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Donnerstag, 4. April 2024

Neolithischer Bergbau auf der Schwäbischen Alb - neue Publikationen

Langsam aber stetig gehen die Forschungen zum neolithischen Silexabbau und der neolithischen Siedlungslandschaft bei Blaubeuren voran. Nun sind kurz nacheinander zwei neue Publikationen erschienen::

  • L. Fisher/C. Knipper/S. K. Harris u. a., Neolithic Chert Extraction and Processing on the Southeastern Swabian Alb (Asch-Borgerhau, Germany). In: F. Bostyn/J. Lech/A. Saville u. a. (Hrsg.), Prehistoric Flint Mines in Europe (Oxford 2023) 269–284. -
  •  L. Fisher/E./S. K. Harris/R. Schreg/C. Knipper, Neolithic Cultural Landscapes in Southwestern Germany: Exploring Contributions of Regional Surveys. In: E. Robinson/S. K. Harris/B. F. Codding (Hrsg.), Cultural Landscapes and Long-Term Human Ecology. Interdisciplinary contributions to archaeology1 (Cham 2023) 243–276. - https://doi.org/10.1007/978-3-031-49699-8_11

Während der erste Aufsatz die Silexabbaustelle im Wald Borgerhau bei Asch vorstellt, blickt der zweite - erschienen in der Festschrift für Michael Jochim, dessen Forschungen zum Mesolithikum im Federseegebiet wichtige Impulse gegeben hatten -  in die neolithische Siedlungslandschaft der Bkaubeurener Alb.


Asch, Borgerhau: neolithische Abbautelle:
Halden unter Wald Borgerhau
(Foto: R. Schreg)

Asch Borgerhau,
neolithische Abbaustelle: Verfüllung einer Pinge
(Foto: R. Schreg)
 

 

Die Schwäbische Alb ist seit langem als eine wichtige regionale Rohstoffquelle für die Herstellung von Steinschlagwerkzeugen bekannt. Die prähistorische Gewinnung und Nutzung der knollenförmigen Jurahornsteine aus den Kalksteinen und Verwitterungsablagerungen ist jedoch kaum untersucht worden. Unser Beitrag stellt die bisherigen Ergebnisse eines langjährigen regionalen Forschungsprojekts erstmals genauer vor. Dabei wurden sstematische Feldbegehungen und die Auswertung gut dokumentierter Privatsammlungen mit geomagnetischen Prospektionen und kleinen, gezielten Probegrabungen kombiniert, um Fundorte und Untergrundmerkmale zu identifizieren und datierbares Material für den Vergleich zwischen den Fundorten zu gewinnen. Insbesondere werden die Ergebnisse der Ausgrabungen in Asch-Borgerhau präsentiert,  einem neolithischen Silexabbau mit sichtbaren Oberflächenstrukturen in Form von Pingen und Halden. Borgerhau ist der erste dokumentierte Hornsteinabbau auf der Schwäbischen Alb. Außerdem werden Methoden und Ergebnisse der Untersuchung neolithischer Siedlungen in der unmittelbaren Umgebung des Steinbruchs kurz vorgestellt. 

Eingebettet waren diese Untersuchungen auf der Blaubeurer Alb in eine flächengreifendere Betrachtung neolithischer Fundstellen. Der zweite Beitrag zeigt das Potential regionaler archäologischer Surveys für das Verständnis neolithischer Landnutzung außerhalb und zwischen intensiv untersuchten Siedlungsgebieten. Der Artikel vergleicht dazu Survey-Daten aus zwei langjährigen regionalen Projekten im Oberschwäbischen Tiefland und auf der südöstlichen Schwäbischen Alb. Berücksichtigt werden die natürlichen Gegebenheiten, die Forschungsgeschichte und die Verteilung der Fundstellen. In beiden Gebieten gibt es intensiv untersuchte Fundstellencluster, die mit charakteristischen Landformen verbunden sind, und Gebiete, in denen Siedlungsnachweise nur spärlich oder gar nicht vorhanden sind. Auf der Schwäbischen Alb dominieren neolithische Aktivitäten wie Besiedlung und Hornsteingewinnung in geringer bis hoher Dichte. Im Tiefland sind neolithische Oberflächenfunde spärlich und verstreut, aber ihre Verteilung deutet auf Kontakte und Reisen zwischen dem Tiefland und dem Untersuchungsgebiet auf der Schwäbischen Alb hin. Insgesamt zeigen diese Ergebnisse, dass die Differenzierung  von besiedelten und "leeren" Gebieten doch recht komplex war. Obwohl sie durch chronologische Unsicherheiten eingeschränkt sind, bieten Oberflächenfunde vielversprechende Möglichkeiten für weitere Forschungen zur neolithischen Besiedlung in der Region.

Sonderbuch, Grund:
Grabungen


Die detaillierte Vorlage der Funde und Befunde ist noch in Arbeit, obgleich die Feldforschungen inzwischen schon einige Jahre zurück liegen. Die kleinen Grabungsschnitte von wenigen Quadratmetern haben überraschend viele Fund erbracht und die Auswertungsarbeiten beschränken sich auf wenige Wochen im Jahr,  

Link

weitere Literatur

Montag, 19. Februar 2024

Tot unterm Portal!

Paris, Nôtre Dame, Brand 15.4.2019
(Foto: Hopssam.ouda [CC BY SA 4.0]
via WikimediaCommons)

Stephan Albrecht hat sich als Kunsthistoriker in den vergangenen Jahren intensiv mit Kirchenportalen beschäftigt. So kam es, dass er auch an Notre Dame in Paris gearbeitet hat, kurz bevor die Kathedrale 2019 in Flammen aufging. Dank der zuvor erstellten 3D-Modelle wurde Stephan Albrecht zur Berühmtheit und seine Arbeiten zu einer wichtigen Grundlage für den Wiederaufbau.


Er erhielt dafür den Verdienstorden des französischen Kulturministeriums - und zu seinem 60. Geburtstag eine ansehnliche Festschrift, die zwar die Vielfalt der Kunstgeschichte(n) darstellt, in der aber doch viele Kolleg*innen immer wieder auf Portale zurück kommen.
Cover Kunstgeschichte(n)
Kunstgeschichte(n)
  • K. C. Schüppel / M. Tebel (Hrsg.), Kunstgeschichte(n). Festschrift für Stephan Albrecht. Schriften aus der Fakultät Geistes- und Kulturwissenschaften der Otto-Friedrich-Universität Bamberg 44 (Bamberg: University Press of Bamberg 2024) 124–130. -
    DOI:10.20378/irb-92753

Mir war es ein Vergnügen, dem Bamberger Kollegen einen Beitrag zur Festschrift beizutragen - natürlich auch zu Portalen. Die Archäologie ist da freilich eher langweilig, denn sie gräbt ja bestenfalls die Schwelle aus - oder eben das, was darunter eingetieft ist. Mein Beitrag untersucht deshalb früh- bis spätmittelalterliche Bestattungen in Verbindung mit Kirchenportalen, die sowohl in den Schriftquellen, wie auch im archäologischen Befund immer wieder als ein besonderer Bestattungsort hervor treten.

  • R. Schreg, Tot unterm Portal! In: K. C. Schüppel / M. Tebel (Hrsg.), Kunstgeschichte(n). Festschrift für Stephan Albrecht. Schriften aus der Fakultät Geistes- und Kulturwissenschaften der Otto-Friedrich-Universität Bamberg 44 (Bamberg : University Press of Bamberg 2024) 124–130. - DOI:10.20378/irb-92753
Wer richtig neugierig ist, möge den ganzen Artikel samz seinen Fußnoten lesen - die ganze Festschrift gibt es als gedrucktes Buch, aber auch im open access online. Wer neugierig, aber zu bequem zum Klicken ist, der kann hier eine Zusammenfassung meiner Beobachtungen finden:

Die Liste von Herrschergräbern, aber auch von hochadligen Frauen, für die eine Bestattung bei Kirchenportalen überliefert ist, ist lang.

