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Mittwoch, 12. Mai 2021

Zustand und Zukunft der Archäologie - der 100. DGUF-Newsletter

Seit neun Jahren gibt es den DGUF-Newsletter. , der die aktuellen Entwicklungen des Fachs berichtet und dokumentiert. Der Newsletter ist nicht nur für DGUF-Mitglieder zugänglich und erreicht inzwischen 1800 Abonennten

Jetzt gibt es den 100. DGUF-Newsletter, der Themen gesammelt hat, über die man in der Archäologie spricht oder dringend sprechen sollte. Er ist als pdf erreichbar auf der DGUF-Website unter: https://www.dguf.de/fileadmin/user_upload/Newsletter-Archiv/dguf-dok_100_newsletter_2021-05-12.pdf

Das breite Themenspektrum gibt viele Anstöße für eine Reflektion des Zustands und die Zukunft des Fachs, teils konktet, teils theoretisch - aber allesamt lesenswert!


Inhalt

  1. Vorwort der Herausgeber
  2. DGUF-Nachrichten
  3. Studium und Ausbildung
  4. Selbstverständnis des Fachs
  5. Archäologische Ethik
  6. Forschung
  7. Feldarchäologie
  8. Digitalisierung, Daten und Archäoinformatik
  9. Publizieren
  10. Kulturgutschutz
  11. Berufsleben
  12. Privatwirtschaftliche Archäologie
  13. Berufsverband und berufliche Selbstorganisation
  14. Das Verhältnis von Archäologie und Gesellschaft
    - by the way: 14.2 Rainer Schreg: Was bieten wir der Gesellschaft? Was ist sie bereit, uns zu bieten?
  15. Citizen Science bzw. ehrenamtliche Archäologie
  16. (Fach-)Politik
  17. Ausstellungen und Museen
  18. Worüber man sonst noch spricht oder dringend sprechen sollte

Donnerstag, 9. April 2020

Die COVID-19 Pandemie - Teil 2: Kleine Geschichte der Erforschung von gesellschaftlichen Zyklen

Detlef Gronenborn - Rainer Schreg

Zyklen und Prozesse

Im Laufe unserer Forschungen am Römisch-Germanischen Zentralmuseum (RGZM) hat sich in den letzten zehn Jahren ein zyklenbasierter Ansatz als sehr hilfreich bei der Konzipierung von geschichtlichen Abläufen, oder vielleicht besser wiederkehrenden Prozessen, erwiesen (Gronenborn, Schreg 2011; Dotterweich 2011; Gronenborn u. a. 2014; Schreg 2011; Schreg 2020).

Corona-Beiträge auf Archaeologik
Viren
(biology pop [CC BY SA 4.0]
via WikimediaCommons)
Jedoch stieß und stößt solch ein Geschichtsbild bei vielen Kolleginnen und Kollegen auf Skepsis, was möglicherweise auch auf Missverständnisse und Unklarheiten über Terminologie und Konzeption beruht.
Zunächst darf man sich unter Zyklen keine kreisförmigen Abläufe vorstellen, sondern eher Fluktuationen, die aber einer gewissen Regelhaftigkeit unterliegen. Vorab ist zu sagen, dass es bereits in der antiken griechischen Geschichtskonzeption Ideen zu regelhaften Abfolgen, ja geradezu Mechanismen gegeben hatte (Abb. 1). Sie ziehen sich durch die gesamte Geistesgeschichte des Abendlandes, konzeptionell stehen sie dem antiken und mittelalterlichen Degenerationismus nahe, wie auch dem Evolutionismus des 19. Jahrhunderts, denn allen liegt eine Vorstellung von Geschichte als Prozess zugrunde (Trigger 1989).


Abb. 1. Vereinfachte Grafik der historischen Dynamik römischer Regierungsformen nach Polybios
(aus Gronenborn 2016).

Eine schöne bildliche Darstellung der Zyklenkonzeption des 19. Jahrhunderts ist eine fünfteilige Gemäldereihe von Thomas Cole (Abb. 2), die zwischen 1833 bis 1836 für die New York Historical Society erstellt wurde (http://www.explorethomascole.org/tour/items/69/series/). 


Abb. 2. Thomas Cole, The Course of Empire: Destruction (1836)
([public domain]. via WikimediaCommons)


Der Evolutionismus des 19. Jahrhunderts hatte sich aus ähnlichen Konzeptionen in den Naturwissenschaften entwickelt, die nun ebenfalls begannen in Prozessen und Zyklen zu denken; verbunden war dies mit einem starken und kontinuierlichen Fortschrittsglauben (Trigger 1989). Auch die Wirtschaftswissenschaften sahen Zyklen auf langen und kurzen Zeitskalen.
Im 20. Jahrhundert haben sich sowohl zyklenbasierte wie auch lineare, prozessbasierte Geschichtsmodelle weiterentwickelt, kurze Zusammenfassungen finden sich in Turchin/Nefedov (2009) und Gronenborn u. a. (2017).

Vorwurf „Determinismus“

Während also ein Teil der Wissenschaftscommunity Prozesse und Zyklen als hilfreiche Denkmodelle oder -schablonen sieht, tut sich wiederum ein anderer Teil genau wegen dieser vermeintlich vorgegeben Strukturen sehr schwer damit, Regelhaftigkeiten in der Geschichte zu akzeptieren; der Vorwurf des Determinismus steht unweigerlich im Raum. 

Sicherlich mit zu begründen ist das auch mit der jüngeren deutschen Forschungsgeschichte, galt doch im bürgerlichen Geschichtsbild der Nachkriegszeit, und beruhend auf die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichende Tradition des Historismus, jede Epoche als einzigartig in ihrer „Geschichtlichkeit“. Mit der Entwicklung des Historismus begannen sich die Geisteswissenschaften, insbesondere die Geschichtswissenschaft, immer stärker von den Naturwissenschaften abzusetzen, indem sie dem naturwissenschaftlichen Erklären der Welt das geisteswissenschaftliche Verstehen gegenübersetzt (Droysen 1868; Dilthey 1887). In der weitgehend empirisch beriebenen Archäologie spielte dieses Denken bis weit in das 20. Jahrhundert die entscheidende Rolle (Schreg 2014). Verknüpft mit der identitätsstiftenden Rolle der Vergangenheit wurde daraus ein Geschichtsbild, das Kontinuitäten, nicht aber Prozesse und Zyklen in den Mittelpunkt seiner Betrachtung stellt (Schreg 2017). Daraus resutiert auch, dass der Begriff der historischen Prozesse erst jüngst ins Blickfeld geraten ist (Schützeichel/ Jordan 2015; Schreg 2018). Der Historismus betont die Handlungsfreiheit des Individuums, sieht aber eine Handlungsmächtigkeit vor allem bei Politikern und Militärs bzw. Vertretern von Institutionen. 

Dies ist übrigens ein Ansatz, der um die letzte Jahrtausendwende im Zuge des Postprozessualismus wieder von der britischen Archäologie unter dem Begriffsfeld „human agency“ betont wurde (Dobres/Robb 2000). 

Eine naturwissenschaftliche Vorgehensweise des Erklärens macht es jedoch notwendig, nach Mustern, nach Regelhaftigkeiten zu suchen, um auch die Variationsbreiten von Verhalten zu erkennen, mithin sind wiederkehrende Abfolgen in der Grundkonzeption von Prozessen mit enthalten. Das in der textbezogenen Geschichtswissenschaft in der Tradition des Historismums betonte Individuum spielt hier eine untergeordnete Rolle (Abb. 3).

Abb. 3. Flussdiagramm des Widerspruchs zwischen geistes- und naturwissenschaftlichen Traditionen.
(D. Gronenborn)

In Ländern des früheren Warschauer Paktes hatte sich die Theorienlandschaft in eine andere Richtung entwickelt, hier war man, beruhend auf dem Marxismus, und stand daher Regelhaftigkeiten weniger skeptisch gegenüber. Was problemlos zu akzeptieren war, waren Phasenabläufe in der Geschichte, wie sie Engels (1989) vorgedacht hatte. Diese Phasen wiederum erlaubten auch in Mechanismen zu denken, hinter denen die Übermächtigkeit des handelnden Individuums zurücktrat. Verbunden war diese Konzeption mit der Prozessualen Archäologie der 1960er Jahre (Binford 1977), deren Höhepunkt die systemische Ausdeutung von Clarke (1968) war.

Mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts hat sich aber wieder ganz langsam eine Komponente auch in die deutschsprachige Archäologie und zumindest in Teile der Geschichtsschreibung geschlichen, die einer von uns (d.g.) gerne als „Neoprozessualismus“ bezeichnen möchte (Archaeology Today – Archaeology Tomorrow: Part 2 - Suggesting a solution – “Neoprocessualism”. Archaeologik [1.2.2016]) und die durch ein Konzept aus dem Umweltwissenschaften ihren Weg in die Geisteswissenschaften fand.

„Adaptive Zyklen“ – die Rückkehr von Mechanismen und Regelhaftigkeiten in die Geschichtsschreibung

Abb. 4. Darstellung der Adaptiven Zyklen
nach Holling/Gunderson (2002)
(Graphik R. Schreg).
Im Jahr 2005 veröffentlichte Redman einen Aufsatz, der für die Archäologie ungeheure Konsequenzen gehabt hatte. Darin stellt er die Anwendungsmöglichkeiten des Konzeptes der Adaptiven Zyklen vor. Diese beruhen auf einer unendlich laufenden Schleife, bestehend aus immer wiederkehrenden, aufeinander bezogenen Abschnitten. Diese Schleife existiert in einem theoretischen Raum aufgespannt durch die Parameter Potential, Resilienz und Verknüpfung (connectedness) (Abb. 4). 


