Dienstag, 13. April 2021

Altflurrelikte als historische Quelle

Die Landwirtschaft ist unsere Lebensgrundlage. Durch Technisierung und Industrialisierung hat sie sich jedoch in den letzten Generationen radikal verändert und stellt uns heute vor zahlreiche Umweltprobleme wie Überdüngung und Nitratbelastung der Böden, Erosion oder Artensterben. Die Kenntnis vergangener Wirtschaftsweisen kann helfen zu erkennen, wo Risiken und Chancen liegen und wie sensibel Agrarökosysteme auch ohne moderne industrielle Bewirtschaftung sind.

Traditionelles Wissen zu landwirtschaftlichen Praktiken geht verloren, Da Schriftquellen nur wenige, allenfalls punktuelle Einblicke in frühere Landnutzung ergeben sind Kulturlandschaftsrelikte wichtige historische Quellen, die es zu erforschen und zu erhalten gilt.

Altflurrelikte gibt es in großer Zahl. Sie sind schwer zu datieren und zu erforschen, besitzen aber dennoch ein großes Aussagepotenzial für vergangene Landnutzungspraktiken. Ich setze mich schon länger mit dem Thema auseinander (vergl. Feld-, Wald- und Wiesenarchäologie - Antrittsvorlesung publiziert. Archaeologik 12.1.202), weil mich einerseits das Potenzial fasziniert, mehr über die Agrargeschichte allgemein, andererseits aber auch zur jeweiligen lokalen Siedlungsgeschichte im besonderen zu lernen.

Nach der weiträumigen Perspektive der Feld-, Wald- und Wiesenarchäologie ist num ein Artikel von mir im Nachrichtenblatt der Denkmalpflege in Baden-Württemberg erschienen. Hier geht es nun um die Situation in Südwestdeutschland, insbesondere um die Wölbäcker.

Wölbäcker stehen für eine mittelalterliche Veränderung der Agrarlandschaft, wenn auch noch immer nicht ganz klar ist, wie diese genau einzuordnen ist. Im selben Heft ist vor meinem Beitrag ein Aufsatz von Richard Vogt abgedruckt, der Wölbäcker am Federsee vorstellt, für die eine relativ frühe Datierung in die späte Merowinger- oder frühe Karolingerzeit wahrscheinlich gemacht werden konnten.

Dennoch scheint es aktuell naheliegend, die Wölbäcker eher im Kontext der Entwicklung der Gewannfluren und der Dreizelgenwirtschaft und indirekt der Dorfgenese überwiegend des 12./13. Jahrhunderts zu sehen. Hier wird man freilich landschaftlich stärker differenzieren und die lokalen Sozial- und Herrschaftsverhältnisse berücksichtigen müssen. Derzeit sieht es auch so aus, als sei die Einführung der Dreizelgenwirtschsft keineswegs der große agrartechnologische Fortschritt, die die Forschung hier lange gesehen hat. Es ist im Gegenteil wahrscheinlich, dass diese Art des Ackerbaus die Krise des 14. Jahrhunderts zumindest begünstigt hat. Hier ist vieles noch Hypothese, aber es ist wichtig, diese dennoch zu formulieren und zu präsentieren, denn ein Forschungsfortschritt ist nur möglich, wenn es gelingt, die Methoden und die Datenbasis auszubauen. Voraussetzung dafür ist es aber, dass eine Fragestellung und ein Ziel vor Augen steht. 


Wölbäcker bei Albershausen GP
(Foto: R. Schreg, Februar 2020)

Es freut mich daher, dass im Editorial des Nachrichtenblattes der Regierungspräsident des Regierungsbezirks Stuttgart Wolfgang Reimer die Thematik aufgreift und schreibt; “Hier eröffnet sich ein wichtiges neues Forschungsfeld auch für die archäologische Denkmalpflege.“

Und: Auf Veranlassung des Landesamts für Denkmalpflege Baden-Württemberg ist im Vorfeld der Erschließung eines Neubaugebietes in Albershausen ein vielversprechende Projekt entstanden, das sehr interdisziplinär und in Kooperation von Denkmalamt, Universitäten (Tübingen und Bamberg), Landkreis, Gemeinde und Grabungsfirma an solch einem Wölbackerkomplex arbeitet.


Links

 

Freitag, 2. April 2021

Vom praktischen Nutzen archäologischer Rekonstruktionen

(Foto: R. Schreg, 2021)
 
Die Pfostenschlitzmauer auf dem Staffelberg bietet nicht nur eine gute Vorstellung einer prähistorischen Befestigung, sondern auch einen gern genutzten Sichtschutz...

Freitag, 5. März 2021

Antikenhehlerei online: Die ATHAR-Studie zu facebook

Digitale Medien sind wichtig für die Wissenschaftskommunikation - sie haben aber auch eine enorme Bedeutung für die Antikenhehlerei. Ihre Analyse liefert wichtige Informationen über das Funktionieren des illegalen Handels und zeigt Handlungsoptionen auf.

(Foto:voteprime [CC BY-NC-SA 2.0] bei flickr)


Speziell mit facebook setzt sich das investigative Projekt "The Antiquities Trafficking and Heritage Anthropology Research (ATHAR)" auseinander. Es wertet facebook aus, um die Unterwelt von Schmuggel, Terrorfiannzierung und organisiertem Verbrechen zu beleuchten. ATHAR kooperiert mit  The Day After Heritage Protection Initiative und Alliance to Counter Crime Online. Der Name Athar leitet sich vom arabischen Begriff für 'Altertümer' ab.
In einem Bericht zu den Beobachtungen im Jahr 2019 kommt ATHAR zu folgenden Kernaussagen:
  • Eine Analyse von 95 arabischen Facebook-Gruppen, die für den Handel mit Antiken eingerichtet wurden, zeigt, dass die Administratoren („Admins“), die Gruppen verwalten, eng miteinander verbunden sind und eine globale Reichweite haben.
  • Diese Gruppen nutzen Facebook als Plattform für Antikenhehlerei, entweder im direkten Konatkt mit Käufern und Verkäufern oder durch Mittelsmänner. die als Zwischenglied zwischen Interessenten und Terrorgruppen dienen.
  • Es gibt 488 einzelne Administratoren, die fast 2 Millionen Mitglieder in 95 Facebook-Gruppen verwalten. 23 der Administratoren verwalten vier oder mehr Gruppen. Ihr Einfluss erstreckt sich bis in die USA, wo ein amerikanischer Antikenhändler ein Facebook-Freunde eines Administrators ist, der mehrere Trafficking-Gruppen und -Seiten auf Facebook betreibt.
  • Zu den Gruppenmitgliedern gehört eine Mischung aus Durchschnittsbürgern, Zwischenhändlern und gewalttätigen Extremisten. Zu den gewalttätigen Extremisten zählen derzeit Personen, die mit syrischen Terrorgruppen, aber auch mit Al-Qaida- oder dem Islamischen Staaten (ISIS)/ Daesh verbunden sind.
  • Administratoren der Facebook-Gruppe verlangen von Benutzern, die über die fb-Gruppe einen Verkauf tätigen oder Kontakt aufnehmen eine Gebühr. Administratoren können eine Gebühr aus Verkäufen erheben, die durch Kontakte in ihrer Gruppe erzielt werden. Die Gebühr wird von einigen als „Khums-Steuer“ bezeichnet, was an die Steuerpraxis des ISIS erinnert.
  • Die Hehler bieten auch große Artefakte an, darunter Mosaike, architektonische Elemente und pharaonische Särge, die sich noch in situ befinden. Diese Stücke finden Käufer, bevor die Plünderung erfolgt.
  • Die Überwachung von sozialen Medien bietet den Behörden damit eine seltene Gelegenheit, Plünderungen zu stoppen, bevor ein Objekt dem Boden entrissen - und der archäologische Befund zerstört wird.

Ausführliche Berichte und Dokumentationen finden sich auf der Seite von http://atharproject.org zum Download:

In einer Fallstudie zu syrischen Facebook-Gruppen zeigte sich, dass Beiträge von Nutzern in Konfliktgebieten mehr als ein Drittel aller Beiträge mit Artefakten ausmachen. Bei 36% der Posts, die Artefakte anbieten, lassen sich Standorte in Konfliktzonen identifizieren, bei 44% der Posts liegen die Standorte in Ländern, die an die Konfliktzonen angrenzen. Die Website enthält eine interaktive Karte, die dies anschulich zeigt. Kartiert sind die Standorte von Admins und Usern von 4 einzelnen fb-Gruppen, in denen syrische Antiken angeboten wurden. Eine Gruppe wird beispielsweise von sechs Admins betrieben, von denen vier in Syrien, Idlib und Hama sitzen, einer in Istanbuld und ein weiterer in Bamberg. Die User sitzen v.a. in Syrien und der Türkei. Gehandelt wird vor allem mit Münzen und Kleinfunden.

