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Samstag, 16. August 2025

Waldbrände in Europa ein Risiko fürs Kulturerbe: Las Médulas

Ein Blick auf Copernicus, den Emergency Management Service und dort insbesondere in EFFIS, das European Forest Fire Information System zeigt allein in den letzten 7 Tagen Brände in Spanien, Portugal, Südfrankreich, Süditalien, Wales und Griechenland, aber auch in Sachsen und Brandenburg. Desweiteren sticht auch das Kriegsgebiet in der Ost-Ukraine heraus. Hier brennen wohl nicht nur die Vegetation, sondern ganze Dörfer. EFFIS nutzt Infrarot-Satellitenbilder von Systemen wie MODIS und VIIRS, um Hotspots zu erkennen, also Bereiche mit erhöhter Temperatur, die auf mögliche Brände hindeuten könnten. 

aktuelle Brände in Europa
(Screenshot von EFFIS https://forest-fire.emergency.copernicus.eu/apps/effis_current_situation/
Copyright © European Union, 1995-2025, CC BY SA 4.0)


 

Diesmal sind es bemerkenswert wenige Berichte, die versuchen, ein Gesamtbild zu geben und die Schäden aufzuzeigen. Auch die üblichen Berichte zu den Folgen des Klimawandels sind erstaunlich spärlich.

Gewöhnen wir uns schon an diese Brände oder ist es mit den aktuellen Regierungen (und anderen Krisen) nicht mehr in, darüber zu reden und zu berichten?

Das Global Wildfire Information System (GWIS) und EFFIS bieten auf Copernicus basierend ein Statistikportal, zeigt dass europaweit die Zahl der Feuer wie die abgebrannte Fläche massiv angestiegen ist, weit über den 10-Jahres-Durchschnitt. 

wöchentlich abgebrannte Flächen in kumulativer Darstellung in Europa (EU)
rot: 2025
blau: 10-jähriger Durchschnitt,
grau hinterlegt: Bisheriges Minimum-Maximum
(Download von EFFIS https://forest-fire.emergency.copernicus.eu/apps/effis.statistics/seasonaltrend
Copyright © European Union, 1995-2025, CC BY SA 4.0)

 

Derartige frei verfügbare Zahlen nutzt nur ein Bericht zu Spanien (AL24news 11.8.2025). Hier war noch die Rede davon, dass gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres die verbrannte Fläche "nur" um etwa 9% gestiegen sei und deutlich unter dem 10-Jahresdurchschnitt liege. Nur die Zahl von bislang 14 Großfeuern läge mit Flächen von über 500 ha weit über dem 10-Jahresmittel. In einer Woche hat sich das Bild radikal verändert. Mit den Bränden der vergangenen Woche ist die 2025 bislang abgebrannte Fläche dreimal so groß wie im 10jährigen Durschschnitt. 

wöchentlich abgebrannte Flächen in kumulativer Darstellung in Spanien
rot: 2025
blau: 10-jähriger Durchschnitt,
grau hinterlegt: Bisheriges Minimum-Maximum
(Download von EFFIS https://forest-fire.emergency.copernicus.eu/apps/effis.statistics/seasonaltrend
Copyright © European Union, 1995-2025, CC BY SA 4.0)

Um das Bild abzurunden, gebe ich auch noch die Graphik zu Deutschland. Hier ist die 2025 bislang abgebrannte Fläche neun mal so groß wie im 10jährigen Durschschnitt und deutlich über dem bisherigen Maximum. 

wöchentlich abgebrannte Flächen in kumulativer Darstellung in Deutschland
rot: 2025
blau: 10-jähriger Durchschnitt,
grau hinterlegt: Bisheriges Minimum-Maximum
(Download von EFFIS https://forest-fire.emergency.copernicus.eu/apps/effis.statistics/seasonaltrend
Copyright © European Union, 1995-2025, CC BY SA 4.0)

 


Auswirkungen auf Kulturdenkmale

Auf Archaeologik geht es im Kern jedoch weder um den Klimawandel noch um Medienkritik, sondern darum, wie die Wildfeuer/Waldbrände Kulturlandschaften und archäologische Stätten betreffen. Wie immer, findet das nur Aufmerksamkeit, wenn es um prominente Stätten, etwa UNESCO-Welterbe geht. Allerdings brennt (bzw. brannte) es in den vergangenen Tagen in vielen alten Kulturlandschaften, so in Nord-Portugal östlich von Viseu, in Südfrankreich zwischen Narbonne und Carcassonne, in Apulien, in Sizilien bei Agrigent, In Albanien und in Griechenland. Die Nachrichten geben  bislang wenig Informationen darüber, ob bzw. eher wie Kulturdenkmale von den Bränden betroffen sind. Das will im Augenblick nicht viel heißen, denn natürlich haben die Menschen dort gerade andere Probleme, als sich um Bodendenkmäler zu kümmern. 

