Posts mit dem Label Mexiko werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Mexiko werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 9. Oktober 2025

Der Corredor Biocultural Gran Selva Maya und der Tren Maya - Konfliktpunkte Menschenrechte, Umwelt- und Kulturgüterschutz

Mitte August 2025 haben die Präsident*innen von Mexico, Guatemala und Belize ein Abkommen zum Schutz von 5,7 Mio Hektar Regenwald geschlossen.  Der Great Mayan Forest Biocultural Corridor ist nach dem Amazonasgebiet das zweitgrößte Schutzgebiet der Erde und verbindet Atlantik und Pazifik.

Präsident Bernardo Arévalo (Guatemala), Präsidentin  Claudia Sheinbaum (Mexiko) und Premierminister John Briceño (Belize) bei der Vertragsunterzeichnung in Calakmul, Campeche, México(Foto: Presidencia de Guatemala, Gemeinfrei, via flickr und WikimediaCommons )

 

Belizes Premierminister John Briceño sieht Chancen, dass das Projekt den Handel mit Mexiko und Guatemala ankurbeln, neue Märkte eröffnen und seine Rolle als Brücke zwischen Lateinamerika und der Karibik stärken könnte. Die Länder wollen im Naturschutz kooperieren. Das Programm sieht vor, die Böden zu regenerieren, die geschädigte Waldbedeckung wiederherzustellen, und die Lebensverhältnisse der überwiegend indigenen und afrikanischstämmigen Bevölkerung zu verbessern, indem die Selbstversorgung gefördert werden soll.

Einen wesentlichen Aspekt des neuen Schutzgebiets  stellen die archäologichen Zeugnisse insbesondere der Maya-Kultur dar. Im Kern des Korridors befinden sich zum Beispiel Calakmul, Tikal, Caracol, Palenque, Edzná, Yaxhá, Piedras Negras, El Mirador, Lamanai und Altún Ha.

Tren Maya 

Teil des Projektes soll es aber auch sein, den Maya-Zug (Tren Maya) zu erweitern. Ende 2024 wurde in Mexiko eine Bahnlinie durch den Regenwald auf der Halbinsel Yucatán eröffnet, der die wichtigsten archäologischen Stätten der Maya in einer großen, 1500 km langen Schleife miteinander verbindet. Gerade die Ökologie und der Umgang mit der regionalen Bevölkerung erwiesen sich aber als problematisch. Ökologische, demokratische und archäologische Bedenken wurden dabei mit Füßen getreten. Selbst die UN protestierte.

Für eine detaillierte Bilanz der Auswirkungen der Bahn ist es letztlich noch zu früh. Von journalistischen Einschätzungen abgesehen, stammen bisherige Analysen zum Tren Maya  aus der Soziologie und den Politikwissenschaften (Huesca-Pérez u.a. 2016) sowie der Biologie und Ökologie (Casanova Casañas 2021).  

Logo des Tren Maya
(Graphik: Tren Maya , Public Domain, via WikimediaCommons)

 

Menschenrechte und Ökologie

Zwar wurde vor Beginn des Projektes ein Referendum abgehalten, doch hatte man nach einseitiger Information Fristen und Wahllokale so eingerichtet, dass eine Beteiligung der unmittelbar Betroffenen weitgehend ausgeschlossen wurde. Letztlich haben vor allem städtische Angestellte an der Abstimmung teilgenommen, die mit fast 90% das Projekt befürworteten. Der Menschenrechtsrat der UN kritisierte die Abstimmung scharf. Die vielfach zapatistisch organisierten indigenen Gemeinden wurden so systematisch übergangen und vom Geheimdienst überwacht.   

Ein Artikel verortet das Projekt Tren Maya im globalen Kontext neoliberaler Megaprojekte (Casanova Casañas 2021), die aus einer eurozentrischen, extraktivistischen Logik heraus indigene Territorien in Lateinamerika umgestalten. Er knüpft an Konzepte wie „Akkumulation durch Enteignung“ und Johan Galtungs Unterscheidung zwischen kultureller und struktureller Gewalt an, um aufzuzeigen, wie wirtschaftspolitische Maßnahmen indigene Gemeinschaften marginalisieren.

In der Kritik standen auch die ökologischen Auswirkungen. Umweltschützer verweisen auf schwerwiegende Auswirkungen auf die empfindlichen Karsthöhlensysteme, die einen Großteil der Trinkwasserversorgung der Halbinsel sicherstellen.