Die Seite verlinkt auch eine Petition von "Center on Illicit Network and Organized Crime", die sich an die US-Regierung wendet, die auf Grundlage bestehender Gesetze gegen den illegalen Handel in den Social Media einschreiten soll: 

 

Unter anderem berichtete BBC über die Ergebnisse der ATHAR-Studie:Als Reaktion kündigte 2020 facebook an, gegen Antikenhehlerei vorgehen zu wollen, die schon länger gegen ihre Richtlinien verstoße. Inhalt, der "encourages or attempts to buy, sell or trade historical artefacts"soll gelöscht werden.

Allerdings erschwert diese Politik nun auch die Ermittlung gegen Kriegsverbrecher und die Recherche nach Provenienzen:

Im Januar berichtete auch 3sat-Kulturzeit über "Kunstraub im Homeoffice":
Der syrische Archäologe Amr Al-Azm, Professor an der Shawnee State University in Ohio und Co-Direktor von ATHAR. fordert hier, dass facebook die geposteten Bilder in einer Datenbank speichert, da sie die einzigen Zeugnisse dieser geplünderten Artefakte darstellen und für Forshcung wie Strafverfolgung wichtig sind.
 
Facebook ist mit Sicherheit nicht die einzige Social Media-Plattform, die der Antikenhehlerei dient. Ähnliche Strukturen scheint es auf telegram zu geben. Darüber berichtet Oliver Moos:
Neill Brodie hat bereits Anfang 2016 auf seinem Blog  Market of Mass Destruction einen Fall des Angebotes mehrerer Halaf-Figurinen, wie sie auch auf der Roten Liste der UNESCO für Syrien stehen. Sie wurden auf ebay ohne jede Provenienzangabe angeboten und verstießen damit klar gegen die ebay-Richtlinien. Sie wurden dennoch verkauft:
 
 

Dienstag, 2. März 2021

Archäologie als Kunst (9)

Jutta Zerres

(Foto: J. Zerres)

 

Idyllisch im Schnee: Die Kopien zweier der berühmten T-förmigen Pfeiler der steinzeitlichen Kreisanlage von Göbekli Tepe (Südosttürkei) vor der Geschäftsstelle der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Bonner Stadtteil Plittersdorf. Genau gesagt handelt es sich um Repliken der beiden zentralen Pfeiler der Anlage D (frühneolithisch). Die DFG fördert (unter anderen) die dortigen Forschungen des Deutschen Archäologischen Instituts seit 2004.


Links:

Montag, 1. März 2021

Archäologie als Kunst - Wer hat Bilder?

Unter dem Label Kunst hat sich über die Jahre hier auf Archaeologik eine Handvoll Beiträge angesammelt, in denen ich Kunstobjekte aus dem öffentlichen Straßenraum gepostet habe - mehr oder weniger (un)sinnige Erinnerungen an archäologische Fundstellen - oft an solche, die vollständig durch Überbauung zerstört worden sind.

Es würde mich nun interessieren, was für Blüten es da sonst noch gibt.

Wer hat Bilder (und die Rechte daran), die sie/er für einen Blogpost (gerne im Rahmen eines kurzen Gasttbeitrags mit einer CC-Lizenz) zur Verfügung stellen würde?

Es geht explizit nicht um (einigermaßen gute oder schlechte) wissenschaftliche Rekonstruktionen.

Kreisverkehr am Donnersberg mit latènezeitlichem Achsnagel
(Foto: R. Schreg, 2019)

Aschheim bei München
(Foto: Donaulustig [freigegeben]
via WikimediaCommons)




Goldbach, Lkr. Aschaffenburg
(Foto: R. Schreg, 2019)


Metalldenkmal für Steinzeitsiedlung in Vaihingen/Enz, errichtet 2004
(Foto R.Schreg)

Kreisverkehr in Niederstimm
(Foto R. Schreg)


schachspielende Rittersleut, Knetzgau-Zell
(Foto: M. Decoster)

protoneolithische Stele vor der DFG
(Foto: J. Zerres)


weitere: https://archaeologik.blogspot.com/search/label/Kunst

Samstag, 20. Februar 2021

Paul Crutzen, das Anthropozän und die Archäologie

Am 28. Januar 2021 ist Paul Crutzen verstorben. 1995 erhielt er den Nobelpreis für Chemie für seine Arbeit in der Atmosphärenchemie, die insbesondere zum Verständnis der Ozonschicht beigetragen hat. Er erkannte dabei den Einfluss des Menschen auf die Atmosphäre und das Ozonloch. Er trug damit nicht nur zum Verbot der klimagefährdenden FCKW-Treibgase bei, sondern thematisierte auch den Einfluss des Menschen auf das globale Klima. Auf Crutzen geht der Begriff des Anthropozän zurück (Crutzen/ Stoermer 2000), der jene Periode bezeichnet, in der der Mensch zur entscheidenden Kraft auf der Erde, genauer für die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse geworden ist.


Globale Kohlendioxidemissionen mit Anstieg seit 1950er Jahren
(Graphik Mak Thorpe [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)


 

Der Beginn dieses Zeitalters ist wird in der Forschung verschieden datiert. Crutzen selbst entschied sich für eine Datierung mit dem Beginn der Industrialisierung. Häufig vertreten wird indes ein Beginn um 1950, als der Energieverbrauch mit dem Wiederaufbau Europas nach dem Zweiten Weltkrieg und der Etablierung des Energieträgers Erdöl exponentiell zu wachsen begann.

Daneben stehen aber auch Überlegungen, inwiefern nicht bereits sehr viel früher der Mensch einen entscheidenden Einfluss auf das globale Klima hatte. William Ruddiman (2003, 2007) beispielsweise hat die These aufgestellt, dass die holozäne Klimaentwicklung nur durch den Einfluss der Landwirtschaft mit deren Folgen für Methan (CH4) und Kohlendioxid-Haushalt erklärbar sei. Ruddimans Hypothese basierte auf drei Argumenten. (1) Zyklische Schwankungen von C02 und CH4 aufgrund von Veränderungen der Erdumlaufbahn lassen eigentlich einen Rückgang im gesamten Holozän erwarten. Die tatsächlichen Trends von C02 und CH4  zeigen jedoch vor 8000 Jahren bzw. vor 5000 Jahren eine andere Entwicklung. (2) Veröffentlichte Erklärungen für diese Gaserhöhungen im mittleren bis späten Holozän aufgrund natürlicher Faktoren sah Ruddiman in den paläoklimatischen Daten nicht bestätigt.  (3) Als dritten Punkt verwies Ruddiman auf "eine Vielzahl archäologischer, kultureller, historischer und geologischer Beweise", nach denen eben anthropogenen Veränderungen infolge der frühen Landwirtschaft in Eurasien für diese erhöhten C02 und CH4--Gehalte in der Atmosphäre verantwortlich sind. Ein wichtiger Aspekt dieser Entwicklung stellt die Bewaldung dar. Der Beginn der Waldrodung vor 8000 Jahren im Rahmen der Neolithisierung und der Beginn der Reisbewässerung vor 5000 Jahren in Asien sieht Ruddiman als entscheidende Faktoren. Aber auch die Abkühlung der Kleinen Eiszeit in Spätmittelalter und der Neuzeit sieht er als eine Folge veränderter Landnutzung. Das Wüstfallen von Siedlungen und die Wiederbewaldung nach der Pest hat genug Kohlenstoff gebunden, um die beobachteten C02-Abnahmen zu erklären. "Pestbedingte C02-Veränderungen waren auch ein wesentlicher ursächlicher Faktor für Temperaturänderungen während der Kleinen Eiszeit (1300–1900 n. Chr.)." Ruddiman schlug den Begriff des Early Anthropocene vor.


