Mittwoch, 23. Juni 2021

Gegen das neue Denkmal-NICHT-Schutzgesetz in NRW

Eine Petition an den Landtagspräsidenten in NRW, von der deutschen Stiftung Denkmalschutz auf dem Portal open petition möchte erreichen, dass der Entwurf des neuen „Denkmal-NICHT-Schutzgesetzes“ überarbeitet und die Expertise der Fachleute hierbei eingebunden und gehört wird. Politische und wirtschaftliche Einfallstore müssen zurückgenommen werden, damit die wenigen, noch erhaltenen Denkmale nachhaltig bewahrt werden können. 


An dem Gesetzesentwurf war im Vorfeld vielfältige Kritik geäußert worden. Selbst die Denkmalpfleger*innen des LVR und LWL lehnten sich gegen die Novellierung öffentlich auf. Dessen ungeachtet soll der Landtag NRW das Gesetz noch vor dem 5. Juli verabschieden.

Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hat dazu auch einen Brief an die zuständige Ministerin Ina Scharrenbach, Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung veröffentlicht:

Das Denkmalschutzbündnis Nordrheim-Westfalen stellt die Situation folgendermaßen dar:

"Ministerin Ina Scharrenbach des Ministeriums für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung (MHKBG) beabsichtigt der Landesregierung NRW noch vor dem 05. Juli ein neues Denkmalschutzgesetz vorzulegen, welches Schwerpunkte zu Lasten der bestmöglichen Denkmalbewahrung verändert, und die Wirksamkeit und Befugnisse von übergeordneten Denkmalfachbehörden weitgehend aushebelt. Wir wollen verhindern, dass das Gesetz in dieser Form dem Landtag vorgelegt wird, denn es weist erhebliche Mängel auf:

Der Schutz einzigartiger historischer Bauwerke unserer Heimat wird durch die Gesetzesnovelle zum politischen Spielball – denn zukünftig soll eine mögliche Nutzung über Denkmalwert und -erhalt bestimmen, sachfremde Aspekte sollen den Schutz der Denkmale aufweichen. Denkmaleigentümer sollen dabei potentiell zu einer Nutzung des Denkmals verpflichtet werden können. Es steht zu befürchten, dass dieser Nutzungsdruck zu einer „Vergewaltigung“ des Denkmals und zu einer Beschädigung der Interessen der Denkmaleigentümer und der Allgemeinheit führen kann. Die übergeordneten Fachbehörden werden ausgeschaltet und stattdessen mittelbar die lokale Politik zum Entscheidungsträger über die Zukunft oder den Abriss wertvoller Denkmale gemacht. Eine Einflussnahme von wirtschaftlichen oder Sonderinteressen wird hierdurch verstärkt. Viele Formulierungen des Gesetzes sind unklar und lassen Spielräume für eine willkürliche Auslegung in der praktischen Umsetzung zu. Der gesamte Entwicklungsprozess des neuen Gesetzes ist völlig intransparent, auf den vielstimmigen fachlichen Widerspruch wurde bislang trotz zahlreicher Bemühungen nicht reagiert."

Einige Stellungnahmen gesammelt bei Denkmalschutzbündnis Nordrhein-Westfalen: 

Podiumsdiskussion im WDR Forum, 13.4.2021:

Nochmals der Hinweis: Als die jetzige Landesregierung unter dem jetztigen Kanzlerkandidaten Armin Laschet angetreten ist, wollte sie in ihrem Koalitionsvertrag demonstrativ die Denkmalpflege stärken (vgl. Archaeologik 19.6.2017), um sich gegenüber den Ereignissen von 2013 abzusetzen. Jetzt macht Sie das Gegenteil.

 

Montag, 14. Juni 2021

Archäologie als Kunst (10)

Elena Reus

Die in den Archaeologik-Beiträgen zum Thema „Archäologie als Kunst“ vorgestellten Beispiele für eher naiv daherkommende Kunstwerke im öffentlichen Raum befriedigen die Bedürfnisse von Lokalpatriotinnen und -patrioten oder weisen auf ein (vermarktungsfähiges) Lokalkolorit hin. Wieder andere Objekte müssen Passanten auf den ersten Blick vollkommen undechiffrierbar erscheinen.

Sosehr diese von archäologischen Funden und Befunden inspirierten Kunstwerke die Fachwelt auch erheitern mögen, so sehr muss es im Interesse des Fachs liegen, wenn Verkehrskreisel und Grünflächen mit volkspoetischen und (prä-)historischen Inhalten stärker bespielt werden denn je.

Angesichts gegenwärtiger existenzieller Bedrohungen des Fachs (international wie national), muss verstärkt daran gearbeitet werden die Aufmerksamkeit und Gunst der Öffentlichkeit zu gewinnen. Aus diesem Grund sollten hier auch die raffinierteren Schöpfungen die meist eher informierende Installationen als Kunst darstellen ebenfalls Beachtung finden. Sie halten das Wissen um örtliche Bodendenkmale in der Öffentlichkeit.

Im hessischen Erlensee (Ortsteil Rückingen) befindet sich auf einem Kreisel eine Installation, die eine räumliche Illusion erzeugt, so dass der Betrachter in das dargestellte, historische Landschaftsbild einbezogen wird und die Grenzen zwischen Installation und real umgebender Landschaft verschwimmen.

Archäologisch inspirierte Kreiselkunst hat einen nicht zu unterschätzenden Nutzen auch wenn es zugegebenermaßen zusätzlich noch eine kleine gedankliche Transferleistung erfordert, um vom angezeigten Bodendenkmal auf die Notwendigkeit von Personen zu schließen, die dieses erforschen. Aber dafür sollte es ja konkrete Öffentlichkeitsarbeit geben!