Diese Konzeption wurde dann von vielen Kolleginnen und Kollegen aufgegriffen, darunter auch von unserem Forschungsfeld am RGZM (Schreg 2011; Gronenborn u. a. 2014; Schreg 2019). Wir veränderten die Visualisierung und passten sie archäologischem Denken an, das ja in erster Linie einem zeitlichen Gradienten folgt (Abb. 5).

Sehr schnell wurde klar, was allerdings auch schon in der Konzeption der AC voreingestellt war, dass sich Zyklen auf verschiedenen zeitlichen Skalenebenen und auch in parallele und aber auch versetzten Prozessen abspielen (Abb. 5 b). Geschichte kann als Abfolge von ineinander verschachtelten zyklischen Prozessen verstanden werden.

Abb. 5. Neukonzeption der Adaptiven Zyklen nach Gronenborn u. a. (2014)
(Graphik: D. Gronenborn)




Diese Idee ist der Archäologie eigentlich nicht neu, denn ihr ureigenstes Handwerkszeug, die Ordnung von Objekten zur Erstellung einer Chronologie, baut genau auf diesem Phänomen auf, das bereits seit den antiken Abfolgen und ganz deutlich bei den Methodenentwicklungen im 19. Jahrhundert. Nicht zufällig wurden viele Perioden in dreistufige Entwicklungsschemata einer Früh-, Hoch- und Spätphase gepresst. 

Diese folgt dem typischen Innovationszyklus, der auch heute immer wieder in der Analyse von Wirtschaftsprozessen verwendet wird (Rogers 1962). Schmerzhaft deutlich wird uns das zur Zeit in der Beobachtung des Kurvenverlaufs der COVID-19-Infektionsrate, von der wir alle hoffen, dass sie nach einem Kipppunkt wieder abflachen möge (http://rocs.hu-berlin.de/corona/docs/forecast/results_by_country/). 

Mit Hilfe dieses prozess- und zyklenbasierten Denkmusters scheint es uns möglich, die alten Widersprüche zwischen geisteswissenschaftlichen individuenbasierten und naturwissenschaftlichen prozessbasierten Geschichtsbildern aufzulösen (Abb. 6). Letztlich geht es um zwei Aspekte desselben Untersuchungsgegenstandes, die sich allerdings in ihrer Bezugsskala und in ihrem Abstraktionsgrad unterscheiden. Ziel ist, daraus ein kombiniertes, vielschichtige Geschichtsbild unter Berücksichtigung des Verhältnisses der verschiedenen Bezugsebenen zu entwickeln. Untersuchungen auf der Basis langer Zeiträumen müssen durch Fallstudien einzelner Zyklen oder wenigstens Umbruchphasen ergänzt werden. Es zeigt sich, dass das eine eine Stärke der prähistorischen, das andere eine der historischen Archäologie ist. Getrennt durch fünf Jahrtausende haben sich so Studien zu den Zyklen des Neolithikums mit solchen zur Siedlungsdynamik des Mittelalters insbesondere des 14. Jahrhunderts ergänzt (Schreg 2011; 2020).

Abb. 6. Auflösung des Widerspruchs zwischen geistes- und naturwissenschaftlichen Traditionen.
(Graphik: D. Gronenborn)

Die einzelnen Zyklen bzw. Prozesse laufen historisch nicht gleich ab. Hier gibt es so viele Faktoren, dass letztlich doch jeder Zyklus individuell zu sehen ist. So sehr der Mensch als homo sapiens im Großen und Ganzen einen Faktor im Gesamtsystem darstellt, so ist doch gerade seine aktive Rolle als Akteur, wie auch sein konkretes Reagieren in Krisen für uns von Interesse. Zu den Untersuchungen langfristiger Prozesse  müssen also auch Überlegungen treten, wie das Individuum mit der Gesellschaft als Ganzem interagiert (Schreg u.a. 2012; 2013; Schreg 2017 ) und wer Akteure im gesellschaftlichen Wandel sind.

Das Grundmuster

Grundlage dieser Gesamtkonzeption sind Abfolgen von Zyklen bzw. wiederkehrenden Prozessen, die einem immer sich wiederholenden Muster folgen (Abb. 7). Dieses beruht auf den Adaptiven Zyklen, ist aber erweitert und verändert mit Verhaltensabfolgen in staatlichen Gesellschaften, die Turchin/Nefedov (2009) herausgearbeitet haben. So ist der Zyklus in einen integrativen und einen desintegrativen Teil zweigeteilt. Dieses Grundmuster ist in aufeinander bezogene Abschnitte eingeteilt, die zwar in den jeweiligen Studien unterschiedlich benannt sind, aber dennoch dieselben Inhalte haben; sie finden sich auch in der oben schon erwähnten archäologischen Chronologie (Abb. 7). Solche Zyklen sind, wie Scheffer (2009, 79) das trefflich gesagt hat „intuitive Metaphern“. Daher ist es notwendig, für eine analytische Vorgehensweise die einzelnen Komponenten voneinander zu trennen und für die jeweiligen Parameter Proxy-Daten zu finden, dies sowohl im archäologischen Material wie auch in den Textquellen (Abb. 8).

Abb. 7. Zweidimensionale Darstellung des sozio-politischen und ökonomisch-ökologischen Zyklus (SPEEC) basierend auf einem archäologischen typochronologischen Modell (ATC) und Adaptiven Zyklen (AC), der demografisch-strukturellen Theorie (DST) und der Dual Processual Theory (DPT) (Literaturverweise siehe Gronenborn 2016).





Abb. 8. Schematische Darstellung verschiedener in einem Zyklus wirksamer Faktoren.
(Graphik: D. Gronenborn)


In unseren bisherigen Studien haben wir uns besonders eine sozio-politische Komponente herausgegriffen, da diese noch weniger erforscht schien. In der Archäologie gebräuchlicher sind Zyklen etwa in der Siedlungsgeschichte mit der Vorstellung expansiver Phasen der Kolonisation und solche der Wüstung oder in der Geoarchäologie mit dem Modell des Bodensyndroms (Bork 2006).

Etliche Studien hatten sich auch bereits mit Populationsdynamiken befasst, ein Ansatz der methodisch weniger aufwendig ist (Zimmermann u. a. 2009; Zimmermann 2012), aber eben nur einen Teil der gesamten Dynamik abdeckt. Wir haben uns auf einen Parameter bezogen, den man als Fluktuationen im sozialen Zusammenhang (social cohesion) bezeichnen kann, und der sich aus der Diversität bzw. Normierung von sozialen Identifikationen generiert. Das ist in der Archäologie eine alte Vorgehensweise die verwandt ist mit der Dual Processual Theory der 1990er (Blanton u. a. 1996). Die Grundidee ist, dass sich alle Mitglieder eine Gruppe mit sozialen Einheiten identifizieren, sei es Familienverbände oder Bünde, oder Geheimgesellschaften. Angenommen wird dabei, dass es Einheiten sein sollten die eine aktive politische Rolle in den Gesellschaften übernehmen. Konkret zu greifen ist diese Diversität bzw. Normierung in der materiellen Kultur. Zu denken ist an Individualität in der Grabausstattung, bei Trachtmustern oder – in der archäologischen Überlieferung noch am kontinuierlichsten zu erfassen – im Stilrepertoire an Keramik (https://rfactors.hypotheses.org/files/2019/09/Gronenborn_2019_Vom_Artefakt_zum_historischen_Prozess.pdf). Verwandt ist dieser Ansatz auch mit dem Habitus-Konzept von Bourdieu (1976).

Plottet man solche Proxy-Daten in einer Zeitreihe, lässt sich ein Muster feststellen (Abb. 9): Zu Beginn des Zyklus ist die Diversität der Identifikationen gering, meist auch weil es eine geringe Zahl von Gruppenmitgliedern gibt. Im Laufe der Zeit nimmt die Diversität zu und nach einem Kipppunkt (tipping point) nimmt sie wieder ab. Entsprechend dieser Diversitätskurve ist die soziale Kohäsion zu Beginn der Kurven hoch, nimmt dann ab, und nimmt zum Ende wieder zu. Das heißt die desintegrative Phase ist zwar durch eine Zunahme sozialer Kohäsion gekennzeichnet, zeigt aber dennoch ein Verfallsstadium der Gesellschaften an. Charakteristikum dieser Phasen sind Gesellschaften in einem Stadium der Polarisierung, das auch in Extremfällen in ein Stadium der Rigidität, ja der sogenannten Rigiditätsfallen übergehen kann. 



Abb. 9. Zwei aufeinander folgende Zyklen stilistischer Diversität im Alt- und Mittelneolithikum SW-Deutschlands (verändert nach Gronenborn u. a. 2018).

Diese sozialen Kurven sind im bisher untersuchten Fall von der Populationskurve entkoppelt (Gronenborn u. a. 2017; Peters/Zimmermann 2017). In einer weiteren, noch nicht veröffentlichten Studie konnte gezeigt werden, dass auch die Sozialindizes zudem auf verschiedenen Skalenebenen unterschiedliche Kurvenverläufe aufweisen, sich letztlich also jede Phase des Zyklus aus einer Vielzahl von Einzelzyklen unterschiedlicher Genese zusammensetzt (Gronenborn u. a. 2020).

Dieses Grundmuster haben wir versuchsweise den „Soziopolitisch-ökonomisch-ökologischen Zyklus“ (SPEEC) genannt (Gronenborn 2016), weil letztlich alle Faktoren mit bedacht werden, so denn Daten dazu in hinreichender Auflösung zur Verfügung stehen.