Beispiele sind die Dogengräber in der Basilica di San Marco in Venedig, oder das Atrium von St. Peter und Paul in Canterbury, wo der angelsächsische König Aethelberht und seine Ehefrau Berta beigesetzt wurden. Sie zeigen die breite zeitliche Spanne des Bestattungsplatzes Kirchenportal. Die Tradition der Bestattung an Kirchenportalen könnte bis auf Kaiser Konstantin zurückgehen, der in einer Memoria der von ihm gestifteten Apostelkirche in Konstantinopel bestattet wurde. Hier gibt es Überlegungen, dass diese am ursprünglichen Eingang zur Kirche lag. Diese Praxis könnte auch von Karl dem Großen und anderen Karolingern übernommen worden sein. Leider ist sowohl beim Grab Konstantins wie dem Karls in Aachen die genaue Grabsituation trotz einiger Forschungsbemühungen unklar.


Aachen, Westwerk des Doms
(Foto: Lokilech CC BY SA 3.0
via WikimediaCommons)



Es sind oft Testamente, die auf diesen Bestattungsplatz am Portal hinweisen und auch Hinweise auf die Motive geben. Der normannische Herzog Richard I. verfügte vor seinem Tod 996, dass er vor dem Eingang unter der Traufe des Klosters der Dreifaltigkeit in Fécamp begraben werden sollte. Dieser Wunsch wurde durch seine Unwürdigkeit begründet.

Die Bestattung an solchen prestigeträchtigen Orten war für Herrscher und ihre Familien eine Möglichkeit, ihren Anspruch auf Macht zu demonstrieren. Gleichzeitig waren diese Orte oft als Aufenthaltsorte für Unreine, Büßer und Ungetaufte ausgewiesen, was zeigt, dass sie auch eine symbolische Bedeutung hatten. Die Lage vor der Kirche ist auch ein Zeichen der Demut. Dies wird beispielsweise bei der Bestattung von Pippin dem Jüngeren zum Ausdruck gebracht, der vor den Toren von St. Denis in Paris bestattet wurde - auf dem Bauch liegend.


Der Aspekt der Buße und Demut wird noch deutlicher bei zahlreichen Bischofsgräbern. Otto von Freising äußerte den Wunsch, an einem unansehnlichen Platz außerhalb der Kirche bestattet zu werden, wo alle Brüder darüber gehen mussten. Dies wurde als Zeichen seiner Heiligkeit angesehen. Auch Gregor von Tours wünschte sich eine Bestattung vor dem Portal der Kirche.

Interessant ist die Translozierung der heiligen Walburga von Heidenheim nach Eichstätt. Sie beklagte sich, dass über ihr Grab hinweg gegangen wurde, was für Bischof Otgar ein Grund war, ihr Grab nach Eichstätt zu überführen und dort ein neues Kloster zu gründen. Das Betreten des Grabes wurde als Misshandlung empfunden. Was im einen Fall Anlass für eine Translozierung ist, ist im anderen Fall Zeichen der Demut und der Heiligkeit.

Vieles erfahren wir also bereits aus den schriftlichen Quellen. Ich versuche in meinem Beitrag “archäologische Zugänge” aufzuzeigen, die vor allem zwei Themen betreffen, zu denen potentiell die Archäologie beitragen kann. Zum einen geht es um die Bestattungstopographie und die Frage, inwiefern sich Gräber identifizieren lassen, bei denen solche Aspekte wie Machtpräsentation und / oder Buße und Demut eine besondere Rolle spielten.
Zum anderen kann die Archäologie zur Beantwortung der Frage beitragen, für welche Gesellschaftsgruppen solche Vorstellungen eine Rolle spielten und Teil der sozialen Praxis waren.

Von Bedeutung sind selbstverständlich die Gräber selbst. Ihre Grabgruben sind als archäologische Befunde auch dann erhalten, wenn der zugehörige Fußboden oder die Laufoberfläche bei Um- oder Neubauten abgetragen worden sind. Nicht immer zeigt der Befund jedoch die genaue Lage der Portale. Die Hoffnung, ein spezielles Grab zu identifizieren und seine Lage in der Mikrotopographie der Kirche zu klären, wird daher oft enttäuscht. Dies zeigt der Fall des Grabs von Karls Frau Fastrada, deren genaue Lage trotz schriftlicher Quellen unklar bleibt. Archäologische Grabungen in St. Alban in Mainz zu Beginn des 20. Jahrhunderts konnten eine dreischiffige Basilika aus der Karolingerzeit nachweisen, aber weder die Lage des Fastrada-Grabes noch eine Portalsituation wurden dabei erfasst.


Bestattungen vor den Portalen sind im Wesentlichen nur dann zu erfassen, wenn eine Vorgängerkirche kleiner war als der nachfolgende Bau. Dies ist beispielsweise bei der Kirche St. Martin in Schlingen der Fall, wo vor der Westwand einer wahrscheinlich ins 7. Jahrhundert zu datierenden Holzkirche eine dichte Grabbelegung festgestellt wurde.

Im Falle der alten Kirche St. Martin südlich der belgischen Stadt Arlon wurde zentral vor der Westseite ein längs orientiertes Grab einer etwa 35-jährigen Frau gefunden. Das Grab wird durch seine Beigaben, unter anderem eine Scheibenfibel und ein Paar Wadenbindengarnituren, ins 7. Jahrhundert datiert.

Besonders bemerkenswert ist das gemauerte Grab II ab 1 aus der Kirche St. Veit in Unterregenbach. Es enthielt das Skelett eines etwa 50- bis 60-jährigen Mannes und liegt auf der Mittelachse der ersten Basilika, unmittelbar vor der erhaltenen Portalschwelle und unter einem Vortritt aus zwei Sandsteinplatten, die deutliche Ablaufspuren zeigen. Aus der Grabgrube darunter stammen, wohl verlagert, zwei Keramikscherben, die dem 12./Anfang 13. Jahrhundert zugewiesen wurden.

Ein weiteres Beispiel ist das Grab I ib 3 in der Kirche St. Veit in Unterregenbach, eine Innenbestattung der älteren Saalkirche. Hier wurde ein etwa 45- bis 55-jähriger Mann bestattet. Das Grab liegt genau auf der Mittelachse unmittelbar innen vor der Westwand der Kirche. Dies zeigt, dass ein Bezug auf das Portal auch bei Innenbestattungen möglich ist.


Die Bestattungslage vor der Kirche im Kontext des Portals war nicht auf den Hochadel beschränkt. Aus den Schriftquellen wissen wir, dass sich die Bestattung vor den Kirchenportalen auch auf der Ebene von Herzögen und Grafen fand. Beispiele sind das Testament des Markgraf Heinrich vom Nordgau, der außerhalb der Kirche bestattet werden wollte, und das Grab der langobardischen Adligen Sikelgata, die vor der Basilika des heiligen Petrus Apostels beigesetzt werden wollte.