 

Limeskreisel Rückingen-Erlensee
Eine zweispurig ausgebaute Bundesstraße führt auf einen Kreisel in Erlensee zu. Der Kreisel bildet an dieser Stelle „das Tor“ in den Ortsteil für Autofahrer. Um die auf dem Kreisel befindliche Installation eingehend studieren zu können, ist allerdings eine Exkursion auf dem umlaufenden Fußweg zu empfehlen. Durch Erlensee verläuft der Obergermanisch-Raetische Limes. Außerdem befinden sich im Bereich des Ortsteiles Rückingen die Reste eines Kastells
(Foto: E. Reus)


 



Elena Reus ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der AMANZ in Bamberg. Sie absolvierte ihren Master in Tübingen und bringt Erfahrungen aus der praktischen Grabungs-Archäologie mit.

 

Freitag, 4. Juni 2021

Russische Rekonstruktion in Palmyra - gegen den Willen der UNESCO

Auf einem Kongress in Paris hat die UNESCO im Dezember 2019 beschlossen, von Rekonstruktionen  in Palmyra vorerst Abstand zu nehmen. Russland hat im April dennoch angekündigt, im November mit der Restaurierung zu beginnen. Dennoch betonte Hammam Sa’ad, Direktor am Generaldirektorium für Antiken und Museen, dass eine Kooperation mit der UNESCO vorgesehen sei, um eine wissenschaftliche Kommission einzubinden, die dabei helfen soll, dass die Arbeit der vor Ort arbeitenden Teams den internationalen Standards entspricht.

Palmyra wird einmal mehr zum Politikum, denn die Ankündigung klingt wie eine Drohung, wenn die UNESCO die Aktivitäten Russlands und der syrischen Regierung nicht absegnet und durch ihre Kooperation legitimiert.

Die Empfehlungen der UNESCO sehen höchste Priorität in Notsicherungen, einer Schadensdokumentation und der Entwicklung eines Managementplans, bevor mit Restaurierungen oder Rekonstrukltionen begonnen wird.

Die syrisch-russische Kooperation war schon vor der Pariser Konferenz 2019 angekündigt worden:

Für Russland hat Palmyra große symbolische Bedeutung. St. Petersburg nannte sich seit dem 18. Jahrhundert das Palmyra des Nordens. Als 2018 ein Name für ein neues russisches Raketensystem gesucht wurde, gab es eine öffentliche Abstimmung, in der lange der Name Palmyra führend war. Argumentiert wurde mit dem russischen Sieg in Palmyra, aber auch mit St. Petersburg als der Geburtsstadt von Präsident Putin.

  • O. Griese, „Palmyra Des Nordens“: St. Petersburg - Eine Nordosteuropäische Metropole?" Jahrbücher Für Geschichte Osteuropas NF 5/3, 2005, 349-63. - http://www.jstor.org/stable/41051447.

Die Aneignung Palmyras durch europäische Mächte hat eine lange Tradition, die auch die frühere Forschungsgeschichte und auch die lokale Geschichte vor Ort maßgeblich beeinflusst hat.


Straße im arabischen Dorf im Tempelbezirk des Baal, zwischen 1900 und 1920
(Foto: Photo dept., American Colony [Jerusalem] via Wikimedia Commons)


Die Empfehlungen der UNESCO legen daher auch großen Wert auf die Rolle der lokalen Bevölkerung. So soll die Wiedereröffnung des Museums die Wiederbesiedlung der Stadt ermutigen, die seit den Zerstörungen verlassen ist. Angesprochen werden auch die Sicherheitsbedingungen vor Ort, wo im März und April Landminen, die DAESH/ IS hinterlassen haben, mehrere zivile Todesopfer gefordert haben. 

Es kommt in der Region auch weiterhin zu Kämpfen, wo sich immer noch Gruppen des Daesh/IS aufhalten.

Andererseits werden Touristen in Palmyra als Rückkehr der Normalität propagiert.

Anfang Februar waren bei Palmyra mehrere Leichen entdeckt worden, unter denen der Archäologe Khaled Asaad identifiziert werden konnte.

 

Link

aktuelle Doku auf ARTE:

Donnerstag, 3. Juni 2021

Eine Masterarbeit erforscht sexuelle Belästigung und Gewalt in der Feldarbeit

Jutta Zerres

Die gesellschaftliche Debatte um sexuelle Belästigung und Übergriffe wird in Deutschland seit 2013 unter dem #aufschrei öffentlich geführt. Seit dem Skandal um den amerikanischen Filmproduzenten Weinstein im Oktober 2017etablierte sich dann der #metoo. Millionen von Tweets machten seitdem das Ausmaß öffentlich sichtbar. Auch in den verschiedenen Tätigkeitsfeldern der Archäologie erleben Menschen Dinge wie unangenehme Blicke, sexistischen oder herabsetzenden Kommentare über Outfits, Catcalling, „zufällige“ Berührungen, offene Belästigung etc.

Die Masterarbeit der Bonner Master-Kandidatin Laura im Fach Altamerikanistik und Ethnologie (Bachelor in Klassischer Archäologie) beschäftigt sich mit dem Phänomen bei feldarchäologischen Aktivitäten, die durch Forschungseinrichtungen, also vor allem Universitäten durchgeführt wurden.. Zu diesem Zweck hat sie einen Online-Fragebogen unter dem Titel "Sexualisierte Belästigung, Gewalt und Diskriminierung in der Feldforschung" erstellt und in den sozialen Netzwerken veröffentlicht. Es werden Teilnehmer und Teilnehmerinnen gesucht. Das Ausfüllen dauert etwa 7-10 Minuten. Der Aufruf ergeht dabei nicht nur an Betroffene, sondern auch an Menschen, die keine Erfahrungen damit gemacht haben. 


