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Freitag, 7. Februar 2025

Ein Identifikationsproblem: Die justinianische Pest in England

Eine neue Studie untersucht Radiocarbon-Daten zur Justinianischen Pest in England, eine andere die schriftlichen Quellen. Ihr Problem: Radiocarbondaten fallen zu alt aus.

Ich kommentiere das in einem Blogpost, auf deutsch auf dem AMANZnotizblog erschienen und auf englisch im BlackDeathNetwork:

 

Gelände bei Edix Hill, Path to Orwell
(Dave Thompson, CC BY SA 4.0 via WikimediaCommons)

Samstag, 9. Juli 2022

Kirgisistan: Pech gehabt - Pest gehabt

Nachdem eine neue aDNA-Studie den Nachweis erbracht hat, dass die mittelalterliche Pestwelle des 14. Jahrhunderts ihren Ausgangspunkt im nördlichen Kirgisistan hatte - hier also das Wuhan des Schwarzen Todes lag. Unabhängig von der historischen Bewertung des Studienergebnisses ist die Reaktion der kirgisischen Regierung bemerkenswert:

Die Studie ist demnach eine Verschwörung, um die kirgisische Tourismusindustrie zu schädigen!

Zunächst kommentierte der Wirtschafts- und Finanzminister Akylbek Japarow einen facebook-Post, der auf einen russischen Medienbericht verlinkt, knapp und vielleicht auch eher frustriert: "Warum zu Beginn der Urlaubssaison?"

Das Gesundheitsministerium äußerte sich jedoch nach einem Bericht von kg24, einer kirgisischen Online-Zeitung deutlicher: “Angesichts der Tatsache, dass der Issyk-Kul-See und Kirgisistan insgesmt von ziemlich vielen Touristen, auch aus dem Ausland besucht werden, sieht es so aus, als sei diese Publikation geschrieben worden, um das Land als beliebtes Urlaubsziel in Verruf zu bringen,” Das Ministerium legt wert darauf, dass heute in der Region kein Pestrisiko mehr bestehe:
„In der Region Issyk-Kul wurden Ausgrabungen alter Gräberfelder zum Nachweis der DNA des Pestkeims nicht durchgeführt. Das Gebiet der Chui-Region weist heute keine natürlichen Pestherde mehr auf und gilt als vollständig geheilt. Im 21. Jahrhundert hat der weltweite Fortschritt einen Höhepunkt erreicht und ermöglicht es, die Herde der Beulenpest frühzeitig zu stoppen, um das Wiederauftreten solcher großflächiger Epidemien wie im 14. Jahrhundert zu verhindern, die im veröffentlichten Artikel erwähnt werden.“

In der Region ist der Petsterreger in aktuellen Reservoirs in mehreren Studien nachgewiesen. Die WHO sieht den größten aktiven Focus des Pesterregers in der zentralasiatischen Wüste, die Teile von Kasachstan, Turkmenistan und Uzbekistan umfasst. 2013 war in Kyrgisistan jedoch ein 13jähriger Junge an der Pest verstorben, der als Hütejunge wohl mit einem flohbesetzten Murmeltier in Kontakt gekommen ist.

Rechtzeitig diagnostiziert ist die Behandlung der Pest mittels Antibiotika heute kein Problem mehr. Im asiatischen Raum ist die Geschichte der Pest stärker als in der europäischen Geschichtsschreibung mit der Überlieferung des arabischen Historikers und Geographen Ibn al-Wardi verbunden (, der noch nicht einmal einen Eintrag in der deutschen Wikipedia hat). Er berichtet über die Pest, sie sei "aus dem Land der Finsternis" gekommen, ehe sie sich nach China und über die islamische Welt ausgebreitet habe. Als Land der Finsternis wollen nur wenige gelten und noch weniger wollen dort Urlaub machen. Die fehlende Begeisterung bei der kirgisischen Regierung ist insofern nachzuvollziehen, aber eine Verschwörung braucht man nun nicht in den Raum zu stellen...