Römische Minen von Las Médulas in Nordspanien 

So fokussieren die Berichte auf das UNESCO-Welterbe von Las Médulas in Nordspanien, eine römische Goldmine und ein ungewöhnliches Zeugnis vormoderner Umweltzerstörung. 

Die ruinierten Berge von Las Médulas: durch römischen hydromechanischen Bergbau abgetragene Hügelkette mit Reststümpfen.
(Foto: 80kmh - CC BY SA 4.0 via WikimediaCommons)

 

Auf BR24 und beim Deutschlandfunk habe ich im Radio Berichte  über das UNESCO-Welterbe Las Médulas gehört, online konnte ich das aber nicht finden.  Es sind vor allem arabische Medien, die über das bedrohte Kulturerbe berichten (AL24news, The Peninsula aus Qatar, SEE sowie AlJazeera) und die die Google-News ausspucken (Suchbegriffe Las Médulas UNESCO bzw. heritage fire, Region & Sprache English (UK)). The Newzealand Herald greift auf eine Meldung von AFP zurück, die bei den deutschen Medien offenbar wenig Interesse gefunden hat. Hier greift vor allem ein Reise-Magazine das Thema auf.

 

Las Médulas ist ein römisches Goldbergwerk des 1. und 2. Jahrhunderts n.Chr., das mit sog. hydromechanischem Bergbau betrieben wurde, d.h. mit hoher Wasserkraft wurde der Boden abgeschwemmt. In Las Médulas musste man das Wasser über 100 km in mindestens sieben Wasserleitungen herleiten: Das Wasser wurde dann in großen Becken gespeichert und dann durch Schächte und Stollen in den Berg geleitet, wo es die aus Lehm bestehenden Berge geradezu sprengte und abschwemmte. Die goldführenden Schichten wurden damit zugänglich und das Gold konnte ausgewaschen werden. Zurück blieben spektakuläre Bergruinen, die heute romantisch erscheinen, aber das Zeugnis früherer Umweltzerstörung sind.  Plinius der Ältere beschreibt das Verfahren der Goldgewinnung in ruinierten Bergen, berichtet aber nur von der Anlage von Stollen und Schächten, jedoch nicht vom Wassereinsatz (Plin., nat. hist. 33,70). Seit Jahren gelten archäologische Forschungen daher der Verifikation des Abbauverfahrens (z.B. Alejano et al. 2023). Für die römische Wirtschaft  waren diese Minen jedenfalls von großer Bedeutung. Im Vorland war im heutigen Léon seit 68 n.Chr. eine Legion stationiert. 

Wasserleitung zum Bergwerk von Las Médulas
(Foto: Karkeixa, CC BY 3.0 via Wikimedia Commons)

 
Bergwerk von Las Médulas
(Foto: 
David Perez, CC BY 3.0 via Wikimedia Commons)

EFFIS zeigt, wie das Feuer sich aktuell nach Osten weg vom Minengebiet verlagert, wo es sich vielleicht auslaufen wird, da hier bereits eine zweite Feuerfront das brennbare Material verbraucht hat. Aktuell breitet sich diese zweite Front nach Nordosten aus. Das Kernareal des Begbaugebietes wird in EFFIS als bereits abgebrannt markiert, obwohl hier nur wenige Brände lokalisiert sind.

aktuelle Brände in Las Médulas, 
Die blaue Beschriftung gibt Hinweise auf die archäologischen Spuren des Bergbaus.
(Screenshot von EFFIS https://forest-fire.emergency.copernicus.eu/apps/effis_current_situation/
Copyright © European Union, 1995-2025, CC BY SA 4.0, Ergänzungen ´[dunkel blau] durch R. Schreg)
 

Eine Bestandsaufnahme soll in Las Médulas auch erst vorgenommen werden, wenn das Feuer vollständig unter Kontrolle ist. Es verwundert akso nicht, dass aus den Medien keine genauen Angaben über Schäden zu gewinnen sind. Der Abgleich von Branddaten aus EFFIS mit dem Schutzgebiet von Las Médulas  zeigt indes, dass der südliche Teil des Denkmals  ein Schwerpunkt der Brände war. Hier sind die Relikte der römischen Bergbau-Infrastrktur, insbesondere von Kanälen und Staubecken zu finden, die weniger spektakulär sind als die ruinierten Berge, aber wichtig für das Verständnis des ganzen Betriebs. 