Die ursprünglich vorgesehene Frist ist bereits abgelaufen, aber in den nächsten Tagen ist Laura ein Rücklauf noch willkommen.

 

(via Pixabay [Pixabay-Lizenz])

Laura schreibt zu ihrem Vorhaben auf Facebook: „Das Ziel der Umfrage ist es, zu untersuchen, wie Forscher*innen und Studierende der Archäologie an deutschen Institutionen davon betroffen sind. Die Erkenntnisse sollen mit den Ergebnissen internationaler Studien (…) und der Arbeit von Initiativen in Beziehung gesetzt werden, um präventive Maßnahmen und Strategien zum Umgang mit Vorfällen zu erarbeiten. Meine Masterarbeit wird sich mit Geschlechterverhältnissen innerhalb der archäologischen Wissensproduktion und der #MeToo-Debatte im Kontext der Feldforschung beschäftigen. Die Umfrage ist auf Deutsch und Englisch verfügbar und steht allen, die bereits archäologische Feldforschung (Grabungen, Prospektionen, etc.) betrieben haben, offen - unabhängig von Geschlecht, Alter oder Position.“


Montag, 31. Mai 2021

Objektiver, replizierbarer, schneller und effizienter

Eine Studie aus den USA stellt eine automatisierte Keramikklassifikation vor (Pawlowicz/Downum 2021). Sie klassifiziert mithilfe von Deep Learning digitale Bilder von verzierten Keramikscherben nach einer bestehenden Typologie. Geeignete digitale Bilder verzierter Scherben konnten mit einer recht hohen Genauigkeit von über 83% den Gruppen richtig zugewiesen werden. Die Technik übertrifft damit die Qualität der Fundbestimmung durch echte Archäolog*innen mit entsprechender Expertise. Grundlage der Studie waren Tausende von Keramikscherben der Tusayan White Ware, einer handgemachten bemalten Keramik der Pueblo-Kultur im Amerikanischen Südwesten, etwa aus der Zeit vom 9. bis 13. Jahrhundert. Diese sehr zahlreich vorhandene Ware bietet mit einem deutlichen Kontrast von schwarz-auf-weiß klare Muster, die auch auf weniger qualitätvollen Fotos gut zu erkennen sind. Für die Studie haben vier erfahrene Kollegen das Material unanhängig voneinander anonym klassifiziert. Nur bei etwa 79% der Scherben waren sich alle vier Experten tatsächlich in der Bestimmung einig. Diese Klassifikation bildete die Basis für ein überwachtes Training des maschinellen Lernens mittels der Methode des Convolutional Neural Networks (CNN). Die Autoren sehen es für erwiesen an, dass maschinengestützte Bilderkennung objektive und genaue Klassifikationen liefern kann. " We believe we have shown, however, that machine learning models are potentially powerful tools for improving the objectivity, replicability, speed, and efficiency of ceramic design classification. The implications of these discoveries have yet to be fully realized, but we hope they will lead to new and more powerful archaeological analyses of a variety of artifact types"  (Pawlowicz/Downum 2021, 12).
  • Pawlowicz/Downum 2021: L. M. Pawlowicz/C. E. Downum, Applications of deep learning to decorated ceramic typology and classification. A case study using Tusayan White Ware from Northeast Arizona. Journal Arch. Science 130, 2, 2021, 105375. - doi:10.1016/j.jas.2021.105375 

 

 

Diagnostische Verzierungselemente der Tusayan White Ware
(Graphik:
Pawlowicz/Downum 2021, fig. 2 [CC BY NC ND 4.0] via ScienceDirect)

Ich bin nicht sehr optimistisch, dass das Verfahren bei mitteleuropäischer Siedlungskeramik so gut läuft, da die Tusayan White Ware doch sehr regelhafte und deutliche Verzierungen besitzt. Aber einen Versuch wäre es wert. Material der vorrömischen Metallzeiten wäre gutes Übungsmaterial oder aber hoch- und spätmittelalterliche Keramik. Braucht es noch einen Computer, die Expert*innen und die Zeit dafür...

Mittwoch, 26. Mai 2021

Möglicherweise ist der Kot sprichwörtlich Gold - Zur Rekonstruktion der Mund- und Darmflora aus archäologischen Funden

Die Lebenserwartung ist in den letzten 150 Jahren massiv gestiegen, jedenfalls in der westlichen Welt. Das hat aber nicht etwa damit zu tun, dass wir heute gesund leben, sondern vor allem mit einer besseren medizinischen Versorgung. Wissenschaftliche Erkenntnisse ermöglichen es, Erreger zu identifizieren und Strategien der Vorsorge, der Impfung,  der Behandlung oder gar Heilung zu entwickeln. Damit sind einerseits einige üble Krankheiten überwunden, aber die rasante kulturelle Entwicklung führte auch zu neuen Gesundheitsrisiken, etwa durch mangelnde Bewegung oder unangemessene Ernährung. Moderne Untersuchungen zeigen, dass sich nicht nur die Umwelt verändert hat, sondern auch der Mensch, einmal genetisch durch besondere Adaptionen an seine Umwelt, aber auch im Zusammenspiel mit seinem Mikrobiom, also all den Bakterien und Pilzen, die ihrerseits den Menschen besiedeln und für Gesundheit und Krankheit oft ausschlaggebend sind. Wie sich nun zeigt, haben sich Mund- und Darmflora im Lauf der Zeit verändert - und lassen so Rückschlüsse auf die Ko-Evolution von Mensch und Bakterien zulassen.