Der Issyk-Kul-See
(Foto: Thomas Depenbusch 2007 [CC BY2.0] via WikimediaCommons)



Quellen


Bearbeitungsvermerk; 16.7. mehrere Typos korrigiert
10.2.2023: Zitat der Studie Spyrou et al 2022 ergänzt

Mittwoch, 26. Mai 2021

Möglicherweise ist der Kot sprichwörtlich Gold - Zur Rekonstruktion der Mund- und Darmflora aus archäologischen Funden

Die Lebenserwartung ist in den letzten 150 Jahren massiv gestiegen, jedenfalls in der westlichen Welt. Das hat aber nicht etwa damit zu tun, dass wir heute gesund leben, sondern vor allem mit einer besseren medizinischen Versorgung. Wissenschaftliche Erkenntnisse ermöglichen es, Erreger zu identifizieren und Strategien der Vorsorge, der Impfung,  der Behandlung oder gar Heilung zu entwickeln. Damit sind einerseits einige üble Krankheiten überwunden, aber die rasante kulturelle Entwicklung führte auch zu neuen Gesundheitsrisiken, etwa durch mangelnde Bewegung oder unangemessene Ernährung. Moderne Untersuchungen zeigen, dass sich nicht nur die Umwelt verändert hat, sondern auch der Mensch, einmal genetisch durch besondere Adaptionen an seine Umwelt, aber auch im Zusammenspiel mit seinem Mikrobiom, also all den Bakterien und Pilzen, die ihrerseits den Menschen besiedeln und für Gesundheit und Krankheit oft ausschlaggebend sind. Wie sich nun zeigt, haben sich Mund- und Darmflora im Lauf der Zeit verändert - und lassen so Rückschlüsse auf die Ko-Evolution von Mensch und Bakterien zulassen.

Aktuell sind zwei bzw. drei Studien erschienen, die sich mit der Mund- und Darmflora des Menschen befassen und dazu auch Daten aus archäologischen  Fundstellen nutzen. 


Zahnstein gibt Einblicke in Mundflora

Eine der Studien (Fellows, Yates u.a. 2021) hat den Zahnstein von 124 Individuen (neben Menschen auch Schimpansen und Gorillas) ausgewertet, darunter auch fossile Proben aus archäologischen Ausgrabungen. Im Zahnstein fossiler Zähne hat sich die DNA von Bakterien erhalten, die in unserem Mund leben. Bekannt sind hier am ehesten diejenigen, die uns weh tun, weil sie Karies und Parodontitis auslösen. Die sogenannte Mundflora ist darüber hinaus aber wesentlich für die Biologie, Gesundheit und Krankheit des Menschen, dennoch wissen wir über die globale Vielfalt, Variation oder Entwicklung dieser mikrobiellen Gemeinschaft sehr wenig.
In die Serie sind Proben von 44 archäologischen Fundstellen überwiegend des Jungpaläolithikums und des Mesolithikums eingeflossen. Einige der Funde wurden schon vor Jahrzehnten gemacht und konnten in den Museumsarchiven beprobt werden.
 
Im Kern geht das Mikrobiom unseres Mundes fast 40 Mio Jahre zurück, denn es findet sich auch bei Brüllaffen. Analysen aus der Pešturina-Höhle in Serbien stellen derzeit das älteste nachgewiesene Mikrobiom dar. Es lässt sich dem Neandertaler zuweisen.
Spannend dürfte es sein, mit solchen Analysen auch historische Proben zu erfassen, um nachzuvollziehen, ob und wie etwa der "Great Exchange" nach der Entdeckung Amerikas uns alle ganz unmittelbar betroffen hat. Welche Auswirkungen haben veränderte Ernährungs- und Lebensweisen etwa im Zuge der Neolithisierung, der Romanisierung großer Teile Europas oder auch die veränderten Wirtschaftsstrukturen infolge der Krise des 14. Jahrhunderts?

 

Archäologische Kotproben enthalten die DNA der Darmflora

Das gilt in ähnlicher Weise für die Entwicklung der Darmflora, wobei die entscheidenden Proben hier aus Koprolithen stammen.  Sie ermöglichen die direkte Untersuchung alter Darmflora, doch ergeben sich hier Beschränkungen in den weiteren Auswertungsmöglichkeiten. Diese haben schwierigere Überlieferungsbedingungen als der Zahnschmelz an Zähnen. Hier benötigt es ungestörte Schichten in trockenem Milieu, die über Jahrtausende ungestört blieben. So sind es hier Proben von lediglich drei Fundstellen, die analysiert werden konnten (Wibowo u. a. 2021). Zwei liegen im amerikanischen Südwesten und datieren in das 1. bzw. 6. Jahrhundert n.Chr., eine weitere liegt in Nord-Mexiko und datiert ca. 660–1430. Die Grabungen, aus denen die Proben stammen liegen Jahrzehnte zurück. Im Falle der Arid West Cave handelt es sich um Altfunde, die seit mindestens 1931 im Robert S. Peabody Institute of Archaeology, Andover, Massachusetts aufbewahrt werden. Die Beschriftung erlaubt eine Zuweisung zur Höhle, doch gibt es keine weitere Dokumentation mehr. Wahrscheinlich stammen die Proben von einer Grabungsexpedition der 1920er Jahre. Die Grabungen in der Cueva de los Muertos Chiquitos bei Zape in Mexiko wurden bereits in den 1950er Jahren durchgeführt, doch dienten die damaligen Funde der Koprolithen aufgrund ihrer guten Erhaltung als Grundlage für methodische Grundlagenstudien zur Erforschung von Koprolithen.