Das Feuer bedroht nicht nur die touristische Infrastruktur des Parkes sondern auch das Geländedenkmal. Die Hitzeinwirkung kann das Gestein mürbe machen und originale Oberflächen beispielsweise mit Bearbeitungsspuren zerstören. Auch freigelegtes Mauerwerk kann hier Schaden nehmen. Immerhin hat das Feuer bislang einen Bogen um eine Siedlung nordöstlich der ruinierten Berge gemacht. Im letzten Bericht an die UNESCO 2024 (Periodic Reporting Cycle 3, Section II) war das Risiko durch Wildfeuer noch als irrelevant eingestuft worden.

Das wirft die Frage auf, wie gut wir auf das Risiko der Wildfeuer und Waldbrände für Gelände- und Bodendenkmäler vorbereitet sind. 


Literaturhinweis

  • Alejno et al 2023: Leandro R. Alejano/ Elena Martín/ Ignacio Pérez-Rey/ Brais X. Currás/ Fco.-Javier Sánchez-Palencia, Roman gold exploitation at the archeological site of Las Médulas (NW-Spain) by means of Ruina Montium: a rock and fluid mechanics perspective. 15th ISRM Congress 2023 & 72 nd Geomechanics Colloquium  -  https://www.researchgate.net/publication/374752860
  • Sánchez-Palencia 2000 : F.-Javier Sánchez-Palencia (Hrsg.), Las Médulas (León). Un paisaje cultural en la Asturia Augustana (León 2000). 
     


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Montag, 7. April 2025

Niedrigwasser am Bodensee: Klimawandel betrifft auch Pfahlbauten

Aktuell werden insbesondere vom Untersee des Bodensees extrem nedrige Waserstände gemeldet. Der Hafen von Mannenbach gegenüber der Insel Reichenau auf der Schweizer Seite ist trocken gefallen.  Auch am Pegelstand Konstanz ist der Niedrigstand zu beobachten, doch ist insbesondere der Untersee betroffen. Der Durchfluss durch den Seerhein schafft  derzeit nicht genügend Wasser ausgleicht. Betroffen vom Niedrigwasser sind auch weitere Seen in der Schweiz, die bisher unkritisch gesehen werden,  

Ursache der neidrigen Wasserstände ist die aktuelle Trockenheit mit ausbeleibenden Regenfällen wie auch die geringe Menge an Schmelzwasser nach einem schneearmen Winterhalbjahr.  Seit 1974  war der Wasserstand nicht mehr so niedrig wie derzeit.

Wollmatinger Ried, März 2025. Nach der Aufnahme ist der Wasserstand weiter gesunken
(Foto: R. Schreg)

 

Die Uferzone des Untersee ist ein Kernberich des UNESCO-Welterbes "Prähistorischen Pfahlbauten um die Alpen". Hier liegen die Stationen auf der Insel Werd, Wangen-Hinterhorn, Hornstaad-Hörnle, Allensbach-Strandbad und Wollmatingen-Langenrain,. Inzwischen ist bekannt, dass sich in der Uferzone der Insel Reichenau auch mittelalterliche Palisadenanlagen unter Wasser erhalten haben. Daneben liegen in den Sedimenten der Uferzone aber auch Funde und Befunde der historischen Fischerei und Schiffahrt.

Unter Sauerstoffabschluß unter dem Wasserspiegel haben sich hier organische Reste erhalten, die anderswo längst verrottet sind. Schon vor Jahren wurde der Klimawandel als Risiko für den Erhalt der Pfahlbaustationen am Bodensee erkannt.  Problematisch ist nicht nur, dass Fundstellen trocken fallen und dadurch organische Reste dem Sauerstoff und der Verrottung ausgesetzt werden, sondern dass veränderter Wellengang bislang stabile Sedimente angreift und aberodiert. "Durch den Abtrag der schützenden Sedimentschichten treten die Kulturschichten oder Pfahlreste zutage, werden mikrobiell zersetzt oder durch Wellengang und Abrieb mit Sedimentpartikeln mechanisch zerstört. Bei winterlich niedrigem Wasserstand am Bodensee kommt es zusätzlich zum Ausfrieren der wassergesättigten Keramik und Bauhölzer, die daraufhin in ihre Bestandteile zerfallen (Frostsprengung,)" (Ostendorp u.a. 2007, 233).

Niedrige Wasserstände sind zwar ein wesentlicher Trigger der Forschung, haben überhaupt erst zur Entdeckung der Pfahlbauten überhaupt geführt. Immer wieder wurden Funde bei Niedrigwasser gemacht, so beispielsweise 2005/06 an der Insel Werd (EschenzTG), wo neben den Pfahlbauten auch Reste einer römischen Rheinbrücke sowie mittelalterliche Befunde  (https://archeobase.ch/ark:/17447/x34022). Zugleich aber sind die Niedrigstände eine Periode erhöhter Gefährdung durch Wellenschalg, Austrocknung, ggf. aber auch unkontrolliertes Absammeln.