Ein bemerkenswerter archäologischer Befund ist ein Grab auf dem Petersberg bei Flintsbach a. Inn in Oberbayern. Es lag schräg vor dem Kirchenportal und enthielt eine Beigabenausstattung mit zwei zusammen korrodierten Regensburger Denaren Herzog Ottos II. sowie eine Kapsel mit einer antiken Gemme mit Mithrasdarstellung. Die Bestattung erfolgte auf dem Bauch liegend, und zeigt das Motiv des Büßergestus, das bereits bei Pippin dem Jüngeren im 8. Jahrhundert zu sehen war. Es wird vermutet, dass der Tote zur Familie der Grafen von Falkenstein gehörte.

Die Archäologie zeigt also zweierlei:

Erstens, dass die Tradition in Mitteleuropa nicht auf Karl den Großen zurück geht, sondern bereits in der Merowingerzeit präsent ist. Ein mögliches Vorbild ist Byzanz, so dass nach dieser Grabtopoographie auch im byzantinischen Raum zu fragen ist - was jedoch mein Artikel nicht weiter verfolgt.

Zweitens wird deutlich, dass Portale in der Bestattungstopographie hochrangiger – möglicherweise aber auch sehr regionaler – Eliten einen wichtigen Bezugspunkt bideten - mit sehr verschiedenen, sich überlagernden Bedeutungsebenen.

Links



Donnerstag, 20. September 2018

Archäonik - hä, was ist denn das?

Zugegebenermaßen haben wir den Begriff selbst erfunden...
Ein neu erschienener Artikel erklärt das aber genauer:
Es geht um die konkrete Anwendung archäologischer Erkenntnisse für die Entwicklung von Zukunftsstrategien. Wer schon länger Archaeologik liest, erinnert sich vielleicht an eine Serie von Blogposts:
Schon zuvor hatte ich mit Markus Dotterweich am Beispiel der Terra Preta do Indios überlegt, wie solch ein Lernen aus der Vergangenheit praktisch aussehen könnte und wie man dies in eine Forschungsstrategie umsetzen könnte. Wir konnten das damals nicht angemessen publizieren, aber Tagungsbeiträge und nicht zuletzt die Blogposts hier haben Kollegen auf den Plan gerufen und uns eingeladen - unter anderem zu einem Beitrag für die Zeitschrift Quaternary International. Dort ist der Artikel jetzt nach einem peer review erschienen.
Leider ist die Zeitschrift nicht im OpenAccess und darüber hinaus auch noch beim Verlag Elsevier, der derzeit die Speerspitze der Verlagslobby gegen vernünftig zugängliche Wissenschaftspublikationen darstellt. Viele Bibliotheken, darunter auch die Universität Bamberg boykottieren den Verlag daher mit guten Gründen (HRK-Erklärung). 

Der Artikel ist angelegt als ein "review paper", das das Potential  (geo)archäologischer Daten zu vergangenen Humanökosystemen im Hinblick auf deren Beitrag zur Entwicklung nachhaltiger Land- und Bodennutzungsstrategien untersucht. Die Betrachtung von Landnutzungssystemen der Vergangenheit erweitert unser Verständnis der langfristigen Prozesse und Jahrtausendereignisse, die letztlich darüber entscheiden, ob Systeme nachhaltig und langfristig sind, oder schnell kollabieren - eine Frage auch der Resilienz.  Beispielhaft konzentriert sich der Artikel auf die anthropogenen Schwarzerdeböden (Anthropogenic Dark Earths, ADE). Diese außerordentlich fruchtbaren Böden kennt man aus verschiedenen Weltregionen, vor allem aber aus dem Amazonas-Gebiet. Sie entstanden unbewusst durch Abfallakumulation als Kulturschichten oder wurden bewusst geschaffen. 
Wir plädieren dafür, Landnutzungen der Vergangenheit in einem inter- bzw. transdisziplinären Forschungsdesign zu untersuchen und problemorientiert zu untersuchen, welche Möglichkeiten diese heute bieten. Der Ansatz der Archäonik basiert auf einer Ökosystem-Perspektive. Da die (geo)archäologischen Daten  zu vergangenen Landnutzungssystemen immer lückenhaft sind, spielen Analogien, Modellierungen und Experimente eine wichtige Rolle für die Beurteilung der Nachhaltigkeit. Für qualitätvolle Ergebnisse müssen wir möglichst nahe an die vergangene Realität kommen und diese verstehen, sie ist aber letztlich nicht Ziel der Forschungen. Diese liegen in Gegenwart und Zukunft.

Dienstag, 11. August 2015

Faurndau - vor 875

Vorliegender Blogpost geht auf eine Festveranstaltung "1125 Jahre Faurndau" im Jahr 2000 zurück. Mein Vortrag zur Christianisierung im Filstal wurde im Mitteilungsblatt Faurndau der Ortschaftsverwaltung am 29.7. und 5.8. 2000 sehr abgelegen grau publiziert (bei academia.edu). Der Text sei hier mit minimalen Aktualisierungen und ergänzten Abbildungen eingestellt. Inhaltlich habe ich vieles in einem Artikel "R. Schreg, Christianisierung im Filstal. In: Geppo. Krieger, Bauer, Siedlungsgründer? Veröff. Stadtarchiv Göppingen 43 (Göppingen 2003) 60-69" aufgegriffen und in einen mehr regionalen Kontext gestellt.


Am 11. August 875 wird Faurndau in einer Urkunde (WUB I,149), die heute in St. Gallen aufbewahrt wird, erstrnals erwähnt. Tatsächlich ist Faurndau älter. Im Spiegel neuerer Forschungsergebnisse - die manche ältere Ansätze komgieren und ergänzen - lässt sich eine grobe Skizze der Faurndauer Geschichte vor 875 zeichnen.

Das Kloster in Faurndau

Die Urkunde in St. Gallen belegt nicht die Gründung Faurndaus, sondem die Übertragung des bereits bestehenden Klösterchens Furentouua durch König Ludwig den Deutschen an den Hofkaplan Liutbrand.
Die Verleihung Faurndaus an seinen Hofkaplan fügt sich gut in das Gesamtbild von Ludwigs Politik ein. Ludwig der Deutsche, ein Enkel Karls des Großen war mit dem Vertrag von Verdun 843 ostfränkischer König geworden. Sein Regierungsstil maß seiner Hofkapelle und der Reichskirche große Bedeutung zu, Bistümer und Abteien verhalf er insbesondere im bayerischen Donauraum, der damals wichtiges Aufmarschgebiet gegen die unruhigen Gebiete irn Osten war, zu Grundherrschaften. Wichtige, ihm nahestehende Geistliche förderte er tatkräftig.
In diesem Zusammenhang muss man auch die Verleihung des Klösterchens Faurndau an Liutbrand sehen. So wie vielen anderen Geistlichen seiner Hofkapelle, die als Institution wichtige Funktionen der Regierung übernahm, belohnte er ihn für seine Dienste durch die Verleihung eines Klosters oder einer Kirche. Wahrscheinlich waren es eher der Dauerdienst als Kapellan als die mehr gelegentlichen Dienste als Notar für die Liutbrand, der keineswegs zu den bedeutenderen Notaren an der Hofkapelle gehörte, Faurndau übertragen erhielt. Interessant erscheint, dass noch arn selben Tag eine zweite Urkunde die Übertragung Faurndaus durch eine Kapelle in Brenz an der Brenz ergänzt. Möglicherweise war Faurndau aileine keine angemessene Ausstattung.