Es gelang in den Kotproben mit einem Screening bakterielle DNA zu identifizieren, die der Darmflora zugewiesen werden kann. Fast 500 mikrobielle Genome konnten rekonstruiert werden. Von den 181 Genomen mit den stärksten Hinweisen darauf, dass sie tatsächlich alt sind und aus dem menschlichen Darm stammen, repräsentieren 39% zuvor unbeschriebene Arten.

Die Arbeit von Marsha Wibowo et al 2021 wurde von Olm/ Sonneburg aufgegriffen. Heutige indigene Bevölkerungsgruppen, die einen traditionellen Lebensstil haben, zeigen ähnliche Mikrobiomzusammensetzungen wie in den alten Proben. Rezente Proben aus industrialisierten Gesellschaften haben eine andere Zusammensetzung der Darmflora. 40% der in den alten Proben nachgewiesenen alten Darmflora findet sich in modernen Kotproben nicht. Auch hier stellt sich die Frage, welche Faktoren hier eine Rolle spielten, ob die Wirtschaftsweise und Ernährung einen besonderen Einfluß haben. Auch hier sollten historische Perioden stärker in den Blick genommen werden, da hier in der Regel eine genauere kulturelle und soziale Kontextualisierung möglich scheint, wenngleich nur ein recht kurzer, vielleicht aber auch entscheidender Ausschnitt der langfristigen Evolution erfasst werden kann.

 

Archäologische Perspektiven

Dass Zähne wertvolle Datenarchive sind, ist den meisten Archäolog*innen seit langem bekannt. Prinzipiell weiß man das auch in Bezug auf Koprolithen. Immer wieder gab es Studien, die deren Potenzial aufzeigen. In Mitteleuropa freilich sind die Erhaltungsbedingungen nur selten optimal, so dass entsprechende Studien hier etwas exotisch sind. Im Amerikanischen Südwesten, wo nun auch die meisten Proben für die Arbeit von Wibowo et al. 2021 stammen, sind sie schon lange eine wichtige Quelle für die Rekonstruktion der Ernährung (z.B. Bryant 1974). Dennoch beklagte man noch vor wenigen Jahren, dass Koprolithen zu wenig Aufmerksamkeit fänden (Reinhard/Bryant 2008). In Deutschland sind entsprechende Untersuchungen noch etwas exotisch. Selbst im Bereich der Feuchtbodenarchäologie, deren beschönigend so genannten "Kulturschichten" zu nicht unerheblichem Teil aus tierischen und menschlichen Fäkalien bestehen, liegen keine umfassenden Studien vor (vgl. Le Bailly u.a. 2016). Das gilt entsprechend auch für mittelalterliche Latrinen, obwohl es hier schon einzelne aufsehenerregende Untersuchungen gab (z.B. Flammer u.a. 2018). Ein großer Koprolith von fast 20 cm Länge ist im Jorvik Viking Centre in York ausgestellt (Jones 1983). Koprolithen eröffnen ein breites Spektrum an Methoden und Fragestellungen, die nicht nur per Archäogenetik auf die Darmflora zielen, sondern mit klassischen mikroskopischen Analysen auch Parasiten und Ernährungsgewohnheiten rekonstruieren lassen (vgl. Blong/Shillito 2021).

 

Koprolith aus York, Pavement (Lloyd's Bank)
(Jorvik Viking Centre, Foto: Linda Spashett Storye book
[CC BY 2.5] via WikimediaCommons)

Aktuell sind einige Aufsätze publiziert worden, die Methoden und Potentiale der Koprolithenforschung zeigen (Shillito u. a. 2020; Blong/Shillito 2021).


Kommerzielle Perspektiven

In einem journalistischen Bericht (Curry 2021) zur Publikation von Wibowo et al. 2021 findet sich noch ein bemerkenswerter Hinweis. Die Studie sei wichtig, weil sie zeige, dass wir in jüngerer Zeit Teile unserer Darmflora verloren haben, möglicherweise aufgrund des Einsatzes von Antibiotika. Da könnte es in der Zukunft wichtig sein, die Zusammensetzung der Darm- (und Mund-)Flora zu kennen - und, so zitiert der Bericht den Genetiker Keolu Fox - "Erkenntnisse aus alten Fäkalien können eines Tages die Grundlage kommerzieller Bemühungen sein, das menschliche Mikrobiom anzupassen (Insights into the ancient gut could someday inform commercial efforts to reshape modern microbiomes)".  "Möglicherweise ist der Kot sprichwörtlich Gold (Maybe that poop is literally gold)".