Aktuell sind zwei bzw. drei Studien erschienen, die sich mit der Mund- und Darmflora des Menschen befassen und dazu auch Daten aus archäologischen  Fundstellen nutzen. 


Zahnstein gibt Einblicke in Mundflora

Eine der Studien (Fellows, Yates u.a. 2021) hat den Zahnstein von 124 Individuen (neben Menschen auch Schimpansen und Gorillas) ausgewertet, darunter auch fossile Proben aus archäologischen Ausgrabungen. Im Zahnstein fossiler Zähne hat sich die DNA von Bakterien erhalten, die in unserem Mund leben. Bekannt sind hier am ehesten diejenigen, die uns weh tun, weil sie Karies und Parodontitis auslösen. Die sogenannte Mundflora ist darüber hinaus aber wesentlich für die Biologie, Gesundheit und Krankheit des Menschen, dennoch wissen wir über die globale Vielfalt, Variation oder Entwicklung dieser mikrobiellen Gemeinschaft sehr wenig.
In die Serie sind Proben von 44 archäologischen Fundstellen überwiegend des Jungpaläolithikums und des Mesolithikums eingeflossen. Einige der Funde wurden schon vor Jahrzehnten gemacht und konnten in den Museumsarchiven beprobt werden.
 
Im Kern geht das Mikrobiom unseres Mundes fast 40 Mio Jahre zurück, denn es findet sich auch bei Brüllaffen. Analysen aus der Pešturina-Höhle in Serbien stellen derzeit das älteste nachgewiesene Mikrobiom dar. Es lässt sich dem Neandertaler zuweisen.
Spannend dürfte es sein, mit solchen Analysen auch historische Proben zu erfassen, um nachzuvollziehen, ob und wie etwa der "Great Exchange" nach der Entdeckung Amerikas uns alle ganz unmittelbar betroffen hat. Welche Auswirkungen haben veränderte Ernährungs- und Lebensweisen etwa im Zuge der Neolithisierung, der Romanisierung großer Teile Europas oder auch die veränderten Wirtschaftsstrukturen infolge der Krise des 14. Jahrhunderts?

 

Archäologische Kotproben enthalten die DNA der Darmflora

Das gilt in ähnlicher Weise für die Entwicklung der Darmflora, wobei die entscheidenden Proben hier aus Koprolithen stammen.  Sie ermöglichen die direkte Untersuchung alter Darmflora, doch ergeben sich hier Beschränkungen in den weiteren Auswertungsmöglichkeiten. Diese haben schwierigere Überlieferungsbedingungen als der Zahnschmelz an Zähnen. Hier benötigt es ungestörte Schichten in trockenem Milieu, die über Jahrtausende ungestört blieben. So sind es hier Proben von lediglich drei Fundstellen, die analysiert werden konnten (Wibowo u. a. 2021). Zwei liegen im amerikanischen Südwesten und datieren in das 1. bzw. 6. Jahrhundert n.Chr., eine weitere liegt in Nord-Mexiko und datiert ca. 660–1430. Die Grabungen, aus denen die Proben stammen liegen Jahrzehnte zurück. Im Falle der Arid West Cave handelt es sich um Altfunde, die seit mindestens 1931 im Robert S. Peabody Institute of Archaeology, Andover, Massachusetts aufbewahrt werden. Die Beschriftung erlaubt eine Zuweisung zur Höhle, doch gibt es keine weitere Dokumentation mehr. Wahrscheinlich stammen die Proben von einer Grabungsexpedition der 1920er Jahre. Die Grabungen in der Cueva de los Muertos Chiquitos bei Zape in Mexiko wurden bereits in den 1950er Jahren durchgeführt, doch dienten die damaligen Funde der Koprolithen aufgrund ihrer guten Erhaltung als Grundlage für methodische Grundlagenstudien zur Erforschung von Koprolithen.

Es gelang in den Kotproben mit einem Screening bakterielle DNA zu identifizieren, die der Darmflora zugewiesen werden kann. Fast 500 mikrobielle Genome konnten rekonstruiert werden. Von den 181 Genomen mit den stärksten Hinweisen darauf, dass sie tatsächlich alt sind und aus dem menschlichen Darm stammen, repräsentieren 39% zuvor unbeschriebene Arten.

Die Arbeit von Marsha Wibowo et al 2021 wurde von Olm/ Sonneburg aufgegriffen. Heutige indigene Bevölkerungsgruppen, die einen traditionellen Lebensstil haben, zeigen ähnliche Mikrobiomzusammensetzungen wie in den alten Proben. Rezente Proben aus industrialisierten Gesellschaften haben eine andere Zusammensetzung der Darmflora. 40% der in den alten Proben nachgewiesenen alten Darmflora findet sich in modernen Kotproben nicht. Auch hier stellt sich die Frage, welche Faktoren hier eine Rolle spielten, ob die Wirtschaftsweise und Ernährung einen besonderen Einfluß haben. Auch hier sollten historische Perioden stärker in den Blick genommen werden, da hier in der Regel eine genauere kulturelle und soziale Kontextualisierung möglich scheint, wenngleich nur ein recht kurzer, vielleicht aber auch entscheidender Ausschnitt der langfristigen Evolution erfasst werden kann.

