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Sonntag, 4. August 2024

Russische Geschichtsfantasy in Chersonesos: UNESCO-Welterbetitel muss aberkannt werden

Dass die russische Besetzung der Krim nichts Gutes für die archäologischen Befunde in Chersonesos zu bedeuten hat, war abzusehen. Bereits kurz nach der Besetzung der Krim brachte Putin die Fundstelle unter direkte Kontrolle des Kulturministeriums in Moskau. Bei einem Besuch 2015 ergriff er die Initiative für "den größten Museumskomplex in Russland als ein spirituelles und pädagogisches Zentrum in der Nähe des antiken Chersones, das der Geschichte der russischen Orthodoxie und des Weltchristentums gewidmet ist.„ 2017 sprach Vladimir Putin von „der Notwendigkeit, Chersones zu einem gesamtrussischen historischen Zentrum zu entwickeln, das mit der Bildung der russischen Nation und eines einheitlichen russischen Staates verbunden ist“ (http://фондмояистория.рф/o-fonde/). “Eine breite öffentliche Darstellung von Chersones als nationalem, sakralem Zentrum Russlands wird es ermöglichen, im internationalen Informationsbereich ein klares und eindeutiges Verständnis für die grundlegende Bedeutung der Krim als historische Taufstätte und unveräußerlichem Teil des russischen Staates zu schaffen”.

   Vladimir-Kathedrale inmitten der antiken Fundstelle
von Chersonesos 
(Foto: R.Schreg/RGZM, 2007)
Im Juli 2024 vermeldet die Stiftung, dass der 2022 begonnene Bau der Anlagen in New Resos abgeschlossen werde. Auf 24 ha befinden sich nun Gebäude und Bauwerke mit einer Gesamtfläche von 40.000 m², die ein einzigartiges Garten- und Parkensemble bilden, so sei neben dem antiken Chersonesos eine echte byzantinische Stadt entstanden, die Besucher mit ihrer Größe und Schönheit beeindrucke. Zu der Anlage gehören drei Museen, nämlich das Museum des Christentums, das Museum für Antike und Byzanz sowie das Museum der Krim und Neurussland. Zum Komplex gehören weiterhin ein “Tempelpark”, ein modernes Amphitheater mit 1200 Plätzen für historische Aufführungen, Rekonstruktionen von Schlachten und Gladiatorenkämpfen sowie Aufführungen von Werken antiker und moderner Autoren. Geplant sind "Massenveranstaltungen mit theatralischen Prozessionen und Karneval”. Der Schwerpunkt der Darstellung soll hier auf den letzten Jahrhunderten liegen, weil sich herausgestellt habe, "dass die Geschichte der Halbinsel untrennbar mit unserem Land verbunden war." Im Mittelpunkt soll hier ein Markt stehen, dessen Beschreibung auf den Seiten von my history, stark nach einem historischen Trödelmarkt klingt (http://фондмояистория.рф/novosti/muzejno-xramovyij-kompleks-%C2%ABnovyij-xersones%C2%BB.html)..

Ein Post der russischen Botschaft in Südafrika auf TwiX zeigt einige Bilder der Anlage.



Eine russische Nachrichtensendung von HTC Sevastopol auf youtube vermittelt weitere Eindrücke:
Auf youtube stehen auch erste Touristen-Videos:
Im April 2024 kündigte Putin zudem die Eröffnung eines Jugendbildungszentrums in Chersonesos an. Es soll noch dieses Jahr in Betrieb gehen. Der Bau wird von "Spezialisten des militärisch-industriellen Komplexes des russischen Verteidigungsministeriums errichtet” (http://фондмояистория.рф/novosti/kopiya-v-obrazovatelnom-czentre-mashuk-rasskazali-o-proektax-fonda.html).

Zur Umsetzung des Projektes wurde eine Stiftung "My History", mit Sitz in Moskau gegründet, die Wissenschaftler des Instituts für Archäologie und des Instituts für russische Geschichte der russischen Akademie der Wissenschaften sowie die Universität Moskau und andere akademische Institute einbindet.

Der neuen Stiftung my History wurden inzwischen viele weitere Geschichtsparks in Russland unterstellt in vier Regionen und insgesamt 24 Städten darunter auch Novgorod (http://фондмояистория.рф/proekty/rossiya-moya-istoriya/)

Aus Anlaß der Eröffnung des Parks im Probebetrieb am 30.7.2024 wurde der Park als Thema in den Medien aufgegriffen.
Die Bezeichnung des Putin'schen Geschichtsparks als Disneyland zieht sich durch fast alle Berichte. Disneyland ist zwar auch nicht Ideologie-frei, dient aber vorrangig der Unterhaltung und ist klar ein Ort der Phantasie. Neu-Cherson versucht jedoch, sein Publikum zu betrügen, indem es vorspiegelt, reales historisches Wissen zu vermitteln. Ein Blick auf die Fotos und Videos der Neubauten macht auf den ersten Blick klar, dass es hier nicht um archäologische Rekonstruktionen geht. Die gebauten Komplexe haben nichts mit den sehr viel kleineren ergrabenen Bauten der antiken Stadt und erst recht nicht mit der mittelalterlichen Stadt zu tun. So prunkvoll und edel war die Antike nicht - und sicher nicht zu Zeiten Vladimirs. Es geht hier nicht um Geschichtsvermittlung, sondern um Geschichtskonstruktion, die einen russischen Machtanspruch darstellen und legitimieren soll. Die Bauten erinnern mehr an neuzeitliche Herrschaftsarchitektur und Putins Prunkpalast als an byzantinische Bauten.

Die aktuellen Berichte suggerieren, dass das Gelände des Ruinengeländes der antiken Stadt durch den neuen Park überbaut und zerstört wurde. Das Zentrum des neuen Putinparks liegt jedoch südlich des antiken Stadtareals. Vor einigen Jahren befanden sich hier Militär-, Industrie- und Gewerbeflächen. In der Kartierung des UNESCO-Weltkulturerbes liegt das Areal außerhalb des eigentlichen Schutzgebietes, wohl aber in der Buffer-Zone, in die auch weit abseits gelegene Reste der antiken Flureinteilung der Halbinsel eingestuft worden sind.

 

Die antike Stadt Chersonesos westlich von Sevastopol
mit Eintrag der Flächen, die nach GoogleEarth seit 2014 umgestaltet wurden (Graphik R. Schreg)
 