Während in den USA im Umgang mit menschlichen Überresten ethisch und legal hohe Standards gelten, gilt dies natürlich nicht für die menschlichen Fäkalien. deshalb gab es bisher auch keine ethischen Bedenken im Umgang mit Koprolithen. Angehörige der regionalen Stämme sehen sie aber als Verbindung zu ihren Ahnen und waren verärgert, dass sie zuvor nicht konsultiert worden sind (Curry 2021). Die Publikation von Wibowo enthält daher ein Ethik-Statement (Wibowo u.a. 2021) - vor allem aber wird die Frage auf die Forschung zukommen, wer im Falle einer kommerziellen Verwertung der Ergebnisse daran verdient, ob und inwieweit die Daten nicht den indigenen Gruppen gehören.


Literaturhinweise

  • Blong/Shillito 2021
    J. C. Blong/L.-M. Shillito, Coprolite research. Archaeological and paleoenvironmental potentials. Arch. Anthropol. Sciences 13, 1, 2021, 5999.
  • Bryant 1974
    V. M. Bryant, Prehistoric Diet in Southwest Texas. The Coprolite Evidence. American Antiquity 39, 3, 1974, 407–420. - doi:10.2307/279430
  • Curry 2021
    A. Curry, Piles of ancient poop reveal ‘extinction event’ in human gut bacteria. Science 2021. - doi:10.1126/science.abj4390
  • Fellows Yates u. a. 2021
    J. A. Fellows Yates/I. M. Velsko/F. Aron u. a., The evolution and changing ecology of the African hominid oral microbiome. Proc Natl Acad Sci USA 118, 20, 2021. - doi:10.1073/pnas.2021655118
  • Flammer u. a. 2018
    P. G. Flammer/S. Dellicour/S. G. Preston u. a., Molecular archaeoparasitology identifies cultural changes in the Medieval Hanseatic trading centre of Lübeck. Proceedings of the Royal Society B 285, 1888, 2018. - doi:10.1098/rspb.2018.0991
  • Jones 1983
    A. Jones, A coprolite from 6 – 8 Pavement. In: A. R. Hall/H. K. Kenward/D. Williams u. a. (Hrsg.), Environmental evidence from roman deposits in Skeldergate. The past environment of York 4 (York 1983) 225–229.
  • Le Bailly u. a. 2016
    M. Le Bailly/U. Leuzinger/H. Schlichtherle, "Kulturschichten". In: H. Schlichtherle/ M. Heumüller/ F. Haack u. a. (Hrsg.), 4.000 Jahre Pfahlbauten (Ostfildern 2016) 146–149.
  • Olm/Sonnenburg 2021
    M. R. Olm /J. L. Sonnenburg, Ancient human faeces reveal gut microbes of the past. Nature 336, 2021, 1268. - doi:10.1038/d41586-021-01266-7
  • Pucu u. a. 2020
    E. Pucu/J. Russ/ K. Reinhard, Diet analysis reveals pre-historic meals among the Loma San Gabriel at La Cueva de Los Muertos Chiquitos, Rio Zape, Mexico (600–800 CE). Arch. Anthropol. Sciences 12, 1, 2020, 14. - doi:10.1007/s12520-019-00950-0
  • Reinhard/Bryant 2008
    K. J. Reinhard/ V. M. Bryant, Pathoecology and the Future of Coprolite Studies in Pathoecology and the Future of Coprolite Studies in Bioarchaeology. In: A.L.W. Stodder (Hrsg.), Papers in Natural Resources Tempe (2008) 205–224. 
  • Shillito u. a. 2020
    L.-M. Shillito/J. C. Blong/E. J. Green u. a., The what, how and why of archaeological coprolite analysis. Earth-Science Reviews 207, 5, 2020, 103196.
  • Wibowo u. a. 2021
    M. C. Wibowo/ Z. Yang/M. Borry u. a., Reconstruction of ancient microbial genomes from the human gut. Nature 2021. - doi: 10.1038/s41586-021-03532-0

Link


Samstag, 15. August 2020

Syphilis Bakterium Update

Eine neue archäogenetische Studie zur Syphilis stellt die Theorie des amerikanischen Ursprungs der Krankheit in Frage.
  • K. Majander et al., Ancient Bacterial Genomes Reveal a High Diversity of Treponema  pallidum Strains in Early Modern Europe, Current Biology (2020), - https://doi.org/10.1016/j.cub.2020.07.05


Die Untersuchung an Proben aus den Niederlanden, Finnland und Estland weißt bereits für die frühe Neuzeit eine Vielzahl von Varianten des Erregers, des Bakterium Treponema pallidum nach. Außerdem wurde die Frambösie und ein bislang unbekannter verwandter weiterer Erreger nachgewiesen.