 

Archäologische Perspektiven

Dass Zähne wertvolle Datenarchive sind, ist den meisten Archäolog*innen seit langem bekannt. Prinzipiell weiß man das auch in Bezug auf Koprolithen. Immer wieder gab es Studien, die deren Potenzial aufzeigen. In Mitteleuropa freilich sind die Erhaltungsbedingungen nur selten optimal, so dass entsprechende Studien hier etwas exotisch sind. Im Amerikanischen Südwesten, wo nun auch die meisten Proben für die Arbeit von Wibowo et al. 2021 stammen, sind sie schon lange eine wichtige Quelle für die Rekonstruktion der Ernährung (z.B. Bryant 1974). Dennoch beklagte man noch vor wenigen Jahren, dass Koprolithen zu wenig Aufmerksamkeit fänden (Reinhard/Bryant 2008). In Deutschland sind entsprechende Untersuchungen noch etwas exotisch. Selbst im Bereich der Feuchtbodenarchäologie, deren beschönigend so genannten "Kulturschichten" zu nicht unerheblichem Teil aus tierischen und menschlichen Fäkalien bestehen, liegen keine umfassenden Studien vor (vgl. Le Bailly u.a. 2016). Das gilt entsprechend auch für mittelalterliche Latrinen, obwohl es hier schon einzelne aufsehenerregende Untersuchungen gab (z.B. Flammer u.a. 2018). Ein großer Koprolith von fast 20 cm Länge ist im Jorvik Viking Centre in York ausgestellt (Jones 1983). Koprolithen eröffnen ein breites Spektrum an Methoden und Fragestellungen, die nicht nur per Archäogenetik auf die Darmflora zielen, sondern mit klassischen mikroskopischen Analysen auch Parasiten und Ernährungsgewohnheiten rekonstruieren lassen (vgl. Blong/Shillito 2021).

 

Koprolith aus York, Pavement (Lloyd's Bank)
(Jorvik Viking Centre, Foto: Linda Spashett Storye book
[CC BY 2.5] via WikimediaCommons)

Aktuell sind einige Aufsätze publiziert worden, die Methoden und Potentiale der Koprolithenforschung zeigen (Shillito u. a. 2020; Blong/Shillito 2021).


Kommerzielle Perspektiven

In einem journalistischen Bericht (Curry 2021) zur Publikation von Wibowo et al. 2021 findet sich noch ein bemerkenswerter Hinweis. Die Studie sei wichtig, weil sie zeige, dass wir in jüngerer Zeit Teile unserer Darmflora verloren haben, möglicherweise aufgrund des Einsatzes von Antibiotika. Da könnte es in der Zukunft wichtig sein, die Zusammensetzung der Darm- (und Mund-)Flora zu kennen - und, so zitiert der Bericht den Genetiker Keolu Fox - "Erkenntnisse aus alten Fäkalien können eines Tages die Grundlage kommerzieller Bemühungen sein, das menschliche Mikrobiom anzupassen (Insights into the ancient gut could someday inform commercial efforts to reshape modern microbiomes)".  "Möglicherweise ist der Kot sprichwörtlich Gold (Maybe that poop is literally gold)".

Während in den USA im Umgang mit menschlichen Überresten ethisch und legal hohe Standards gelten, gilt dies natürlich nicht für die menschlichen Fäkalien. deshalb gab es bisher auch keine ethischen Bedenken im Umgang mit Koprolithen. Angehörige der regionalen Stämme sehen sie aber als Verbindung zu ihren Ahnen und waren verärgert, dass sie zuvor nicht konsultiert worden sind (Curry 2021). Die Publikation von Wibowo enthält daher ein Ethik-Statement (Wibowo u.a. 2021) - vor allem aber wird die Frage auf die Forschung zukommen, wer im Falle einer kommerziellen Verwertung der Ergebnisse daran verdient, ob und inwieweit die Daten nicht den indigenen Gruppen gehören.


Literaturhinweise

  • Blong/Shillito 2021
    J. C. Blong/L.-M. Shillito, Coprolite research. Archaeological and paleoenvironmental potentials. Arch. Anthropol. Sciences 13, 1, 2021, 5999.
  • Bryant 1974
    V. M. Bryant, Prehistoric Diet in Southwest Texas. The Coprolite Evidence. American Antiquity 39, 3, 1974, 407–420. - doi:10.2307/279430
  • Curry 2021
    A. Curry, Piles of ancient poop reveal ‘extinction event’ in human gut bacteria. Science 2021. - doi:10.1126/science.abj4390
  • Fellows Yates u. a. 2021
    J. A. Fellows Yates/I. M. Velsko/F. Aron u. a., The evolution and changing ecology of the African hominid oral microbiome. Proc Natl Acad Sci USA 118, 20, 2021. - doi:10.1073/pnas.2021655118
  • Flammer u. a. 2018
    P. G. Flammer/S. Dellicour/S. G. Preston u. a., Molecular archaeoparasitology identifies cultural changes in the Medieval Hanseatic trading centre of Lübeck. Proceedings of the Royal Society B 285, 1888, 2018. - doi:10.1098/rspb.2018.0991
  • Jones 1983
    A. Jones, A coprolite from 6 – 8 Pavement. In: A. R. Hall/H. K. Kenward/D. Williams u. a. (Hrsg.), Environmental evidence from roman deposits in Skeldergate. The past environment of York 4 (York 1983) 225–229.
  • Le Bailly u. a. 2016
    M. Le Bailly/U. Leuzinger/H. Schlichtherle, "Kulturschichten". In: H. Schlichtherle/ M. Heumüller/ F. Haack u. a. (Hrsg.), 4.000 Jahre Pfahlbauten (Ostfildern 2016) 146–149.
  • Olm/Sonnenburg 2021
    M. R. Olm /J. L. Sonnenburg, Ancient human faeces reveal gut microbes of the past. Nature 336, 2021, 1268. - doi:10.1038/d41586-021-01266-7
  • Pucu u. a. 2020
    E. Pucu/J. Russ/ K. Reinhard, Diet analysis reveals pre-historic meals among the Loma San Gabriel at La Cueva de Los Muertos Chiquitos, Rio Zape, Mexico (600–800 CE). Arch. Anthropol. Sciences 12, 1, 2020, 14. - doi:10.1007/s12520-019-00950-0
  • Reinhard/Bryant 2008
    K. J. Reinhard/ V. M. Bryant, Pathoecology and the Future of Coprolite Studies in Pathoecology and the Future of Coprolite Studies in Bioarchaeology. In: A.L.W. Stodder (Hrsg.), Papers in Natural Resources Tempe (2008) 205–224. 
  • Shillito u. a. 2020
    L.-M. Shillito/J. C. Blong/E. J. Green u. a., The what, how and why of archaeological coprolite analysis. Earth-Science Reviews 207, 5, 2020, 103196.
  • Wibowo u. a. 2021
    M. C. Wibowo/ Z. Yang/M. Borry u. a., Reconstruction of ancient microbial genomes from the human gut. Nature 2021. - doi: 10.1038/s41586-021-03532-0