Faurndau war Königsgut. Auch 875 wurde es nicht aus der Hand gegeben. Die Übertragung an Liutbrand erfolgte unter der Bedingung, dass es nach seinem Tode an die königliche Macht zurückfallen solle. Erst 888 erhielt Liutbrand, mittlerweile vom Diakon zum Kapellan aufgestiegen, Faurndau als Eigentum geschenkt (WUB I,161). Speziell wird Liutbrand erlaubt, seinen Besitz entweder dem Kloster Reichenau oder dem Kloster St. Gallen weiterzuschenken, "damit er umso besser einen Vertrag abschließen könne'. Dahinter steht offenbar die Absicht, dass Liutbrand irn Alter in eines der Klöster eintreten und dazu auch einen Besitz in Kloster einbringen könne. Konig Arnulf verfolgte hier die Politik seines Vaters, der sich bemüht hatte, Schenkungen auf die Klöster St. Gallen und Reichenau zu konzentrieren.

Für König Ludwig waren Frankfurt am Main und Regensburg Zentren seiner Herrschaft, wahrend Alamannien in deren Fernbereich lag. 854, 856 und 858 hielt sich Ludwig in Ulm auf, damals mag er auch auf dem Königsgut in Faurndau Station gemacht haben. Welche Infrastruktur er hier vorgefunden hat, ob das Kloster damals bereits bestanden hat - darüber schweigen die schriftlichen Quellen.

Es ist nicht viel, was wir aus diesen Urkunden konkret über Faurndau erfahren: Es bestand hier ein Klösterlein ('monasteriolum'), zu dem weitere Liegenschaften, Ländereien, Wiesen, Weiden, Wälder, Wasserläufe, Ein- und Ausgänge, bewegliche und unbewegliche Habe, aber auch Weinberge gehörten. Interessant ist der Vergleich mit dem in der zweiten Urkunde (WUB I,150) genannten Zubehör der Kapelle in Brenz, wo Zehnten, Felder, Mühlen gesondert genannt werden. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass das Klösterchen in Faurndau eher auf Viehwirtschaft ausgerichtet war, da es weder über erwähnenswerte Felder noch über eine Mühle, aber über Wiesen und Weiden verfügte.

Grabungen in der Stiftskirche
Wollen wir nähere Einblicke in die Zeit vor 875 erhalten, sind wir auf archäologische Quellen, d.h. auf Bodenfunde angewiesen. Als die Stiftskirche in den Jahren 1956 und 1957 renoviert wurde, führte Prof. Konrad Hecht von der Technischen Universität Braunschweig Grabungen durch. Damals existierte jedoch noch keine Archäologie des Mittelalters, die solche Grabungen hätte fachgerecht durchführen können - sie konnte sich als wissenschaftliche Disziplin erst während der 1960er Jahre etablieren und die notwendigen Standards setzen. So sind die Grabungen in Faurndau leider in ihrer Aussagekraft sehr beschränkt und nur unzureichend dokumentiert. Die Phasengliederung, die Hecht erarbeitet hatte, muss weitgehend hypothetisch bleiben. Dabei bleibt auch unsicher, ob die Apsidenreste, die nördlich des romanischen Chors angetroffen wurden, tatsächlich zum Kloster des 9. Jahrhunderts gehören. Interessant ist jedenfalls, dass diese Apsis keinesfalls zum ältesten Bau an dieser Stelle gehört, sondern eine ältere gerade Mauer überlagert.
Auch die Ablösung dieses Baues durch eine ottonische, weiter nach Osten gelegene Kirche, wie sie T. Dames rekonstruiert hat, ist so nicht richtig. Die Rekonstruktion beruht nämlich auf einer Fehlinterpretation des Grabungsplanes, der eine Nord-Süd-verlaufende Mauer zeigt (Abb. 2, Phase II), die hinter dem Altar kurz unterbrochen ist. Man hat dies als Türdurchbruch verstanden und daraus geschlossen, dass es sich allenfalls um den Westabschluss einer Kirche, nicht aber um deren östlichen Abschluss handeln könne. Tatsächlich zeigt der Grabungsplan, dass hier ein kurzes Stück der Mauer hinter dem Altar nicht ergraben, sondern nur ergänzt wurde. Auch die Periodisierung der zahlreichen Mauerzüge im Westteil der Stiftskirche ist kaum möglich, da die verfügbaren Profilzeichnungen den Aufbau der Erdschichten viel zu idealisiert wiedergeben.
Abb. 1 Faurndau, Innenansicht der romanischen Stiftskirche
(Foto R. Schreg)
Bemerkenswert ist ein kleines Mauerstück, das in dem Plan von Hecht eingetragen und auch auf einem der Grabungsfotos zu erkennen ist: In Bereich der nordöstlichen Apsis, die außerhalb des heutigen Baus liegt, verläuft ein kurzes Mauerstück, das unter der ausgebrochenen Apsismauer läuft und älter sein dürfte als die Apsis, in Abb. 2 darum als Phase 0 markiert.


Abb. 2 Faurndau, Grabungen 1956/57 in der Stiftskirche
(Graphik R. Schreg,nach K. Hecht, modifiziert [Phase 0])


Die Grabungen in der Stiftskirche helfen also leider nicht weiter, die Frage nach den Anfängen Faurndaus zu klären. Hier wird man bei künftigen Bodeneingriffen in der Kirche, wie auch in ihrem Außenbereich, aber auch im Bereich des Vorplatzes sorgfältig auf archäologische Befunde und deren sachgerechte Dokumentation zu achten haben. Immerhin ist damit zu rechnen, dass neben den Gebäuden des eigentlichen Klosters auch Wirtschafts- und Verwaltungsgebäude vorhanden waren. Diese könnten dabei durchaus als einfache Holzbauten errichtet worden sein.

Vorgeschichtliche und römische Besiedlung
Faurndau ist altes Siedlungsland. Zwar haben die ersten Bauern der Zeit um 5000 v. Chr. das Filstal offenbar noch weitgehend gemieden, doch zeigen mehrere Fundstellen um Faurndau, dass wohl im 4. Jahrtausend v.Chr. erste Siedlungen bestanden.
Sie lagen nicht irn Tal, sondern auf den benachbarten Anhöhen (Kammeräcker, Am Haierbrunnen). Zuvor haben jedoch schon Jäger und Sammler das Filstal durchstreift und auch bei Faurndau Station gemacht (Stauferhalde, Kühberg[?]). Aus den folgenden Jahrtausenden ist lediglich ein Bronzemesser der Zeit um 1200 v. Chr. bekannt geworden (Hasenhalden), das auf eine Bestattung der späten Bronzezeit hinweist. Insgesamt sind dies jedoch relativ wenige Funde, die keine kontinuierliche Besiedlung belegen können.
Abb. 3 Faurndau, Hasenhalde,
Griffzungenmesser der späten Bronzezeit, Fund S. Schreg, 1987
(Foto R. Schreg 1987, Verbleib: Landesmuseum Württemberg)
Abb. 4 Faurndau, Brunnenbachtal:
Fragmente eines römischen Helms
(nach Klumbach 1957)
Aus römischer Zeit ist seit den 1950er Jahren der Helm aus dem Brunnenbachtal (Geigenwiesen) bekannt. Er ist kein Beleg für die Existenz eines römischen Gutshofes am ehemaligen Lengenbad, sondern könnte hier verloren gegangen sein. Trotz intensiver Begehungen im Bereich des mittelalterlichen Lengenbades konnten dort keine römischen Funde gemacht werden (vergl. Wölbäcker im Vorland der Schwäbischen Alb - Spuren einer Wüstung Lengenwang. Archaeologik [21.9.2012]).