 
Die Darstellung, eine “Überbauung in Chersones und dem archäologischen Park würde Präsident Putin richtige Geschichte durch Fake-Geschichte ersetzen.” (SRF) ist also nicht völlig zutreffend. Gleichwohl war das nun überbaute Gelände nicht frei von archäologischen Befunden. In der Antike lag hier vor der Befestigung die südliche Vorstadt. Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden hier eine große Nekropole entdeckt sowie ein Handerwerkerviertel der hellenistischen Zeit mit Töpfereibetrieben. Im Vorfeld der Park-Neubauten wurden 2020/21 in kürzester Zeit Notgrabungen durchgeführt, bei denen unter anderem ein Anten-Tempel des 4. Jh. v.Chr. ausgegraben wurde, dessen Fundamente nun in dem neuen Gelände konserviert sind (Erläuterungstafel erkennbar in Touristen-Video). 
Das Umfeld der antiken Stadt ist durch Militäranlagen im 19. und 20. Jahrhundert schon lange tief gestört; wie viele Befunde in dem betreffenden Areal vor den Baumaßnahmen erhalten waren, lässt sich nicht mit Sicherheit bestimmen. Allerdings sind die Ausgrabungen in Luftbildern bei Google Earth zu erkennen. Deutlich wird, dass sehr schnell und großflächig, aber in 4 x 4 m großen Grabungschnitten ausgegraben wurde, obwohl schon auf den Luftbildern zahlreiche Befunde der Vorstadtbebauung zu erkennen sind.
Angesichts der Zerstörung der Grabungsbefunde lässt sich hier durchaus von einer Ausradierung der realen Geschichte zugunsten einer Fake-Geschichte reden. Man kann gespannt sein, wie die Ausgrabungen publiziert werden. Angeblich liegen mehrere Millionen an Funden vor.  Eine seriöse Publikation wird ganz sicher und eindeutig belegen, dass Putins Rekonstruktionen völlige Fantasie sind. Ob die Publikation zensiert werden wird (oder sich die Kolleg*innen in Selbstzensur üben [müssen]), wird sich zeigen.

Grabungsflächen in der südlichen Vorstadt von Chersonesos
von Juni 2021 bis Juni 2022 nach Google Earth. 
Der Ausschnitt zeigt nur einen kleinen Teil der Grabungen
nahe des alten Zugangs zum Ruinengelände.



Nach ukrainischer Einschätzung handelt es sich jedenfalls um die “weltweit zerstörerischsten Aktivitäten an einer Stätte der antiken Archäologie. In den Jahren 2021–2023 wurden 85.000 Quadratmeter der Kulturschicht zerstört, etwa 4 Millionen Objekte und mehr als 1.500 archäologische Komplexe entfernt (nach Angaben der Besatzungsverwaltung).”
  • vgl. https://ciss.org.ua/en/map.html mit Zoom auf Chersonesos - Die Seite des Crimean Institute for Strategic Studie präsentiert eine Liste der Kulturgutzerstörungen inklusive aller Grabungen, die auf der Krim nach 2014 ohne Genehmigung der ukrainischen Behörden durchgeführt wurden. Die Beschreibungen wurden offenbar von Archäologen vorgenommen, bieten aber leider keine Quellen zu den Aussagen über die russischen Grabungen. Im Falle einiger Aussagen über die Höhensiedlung Mangup wurden offenbar die Publikationen in der Zeitschrift MAYET ausgewertet.

Zweifellos ist der Putinpark eine nicht zu rechtfertigende Zerstörung archäologischer Quellen. Wissenschaftliche Seriosität gebietet es, dem dort ptäsentierten Geschichtsbild (da ist auch mit Führungen oder seriösen Ausstellungen vor Ort nichts mehr zu retetn) vehement zu widersprechen - aber auch, dass auch ukrainische Propaganda nicht unbesehen wiederholt und verbreitet wird. Die Medienberichte blieben hier allesamt sehr unkritisch und folgen den Darstellungen der Interviewpartner, die überwiegend nicht als Wissenschaftler, sondern als Kriegsbeobachter und -kommentatoren agieren.

Anzumerken ist deshalb auch, dass bei der berechtigten Empörung auf ukrainischer Seite fragwürdige Eingriffe in die archäologische Stätte bereits vor der russischen Okkupation eingesetzt haben. Ein Vergleich der historischen Luftbilder auf Google Earth zeigt, dass bereits 2008 im Umfeld der modernen Vladimir-Kathedrale einige Gebäude in das Ruinengelände gebaut worden sind. Auch die Anlage eines Gartens und der Ausbau des Theaters ist bereits auf einem Luftbild des Jahres 2012 zu erkennen. Die Installationen im Theater scheinen nun indes größer und schwerer geworden zu sein.

GoogleEarth zeigt kein beruhigendes Bild, aber ein anderes als es in aktuellen Medienberichten wiederholt wird. Neu-Chersonesos ist ein Propagandaprojekt, das abermals die Bedeutung der Geschichtspolitik in Putins Herrschaftsdenken belegt. 

Putin als Plünderer der Antike im August 2011
(Foto: Kreml, CC BY 4.0 via WikimediaCommons)


 

Fazit: UNESCO-Welterbetitel muß aberkannt werden

Der Status als UNESCO-Welterbe muss Chersonesos aberkannt werden! Angesichts der Tatsache, dass die UNESCO dies schon bei geringeren Eingriffen getan hat, ist es zwingend geboten, dass die UNESCO in Moskau protestiert und den Welterbetitel auch entzieht. Putins-Propaganda-Geschichte darf nicht durch ein Welterbelabel aufgewertet werden.

 


weitere Links

interne Links

  • Beiträge auf Archaeologik zur Krim

 

Literaturhinweise

  • J.C. Carter (Hrsg.), Crimean Chersonesos: City, Chora, Museum, and Environs (Austin 2003)
 

Änderungsvermerk 17.8.2025: 
einige Typos korrigiert 

Samstag, 24. Februar 2024

Politik, Propaganda und Geschäfte mit archäologischen Funden - 2 Jahre russischer Überfall auf die Rest-Ukraine

Vor zwei Jahren hat Russland die Ukraine überfallen. Aus russischer sichthat sie eigentlich nur die Rest-Ukraine überfallen, denn der Krieg begann schon 2014 mit der Annexion der Krim. Ein Ende des Krieges ist nicht in Sicht.  Der russische Umgang mit archäologischen Funden verrät einiges über die russischen Kriegsziele.

Im letzten Blogpost (Archaeologik 14.2.2024) zum russischen Krieg gegen die Ukraine standen die Zerstörungen im Mittelpunkt, die Plünderungen der Museen waren nur angedeutet.

 

"Sicherstellungen"

Auch dazu gibt es inzwischen zahlreiche Berichte, die indes in der augenblicklichen Situation kein abschließendes Urteil erlauben und kaum konkrete Objekte benennen. Im Januar 2014 hat Forbes versucht, eine Liste der berühmtesten in der Ukraine geraubten Kunstwerke zusammenzustellen, die aber kaum auf die Archäologie einging.

Bezogen auf archäologische Funde  ist bekannt, dass russische Akteure aus den Museen in Kherson, Mariupol und Melitopol entfernt haben. Nachdem Putin im Oktober 2021 über die besetzten und annektierten Gebiete der Ukraine das Kriegsrecht verhängt hat, "legalisierte" er damit auch eine "Sicherung" der Kulturgüter. Nach internationalem Recht ist dies nicht zulässig, doch wäre es für den Schutz der Objekte möglicherweise tatsächlich sicherer, so aus der Kampfzone heraus zu kommen. 
In Cherson wurden mindestens 10.000 Objekte aus dem Museum abtransportiert (vgl. Archaeologik 18.11.2022). Inzwischen hat sich herausgestellt, dass sie nach Simferopol auf die Krim gebracht wurden, wo sie sich nun unter der Obhut des Zentralmuseums der Krim befinden. Aus Platzgründen sind die rund 10000 Objekte in der Konzerthalle untergebracht.

Im Mai 2022 sagten örtliche Beamte in Mariupol, russische Streitkräfte hätten mehr als 2.000 Kunstwerke aus drei Museen der Stadt geraubt, nachdem sie die Stadt erobert hatten. Die Objekte seien in die von Russland besetzte Stadt Donezk gebracht worden.