Fortsetzungsepisoden



Literaturverzeichnis

  • Binford 1977
    L. R. Binford, For theory building in Archaeology (New York 1977).
  • Blanton u. a. 1996
    R. E. Blanton/G. F. Feinman/S. A. Kowalewski u. a., A dual-processual theory for the evolution of Mesoamerican Civilization. Current Anthropology 37, 1, 1996, 1–14.
  • Bork 2006
    H.-R. Bork (Hrsg.), Landschaften der Erde unter dem Einfluss des Menschen (Darmstadt 2006).
  • Bourdieu 1976
    P. Bourdieu, Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft (Frankfurt am Main 1976).
  • Clarke 1968
    D. L. Clarke, Analytical Archaeology (London 1968).
  • Dilthey 1887
    W. Dilthey, Einleitung in die Geisteswissenschaften. Versuch einer Grundlegung für das Studium der Gesellschaft und der Geschichte. Erster Band (Leipzig 1887).
  • Dobres/Robb 2000
    M.-A. Dobres/J. Robb, Agency in Archaeology (2000).
  • Droysen 1868
    J. G. Droysen, Grundriss der Historik (Leipzig 1868).
  • Engels 1989
    F. Engels, Der Ursprung der Familie, des Privateigentumss und des Staates. Im Anschluß an Lewis H. Morgans Forschungen (Berlin 1989).
  • Dotterweich 2011
    M. Dotterweich, Systemtheoretische Konzepte zur interdisziplinären Erforschung komplexer Mensch-Umwelt-Beziehungen. In: F. Daim/D. Gronenborn/R. Schreg (Hrsg.),Strategien zum Überleben. Umweltkrisen und ihre Bewältigung. RGZM-Tagungen 11 (Mainz 2011) 95–107.
  • Gronenborn u. a. 2014
    D. Gronenborn/H.-C. Strien/S. Dietrich u. a., ‘Adaptive cycles’ and climate fluctuations. A case study from Linear Pottery Culture in western Central Europe. Journal of Archaeological Science 51, 2014, 73–83.
  • Gronenborn 2016
    D. Gronenborn, Some thoughts on political differentiation in early to Young Neolithic societies in western central Europe. In: H. Meller/H.-P. Hahn/R. Jung u. a. (Hrsg.), Arm und Reich - Zur Ressourcenverteilung in prähistorischen Gesellschaften. 8. Mitteldeutscher Archäologentag vom 22. bis 24. Oktober 2015 in Halle1. Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle (2016) 61–76.
  • Gronenborn u. a. 2017
    D. Gronenborn/H.-C. Strien/C. Lemmen, Population dynamics, social resilience strategies, and Adaptive Cycles in early farming societies of SW Central Europe. Quaternary International 446, 2017, 54–65.
  • Gronenborn u. a. 2018
    D. Gronenborn/H.-C. Strien/R. van Dick u. a., Social diversity, social identity, and the emergence of surplus in the western central European Neolithic. In: H. Meller/D. Gronenborn/R. Risch (Hrsg.), Überschuss ohne Staat / Surplus without the State. Politische Formen in der Vorgeschichte / Political Forms in Prehistory1. Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle 18 (Halle 2018) 201–220.
  • Gronenborn u. a. 2020
    D. Gronenborn/H.-C. Strien/K. W. Wirtz u. a., Inherent Collapse? Social Dynamics and External Forcing in Early Neolithic and Modern SW Germany. In: F. Riede/P. Sheets (Hrsg.), Going Forward by Looking Back (New York, Oxford 2020) im Druck.
  • Gronenborn/ Schreg 2011
    D. Gronenborn/ R. Schreg, Rainer, Krisen und ihre Bewältigung - Aspekte einer Bilanz. In: F. Daim/ D. Gronenborn u. R. Schreg (Hrsg.), Strategien zum Überleben. RGZM - Tagungen 11 (Mainz 2011) 303-310 (2011).
  • Holling/Gunderson 2002
    C. S. Holling/L. H. Gunderson, Resilience and Adaptive Cycles. In: L. H. Gunderson/C. S. Holling (Hrsg.), Panarchy. Understanding transformations in human and natural systems (Washington 2002) 25–62.
  • Peters/Zimmermann 2017
    R. Peters/A. Zimmermann, Resilience and Cyclicity. Towards a macrohistory of the Central European Neolithic. Quaternary International 446, 2017, 43–53.
  • Redman 2005
    C. L. Redman, Resilience theory in archaeology. American Anthropologist 107, 1, 2005, 70–77.
  • Rogers 1962
    E. M. Rogers, Diffusion of innovations (New York 1962).
  • Scheffer 2009
    M. Scheffer, Critical transitions in nature and society. Princeton studies in complexity (Princeton, NJ 2009).
  • Schreg 2011
    R. Schreg, Feeding the village. Reflections on the ecology and resilience of medieval rural economy. In: J. Klápšte (Hrsg.), Processing, storage, distribution of food. Food in the medieval rural environment; Ruralia 8 (Turnhout 2011) 301–320.
  • Schreg 2014
    R. Schreg, Neue Perspektiven des Geschichtsverständnisses in der historischen Archäologie Reflektionen und Fallstudien zur Umwelt- und Sozialarchäologie als historische Kulturwissenschaft. Habil. Tübingen (Mainz, Tübingen 2014 [unpubl.]).
  • Schreg 2017
    R. Schreg, Interaktion und Kommunikation im Raum – Methoden und Modelle der Sozialarchäologie. In: S. Brather/J. Dendorfer (Hrsg.),Grenzen, Räume und Identitäten. Der Oberrhein und seine Nachbarregionen von der Antike bis zum Hochmittelalter. Tagung Freiburg, 13. – 16. November 2013. Archäologie und Geschichte 22 (Ostfildern 2017) 455–492.
  • Schreg 2018
    R. Schreg, Historische Prozesse. Rezension zu Schützeichel/ Jordan 2015. Archaeologik (11.6.2018). - https://archaeologik.blogspot.com/2018/06/historische-prozesse.html
  • Schreg 2020
    R. Schreg, Plague and Desertion. A Consequence of Anthropogenic Landscape Change? Archaeological Studies in Southern Germany. In: M. Bauch/G. J. Schenk (Hrsg.), The Crisis of the 14th Century. Teleconnections between Environmental and Societal Change? (Berlin, Boston 2020) 221–246.
  • Schreg u.a. 2012
    R. Schreg/J. Zerres/H. Pantermehl/ St. Wefers/ L. Grunwald,, Habitus - ein soziologisches Konzept in der Archäologie. Archaeologik (14.12.2012)
  • Schreg u. a. 2013
    R. Schreg/J. Zerres/H. Pantermehl/ St. Wefers/ L. Grunwald,/ D. Gronenborn, Detlef., Habitus – ein soziologisches Konzept in der Archäologie. Arch. Inf. 36, 2013, 101-112, 2013. - doi:10.11588/ai.2013.0.15324
  • Schützeichel/ Jordan 2015
    R. Schützeichel/ S. Jordan (Hrsg.), Prozesse. Formen, Dynamiken, Erklärungen (Wiesbaden 2015).
  • Trigger 1989
    B. G. Trigger, A History of Archaeological Thought (Cambridge 1989).
  • Turchin/Nefedov 2009
    P. Turchin/S. A. Nefedov, Secular Cycles (Princeton 2009).
  • Zimmermann u. a. 2009
    A. Zimmermann/J. Hilpert/K. P. Wendt, Estimations of Population Density for Selected Periods Between the Neolithic and AD 1800. Human Biology 81, 2-3, 2009, 357–380.
  • Zimmermann 2012
    A. Zimmermann, Cultural cycles in Central Europe during the Holocene. Quaternary International 274, 2012, 251–258.


Montag, 11. Juni 2018

Historische Prozesse

Rainer Schützeichel - Stefan Jordan (Hrsg.)

Prozesse. 
Formen, Dynamiken, Erklärungen.

(Wiesbaden: Springer  2015).

461 S., 7 Abb.

ISBN 978-3-531-17660-4 (Softcover): 59,99€
ISBN 978-3-531-93458-7 (ebook): 49,99€

Prozesse, so sollte man denken, sind für Historiker und mindestens ebenso für Archäologen eine alltägliche Kategorie, so grundlegend, dass sie längst bis ins letzte durchdrungen ist.  Weit gefehlt: Der Begriff ist ungenügend definiert und kaum reflektiert, obwohl er zahlreiche Assoziationen weckt und sehr viele grundsätzliche Fragen aufwirft. 


Das von Rainer Schützeichel und Stefan Jordan herausgegebene Buch nimmt sich vor, eine Bestandsaufnahme der interdisziplinären Prozessforschung im Hinblick auf deren Resultate vor allem aber auch Probleme zu machen. Sogleich im einleitenden Kapitel distanzieren sich die beiden Herausgeber aber auch gleich von dem Begriff, indem sie seine Tauglichkeit für soziologische und historische Forschungen in Frage stellen.  Ihrer Meinung nach verweist der Begriff des Prozesses auf ein grundsätzliches, methodisches und theoretisches Problem der Geschichts- und Sozialwissenschaften, nämlich auf das der zeitlichen Bedingtheit ihrer Gegenstände, die sich eben im Lauf der Zeit gegenseitig konstituieren.