Abb. 5 Faurndau, Brunnenbachtal
(Zeichnung R. Schreg)
Leider lässt sich die genaue Fundstelle eines Fragments eines römischen Henkelkruges aus dem Brunnenbachtal, das viel eher eine römische Besiedlung belegen könnte, nicht mehr lokalisieren. Römische Siedlungsspuren scheinen indes im Bereich nördlich des Nordbahnhofes vorzuliegen. Hier wurde  das Fragment einer Terra-Sigillata-Schüssel gefunden (Lehlestraße 10). Terra Siglllata war das Tafelgeschirr römischer Zeit, das häufig mit Reliefverzierungen versehen war. Das Faurndauer Fragment zeigt Hercules mit einem Hund und stammt von einer Schüssel, die im 3. Jahrhundert n. Chr. in Rheinzabern produziert worden war. Die Fundstelle liegt nicht weit von der Stelle, wo schon seit langem die Abzweigung einer römischen Straße von der Filstalstraße nach Norden zum Kastell Lorch angenommen wird. Die römische Straßenverbindung durch das Brunnenbachtal nach Süden kann nicht als gesichert angesehen werden und hatte allenfalls lokale Bedeutung.
Das Filstal war gegen 120 n. Chr. ins römische Reich integriert worden. Damals hat man die Grenze vom Albtrauf, wo sie gegen 90 n. Chr. angelegt worden war, ins Filstal vorverlegt, wo sie bei Eislingen mit einem Kastell gesichert wurde. Bereits um 140 wurde die Grenze erneut korrigiert und ins Remstal vorverlegt, so dass sich Faurndau und das Filstal nun im Hinterland befanden. Wir müssen mit einer relativ dichten Aufsiedlung mit römischen Gutshöfen rechnen. Irn Neckarland liegen sie in einigen Regionen in Abständen von gerade einmal 300 rn. Neufunde der letzten 30 Jahre - neben der Fundstelle in der Lehlestraße sind neu entdeckte römische Gutshöfe unter der Oberhofenkirche Göppingen sowie bei Hattenhofen und Ebersbach zu nennen - zeigen, dass mit weiteren Funden zu rechnen ist und hier weiterer Forschungsbedarf besteht.
Abb. 6 Römische und frühmittelalterliche Siedlungstopographie von Göppingen und Faurndau - braun: spätmittelalterl. Stadt
(Graphik: R. Schreg)

Der Blick auf die römische Besiedlung ist wichtig, da das Faurndauer Kloster immer wieder mit einer Anknüpfung an römische Besiedlung in Verbindung gebracht wurde. Die karolingischen Könige nahmen z.T. bewusst Bezug auf römische Städte, um damit ihre Legitimation in der Nachfolge des römischen Reiches zu untermauern. Im rechtsrheinischen Gebiet lasst sich solches bisher jedoch kaum nachweisen. Die Beobachtung, dass immer wieder Kirchen auf römischen Ruinen errichtet wurden, dürfte eher siedlungsgeschichtlich, denn politisch begründet sein. In frühalamannischer Zeit (4./5. Jahrh.) hat man bewusst die Nähe der römischen Gutshöfe gesucht, da die Ruinen einerseits gutes Baumaterial boten und andererseits die umliegenden römischen Feldfluren bewirtschaftet werden konnten. Die Ruinengelände selbst waren jedoch fur eine ackerbauliche Nutzung wenig attraktiv, so dass es als Brachland in direkter Nähe der Siedlung einen geeigneten Baugrund für die Anlage erster Kirchen bot.
Die These, wonach in Faurndau Königsgut bestand, weil man bewusst an eine römische Besiedlung anzuknüpfen versuchte, ist daher nicht stichhaltig. Die Möglichkeit dazu hätte fast überall bestanden.

Faurndau im frühen Mittelalter
Werfen wir einen Blick auf die Verhältnisse den Merowingerzeit (5. - 7. Jahrh.). Wir sind dabei vor allem auf die alamannischen Grabfunde angewiesen. lm industrialisierten Filstal sind sie schon weitgehend zerstört. Nur aus wenigen Gräberfeldern liegen moderne Untersuchungen vor. Immerhin zeigen die wenigen Funde, dass im 7. Jahrhundert eine dichte Besiedlung bestand.
Abb. 7 Fundstellen der Merowingerzeit im Filstal
(Graphik: R. Schreg)
Aus Faurndau sind bislang keine Zeugnisse einer frühmittelalterlichen Besiedlung bekannt. Gräberfelder und wohl auch die zugehörigen Siedlungen lagen damals irn Bereich östlich des Berufschulzentrurns Öde, am Christophsbad in Göppingen, im Bereich von Landratsamt und Oberhofenkirche in Göppingen, sowie im Bereich der Frma Allgaier nordöstlich von Uhingen.
Südwestlich von Bartenbach weist ein weiteres Gräberfeld auf eine merowingerzeitliche Besiedlung. Ein Fund aus Jebenhausen (Eichert) muss in seiner Datierung unsicher bleiben. Immerhin wird deutlich, dass Faurndau ringsum von Siedlungen umschlossen war. Zu einem ähnlichen Ergebnis ist man früher schon aufgrund der langgestreckten Gemarkung gekommen. Wir müssen aber damit rechnen, dass während des Mittelalters im Süden sowie auf der Öde mit starken Veränderungen der Gemarkungsgrenzen zu rechnen ist [vergl. Wölbäcker im Vorland der Schwäbischen Alb - Spuren einer Wüstung Lengenwang? Archaeologik 21.9.2012], so dass sie nicht bis in die Frühzeit des Klosters zurückreichen dürften.
Die verkehrstopographische Situation der römischen Zeit, die durch die Filstalstraße und den Abzweig durch das Marbachtal nach Lorch geprägt war, dürfte während des frühen Mittelalters keine besondere Rolle mehr gespielt haben. Reiche Grabfunde aus Geislingen an der Steige legen es jedoch nahe, dass der Albaufstieg und die Route durch das Filstal irn fühen Mittelalter große Bedeutung hatte. Die Filstalstraße verlief ab Göppingen wahrscheinlich jedoch immer nördlich der Fils, so dass sie an Faurndau vorbeiführte.
Der Ortsname 'Faurndau' - 875 'Furentouua" zeigt, dass der Ort nicht besonders siedlungsgünstig lag. Der lange umstrittene Name kann heute als geklärt gelten. Er bedeutet "Siedlung an einem zerstörenden Fluss" und ist auf häufig auftretende Hochwässer der Fils zurückzuführen. Andere Ableitungen des Namens, etwa auf römische Ursprünge, entsprechen nicht den methodischen Grundsätzen der Namensforschung und können nicht aufrecht erhalten werden. Diese Namensform ist interessant, da sie sich von dem althochdeutschen Wort 'furen' = zerstören herleitet und daher nachrömisch sein muss.