Die Ruddiman-These des frühen Anthropozän
(nach Ruddiman 2016, Graphik DeWikiMan [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)

 

Im Rahmen des Mainzer Forschungsclusters Geocycles, in dem von 2005 bis 2012 Atmosphärenforscher, Geowissenschaftler und Archäologen zusammenwirkten, wurde der Begriff des Palaeoanthropozäns definiert (Foley u.a. 2013). Er bezeichnet die Zeit zwischen den ersten, kaum erkennbaren anthropogenen Umweltveränderungen und der industriellen Revolution, als anthropogen induzierte Veränderungen des Klimas, der Landnutzung und der biologischen Vielfalt sehr schnell zuzunehmen begannen. Paul Crutzen war an dieser Mainzer Publikation als Co-Autor und Mentor auch beteiligt. Das Konzept des Paläoanthropozäns geht davon aus, dass der Mensch ein integraler Bestandteil des Erdsystems ist und Klima nicht nur ein externer Antriebsfaktor. Die Abgrenzung des Beginns des Paläoanthropozäns erfordert ein besseres Verständnis und eine genauere Darstellung der Paläoklimaindikatoren. Die Verknüpfung von Paläoklima, paläoökologischen Veränderungen und menschlicher Entwicklung mit Veränderungen erweist sich als ein wichtiges Forschungsfeld, in dem noch immer Grundlagenarbeit zu leisten ist.  Einerseits müssen archäologische Funde und Befunde so be- und hinterfragt werden, dass sie methodisch Aussagen beispielsweise zu sozioökonomischen Verhältnissen, Art und Intensität der Landnutzung, Biodiversität und Demographie ergeben, die mit Klimadaten korrelierbar sind. Da Korrelationen aber noch keine Kausalitäten begründen, müssen hier Ökosystem-Modellierungen erarbeitet werden, die helfen, Zusammenhänge tatsächlich zu verstehen und zu begründen. Letztlich lässt sich die These eines frühen oder Paläoanthropozäns nur mit archäologischen Daten nachweisen.

Der Begriff des Anthropozän macht derweil angesichts des Klimawandels Karriere, wächst aber auch darüber hinaus. Es geht nicht mehr allein um die Veränderungen in der Atmosphäre, sondern auch um das Artensterben und auch um die anthropogenen Stoffe in Sedimenten und Meere, das Mikroplastik (Waters u.a. 2016).  Der Begriff blieb aber auch nicht ohne Kritik, abgesehen davon, dass er teilweise als überflüssig empfunden wurde. Geradezu als gefährlich an dem Konzept des Anthropozän wird gesehen, dass es die Umwelteinwirkung des Menschen zu einem Teil des Erdsystems mache und sie damit gewissermaßen als unabänderlich und "natürlich" begreift (Crist 2013).  Der Begriff des Anthropozän gehe über die eine Beschreibung hinaus und sei Ausdruck eines Anthropozentrismus, der gerade am Beginn unserer Umweltprobleme stünde. Dieser moralischen Dimension des Begriffs war sich Crutzen bewusst, denn, so formulierte er selbst: "Das Anthropozän beschreibt die Schuld des Menschen an diesem Zustand: Wir haben alles gestaltet und verändert. Der Begriff beschreibt aber auch eine neue Qualität von Verantwortung, die diese Situation allen Menschen abverlangt" (Klimaretter,info, 25.3.2015). Das Konzept des Anthropozäns führe, so die Kritik, zwangsläufig zu dem Gedanken, dass der Mensch dann konsequenterweise heute auch mittels Geoengineering in das Erdsystem einzugreifen habe.

Tatsächlich ist auch dies ein Aspekt des Wissenschaftlerlebens von Paul Crutzen. 2006 publizierte er einen Artikel (Crutzen 2006), in dem er Schwefel-Injektionen in der Atmosphäre als Fluchtweg aus der Klimaerwärmung empfahl, da er nicht glaubte, dass die gegenwärtigen Bemühungen, die Erwärmung zu begrenzen ausreichten. Crutzen sah aber auch die Gefahren. In einem Interview 2015 warnte er - bezüglich Kohlenstoffspeicherung und Fracking - vor technischen Lösungen als einer "Sache, bei der der Mensch das tut, was er nicht tun sollte. Für einen kurzzeitigen Vorteil werden die Probleme auf längere Sicht vergrößert." Crutzen plädierte für "eine engere Zusammenarbeit zwischen Natur- und Sozialwissenschaften. Die Sozialwissenschaft muss sich für naturwissenschaftliche Fragen stärker öffnen und umgekehrt. Leider gibt es bei den Naturwissenschaftlern zu wenige, die sich für Sozialwissenschaften interessieren." Das Umgekehrte kann man sicher auch behaupten. Für Crutzen war die Ökologie hier entscheidend. 

Gerade hier wird aber der Begriff des Anthropozän interessant. Er kann als ein heuristisches Mittel dienen, die Zusammenhänge von Mensch und Umwelt genauer zu erforschen. Er macht deutlich, dass wir diese bislang nicht ausreichend verstanden haben. Wenn man auch das Anthropozän erst 1950 beginnen lassen möchte, so macht er doch auch deutlich, dass es in der Reihe von Pleistozän und Holozän (bei dessen Definition seine Bedeutung für die Menschheitsgeschichte bereits ein Argument war) Teil einer langfristigen Entwicklung ist. Letztlich ist es die Archäologie, die die kulturelle Entwicklung des Menschen auf diesem langen Zeithorizont erforschen kann. Da sich Rodung, Emission, Landnutzungsintensität und Bevölkerungsdichte aber nicht direkt ausgraben lassen, gilt es hier, interdisziplinär und mittels stochastischer Verfahren aus der Gesamtheit der archäologischen Überlieferung als Proxies und für Modellierungen nutzbare Datenserien aufzubauen. Das klingt nach einer Aufgabe für die prähistorische Archäologie, die eben tatsächlich die langen Zeiträume betrachtet, aber auch die historische Archäologie ist hier gefragt, nicht nur weil sie als Archäologie der Moderne das Anthropozän im engeren Sinne seit 1800 oder 1950 selbst abdeckt, sondern weil beispielsweise auch die Archäologie des Mittelalters wesentliche Informationen für das Verständnis der kleinen Eiszeit liefern kann. Beispielsweise mit der Frage: Sind die von Ruddiman postulierten Folgen der Pest tatsächlich so drastisch?

Crutzens Konzept des Anthropozän weist der Archäologie eine relevante Aufgabe in der aktuellen Klima- und Umweltdiskussion zu. Das Anthropozän ist damit ein zentrales Thema für eine moderne Umweltarchäologie. 2015 formulierte Crutzen - allerdings nicht auf die Archäologie bezogen: "Es wird zu wenig dazu geforscht."

 

Literaturhinweise

  • Crist 2013
    E. Crist, On the Poverty of Our Nomenclature. Environmental Humanities 3, 1, 2013, 129–147. - doi: 10.1215/22011919-3611266 
  • Crutzen 2006
    P. J. Crutzen, Albedo Enhancement by Stratospheric Sulfur Injections. A Contribution to Resolve a Policy Dilemma? Climatic Change 77, 3-4, 2006, 211–220. - doi: 10.1007/s10584-006-9101-y
  • Crutzen/Stoermer 2000
    P. J. Crutzen/E. F. Stoermer, The 'Anthropocene'. Global change Newsletter 41, 2000, 17–18.
  • Foley u. a. 2013
    S. F. Foley/D. Gronenborn/M. O. Andreae u. a., The Palaeoanthropocene – The beginnings of anthropogenic environmental change. Anthropocene 3, 2013, 83–88. - doi: 10.1016/j.ancene.2013.11.002
  • Ruddiman 2003
    W. F. Ruddiman, The Anthropogenic Greenhouse Era Began Thousands of Years Ago. Climatic Change 61, 3, 2003, 261–293. - doi: 10.1023/B:CLIM.0000004577.17928.fa
  • Ruddiman 2007
    W. F. Ruddiman, Plows, plagues, and petroleum. How humans took control of climate (Princeton, NJ 2007).
  • Ruddiman u. a. 2016
    W. F. Ruddiman/D. Q. Fuller/J. E. Kutzbach u. a., Late Holocene climate. Natural or anthropogenic? Rev. Geophys. 54, 1, 2016, 93–118. - doi: 10.1002/2015RG000503
  • Ruddiman 2018
    W. F. Ruddiman, Three flaws in defining a formal ‘Anthropocene’. Progress in Physical Geography: Earth and Environment 42, 4, 2018, 451–461. - doi: 10.1177/0309133318783142
  • Waters u. a. 2016
    C. N. Waters/J. Zalasiewicz/C. Summerhayes u. a., The Anthropocene is functionally and stratigraphically distinct from the Holocene. Science (New York, N.Y.) 351, 6269, 2016, aad2622. - doi: 10.1126/science.aad2622


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Sonntag, 7. Februar 2021

Eine weitere Fantasieprovenienz

Die Provenienzangaben im Antikenhandel sind meist wenig glaubwürdig, wenn auch nur selten definitiv ihre Fälschung nachgewiesen werden kann. Bei Raubgrabungsfunden entsteht ja keine Dokumentation, die eben dies tatsächlich beweisen kann. Dennoch sind die Fälle inzwischen sehr zahlreich, in denen klar gezeigt werden kann, dass die Provenienzangaben schlicht falsch sind. Die vermeintlichen Einzelfälle sind wahrscheinlichst nur die Gipfel eines riesigen Eisbergs.

