Sonntag, 1. August 2021

Die toten Kinder auf dem Radar

Ende Mai 2021 wurden auf dem Gelände einer ehemaligen Residential School in Kamloops in Kanada 215 Kindergräber entdeckt. Das System der Residential Schools in Kanada ist seit langem in der Diskussion und 2008 entschuldigte sich der damalige Premierminister Stephan Harper im Namen der kanadischen Regierung und aller Kanadier bei den First Nations für dieses System. Kindern der indigenen Bevölkerung sollte hier europäische Kultur "beigebracht" werden. Die Kinder wurden ihren Eltern weggenommen und gezwungen, ihre eigenen Traditionen und Sprache zu vergessen.  Die Anfänge des Systems, das bis in die 1990er Jahre bestand, gehen ins 17. Jahrhundert zurück. Ab 1874 wurden so rund 150.000 indigene Kinder von ihren Familien und ihrer Kultur getrennt. Die „residential schools“ wurden von der Regierung verwaltet und finanziert aber zumeist von Kirchen und religiösen Organisationen betrieben. Immer wieder wurde berichtet, dass Vernachlässigung, Gewalt und sexueller Missbrauch an der Tagesordnung waren.


Schüler*innen der Fort Albany Residential School unter Aufsicht einer Nonne, um 1945.
(Foto: Edmund Metatawabin collection at the University of Algoma [gemeinfrei] via WikimediaCommons).

 

Dass der Fund, trotz einer erneuten Entschuldigung des Premierministers Justin Trudeau Wut und Zorn der Indigenen entfacht, ist anzunehmen. Am 22. Juni 2021 brannten mitten in der Nacht zwei katholische Kirchen in Kamloops ab, wobei, so ein Bericht kurz nach dem Brand, mindestens in einem der Fälle Hinweise auf flüssigen Brandbeschleuniger gefunden wurden. Mit guten Gründen sprechen Vertreter der First Nation von “kulturellem Völkermord”. Sie berufen sich dabei auch auf den Bericht einer Historikerkommission, die sich 2009 bis 2013 mit dem Thema beschäftigte. Die Berichte der Kommission haben auf eine überhöhte Sterblichkeit in den Indian Residential Schools hingewiesen und auch die Frage untersucht, wo die Kindergräber liegen (Hamilton 2015). 


Kommissionsbericht 

Der Fund der Gräber in Kamloops kam nicht überraschend, sondern ist das Ergebnis gezielter Prospektionen, die jedoch nicht zentral organisiert, sondern von den Hinterbliebenen und den indigenen Gemeinden veranlasst wurden.

 

Marieval Mission, Cowesses Indian Residential School in Elcapo Creek Valley, Saskatchewan, 1923
(Foto: Library and Arcives Canada [CC BY SA 4.0] via WikimediaCommons)


Wenige Wochen nach der Veröffentlichung der Ergebnisse von Kamloops wurde am 26. Juni 2021 der Fund eines noch größeren Bestattungsplatzes mit 751 Gräbern bei der Marieval Indian Residential School bei Regina in der Provinz Saskatchewan gemeldet. Es sind nicht die einzigen - auch in Manitoba sollen Gräber gefunden worden sein und am 14.7. wurde der Fund von weiteren 160 unmarkierten und undokumentierten Gräbern bei einer Schule auf der Penelakut-Insel westlich Vancouver bekannt. 

 

Berichterstattung zu den aktuellen Funden und Ereignissen: 

Viele Fragen drängen sich auf, etwa, wie die Kinder zu Tode kamen und wie viele ähnliche Fälle es noch gibt. Manche der Friedhöfe sind prinzipiell bekannt, vielfach wurden sie lediglich nicht gepflegt und sind darum nicht mehr kenntlich, andere Bestattungsplätze waren offiziell wohl gar nie als solche ausgewiesen. Hier Klarheit zu schaffen, erfordert intensive Recherchen bei Zeitzeugen sowie Archiv- und Geländearbeit. 

 

Die Rolle der Archäologie 

Der Fund der Bestattungen geht auf eine gezielte Suche mittels Georadar zurück. Schon seit einigen Jahren gibt es Projekte mit den Nationen der Eingeborenen, die versuchen, als vertrauensbildende Maßnahme (die meisten Wissenschaftler*innen haben keine indigene Identität) Erinnerungsarbeit zu leisten (Meloche 2020). Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit indigenen Gruppen, wie sie von westlichen Forschern betrieben wurde, war rassistisch und hat das Verhältnis zwischen Indigenen und Wissenschaftlern zutiefst gestört (Nichols 2020). Schon 2007 erschien von Barbara Little und Paul A. Shackel ein Buch, das sich der mit Archäologie als Mittel bürgerschaftlichen Engagements befasste (Little/ Shackel 2007). Dabei spielten die Residential Schools bereits eine besondere Rolle. Beispielhaft seien hier Untersuchungen genannt, die Katherine Nichols 2015 als Masterarbeit in Kooperation mit der Sioux Valley Dakota Nation an der Brandon Indian Residential Schoo durchführte. Schriftquellen wurden ausgewertet und Zeitzeugen interviewt. In Absprache mit der indigenen Nation wurden Detektorbegehungen und geophysikalische Prospektionen auf Verdachtsflächen durchgeführt, die tatsächlich Befunde erbrachten, die im Abgleich mit einem bekannten Friedhof als Bestattungen gedeutet werden können (Nichols 2015). Vor Jahren war bereits die Queen Victoria Jubilee Home for Indian Children im Reservat der First Nation der Piikani im Süden der Provinz Alberta Ziel archäologischer Untersuchungen. Die Schule bestand von 1896 bis 1926 und hatte im Durchschnitt 21 Schüler und Schülerinnen im Alter von 6 bis 12 Jahren. Hier gab es einen offiziellen eingezäunten Schulfriedhof, bei dessen Anlage die Angehörigen von der Pikani Gemeinschaft nicht beteiligt wurden. Das archäologische Projekt wurde von Stammesvertretern begrüßt, da es auch hilft, die lange Geschichte äußerer Einmischung in das Leben der Gemeinschaft in den Reservaten aufzuzeigen (Dielissen 2012, 120). 