Die genaue Situation ist bei jeder Fundstelle etwas anders, da teilweise noch schützende Schlickpakete vorhanden sind, die das aktuelle Risiko etwas abmildern. Die Fundstelle Wangen-Hinterhorn ist bereits im Sinne einer konservatorischen Überdeckung mit Geotextil und Kies abgedeckt und es erfolgt ein Monitoring durch das Landesamt für Denkmalpflege (Hagmann u.a. 2011, ). 

 

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Literaturhinweis

  • „Was haben wir aus dem See gemacht?“. Kulturlandschaft Bodensee Teil II – Untersee. Zweite Tagung der Projektgemeinschaft des Arbeitskreises Denkmalpflege am Bodensee, 12. Oktober 2001. Arbeitshefte Landesamt für Denkmalpflege 12  (Stuttgart 2001). -  ISBN 978-3-8062-1792-6 
  • S. Hagmann/ H. Schlichtherle/ U. Schlitzer, UNESCO-Welterbe. Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen. Denkmalschutz in Baden-Württemberg und Bayern (Stuttgart 2011) - https://www.unesco-pfahlbauten.org/fileadmin/media/pfahlbauten/PDF/Broschuere_Weltkulturerbe_Pfahlbauten.pdf
  • W. Ostendorp / H. Brem / M. Dienst / K. D. Jöhnk / M. Mainberger / M. Peintinger / P. Rey / H. Rossknecht / H. Schlichtherle / D. Straile, Auswirkungen des globalen Klimawandels auf den Bodensee. Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung 125, 2007, 199–244. - http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:352-opus-38282

 

 

 

Donnerstag, 3. Oktober 2024

Trend verpennt?

Der Podcast "Der Rest ist Geschichte" des Deutschlandfunks hat eine interessante Folge zur Geschichte der Forschungen zum Klimawandel und des Bewusstseins für ihn:

Um Archäologie geht es hier nicht, aber es ist eine interessante Folie für die jüngere Geschichte einer Umweltarchäologie. Es zeigt sich, wie spät Archäologie und Geschichte die Thematik  aufgegriffen haben - selbst heute hat man oft den Eindruck, dass es mehr um die Modebegriffe als um die Sache geht.

Samstag, 7. Januar 2023

Impulse aus dem Denkmalschutz: Solarpanele

In zahlreichen Bundesländern werden Denkmalschutzgesetze geändert, um regenerative Energien zu fördern. Meist ist nur von der Optik, selten von den Bodeneingriffen die Rede. Besonders sensibel sind jedoch Photovoltaik-Anlagen in historischen Stadtkernen oder auf Baudenkmalen.

Aktuell verbreiten verschiedene Medien die Nachricht über eine italienische Firma, die Solarzellen in Terrakotta-Optik produziert. Aufhänger ist deren Verwendung in den antiken Ruinen von Pompeji. 

Die Meldung ist Teil der Aktivitäten eines EU-finanzierten Projekts POCITYF. Dabei geht es speziell darum, denkmalgeschützte Altstädte in die Energiewende zu integrieren. An einigen Beispielstädten (übrigens ohne deutsche Beteiligung) sollen dazu technische Lösungen entwickelt werden.

Am 21.12. hat POCITYF eine Pressemeldung publiziert:

Es geht um Sonnenkollektoren, die  die Form antiker römischer Ziegel haben und mit denen in den Ruinen von Pompeji neue Schutzdächer gestaltet werden, die zudem vor Ort Energie erzeugen. 

rekonstruiertes Porticusdach an der Mysterienvilla in Pompeji
potentieller Einsatzort der Ziegel-PV-Anlage
(Foto: R. Schreg, 2016)



 

POCITYF sieht in den innovativen Lösungen, die mit dem archäologischen Park Pompeji und der portugiesischen Stadt Évora entwickelt wurden, eine Chance Energiegewinnung mit dem Erhalt kulturellen Erbes und Nachhaltigkeit zu verbinden. Alte Gebäude könnten so trotz der architektonischen und denkmalpflegerischen Einschränkungen zu einem Kapital werden.

Die Technik ist indes nicht neu. Die italienische Firma, die hier beteiligt war, produziert solche PV-Ziegel schon seit 2015 und wartet auf weitere Anwendungen, denn die Panele können auch in anderen Formen produziert werden, die die Optik von Holzverkleidungen oder Bausteinen aufnehmen. Die Module sind aus Polymeren hergestellt, wobei die Oberfläche lichtdurchlässig ist, so dass die integrierten Kollektoren fast so viel Energie erzeugen wie klassische Kollektoren.