Link


Sonntag, 23. Mai 2021

Corona, Brexit oder Kommerzdenken? #SaveSheffieldArchaeology

Die University of Sheffield will die Archäologie streichen und
sieht sich mit internationalem Protest konfrontiert.
(Foto: Recordstores [PD, CC0] via WikimediaCommons)


 
Die Unileitung in Sheffield will das Archäologie-Department streichen. Aus dem Fach gibt es heftigen Widerstand, denn es geht um eines der erfolgreichsten und angesehensten Universitätsinstitute, das auf vielen Forschungsfeldern Maßstäbe gesetzt hat, so in der Erforschung der Eisenzeit, des Mittelalters und der Neuzeit, der Archäometallurgie, der experimentellen Archäologie und der Archäozoologie.
Parallel sollen Stellungnahmen an Unileitung und den Kanzler der Universität bzw. dessen Vize gehen. Dazu gibt es ein Dokument bei GoogleDocs, das Formulierungshilfen und die betreffenden Email-Adressen bitet: Letter template to the Sheffield University Executive Board regarding the Department of Archaeology (GoogleDoc).

Und es eilt: Die endgültige Entscheidung will die Universitätsleitung schon am Dienstag, 25'5.2021 fällen.
 
Es geht aktuell aber nicht nur um Sheffield, sondern unter anderem auch um die Archäologie an den Universitäten Chester und Leicester, die leider deutlich weniger Aufmerksamkeit zu finden scheinen:
In Sheffield wird in kürzester Zeit eine enorme Social-Media-Kampagne gefahren, die große Resonanz findet. Schade ist jedoch, dass hier jedes Institut für sich zu kämpfen scheint, denn das Problem ist eher strukturell und kann wahrscheinlich auch nicht von einer Universität im Alleingang gelöst werden. 
Professor Umberto Albrella bezeichnet die Vorgänge als “a catastrophic failure of management”. Den Rahmen aber setzen Politik und Gesellschaft, die die Universitäten immer mehr als kommerziellen Betrieb denn als Bildungs- und Forschungsstätte sehen und entsprechend die Universitätsstrukturen umbilden.

Diese Vorgänge in England sind auch für uns in Deutschland relevant, denn es geht nicht allein um die Folgen des Brexit oder einen Einbruch der Studierendenzahlen infolge von Corona, sondern um ein Rentabilitätsdenken, das auch bei uns zunehmend all jene Bildung gefährdet, die nicht unmittelbar Profit generiert (vergl. Archaeologik 15.1.2021).


Montag, 17. Mai 2021

Google-Blogger löscht einfach mal so Archaeologik-Posts

Google hat drei meiner Blogposts unter Verweis auf einen Verstoß gegen Richtlinien zu Malware und Virenerst gelöscht. In den Mail dazu heißt es z.B.:

Dein Post "Archäologie als Kunst (9)" wurde uns zur  Überprüfung gemeldet. Wir mussten feststellen, dass er gegen unsere  Richtlinien verstößt. Aus diesem Grund haben wir ihn unter 
http://archaeologik.blogspot.com/2021/03/archaologie-als-kunst-9.html 
gelöscht.

Warum wurde dein Blogpost gelöscht?
Dein Inhalt verstößt gegen unsere Richtlinien zu Malware und Viren. 
Weitere Informationen findest du in unseren Community-Richtlinien, die in 
dieser E-Mail verlinkt sind."

Nichts Konkreteres, aber der Hinweis:

"Wir empfehlen dir, alle Inhalte deiner Blogposts durchzugehen und zu  prüfen, ob sie unseren Richtlinien entsprechen. Weitere Verstöße können  ansonsten dazu führen, dass wir deinen Blog kündigen."
Kurz darauf kam dann eine weitere Email. Das Blogger-Team hätte den Inhalt  "noch einmal anhand unserer Community-Richtlinien  unter https://blogger.com/go/contentpolicy geprüft und wieder freigegeben. "

Die Blogposts sind bislang dennoch nicht wieder erreichbar. Es betrifft (aktuell):

Google-Support beantwortet meine Anfrage:

"Ich bedauere es zu hören, dass Sie auf solche Schwierigkeiten treffen.