Eine gesellschaftliche Bedeutung einer Archäologie der Moderne wird hier offensichtlich. Sie unterstützt die Aufklärung von moralisch zumindest fragwürdigen Vorgängen und leistet einen Beitrag zu Recht und Gerechtigkeit. Daraus  ergibt sich ein moralischer Anspruch und gegebenenfalls auch eine besondere idealistische oder gar politische Motivation.

 

Die Auseinandersetzung um eine "Indigenious Archaeology"

Solche Forschungen über, mit und für indigene Gemeinschaften wurde in den USA als "Indigenous Archaeology" bezeichnet. 2008 führte ein Artikel von  Robert McGhee, der der "Indigenous Archaeology" die Wissenschaftlichkeit absprach (McGhee 2008), zu einigen energischen Widersprüchen.

McGhee wendet sich primär gegen diese idealistischen Projektionen auf die indigenen Gemeinschaften, die er als "stereo typical view of the Aboriginal that is common in both the academy and among the publics of Western nations" (McGhee 2008, 580) sieht. Anders formuliert: In der postkolonialistischen Diskussion werden alte Vorurteile durch neue ersetzt. Das kolonialistische Unrecht, das sich die Archäologie vielerorts dadurch aufgeladen hat, dass sich nicht-indigene, westliche Forscher Artefakte, archäologischer Stätten und historischer Deutungen bemächtigt haben, stellt McGhee nicht in Abrede. Kritisiert werden aber Versuche, indigene Interessen und Zugängen in die archäologische Forschung zu integrieren. Dies würde der Wissenschaft und den indigenen Gemeinschaften langfristig gleichermaßen schaden.

McGhee stellte den Begriff "Aboriginalismus" an den Beginn seiner Überlegungen. Der Begriff stammt aus Australien, wo er einerseits das Engagement für die Rechte der Aboriginees bezeichnete, andererseits aber auch die Überzeugung, nach der die heutigen Aboriginees die "authentischen" Ureinwohner seien. Letzteres impliziere, dass Ureinwohnerschaft per se eine besondere kulturelle Qualität besitze, die den Nicht-Eingeborenen grundsätzlich abging. 

Eine fast schon mystische Überhöhung nicht-europäischer Gruppen, ist nicht ungewöhnlich. Wir begegnen ihr auch beispielsweise in der Umweltgeschichte und Umweltarchäologie, wo bisweilen indigene Gruppen Amerikas als naturverbunden und ökologisch sensibel dargestellt werden. Letztlich bricht das alte Motiv des "edlen Wilden" durch. McGhee verweist auf den Mythos des primitiven Menschen, den er im Aboriginalismus wiedererkennt und auf die völlig ahistorische Vorstellung, dass die lokalen indigenen  Gesellschaften über die Jahrhunderte hinweg stabile und feststehende Größen gewesen seien. In den Entgegnungen auf McGhee wurde hingegen dessen Konzept mit dem Schlagwort "separate, but equal" belegt und mit der Rassentrennung assoziiert (Wilcox 2010). 

Die Auseinandersetzung mit der Indigenous Archaeology, dem Problem auch heute immer wieder aufbrechender, zum Teil  kolonialistischer oder rassistischer Gedankengänge sei hier nicht weiter verfolgt. Wichtig ist, dass das kritische Potential einer Archäologie der Moderne hier in eine Zwickmühle gerät. Bedeutung erhält sie durch ihr Engagement in klärungsbedürftigen Situationen, die aber stets auch politisch sind, da sie Menschen der Gegenwart unmittelbar betreffen.

Während die prähistorische Archäologie oft große  und grundlegende Erkenntnisse über die Menschheitsgeschichte liefert, erbringrt die historische Archäologie Detailwissen, das zwar  manchmal das Gesamtbild radikal verändern und neue Perspektiven eröffnen kann, oft aber doch nur Aufmerksamkeit oder Anschaulichkeit für Themen liefert, die man auf breiter, überwiegend nicht-archäologischer Evidenz diskutieren muss. Archäologie fällt hier oft weniger eine Rolle in der Forschung als vielmehr in der (politischen) Bildungsarbeit zu. Letzteres ist jedoch mit politischem Engagement und Werten verbunden, die sich nicht zwingend aus der wissenschaftlichen Analyse ergeben. 