Im Augenblick sind die Kosten noch deutlich höher als bei klassischen Kollektoren, doch ist das Anwendungsfeld auch wesentlich größer. Für denkmalgerechte Ziegel wird kaum eine große Serienfertigung möglich sein, da lokale historische Formate berücksichtigt werden müssen - prinzipiell ist es aber möglich, die Solarzellen in individuellen Formen zu produzieren.

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Montag, 19. September 2022

Windenergie: Energiebranche beschuldigt Denkmalschutz

Im April 2019 hat die "Fachagentur Windenergie an Land" ein Hintergrundpapier  Windenergie und Denkmalschutz vorgelegt. Damals wurde festgestellt, dass sich aus der Betrachtung der Windenergienutzung im Verhältnis zum Denkmalschutz kein grundsätzlicher Vorrang für einen der beiden Belange ergebe und beide Aspekte gleichberechtigt nebeneinander stünden. Inzwischen haben sich mit der neuen Ampel-Bundesregierung und der Energiekrise in Folge des russischen Kriegs gegen die Ukraine und den Westen die Prioritäten verschoben. Selbst Bayern will mit der bevorstehenden Änderung des Denkmalschutzgesetzes den bislang verzögerten Bau von Windrädern erleichtern. 

Aktuell kommuniziert die Windkraftbranche jedoch, der Ausbau der Windenergie ginge wegen des Denkmalschutzes nicht voran. 10% der Projekte lägen des wegen auf Eis.

Ein Bericht des rbb stellt einen Fall aus dem Norden Brandenburgs dar, in dem Anwohner tatsächlich mit Hilfe des Denkmalschutzes Windräder verhindern möchten. Wie so oft, gibt es nur eine formale lapidare Begründung, wonach die "gestalterische Komposition und das Erscheinungsbild" des Gartendenkmals Damitzow "in erheblicher Weise beeinträchtigt" werde. Dem Laien ist so etwas unverständlich, zumal offenbar schon der Denkmalcharakter eines alten Gutshauses und des zugehörigen Gartens nicht ausreichend erklärt ist. 

Wirtschaftsgebäude des Gutshofs von Damitzow
(Foto: Florian Koppe [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)


 

Eine Reportage von ntv geht speziell auf Darnitzow ein und verweist ebenfalls auf die bayerische Gesetzesinitiative:

Es ist ungut, wenn der Denkmalschutz instrumentalisiert wird, um ein paar Windräder zu verhindern. Denkmalschützer sollten sich bewusst sein, dass unerklärte/ unerklärliche Entscheidungen auf die Denkmalpflege zurückfallen, die dann leicht zur Zielscheibe wird. Im Unterschied zu anderen Energiegewinnungen sind die Einbußen in punkto Ästhetik reversibel. Wenn es Bedenken wegen Umweltproblemen und Folgen für die Gesundheit gibt, sollten das auch die Ansatzpunkte sein.

Weit problematischer sind die Bodeneingriffe, die für so ein Windrad erforderlich sind, da sie alle eine Zufahrtsmöglichkeit für Schwerlasttransorte brauchen, was massive Eingriffe in Bodendenkmäler bedeutet. Wenn sich hier die Zufahrten nicht so legen lassen, dass keine Bodendenkmäler tangiert werden, muss eben das Instrument der Rettungsgrabungen greifen, das mittlerweile meistens über das Verursacherprinzip finanziert ist. 

Betroffen sind dabei auch Flächen, die man lange für weitgehend gut geschützt ansah: Immer wieder weichen Windparks auch in Waldgebiete aus, die in oft in eher abgelegenen Gebieten liegen, die aber dicht mit Kulturlandschaftsrelikten von vorgeschichtlichen Grabhügeln und Ringwallanlagen über Altflure bis zu neuzeitlichen Kohlemeilern (letztlich übrigens Zeugen einer früheren Energiewende, die andeuten, dass nicht alles nachhaltig ist, was grüne Energie liefert) durchsetzt sein können.

Die Angriffe der Windenergiebranche auf den Denkmalschutz konzentrieent sich auf die Bau- und Kunstdenkmalpflege, die Archäologie wird auch in dem genannten Hintergrundpapier nicht thematisiert. Das kann erst mal positiv bedeuten, dass hier kein wesentliches Problem gesehen wird, kann aber auch bedeuten, dass bei künftigen Anpassungen der Denkmalschutzgesetze als Kollateralschaden auch die Archäologie leidet.