Tatsächlich ist "Begriff" als fachwissenschaftliche Kategorie nur ungenügend durchdacht. Noch immer schwingen Implikationen aus dem Alltagsgebrauch oder aus Nachbardisziplinen mit, oft ins 18. und 19. Jahrhundert zurück reichend. Der Begriff des "Prozesses" scheint für Historiker deshalb wenig attraktiv, weil ihm oft etwas Deterministisches oder gar Teleologisches anhängt. Einerseits impliziert er Lenkbarkeit und Intention, andererseits sagt der Begriff nichts über Akteure und Faktoren und auch nichts darüber, ob es zwischen den Geschehnissen und Handlungen mehr gibt als eine zeitliche Abfolge, eine Kausalität oder Intentionalität oder andere komplexere Wechselwirkungen. Aufgrund dieser Unbestimmtheit liefert der Begriff per se keinen besonderen Beitrag zum Verständnis historischer Veränderung, doch verweist er auf eben diesen Fragen- und Problemkreis der inneren Zusammenhänge von Ereignissen und Strukturen, von Kausalität und Effekt. Demgegenüber bleiben andere konzeptionelle Begriffe wie "Entwicklung", "Geschehen", "Evolution", "Geschichte", "Kontinuität", "Gang der Dinge", "Bewegung", "historische Notwendigkeit", "Strom", "Dynamik" oder gar "Fortschritt" noch unbestimmter oder problematischer, so dass sie eben "auch nicht zu überzeugen vermögen" (S. 2).
Der Band vereint Positionen von Sozilogen und Historikern, die den Begriff unterschiedlich gebrauchen. Für die Soziologie ist in der Auseinandersetzung mit Prozessen dessen Opposition zum Begriff der Strukturen zu nennen, die für die Soziologie wichtig ist - einer der Punkte in denen sich die geschichtswissenschaftliche Perspektive von der der Soziologie unterscheidet. In den Geschichtswissenschaften wurde in der Theoriediskussion der 1970er Jahre Prozesse einer Ereignisgeschichte gegenübergestellt, wobei entgegen dem traditionellen Geschichtsbild eine Eigendynamik der Prozesse postuliert wurde. Anders die Soziologie, wo Prozesse im Unterschied zur Evolution stärker mit Handlungen und Ereignissen verbunden wurden.

Prozess und Geschichte

Prozesse lassen sich nach der zeitlichen Dimension von Ursachen und Wirkungen differenzieren oder aber anhand der Verlaufsmuster (zyklisch, pfadabhängig, diskontinuierlich...). Carsten Kaven (S. 233 ff.: Langfristige soziale Prozesse: Eigenschaften und Modellierung) differenziert aus soziologischer Sicht zwischen Reproduktions- und Wandlungsprozessen.

Der Gewinn des  Prozessbegriffes liegt denn auch weniger in den Antworten, die er liefert, als in den Fagen, die er aufwirft. Es geht darum, zu untersuchen, ob hinter einer Reihe von historischen Ereignissen und Entwicklungen mehr steht als ein zufällige chronologische Abfolge. Zu fragen ist nach den zeitübergreifenden Zusammenhängen, nach Intentionalitäten, Kausalitäten und Effekten.

Die Beiträge beleuchten so die Dynamiken von Prozessem aber auch verschiedene Erklärungsmodelle. Dass hier soziale Prozesse und weniger ökologische Prozesse im Mittelpunkt stehen, die sich vielleicht gerade in der Archäologie als inspirierend erweisen können, ist dem fachlichen Hintergrund der Herausgeber geschuldet. Wichtig is die Perspektive komplexer dynamischer Systeme, wie sie Klaus Mainzer etwa an den Finanzmärkten erklärt. Er betont aber auch, dass es bisher keine abschließende nichtlineare Systemtheorie gäbe (S. 270), sondern diese eine interdisziplinäre Zukunftsaufgabe sei. So sind auch manche der Beiträge eher als kleine Bausteine zu einer Weiterentwicklung zu sehen, die zum Teil versuchen, heute separat betrachtete Ansätze, wie etwa Modellierungen (C. Kaven, S. 233ff.) oder Netzwerkanalysen (M Düring / L. von Keyserlingk, S. 337ff.) mit Ansätzen einer Prozesstheorie zu verbinden.

Für die Archäologie ist das Buch weit entfernt von den eigenen konkreten Themen, aber wichtig, denn gerade das Verständnis von langen Zeiträumen verlangt eine Auseinandersetzung mit Prozessen. Einzelne Schlagworte sind inzwischen auch schon Modebegriffe geworden, bei denen eine genauere methodisch-theoretische Reflektion zwingend geboten ist. Dabei mag der Band "Prozesse" wichtige Impulse liefern

Inhaltsverzeichnis


Rainer Schützeichel und Stefan Jordan: Prozesse – eine interdisziplinäre Bestandsaufnahme - S. 1

Teil I Prozessformen

Ludger Jansen: Zur Ontologie sozialer Prozesse - 17

Gert Albert: Max Webers Grundbegriffe – eine Revision unter Beachtung der Kategorie der sozialen Prozesse - 45

Stefan Jordan: Was sind Historische Prozesse?  - 71

Rainer Schützeichel: Pfade, Mechanismen, Ereignisse. Zur gegenwärtigen Forschungslage in der Soziologie sozialer Prozesse - 87

Thomas Schwietring: Gesellschaft geschieht. Zeit und Geschichtlichkeit als begründende Kategorien des Sozialen - 149

Gunter Weidenhaus: Prozesse, die Zeit erschaffen? Empirische Betrachtungen zum Wechselverhältnis von sozialen Prozessen und geschichtlichen Strukturen - 169

Teil II Prozessdynamiken

Thomas Welskopp: Bewegungsdrang. Prozess und Dynamik in der Geschichte - 189

Bernhard Miebach: Theoretische und empirische Analyse sozialer Prozesse - 215

Carsten Kaven: Langfristige soziale Prozesse: Eigenschaften und Modellierung - 233

Klaus Mainzer: Prozesse in komplexen dynamischen Systemen - 247

Achim Landwehr: Prozessbegriff und Kulturgeschichte - 273

Hendrik Vollmer: Schweigsame soziale Prozesse, historische Ereignisse, flüchtige Teilnehmer und sozialer Wandel - 303

Teil III Prozesserklärungen

Hella Dietz: Prozesse erzählen – oder was die Soziologie von der Erzähltheorie lernen kann - 321

Marten Düring - Linda von Keyserlingk: Netzwerkanalyse in den Geschichtswissenschaften. Historische Netzwerkanalyse als Methode für die Erforschung von historischen Prozessen - 337

Nina Baur: Theoretische und methodologische Implikationen der Dauer sozialer Prozesse - 351

Rainer Greshoff: Weites oder enges Prozessverständnis? Konzeptuelle Erörterungen auf der Basis einer kritischen Rekonstruktion des Luhmannschen Prozessbegriffes und unter Bezug auf soziale Mechanismen - 371

Peter Kappelhoff - Sozialkulturelle Prozesse aus Sicht eines methodologischen Evolutionismus - 409

Willfried Spohn: Europäisierung, Nation und Religion – Zur Transformation kollektiver Identitäten in einem sich erweiternden Europa - 435

Montag, 12. Dezember 2016

Deutsche Archäologie in der Global Archaeology



Claire Smith (Hrsg.)

Encyclopedia of Global Archaeology

(Cham, Heidelberg: Springer 2014)

ISBN 978-1-4419-0426-3 
11 Bände, über 8000 Seiten, 791 schwarz-weiß Abbildungen, 1828 Farbabbildungen
4494,00€ (e-book 4998,00€)


Vorab: Ich habe die Publikation nicht vollständig gelesen. 11 Bände mit insgesamt über 8000 Seiten sind zu viel des Guten. Aber es soll auch eine Enzyklopädie zum Nachschlagen sein. Das Werk umfasst Einträge zu Fachbegriffen, zu ganzen Perioden, zu Methoden und Theorien, aber auch zu Forschern und Institutionen. Die Herausgeberin Claire Smith lehrt in Adelaide, Australien und war über Jahre hinweg Präsidentin des World Archaeological Congress.
Eine detaillierte Besprechung des Werkes ist aufgrund des Umfangs also nicht möglich. Ich möchte daher gezielt fragen, wie sich der deutsche Beitrag zur Global Archaeology darstellt.

Themen der Global Archaeology

Deutschland nimmt nur einen kleinen Teil der Erdoberfläche ein und so relativiert sich auch der Anteil deutscher Forschung in der Global Archaeology. Schaut man aber auf die Vielfalt der Themen, die die Enzyklopädie behandelt, so fällt doch auf, wie umgekehrt eben auch viele Themen hierzulande gar nicht präsent sind.
So finden sich Artikel zu theoretischen Konzepten, die in Deutschland bisher so gut wie gar nicht, oder jedenfalls nur in sehr geringem Maße berücksichtigt werden. Zu nennen sind zum Beispiel:
  • Agency in Archaeological Theory,
  • Landscape Domestication,
  • Materiality in Archaeological Theory,
  • Social Memory
Der Eintrag von Charles Orser zu "Race in archaeology" wirkt aus deutscher Sicht etwas befremdlich, übergeht er doch völlig die Erfahrungen, die die Archäologie schon einmal mit einer Rassenforschung gemacht hat. Nach Orser stellt das Konzept der "Race" die Weiterentwicklung der überholten - aber in Deutschland durchaus noch üblichen - Forschungsfragen nach Ethnizität und Identität dar. Aus deutscher Sicht ist dies gerade anders herum. Orser sieht 'race' dabei freilich nicht als eine feststehende Identität, sondern ihm geht es um die 'racialisation', die Zuweisung von Bevölkerungsgruppen zu vermeintlichen Rassen.

Bemerkenswert sind auch einige Einträge zu umwelthistorischen Themen, die zweifellos von großer Bedeutung sind, aber in der deutshcen Archäologie ebenfalls kaum Aufmerksamkeit besitzen. Zu nennen ist hier der Beitrag "Hedges in Historical Archaeology" (S. 3235), der auf das wichtige Thema der Altfluren verweist (vergl. Beiträge auf Archaeologik).