Christianisierung im Filstal
Klostergründungen setzen irn inneralamannischen Raum erst spät ein. Sie gehören hier zur jüngsten Phase der Christianisierung. Archäologische Funde aus den alamannischen Gräberfeldern, vor allem aber Spuren von Kirchen in Göppingen, Gruibingen und Donzdorf geben Einblicke in die Christianisierung der Merowingenzeit, die wohl von der sozialen Oberschicht ausging.
Neben iro-schottischen Monchen, die in der schriftlichen Überlieferung dominieren, waren auch Burgunder und möglicherweise auch arianische Langobarden an der Mission in Südwestdeutschland beteiligt. Heidnisches und christliches Brauchtum und Symbolik lassen sich nur ungenügend trennen und könnten auf einen Synkretismus, eine Vermischung der Vorstellungen und Glaubensinhalte hinweisen, gegen den sich das kirchlich geprägte Christentum erst allmählich durchsetzen konnte.
Erst im 8. Jahrhundert organisierten der Angelsachse Bonifatius und in seiner Nachfolge weitere, dem karolingischen Königshaus eng verbundene Kleriker die Kirche. Damals kam es zur Gründung zahlreicher Klöster. Eines der frühesten irn inneralamannischen Raum dütfte die Vitalis-Cella in Esslingen gewesen sein.
Im Dezember 861 wurde in Wiesensteig auf Gruibinger Gemarkung ein Kloster gegründet. Es vermittelt eine Vorstellung davon, wie auch die Gründung Faurndaus vonstatten gegangen sein könnte. Die Urkunde darüber ist nicht mehr im Original, sondern nur in jüngeren Abschriften erhalten. Stifter ist der adlige Rudolf mit seinen Söhnen Erich und Rudolf. Er handelt "auf wiederholte Bitten meines gnädigsten Herm, des Königs Ludwig, sowie aus Sorge um mein Seelenheil und dasjenige meiner Angehörigen" und stattet das Kloster mit Gütern aus seinem Besitz im unmittelbaren Umland, aber auch in Südhessen aus. Es ist anzunehmen, dass auch das Faurndauer Kloster eine solche Gründungsausstattung hatte, wenngleich in den Urkunden davon nichts mehr fassbar wird. Wir erkennen im Drängen des Königs - es handelt sich um eben jenen Ludwig den Deutschen, der auch für Faurndau urkundet - die politische Komponente solcher Klostergründungen.

Ortsname, archäologisch erfassbare Siedlungstopographie, die eingangs postulierte Ausrichtung auf die Graswirtschaft und die topographische Situation in einer Engstelle des Filstales zeigen eine Situation, die für die Lage des Klosters geeignet schien. Faurndau vereinte das Ideal der Abgeschiedenheit mit der Lage inmitten des Altsiedellandes und in nicht allzu großer Nähe zu der wichtigen Durchgangsstraße nördlich der Fils - Voraussetzung für Mittelpunktsfunktionen, die ein Kloster in kultureller, politischer, aber auch wirtschaftlicher Hinsicht - übernahm.

Literaturhinweise
Wer sich näher für Faurndaus Frühgeschichte interessiert, dem bieten folgende Arbeiten wichtige Informationen:
  • Die Alamannen. Begleitband zur Ausstellung 'Die Alamannen' (Stuttgart 1997).
  • J. Fleckenstein, Die Hofkapelle der deutschen Könige 1: Grundlegung. Die karolingische Hofkapelle. Schriften MGH 16/1 (Stuttgart 1959).
  • K. Hecht, Von der karolingischen Cella zur spätromanischen Stiftskirche. Das Ergebnis der Ausgrabungen in der Faurndauer Kirche. Stauferland. Heirnatbeilage der NWZ 2, März 1957.
  • L. Reichardt, Ortsnamenbuch des Kreises Goppingen. Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde Baden-Württemberg, Reihe B112 (Stuttgart 1989).
  • H. Schäfer, Die archäologischen Untersuchungen in der Oberhofenkirche. In: Oberhofenkirche Göppingen. Festschrift zur Wiedereinweihung arn 11. Dezember 1983 (Göppingen 1983) 31-42.
  • W. Ziegler, Faurndau 875 - 1975 (Faurndau 1974)
Weitere Literatur
  • T. Dames, Zur Baugeschichte der Faurndauer Kirche. Stauferland. Heimatbeilage der NWZ, 2.3.1957
  • H. Schäfer, Die Oberhofenkirche. In: W. Ziegler (Hrsg.), Stadt, Kirche, Adel. Göppingen von der Stauferzeit bis ins späte Mittelalter. Veröffentlichungen des Stadtarchivs Göppingen 45 (Göppingen 2006) 170–181.
  • H. Klumbach, Bruchstücke eines römischen Helmes von Faurndau (Kr. Göppingen). Fundber. Schwaben N.F. 14, 1957, 107–112.
  • R. Schreg, Alamannen in Göppingen. In: A. Hegele (Hrsg.), Geppo. Krieger Bauer Siedlungsgründer? [Begleitheft zur gleichnamigen Ausstellung im Städtischen Naturkundlichen Museum Göppingen in der Alten Badherberge Jebenhausen 28. Mai bis 2. November 2003]. Veröffentlichungen des Stadtarchivs Göppingen 43 (Göppingen 2003) 22–43.
  • R. Schreg, Göppingen in der Siedlungslandschaft des Frühmittelalters. In: A. Hegele (Hrsg.), Geppo. Krieger Bauer Siedlungsgründer? [Begleitheft zur gleichnamigen Ausstellung im Städtischen Naturkundlichen Museum Göppingen in der Alten Badherberge Jebenhausen 28. Mai bis 2. November 2003]. Veröffentlichungen des Stadtarchivs Göppingen 43 (Göppingen 2003) 44–59.

Dienstag, 27. Januar 2015

Formationsprozesse in der Historischen Archäologie (Archäologische Quellenkritik VI)

Mit zeitlicher Verzögerung folgt der letzte Teil der Blogpost-Serie 'Archäologische Quellenkritik'. Die Blogposts der kleinen Serie gehen auf ein Manuskript zurück, das 1998 für ein Oberseminar am Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters in Tübingen entstanden ist, das ich gemeinsam mit Frau Prof. Scholkmann angeboten hatte.  Eine immer wieder angedachte Publikation ist aufgrund anderer Projekte nie zustande gekommen. Ich stelle sie hier als Blogposts ein, wobei nur minimale Bearbeitungen und Aktualisierungen erfolgen. Lediglich vorliegender Teil 6 wurde etwas stärker überarbeitet, da ich seitdem einige der Überlegungen an Einzelbeispielen weiter verfolgt habe. 

Für die Erforschung historischer Perioden - wie etwa in der Archäologie des Mittelalters - stehen uns nicht nur archäologische Quellen zur Verfügung, sondern auch Kunstobjekte, Baudenkmäler, bildliche Darstellungen und Texte. Für die Rekonstruktion des Mittelalters sind sie grundsätzlich als gleichwertig zu betrachten, keine Quelle hat prinzipiellen Vorrang vor einer anderen. Sie sind lediglich unterschiedlich geeignet, um auf verschiedene Fragestellungen eine Antwort zu geben.
Im Gegensatz zur Ur- und Frühgeschichte ist man in der Archäologie des Mittelalters daher nicht auf indirekte Analogieschlüsse angewiesen, sondern kann ein Thema aus dem Blickwinkel sehr verschiedener Quellen beleuchten und damit auch direkte Anhaltspunkte zur Interpretation eines archäologischen Befundes erhalten. Kann einerseits die Kenntnis der Formationsprozesse wesentlich dazu beitragen, die Aussagen von Archäologie und Geschichte zu verknüpfen, so ist zu erwarten, dass andererseits die Kombination archäologischer und 'historischer' Quellen auch zur Kenntnis der Formationsprozesse beitragen und so Grundlagen für eine Weiterentwicklung archäologischer Methoden liefern kann.
Das Zusammenführen archäologischer und andersartiger Quellen bedarf jedoch größter Vor­sicht: Zwischen archäologischen Aussagen und solchen, die auf der Basis anderer Quellen gewonnen wurden, kommt es nicht selten zu Widersprüchen. Und auch bei einer augen­scheinlichen Übereinstimmung einer archäologischen und einer historischen Aussage, wird man prüfen müssen, inwieweit eine solche Synthese wirklich historisch tragfähig oder nicht quellenbedingt zufällig ist. In dieser Situation muß die Quellenkritik mit einer genauen Analyse die jeweiligen Aussagemöglichkeiten hinterfragen und untersuchen, wo die Differen­zen im Einzelfall liegen und wie sie zu begründen sein könnten. Voraussetzung jeder Synthese ist eine intensive Quellenkritik. Auf Seiten der Archäologie heißt das eine sorgfältige Aus­leuchtung der Formationsprozesse, die unsere Datenbasis geschaffen haben.
 