Die Diskussion um Windenergie und Denkmalschutz ist wichtig - bedenklich ist nur der Tenor, der Denkmäler als Problem und nicht als gesellschaftliches Gut darstellt. Deutlich wird, dass Grundbelange der Denkmalpflege nicht richtig vermittelt sind. Wenn etwa der bauliche Zustand oder die Tatsache dass oberirdisch nichts mehr sichtbar ist, als Argument gegen die Denkmaleigenschaft angeführt wird, zeigt sich, dass hier Erklärungsbedarf besteht. - Wobei auch in den Denkmalwissenschaften oft ein Denkmalbegriff gepflegt wird, der auf die Archäologie gar nicht anwendbar ist. Hier fehlt es vor allem an der Kommunikation des Denkmals als historische Quelle. Diese Eigenschaft wird nicht durch das Windrad beeinträchtigt, sondern allenfalls durch die vorgenommenen Bodeneingriffe.


Die Novellierung des Bayerischen Denkmalschutzgesetzes

Das bayerische Kabinett beschloss Anfang August 2022 eine Novellierung des Bayerischen Denkmalschutzgesetzes, das Solaranlagen auch auf Dächern von denkmalgeschützten Häusern, energetische Sanierungen an denkmalgeschützten Gebäuden und auch Windkraftanlagen im direkten Umfeld von Denkmälern erlauben soll. Ausgenommen sind von dieser Regel nur einige wenige Anlagen wie Schloß Neuschwanstein oder die Befreiungshalle in Kelheim. Vorgesehen ist, dass bei Windkraftanlagen auf eine Erlaubnispflicht verzichtet werden soll.

Da der Gesetzesentwurf mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege abgestimmt wurde, sollte davon auszugehen sein, dass dadurch die Belange der archäologischen Bodendenkmalpflege nicht einfach vergessen worden sind und vorliegende Erfahrungen aus der Praxis auch eingeflossen sind (was keineswegs selbstverständlich ist, siehe NRW).


 
Windräder in Rheinhessen (Foto: R. Schreg)

 

Verfahrensabläufe

Im konkreten Fall Damitzow wird der Vorwurf erhoben, dass sich die Denkmalpflege nicht bereits in die Regionalplanung eingebracht hätte und die denkmalpflegerische Ablehnung nun ganz überraschend gekommen sei (was nicht ganz stimmt, denn bereits vor mehr als einem Jahr hat das Handelsblatt am Beispiel Damitzow über denkmalpflegerische Bedenken und einen Entscheid vom Dezember 2020 berichtet).

Wichtig sind die jeweiligen Abläufe in den Genehmigungsverfahren. Ein Verzicht auf eine Erlaubnispflicht, darf nicht bedeuten, dass die Anträge gar nicht mehr der Denkmalpflege vorgelegt werden. Die Zeitschrift "Erneuerbare Energien" verweist auf das Beispiel eines Hügelgrabs ebenfalls in Brandenburg, in dessen Umgebung kein Windrad genehmigt wurde, Zitiert wird dazu Nadine Haase, Kommunikationsleiterin des Energieunternehmens Enertrag, die nicht versteht, dass auch die Umgebung eines Hügelgrabs unter Schutz steht und dass es völlig irrelevant ist, ob das Hügelgrab als solches gekennzeichnet ist und dass darauf ein Hochsitz steht. Sie denkt nur an den klassischen Umgebungsschutz im Sinne eines Sichtfelds. Wahrscheinlich aber dürfte bei der denkmalpflegerischen Entscheidung auch eine Rolle gespielt haben, dass im Umfeld des Grabhügels durchaus mit weiteren Bestattungen zu rechnen ist.

Energiewende und Denkmalpflege waren schon in letzter Zeit immer wieder ein Thema, aber offenbar gibt es da noch grundlegenden Kommunikationsbedarf.

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Sonntag, 16. Januar 2022

Als es zwei Grad kälter wurde

Ein Radiofeature des BR:

  • https://www.br.de/mediathek/podcast/radiofeature/als-es-zwei-grad-kaelter-wurde-was-die-kleine-eiszeit-ueber-den-klimawandel-heute-verraet/1846526


mit guten Gegenwartsbezügen

Sonntag, 21. November 2021

Klimageschichte brennt ab

Der National Park Service in den USA hat am 19.11.2021 eine Pressemeldung herausgegeben, die über das Schicksal der Sequoia-Mammutbäume in den jüngsten  Waldbränden in Kalifornien und der Sierra Nevada berichtet,

Auch deutsche Medien haben die Meldung aufgegriffen:

Feuer des KNP Complex im September 2021 in Sequoia and Kings Canyon National Park
(Foto: NPS [Public domain:Full Granting Rights] via NPGallery)


 

Der National Park Service teilt mit, dass als Ergebnis eines kürzlich erstellten Brandbekämpfungsplans geschätzt wird, dass infolge des Waldbände des seit September brennenden "KNP-Komplexes" in den Sequoia und Kings Canyon National Parks und des "Windy Fire" im Sequoia National Forest bis zu etwa 3.600 große Riesenmammutbäume (Stammdurchmesser > 4 Fuß) entweder durch Feuer getötet oder so schwer verbrannt wurden, dass sie innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre absterben werden. Diese Verluste machen etwa 3-5% der weltweiten Bestands großer Riesenmammutbäume aus. 