Ein weiteres Themenfeld ist die Praxis der archäologischen Forschung (publication, recording etc.), wie auch ihr Verhältnis zur gegenwärtigen Gesellschaft. Auch hier finden sich Lemmata, die Themen anreißen, die in Deutschland meines Wissens bislang kein nennenswertes Thema sind. Dies gilt zum Beispiel für "Activism and Archaeology" (S. 18), dessen Grundproblem, welche Rolle politisches Handeln in der Archäologie spielt, in Deutschland eigentlich mit Blick sowohl auf die Forschungsgeschichte, als auch auf die Gegenwart höchst aktuell ist.
  • Preserving Heritage: The Role of the Media
  • Legislation and Archaeology
  • Marketing Heritage
  • Media and Archaeology mit einem Kapitel zu Pitfalls and Advantages of Archaeology on Television
Hinzu kommt auch das Themenfeld des Kulturgüterschutzes, zu dem beispielsweise Einträge rechnen, wie der zu  SAFE/ Saving Antiquities for Everyone  (S. 6426). Diese non-profit-Organisation wird auf immerhin 8 reich bebilderten Seiten vorgestellt is, wobei die Autorin des Lemmas, Cindy Ho, die  Gründerin der Organisation ist. Weitere Schlagworte gelten verschiedenen Formen der Repatriation, die insbesondere in den USA eine große Bedeutung in den Beziehungen zu Indianerstämmen darstellen. Die wichtigsten internationalen Konventionen wie die "Charter for the Protection and Management of the Archaeological heritage (1990)", die "Convention for the Protection of Cultural Property in the Event of Armed Conflict (1954)", die "Convention for the Safeguarding of Intangible Cultural Heritage (2003)", die "Convention on the Means of Prohibiting and Preventing the Illicit Import, Export and Transfer of Ownership of Cultural Property (1970) und die "Convention on the Protection of the Underwater Cultural Heritage (2001)" sind mit Beiträgen aufgeführt.

Fazit 1: Insgesamt hat die Encyclopedia of Global Archaeology eine sehr anglophone amerikanische Perspektive, nicht nur in der insgesamt eher geringen Referenz auf nicht-englische Werke, sondern auch in den Begriffsdefinitionen. Der Eintrag zur Historical Archaeology in Western Europe lässt sich lange über den abweichenden Sprachgebrauch in Europa aus. Einen zentralen Beitrag zu Medieval Archaeology gibt es nicht, erfasst ist unter dem Schlagwort lediglich die Zeitschrift des Namens. Zum Teil gibt es aber länderspezifische Artikel z.B. "Italy: medieval Archaeology" (S. 4145) oder "France: medieval archaeology" (S. 2899). Einen entsprechenden Eintrag "Germany: medieval archaeology" gibt es nicht, wohl aber einen für die "Deutsche Gesellschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit.

Die deutsche Forschung in der global archaeology 

Schaut man umgekehrt, welchen Stellenwart deutsche Forschung in dem Werk hat, so fällt die Bilanz mager aus.
Nur wenige deutsche Forscher sind mit einem Eintrag erfasst, meist solche, die ihre Karriere dann in den USA gemacht haben.
Karl W. Butzer (Karriere in den USA)
Heinrich Schliemann
Friedrich Max Uhle
Angela von den Driesch
Franz Weidenreich (Karriere in den USA)
Johann Joachim Winkelmann
Martin H. Wobst (Karriere in den USA)
Etwas Erstaunen verursacht der Blick auf die deutschen Fundorte, die mit einem Eintrag erfasst sind:
Andernach-Martinsberg und (!) die Berliner Mauer. Ob man so Plätze wie die Heuneburg an der oberen Donau in solch einem Werk erfassen muss, mag man tatsächlich bezweifeln, aber das Aach- und Lonetal mit seinen paläolithischen Kunstwerken, die Pfahlbauten oder der Limes dürfte man als Welterbesstätten (in spe) jedenfalls erwarten. Aus Österreich ist Willendorf vertreten, aber nicht Hallstatt.
Ich habe exemplarisch in der von Springer als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellte online-Version nach Zitaten aus der Germania, der Prähistorischen Zeitschrift, dem Archäologischen Korrespondenzblatt und der Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters gesucht:
Germania:  4 x
Prähistorische Zeitschrift: 1 x
Archäologisches Korrespondenzblatt: 2 x
Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters: 2 x
Eine Gesamtzahl, der in dem Werk abgedruckten Zitate habe ich nicht ermittelt, aber klar ist, dass die wichtigsten deutschen Zeitschriften eigentlich keine Rolle spielen. Im Unterschied beispielsweise zur Zeitschrift Vestígios. Revista Latina-Americana de la Arqueologia Histórica ist keine von ihnen mit einem eigenen Eintrag vertreten.

Fazit 2: Deutsche Forschung ist im Spiegel dieser Enzyklopädie an einer Global Archaeology so gut wie nicht beteiligt. Zwei Dinge dürften hier eine wichtige Rolle spielen:
1.) der Fokus der Enzyklopädie auf die englischsprachige Forschung und eine fehlende Rezeption nationaler Forschungstraditionen. Hier scheint Deutschland mit den durchaus globalen Arbeiten etWa des Deutschen Archäologischen Instituts ja gar nicht so schlecht aufgestellt, wenngleich der in der Enzyklopädie zum Ausdruck kommende hohe Stellenwert einer historischen Archäologie in Deutschland tatsächlich keine Basis hat (gerade mal 3 Lehrstühle für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit) .
2.) scheint das deutsche Interesse trotz internationaler Arbeit an einer historischen Archäologie recht gering. Sie beinhaltet eine vergleichende Perspektive, die in der Enzykloädie an mancher Stelle sichtbar wird, die aber der deutschen Vorstellung von Archäologie als einer Geschichtswissenschaft widerspricht. Der Stellenwert der histoischen Archäologie ist in dem band sehr hoch - die deutsche Forschung scheint da mit ihren vier Lehrstühlen für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit abgehängt.

Zusammenfassendes Fazit

Die Encyclopedia bietet mit ihrer globalen Ausrichtung eine wichtige Möglichkeit, die eigene Perspektive zu erweitern. Viele Themen werden aus unterschiedlichen Blickwinkeln behandelt. So gibt es gleich vier Artikel, die "Gender, Feminist and Queer Archaeologies" (S. 2968) einmal aus australischer, einmal aus europäischer, spanischer und US-amerikanischer Perspektive behandeln. Da es sich um eigenständige Artikel handelt, ist es allerdings schwer, den Überblick zu behalten. Das wird noch schwieriger, wenn etwa Medieval Archaeology in mehreren regionalen Artikeln behandelt wird, aber nicht als Oberbegriff. Sie fehlt auch in einem Artikel, der ansonsten die verschiedenen archäologischen Disziplinen charakterisiert: "Archaeology and the Emergence of Fields: Historical and Classical" (S. 408), wobei sich nicht richtig erschließt, worauf dieser Artikel angesichts zahlreicher Paralleleinträge abzielt.
Nicht ganz klar sind mir auch die Kriterien bei der Auswahl der Personen und Fundorte. Auch bei den Personeneinträgen gibt es oft doppelte Artikel, so etwa zu Lewis Binford (S. 870), der einmal mit Blick auf Hunter-Gatherer and Mid Range Societies und einmal mit Blick auf Theorie einen Eintrag gefunden hat. Beide Artikel beginnen mit Basic Biographical Information...

Für ein Werk, das eine globale Perspektive auf die Archäologei einnehmen will, ist die Zentrierung auf die anglophone Forschung ein echtes Defizit. Ähnlich, wie die deutsche Forschung nicht rezipiert wird, scheint dies beispielsweise auch für die französische oder skandinavische sowie chinesische, japanische oder russische Forschung zu gelten, auch wenn versucht wurde, durch regionale Artikel tatsächlich global alle Regionen abzudecken.

Warum solch eine dicke Enzyklopädie heute noch primär als Buch publiziert wird, mit einem Buchhandelspreis von rund 4500,-€, erschließt sich mir nicht. Ein Buch zur erholsamen Lektüre ist das Werk nicht und sein Gehalt wäre digital leichter zu erschließen. Von einem Open Access-Webprojekt hätten mehr Nutzer und die ganze Wissenschaft profitiert und es hätte auf mittlere Sicht ausgleichend ergänzt werden können. Immerhin gibt es von Springer auch eine digitale Version als pdf, die kostet aber schlappe 5000,-€. Die vom Verlag für eine Rezension zur Verfügung gestellte online-Version des Werkes ist mit ihrer Navigation reichlich unübersichtlich und bietet keine vernünftigen Arbeitsvoraussetzungen.

Wenn die Enzyklopädie nicht so teuer und frei zugänglich wäre, könnte sie vielleicht dazu beitragen, die deutsche Forschung mehr an die glonalen Themen heranzuführen. So ist viel Potential verschenkt und die Enzyklopädie hat die Chance zum Geheimtipp für all jene zu werden, die sich für Theorien und Konzepte in der Archäologie interessieren.