Im Dezember 2020 berichtete der Standard über einen Fall aus Wien, bei dem das Auktionshaus selbst die Fälschung erkannt hat. Laut Etikett handelte es sich um ein "Geschenk Georg I., König der Hellenen 1888 an Fürst Alexander von Bulgarien, dessen Gattin Gräfin Joh. Hartenau 1945 an V. Esertic". Tatsächlich stammt die rotfigurige Vase jedoch aus dem Kunsthistorischen Museum Wien, wo sie zwischen 1952 und 1976 abhanden gekommen war. Sie war als Tafelaufsatz (nebst 11 weiteren Vasen) Teil eines Modells der Tempel von Paestum, das die Königin von Neapel-Sizilien Maria Karolina, Tochter von Kaiser Franz I. und Maria Theresia in Auftrag gegeben und 1805 ihrem Vater geschenkt hatte. Der Diebstahl aus dem Museum ist inzwischen verjährt, der aktuelle Eigentümer hatte die Vase samt Unterbau gutgläubig erworben. Im Auktionshaus, so schreibt der Standard, "stand man – auch aufgrund der Verschwiegenheitspflicht als Kommissionär – vor einem Dilemma. Eine Versteigerung des Objektes stand angesichts des Rechercheergebnisses nicht zur Debatte. Würde man dem Einbringer die Vase, die er zuvor im Wiener Antiquitätenhandel (gutgläubig) erworben hatte, als 'unverkäuflich' retournieren, könnte sie für immer verschwinden."

Immerhin hat hier das Auktionshaus erreicht, dass der aktuelle Eigentümer die Vase dem Kunsthistorischen Museum in Wien gegen einen relativ geringen "Finderlohn" geschenkt hat. 

kein Vorbesitzer: Fürst Alexander I von Bulgarien (1857-18893)
(via WikimediaCommons)


 

Ein Münchner Auktionshaus, das sich deutlich weniger Mühe bei der gesetzlich vorgeschriebenen Provenienzprüfung gegeben hat, wurde in einem ähnlich gelagerten Fall von Dritten darauf aufmerksam gemacht, dass die betreffenden Objekte aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien geklaut seien. Trotz besseren Wissen verbreitete das Auktionshaus die falsche Provenienz aktiv weiter und brachte die Funde zur Versteigerung. Hier ging es um ägyptische Kanopen, die laut Provenienzgeschichte aus dem Besitz der österreichischen Kaiserhauses stammten und nach 1945 in den Kunsthandel gekommen seien. Hier wird einfach verschwiegen, dass der kaiserliche Besitz Ende des 19. Jahrhunderts an das Kunsthistorische Museum gelangte.

 

Weitere Fake-Provenienzen 

Das ist indes nur eine kleine Auswahl dokumentierter Fälle.  Zahlreiche Beispiel hat Christos Tsirogiannis identifiziert:



 

Sonntag, 31. Januar 2021

Bauer macht Geschichte

  • R. Schreg, The Eternal Peasant and the Timeless Village. Archaeology and Ideologies of the Past (El campesino eterno y la aldea atemporal. Arqueología e ideologías del pasado). Studia historica, Historia medieval 38/2, 2020, 43-73 - https://doi.org/10.14201/shhme20203824373 

Die Perspektiven auf das mittelalterliche Dorf und die historische Rolle von Bauern haben sich im Laufe der Forschungsgeschichte verändert. Traditionelle Ansichten zur Geschichte sahen Landleben als unveränderlich und posulierten daher, das Dorf auf die Völkerwanderungszeit zurück geht. Die jüngere Forschung erkannte die Dorfgenese als einen komplexen und langfristigen Prozess, der je nach Region im 11. bis 13. Jahrhundert gipfelte. Dieser Aufsatz wirft einen genaueren Blick auf die Situation in Südwestdeutschland und analysiert zum einen die Forschungsgeschichte und skizziert zum anderen ausgewählte Episoden in der Geschichte ländlicher Siedlungen. Ich postuliere, dass - insbesondere vor dem Hintergrund einer umwelthistorischen Perspektive - aufgrund traditioneller Geschichtsbilder die historische 'Agency' der Bauern unterschätzt wird. 

Der Aufatz ist auf Englisch in Heft 38/2 der spanischen Zeitschrift Studia historica, Historia medieval erschienen, das sich unter der Herausgeberschaft von Juan Antonio Quirós Castillo schwerpunktmäßig mit der 'Agency' der mittelalterlichen Bauern und Unterschichten ("Agencia del campesinado y de los grupos subalternos en la Alta Edad Media") befasst. Weitere Beiträge haben Hanna Lewis zu England, Nicolas Schroeder zum historischen Lothringen sowie Thomas Kohl beigesteuert:

Mein Beitrag baut auf früheren Überlegungen auf, die letztlich auf meine Dissertation zur Dorfgenese zurück gehen und die in einer ersten Fassung für einen Workshop in Oxford formuliert und auf deutsch in der Festschrift für Falko Daim publiziert worden sind.
  • R. Schreg: Bauern als Akteure. Beobachtungen aus Süddeutschland. In: J. Drauschke/E. Kislinger/ K. Kühtreiber/T. Kühtreiber/G. Scharrer-Liška/T. Vida (Hrsg.), Lebenswelten zwischen Archäologie und Geschichte. Festschrift für Falko Daim zu seinem 65. Geburtstag. Monographien des Römisch-Germanischen Zentralmuseums 150 (Mainz 2018) 553–563.

Montag, 25. Januar 2021

Forschungen zur Umweltgeschichte der Ulmer Alb

Noch eine neue Publikation: ein Überblick über verschiedene Forschungen zur Umweltgeschichte der Ulmer Alb, die auf den Abendvortrages bei der gemeinsamen Tagung der Deutschen Gesellschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit (DGAMN), der Österreichischen Gesellschaft für Archäologie des Mittelalters (ÖGM) und der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit(SAM) am Juni 2019 in Ulm basiert:


Der Beitrag sollte den Tagungsteilnehmern die Region des Tagungsortes näher bringen und zugleich zum Tagungsthema "Konstruierte Landschaften" etwas beitragen. Er fasst die Forschungen auf der Blaubeurener und Stubersheimer Alb sowie die Arbeiten mit der Sammlung Kley zusammen.
 



Der Geislinger Talkessel, Blick von der Schildwacht im Süden
(Foto: R. Schreg, 2011)


Freitag, 22. Januar 2021

Erst Silber, jetzt GOLD!

Miss Jones hat  dieses Jahr die Auszeichnung als Wissenschaftsblog des Jahres in Gold erhalten:

Ich gratuliere Miss Jones aka Geesche Wilts zur Auszeichnung! Ich halte Ihren Blog für einen wichtigen Beitrag zur Kommunikation archäologischer Inhalte in die Öffentlichkeit - weil sie sich nicht auf Funde konzentriert, sondern persönlich viele Hintergrundgeschichten erzählt und so auch ein ungeschminktes und ehrliches Bild von Archäologie als Wissenschaft liefert. 
 
PS: Erfolgreiche Winterpause!

Donnerstag, 21. Januar 2021

1961: Uwe Lobbedey, Student der Kunstgeschichte, berichtet über die Ausgrabungen in der Esslinger St.-Dionys-Kirche

 

SWR retro - https://www.ardmediathek.de/swr/video/swr-retro-abendschau/ausgrabungen-in-der-esslinger-dionysius-kirche/swrfernsehen-de/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzExOTU2MDI/

Ein Beitrag in der Abendschau des SWF vom 13.04.1961 über die Ausgrabungen in Esslingen St. Dionys steht jetzt online in SWR Retro. Er erinnert an Uwe Lobbedey, einen der renommiertesten deutschen Mittelalterarchäologen, der nun Anfang Januar 2021 verstorben ist. Neben einer Grundlagenarbeit zur mittelalterlichen Keramik in Süddeutschland sind ihm als Bauforscher und Ausgräber die Untersuchungen zahlreicher Kirchen vor allem in Westfalen, wo er fast 40 Jahre als Denkmalpfleger wirkte, zu verdanken. Seine Forschungen haben Fach und Praxis der Mittelalterarchäologie entscheidend mit geprägt.  

Die Grabungen in Esslingen waren ein wichtiger Schritt in der Entwicklung der Archäologie des Mittelalters, da sie zur Institutionalisierung des Fachs in der Denkmalpflege beigetragen hat und Lehrgrabung für viele kommende Archäolog*innen war. Unter Ihnen: Uwe Lobbedey.