Es ist wichtig festzuhalten, dass dies noch kein Beweis für einen Ursprung der Syphilis in der Alten Welt bzw. in Europa ist. Die schriftlichen Quellen berichten relativ klar von den ersten Infektionen nach der Rückkehr von Kolumbus. Zuletztt ging die Forschung eher in die andere Richtung, indem sie die frühen Nachrichten über Syphilis der verwandten Krankheut der Frambösie zuschrieben. Vorliegende Studie folgt leider nicht einem konsequenten Forschungsdesign, um diese Frage systematisch zu klären. Notwendig wäre es, Bestattungen aus der ersten Syphilisepidemie nach Kolumbus Rückkehr zu beproben, die postulierten präkolumbischen Belege der Syphilis aus der Neuen Welt zu analysieren und die prä-kolumbischen Verdachtsfälle aus St. Pölten zu prüfen. Somit liefert die Studie zwar neue Daten, die den Stammbaum der Syphilis-Erreger genauer beleuchtet, sie trägt aber wenig zu dem Thema bei, das die Medienberichte (und auch schon die Pressemitteilung der Universität Zürich) in den Mittelpunkt stellen.


Fundorte und Stammbaum der Erreger nach Majander 2020 (CC BY-NC-ND 4.0)


Presseberichte:
Medienmitteilung der Universität Zürich vom 13.8.2020

Interne Links



  • Viren
    (biology pop [CC BY SA 4.0]
    via WikimediaCommons)


  • Mittwoch, 29. Juli 2020

    Superspreader älter als gedacht? Neue Pocken-Belege aus Nordeuropa

    Zu Beginn der Corona-Epidemie habe ich hier eine "Archäologie der Erreger" skizziert und dabei auch die Pocken knapp dargestellt:
    Und schon gibt es Neues - nämlich Älteres:
    • Mühlemann, Barbara; Vinner, Lasse; Margaryan, Ashot; Wilhelmson, Helene; La Fuente Castro, Constanza de; Allentoft, Morten E. et al. (2020): Diverse variola virus (smallpox) strains were widespread in northern Europe in the Viking Age. In: Science (New York, N.Y.) 369 (6502). - <doi: 10.1126/science.aaw8977>.
    Viren
    (biology pop [CC BY SA 4.0] via WikimediaCommons)
    War bislang ein Fund aus dem 17. Jahrhundert der älteste DNA-Beleg, so ist es nun gelungen, bei 11 Bestattungen aus Nordeuropa, unter anderem von der Insel Öland Variola-DNA zu identifizieren. Die Gräber datieren zwischen 600 und 1050 n.Chr. Es handelt sich nicht um einen direkten Vorfahren der modernen Pocken, sondern um eine wahrscheinlich weniger tödliche Variante. Aus zwei weiteren neuzeitlichen Gräbern wurde DNA des modernen Variola-Virus gefunden. Der gemeinsame Vorfahr wird auf etwa 1700 Jahre vor heute geschätzt. 
    Die Publikation verrät leider keine Details über die archäologischen Kontexte.

    Die Forschungen haben viel Medienecho gefunden - allerdings mit einigen nicht ganz zutreffenden Sensationalisierungen.  
    "Die Pocken kamen in Europa schon viel früher vor als bisher angenommen." meint die Süddeutsche Zeitung. Tatsächlich kann angesichts der Schriftquellen der neue Befund nicht überraschen.  Der Fortschritt liegt in der Möglichkeit, die Virenevolution genauer zu verstehen. Die nachgewiesenen Erreger weisen nämlich große Ähnlichkeit zu Pockenviren auf, die man heute bei Kamelen und Mäusen nachweisen kann.
    "Wikinger waren "Superspreader" von Pocken" titelt mdr Wissen, obwohl die Befunde dazu gar keine Aussagen machen können. Die Befunde betreffen auch nicht ausschließlich Wikinger, sondern datieren zum Teil früher.