(kleinere Überarbeitung nach Freischalten am 12.12.2016)

Dienstag, 6. Dezember 2016

Entwicklungen der Archäologie des Mittelalters

Fast 30 Jahre nach der Publikation der wegweisenden Einführung in die Archäologie des Mittelalters von Günter P. Fehring (1987) haben wir nun ein neues Buch geschrieben, das die Archäologie des Mittelalters als wissenschaftliche Disziplin umreißt. Dass sich in 30 Jahren nicht nur ein enormer Quellenzuwachs ergeben hat, sondern dass sich auch die Sichtweisen verändert haben, dürfte nicht verwundern. Während meines Studiums war das Buch von Fehring noch neu und gab in der Tat eine gute Übersicht über das Fach. 
Aber bei einer tiefer gehenden Auseinandersetzung mit der Theorie der Archäologie des Mittelalters wurden bald die  Grenzen der Konzeption der Archäologie des Mittelalters deutlich, wie sie in der Einführung Fehring erkennbar wurden. Vor 15 Jahren hatte ich die Gelegenheit, die Neuauflage von Fehrings Einführung zu rezensieren, die mit nur wenigen Aktualisierungen auskam - vornehmlich ergänzenden Nennungen neuer Grabungen und Nachträgen im Literaturverzeichnis. Meine Kritik zielte auf die methodisch-theoretische Konzeption, wie sie sich unter anderem in der Definition des Faches niederschlug (vergl. Definitionen der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit. Archaeologik 29.11.2016). Konkret richtete sich meine Kritik auf die folgenden Punkte:



  • der enge Bezug auf die Geschichtswissenschaften, ohne dass das Geschichtsverständnis präzisiert wurde (das aber aus dem Kontext zu erschließen eher traditionell zu verstehen ist)


  • die daraus resultierende explizite Ablehnung archäologischer Theorie  insbesondere der 'new archaeology'


  • die explizite Festlegung auf archäologische Methoden, konkreter die der Ur- und Frühgeschichte


  • daraus resultierend das Ausklammern der Bauforschung (die in der klassischen Archäologie durchaus  in das archäologische Methodenspektrum integriert sind) und


  • der geringe Stellenwert der Sachkulturforschung


  • fehlende Überlegungen zur Verknüpfung archäologischer und schriftlicher Quellen.





  • neue Entwicklungen

    Tatsächlich dürften dies die Bereiche sein, in denen die Diskussion in der Archäologie des Mittelalters (und der Neuzeit) in den vergangenen 30 Jahren die stärksten  Fortschritte gemacht hat - vor allem dadurch, dass die Themen überhaupt als solche erkannt wurden.
    1. Die Rolle der Geschichtswissenschaften wird zunehmend durch einen Bezug auf die historischen Kulturwissenschaften relativiert, oder wenigstens ergänzt. Hier ist beispielsweise auf Beiträge von I. Ericsson, C. Theune, U. Müller und auch von mir selbst zu verweisen.
    2. Die insgesamt in der deutschen Archäologie zunehmende Theoriediskussion betrifft auch die Archäologie des Mittelalters, sowohl was Theorie im Sinne einer Entwicklung von Fragestellungen und Hypothesen betrifft, als auch in Bezug auf Theorie im Sinne einer kritischen Selbstreflektion der Fachstrukturen und der handelnden Personen. Die entscheidenden Beiträge stammten hier zunächst aus dem angelsächsischen Raum, werden aber zunehmend auch in der deutschsprachigen mittelalterarchäologischen Community rezipiert.
    3. Ich sehe auch eine durchaus interdisziplinäre Öffnung, die mehr an Fragestellungen und Kompetenzen orientiert ist, als an disziplinären Claims. Das ist freilich noch eher zögerlich, aber zunehmend greifen Überblicksarbeiten weiter aus und greifen auf Ergebnisse und Theorien von Nachbardisziplinen zurück. Dieser Trend lässt sich an den Definitionen des Faches ablesen (vergl. Definitionen der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit. Archaeologik 29.11.2016).
    4. Eine pragmatische Auseinandersetzung mit den Zuständigkeiten von Archäologie und Bauforschung hat dazu geführt, dass zunehmend integrative Projekte durchgeführt wurden, die beispielsweise einzelne städtische Fachwerkhäuser bauhistorisch und archäologisch untersucht haben.
    5. Die Sachkulturforschung wurde zwischenzeitlich sowohl von Archäologen als auch von Historikern als Aufgaben- und Forschungsfeld umrissen. Zu nennen ist hier die grundlegende Arbeit von Sabine Felgenhauer, die noch stark den Bezug zur klassischen Kulturgeschichte suchte. Inzwischen ist ein zunehmender Einfluss der historischen Kulturwissenschaften zu vermerken, der sich darin äußert, dass Objekte im Kontext sozialer Praxis gesehen werden. Zu verweisen ist auf die Thematisierung des Habitus (vergl. Archaeologik 14.12.2012; publiziert: Schreg u.a. 2013), die explizit beispielsweise in der Arbeit von Ulrich Müllers zu Handwaschgefäßen vorgenommen wurde.
    6. Grundsätzliche Überlegungen zur Verknüpfung archäologischer und schriftlicher Quellen hat der Schwede Anders Andrén schon etwa zum Zeitpunkt der Erstpublikation von Fehrings Einführung vorgelegt. Die wurde inzwischen - etwas zögerlich - auch im deutschsprachigen Raum aufgegriffen.
    Darüber hinaus konnte seit den 1990er Jahren eine Internationalisierung des Faches festgestellt werden (vergl. Archaeologik demnächst), wie sie etwa im Medieval Europe Research Congress (MERC - jetzt Medieval Europe Research Commitee im Rahmen der EAA) oder der Ruralia Association zum Ausdruck kommt.

    Umsetzung

    Mit dem Schreiben einer neuen Einführung bot sich die Chance (und Notwendigkeit), die eigenen Kritikpunkte umzusetzen und neueren Entwicklungen  Rechnung zu tragen. In einigen Punkten setzt sie sich ganz bewusst von der älteren Arbeit Fehrings ab. Da wir in dem neuen Buch diesen Kontrast nicht herausgearbeitet haben, er aber interessant erscheint, wenn es darum geht, die Entwicklung des Faches in den letzten Jahren zu skizzieren, seien hier jene Punkte angeführt, die jedenfalls für mich beim Schreiben der Beiträge wichtig waren.

    Wir haben die Definition des Fachs anders formuliert.
    Die Archäologie der Neuzeit sollte einbezogen werden. Wir haben dies nur moderat getan, da die Entwicklung dieses Forschungsgebietes gerade sehr rasch voranschreitet. Nach einer Phase, in der die Neuzeitarchäologie in Deutschland überwiegend  an Kriegen und "Tatorten" interessiert war,  wendet sie sich nun breiteren Themen zu, kommt dadurch aber auch in die Situation, genauer ihr Erkenntnisinteresse darstellen und erklären zu müssen, worin die Sinnhaftigkeit einer archäologischen Auseinandersetzung mit der Neuzeit besteht. Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit verstehen wir primär als eine historische Archäologie.

    Wir formulieren keine Abgrenzung gegenüber den Geschichtswissenschaften oder der Kunstgeschichte vor. Hier gibt es Überschneidungen, von denen ein interdisziplinärer Diskurs nur profitieren kann.
    Fehring hatte in seinem Buch keinerlei theoretische Reflektion über die weitergehenden Ziele der archäologischen Forschung. Hier ergeben sich aber zahlreiche Themen, die für das Verständnis und die Weiterentwicklung des Faches von grundlegender Bedeutung sind. So ist das Geschichtsverständnis oder der Kulturbegriff des Faches ebenso zu hinterfragen, wie seine Narrative in der Vermittlung der Forschungsergebnisse an die Öffentlichkeit. Deshalb enthält der Band im Methodenkapitel einen relativ ausführlichen Teil zu Quelleninterpretation und Theorie. 

    Keramik trat in der Einführung Fehrings nur im Kontext der Chronologie auf. Tatsächlich sind Keramikscherben darüber hinaus eine wichtige Quelle zur Alltags- und Wirtschaftsgeschichte, bisweilen auch zur Umweltgeschichte. Der Themenbereich der Sachkultur sollte stärker betont werden. Das haben wir erreicht, indem die wichtigsten Fundgruppen eigene kästchenförmige Exkurse erhalten haben.

    4. Obwohl sich das Buch auf den deutschen Sprachraum konzentriert, greift es punktuell immer wieder darüber hinaus, etwa, wenn die byzantinische Archäologie oder die islamische Archäologie kurz präsentiert werden.


    Literaturhinweise

    Andrén 1998
    A. Andrén, Between artifacts and texts. Historical archaeology in global perspective, Contributions to global Historical Archaeology (New York 1998)

    Ericsson 2000
    I. Ericsson, Archäologie des Mittelalters - eine Kulturwissenschaft?, Das Mittelalter 5, 2000, 141–148

    Fehring 1987
    G. P. Fehring, Einführung in die Archäologie des Mittelalters (Darmstadt 1987)

    Felgenhauer-Schmiedt 1995
    S. Felgenhauer-Schmiedt, Die Sachkultur des Mittelalters im Lichte der archäologischen Funde, Europ. Hochschulschr. R. 38 42 2(Frankfurt am Main 1995)

    Müller 2006
    U. Müller, Zwischen Gebrauch und Bedeutung. Studien zur Funktion von Sachkultur am Beispiel mittelalterlichen Handwaschgeschirrs (5./6. bis 15./16. Jahrhundert), Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters, Beiheft 20 (Bonn 2006)

    Müller 2013
    U. Müller, Die Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit im Gefüge der historischen Archäologien, in: K. Ridder – S. Patzold (Hrsg.), Die Aktualität der Vormoderne. Epochenentwürfe zwischen Alterität und Kontinuität, Europa im Mittelalter 23 (Berlin 2013) 61–90

    Schreg 2001
    R. Schreg, [Rez.zu]: Die Archäologie des Mittelalters. Eine Einführung, Arch. Inf. 24, 2001, 331–334

    Schreg 2007
    R. Schreg, Archäologie der frühen Neuzeit. Der Beitrag der Archäologie angesichts zunehmender Schriftquellen, Mitt. Dt. Ges. Arch. Mittelalter u. Neuzeit 18, 2007, 9–20