In Melitopol wurden unter Aufsicht eines unbekannten Mannes im weißen Laborkittel, beschützt durch russische Soldaten, skythische Goldfunde, darunter ein Helm aus dem Museum abtransportiert (Archaeologik 3.5.2022). Der Verbleib scheint unbekannt.

 
Der goldene skythische Goryt aus einem Kurgan bei Melitopol,
Museum of Historical Treasures of Ukraine
(Foto: VoidWanderer [CC BY-SA 4.0] via WikimediaCommons)


Die Verluste durch die mutmaßliche Plünderung des historischen und künstlerischen Erbes der Ukraine durch Russland werden auf mehrere Hundert Millionen Euro geschätzt. Eine genaue Bilanz wird schwierig sein, denn viele Museumsbestände waren schlecht inventarisiert oder es existierten nur Inventare auf Papier, die nun verschollen sind. In Cherson haben die Russen die Festplatten mit den digitalen Inventarlisten mitgenommen.


"Ausstellungen"

Es zeigt sich vielfach, dass eine vorgebliche "Sicherung" nicht das alleinige und wichtigste Ziel der russischen Abtransporte archäologischer Funde und anderer Kulturgüter darstellt. Schon lange betreibt Putin mit Archäologie Politik, erst zur Selbstdarstellung (Archaeologik 15.8.2011), später zur Inszenierung der russischen Erfolge in Syrien (Archaeologik 9.10.2022). Nun scheint es darum zu gehen, Überlieferungen, die nicht zu dem wirren Geschichstbild Pitins und seines Russlands passen, verschwinden zu lassen.
Die Journalistin Hana Mamonova sagte gegenüber der spanischen Zeitung El País, die Bedeutung des Kunstmuseums in Cherson liege darin, dass es Moskaus Propaganda-Narrativ widerspreche, wonach die Südukraine Teil Russlands sei. Zu den nun deportierten Museumsbestände gehören Objekte vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, die ukrainische Kultur darstellen. 
 
Die politische Bedeutung der Putin'schen Geschichtspolitik wird auch darin deutlich, dass der Chef des Russischen Auslandsgeheimdienstes (SVR) zugleich Präsident der Russischen Historischen Gesellschaft ist. Diese Position hat Sergei Naryshkininne, der jüngst  Pläne bekannt gemacht hat, die  Befestigungen in der östlichen und südlichen Ukraine erforschen zu wollen, "die von Russen und Klein-Russen [gemeint sind die Ukrainer] zur Verteidigung ihres gemeinsamen russischen Vaterlands" gebaut worden seien. Das ist eindeutig politisch motiviert und mit den inhärenten ethnischen Interpretationen methodisch-theoretischer Unsinn. Die Funde sollen dann in das Register der bedeutenden Denkmäler der Russischen Föderation eingetragen werden.

Russland bedient sich der rechtlich in die Ukraine gehörenden Funde für seine eigene Geschichtspropaganda, die versucht, die südliche und östliche Ukraine als russisches Gebiet darzustellen.
 
In Novgorod wurden im Mai 2023 byzantinische Funde von der Krim insbesondere aus Chersonesos bei Sevastopol ausgestellt. Hier wird versucht, Chersonesos als die legendäre Wiege der russischen Christenheit eng mit den Rus im Norden zu verknüpfen (vgl. Archaeologik 22.1.2022).
 
Im Museum in Chersonesos wurde hingegen im September 2023 eine Ausstellung eröffnet, die Grabungsfunde aus einer meso- und neolithischen Siedlung Kamyana Mohyla im russischen besetzten Teil der Region Zaporizhzhya zeigt. Die Ausgrabungen dort wurden dem Museum in Chersonnesos unterstellt, obwohl sie mit der klassischen und byzantinischen Archäologie, die das Museum vertritt, nichts zu tun haben.
 

Auch auf ukrainischer Seite werden archäologische Funde zur Propaganda eingesetzt - allerdings ohne auf eine Manipulation der Vergangenheit zu zielen. In Kiew werden die Funde des Krim-Goldes gezeigt, um die es seit 2014 gerichtliche Auseinandersetzungen gab, weil die Funde zum Zeitpunkt der russischen Besetzung der Krim als Leihgaben bei einer Ausstellung in den Niederlanden waren (vgl. Archaeologik 29.1.2022). Die Ukraine hat den Prozess gewonnen und die Funde zugesprochen bekommen.
 
Auch in den USA sichergestellte Funde - mutmaßlich Raubgrabungsfunde aus den russisch besetzten Gebieten, von denen gleich noch die Rede sein muß -, werden aktuell ebenfalls ausgestellt.


Kriminalarchäologie

Wie in vielen anderen Krisengebieten betreiben nicht nur staatliche Akteure ihre Kulturpolitik mit Museumsfunden, sondern allmählich treten auch die üblichen Hehler, Fälscher und Sammler auf den Plan.

Im Oktober 2023 wurden in Madrid 11 Fundstücke, überwiegend skythischer Goldschmuck im Wert von insgesamt etwa 60 Millionen $ sichergestellt. Drei Spanier und zwei Ukrainer, einer davon ein orthodoxer Priester wurden damals verhaftet. Gefälschte Dokumente wiesen sie als Besitz der ukrainischen orthodoxen Kirche aus. 
Die spanische Polizei publizierte  - u.a. auf TwiX - ein Videos und mehrere Bilder, die nach einem Bericht der New York Times Zweifel daran aufkommen liesen, ob es sich um originale archäologische Funde oder doch eher um Fälschungen handele. In diesem Sinne zitiert die Zeitung Leonid Babenko und Caspar Meyer als Experten.

 
In einem zweiten Fall wurden  im Sommer 2022 am Flughafen John F. Kennedy bei New York eine Streitaxt aus der Bronzezeit sowie ein khazarisches Schwert aus dem 6. Jahrhundert beschlagnahmt, die wahrscheinlich für den amerikanischen Antiquitätenmarkt bestimmt waren, auf. Bei einem der Verdächtigen soll es sich um einen Russen handeln. Die amerikanischen Behörden haben die Objekte 2023 nach Kiew zurück gegeben, wo sie sich nun im Lavra-Museumskomplex befinden. Die Funde wurden wahrscheinlich illegal in der besetzten Südukraine nahe der Krim ausgegraben oder von russischen Truppen beim Ausheben von Schützengräben entdeckt, sagt Maksym Ostapenko, der Direktor des Lavra-Museums,.
 
Raubgrabungen sind bisher vor allem aus dem Bereich des ehemaligen Kakhovk-Dnepr-Stausees bekannt geworden. Nach der vermutlichen Sprengung des Damms durch russische Truppen am 6. Juni 2022, kam es zu einer Überschwemmungskatastrophe mit enormen ökologischen Folgen. Das Wasser ging um bis zu vier Meter zurück und legte Flächen frei, die seit dem Bau des Dammes in den 1950er Jahren überflutet waren. Dabei wurden Funde aus dem Zweiten Weltkrieg aber auch aus früheren Zeiten freigelegt. Berichtet wird beispielsweise von neolithischen und bronzezeitlichen Funden, einem mittelalterlichen Boot und Flintensteinen des 17. Jahrhunderts. Bei der Anlage des Stausees sind mehrere Dörfer und Kirchen im See verschwunden, die nun teilweise wieder aufgetaucht sein müssen, wenn auch in den vorliegenden Berichten v.a. von einer Brücke aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg die Rede ist. Der Bereich liegt unmittelbar an der Front. Dennochsind hier nun Schatzgräber, aber auch einige wenige professionelle Archäologen unterwegs.