    Links

    Samstag, 20. Juni 2020

    Masern - ein alter Virus

    Im Blogpost "Archäologie der Erreger" (Archaeologik 28.3.2020) wurden die Masern nicht angesprochen - eine weitere Krankheit, die bis heute vor allem Kindern gefährlich werden kann, jedenfalls wenn keine Impfung vorliegt. Eine neue Studie befasst sich mit der Entstehung der Masern und stellt die These auf, dass diese auf die antike Urbanisierung zurück ginge.
    • A. Düx/S. Lequime/L. V. Patrono u. a., Measles virus and rinderpest virus divergence dated to the sixth century BCE. Science 368, 6497, 2020, 1367–1370. - DOI: 10.1126/science.aba9411
    Der Erreger ist der Masernvirus MeV (Measles morbillivirus), der eng verwandt ist mit der Rinderpest. Letzterer gilt seit einigen Jahren als erfolgreich mittels Pest ausgerottet, während der Masernvirus wegen zu geringer Impfquoten in den vergangenen Jahren wieder um 30% zugenommen hat (Ärzte-Zeitung 8.2.2019). 

    Corona-Beiträge auf Archaeologik
    Viren
    (biology pop [CC BY SA 4.0]
    via WikimediaCommons)
    Zur Geschichte des Masernvirus wurde bislang postuliert, dass er im Laufe des Mittelalters vom Rind auf den Menschen übergesprungen sei (Furuse u. a. 2010). Anhand der DNA aus einer Lungenprobe von 1912 konnte nun die molekulare Uhr neu geeicht werden, so dass die Datierung nun weit früher liegen muss. Die Studie weist auf das 6. Jahrhundert v.Chr. und postuliert eine Verknüpfung mit der Entstehung großer Städte. Die molekulare Uhr sagt indes nichts über die Region aus, in der die Übertragung stattgefunden hat und größere Siedlungen, die eine Grundlage für eine weitere Ausbreitung der Masern geboten hätten, gab es in einigen Regionen auch schon früher. Eine solche Korrelation ist aus einer archäologisch-historischen Sicht wenig aussagekräftig, da sich eben auch die antike Urbanisierung über einen längeren Zeitraum hingezogen hat. Klärung kann hier nur eine Studie an aDNA bringen, die enstprechende Proben aus archäologischen Kontexten voraus setzt.


    Literaturhinweis


    • Furuse u. a. 2010
      Y. Furuse/A. Suzuki/H. Oshitani, Origin of measles virus. Divergence from rinderpest virus between the 11th and 12th centuries. Virol J 7, 1, 2010, 52.

    Samstag, 28. März 2020

    Archäologie der Erreger

    Der Corona-Virus SARS-CoV-2 verändert massiv den Alltag und betrifft natürlich auch die Archäologie - einmal konkret durch die abgesagten Tagungen, nun eher online gehaltenen Lehrveranstaltungen und geschlossenen Bibliotheken, aber auch inhaltlich.

    Viren
    Viren
    (biology pop [CC BY SA 4.0] via WikimediaCommons)

    Viele aktuelle Beiträge in den Medien greifen das Thema der Epidemien auf, versuchen der verunsicherten Bevölkerung Orientierung zu geben. Das ist in der Tat eine wichtige Aufgabe der Geschichtswissenschaften. Bezogen auf die Coronaepidemie stehen einzelne vergangene Epidemien im Blickfeld. Selten wird aber erläutert woher wir das Wissen über die Epidemien haben. Meist wird auch nur auf die zeitlich näher liegenden Epidemien wie die Spanische Grippe von 1918-20 oder die jüngeren Grippe- und Sars-Epidemien verwiesen.
    • vergl. Archaeologik (demnächst8.1.2021)
    Was die Medien kaum abbilden, sind die langfristigen Entwicklungsstränge, die zeigen, wie sich Erreger verändern und wie die Gesellschaften langfristig davon betroffen waren. 
    Krankheiten sind nämlich auch in der Vergangenheit ein wesentlicher Faktor gesellschaftlichen Wandels und eng verbunden mit der Mensch-Umwelt-Interaktion. Insofern kann und muss ein Krankheitserreger auch ein archäologisches Thema sein, auch wenn wir ihn eigentlich nicht ausgraben können und ein historisches Thema, auch wenn (jedenfalls vor dem 19./20. Jahrhundert) ihn die Schriftquellen nicht nennen. Covid-19 wird den Trend sicher bestärken, solche Themen auch in der Archäologie stärker zu verfolgen.

    Lange war man allein auf die schriftliche Überlieferung angewiesen. Allerdings war und ist es hier immer schwierig, aus den Beschreibungen auf die tatsächliche Krankheit zu schließen. Bei vielen überlieferten Epidemien war und ist es teilweise noch immer unklar, welcher Erreger dahinter steckte.