    Schreg 2010
    R. Schreg, Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit: eine historische Kulturwissenschaft par excellence?, in: M. Dreyer – J. Kusber – J. Rogge – A. Hütig (Hrsg.), Historische Kulturwissenschaften. Positionen, Praktiken und Perspektiven, Mainzer Historische Kulturwissenschaften 1 (Bielefeld 2010) 335–366

    Schreg u. a. 2013
    R. Schreg – J. Zerres – H. Pantermehl – S. Wefers – L. Grunwald – D. Gronenborn, Habitus – ein soziologisches Konzept in der Archäologie, Arch. Inf. 36, 2013, 101-112 - DOI: 10.11588/ai.2013.0.15324
     
    Theune 2009
    C. Theune, Ganzheitliche Forschungen zum Mittelalter und zur Neuzeit, in: S. Brather – D. Geuenich – C. Huth – H. Beck (Hrsg.), Historia archaeologica. Festschrift für Heiko Steuer zum 70. Geburtstag, RGA Ergbd. 70 (Berlin 2009) 755–764

    Theune 2012
    C. Theune, Zeitgeschichtliche Archäologie. Forschungen und Methoden, Fundber. Österreich 51, 2012, 121–126

    Theune 2014
    C. Theune, Archäologie an Tatorten des 20. Jahrhunderts, Archäologie in Deutschland. Sonderheft (Darmstadt 2014)

    Mittwoch, 9. November 2016

    A predictable Phenomenon: the next President of the United States of America

    by Detlef Gronenborn

    New elected president
    (Foto: Michael Vadon [CC BY SA 4.0]
    via Wikimedia Commons)
    The world is in shock, at least considerable parts of it. Donald Trump, the outsider, the maniac, has actually won the presidential race in the most powerful nation of the globe.
    Disbelieve in most parts of Europe, and many other regions world-wide. How could that happen? How could a fact-free campaign, built on emotions and outright lies become so successful?

    From a long-term perspective the entire process is actually not all that surprising, was – in fact – foreseeable. If voters in the US would have voted slightly different, with a Democratic candidate winning, that very situation we are facing now would have appeared anyway in a nearer future.
    The basis is the fear of change, of loss of influence, of loss of political and economic power by those portions of societies which have hitherto build up the current system, maintained it and profited from it. Often, and particularly in the US, this is equated with race, but this is only a North American phenomenon. Trump – and related phenomena – has more generally to do with the loss of power and influence. Those sub-groups within societies who have held power and thus lived stable lives in a comfort zone may have to give up their positions if their responses to the course of history were too inflexible. And humans typically have great fear of giving up their comfort zone, they then strive to resort back to security and stability.
    The phenomenon is clearly not restricted to the US, in Europe it became obvious with the Brexit vote, and long before lingered around with the success of nationalistic and/or right wing movements in France, The Netherlands, Hungary, Austria and lastly also Germany. Particularly striking cases outside of Europe are Turkey and Russia. All these movements profit from the same phenomenon, fear of loss of influence and economic power, and a general fear of what the global future might bring in light of increasing regional conflicts, of global change.

    Cycles

    Yet these processes are really not so surprising, are actually an inherent part of the human experience, at least from the beginning of farming some 9000 years ago. Possibly they were in operation before, but for these periods we lack dense data.
    With the beginning of farming societies underwent literally the first economic and societal boom phases, detectable in massive population increases. However, some few hundred years after the onset of these boom phases, societies declined, collapsed, often with social unrest and violence associated. It is precisely during these phases that we observe a phenomenon known ever since the times of Classical Antiquity. Already Polybius (Hist. VI, II, 4-7) had remarked, that the first monarch emerged after an environmental collapse and during the subsequent population increase, when “[…] the man who excels in bodily strength and in courage will lead and rule over the rest.”

    Recent investigation into European data show, that this process may be verified at least for Europe. Apparently during the decline/collapse phase of the early farmers did a political type appear, which is known to political anthropology as the “Great Men”. Originally observed and defined in Melanesia this type might represent a general phenomenon in any human society under internal and external stress, when groups organized themselves more rigidly. These phases are accompanied by an increase in violence and warfare, mostly internal, hence widespread social unrest. A little later in European prehistory do we see the first massive single burials, indicating the emergence of a true elite.

    From then on were these first cycles that we can observe archaeologically only repeated thereafter with chiefdoms, states and empires emerging flourishing and collapsing. The basic mechanisms remained the same – to this very, very day.

    The return of the “Great Men”

    So what we experience today is a very common form of human behavior, in the long-term perspective. Social entities organize themselves more rigidly, diversity decreases, and at least parts of societies turn to those promising easy and quick solutions – Polybuis’ early monarchs, or the “Great Men” of political anthropology. Donald Trump is but one figure in a long line, only the impacts have increased as today, the fate of the entire globe is in danger if decisions are taken in a wrong direction and too fast.
    Very uncertain now are endeavors towards minimizing the effects of climate change, of policies towards universities, generally of policies towards cultural heritage.

    References


    Godelier, M., 1986. The making of great men: Male domination and power among the New Guinea Baruya. Cambridge studies in social anthropology 56. Cambridge Univ. Press, Cambridge.

    Gronenborn, D., Strien, H.-C., Dietrich, S., Sirocko, F., 2014. ‘Adaptive cycles’ and climate fluctuations: A case study from Linear Pottery Culture in western Central Europe. Journal of Archaeological Science 51, 73–83. - http://dx.doi.org/10.1016/j.jas.2013.03.015

    Gronenborn, D., 2016. Some thoughts on political differentiation in early to Young Neolithic societies in western central Europe. In: Meller, H., Hahn, H.-P., Jung, R., Risch, R. (Eds.), Arm und Reich - Zur Ressourcenverteilung in prähistorischen Gesellschaften: 8. Mitteldeutscher Archäologentag vom 22. bis 24. Oktober 2015 in Halle … des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle), 1 ed. Landesamt f. Denkmalpflege u. Archäologie Sachsen-Anhalt, pp. 61–76.

    Shennan, S., Downey, S.S., Timpson, A., Edinborough, K., Colledge, S., Kerig, T., Manning, K., Thomas, M.G., 2013. Regional population collapse followed initial agriculture booms in mid-Holocene Europe. Nat Comms 4. -  doi:10.1038/ncomms3486  (Open Access)

    Sonntag, 17. April 2016

    Archäologik - was ist das?

    Archaeologik ist natürlich zunächst einmal dieses Blog!
    ;-)

    Aber Archäologik ist auch ein bislang noch wenig etablierter archäologischer Fachbegriff, den Manfred K.H. Eggert in Anlehnung an den historischen Fachbegriff der Historik geprägt hat (Eggert, 2006, 201-203). Archäologik bezeichnet die kritische und systematische Auseinandersetzung mit der „disziplinären Matrix“ bzw. den Paradigmen des Fachs, was sich auch als einer der Schwerpunkte des Blogs entwickelt hat.
    Es geht um die Grundlagen archäologischer Erkenntnis, was mehr ist als Quellenkritik und die Methoden der Feldarchäologie und der Archäometrie, die überwiegend auf der Ebene der Datenerschließung und Datenanalyse ansetzen. Es geht um Methoden der Interpretation, das archäologische bzw. historische Denken und seinen wissenschaftlichen Anspruch, sowie um die Einbindung der Archäologie in die moderne Gesellschaft, was Perspektiven und Ziele entscheidend bestimmt.
    Archäologik reflektiert die gängige Denkweise der Wissenschaft und analysiert beispielsweise deren Vorstellungen über das Wesen der Geschichte. 

    Johann Gustav Droysen
    (PD, via WikimediaCommons)
    Der Begriff der Historik ist schon deutlich älter. Er reicht zurück ins 19. Jahrhundert, als Gustav Johann Droysen formuliert hatte, "die Historik ist nicht eine Encyklopädie der historischen Wissenschaften, nicht eine Philosophie (oder Theologie) der Geschichte, noch eine Physik der geschichtlichen Welt, am wenigsten eine Poetik für die Geschichtschreibung. Sie muss sich die Aufgabe stellen, ein Organon des historischen Denkens und Forschens zu sein." Und weiter: "Die Historik umfasst die Methodik des historischen Forschens, die Systematik des historisch Erforschbaren, die Topoi der Darlegungen des historisch Erforschten." Im Kontext solcher Historik wurden auch erste Überlegungen angestellt, wie schriftliche Quellen mit archäologischen Quellen zusammen hängen, was in der Folgezeit jedoch auf dieser systematischen Basis nicht weiter verfolgt wurde. 

    Jörn Rüsen hat den Begriff in den 1980er Jahren aufgenommen und ihn im Sinne einer "Meta-Theorie der Geschichtswissenschaft, einer kritischen Selbstreflektion verwendet. Historik umfasst wie von Droysen definiert die Quellenkritik und Methode sowie die Strukturierung des Forschungsgebiet, aber auch eine Auseinandersetzung mit den Paradigmen und den sozialen Rahmenbedingungen der historischen Forschung.
    "Die Historik bringt das in den Blick, worauf das historische Denken in seiner wissenschaftlichen Verfassung immer schon beruht, und das ohne seine Thematisierung und Explikation durch die Historik lediglich den Status nicht-explizitierter Voraussetzungen und Grundlagen hätte."  (Rüsen 1983, 10)

    Diese Selbstreflektion begründet auch eine Kritikfähigkeit gegenüber dem eigenen Forschen wie der Forschungsgeschichte. So ist aus der Historik auch eine grundsätzliche Kritik der Paradigmen des Historismus erwachsen, der den Begriff der Historik ursprünglich eingeführt hat. Historik ist also nicht einfach geschichtswissenschaftliche Theorie - wie z.B. die Auseinandersetzung mit der Geschichtsphilosophie -, sondern sie bezieht sich immer auf die Praxis der Forschung.
    In der disziplinären Matrix wirken fünf Faktoren zusammen: 1.) das Erkenntnisinteresse an der Vergangenheit, 2.) die sinnstiftenden Ideen, 3.) die Methoden der empirischen Forschung, 4.) die Darstellungsformen und Narrative und 5.) die aktive Rezeption und Integration der Erkenntnisse des geschichtswissenschaftlichen Forschens in die Daseinsorientierung der Gegenwart.