Wer sich aktuell mit skythischen und mittelalterlichen Funden oder Kunstobjekten als Sammlerstück oder Wertanlage eindeckt, muß wissen, dass er der Politik Putins in die Hände spielt. Raubgrabungen tragen dazu bei, der Ukraine authentische Zeugnisse ihrer Geschichte zu nehmen - und bieten Putin die Gelegenheit sich selbst als Retter der Kultur und Geschichte aufzuspielen, wie er dies in den letzten Jahren bereits in Syrien inszeniert hat. 

Fazit

Die Ukraine befindet sich im Krieg gegen den Angreifer Rußland. Die genannten Fälle von Museumsraub und Raubgrabungen sind derzeit kaum genauer zu ermitteln, wenngleich die Ukraine extra eine Ermittlungseinheit für solche Kulturgutdelikte aufgestellt hat. Es besteht jedoch der dringende Verdacht, dass neben den zahlreichen Mordfällen und Folterungen an Zivilisten in den russisch besetzten Gebieten auch der russische Umgang mit ukrainischem Kulturgut als Kriegsverbrechen eingestuft werden muß.

Der russische Umgang mit dem Kulturgut der Ukraine zeigt, dass es nicht um die Beseitigung eines vorgeblich "nazistischen Regimes" in der Ukraine geht, sondern um deren Okkupation und Russifizierung. Leider zeigt das eben auch, dass ein Frieden nicht einfach durch Verhandlungen zu erreichen sein wird - eine Chance hätte bestenfalls bestanden, wenn im Vorfeld Geschichts- und Kulturwissenschaften ihre Rolle in der kritischen Dekonstruktion von Mythen und Propaganda gesehen hätten, anstattt sich nun in den Dienst eines inzwischen totalitären Systems und seiner Legitimierung zu stellen. Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhundert habe ich selbst erlebt, wie unter den Kollegen auf der Krim- auch den jungen - ein sehr patriotisches, überwiegend russisches Geschichtsbild dominierte, das an Militär und Heldengeschichten interessiert war. Militärische "Leistungen" auch die der Deutschen und autoritärer Führer - allen voran gleichermaßen Hitler und Stalin - wurden dabei glorifiziert. Auch wissenschaftlich-archäologisches Interesse galt den Herrschaftsäußerungen, aber nicht etwa den Alltags- und Umweltaspekten, wie sie damaks unser Anliegen waren.

Links

Die englische Wikipedia hat einen Eintrag zum Thema:



interne Links

Montag, 28. Februar 2022

Ukrainische Museen unter russischem Feuer

Kiew ist unter russischem Feuer. Die Stadt beherbergt zahlreiche Museen, darunter auch das Archäologische Museum des Archäologischen Instituts der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine. 

Archäologisches Museum in Kiew, Vitrine zu Olbia
(Foto: Половко Сергей Николаевич [CC BY SA 4.0]
via WikimediaCommons)

 

National Public Radio aus den USA berichtete bereits am Freitag über die Kunstmuseen aus Kiew, die ihre Sammlungen weitgehend ungeschützt dem Luftangriffen ausgesetzt sehen. Nur teilweise konnten Objekte in die Keller verbracht werden.

Die Professorin für Kulturgüterrecht an der amerikanischen De Paul University in Chicago Patty Gerstenblith befürchtet bei einigen archäologischen, "skythischen"  Fundstücken, dass sie nach einer russischen Eroberung außer Landes gebracht werden könnten. Gefahr besteht wohl auch für die Existenz jener Mussem die an die jüngere Geschichte der Ukraine erinnern.

Bereits jetzt beklagt die Ukraine den Umgang mit dem Kulturgut auf der Krim.

Manche Kritik scheint auf dieser Website allerdings überzogen, da - formal korrekt  alle Ausgrabungen auf der Krim als illegal gelistet werden, auch wenn es sich um Notgrabungen handelt, die - von St. Petersburg aus organisiert - vermutlich heute finanziell deutlich besser aufgestellt sind als vor der russischen Besetzung. Auch konservatorische Standards waren vor 2014 nicht an hohen Standards zu messen. Vorwürfe, wonach die russische Archäologie auf der Krim sehr selektiv für ein russisches Narativarbeite, scheinen sich in der Datenbank nicht zu bestätigen. Glecihwohl ist es richtig und wichtig, genau zu beobachten, wie Kulturgüter ggf. als "monumentale Propaganda" zugunsten einer russischen Legitimierung herangezogen werden und die völkerrechtswidrigen Vorgänge zu dokumentieren.


Link

Interner Link 

  • Label Krim auf Archaeologik

Samstag, 29. Januar 2022

Russland oder Ukraine? - Das Skythengold der Krim in der nächsten Instanz

Schon seit der russischen Besetzung der Krim 2014 tobt der Streit um archäologische Funde der Krim. Zuletzt hat ein Berufungsgericht die Funde dem ukrainischen Staat zugesprochen und dabei eine Frist für eine weitere Berufung bis vergangene Woche gesetzt. Tatsächlcih haben nun die Museen der Krim, von denen die Funde für eine Ausstellung als Leihgabe in die Niederlande kamen, nun Revision eingelegt.

Der Kreml beobachtet - und bezeichnet das Verhalten des niederländischen Museum als Diebstahl. Im letzten Urteil war das Verhalten des Museums als korrekt gewürdigt worden. Nach der Besetzung der Krim war für das Mueum zweifelhaft, ob die Museen der Krim oder der Staat Ukraine rechtmäßiger Eigentümer ist und lagert die Funde bis zu einer Klärung in einem Depot.

Interne Links

Dienstag, 2. November 2021

Krim - neue Vorwürfe gegen Russland

Die Ukraine erhebt erneut Vorwürfe gegen Russland bezüglich des Umgangs mit Kulturerbe. Möglicherweise stehen im Hintergrund alltägliche denkmalpflegerische Herausforderungen, aber letztlich geht es um die Deutungshoheit über die Geschichte, die natürlich von Ukraine und Russland ganz unterschiedlich bewertet wird (wobei die Sicht der Krimtataren so oder so unter den Tisch fällt).