Proteste

Aus den ökologischen Bedenken und der Menchenrechtsproblematik entwickelte sich auch die größte Gegen- und Protestbewegung gegen den Tren Maya. Während der Bauarbeiten kam es in Mexiko zu zahlreichen Protesten.  Unter anderem wurden Petitionen gestartet.

Von Ausschreitungen oder gewaltsamem Widerstand ist in den Medien wenig zu finden. Das Mexikanische Zentrum für Umweltrecht  brachte 2023 den gewaltsamen Tod von über 100, überwiegend indigene Umweltschützer*innen mit Großprojekten wie dem Tren Maya in Verbindung.

Gerichtlich hatten die Indigenen mehrfach Erfolg, doch überging der damalige Staatspräsident Obrador diese Urteile, indem er den Tren Maya per Dekret  zu einer Angelegenheit der nationalen Sicherheit erklärte.

Auch in Deutschland gibt es Proteste gegen das Projekt, das hier als neokoloniales Projekt gebrandmarkt wird. Bei eienm internationalen Protesttag am 30.1.02021 wurde beispielsweise auch vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof gegen das Projekt protestiert.
Unter den Firmen, die am Bau beteiligt sind, ist auch die Deutsche Bahn AG, die mit ihrer Tochtergesellschaft war die DB Engineering & Consulting, die 2020 einen Auftrag von 13,5 Mio € erhalten hat.

Im Juli bzw. September 2023 haben Linksextremisten (hier ist der Begriff mal angebracht) einen Brandanschlag auf ein Bahn-Büro in Berlin sowie auf Kabelschächte bei Hamburg verübt.


Der Corredor Biocultural Gran Selva Maya und der erweiterte Tren Maya

Das neue Projekt ist daher sehr sensibel. Entscheidend wird sein, inwiefern die positiven Absichten auch die Realität bestimmen und die Widersprüche zwischen Ökologie und Wirtschaft gut ausgehandelt werden. Der Bevölkerung Wohlstand durch Selbstversorgung zu sichern, ist ein zunächst positiver Ansatz. Bei der Unterzeichnung des Abkommens wurde betont, dass die indigenen und afrikanischstämmigen Gemeinschaften ("comunidades indígenas y afrodescendientes") für die Erhaltung des biokulturellen Erbes von zentraler Bedutung seien.

Seit Oktober 2024 amtiert Claudia Sheinbaum Pardo als Präsidentin Mexikos, die zwar in vielem die Politik ihres Vorgängers López Obrador fortsetzt, aber weniger populistisch agiert und Ökologie und Bürgerbeteiligung stärker betont. Sherbaum ist Umweltwissenschaftlerin und als Bei einem aktuellen Autobahnprojekt sind nun 2025 wieder diesselben Kritikpunkte wie beim Tren Maya wieder aktuell.

Im Gegensatz zu den Worten des Vertrags stehen die Überlegungen zum Bau einer Brücke über den Zaragoza-Kanal, um die mexikanische Gemeinde Xcalak mit der Insel Ambergris Caye in Belize zu verbinden. Dieser Plan ist umstritten, da die vorgeschlagene Route durch den Bacalar Chico National Park and Marine Reserve verlaufen würde, welcher ein UNESCO-Weltnaturerbe ist. Der Premierminister von Belize betont zwar das Umweltbewußtsein seiner Regierung, gibt aber als Ziel der Politik an, "eine Brücke zu bauen, die den Verkehr bis nach Mexiko ermöglicht und mehr Handels- und Tourismusmöglichkeiten schafft". Wenig später betont er, dass es kein Abkommen über den Tren Maya gäbe, sondern erst Risiken und Chancen abgewogen würden.
In Guatemala betont der Präsident, dass Schutzgebiete - explizit auch archäologische - von der Trasse nicht betroffen seien.

... und die Archäologie? 

Obwohl der Tren Maya gezielt auf die archäologischen Stätten verwiesen hat und auch der neue Corredor Biocultural unmittelbar auf sie Bezug nimmt, spielen sie in der Bilanzierung eine untergeordnete Rolle. Der Begriff des "biokulturellen Erbes" meint zwar theoretisch auch das archäologische Erbe und die Kulturlandschaft, praktisch werden aber eher die ökologischen Aspekte und - immerhin - die indigene Kultur betont.