Der Beitrag der Archäologie des Mittelalters zum Verständnis von Formationsprozessen


Aus anderen Quellen stehen uns im Bereich der Archäologie des Mittelalters Informationen zur Verfügung, mit denen ein Erwartungshorizont formuliert werden kann, der sich dann mit dem konkreten Befund vergleichen lässt. Formationsprozesse können leichter er­kannt und in ihren Auswirkungen eingeschätzt werden. Die Archäologie des Mittelalters kann Formationsprozesse mit anderen Überlieferungen erkennen, quantifizieren und erklären.
 

Beispiel Schach

Abb. 6.1 Darstellung eines Schachspiels aus dem Libro de los Juegos,
1283 im Auftrag von Alfonso X von Kastilien, Galizien und Léon verfasst
(Bibliothek von San Lorenzo de El Escorial,
Public Domain via WikimediaCommons)
In einigen Fällen läßt sich der Formationsprozeß noch genauer erfassen. Wir kennen z.B. die Regeln und die Zusammensetzung des Figurensatzes des Schachspiels, das während des hohen Mittelalters auch in Europa Verbreitung fand (Abb. 6.1). Unter der Pompeji-Prämisse wäre zu erwarten, dass das archäologische Material zumindest statistisch dasselbe Mengenverhältnis zeigt. Das Mengenverhältnis der aus Europa vorliegenden mittelalterlichen, vorwiegend beinernen Schachfiguren weicht allerdings deutlich von diesen Erwartungen ab. Während Bauern erheblich unterrepräsentiert sind, werden Könige und Damen zu häufig gefunden. Die archäologische Datenbasis ist erheblich verzerrt. Nehmen wir einmal an, dass die hohen Figuren aus dem besser erhaltungsfähigen Bein hergestellt worden seien und das vorliegende Mengenverhältnis darin begründet sei. Dann bekommen wir jedoch Schwierigkeiten den Befund des im Feuchtbodenmilieu liegenden Herrenhofes am Lac du Paladru zu verstehen. Hier wurden vor allem Figuren aus Holz gefunden. Tatsächlich sind hier doppelt so viele Bauern vorhanden, als zu erwarten wären. König und Dame bestanden aber ebenfalls aus Holz, bei beiden vorliegenden Beinfiguren handelt es sich aber um Bauer und Turm (Abb. 6.2) (Kluge-Pinsker 1991; Colardelle/ Verdel 1993). So ist anzunehmen, dass zu diesem Bild weniger natürliche Erhaltungsprozesse der sekundären Formation eine Rolle spielen, sondern eher kulturelle Faktoren der primären Formation von Bedeutung sind.

Anhand des Beispieles der Schachfiguren kann man die statistische Abweichung des archäologischen Befundes von der historischen Realität gewissermaßen messen. Es ergibt sich eine Übereinstimmung von nur etwa 80 %. Die genauen Umstände der Formation bedürfen freilich noch einer genaueren Untersuchung. Dabei wird auch kritisch zu fragen sein, ob die uns heute bekannten Regeln und Figurensätze tatsächlich allgemeine Gültigkeit hatten.

Abb. 6.2. Fundstatistik mittelalterlicher Schachfiguren
(nach Kluge-Pinsker 1991, ergänzt durch Daten aus Colardelle/Verdel 1993).

Beispiel Glashütte Schmidsfelden

Abb. 6.3 Schmidsfelden, Grabung 1998:
Feuerzug des Nebenofens
(Foto R. Schreg/LDA Tübingen)
Als Beispiel für die Möglichkeiten einer Archäologie der Neuzeit im Hinblick auf ein Verständnis von Formationsprozessen möge hier die Untersuchung einer Glashütte des 19. Jahrhunderts im Allgäu stehen. Das Interesse bei einer Notgrabung 1998 galt dabei nicht nur der Geschichte der Glashütte selbst und der Industrialisierung bzw. Technologie, sondern vor allem auch dem methodischen Aspekt (Schreg 1999; 2013; vergl. Archaeologik, 8.4.2013).
Schmidsfelden ist ein heute noch bestehendes Glasmacherdorf südöstlich von Leutkirch. Der Betrieb der Glashütte, deren bedeutendstes Produkt Fensterglas war, wurde 1898 eingestellt, doch sind große Teile des Firmenarchivs erhalten. Sie wurden vor allem hinsichtlich der Arbeitsorganisation ausge­wertet . Die Grabungen 1998 legten einen Ofen frei, der aufgrund des Bauplanes der Hütte aus dem Jahr 1825 als Streckofen der Flachglasproduktion identifiziert werden kann (Abb. 6.3). Da das Verfahren der Flachglasproduktion aus der technischen Literatur des 19. Jahrhunderts gut bekannt ist und bei der Antikglasproduktion heute noch angewandt wird, ist es möglich, das Fundspektrum mit konkreten Produktionsschritten zu verbinden. Wichtig scheint dabei, dass das Fundmaterial bereits aus einem archäologischen Kontext stammt. Anders als bei der ethnologischen Beobachtungen in einer arbeitenden Glashütte, lernen wir hier unmittelbar archäologische Befunde kennen.
Abb. 6.4 Schmidsfelden, Grabung 1998
Flachglasreste aus der Verfüllung eines Feuerzugs
(Foto R. Schreg)
Das Fundmaterial - von der Grundproduktion nur wenige massive Glasbrocken vom Hefteisen, wenige Pfeifennäbel, fast kein Hohlglas und keinerlei Glastropfen, von der eigentlichen Flachglasproduktion zahlreiche Scherben verformten und zerbrochenen Flachglases sowie Teile der Streckbank (Tab. 6.1) - läßt sich sehr gut mit den Arbeitsschritten korrellieren (Abb. 6.4), obwohl es aus sekundären Ablagerungen, nämlich aus den Feuerzügen des Ofens stammt. Einzige Ausreißer sind einige Sonderstücke, wie ein Model für die Hohlglasproduktion und bislang nicht identifizierte Eisengegenstände. So läßt sich feststellen, dass nur etwa 78 % der Funde (gemessen anhand des Gewichtes der Glasfunde) wirklich mit der Funktion des Streckofens in Verbindung zu bringen, der Rest muss verlagert worden sein.


Abb. 6.5. Produktionsablauf der Flachglasproduktion (nach Lang 2001) und Abfälle.


Tab. 6.1. Spektrum der Glasfunde (n: nicht systematisch ausgezählt, Feuerzug 3 wurde nur teilweise untersucht).

Da der Produktionsablauf im Wesentlichen der Flachglasproduktion im Spätmittelalter entspricht (vergl. Kottmann 2001; Frommer/Kottmann 2004), gewinnen wir hier einen Erwartungshorizont, wie das Fundspektrum auch an einem älteren Streckofen aussehen müßte. Damit könnte es möglich sein, Argumente für eine Funktionsbestimmung auch von Öfen zu gewinnen, bei denen wir über ihre Funktion zunächst nichts wissen. Die Fundspektren spätmittelalterlicher Glashütten müssten in entsprechender Weise wie Tab. 6.1 statistisch ausgezählt werden, um einen detaillierten Vergleich zu ermöglichen. Das ist eine Warnung davor, durch eine Selektion von Massenabfällen auf der Grabung eine definitive Befundformation zu schaffen, die solche methodisch bedeutenden Ansätze unterbindet.