Link

Mittwoch, 20. Januar 2021

Feld-, Wald- und Wiesenarchäologie - Antrittsvorlesung publiziert

Neu erschienen:  

  • R. Schreg, Feld-, Wald- und Wiesenarchäologie. In W. Brassat (Hrsg.), Komplexität und Diversität des kulturellen Erbes. Forschungen des Instituts für Archäologische Wissenschaften, Denkmal­wissenschaften und Kunstgeschichte (Bamberg 2020) 11-34. - Der vollständige Band steht open Access auf den Seiten von University of Bamberg Press unter https://doi.org/10.20378/irb-48742.  Auf HumanitiesCommons gibt es meinen Artikel auch separat: https://hcommons.org/deposits/item/hc:33793/

Mein Beitrag zu dem Sammelband, der aktuelle Forschungen aus dem Institut für Archäologische Wissenschaften, Denkmalwissenschaften und Kunstgeschichte der Uni Bamberg vereint, basiert auf der Antrittsvorlesung, die ich am 27.6.2019 in Bamberg gehalten habe. Mit dem Titel "Feld-, Wald- und Wiesenarchäologie" habe ich zwei sehr unterschiedliche Themen zusammen geführt, die mir für ein zeitgemäßes Verständnis der archäologischen Wissenschaften wichtig erscheinen. Einerseits geht es um die Erforschung früherer Landnutzung anhand von Altfluren und deren Einordnung in die Umweltgeschichte bzw. Umweltarchäologie. Andererseits geht es aber auch um die kritische Auseinandersetzung mit dem Gegenstand der Archäologie generell. Der Öffentlichkeit (und manchen Kollegen) ist es oft schwer begreiflich, weshalb man sich für Altflurreste interessieren sollte - gibt es doch da in der Regel keine Funde - erst recht keine spektakulären.  


 

Segbachtal, "Im Winkel": oberflächlich freigelegter Steinriegel
(Foto: R. Schreg/ RGZM 2.7.2010)


 

Die konkrete Auseinandersetzung mit Feld-, Wald- und Wiesenarchäologie möchte ich als Plädoyer verstehen, darüber nachzudenken, was wir als Archäolog*innen konkret für unsere Gegenwart aus der Vergangenheit mitnehmen können und wie wir das zuverlässig erreichen. Nicht jede Auseinandersetzung mit der Vergangenheit muss dabei in eine applied archaeology mit Patentanmeldungen münden, das Bereitstellen von Orientierungswissen, das uns die Komplexität unserer sozialen und umweltlichen Lebensbedingungen vor Augen führt und der Gesellschaft vermittelt, reicht völlig aus, ist aber auch so schon eine große Herausforderung, intellektuell wie auch ganz praktisch.




Freitag, 15. Januar 2021

Das geplante bayerische Hochschulinnovationsgesetz - ein ökonomisiertes Wissenschaftsverständnis mit bedenklichen Fehlstellen

Dass die deutschen Universitäten einen erheblichen Reformbedarf haben ist lange bekannt und unbestritten - prekäre Jobsituationen und fehlende Perspektiven für den wissenschaftlichen Nachwuchs trotz oder gar wegen der Befristungsregelungen des schon mehrfach novellierten Wissenschaftszeitvertragsgesetzes (br24, 9.11.2020), wenig attraktive Rahmenbedingungen für Professor*innen, die zunehmend aufwändigere, zeitraubende Jagd auf Drittmittelförderungen, Probleme mit maroder Bausubstanz (SZ 31.7.2019), steigende Studierendenzahlen bei stagnierender Ausstattung und eine zunehmende Bürokratisierung, die Forschung und Lehre eher behindert als unterstützt (Forschung & Lehre 1/2017). Die im Bolognaprozess eingeführten Bachelor- und Masterstudiengänge haben die gesetzten Ziele nicht erreicht (Deutschlandfunk Kultur 27.8.2018), eine Studienzeitverkürzung ist nur bedingt eingetreten, der Wechsel des Studienorts wurde eher erschwert als gefördert, die Qualität der Lehre leidet an der zunehmenden Verschulung durch das enge Korsett des Punktesystems, das Studierende Module abarbeiten, statt neugierig eigenes Engagement entfalten lässt (z.B. schon 2009 ZEIT 15.4.2009). Und schließlich hat Covid19 noch gezeigt, dass auch in der Digitalisierung Handlungsbedarf besteht - obgleich (jedenfalls aus Dozentensicht) die Coronalehre besser lief, als zu Beginn zu erwarten war.

Die Initiative zu einem "Hochschulinnovationsgesetz" durch den Freistaat Bayern ist daher  prinzipiell sehr zu begrüßen. Es muss sich was ändern...


Eckpunktepapier

Zu dem geplanten Gesetzesentwurf liegt bislang allerdings nur ein Eckpunktepapier der bayerischen Staatsregierung vor, das indes etwas bedenklich stimmt.

Einige Schlagworte lassen aufhorchen. Wenn Minister Bernd Sibler davon spricht, Ziel sei "eine erhebliche Verschlankung und Deregulierung" und "größtmögliche Freiheit für und in den Hochschulen" so klingt dies zunächst positiv, doch oft verbrämen diese Floskeln einen Rückzug aus staatlicher Verantwortung und Finanzierung. Tatsächlich möchte sich das Ministerium auf die Position der Rechtsaufsicht zurückziehen und steuernd nur mittels Zielvereinbarungen wirken.

Was tatsächlich als Ideal des Eckpunktepapiers aufscheint, ist eine den wirtschaftlichen Interessen untergeordnete Universität. Die Freiheit, von der die Rede ist, ist nicht die Freiheit der Wissenschaft, sondern die Freiheit, wirtschaftlich zu investieren und die Freiheit oder eher der Zwang, wirtschaftlich Geld zu verdienen. Wissenschaft ist hier nicht Forschung, sondern Entwicklung, Studium ist nicht Bildung, sondern Ausbildung.

Kritik wird daher vielerorts formuliert.
Gleich mehrere Initiativen suchen Unterstützung, um die vielfältige Kritik in das Gesetzesvorhaben einzubringen:

 

Das Problem ist, dass offenbar nicht von den Universitäten, sondern von den Fachhochschulen und den angewandten Wissenschaften gedacht wird. Sozial- und Geisteswissenschaften und deren Fachstrukturen und Leistungen - wie u.a. eben auch die der archäologischen Wissenschaften - sind zu wenig mit gedacht.


Finanzierungsmodell setzt Fächer unter Druck

Die bayerischen Universitäten sollen künftig in einen stärkeren Wettbewerb untereinander treten - insbesondere auch international. So lange solch ein Wettbewerb im Rahmen fachspezifischer Förderprogramme bemessen wird, ist solches schon länger üblich. Problematisch wird es, wenn Fächer mit ihren ganz unterschiedlichen Themen und Zielen gegeneinander antreten müssen. Das Eckpunktepapier sieht aber genau dies vor. Die Universitäten sollen als ganzes im Wettbewerb stehen, weshalb sie sich konsequenterweise auf die drittmittelstarken Fächer und diejenigen mit hochgerankten Publikationsorganen konzentrieren müssten.

"Wissenschaft lässt sich zwar nicht numerisch bewerten, es gibt aber viele Aspekte wissenschaftlicher Exzellenz, die Niederschlag in vergleichbaren Indizes finden, die für eine erfolgsorientierte (Teil-)Finanzierung genutzt werden kann und muss."

Kleine Fächer scheinen hier nicht mehr attraktiv und konsequenterweise müsste sich die Universität dem eingeschränkten profitablen Fächerspektrum der privaten Hochschulen annähern.

Neben diesen Wettbewerb zwischen den Universitäten tritt aber noch ein universitätsinterner Wettbewerb um die Mittel des Globalhaushaltes. Das Eckpunktepapier sieht vor, dass die Hochschulen in der Regel von staatlichen Institutionen in Personalkörperschaften mit eigener Budgetverantwortung  überführt werden sollen:

Die Hochschulen des Freistaates Bayern sollen in Zukunft im Regelfall als reine Personal-Körperschaften des öffentlichen Rechts definiert werden. Sie werden selbstständige Partner des Freistaates und gewinnen dadurch mehr wirtschaftliche Selbständigkeit.

Die Universitäten sollen in der Regel als staatliche Einrichtung entlassen werden. Sie sollen "zukünftig ein Globalbudget erhalten, um so eigenverantwortlich wirtschaften und strategische Entwicklungsentscheidungen treffen zu können". Die Grundfinanzierung soll zwar "wie bisher weiterhin durch den Freistaat" erfolgen,  doch wird an mehreren Stellen des Eckpunktepapiers deutlich, dass ein wesentliches Ziel der Reform in verstärkten Drittmitteleinwerbungen gesehen wird. Ausschlaggebend scheint die Hoffnung, dass "die Attraktivität des Fundraising" insbesondere in der Wirtschaft wächst.

