archäologen unterwegs.



Wer sich aktuell mit skythischen und mittelalterlichen Funden oder Kunstobjekten als Sammlerstück oder Wertanlage eindeckt, muß wissen, dass er der Politik Putins in die Hände spielt. Raubgrabungen tragen dazu bei, der Ukraine authentische Zeugnisse ihrer Geschichte zu nehmen - und bieten Putin die Gelegenheit sich selbst als Retter der Kultur und Geschichte aufzuspielen, wie er dies in den letzten Jahren bereits in Syrien inszeniert hat. 

Fazit

Die Ukraine befindet sich im Krieg gegen den Angreifer Rußland. Die genannten Fälle von Museumsraub und Raubgrabungen sind derzeit kaum genauer zu ermitteln, wenngleich die Ukraine extra eine Ermittlungseinheit für solche Kulturgutdelikte aufgestellt hat. Es besteht jedoch der dringende Verdacht, dass neben den zahlreichen Mordfällen und Folterungen an Zivilisten in den russisch besetzten Gebieten auch der russische Umgang mit ukrainischem Kulturgut als Kriegsverbrechen eingestuft werden muß.

Der russische Umgang mit dem Kulturgut der Ukraine zeigt, dass es nicht um die Beseitigung eines vorgeblich "nazistischen Regimes" in der Ukraine geht, sondern um deren Okkupation und Russifizierung. Leider zeigt das eben auch, dass ein Frieden nicht einfach durch Verhandlungen zu erreichen sein wird - eine Chance hätte bestenfalls bestanden, wenn im Vorfeld Geschichts- und Kulturwissenschaften ihre Rolle in der kritischen Dekonstruktion von Mythen und Propaganda gesehen hätten, anstattt sich nun in den Dienst eines inzwischen totalitären Systems und seiner Legitimierung zu stellen. Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhundert habe ich selbst erlebt, wie unter den Kollegen auf der Krim- auch den jungen - ein sehr patriotisches, überwiegend russisches Geschichtsbild dominierte, das an Militär und Heldengeschichten interessiert war. Militärische "Leistungen" auch die der Deutschen und autoritärer Führer - allen voran gleichermaßen Hitler und Stalin - wurden dabei glorifiziert. Auch wissenschaftlich-archäologisches Interesse galt den Herrschaftsäußerungen, aber nicht etwa den Alltags- und Umweltaspekten, wie sie damaks unser Anliegen waren.

Links

Die englische Wikipedia hat einen Eintrag zum Thema:



interne Links

Montag, 28. Februar 2022

Ukrainische Museen unter russischem Feuer

Kiew ist unter russischem Feuer. Die Stadt beherbergt zahlreiche Museen, darunter auch das Archäologische Museum des Archäologischen Instituts der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine. 

Archäologisches Museum in Kiew, Vitrine zu Olbia
(Foto: Половко Сергей Николаевич [CC BY SA 4.0]
via WikimediaCommons)

 

National Public Radio aus den USA berichtete bereits am Freitag über die Kunstmuseen aus Kiew, die ihre Sammlungen weitgehend ungeschützt dem Luftangriffen ausgesetzt sehen. Nur teilweise konnten Objekte in die Keller verbracht werden.

Die Professorin für Kulturgüterrecht an der amerikanischen De Paul University in Chicago Patty Gerstenblith befürchtet bei einigen archäologischen, "skythischen"  Fundstücken, dass sie nach einer russischen Eroberung außer Landes gebracht werden könnten. Gefahr besteht wohl auch für die Existenz jener Mussem die an die jüngere Geschichte der Ukraine erinnern.

Bereits jetzt beklagt die Ukraine den Umgang mit dem Kulturgut auf der Krim.

Manche Kritik scheint auf dieser Website allerdings überzogen, da - formal korrekt  alle Ausgrabungen auf der Krim als illegal gelistet werden, auch wenn es sich um Notgrabungen handelt, die - von St. Petersburg aus organisiert - vermutlich heute finanziell deutlich besser aufgestellt sind als vor der russischen Besetzung. Auch konservatorische Standards waren vor 2014 nicht an hohen Standards zu messen. Vorwürfe, wonach die russische Archäologie auf der Krim sehr selektiv für ein russisches Narativarbeite, scheinen sich in der Datenbank nicht zu bestätigen. Glecihwohl ist es richtig und wichtig, genau zu beobachten, wie Kulturgüter ggf. als "monumentale Propaganda" zugunsten einer russischen Legitimierung herangezogen werden und die völkerrechtswidrigen Vorgänge zu dokumentieren.


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  • Label Krim auf Archaeologik

Samstag, 29. Januar 2022

Russland oder Ukraine? - Das Skythengold der Krim in der nächsten Instanz

Schon seit der russischen Besetzung der Krim 2014 tobt der Streit um archäologische Funde der Krim. Zuletzt hat ein Berufungsgericht die Funde dem ukrainischen Staat zugesprochen und dabei eine Frist für eine weitere Berufung bis vergangene Woche gesetzt. Tatsächlcih haben nun die Museen der Krim, von denen die Funde für eine Ausstellung als Leihgabe in die Niederlande kamen, nun Revision eingelegt.

Der Kreml beobachtet - und bezeichnet das Verhalten des niederländischen Museum als Diebstahl. Im letzten Urteil war das Verhalten des Museums als korrekt gewürdigt worden. Nach der Besetzung der Krim war für das Mueum zweifelhaft, ob die Museen der Krim oder der Staat Ukraine rechtmäßiger Eigentümer ist und lagert die Funde bis zu einer Klärung in einem Depot.

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