Der Tren Maya und die archäologischen Maya-Stätten
(https://www.trenmaya.gob.mx/, Public Domain, via WikimediaCommons)

 

Insofern lohnt auch hier ein Blick auf den vorausgegangenen Tren Maya. Im Laufe der Bauarbeiten wurden mehrere archäologische Stätten angeschnitten.  Ende Oktober 2021 erreichte eine Fundmeldung aus Mexiko auch die deutschen Medien. Sie steht heute offenbar nur noch bei einer Luxemburger Zeitung online. 

In einem Cenote, also einem durch einen dolinenartig von oben zugänglichem Karsthöhlensee wurde ein gut erhaltenes Kanu der Maya-Zeit gefunden. Dabei wurde auch darauf verwiesen, die Funde seien "bei Bergungsarbeiten entlang der geplanten Strecke des „Maya-Zugs" gemacht worden, womit ein Zusammenhang mit dem aktuell kontrovers eingeschätzten Eisenbahnbau-Projekt des Tren Maya implitziert wurde. Weiter hies es in dem Artikel nach einer kurzen Beschreibung des Bahn-Projekts: "Entlang der im Bau befindlichen Strecke haben Archäologen bereits zahlreiche Entdeckungen gemacht – etwa Wandmalereien und Gefäße".

Daneben gab es einige weitere Fundmeldungen, etwa von einer Götterstatue. 

Informationen der mexikanischen Regierung zeigen, dass das Tren Maya-Projekt archäologische betreut wurde. Dazu wurde unter anderem ein Programm ins Leben gerufen, das die archäologischen Fundstellen betreuen und notwendige Notgrabungen durchführen sollte. PROMEZA (Programa de Mejoramiento de Zonas Arqueológicas) soll auch die Auswertung und Publikation der Grabungen übernehmen, die Stätten aber auch durch touristische Infrastruktur erschließen, inklusive des Baus zweier neuer Museen in Chichén Itzá und an der Ruta Pucc. In das Programm wurden 29 archäologische Zonen und Naturschutzgebiete wie z.B.  Palenque, Cobá, Kabah, Moral Reforma y Edzná. aufgenommen. Das Finanzbudget betrug 4.906 Millionen MXN, etw 2,3 Mio €., das indes Teil einer weit größeren Summe ist, die für die Notgrabungen eingeplant wurden. Insgesamt standen 248 Millionen MXN (ca. 117 Mio €) zur Verfügung. Die Gesamtkosten des Tren Maya-Projektes liegen umgerechnet bei etwa 27 Milliarden €, es entfielen also nicht einmal 0,5% auf die Archäologie.

Nach welchen Standards die Notgrabungen durchgeführt wurden, vermnag ich nicht zu beurteilen.


Gelernt?

Ein Naturreservat dieser Größe ist sicher ein guter Schritt und es hat den Anschein, dass man aus den Erfahrungen des Tren Maya-Projektes gelernt hat und im Corredor Biocultural den Aspekten mehr Raum gibt, die die vergangenen Proteste kritisiert hatten.

Da die Archäologie und das Kulturerbe dabei eine untergeordnete Rolle spielten, hat man aber möglicherweise auch gelernt, dass hier die geringeren Probleme liegen. Es wird also zu beobachten sein, welchen Stellenwert das kulturelle Erbe in der Praxis des neuen Schutzgebietes haben wird. Da es versucht, den Schutzgedanken mit wirtschaftlichen Invesititionen zu verbinden, besteht die Gefahr, dass letztere die anderen Ziele verdrängen werden.

Links

Literaturhinweise 

 


 

Mittwoch, 8. April 2020

Krankheitserreger als „Global Player“ - Vom Austausch tödlicher Erreger mit der Entdeckung der Neuen Welt


Beitrag von Tim Röder


1. Ewige Geißeln der Menschheit


Corona-Beiträge auf Archaeologik
Viren
(biology pop [CC BY SA 4.0]
via WikimediaCommons)
Krankheitserreger versetzen unsere Welt immer wieder in Unruhe. Insbesondere Viren und Bakterien werden durch den immer weiter voranschreitenden Prozess der Globalisierung über den gesamten Erdball verteilt. Der heutige intensive Flugverkehr trägt wesentlich dazu bei (Findlater/Bogoch 2018). So geht etwa aus dem aktuellen »World Airport Traffic Reports des Airports Council International (ACI)« hervor, dass die Anzahl der weltweiten Flugreisen sowie die Passagierzahlen stetig zunehmen. Der ostasiatische Großraum ist dabei Spitzenreiter, sodass beispielsweise dort im Jahr 2018 insgesamt 3,3 Milliarden Fluggäste verzeichnet wurden. Besonders die Mobilität des Menschen bewegt sich also heutzutage in Dimensionen, deren Ausmaß nahezu unüberschaubar geworden ist. Doch was viele nicht wissen: Mobilität und Infektionskrankheiten sind bereits seit dem Neolithikum eng miteinander verwoben, wenngleich zu dieser Zeit kein Flugzeug, sondern Pferde, Ochsen und Boote die schnellsten Fortbewegungsmittel waren.    