    'Archäologik' ist das Pendant der Historik für die Archäologie. Sie ist die Beobachtung und Selbstreflektion unserer wissenschaftlichen Praxis.  

    Archäologik ist nicht nur der Name, sondern auch das zentrale Thema von Archaeologik.



    Literaturverweise
    • Droysen 1868
      J.G. Droysen, Grundriß der Historik (Leipzig 1868).
    • Eggert 2006
      M. K. H. Eggert, Archäologie. Grundzüge einer historischen Kulturwissenschaft. UTB 2728 (Tübingen 2006).
    • Rüsen 1983
      J. Rüsen, Historische Vernunft. Grundzüge einer Historik I (Göttingen 1983).

    Dienstag, 14. Juli 2015

    Talk Talk Talk - Was kann, soll und muss die "Theorie in der Archäologie" leisten?

    Eine Podiumsdiskussion der AG TidA (Theorien in der Archäologie), organisiert von Doreen Mölders ging auf der Verbandstagung des MOVA (Mittel- und Ostdeutscher Verband für Altertumsforschung) am 17. Juni 2015 drei Stunden lang der Frage nach dem Stand der Theoriediskussion und ihren aktuellen und künftigen Aufgaben in der deutschen Archäologie nach.
    Auf dem Podium saßen:
    • Prof. Sabine Rieckhoff (Leipzig)
    • Dr. Andrea Zeeb-Lanz (Speyer)
    • Prof. Thomas Meier (Heidelberg)
    • Stefan Schreiber (Berlin)
    • Martin Renger (Freiburg)

    In einer Einstiegsrunde reflektierten die Diskutanten die Entwicklung der Theorie-Auseinandersetzung in der deutschen Archäologie - insbesondere, wie Theorie an den Universitäten zu ihren Studienzeiten rezipiert wurde. Sabine Rieckhoff berichtete aus den 1970er und 80er Jahre, wobei sei Wert darauf legte, dass man zunächst nicht von einer Theoriefeindlichkeit der deutschen Archäologie sprechen könne, sondern eigentlich eher eine Theorieabstinenz vorhanden war. Theoriefeindlichkeit sei erst eine sekundäre Entwicklung gewesen. Ihre Ausgangsthese, dass Theorie heute selbstverständlich an den Universitäten angekommen sei, wurde allerdings durch die folgenden Statements stark relativiert. Thomas Meier erzählte, wie sich Münchner Studenten in den 1990er Jahren heimlich auf eine Berghütte zurückgezogen haben, um die am Institut verpönte theoretische Literatur zu lesen.  Stefan Schreiber und Martin Renger bemängelten, dass auch heute eine Theorie nur bedingt Bestandteil der Curricula sei.


    Podiumsdiskutanten im Kapitelsaal des Augustinerklosters in Erfurt
    TidA
    (Foto R. Schreg)
    Aus den Einstiegsstatements ergab sich die Frage nach dem Stellenwert von Theorie heute. Etwas unscharf blieb dabei jedoch, über welche Theorie eigentlich gesprochen wird: Theorien über Entwicklungen und Gesellschaften der Vergangenheit, Theorien über archäologische Erkenntnis, Theorien über die gesellschaftliche Bedeutung der Vergangenheit oder eine Theorie bzw. Ethik der Denkmalpflege? Eine Runde der Diskussion gerade auch mit dem Publikum entspann sich um die Frage nach dem Stellenwert der Theorie für die Denkmalpflege. Martin Nadler vermerkte, dass hier die juristischen Grundlagen sehr viel grundlegender seien, als theoretische Erwägungen. Allerdings: Das jüngste Urteil zur Denkmalpflege in Nordrhein-Westfalen, wo ein Richter einem Kotten den Denkmalcharakter abgesprochen und die Notwendigkeit einer Grabung verneint hat (vergl. http://www.verband-archaeologischer-fachfirmen.de/news/neues-urteil-des-vg-duesseldorf-zur-bodendenkmalpflege/). Das Beispiel macht deutlich, dass eine Theorie über einen konkreten Begriff eben auch für die Praxis grundlegend ist. Sabine Rieckhoff betonte, Theorie sei wichtig zur Rechtfertigung und Konzeptualisierung.

    Die Frage, was genau wir unter „Theorie in der Archäologie“ verstehen, war eine der Kernfragen der Diskussion. 
    Ist sie die Summe von Konzepten des Prozessualismus, Postprozessualismus, Marxismus, Strukturalismus, Konstruktivismus etc., derer wir uns zur Deutung des archäologischen Quellenbestandes bedienen? Oder ist sie vor allem die Garantie für eine reflektierte Wissenschaft, sowohl in Bezug auf die differenzierte Interpretation empirischer Forschungsergebnisse als auch hinsichtlich der kritischen Bewertung unserer diskursiv bestimmten Forschungspraxis? (Einladungsflyer)
    In der Tagungsdiskussion spielten die verschiedenen -ismen bemerkenswerterweise keine Rolle. Stattdessen wurde unter anderem die Frage aufgeworfen, inwiefern man aus Geschichte lernen könne. Unter Verweis auf Adorno äußerte sich Rieckhoff skeptisch. Doreen Mölders verwies hingegen auf ein "reflektives Potential archäologischer Funde". Mir scheint angesichts der Tatsache, dass der Rechtfertigungsdruck der Archäologie immer größer wird, diese Thematik von großer Bedeutung. Die "gesellschaftliche Relevanz" der kleinen Fächer wird heute immer wieder beschworen, aber Überlegungen, wie man diese konkret darstellen bzw. auch umsetzen kann, gibt es kaum. In einer eigenen Wortmeldung habe ich auf die Forschungsrichtung der "applied archaeology" hingewiesen, die hier im Blog verschiedentlich bereits angesprochen wurde (unter dem Schlagwort Lernen aus der Vergangenheit; weiterer Blogpost in Planung), die in Deutschland aber kaum bekannt ist. Wohl vor allem aufgrund der deutschen Forschungsgeschichte tut man sich hier besonders schwer, sich auf aktuelle Themen einzulassen, die dann zwangsläufig auch einmal politische Brisanz besitzen. 

    Die TidA vertritt generell ein breites Verständnis von Theorie. Interessanterweise fehlt im Themenspektrum meines Erachtens aber ein ganz wesentliches Themenfeld, nämlich, die Frage des Geschichtsbilds der Archäologie. Vielleicht fällt mir das mit einem Forschungsschwerpunkt der vermehrt in der historischen Archäologie liegt, besonders auf, aber auch für eine prähistorische Archäologie ist das absolut relevant: In der Diskussion um eine Archäologie als Anthropologie oder als Kulturwissenschaft wird das traditionelle Gegenmodell der Archäologie als Geschichtswissenschaft kaum diskutiert. Dabei ist das Geschichtsbild entscheidend für die Positionierung gegenüber vielen der verschiedenen -ismen. Die ablehnende Haltung der deutschen Archäologie gegenüber Theorie liegt nicht zuletzt in einer tiefen Verwurzelung im Historismus, die in Vielem unreflektiert bis heute nachwirkt.  



    Die Schaffung von Gegenwartsbezügen ist nicht unproblematisch und vielfach gefährlich. Eine Aufgabe der Theorie in der Archäologie ist es diese Bezüge selbstkritisch zu reflektieren. Dies betrifft beispielsweise die politische Vereinnahmung von Archäologie. Thomas Meier führet in der Diskussion dazu als ein Negativbeispiel die einseitige Präsentation des Limes als einer militärischen Grenzlinie dar, die im Kontext der aktuellen Abgrenzung Europas gegen die Flüchtlingsströme im Mittelmeerraum eine problematische Botschaft aussendet.  
    In einer letzten Diskussionsrunde ging es um die Frage, inwiefern Theorie in der Archäologie auch bedeutet,"sich zu engagieren, gegen die Zerstörung von Kulturgütern, gegen Antikenhandel und gegen Sparmaßnahmen". Dazu wurde ich selbst aufs Podium gebeten, um aus den Erfahrungen mit Archaeologik zu berichten. Selbstverständlich bin ich der Meinung, dass wir dies tun müssen und dass wir auch Chancen haben, im Interesse des Fachs als Wissenschaft eine Lobby zu bilden (vergl. Archaeologik [17.4.2015]).

    Ich habe die Diskussion in Vielem für anregend empfunden. Eine Diskussion über die Gegenwartsbezüge der Archäologie, insbesondere aber auch über die Methoden, wie dies zu bewerkstelligen ist, wie auch über die kritischen Punkte wird man in den nächsten Jahren verstärkt führen müssen. Immerhin gibt es Kollegen, die von einem reflektierten Standpunkt aus, solche Gegenwartsbezüge für nicht realistisch halten. Allerdings gehören sie in der aktuellen Antragsrhetorik längst zu den Allgemeinplätzen. Deshalb hängt die Glaubwürdigkeit des Faches auch davon ab, dass wir uns bemühen, solche Versprechungen einzulösen - oder uns gegebenenfalls realistischere Ziele setzen.


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