Wie ich Ihrer Problembeschreibung entnehmen kann, handelt es sich um ein Problem mit Ihrer Blogger Seite und unsere Richtlinien.

Beachten Sie bitte, dass unsere Abteilung keine Unterstützung bei den Blogger Seiten anbietet.

Wir teilen Ihnen aber gerne mit, wie Sie Ihr Problem lösen können.

Die Blogger-Hilfe ist die Ressource, die Sie für solchen Fällen verwenden können.

Weitere Informationen erhalten Sie in der Blogger Hilfe-Community. Hier finden Sie kompetente Nutzer, die Ihnen gerne weiterhelfen und Sie bei den verschiedensten Problemen unterstützen."

Das heißt dann im Klartext: es gibt keine Stelle, die die Inhalte wiederherstellen kann. Denn die Bloggerhilfe bietet so was nicht und die Community hat sicher auch nicht die entsprechenden Kompetenzen.

Ganz dicker Minus-Punkt!


 

Nachtrag (18.9.2021) Die Posts sind wieder da. Blogger hat sie auf Draft zurück gesetzt.

Mittwoch, 12. Mai 2021

Zustand und Zukunft der Archäologie - der 100. DGUF-Newsletter

Seit neun Jahren gibt es den DGUF-Newsletter. , der die aktuellen Entwicklungen des Fachs berichtet und dokumentiert. Der Newsletter ist nicht nur für DGUF-Mitglieder zugänglich und erreicht inzwischen 1800 Abonennten

Jetzt gibt es den 100. DGUF-Newsletter, der Themen gesammelt hat, über die man in der Archäologie spricht oder dringend sprechen sollte. Er ist als pdf erreichbar auf der DGUF-Website unter: https://www.dguf.de/fileadmin/user_upload/Newsletter-Archiv/dguf-dok_100_newsletter_2021-05-12.pdf

Das breite Themenspektrum gibt viele Anstöße für eine Reflektion des Zustands und die Zukunft des Fachs, teils konktet, teils theoretisch - aber allesamt lesenswert!


Inhalt

  1. Vorwort der Herausgeber
  2. DGUF-Nachrichten
  3. Studium und Ausbildung
  4. Selbstverständnis des Fachs
  5. Archäologische Ethik
  6. Forschung
  7. Feldarchäologie
  8. Digitalisierung, Daten und Archäoinformatik
  9. Publizieren
  10. Kulturgutschutz
  11. Berufsleben
  12. Privatwirtschaftliche Archäologie
  13. Berufsverband und berufliche Selbstorganisation
  14. Das Verhältnis von Archäologie und Gesellschaft
    - by the way: 14.2 Rainer Schreg: Was bieten wir der Gesellschaft? Was ist sie bereit, uns zu bieten?
  15. Citizen Science bzw. ehrenamtliche Archäologie
  16. (Fach-)Politik
  17. Ausstellungen und Museen
  18. Worüber man sonst noch spricht oder dringend sprechen sollte

Sonntag, 9. Mai 2021

Show statt Substanz? Die Denkmalpflege im grün-schwarzen Koalitionsvertrag in Baden-Württemberg

Am 8.5.2021 haben Grüne und CDU in Baden-Württemberg dem Koalitionsvertrag "Jetzt für morgen" zugestimmt. 

Immerhin: Der Koalitionsvertrag der grün-schwarzen Regierungskoalition in Baden-Württemberg nennt auch die Archäologie! Beim grün-roten Koalitionsvertrag vor zehn Jahren kam sie gar nicht vor.

Auf Seite 55 geht es unter der Überschrift "Verantwortungsvoller Umgang mit unserem kulturellen Erbe" zunächst um "Provenienz und Restitution". Hier heißt es:

"Wir setzen die konsequente wissenschaftliche Aufarbeitung der Provenienz unserer musealen und wissenschaftlichen Sammlungen fort und legen diese transparent offen. Schwerpunkte sind dabei die Provenienzforschung bezogen auf NS-Raubgut und auf in kolonialem Unrechtskontext erworbene Objekte. Daraus können Rückgaben einschlägiger Objekte folgen. Die Namibia-Initiative soll weitergeführt werden. Die Zuständigkeit zur Entscheidung über Rückgaben wird auf das für Kunst und Kultur zuständige Ministerium übertragen. Bei Vorgängen von besonderer Bedeutung ist eine Kabinettsbefassung erforderlich." (Koalitionsvertrag 2021, S. 55)

In Bezug zu Archäologie und Denkmalschutz" wird ausgeführt:

"Die Konzeption „Keltenland Baden-Württemberg“ werden wir fortführen und weiterentwickeln. Sie macht das keltische Erbe Baden-Württembergs über das ganze Land hinweg sichtbar und erfahrbar. Darüber hinaus sollen auch die anderen archäologischen Fundorte (insbesondere im Zusammenhang mit dem UNESCO-Weltkulturerbe) stärker in der Kultur- und Forschungsarbeit des Landes eingebunden und sichtbar  gemacht werden."  (Koalitionsvertrag 2021, S. 55)

Von den praktischen Belangen der Denkmalpflege ist hier nicht die Rede, sondern nur von prestigeträchtigen Highlights. Das ist bemerkenswert, denn im Koalitionsvertrag von 2016 hat zwar kürzer aber dafür perspektivenreicher gestanden:

"Im Bereich der Archäologie wollen wir im Einzelfall und in Absprache mit der Denkmalpflege entscheiden, ob eine konzeptionell und finanziell tragfähige Möglichkeit besteht, die archäologisch wertvollen Objekte am authentischen Ort zu bewahren und die betreffenden Regionen dabei zu unterstützen, sie sichtbar zu machen." (Koalitionsvertrag 2016, S. 44)

Darin war auch ein klares Bekenntnis zur Pflege des kulturellen Erbes enthalten ("Dieses gilt es zu pflegen, weiterzugeben und zu erforschen." [ebd.]).