Das Beispiel der Residental Schools zeigt, wie wichtig historische Archäologie ist, Archäologie ist ein Teil der Aufarbeitung und der ansatzweisen Wiedergtmachung. Sie ist hier Teil einer Indigenous Archaeology, die zwingend mit den betroffenen Gemeinschaften zusammenarbeiten muss - aus methodischen wie aus ethischen Gründen. Das Beispiel zeigt, auch dass Wissenschaftlichkeit, Forschungsziele und Wissenschaftsethik eine neuartige Bedeutung gewinnen und hier eine glaubwürdige, stimmige Position gefunden werden muss. 

 

Archäologie der Moderne - engagiert und wissenschaftlich, bildend und forschend

Die Archäologie ist forschungsgeschichtlich hinsichtlich politischen Misbrauchs ein gebranntes Kind.  Wir  kennen aus der europäischen Archäologie viele Situationen, in denen auch vorgeschichtliche Perioden politisiert werden und zur Vereinnahmung oder Ausgrenzung dienen.  Eine Archäologie der Moderne ist aber näher an uns dran - und damit auch näher an aktuell relevanten und politisch umstrittenen Fragen. Deshalb sollte bei der Weiterentwicklung der historischen Archäologie in Moderne und Gegenwart, deren kritisches Potential gründlich reflektiert werden. Archäologie sollte, so wenig als möglich in tagespolitische Grabenkämpfe involviert sein, wird aber um eine Positonierung zugunsten der Achtung aller Menschen und Wissenschaftlichkeit nicht umhin kommen - im Gegenteil, diese ist ihr Wesenszug. 

Archäologie der Moderne muss mit Menschen engagiert sein - und darf dabei jedoch nie ihre Wissenschaftlichkeit gefährden oder gar verlieren.


Link

Bilder 

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Literatur 

  • Brady/ Hilz 2018:
    Miranda J. Brady/ Emily Hiltz, The Archaeology of an Image: The Persistent Persuasion of Thomas Moore Keesick’s Residential School Photographs. TOPIA: Canadian Journal of Cultural Studies 37, 2018. - https://doi.org/10.3138/topia.37.61 
  • Dielissen 2012:
    S.U. Dielissen, Teaching a School to talk: Archaeology of the Queen Victoria jubilee Home for Indian Children (2012). - https://core.ac.uk/download/pdf/56376589.pdf 
  • Hodgetts/ Kelvin 2020: 
    L. Hodgett/ L. Kelvin, At the Heart of the Ikaahuk Archaeology Project. In: Supernant K., Baxter J., Lyons N., Atalay S. (eds) Archaeologies of the Heart. (Cham: Springer 2020), 97-115. - https://doi.org/10.1007/978-3-030-36350-5_7
  • McGhee 2008
    R. McGhee Aboriginalism and the Problems of Indigenous Archaeology.
    American Antiquity. 73/4, 2008, 579-597.  - https://doi.org/10.1017/S0002731600047314
  • Meloche u.a. 2020
    Chelsea H. Meloche/ Laure Spake/ Katherine L. Nichols, Working with and for Ancestors. Collaboration in the Care and Study of Ancestral Remains (London: Taylor & Francis 2020) - ISBN 9780367809317 
  • Nichols 2015
    Katherine L. Nichols, Investigation of Unmarked Graves and Burial Grounds at the Brandon Indian Residential School (MA thesis, University of Manitoba 2015). - http://hdl.handle.net/1993/30396 
  • Nichols 2020
    Katherine L. Nichols, The Brandon Indian Residential School Cemetery Project. Working towards reconciliation using forensic anthropology and archaeology. In: Meloche u.a. 2020, 43-55. - 
  • Little/ Shackel 2007
    Barbara J. Little/ A. Paul Shackel, Archaeology as a Tool of Civic Engagement (2007) - ISBN 978-0-7591-1060-1 
  • Silliman 2010:
    S. Silliman, The Value and Diversity of Indigenous Archaeology: A Response to McGhee. American Antiquity, 75/2, 2010, 217-220. - doi:10.7183/0002-7316.75.2.217
  • Simons u. a. 2021
    E. Simons/A. Martindale/A. Wylie, Bearing witness: What can archaeology contribute in an Indian Residential School context? In: C. H. Meloche/L. Spake/K. L. Nichols (Hrsg.), Working with and for ancestors. Collaboration in the care and study of ancestral remains (London, New York 2021) 21–31. 
  • Wicox 2010
    M. Wicox, Saving Indigenous Peoples From Ourselves: Separate But Equal Archaeology is Not Scientific Archaeology. American Antiquity 75/2, 2010, 232-227. 

 

Link 

Canadian Residential Schools - TAS 127. ArchPodNet (12.6.2021). - https://www.archaeologypodcastnetwork.com/hq-downloads/tas-78-ddgt8-gkd4p-wx3rh 

https://en.wikipedia.org/wiki/Canadian_Indian_residential_school_gravesites

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