Riesenmammutbäume gelten seit Jahren als durch den Klimawandel bedroht, da ihnen in Kalifornien die Trockenheit zusetzte und zudem ein heimsicher Borkenkäfer nun auch die Mammutbäume befällt, was in den vergangenen 100 Jahren nie beobachtet worden ist. Der berühmte "Pioneer Cabin Tree" wurde 1880 ausgehöhlt, so dass zeitweise sogar Autos durchfahren konnten. Der wohl über 1000 Jahre alte Baum fiel, nachdem er bereits weitgehend vertrocknet war 2017 einem Sturm zum Opfer. Nach der NPS-Meldung sind in den letzten Jahren rund 14.000, etwa ein Fünftel des Bestands an Riesenmammutbäumen vernichtet worden. 

Prinzipiell sind Mammutbäume gut an Waldbrände angepasst. Ihre sehr dicke Rinde bietet Schutz vor dem Feuer, das gar dazu beiträgt, dass sich ihre Zapfen öffnen und die darin enthaltenen Samen für Mammutbäume freigesetzt werden. So schreibt die Pressemeldung des NPS, dass Riesenmammutbäume regelmäßig Feuer von geringer bis mäßiger Intensität benötigen, um eine gesunde Ökologie zu erhalten. Die Feuerbekämpfung im gesamten amerikanischen Westen hat indes zu dichteren Wäldern mit hoher Brennstofflast geführt, die in Kombination mit den durch den Klimawandel bedingten Dürren nun zu schwereren und zerstörerischeren Waldbränden führt.

Mammutbaum General Sherman
General Sherman Tree
(Foto: Henning Leweke
[CC by SA 2.0]
via WikimediaCommons)


Die Forschung hat seit langem die Bedeutung der alten Riesenmammutbäume als Quelle der Umwelt- und Klimageschichte erkannt (Hartesveldt u. a. 1975). Riesenmammutbäume können mehrere Tausnd Jahre alt werden und spiegeln mit ihren Jahresringen ihre Geschichte wieder. Schon 1990 konnten an 18 abgestorbenen feuervernarbten Bäumen im Mariposa Grove Teilquerschnitte beprobt und die Jahrringe und Brandnarben datiert werden. So ergab sich eine 1.438-jährige Chronologie von Waldbränden der Riesenmammutbäume (Sequoiadendron giganteum), die zeigt, dass Brände in Abständen von 1 bis 15 Jahren wiederkehrten. Dabei sind jedoch Veränderungen der Brandhäufigkeit auf Zeitskalen von Jahrhunderten erkennbar. Diese wiederholten Brände sind typisch für die Zeit vor der Besiedlung dieses Gebiets durch Anglo-Amerikaner. Solche Schwankungen der Brandhäufigkeit, wie auch die Zäsur durch das Vordringen der Siedler wurden auch bereits in früheren Studien festgestellt (z.B. Kilgore / Taylor 1979). 

Die große Brandhäufigkeit verringerte die Intensität der Brände und führte nur zu oberflächlichen Verbrennungen der Bäume (Swetnam u. a. 1990).  Die Pflege der Nationalparks ohne die indigene Landnutzung sowie die Feuerbekämpfung haben  im gesamten amerikanischen Westen zu dichteren Wäldern mit hoher Brennstoffbelastung geführt. Damit hat sich der Charakter der Waldbrände in der südlichen Sierra Nevada verändert.

Galten die Riesenmammutbäume bislang als weitgehend feuerresistent, so zeigt sich, dass des unter den Bedingungen von Klimawandel und moderner Landnutzung so nicht mehr gilt  Der NPS-Report verweist darauf, dass die aktuellen schweren bis mittelschweren Brände eine erhebliche Bedrohung für das Fortbestehen großer Mammutbäume darstellen. Weiträumige schwere Brände sind eine dramatische Veränderung gegenüber historischen Brandmustern. Historische Daten unter anderem aus den Baumringen zeigten, dass vor den Auswirkungen des Klimawandels und moderner Brandverhinderung keine derart große Zahl von großen Riesenmammutbäume verbrannt ist.