 

Sevastopol, Vladimirkathedrale auf dem Gelände des antiken Chersonesos
(Foto: R. Schreg, 2007)

Interne Links

 

Sonntag, 28. Juni 2020

Zwischen Nazis und Sowjets: Die Krimgoten in den 1930er und 40er Jahren

Das Interesse an den alten Stätten der Krim reicht weit zurück. Der polnische Gesandte Marcin Broniewski versuchte bei seiner Krimreise 1578/79 bei der einheimischen Bevölkerung, vor allem aber bei christlichen Priestern Informationen zu sammeln. Broniewski liefert so eine Beschreibung des Mangup-Kale und des Ėski Kermen, sein Interesse richtete sich aber vor allem auf die Identifikation der bei antiken Geographen, allen voran bei Strabon, genannten Orte.
Im Kontext der Forschungsgeschichte der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit komme ich nun noch einmal zurück auf die Krim, denn hier zeigt sich sehr 'schön', wie Archäologie und Politik zusammen hängen - während des Zweiten Weltkriegs, als hier die 'gotische' Vergangenheit auf deutscher wie auf sowjetsicher Seite politisch instrumentiert wurde. aber auch aktuell, wo die Geschichte auch ein Opfer der andauernden "Krim-Krise" ist. Letzteres war bereits mehrfach Anlaß für Blogposts auf Archaeologik, auf die hier nur kurz verlinkt sei:

 

Forschungsgeschichte der südwestlichen Krim

Etwas genauer soll hier auf die Rolle der Archäologie im Zweiten Weltkrieg geblickt werden, wobei ich im Wesentlichen auf einen 2013 publizierten Artikel zurück greife, den ich indes punktuell ergänzen kann:
  • R. Schreg, Forschungen zum Umland der frühmittelalterlichen Höhlenstädte Mangup und Eski Kermen – eine umwelthistorische Perspektive. In: S. Albrecht/F. Daim/M. Herdick (Hrsg.), Die Höhensiedlungen im Bergland der Krim. Umwelt, Kulturaustausch und Transformation am Nordrand des Byzantinischen Reiches. Monographien des Römisch-Germanischen Zentralmuseums 113 (Mainz 2013) 403–445. - auf academia.edu


Es geht um die Landschaft im Südwesten der Krim, zwischen Sevastopol und Simferopol. Archäologisch sind die zahlreichen frühmittelalterlichen Höh(l)ensiedlungen prominente Fundplätze. Zu nennen sind Cufut Kale bei Bachhissaraj, Bakla und vor allem Eski kermen und Manup-Kale. Hier sind jeweils aus dem anstehenden Kalkmassiv der mittleren Bergkette des Jaila-Gebirges künstliche Höhlen herausgearbeitet, Kirchen, aber auch Ställe oder Vorratsgruben und tiefe Brunnenschächte. Obenauf waren zahlreiche Gebäude und Kirchen errichtet, von denen mit wenigen Ausnahmen aber nur wenig aufgehendes Mauerwerk zu sehen ist. Im Umfeld dieser Anlagen liegen oft ausgedehnte frühmittelalterliche Gräberfelder, oft mit reicher Grabausstattung. Sie waren daher schon lange - und sind es bis heute - ein Ziel von Raubgrabungen. Da die Gräber ebenfalls aus dem anstehenden Untergrund ausgehöhlt wurden, handelt es sich um Grabkammern, deren Funde ohne zuverlässige Befundbeobachtung nicht als gleichzeitig niedergelegt gelten können. Aufgrund der Beraubung gibt es kaum geschlossene Inventare, was die Chronologie der Funde stark beeinträchtigt und möglicherweise auch ein Faktor in der starken Diskrepanz im Vergleich zur mitteleuropäischen Chronologie darstellt. Die Funde auf der Krim gelten oft als retardierende Kulturerscheinung, weil die Bevölkerung in den abgelegenen Gebieten der Krim an ihren Traditionen fest gehalten hätte.

"Gotenfestung" Eski Kermen
(Foto: RGZM/R. Schreg)


Die betreffenden Fundstellen liegen zwar weitgehend im Inland, sind aber doch nur wenige Kilometer von den zahlreichen Hafenstädten entfernt und lassen etwa bei der Kirchenarchitektur  starke byzantinische Einflüsse erkennen. Als eine völlig abgeschiedene Gegend kann die Region schwerlich gelten.

ausgewählte Höh(l)ensiedlungen auf der südwestlichen Krim zwischen Sevastopol und Simferopol
(Kartengrundlage: OSM/ srtm/ OpenTopoMap)

Die Goten-Frage

Die ethnische Interpretation dieser Gräberfelder und Höhensiedlungen war lange ein wichtiges Thema für die Forschung. Einerseits wurde die Bevölkerung als gotisch bezeichnet, andererseits (bis heute) als alano-gotisch.

Im Hintergrund stehen verschiedene Überlieferungen seit dem 13. Jahrhundert (Wilhelm von Rubruk), die auf eine Sprache hinweisen, die dem Deutschen verwandt sei.  Daraus wurde gefolgert, dass hier die sogenannten Krimgoten zu fassen seien, die nach dem Hunneneinfall im 4. Jahrhundert auf der Krim zurück geblieben seien, während die Masse der Ostgoten dann nach Westen aufgebrochen sei. Noch im 16. Jahrhundert sind 'gotische' Sprachbelege überliefert (Ogier Ghislain de Busbecq), doch hatte das Griechische größere Bedeutung. In der Mitte des 15. Jahrhunderts hatte Giosafat Barbaro, ein venezianischer Kaufmann, der 1436 auf die Krim gereist war, wo an der Küste einige italienische Niederlassungen bestanden, vermerkte. dass sich die Krimgoten mit den ortsansässigen Alanen vermischt hätte und bezeichnete diese als Gotitalani (http://www.columbia.edu/itc/mealac/pritchett/00generallinks/kerr/vol01chap19.html), ein Begriff der ähnlich auch bei Bertrandon de la Brocquière genannt wird.

Schon Ende des 19. Jahrhunderts fanden die Krimgoten daher auch in Deutschland große Aufmerksamkeit. Dies zeigen zahlreiche deutsche Publikationen zur Krim aus dieser Zeit, etwa von dem  tschechisch-österreichischen Geograph Wilhelm Tomaschek (Tomaschek 1881), oder die Philologen Richard Loewe (1863-mind. 1931) und Friedrich Braun (1862-1942) (Loewe 1896; Braun 1890). Man suchte - erfolglos - nach gotischen Lehnwörtern im lokalen Sprachgebrauch und versuchte anthropologisch 'germanische' Eigenschaften zu finden. In dieser Phase bestand ein enger Austausch zwischen der deutschen und russischen Forschung. Tomascek etwa war Mitglied der russischen Akademie der Wissenschaften und der deutschstämmige Friedrich Braun erhielt wurde von einer Professur in St. Petersburg nach Leipzig berufen.

Archäologische Grabungen setzten auf der südwestlichen Krim erst im 19. Jahrhundert ein. Die antike Stadt Cherson entwickelte sich dabei zu einem Schwerpunkt. Früh schon wurde hier auch die byzantinische Zeit erforscht. Da der ältesten russischen Chronik, der Povest’vremennych let, zufolge die Christianisierung der Rus’ mit der Taufe Vladimirs I. im Jahr 988 in Cherson ihren Ausgangspunkt nahm, wurde das byzantinische Cherson zu einer Art russischem bzw. ukrainischem Nationaldenkmal - was sich etwa auch in der Neuorganisation nach der russischen Besetzung der Krim zeigt (Archaeologik 6.8.2015). Nicht zufällig wurde nach dem Ende der Sowjetunion gerade die Vladimirkathedrale im alten Ruinengelände aufwändig wieder aufgebaut.