"Mit der im Hochschulinnovationsgesetz erreichten Selbständigkeit und Eigenverantwortung der Hochschulen muss eine gesteigerte Ergebnis-Orientierung einhergehen. "

Da das Eckpunktepapier mit bisherigen Strukturen der Universität bricht, ist überhaupt nicht klar,  inwieweit sich die Fachvertreter*innen als "Träger der Wissenschaftsfreiheit" tatsächlich in die Entwicklung der Hochschulen werden einbringen können.  Aufbau und Organisation sollen nicht mehr gesetzlich vorgegeben sein, sondern  die Universitäten sollen in der Lage sein, sich mittels einer Organisationssatzung weitgehend selbst zu strukturieren, was bedeutet, dass auch die Gremien bisheriger akademischer Selbstverwaltung mittels Fakultäten zur Disposition stehen. Ein "angemessener Einfluss der Träger der Wissenschaftsfreiheit muss gewährleistet sein", festgeschrieben ist aber nur die zentrale Rolle des Universitätspräsidenten bzw. der Präsidentin für die operative Leitung und Außenvertretung  sowie die Beibehaltung des Amtes des Kanzlers/ der Kanzlerin. Über diese Organisationsform sollen jedoch nicht die Wissenschaftler*innen, sondern der extern besetzte Hochschulrat entscheiden.

Der uni-interne Wettbewerb würde dann aber auch zur Konkurrenz, die dem Alltagsbetrieb wie auch der Interdisziplinarität schaden dürfte. Vielleicht ist deshalb eine starke Stellung des Präsidenten vorgesehen, die eine unternehmerische Führung der Universität ermöglichen soll, aber eben auch die Freiheit der Wissenschaft aushöhlt.

Kleine Fächer, insbesondere solche aus den Geistes- und Kulturwissenschaften sind oft weder besonders drittmittelstark, noch können sie Abschlußzahlen aufweisen, die für ein nach wirtschaftlichen Kriterien geführtes Unternehmen Universität besonders attraktiv sind. 

Die Hochschulen sollen mehr Freiheiten und Freiräume bei der Disposition der Lehre erhalten

Eine Streichung von Fächern und Studiengängen wäre sehr viel leichter möglich als heute - und  möglicherweise auch ohne eine ausreichende Koordination auf Landesebene.

 

Archäologie unter dem Druck der Ökonomisierung

Dieser Druck zu einer nach wirtschaftlichen Kriterien gedachten erfolgsorientierten Finanzierung ist gerade für die geistes- und kulturwissenschaftlichen Fächer eine ernsthafte Bedrohung, da für die Universitäten selbst ein Anreiz geboten wird, diese zu reduzieren.

 

Stellungnahme des Deutschen Verbands für Archäologie

Deshalb hat der Deutsche Verband für Archäologie e.V., untersützt von weiteren Verbänden, wie beispielsweise dem Verband der Landesarchäologen und der Deutschen Orient-Gesellschaft, am 8.12.2020 eine fachliche Stellungnahme als offenen Brief an Ministerpräsident Markus Söder, Wissenschaftsminister Bernd Sibler und  Robert Brannekämpe, den Vorsitzenden des Ausschusses für Wissenschaft und Kunst im Bayerischen Landtag gerichtet.

Der Verband befürchtet als Folge der Reform "sehr konkret einen dramatischen Kahlschlag der archäologischen und der anderen altertumswissenschaftlichen Fächer an den bayerischen Universitäten". Er verweist darauf, dass beispielsweise das Fach der Archäologie der Römischen Provinzen nur an zwei bayerischen Universitäten präsent ist und bei Streichungen in diesem Feld "keine Ausbildung der nächsten Generation an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern möglich" sei, die "in Museen und anderen Kultureinrichtungen der interessierten Öffentlichkeit die Erkenntnisse aus der Römerforschung nahebringen".

Als problematisch wird auch hier die starke Ausrichtung der Universitäten an unternehmerischen Zielen und die Gewichtung von Forschung an einem messbaren Wert für die Gesellschaft betont. Der Stellenwert der archäologischen und altertumswissenschaftlichen Fächer in der Gesellschaft lässt sich "nicht zwangsläufig und unmittelbar in Kennzahlen oder Summen bemessen, da ihr eigentlicher Wert auf der sozialen, ideellen und kulturellen Ebene liegt."  Die stärkere Bedeutung der Drittmitteleinwerbung und der internen Mittelverteilung an den Universitäten werden, so die Einschätzung der Stellungnahme auf Kosten der Kleinen Fächer gehen. 


Transfer als Ziel der Universitäten

Das Eckpunktepapier fasst die Ziele der Universitäten neu. Es geht nicht mehr um Forschung und Lehre, sondern um Transfer, Forschung und Lehre - wobei letztere in dem Eckpunktepapier eigentlich keine besondere Rolle spielt.

Der Wissens- und Technologietransfer von den Hochschulen in die Wirtschaft und die Gesellschaft soll erweitert und erleichtert werden, um Innovationsstreben, Gründungsgeschehen und lebenslanges Lernen noch mehr zu unterstützen:

Ein Transfer von wissenschaftlichen Erkenntnissen in die Gesellschaft ist heute zweifellos von großer Bedeutung.  Das Eckpunktepapier zielt vor allem auf technische Entwicklungen, aus denen sich wirtschaftliche Gewinne erzielen lassen. Deshalb sind "neue Anreize für die unternehmerische Betätigung der Hochschulen, Unterstützung erster Gründungsschritte für Start-Ups in den Hochschulen, Gründungsfreisemester und die Erleichterung für Professorinnen und Professoren, neben ihrer Lehr- und Forschungstätigkeit auch unternehmerisch tätig zu werden" geplant. 

Auf das weite Feld der  Geistes- und Kulturwissenschaften trifft dies in dieser engen Definition kaum zu - die hochspannenden Anwendungsfelder, wie sie sich ggf. aus einer applied archaeology ergeben können, werden auch künftig eher die Ausnahme als die Regel sein. Gleichwohl zeigt das aktuelle Pandemiegeschehen, dass die Bedeutung der Wissenschaft sich nicht auf die Prognose bzw. Modellierung von Infektionsentwicklungen und die Entwicklung von Impfstoffen  beschränkt. Als gesellschaftliche Begleiterscheinungen kursieren zunehmend  Verschwörungstheorien und extremes Gedankengut, die mit einer funktionierenden, gerechten Demokratie nicht vereinbar sind. Ihnen kann eine Gesellschaft und eine Demokratie nur beikommen, wenn in ihr kulturwissenschaftliche und historische Kenntnisse ausreichend verankert sind und eine Befähigung zu klarem Denken verbreitet ist. Dies ist eine große Leistung der Geistes- und Kulturwissenschaften und vieler kleiner Fächer, die sich indes kaum mit den Begriffen Innovation und Gründung fassen lässt. Wir brauchen nicht nur Ausbildung, sondern vor allem auch Bildung.

Die Zielgruppe des Transfers wird im Eckpunktepapier auf die Wirtschaft verengt. Die größte Zielgruppe der Wissenschaft allgemein ist jedoch die Öffentlichkeit, insbesondere die Zivilgesellschaft. Wenn das Eckpunktepapier vorsieht, dass im Kontext der Transferleistungen der Hochschulen weitere Aufgaben wie eine "(Mit-)Verantwortung für eine an der Idee der Nachhaltigkeit orientierte Entwicklung von Staat und Gesellschaft", die Förderung von Gleichberechtigung und Vielfalt sowie die Internationalisierung besonders betont werden sollen, wird hier grundsätzlich und richtig eine soziale Aufgabe von Forschung und Lehre anerkannt.  Dieser Gedanke ist im Gesetzesentwurf weiter zu entwickeln, wobei aber zu beachten ist, dass es die Wissenschaftsfreiheit ist, die dem Transfer die nötige Glaubwürdigkeit und Akzeptanz verschaft. Gesetzliche Festlegungen auf Internationalisierung und Diversität sind hier - so nachvollziehbar im Anliegen - kontraproduktiv.  Unter dem "Ideal der zweckfreien Erkenntnis" und der Freiheit der Forschung dürfen vom Staat hier keine Vorgaben gemacht werden.

 

Transfer als Leistung der Geistes- und Sozialwissenschaften

Eine Transferleistung ihrer Forschung in die Gesellschaft ist für die meisten Fächer der Geistes- und Kultur- sowie der Sozialwissenschaften schon lange eine Selbstverständlichkeit.  