Die Sesshaftwerdung des Menschen, verbunden mit der Entwicklung von Ackerbau und Viehzucht am Beginn der Jungsteinzeit, läutete das Zeitalter der Infektionskrankheiten ein (Campbell/MacKinnon/Stevens 2010, 189). Auf der Suche nach der Ursache für die Ausbreitung verschiedener Erreger spielt jedoch weniger das nun dichtere Zusammenleben von Menschen und Tieren innerhalb der bäuerlichen Lebenswelten eine entscheidende Rolle. Vielmehr waren die in den Siedlungen lagernden Lebensmittelvorräte sowie die vernachlässigten Entsorgungspraktiken Auslöser dafür, dass allerlei ungebetene Gäste angelockt wurden. Darunter besonders verschiedene Kleinsäuger und Nagetiere, die sich an teils ungeschützten Getreidevorräten und Milchprodukten zu schaffen machten. Im Gepäck hatten sie allerdings auch parasitäre Begleiter dabei, wie beispielsweise Flöhe und Läuse, aber auch Bakterien, Viren, die vor allem über den Weg der Nahrungskette zahlreiche Krankheitssymptome beim Menschen hervorriefen (Krause/Trappe 2019, 107f.).

Während Pest, Lepra, Paratyphus, Tuberkulose und Syphilis für viele Menschen heutzutage Seuchen aus längst vergangener Zeit darstellen, von denen dank des Wunderheilmittels »Antibiotikum« nicht mehr besonders große Gefahr auszugehen scheint, haben sich tödliche Virus-Pandemien und die damit einhergehende Angst ins Gedächtnis der Menschen eingebrannt.

Darunter befindet sich zum Beispiel das Pockenvirus, das noch im 20. Jahrhundert weltweit etwa 300 Millionen Tote forderte und durch seine hohe Infektionsrate und Mortalität zu den gefährlichsten Krankheiten des Menschen zählte.
Brandaktuell dürfte aber vor allem die Angst vor der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus mit der Bezeichnung »SARS-CoV-2« sein, welches sich, ausgehend von einer Provinz in China, seit Dezember 2019 verbreitet und in dessen Folge die »Weltgesundheitsorganisation (WHO)« am 30.01.2020 den internationalen Gesundheitsnotstand ausrief. Während Mediziner und Virologen lange Zeit davon ausgingen, dass Coronaviren bei Menschen ausschließlich normale Erkältungskrankheiten verursachen, änderte sich diese Annahme allerdings spätestens, als zwei besonders krankheitserregenden Virusvarianten, die bereits in der Vergangenheit Epidemien auslösten - das SARS-Coronavirus (Severe Acute Respiratory Syndrome) und das MERS-Coronavirus (Middle East Respiratory Syndrome), genauer untersucht wurden. Durch die inzwischen pandemische Ausbreitung des neuartigen Coronavirus »SARS-CoV-2« stehen weite Teile unserer globalisierten Welt beinahe still. Es zeichnen sich schon jetzt (Stand: 01.04.2020) massive gesundheitliche, wirtschaftliche, gesellschaftliche, sozioökonomische und politische Konsequenzen ab. Daneben laufen auch die Erforschung eines Impfstoffes und die Suche nach wirksamen Medikamenten auf Hochtouren. 


  • Weltweiter Infektions-Tracker von COVID-19 bereitgestellt durch: The Center for Systems Science and Engineering (CSSE) at Johns Hopkins University (JHU) <https://coronavirus.jhu.edu/map.html> [Stand: 01.04.2020].
Eine Sache steht jedenfalls fest, nämlich dass unhygienischer Kontakt mit infizierten Tieren einer der Hauptgründe dafür ist, dass sich derartige Viren auf den Menschen übertragen. Eine solche Übertragung vom Tier auf den Menschen bezeichnet man dann als Zoonose (Krause/Trappe 2019, 177). Auch aus evolutionärer Sichtweise stellten sich Krankheitserreger erst auf uns ein, als die Menschen zahlreicher wurden und begannen, auf engem Raum zusammenzuleben. Genau in diesem Milieu liegen die Brutherde für neue Krankheitserreger und zudem ein erhöhtes Risiko der Virus-Mutation.