Sevastopol, Vladimirkathedrale auf dem Gelände des antiken Chersonesos
(Foto: R. Schreg)


Auf den Höhensiedlungen im Landesinneren begannen die Untersuchungen ebenfalls schon im späten 19. Jahrhundert. Das Gräberfeld von Suuk-Su an der Südküste wurde ab 1903 von N.I. Repnikov ausgegraben (Repnikov 1906). Einen Höhepunkt der archäologischen Forschungen stellten die Untersuchungen von Nikolaj Lvovich Ernst (1889-1956) und Evgen Volodimirovic̆ Vejmarn vor allem in den 1920er und 1930er Jahren. Es fanden Grabungen auf dem Ėski Kermen und dem Mangup-Kale statt, darüber hinaus aber auch Untersuchungen im Umfeld der beiden Höhensiedlungen. So wurden im Umfeld des Ėski Kermen Gebäudereste und Reste einer Wasserleitung freigelegt.

Immer wieder waren von der südwestlichen Krim frühmittelalterliche Grabfunde bekannt geworden, deren Adlerschnallen und Bügelfibeln rasch als "gotisch" klassifiziert wurden.  Bis heute werden diese Gräberfelder von Raubgräbern geplündert, die mit dem illegalen Handel offenbar gute Profite erzielen. Systematische Forschungen mit einer Dokumentation der Grabkammern setzen erst verhältnismäßig spät ein. Zu nennen sind hier Untersuchungen in Lučistoe, Ėski Kermen und Almalyk unterhalb des Mangup-Kale, aber auch Notgrabungen wie in Krasni Mak. Nicht selten erfolgen die Grabungen im Wettlauf mit den Raubgräbern, die vielfach jedoch besser ausgestattet sind als die Wissenschaftler. So bleibt oft nur die nachträgliche Dokumentation bereits geplünderter Gräber. Das Problem fehlender gesicherter Grabzusammenhänge wird sich so allerdings nicht lösen lassen.

Raubgrabungslöcher auf einem frühmittelalterlichen Gräberfeld bei der Höhensiedlung Bakla
(Foto RGZM/ R. Schreg)

Raubgrabungstrichter in ein frühmittelalterliches Kammergrab bei Sevastopol
(Foto: RGZM/ R. Schreg)




Zwischen Nazis und Sowjets

Die archäologische Erforschung der "krimgotischen" Hinterlassenschaften war aber immer auch eine politische "Frage". In der Sowjetunion wurde ein Interesse an den Krimgoten nicht honoriert. Zunächst war eine Goten-Forschung noch möglich und so erschien 1921-27 auch eine umfassende Studie zu den Goten der Krim von dem Byzantinisten Aleksander Vasiliev (1936).

Sowjetische Krim-Forschung

1930 wurde jedoch am Akademie-Institut für die Geschichte der materiellen Kultur (GAIMK) eine spezielle Forschungsgruppe eingesetzt, die sich mit den Krimgoten befassen sollte. Diese Forschungseinrichtung unter Vladislav Iosifovich Ravdonikas (1894-1976) diente jedoch eher der Verleugnung der Goten. Ravdonikas hatte zu frühmittelalterlichen Grabhügeln im Nordwesten Russlands gearbeitet und war später ein wichtiger Streiter in der Normannen-Frage, bei der es um die Rolle des skandinavischen Einflusses auf die Entwicklung der Kiewer Rus ging. Als Ravdonikas 1929 bei der GAIMK in Leningrad eine Stelle erhielt, war er in Fachkreisen weitgehend umbekannt, obwohl er schon mehrere Kurgane in Nordwestrussland gegraben hatte. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er in der russischen Armee, im Bürgerkrieg in der Roten Armee. Er wurde 1918 Mitglied der Partei der Bolschewiken - und trat 1922 wieder aus, da er durch eine Versetzung für ein entferntes Parteiamt seine persönliche Freiheit eingeschränkt sah und sein Studium abschließen wollte. Als Neuling im Fach hielt er einen rasch auch gedruckten Vortrag "Für eine marxistische Geschichte der materiellen Kultur", in dem er die etablierten Wissenschaftler angriff. Seine Motive sind unklar, möglicherweise wollte er seinen durchaus gefährlichen Parteiaustritt wieder wett machen (Klejn u.a. 2012, 222ff.). In der Folge kam es tatsächlich zu einer Säuberung der alten Kader.  In einer Arbeit über die ‘Die Höhlenstädte der Krim und das Gotenproblem im Zusammenhang mit der Stadienentwicklung im nördlichen Schwarzmeerraum" setzte er 1932 seine Angriffe gegen Kollegen fort, entwickelte aber auch eine Theorie, wie die Archäologie die marxistischen Gesellschaftsstadien im Fundmaterial belegen könnte. Dabei behauptete er eine Transformation der Skythen zu Goten und dann zu Slawen. Dies wurde vor allem deshalb wichtig, weil es Bestrebungen gab, die Archäologie als eine bürgerliche Wissenschaft in der Sowjetunion ganz abzuschaffen. (ebd. 224ff.)

1934 war in der Sowjetunion das Jahr, in Stalins Terror und Säuberungen  dramatische Ausmaße annahmen. Die gesamte Führungsriege des GAIMK  fiel aus. Ravdonikas aber überstand diese Jahre, vielleicht, weil er kein Parteimitglied war. 1934 wurde er formlos promoviert, erhielt eine Professur in Leningrad  (Klejn u.a. 2012, 225ff.).

Viele Gotenforscher wurden Opfer der Stalin‘schen Säuberungen oder Repressionen.. So wurde N. L. Ernst 1936 für viele Jahre in Straflager in Sibirien geschickt. Ihm wurde sein Interesse für die Goten zum Verhängnis: man warf ihm vor, "Agent der deutschen Aufklärung" zu sein und germanophile Propaganda betrieben zu haben.  Die 'Goten' waren politisch nun hoch brisant, begründete doch das nationalsozialistische Deutschland damit seine Ansprüche auf die Krim.
Dennoch wurden noch 1938 Grabungen auf dem Mangup durchgeführt und wissenschaftliche Arbeiten zur Krim publiziert (z.B. Jakobson 1940) - allerdings mit einem besonderen Blick auf die byzantinische Zeit.
Ravdonikas - den Leo Klejn als den "roten Teufel" der sowjetischen Archäologie bezeichnete, zog sich Ende der 1940er Jahre aus der Archäologie zurück, nachdem er damit gescheitert war, die angeblich modernen Archäologen aus Leningrad gegen jene aus Moskau auszuspielen.

Deutsch-nationalsozialistische Krim-Forschung

Als die Krim im November 1941 von deutschen Truppen besetzt wurde, ergab sich ein direkter Zugriff deutscher Archäologen. Dabei machten sich zwei Institutionen gegenseitig Konkurrenz: Auf der einen Seite stand das Amt Rosenberg mit Hans Reinerth, der über den Reichsbund für deutsche Vorgeschichte in den Jahren vor dem Krieg vergeblich versucht hatte, durch die Gründung eines "Reichsinstitutes" die deutsche Vor- und Frühgeschichtsforschung unter seine Kontrolle zu bekommen. Da Alfred Rosenberg 1941 Reichsminister für die besetzten Ostgebiete wurde, sah Reinerth die Chance für ein archäologisches "Ostinstitut" gekommen. Der Einsatzstab "Reichsleiter Rosenberg" (ERR) zeigte besonderes Interesse an Forschungen auf der Krim und hatte Ėski Kermen beschlagnahmen und mit entsprechenden Hinweisschildern versehen lassen. Rosenberg war selbst im Revolutionsjahr 1917 auf der Krim gewesen und zeigte sich von den Gotenhöhlen am Mangup beeindruckt (Kunz 2005, 29).