Die Stoßrichtung in Richtung auf  prestigeträchtige, öffentlichkeitswirksame Projekte wird im aktuellen Koalitionsvertrag noch deutlicher, wenn im Abschnitt "Bauen und Wohnen" eine Novellierung des Denkmalschutzgesetzes angekündigt wird. 

"Interesse an Denkmalschutz wecken, Weltkulturerbe erhalten
Mit einer Öffentlichkeitsoffensive für Denkmale in Baden-Württemberg wollen wir Identität stiften und Heimat leben. Mit öffentlich zugänglichen Denkmalinformationen in einem Denkmalportal schaffen wir Transparenz und wecken Interesse. Die Denkmalförderung werden wir fortführen und das Denkmalschutzgesetz modernisieren, um zeitgemäße und auch ökologische Nutzungen der Denkmale im Land noch besser zu ermöglichen. Darüber hinaus wollen wir ein Fach- und Netzwerkzentrum zur Sanierung von denkmalgeschützten Gebäuden aufbauen.
Wir wollen den universellen kulturellen Wert unserer bisher sechs UNESCO-Welterbestätten in Baden-Württemberg für zukünftige Generationen bewahren und den Baden-Württembergerinnen und Baden-Württembergern ebenso wie Gästen aus aller Welt näherbringen. Hierzu wird das Land gemeinsam mit den jeweiligen regionalen Partnern geeignete Organisationsformen entwickeln.
Ein Welterbe-Förderprogramm für die Sicherung, den Schutz und die Vermittlung, insbesondere für die Unterstützung bei Einrichtung und Betrieb von Infozentren, werden wir mit zusätzlichen Mitteln einrichten. Ferner unterstützen wir die Bewerbung der Stadt Baden-Baden zum Weltkulturerbe." (Koalitionsvertrag 2021, S. 140)

Der Fokus auf  UNESCO-Welterbe lässt befürchten, dass die für die regionale Identität so wichtigen alltäglichen Bau- und auch Bodendenkmäler unter die Räder kommen. Zu einer Bedrohung für die alten Ortskerne, die akut an Charakter (und auch an Lebensqualität) verlieren, wird insbesondere die Absicht, "für innerörtliche Abbrüche alter Bausubstanz ohne Entwicklungspotential (...) höhere Förderanreize schaffen" zu wollen. Auch die Genehmigung der "Installation von PV-Anlagen und Solarthermie grundsätzlich auch auf denkmalgeschützten Gebäuden, auch bei Gebäuden im Privateigentum" (S. 15) wird es sehr erschweren, geeignete Kompromisse zu finden. Vor zehn Jahren war das für die grün-rote Regierung auch schon Thema, aber hier ging es noch darum "Lösungen [zu] finden, die sowohl dem Denkmal-, als auch dem Klimaschutz Rechnung tragen" (Koalitionsvertrag 2011, S. 52). Dass ein effektiver Denkmalschutz ein ganz wesentlicher Motor sein kann, den absehbar beschleunigten Strukturwandel in den Innenstädten in einer Weise zu lenken, die Lebensqualität, Vertrautheit und Sicherheit vermittelt, dass Denkmalerhalt statt Abbruch und Neubau ein esentieller Beitrag zu nachhaltigem Wirtschaften und CO2-Reduktion sein kann, liegt schon außerhalb des politischen  "Weitblicks". Der grüne Wahlkampfslogan "Bewahren heißt verändern" lässt sich eben hinten wie vorne betonen.


Wahlkampf 2021
(Foto: R. Schreg)


In welche Richtung die Novellierung des Denkmalschutzgesetzes gehen wird, ist klar, denn in Bezug zur Energiewende stehen eine Vereinfachung der Genehmigungsverfahren  (ebd., S. 27) , eine Vereinfachung im Bereich des Baurechts und des Denkmalschutzes (S. 108) auf dem Programm. Gemeinhin gehen solche Veränderungen mit einer Schwächung der Fachbehörden und einer Kompetenzverlagerung auf die Unteren Denkmalschutzbehörden einher, die in der Regel gar nicht über das nötige Fachpersonal verfügen. Eine Novellierung des Denkmalschutzgesetzes wäre aber Gelegenheit, das Verursacherprinzip gesetzlich besser zu verankern und auch ein Verbandsklagerecht einzuführen, das bis zu einem gewissen Grad die Fachbehörde stärken kann, insbesondere dann, wenn sie strukturell an Mitspracherecht verlieren sollte.

Geld soll übrigens in die Sanierung des Badischen Landesmuseums und einen Neubau des Linden-Museums fließen. Die Staatlichen Naturkundemuseen sollen in eine Strategie zum Biodiversitätsmonitoring eingebudnen werden, das Staatliche Naturkundemuseum Stuttgart für die Leibniz-Gemeinschaft fit gemacht werden, was allerdings die Frage aufwirft, ob das Land hier nicht vielleicht nur Kosten auf den Bund abwälzen möchte. Von einst so prestigeträchtigen Projekten wie dem Archäologischen Landesmuseum, das einst ja unter CDU-Regierung eine Zentrale in Stuttgart erhalten sollte, ist längst keine Rede mehr.


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