Neben den Viren dürfen wir aber die bakteriellen Infektionskrankheiten nicht vergessen. Auch wenn derartige Erreger seit dem Durchbruch der Antibiotika in der Mitte des 20. Jahrhunderts unter Kontrolle gehalten werden können, so sind diese nicht von der Bildfläche verschwunden. Sicher fühlen sollten wir uns deshalb auf gar keinen Fall, denn der massenhafte und leichtfertige Antibiotika-Einsatz in der Tierzucht und auch in der Humanmedizin trägt dazu bei, dass Bakterien vermehrt Resistenzen ausbilden können. Immer häufiger werden Meldungen von sogenannten »Krankenhauskeimen (MRSA) in den Medien laut und, dass die Anzahl der multiresistenten Bakterien zunimmt und ein drohender Antibiotika-Notstand kurz bevorsteht. 

Johannes Krause, ein deutscher Biochemiker mit Forschungsschwerpunkt zu historischen Infektionskrankheiten und Direktor am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena, unterteilt hierbei in drei »epidemiologische Transitionen«, die Infektionskrankheiten durchlaufen (Krause/Trappe 2019, 225). Das Schema (Abb. 1.) veranschaulicht diesen Prozess und die unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Während wir uns heute in der zweiten »epidemiologischen Transition« befinden, in der vor allem in westlichen Ländern vorwiegend Wohlstandskrankheiten wie etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes auf dem Vormarsch sind, so zeichnet sich wohl schon langsam die »dritte epidemiologische Transition« ab, die der Welt bevorstehen könnte und uns hoffentlich nicht ins Neolithikum zurückwirft. Denn mit Blick auf die zahlreichen Entwicklungsländer wird deutlich, dass Lepra, Typhus, Tuberkulose und auch die Pest ohnehin wieder oder immer noch Bestandteil des alltäglichen Lebens sind und sich besonders die Syphilis-Erreger aufgrund zunehmender Antibiotika-Resistenzen langsam, aber sicher auch Richtung Europa ausbreiten (Krause/Trappe 2019, 225f.).

Abb. 1. Die drei »epidemiologischen Transitionen« nach Johannes Krause
(Grafik: T. Röder).


Die Mobilität des Menschen feuerte also seit jeher die Ausbreitung von Infektionskrankheiten an, weshalb unzählige Menschen Opfer eines unsichtbaren Feindes wurden. Vor allem der durch den Handel intensiver werdende Austausch zwischen den Populationen trug maßgeblich dazu bei. So etwa auch die Seidenstraße, ein altes Netz von Karawanenstraßen, dessen Hauptroute die Handelsmetropolen des Mittelmeerraumes mit Ostasien verband und eventuell auch bei der Ausbreitung der Pest eine entscheidende Rolle spielte (Bergdolt 2017, 33ff.). Viel gravierender wirkte sich allerdings ein Ereignis aus, dass maßgeblich zur Entstehung einer globalisierten Welt beigetragen hat – nämlich die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus im Jahre 1492. Verheerende Krankheiten drangen in der Folge in neue Weltgegenden vor (Abb. 2). 

Abb. 2. Opfer der Pockenepidemie von 1520 in Zentralmexiko, dargestellt im Florentiner Kodex des 16. Jahrhunderts, Buch XII, Folio 53.
 (aus: Fray Bernardino de Sahagún, Historia general de las cosas de nueva España [1569].
[gemeinfrei] via WikimediaCommons).

Während sich viele Historiker heutzutage darüber einig sind, dass die nordamerikanischen Ureinwohner nach der Ankunft der europäischen Kolonisten massenhaft durch Pocken und Masern dahingerafft wurden, war die Ursache und das Erscheinungsbild der sogenannten »Cocolitzli-Epidemie« (Nahuatl übers. „Große Pest“) im Zeitraum zwischen 1545-1550 auf dem Gebiet des heutigen Mexikos völlig unbekannt (Abb. 3). 