Hans Reinerth besuchte selbst die Höhlenstädte, die er bereits 1940 in seinem Werk "Vorgeschichte der deutschen Stämme breiten Raum eingenommen hatten. Rudolf Stampfuß wurde Leiter des "Sonderstabes Vorgeschichte" im Reichskommissariat Ukraine. Stampfuß war für Museen und Ausgrabungen zuständig. In dieser Funktion ließ er deutsche Übersetzungen der Grabungstagebücher von Vejmarn und Repnikov anfertigen. Sie wurden auf der Rückseite ausgemusterter Militärkarten niedergeschrieben. Wahrscheinlich gehen auch Vermessungsarbeiten auf dem Ėski Kermen und Mangup-Kale auf seine Initiative zurück. Noch während der Schlacht um Sevastopol im Juni 1942 begann ein Vermessungs- und Kartographietrupp der Wehrmacht detaillierte Vermessungen der Höhensiedlung Ėski Kermen (19. bis zum 25. Juni 1942) und Mangup-Kale (23., 24. Juni und 7. Juli 1942). Dazu wurden fotogrammetrische Aufnahmen durchgeführt und Luftbilder der deutschen Aufklärung herangezogen. Erhalten scheint nur das Vermessungsprotokoll, das sich im Nachlaß von Rudolph Stampfuss fand.

Eski Kermen, aufgenommen im Juni 1942 von der Vermessungs- und Kartenabt. [mot] 617
(Archiv RGZM)


Spuren des Zweiten Weltkrieges sind in der Landschaft bis heute massiv präsent.   Bei den Surveys, die das RGZM 2006 bis 2009 mit Kollegen vor Ort durchführte, wurden unweit südlich des Eski Kermen an der dortgen Steilkante, die den Blick auf das Chornaya-Tal ermöglicht, die Spuren einer wohl deutschen Schützenstellung gefunden, in der Reste von Militärgeschirr sowie ein Sprengkopf lag. Vermutlich fanden die Vermessungsarbeiten am Eski Kermen direkt am Rand des Schlachtfeldes statt. Auf wessen Befehl die archäologischen Arbeiten gerade in dieser Situation durchgeführt wurden, ist bisher nicht bekannt.

Deutsche Wochenschau 592 , Feb 1942: deutsche Truppen vor Sevastopol
(via https://archive.org/details/1942-01-07-Die-Deutsche-Wochenschau-592)
Lesesteinhaufen mit byzantinischer Keramik und Stellung des Zweiten Weltkriegs
(Foto: RGZM/ R. Schreg)


In verschiedenen Publikationen schlachteten Stampfuß (1942; 1943), aber auch andere Archäologen (z.B. Toepfer 1942) die Krimgoten und die Gotenburgen propagandistisch aus.
 
EskiKermen auf dem Titelblatt der Zeitschrift Germanen-Erbe des Reichsbund nfür Deutsche Vorzeit, 1942

Auf der anderen Seite standen das SS-Ahnenerbe und das "Sonderkommando Jankuhn". Herbert Jankuhn bemühte sich insbesondere um die "Sicherstellung" des Schatzes von Kerč, einem Komplex herausragender "gotischer" Objekte aus den dortigen zahlreichen völkerwanderungszeitlichen Prunkgräbern. Da die Sowjets das Museum in Kerč jedoch evakuiert hatten, schloss sich Jankuhn der berüchtigten SS-Panzerdivision Viking an, in deren Begleitung auch ein Kommando der SD-Einsatzgruppe D operierte, die mit einem mobilen Gaswagen die Judenvernichtung vor Ort betrieb. Als Heinrich Himmler auf Forschungen zu den Krimgoten drängte und im September 1942 schließlich ankündigte, selbst die Höhlenstädte zu besuchen, war Jankuhn in Maikop im nördlichen Kaukasus immer noch mit der Suche nach den Museumsbeständen aus Kerč beschäftigt. Er schickte daher Karl Kersten, der sich in seinem Kommando aufhielt, auf die südwestliche Krim. Kersten besuchte Čufut Kale, Bakla und Ėski Kermen, nicht aber den Mangup-Kale, da hier kurz zuvor Partisanenaktivitäten gemeldet wurden. Auch als Himmler im Oktober 1942 die Gotenstädte besuchen wollte, war dies zu gefährlich. Eine deutsche Operation gegen die Partisanen war eben gescheitert. Angesichts der Beschlagnahmung des Ėski Kermen durch den Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg wurde im Oktober 1942 eine Gegenstrategie entwickelt. Wolfram Sievers, Geschäftsführer des SS-Ahnenerbe, hatte  Kersten am 5. Oktober mittels Funkspruch angewiesen, "alles Erfassbare beschlagnahmen zu lassen". Die zuvor durch Rosenberg veranlassten Beschlagnahmungen sah man als ungültig an. Dabei berief man sich darauf, dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft schon 1929 Grabungsrechte am Ėski Kermen erworben habe, die auf das Ahnenerbe übertragen worden wären.
Josef Sauer, Professor für christliche Archäologie an der Universität Freiburg, publizierte 1932 einen Überblicksartikel, der sich mit den christlichen Denkmäler "im Gotengebiet" der Krim befasste. Im Sommer 1929 hatte die DFG ihm eine Forschungsreise zu den Grabungen am Ėski Kermen finanziert und dabei angeblich auch besagte Grabungsrechte erhalten. Soweit bekannt, erfolgten die Grabungen 1929-1935 jedoch ohne deutsche Beteiligung.

Das Germanentum der Krimgoten wurde massiv propagiert, um deutsche Gebietsansprüche zu begründen. Es sollte auf der Krim ein "Gotenland" bzw. ein "Gotengau" gegründet werden, der unter anderem dazu dienen sollte, den aus dem verbündeten Italien ausgesiedelten Südtirolern eine neue Heimstatt zu geben. Der Streit um die ethnische Interpretation der frühmittelalterlichen Grabfunde der südwestlichen Krim drehte sich häufig mehr um politische Ansprüche als um objektive archäologisch-historische Forschung. Auf beiden Seiten wurde mit dem gleichen methodischen Instrumentarium argumentiert: der Siedlungsarchäologie im Sinne von Gustaf Kossinna. Sein Werk stand in der damaligen archäologischen Forschungslandschaft nicht isoliert und hatte enormen Einfluss über Deutschland hinaus, auch in Osteuropa. In der Sowjetunion setzte man sich mit seinen Ansätzen intensiv auseinander. Zunächst erfolgte dies eher in Abgrenzung, nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch in einer langsamen Annäherung.

Angesichts schriftlicher Quellen, die von einer "gotischen" Bevölkerung der Krim sprechen, propagierte die deutsche Seite deren reines Gotentum, während die sowjetische Forschung dies abstritt oder doch relativierte, gleichwohl aber ethnische Gruppen nachzuweisen suchte. Die von russischen Kollegen vertretene Vorstellung von "Alano-Goten" trägt der prinzipiellen Vermischung unterschiedlicher Traditionen Rechnung, hält aber gleichwohl an ethnischen Interpretationen und an der zentralen historischen Bedeutung ethnischer Entitäten fest.