Transfer archäologischer Forschung in die Öffentlichkeit:
Geschichtspark Bärnau-Tachov und ArchaeoCentrum Bayern-Böhmen
- Rekonstruktion der frühmittelalterlichen Holzbauphase
der Kirche von Kleinlangheim, Unterfranken
(Foto: R. Schreg)

Aber auch für andere Fächer, wie zum Beispiel die Archäologie ist Transfer schon von Beginn an ein elementarer Teil des Fachs, denn zunächst waren es Museen, die als Plattform der Forschung dienten. Der Begriff des Transfers ist neu, nicht die Sache. Der Austausch mit der Öffentlichkeit war (und ist) für die Archäologie immer wichtig, um die Quellen zu bewahren und auch, um Fundmeldungen zu erhalten. Immer war das öffetnliche Interesse so groß, dass man versucht hat, die Öffentlichkeit einzubinden. Diese lange Tradition bedeutet allerdings nicht, dass es da keinen Verbesserungsbedarf gäbe und Transfer kein Thema mehr wäre. Eine Stärkung dieses Aspekts und eine größere Anerkennung für Zeit und Arbeit, die dafür aufgewandt wird, ist grundsätzlich zu begrüßen.

In der alltäglichen Praxis liefert die Archäologie - anders als die üblichen Medienberichte vermuten lassen - fast keine Sensationen. Ein Großteil der Forschung besteht darin, Funde und Befunde auszugraben, deren Bedeutung in der Orts- und Regionalgeschichte liegen, die es aber nie in die hochgerankten Journals schaffen können. Die Archäologie des Mittelalters wird im Wettbewerb um die ältesten Funde kaum je mit der Urgeschichte und Paläoanthropologie mithalten können, deren Themen älter und natürlich für die Menschheitsentwicklung viel grundlegender sind. Aber Befunde und Erkenntnisse, die das Mittelalter betreffen, sind deswegen nicht weniger wichtig, denn sie zeigen vergangenes Leben, hinterfragen was uns selbstverständlich scheint und meist doch erst aus spezifischen historischen Entwicklungen entstanden ist, oftmals eben gar nicht vor so langer Zeit. Bei der Arbeit vor Ort geht es oft nicht um die großen neuen Erkenntnisse, sondern um Regional- und Ortsgeschichte, die ein wichtiger Anknüpfungspunkt für die historische und gesellschaftliche Bildung ist, mithin auch für das, was "Heimat" ausmacht. Auf einer wissenschaftlichen Ebene führt die Auseinandersetzung mit dem Mittelalter zu einem Verständnis der Bedeutung von Nachhaltigkeit und von Diversität und ist überhaupt ein wesentlicher Teil einer Orientierung in der Gegenwart. Gerade die alltägliche Forschung ermöglicht es, die Bürgerinnen und Bürger anzusprechen, für die Vergangenheit zu interessieren und vergangene Lebensweisen zu reflektieren - und so Transferleistungen zu erbringen. Dabei dürfte übrigens oftmals der Publikation in den "Mitteilungen des Historischen Vereins xy" größere Bedeutung zukommen, als in den angeblichen High-Impact-Journals. Eine formal größere Bedeutung des Transfers kann den kleinen Fächern und letztlich der Gesellschaft zugute kommen - sie steht aber in einem Widerspruch mit den üblichen "Indizes", die das Eckpunktepapier als grundlegend "für eine erfolgsorientierte (Teil-)Finanzierung" sieht. Wenn Bemühungen um Wissenschaftskommunikation, um Citizen Science oder auch Angebote für die Schule, eine größere Anerkennung finden, wäre das auf alle Fälle zu begrüßen.  
 
Transfer der Mittelalterarchäologie:
der digitale Museumskoffer der Bamberger AMANZ




Weiterbildung als Chance

Insofern ist der Gedanke,  vermehrt auch an Weiterbildungsprogramme zu denken, ganz folgerichtig: Als Aufgabe der Universitäten wird neben dem klassischen Studium lebenslanges Lernen und Weiterbildung definiert mit der Option, dazu weiterbildende Masterstudiengänge und Zertifikatsangebote oder Modulstudien anzubieten. Ob sich dafür zahlende Interessenten finden lassen, wie das der Politik offenbar vorschwebt, scheint aber fraglich.

Nach den Erfahrungen aus der Archäologie sind wir vielmehr in der Praxisausbildung darauf angewiesen, die Studierenden zu ihrer Weiterbildung genau zu dem potentiellen Zielpublikum zu schicken. So sehr Studiengänge auch die Berufsperspektiven ihrer Absolvent*innen im Auge haben, so werden sie doch nie im Sinne einer Ausbildung alle Grundkenntnisse für die sehr heterogenen Tätigkeitsfelder und deren unterschiedlichen Berufsalltag vermitteln können. Es könnte durchaus interessant sein, ob sich nicht in verstärktem Maße öffentlich-private Partnerschaften entwicklen lassen, indem beispielsweise Unis und Grabungsfirmen zusammenarbeiten. Eine Förderung diesbezüglich wird aber vor allem mit rechtlichen Hürden außerhalb des Hochschulgesetzes, etwa im Wettbewerbsrecht zu kämpfen haben. Mit Ausgründungen und Weiterbildung, wie sie im Eckpunktepapier angedacht sind, hat das aber wenig gemein.


Blinde Flecke: Lehre sowie Wert der Geistes- und Kulturwissenschaften

In der vorliegenden Form ist das Eckpunktepapier sehr einseitig auf eine unternehmerische Organisation der Universitäten ausgerichtet. Viele wichtige Aspekte werden nicht oder nur sehr vage angesprochen.  Zwar verspricht das Papier, dass das neue Hochschulgesetz "die Anliegen der Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler sowie der Studierenden ... fest im Blick" hat. Hier fehlen im Eckpunktepapier aber klare Aussagen, wie das konkret mit Inhalten gefüllt werden soll. Auch Aspekte der Diversität und Gleichberechtigung kommen sehr kurz. Ganz besonders fällt jedoch auf, wie wenig die Lehre und die Qualität der Lehre thematisiert werden. 
Die Förderung von Transfer und Weiterbildung kann durchaus Chancen eröffnen, wenn man deren Ziele genauer reflektiert. Eine größere Anerkennung universitärer Leistungen auf diesen Feldern ist durchaus begrüßenswert. Das würde aber auch bedeuten, der Lehrerausbildung an den Universitäten einen größeren Stellenwert einzuräumen. Mit einer so extremen wirtschaftlichen Orientierung, wie sie im Eckpunktepapier zum Ausdruck kommt, wird das Lehramtsstudium eher noch mehr marginalisiert und der Lehrermangel und die Qualität der Schulbildung eher verschlimmert.
 
Insgesamt bildet das Papier nur einen kleinen Teil der Universitäten ab. Lehrerausbildung oder Geistes- und Kulturwissenschaften. sind nicht angemessen mitgedacht. Bavaria One und High-Tech-Agenda sind sicher wichtige Programme, aber sie bringen wenig, wenn die Gesellschaft orientierungslos ist. Zukunftsfähige Visionen entstehen erst, wenn man Gegenwart und Vergangenheit verstanden hat und weiß, wie sich Gesellschaften verändern, wie Mensch und Umwelt aufeinander einwirken, wie Menschen kommunizieren und agieren.

 


Dienstag, 12. Januar 2021

Die Wächterin der ältesten Stadt Amerikas wird bedroht

Prof. Ruth Shady Solis, eine berühmte peruanische Archäologin erhält Morddrohungen, weil sie sich gegen die Besetzung des Weltkulturerbes von Caral rund 200 km südlich von Peru durch lokale Bauern wehrt.

Die exakten Hintergründe dieser Auseinandersetzung lassen sich den vorliegenden Berichten nicht entnehmen. Teile der als UNESCO-Weltkulturerbe ausgewiesenen archäologischen Zone wurden 2020 von drei Familien besetzt, die sie in Ackerland umbrachen.  "Überleben sei wichtiger als Kultur und Geschichte." zitiert sie ein Zeitungsartikel.  Allzu oft wurden archäologische Fundstellen den vorherigen Eignern entzogen.  BBC merkt an, dass das Land bei einer Agrarreform in den 1970er Jahren von Großgrundbesitzern an zugewanderte Tagelöhner verteilt wurde, die sich mit den archäologischen Fundstellen der Gegend nicht identifizieren konnten. Zwar sind die ersten Fundstellen schon Anfang des 20. Jahrhunderts von dem deutschen Archäologen Max Uhle entdeckt worden, aber der heutige Kenntnisstand ist den Entdeckungen  durch Ruth Shady Solis in den 1990er Jahren zu verdanken.