Montag, 29. August 2016

Zerstörungen am Tempel von Mayonikha

Anfang Juli gab es erste Meldungen über religiös begründete Zerstörungen an dem Tempel von Mayonikha in San Bartolo Tutotepec im Bundesstaat Hidalgo in Zentralmexiko. Dier Zerstörungen lagen damals schon Monate zurück, waren aber nicht den Behörden gemeldet worden. Der Tempel wird bis heute von der einheimischen Bevölkerung als Kultstätte genutzt.
In den ersten Berichten war die Rede davon, Jehovas Zeugen seien für die Zerstörungen verantwortlich, "weil die dort praktizierten Riten nicht ihren christlichen Vorstellungen entsprochen haben". An den Zerstörungen waren jedoch Personen beteiligt, die früher aber selbst an den indigenen Praktiken teilgenommen hätten. Sie seien, nun aber zu einer christlichen Sekte - einer "Splittergruppe der katholischen Kirche", die eine ähnliche Bezeichnung nutze wie Jehovas Zeugen - übergetreten. Hinter dem vermeintlich religiösen Konflikt könnten also auch eher persönliche Motive eine Rolle spielen. Die indigene Gemeinschaft der Otomi will den Fall ohne staatliche Autoritäten klären. Die Anlage war auf ihren Wunsch nicht im offiziellen Denkmälerverzeichnis enthalten.
In diesem Kontext macht ein Artikel auf das Konfliktpotential aufmerksam, das im derzeitigen Vordringen Evangelikaler Gruppen in Mexiko und Guatemala liegt.

Links

Dienstag, 4. September 2012

Google Archaeological Site View und Google Museum View

Eben haben Google und die mexikanische Denkmalschutzbehörde INAH (Instituto Nacional de Antropología e Historia) das Programm einer Integration von archäologischen Fundstellen in Google StreetView vorgestellt.

Als Ziel der Kooperation mit Google nennt INAH, den kulturelle Reichtum Mexikos in der ganzen Welt bekannt zu machen und den Kulturtourismus zu intensivieren.

30 der Fundstellen sind bereits in Street View integriert:



  • Teotihuacan
  • Xochicalco
  • Monte Albán
  • Mitla
  • Yagul
  • Dzibilchaltún
  • Uxmal
  • Kabah
  • Ek Balam
  • Chichén Itzá
  • Kohunlich
  • Dzibanché
  • Chacchoben
  • Tulum
  • El Rey




  • El Meco
  • Cobá
  • Tula
  • Peralta
  • Plazuelas
  • Tzintzuntzan
  • Cholula
  • Xochitécatl
  • El Tajín
  • Paquimé
  • Becán
  • Cuicuilco
  • Palenque
  • Bonampak 
  • Comalcalco

Google Street View in Palenque
Die 'Entdeckung neuer Pyramiden in Ägypten', von prähistorischen Siedlungen in der arabischen Wüste (siehe Archaeologik) mittels GoogleEarth hat wiederholt großes Medienecho gefunden und zeigt die Möglichkeiten einer 'Fernprospektion'. Diese Möglichkeit nutzen auch meine eigenen Arbeiten zur präkolumbischen Landwirtschaft in Panama, die von Deutschland aus zur erstmaligen Identifizierung von raised fields im südlichen Mittelamerika führten (siehe Archaeologik). In vielen Fällen erlauben es die Luftaufnahmen, sich eine genauere Vorstellung von den Fundstellen selbst wie auch von deren Topographie und Umfeld zu verschaffen.

Die Möglichkeiten von Google StreetView liegen weniger im Bereich der Forschung als in der Denkmalpflege und Öffentlichkeitsarbeit liegen. Bereist vor Jahren waren Straßenansichten aus Pompei in GoogleMaps aufgenommen worden (allerdings nur die weniger einsturzgefährdeten Hauptstraßen.

Größere Kartenansicht

Mittels Google Street View Technologie sind bislang 17 Museen über das Google Art Project zugänglich. Ein Beispiel für die Anwendung im Museum liefert das Nationalmuseum in Bagdad (Archaeologik: Google Museum View - in Bagdad).
 


Größere Kartenansicht

Weitere archäologische Museen, die in der Google Art Gallery auch mittels Museum View zu besichtigen sind, sind beispielsweise:

Links



Montag, 9. April 2012

Mexikanische Polizei hält präkolumbische Grabhöhle für ein Massengrab der Drogenbanden

Im Süden Mexikos wurde in einer Höhle ein Massengrab mit den Überresten von mehr als 160 Personen entdeckt. Die Polizei vermutete die Relikte eines Bandenkriegs und ließ die Skelettreste unter Verzicht auf eine eingehende kriminaltechnische Dokumentation aus der Höhle schaufeln.
Tatsächlich handelte es sich um einen der größten präkolumbischen Höhlenbestattungsplätze der Region, der vollständig zerstört wurde.