Die  sowjetische Forschung setzte dem heroischen Gotenbild der Nationalsozialisten auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg ein Bild entgegen, das die Goten als einen Stamm russischer Slawen oder als Teil der indigenen Bevölkerung auffasste. Teilweise wurden die Goten auch lächerlich gemacht, indem sie als sonderbarer unbedeutender Stamm ohne eigene Kultur dargestellt wurden (Shnirelman 1995, 136). Überhaupt: Germanen waren in der sowjetischen Darstellung ein primitives Volk. Die germanische Sprache sei als Übergang zwischen  'Japhetischen" Sprachen (angebl. mit dem Semitischen verwandte Sprachen des Kaukasus) und dem Keltischen zu verstehen und die Germanen seien unter dem Einfluss von Kelten und Proto-Slawen nur oberflächlich indogermanisiert. Das deutsche Volk sei erst seit dem 10. Jahrhundert als Mischung verschiedener Rassen und Ethnien entstanden (Shnirelman 1995, 136).
Nach dem Krieg, 1948 rechnete E. V. Vejmarn mit seinen Kollegen – vor allem N. I. Repnikov und Anatolij Leopoldovič Jakobson – ab und bezichtigte sie, "bewusst oder unbewusst den deutschen Imperialisten in die Hände" zu spielen. Er verurteilte die Auseinandersetzung mit den "Goten" genauso wie die mit der Rolle von Byzanz und forderte, die Geschichte der Krim müsse "in untrennbarem Zusammenhang mit der Geschichte der Völker der UdSSR, der Geschichte des großen russischen Volkes, geschrieben" werden.


Ein neuer Altfund von 1938

Im Jahr 1938 grub die russische Archäologin Maria Tikhanova (1898-1981) die Basilika des Mangup aus und fand dabei zwei Marmorplatten, die nach ihrer Verzierung in frühbyzantinsiche Zeit gehörten und wohl der ersten Bauphase der Kirche zuzuschreiben sind, aber sekundär im angebuaten Baptisterium als Bodenplatten verwendet und mit mehreren Graffiti geritzt wurden. Eine der Platten überdeckte ein Grab.
Die  beiden Platten wurden in einer Publikation Anfang der 1950er Jahren zwar kurz beschrieben, aber erst vor wenigen Jahren in ihrer Bedeutung erkannt.  Fünf Graffiti sind in einem Alphabet ähnlich der gotischen Wulfila-Bibel geschrieben und repräsentieren tatsächlich Texte in gotischer Sprache. Es handelt sich um kurze Gebete, wie sie ähnlich auf den Steinen auch auf Griechisch zu finden sind (Vinogradov/Korobov 2018).
Die Inschriften sind bislang außer wesentlich jüngeren und im Detail disktuablen Sprachbelegen die einzigen Zeugnisse der gotischen Sprache auf der Krim, von der man bisher auch nicht wußte, dass sie geschrieben wurden. Die Graffiti werden in das späte 9. und ins 10. Jahrhundert datiert, werden zum Teil von jüngeren griechischen Inschriften überlagert.

Es scheint keine Indizien zu geben, dass diese Inschriften bewusst unterschlagen worden sind. Wahrscheinlich wurde einfach den nicht leserlichen Inschriften keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt.
Mangup, Basilika
(Foto: RGZM/ R. Schreg)

Der Unsinn ethnischer Interpretation

Die neuen Inschriften stehen bisher isoliert. Das Fundmaterial des 9. und 10. Jahrhunderts weist keine 'gotischen' Charakteristika auf. Selbst in der Völkerwanderungszeit fällt es schwer, 'gotische' Funde zu bestimmen, wenn es auch einige Funde gibt, die Parallelen in großer Distanz in Nordeuropa finden. In dieser Zeit können Fernbeziehungen aber immer wieder festgestellt werden und dürften weniger auf Wanderungen, als auf Elitennetzwerke zurück zu führen sein.

Nach dem Zweiten Weltkrieg (bzw. bereits in den letzten NS-Jahren beginnend) wurden ethnische Interpretationen in Deutschland vordergründig gemieden und die Diskussion nur nebenbei in einer Ablehnung der Kossinna-Schule (und Hans Reinerths) aufgegriffen (z.B. Wahle 1941; Goessler 1949/50). Dies geschah nicht aufgrund einer kritischen Aufarbeitung der Forschungsansätze, sondern stellt eine Verdrängung eines kritischen Themas dar, wie sie den Umgang mit dem Nationalsozialismus in den frühen Jahren der Bundesrepublik generell kennzeichnete. Erst seit den 1990er Jahren erfolgte fachintern eine intensivere Auseinandersetzung mit der Forschungsgeschichte im Nationalsozialismus und eine breitere methodisch-theoretische Reflektion über die historische Bedeutung von Ethnien und die Möglichkeiten einer archäologischen ethnischen Deutung (z.B. Brather 2004). So stellt sich heute die Frage, inwiefern Ethnien tatsächlich die historisch entscheidenden Größen der Geschichte gewesen sind, ob sie nicht ein viel zu statisches Bild der Geschichte vermitteln und ob sie nicht eher den Blick auf andere, wichtigere gesellschaftliche Prozesse verstellen. Wichtiger als die ethnische Identifikation archäologischer Funde erscheint heute die Auseinandersetzung mit Prozessen sozialen und kulturellen Wandels und die Identifikation von identitätsstiftenden Werten.

Meines Erachtens helfen ethnische Identifikationen beim Verständnis der betreffenden Gesellschaften und ihrer kulturellen Entwicklung grundsätzlich nicht weiter. Im Gegenteil: Die ethnische Deutung verstellt eher den Blick auf sehr viel wesentlichere Aspekte und sie suggeriert, die historische Entwicklung sei schicksalhaft mit einer unveränderlichen ethnischen Identität verbunden. Die ethnische Identität an sich hat kein historisches Erklärungspotential, denn hier ist sehr viel mehr auf soziale Praktiken und Traditionen, auf Öffnung oder Abschluss, auf Normierung oder Vielfalt zu achten; es ist die Wirtschaft im Hinblick auf Produktion und Konsum zu analysieren und es sind die komplexen Mensch-Umwelt-Interaktionen zu berücksichtigen. Sekundär  können all diese Faktoren sehr wohl zu einer ethnischen Identität beitragen, die aber jeweils historisch, d.h. in einem ganz spezifischen Zeithorizont zu sehen ist.


In den 1950er Jahren befasste sich Anatoly Leopoldovich Jakobson (1906-1984), der sich vor allem um die Erforschung von Cherson verdient gemacht hat, mit den ländlichen Siedlungen des Berglandes. Er grub an zahlreichen Plätzen, vor allem am Nordrand des Beidarska-Beckens, rund 10 km südlich des Mangup-Kale. Er konnte Steingebäude kleiner weilerartiger Siedlungen nachweisen und in Einzelfällen auch die angrenzende Feldflur erfassen.

Während der Nachkriegszeit kam es auf Ėski Kermen und Mangup-Kale zwar immer wieder zu Grabungskampagnen, jedoch arbeiten erst die Expeditionen von A. I. Ajbabin und A. G. Gercen seit Ende der 1980er Jahren wieder intensiv an beiden Bergen Eski Kermen und Mangup.

Seit 2014 sind die gotische Funde schon wieder zwischen den politischen Fronten, diesmal allerdings weniger ideologisch überfrachtet:


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Literaturhinweise

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