    Neue Methoden insbesondere der Archäogenetik haben in den vergangenen Jahren viele neue Erkenntnisse über Krankheiten und ihre Bedeutung für die historische Entwicklung gebracht. Letztlich steht die Forschung hier aber ganz an den Anfängen, denn wenn wir Näheres über Ausbreitung und Wirkungen erfahren wollen, müssen wir ganz neu auf unsere archäologischen und historischen Daten schauen. Es ergeben sich nämlich zahlreiche Fragen, denen bisher kaum Beachtung geschenkt wurde und denen das gängige Fachverständnis oft nur wenig Raum lässt.


    Frühere Krankheitserreger


    Vorab: Krankheitserreger gibt es viele. Krankheitserreger können Parasiten, Bakterien oder Viren, aber auch Algen, Pilze, Prionen (Proteine) oder Viroide sein. Unterschiedlich sind auch die Wirkungen dieser Mikroorganismen. Sie können das Gewebe schädigen, weil sie sich von Körperzellen ernähren, weil sie heftige Immunreaktionen wie hohes Fieber hervorrufen oder giftige Stoffe freisetzen. Bei Bakterien unterscheidet man Exotoxine und Endotoxine. Ersteres sind Giftstoffe die von lebenden Bakterien abgegeben werden. Meist handelt es sich dabei um Proteine. Das ist beispielsweise bei Cholera, Keuchhusten, Diphtherie, Tetanus und Scharlach der Fall. Endotoxine sind Teile der Zellwand von Bakterien, die freigesetzt werden, wenn diese absterben. Zu den Krankheiten, die so ausgelöst werden, gehören Typhus und Salmonellosen wie auch die Pest.

    Der Nachweis früherer Krankheiten kann anhand ihrer Symptome, anhand von Antikörpern oder durch den Nachweis des Erregers selbst erfolgen. Das ist an archäologischem Material nicht einfach.
    Meist sind nur noch Skelettreste vorhanden. Nicht alle Krankheiten führen dort zu Veränderungen und wenn, dann sind  sie diagnostisch oft nicht ganz eindeutig.
     
    Schon länger arbeitet die Anthropologie auch mit Methoden der Seroarchäologie oder Paläoserologie, die auf den Nachweis der Antikörper abzielt. Das ist ein Teilgebiet der Serologie, die sich (ihrerseits als ein Teil der Immunologie) mit Antigenen und Antikörpern befasst. Hier stehen unterschiedliche Methoden zur Verfügung, die u.a. auch Blutgruppenbestimmungen ermöglichen. Haben sich die Methoden in der Forensik offenbar bewährt, so sind sie bezogen auf archäologisches Material nicht unproblematisch (Berg u.a. 1983). Für jüngere Epidemien, wie die Grippeepidemien von 1889-1893 und 1918-20 konnten so aber verschiedene Antikörper und damit indirekt verschiedene Erreger nachgewiesen werden.

    • Berg u. a. 1983
      S. Berg – Bertozzi,, B. – R. Meier – S. Mendritzki, Vergleichend-methodologischer Beitrag und kritische Bemerkungen zur Interpretation von Blutgruppenbestimmungen an Mumienrelikten und Skelettfunden. Anthropologischer Anzeiger 41, 1983, 1–19. - https://www.jstor.org/stable/29539402 
    • Worobey u. a. 2014
      M. Worobey – G.-Z. Han – A. Rambaut, Genesis and pathogenesis of the 1918 pandemic H1N1 influenza A virus, Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 111, 2014, 8107–8112 - <doi:10.1073/pnas.1324197111>

    Der Nachweis der Erreger selbst ist die sicherste Möglichkeit eine Krankheit zu identifizieren. Bei Parasiten und teils auch bei Bakterien bieten mikroskopische Untersuchungen etwa von Bodenproben aus Latrinen schon  länger gewisse Möglichkeiten. Aber erst mit der Untersuchung der DNA lassen sich die nötigen Differenzierungen bei Bakterien vornehmen und Viren überhaupt erst sicher identifizieren.

    Archäogenetik

    Mit dieser aDNA beschäftigt sich die Archäogenetik, die in der öffentlichen, aber auch fachlichen archäologischen Wahrnehmung meist eher mit Fragen der Abstammung von Mensch und auch Tier verbunden wird. Ihre Methoden werden aber auch auf Krankheitserreger angewandt.

    Die Genetik verfügt über zwei verschiedene Ansätze zur Rekonstruktion früherer Krankheitserreger. 