Das Beispiel der Glashütte Schmidsfelden eröffnet aber eine zweite Möglichkeit eines Vergleichs zwischen Schriftquellen und archäologischem Befund. Unter den schriftlichen Quellen haben sich Kohle-Rechnungen erhalten, denen bisher kaum Beachtung geschenkt wurde. Bei Grabungen 1998 zeigte sich eine Mehrphasigkeit des Streckofens. Zu seiner jüngeren Phase gehörten drei Feuerzüge, von denen einer wohl der Kohlebefeuerung dienen sollte. Kohle blieb aber für die Glashütte aufgrund der hohen Transportkosten unerschwinglich. Eine Torflage in einem der Feuerzüge deutet auf Versuche, andere, günstigere Brennstoffe zu nutzen. Die Kohlerechnungen sind also eventuell Zeugnisse eines Versuches, eine Energiewende (von regenerativ zu fossil) zu schaffen und müssten dementsprechend neu ausgewertet werden.

Beispiel Tiengener Gruft

In der Kirche von Tiengen befindet sich die Grablege der Grafen von Sulz. Aus der Kombination von schriftlichen Quellen und Archäologie geben sich hier Formationsprozesse zu erkennen, die man auf einem prähistorischen Gräberfeld so nicht erkennen könnte.
Bei zwei Bestattungen ist hier eine auffallende Bauchlage registriert worden, die die Archäologie in der Regel als Sonderbestattung einstufen würde. Durch die Identifikation der Bestatteten und der Verbindung mit deren Lebensgeschichte wird aber deutlich, dass die besondere Lage wohl eher auf eine Überführung der Leiche zurückzuführen ist, die einen langen Transport bedeutete. Die besondere Lage ist also wohl nicht intentional (Fingerlin 1992, 146 ff.; 157 ff.).
Abb. 6.6 Gruft der Grafen von Sulz in Tiengen
(verändert nach Fingerlin1992)


Die Synthese schriftlicher und materieller Quellen

Hier ist nicht der Ort, genauer die verschiedenen Möglichkeiten einer Synthese schriftlicher und materieller Quellen zu behandeln. Deshalb sei hier einfach auf die fünf Möglichkeiten hingewiesen, die der schwedische Archäologe Anders Andrén (1998) unterschieden hatte, auch wenn diese sicher nicht das gesamte Bezugsgeflecht der Quellen abdecken. Andrén unterschied:

Erläuterungen anhand von Beispielen der Archäologie der Neuzeit aus Deutschland finden sich bei Schreg 2007. Voraussetzung dieser Synthesen ist jeweils eine eingehende Quellenkritik, die einerseits am archäologischen Befund, andererseits aber in einer Konfrontation der Quellenaussagen zu erfolgen hat. Die große Gefahr in der Synthese archäologischer und historischer Quellen ist, dass man sie zu unkritisch aufeinander bezieht und den archäologischen Befund nach den Vorgaben der Schriftquellen interpretiert.

Bei den ausgewählten Beispielen der Kontrolle von Formationsprozessen durch schriftliche Quellen sind unterschiedliche Wege einer Synthese von archäologischen und schriftlichen Quellen involviert. Beim Beispiel der Schachfiguren konnte aufgrund einer Klassifikation und einer Norm ein Erwartungshorizont mit dem archäologischen Befund abgeglichen werden.
Beim Beispiel der Glashütte wurde ebenfalls ein Erwartungshorizont formuliert, dieses Mal auch auf Grundlage einer Klassifikation (Streckofen), die dann aber direkt auf ein archäologisches Befundbild bezogen werden konnte.
Im Falle der Gruft von Tiengen ermöglichte eine Identifikation die Integration von weiteren Kontextinformationen über den konkreten Bestattungsvorgang. Hier ergab sich kein Erwartungshorizont, sondern eine konkrete Erklärung eines außergewöhnlichen Befundes.
 

Historische Archäologie und archäologische Methodenentwicklung

Eine genaue Kenntnis der Formationsprozesse erweist sich als eine wichtige Grundlage jeder Synthese archäologischer und schriftlicher Quellen. Den hier skizzierten archäologischen Quellenkritik ist eine klassische historische Quellenkritik für die Schriftquellen zur Seite zu stellen, da sie sich im konkreten Fall gegenseitig ergänzen und verschiedene Eventualitäten erkennen lassen.
Wir gewinnen daraus aber nicht nur für den konkreten Einzelfall eine größere Sicherheit der Interpretation, sondern auch wichtige generelle Erfahrungswerte, die wesentlich sein können für die Entwicklung archäo­logischer Auswertungsmethoden. Ein Beispiel wäre hier etwa - auch wenn es zunächst auf kunstgeschichtlichen Daten beruht - der Versuch, anhand datierter bildlicher Darstellungen frühneuzeitlicher Gläser geeichte Daten für die Entwicklung der Seriationsmethode zu gewinnen (Goldmann 1972, 29ff.). Wichtig ist eine Kenntnis der Formationsprozesse in ihren verschiedenen Stufen insbesondere auch für eine archäologische Auseinandersetzung mit materieller Kultur (vergl. Serie 'Materielle Kultur und Archäologie').


Literaturverweise

Andrén 1998
A. Andrén, Between Artifacts and Texts. Historical Archaeology in Global Perspective (New York, London 1998).


Bernbeck 1997
R. Bernbeck, Theorien in der Archäologie. UTB 1964 (Tübingen/Basel 1997).

Colardelle/ Verdel 1993
M. Colardelle/ E. Verdel (Hrsg.), Les habitats du lac de Paladru (Isère) dans leur environnement. Doc. arch. franç. 40 (Paris 1993).

Fingerlin 1992
I. Fingerlin, Die Grafen von Sulz und ihr Begräbnis am Hochrhein. Forsch. u. Ber. Arch. Mittelalter 15 (Stuttgart 1992).

Frommer / Kottmann 2004
S. Frommer/A. Kottmann, Die Glashütte Glaswasen im Schönbuch. Tübinger Forsch. hist. Arch. 1 (Büchenbach 2004).

Goldmann 1972
K. Goldmann. Zwei Methoden chronologischer Gruppierung. Acta praehist. et arch. 3, 1972, 1-34.

Jankuhn 1973
H. Jankuhn, Umrisse einer Archäologie des Mittelalters. Zeitschr. Arch. Mittelalter 1, 1973, 9–19.

Kluge-Pinsker 1991
A. Kluge-Pinsker, Schach und Trictrac. Zeugnisse mittelalterlicher Spielfreude in salischer Zeit. Mon. RGZM 30 (Sigmaringen 1991).

Kottmann 2001
A. Kottmann, Reconstructing processes and facilities of production: a late medieval glasshouse in the Schönbuch Forest. Antiquity 76, 35–36.


Lang 2001
W. Lang, Spätmittelalterliche Glasproduktion im Nassachtal, Uhingen, Kreis Göppingen. Materialh. Arch. Bad.-Württ. 59 (Stuttgart 2001).

Schreg 1999
R. Schreg, Industriearchäologie in einer Glashütte des 19. Jahrhunderts: Schmidsfelden (Stadt Leutkirch, Kreis Ravensburg). Denkmalpfl. Bad.-Württ. 28/2, 1999, 107-111.

Schreg 2007
R. Schreg: Archäologie der frühen Neuzeit. Der Beitrag der Archäologie angesichts zunehmender Schriftquellen. Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit 18, 2007, 9-20.
 

Schreg 2013
R. Schreg, Industrial Archaeology and Cultural Ecology – A Case Study at a 19th Century Glasshouse. In: N. Mehler (Hrsg.), Historical Archaeology in Central Europe. SHA special publication 10 (Rockville 2013) 317-324