Die Auseinandersetzung ist jedenfalls soweit eskaliert, dass Prof. Ruth Shady Solis Todesdrohungen erhält, ebenso ihr Anwalt. Ihr Hund wurde bereits vergiftet. Die Situation ist so ernst, dass ihre Kollegen der Universidad Nacional Mayor de San Marcos im Dezember 2020  eine Petition gestartet haben, um Unterstützung und Aufmerksamkeit zu gewinnen:



Pyramide in Caral
(Foto:  AlisonRuthHughes [CC BY SA 4.0] via WikimediaCommons)

Entlang des Tals des Rio Supe, das einer tektonischen Verwerfung folgt, konnten Ruth Shady Solis und ihr Team 18 Siedlungen feststellen. Die größte ist Caral, eine komplexe, sorgfältig geplante Stadtanlage mit pyramidenförmigen Bauten, großen Plätzen und Wohnquartieren mit insgesamt 65 Hektar und geschätzt ehedem 1000 Einwohnern. Das Wirtschaftsland verfügte über ein Bewässerungssystem und Terrassenanlagen an den Talhängen. Die Siedlungen waren eng mit der etwa 25 km entfernten Küste verbunden. Die Siedlungen von Caral gehören einer präkeramischen Kultur an, die um 2600 v.Chr. datiert wird. Caral gilt älteste Stadt auf dem amerikanischen Kontinent und wurde 2008 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt.

  


Literatur

  • Kurella 2008
    D. Kurella, Kulturen und Bauwerke des alten Peru. Geschichte im Rucksack 505 (Stuttgart 2008).
  • Ruth Shady Solis u. a. 2001
    Ruth Shady Solis/Jonathan Haas/Winifred Creamer, Dating Caral, a Preceramic Site in the Supe Valley on the Central Coast of Peru. Science 292, 5517, 2001, 723–726.

Sonntag, 10. Januar 2021

Büffelhorn und Thorshammer

Der 6. Januar 2021 ist sicherlich eines der Daten, die die Weltgeschichte beeinflussen, ähnlich wie 9/11. Eine Horde Verschwörungstheoretiker stürmt das Kapitol in Washington DC. Das Ereignis selbst ist wohl noch lange kein Fall für die Archäologie (wobei die Funde aber bereits archiviert wurden: The Hill 9.1.2021) - aber trotzdem ein Thema für Archaeologik. 

Denn der Sturm auf das Kapitol betrifft die Archäilogie gleich doppelt, nämlich einerseits als Wissenschaft und andererseits als Disziplin, die - der Rekonstruktion der Vergangenheit verpflichtet - Beobachtungen bzw. Symbole am Rande des Geschehens inhaltlich einordnen kann und sollte. 

 

Washington 6.1.2021
(Foto: Tyler Merbler [CC BY SA 2.9] via Flickr und WikimediaCommons)


 

Durchbruch der Irrationalität

Hier deutet sich an, was passiert, wenn sich Irrationalitäten die Bahn brechen, wenn Bildung ins Hintertreffen gerät und Leute populistischen Parolen hinterherlaufen und sich ihr Weltbild assoziativ aus emotionalen Eindrücken und subjektiven Erfahrungen der Zurücksetzung zusammenreimen. Hier ist die Archäologie als Kulturwissenschaft betroffen. Denn solche Vorstellungen können nur entstehen, wenn Vergangenheit zur Fantasywelt verkommt, die man sich ohne methodische Kontrolle erfindet, so wie Trump die Schlacht für seinen Golfplatz (Archaeologik 3.12.2015) - oder so wie der Gehörnte, der auf vielen der verstörenden Bilder aus Washington ins Auge sticht. Diese Entwicklung ist nicht erst seit Trump zu beobachten und schon mehrfach war dies Thema auf Archaeologik, sei es aus Ungarn, wo Victor Orbans Getreue sich eine nationale Geschichte basteln (Archaeologik 9.5.2018; Archaeologik 3.9.2019) oder eben grade in den USA, wo sich 'bibeltreue Christen' ihre Geschichte zusammenplündern lassen (Archaeologik 17.7.2017). Zu nennen ist aber auch die Tendenz Geisteswissenschaften hinter wirtschaftliche Interessen zurück zu stellen. Schon lange möchten 'konservative' - aber auch neoliberale Politiker Geisteswissenschaften als unwirtschaftlich am liebsten abschaffen (Archaeologik 9.10.2011; Archaeologik 27.2.2017; Archaeologik 23.1.2017). Archäologie wird hier auch zum Angriffsziel, etwa wenn wissenschaftlich nüchterne Analysen den völkischen Phantasien mancher “Patrioten“ widersprechen und Wissenschaftler auf Listen gesetzt werden. (Archaeologik 30.5.2018) - oder die Wissenschaftsfreiheit untergraben wird, um nicht ins Weltbild passende Forschung zu unterbinden (Archaeologik 9.10.2014). Eine solche Politisierung von Kulturgut ist in Kriegen und Konflikten altbekannt, ließ sich in den letzten Jahren aber verschiedentlich beobachten (Archaeologik 1.10.2015), nicht nur bei Schurkenstaaten, sondern in Reaktion beispielsweise auch bei der UN (Archaeologik 11.3.2018).

 

Multikulti-Symbolwelt

Zum anderen ist Archäologie auch inhaltlich gefragt, weil sich Verschwörungstheoretiker und Extremisten, aber auch nationalistische Regierungen konkret ihrer Quellen bedienen (Archaeologik 9.5.2018). Manche zerstören sie, nutzen sie im Kampf gegen ihre Feinde: IS/Daesh (Archaeologik 9.3.2015) ebenso wie POTUS Trump, der noch vor einem Jahr gezielt das Kulturerbe des Iran zerstören wollte (Archaeologik 5.1.2020). 

Bisweilen werden sie auch nur mental aus dem historischen Kontext gerissen und für das eigene verquerte Weltbild misbraucht. Der Gehörnte aus dem Kapitol ist ein gutes Beispiel dafür. Die journalistischen Medien haben ihn inzwischen ausführlich behandelt und auch identifiziert. Er ist schon oft in der rechtsextremen Szene aufgefallen, bezeichnet sich als "multidimensionales Wesen" und ist QAnon-Anhänger. In den Berichten wird nebenbei auch immer wieder auf die Symbole hingewiesen, mit denen er sich schmückt und seine Weltanschauung zum Ausdruck bringt. Sie führten zu verschiedenen Einordnungen als "Fellmützen-Vandale" (SZ) oder "Randale-Wikinger" (Bild). 

Besondere Aufmerksamkeit fand seine Buffalo Cap mit Kojotenfell, die laut Kappenträger ein Symbol des Widerstands sein soll, aber auch einen schamanistischen Hintergrund darstellt. Meist nur nebenbei werden seine neonazistischen Tattoos erwähnt, nämlich der sog. Wotansknoten auf der linken Brust, der Weltenbaum über der Brustwarze und ein fetter Thorshammer auf dem Bauch. 

All diese Symbole gelten als keltisch, germanisch, jedenfalls als alt und sind Symbole (auch) einer ultrarechten Szene. Die Kombination bei dem Gehörnten ist sehr eindeutig und so skurril und durchgeknallt der Typ auf den ersten Blick wirkt: lustig ist das gar nicht. Immerhin war ja auch ein Auschwitz-Verherrlicher in der Randalierertruppe. Ihre tatsächliche historische Bedeutung im frühen Mittelalter hat mit ihrer Verwendung durch Rechte und Verschwörungstheoretiker wenig bis nichts zu tun. 

Der Thorshammer heute ein Symbol für Männlichkeit, Kampf und Heidentum findet sich als Anhänger im Frühmittelalter vor allem in Frauengräbern und durchaus auch in christlichem Kontext - die Verbindung zu Thor ist nicht gesichert. 

Der Wotansknoten (valknut) wird erst in der Neuzeit in frühmittelalterliche Bilddarstellungen wie gotländische Bildsteine oder in das Runenkästchen von Auzon im British Museum hineininterpretiert. Eine mögliche Bedeutung ist völlig unbekannt. Heute steht das Symbol für Tod und Kampf. 

Der Weltenbaum Yggdrasil steht für die Gesamtheit der Schöpfung, Unsterblichkeit und Opferbereitschaft. Indes ist auch hier festzustellen, dass die teilweise aus der Edda herauszulesende Mythologie nicht allgemeingültig war und Baum-Darstellungen des frühen Mittelalters nicht sicher mit diesen Ideen in Verbindung stehen. Die neuheidnische Deutung sieht hier einen Zusammenhang mit dem Schamanismus, der im übrigen auch bei der rechtsextremen Blood&Honour-Bewegung eine wichtige Rolle spielt.  Letztlich werden hier multikulturell (hier auf einmal offenbar ohne Probleme) Symbole zu einem absonderlichen Weltbild zusammengestückelt.

Die Verwendung dieser Symbole stellt den Versuch dar, sich eine legitimierende Tradition zu verschaffen, tatsächlich ist das eine Phantasiewelt und Geschichtsschwindel.



Literaturhinweis und Links


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