    Der eine setzt an der Analyse heutiger Erreger an. Im Vergleich lassen sich Stammbäume rekonstruieren, die mit Hilfe der molekularen Uhr auch mehr oder weniger absolut datiert werden können. Dieser metaphorische Begriff der genetischen bzw. häufiger: molekularen Uhr bezeichnet eine Methode, die mittels der DNA-Sequenzierung die Mutationen in einer DNA-Sequenz nutzt, um relativchronologisch die Aufspaltung zweier Arten/ Subtypen/ Serotypen von einem gemeinsamen Vorfahren abzuschätzen. Bei Zellteilung und Vermehrung muss das Erbgut kopiert werden. Das geschieht häufig fehlerhaft, so dass sich an einzelnen Positionen im Erbgut Veränderungen ergeben. Mehrheitlich haben die Mutationen keine Auswirkungen auf den Gesamtorganismus, so dass kein Selektionsdruck entsteht und sich die Veränderungen im Lauf der Zeit summieren. Je mehr Unterschiede in der DNA-Sequenz vorliegen, um so weiter liegt der Zeitpunkt der Aufspaltung auseinander. Die Mutationsrate kann theoretisch dazu genutzt werden, die Veränderungen auch absolut chronologisch zu bestimmen. Schwierig ist das in der Praxis aber deshalb, weil je nach Funktion der Gene die Geschwindigkeit der Mutationen unterschiedlich sein kann und beispielsweise auch die Generationendauer und die Populationsgröße zu berücksichtigen sind. Nicht selten lässt sich aber eine Kalibration vornehmen, indem man chronologisch bekannte Differenzierungen heranzieht - oder alte DNA aus dem archäologischen Kontext datiert.

    Der zweite Nachweis früherer Krankheiten erfolgt direkt über die alte DNA (aDNA). Er setzt voraus, dass geeignete Proben vorliegen. Diese können aus alten medizinischen Proben bzw. Präparaten stammen oder aber aus archäologischen Ausgrabungen.

      Archäologische Quellen für aDNA

      Archäologische Ausgrabungen bieten viele Möglichkeiten aDNA von Krankheitserregern zu gewinnen. Das sind zum einen natürlich Grabfunde. Meist liegen zwar nur Skelettreste vor, doch sind die Zähne in der Regel etwas besser erhalten - und in der Höhlung des Zahnnervs im Zahn ergibt sich so ein geschützter Raum, in dem sich häufig aDNA von Krankheitserregern finden lässt, die mit dem Blutkreislauf dorthin gelangt ist. Das gilt prinzipiell auch für die Zähne von Tieren, die man eher im Siedlungszusammenhang findet. Auch aus Bodenproben etwa aus Latrinen kann aDNA gewonnen werden. Hier ist quellenkritisch jedoch zu klären, wie sicher Datierung und Kontext jeweils sind.

      Die Erhaltungsbedingungen für aDNA sind nicht immer gegeben. Frühe Forschungen hatten mit dem Problem der modernen Kontamination zu kämpfen, doch wurden inzwischen Kriterien entwickelt, die es erlauben, aDNA von moderner DNA zu unterscheiden.

      • Bennett u. a. 2019
        R. J. Bennett/K. S. Baker/C. S. Kraft, Looking Backward To Move Forward. The Utility of Sequencing Historical Bacterial Genomes. Journal of Clinical Microbiology 57, 8, 2019, 496. - <doi: 10.1128/JCM.00100-19>
      • Krause/Trappe 2019
        J. Krause/T. Trappe, Die Reise unserer Gene. Eine Geschichte über uns und unsere Vorfahren (Berlin 2019).
      • Meller / Alt 2010
        H. Meller – K. W. Alt (Hrsg.), Anthropologie, Isotopie und DNA - biografische Annäherung an namenlose vorgeschichtliche Skelette? 2. Mitteldeutscher Archäologentag vom 08. bis 10. Oktober 2009 in Halle (Saale), Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle (Saale) 3 (Halle (Saale) 2010) 
      • Warinner u. a. 2017
        C. Warinner/A. Herbig/A. Mann u. a., A Robust Framework for Microbial Archaeology. Annu. Rev. Genom. Hum. Genet. 18, 1, 2017, 321–356. - <doi:  10.1146/annurev-genom-091416-035526>


      Neue Erkenntnisse bei ausgewählten Krankheiten

      Das Potential, das in diesen archäologischen Quellen liegt, lässt sich am besten zeigen, indem man auf einige Krankheiten schaut, die in der Vergangenheit von Bedeutung waren und bei denen die Forschung in den vergangenen Jahren neue Erkenntnisse gewonnen hat - oder im Gegenteil Fragen offen gelassen hat, deren Bedeutung uns erst angesichts der neuen Forschungen und angesichts von SARS-CoV-2 deutlich wird.