Dies deutet an, dass der Klimawandel - an den tausendjährigen Lebensspannen der Sequoia-Bäume gemessen - eine nie dagewesene Qualität erreicht hat , wobei es allerdings schwer fällt, den Faktor der veränderten Landnutzung exakt einzuschätzen.

Literaturhinweise

  • Kilgore / Taylor 1979: B. M. Kilgore/ D. Taylor, Fire History of a Sequoia-Mixed Conifer Forest, Ecology 60,1, 1979, 129–142
  • Swetnam u. a. 199
    T. W. Swetnam – R. Touchan – Baisan,Christopher H. Caprio,Anthony C. – P. M. Brown, Giant Sequoia Fire History in Mariposa Grove, Yosemite National Park, in: , Giant Sequoia Fire History in Mariposa Grove, Yosemite National Park (1990) unpag.
  • Hartesveldt u. a. 1975
    R. J. Hartesveldt / H. T. Harvey / H. S. Shellhammer / R. E. Stecker, Giant sequoia ecology. Fire and reproduction, Scientific Monograph Series. National Park Service. U.S. Department of the Interior 12 (Washington, D.C. 1975) - https://www.nps.gov/parkhistory/online_books/science/hartesveldt/index.htm

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Dienstag, 20. Juli 2021

Noch nie dagewesen? Hochwasser und Starkregen im Juli 2021 und im Juli 1342

Die Unwetter mit ergiebigem Dauer- und Starkregen, die im Juli 2021 in verschiedenen Regionen Mitteleuropas zu Überschwemmungen führten, wurden von Politiker*innen als "noch nie dagewesen" bezeichnet - so die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (https://www.swr.de/swraktuell/rheinland-pfalz/ot-dreyer-aus-landtag-katastrophe-noch-nie-dagewesen-100.html) oder auch der belgische Ministerpräsident Alexander De Croo (https://www.krone.at/2462785).

Noch nie dagewesen?


Juli 2021

Seit Mitte Juli haben Starkregen in verschiedenen Regionen Mitteleuropas zu starken Zerstörungen geführt. Häuser, Autobahnen und Bahnstrecken, aber auch Häuser und riesige Ackerflächen wurden weggerissen. Kleine Rinnsale schwollen zu mächtigen Strömen an. In Deutschland gibt es, Stand 19.7.2021 mehr als 165 Todesopfer. Anders als bei den vielen Hochwässern an den großen Flüssen Rhein, Donau oder Elbe, sind es nun eher kleinere Flüsse wie Kyll, Erft, Ahr oder Zinn und Aich, die durch regionale Starkregen in kürzester Zeit angeschwollen sind. In Erftstadt kam es zu Schluchtenreissen enormen Ausmaßes, im Berchtesgadener Land zu Murenabgängen. Häuser und Straßen wurden unterspült und weggerissen. 
Tief Bernd brachte enorme Regenmengen, von bis zu 250 l/ m² innerhalb von 24 Stunden. Normal sind in Deutschland etwa 85 l/m² im Monat Juli. Das Tiefdruckgebiet blieb für rund eine Woche über Mitteleuropa stabil und schaufelte warme und feuchte Luft über den Ostalpenraum nach Mitteleuropa und sorgte hier beständig für Schauer und Gewitter, die aber immer wieder zu Extremwetter ausarteten.
Normalerweise bringt der Juli in Deutschland rund 85 Liter pro Quadratmeter Regen. Doch Unwettertief BERND hat vor allem im Westen Deutschlands das Doppelte bis Dreifache dieser Regenmenge in ein bis zwei Tagen gebracht. Unglaublich! Regenschwerpunkt war die Stadt Hagen. Doch auch das Rheinland und die Eifel hat es so extrem erwischt wie selten zuvor


(mehr dazu bei www.wetter.de)

 
Normalerweise bringt der Juli in Deutschland rund 85 Liter pro Quadratmeter Regen. Doch Unwettertief BERND hat vor allem im Westen Deutschlands das Doppelte bis Dreifache dieser Regenmenge in ein bis zwei Tagen gebracht. Unglaublich! Regenschwerpunkt war die Stadt Hagen. Doch auch das Rheinland und die Eifel hat es so extrem erwischt wie selten zuvor.


(Quelle: www.wetter.de)

Normalerweise bringt der Juli in Deutschland rund 85 Liter pro Quadratmeter Regen. Doch Unwettertief BERND hat vor allem im Westen Deutschlands das Doppelte bis Dreifache dieser Regenmenge in ein bis zwei Tagen gebracht. Unglaublich! Regenschwerpunkt war die Stadt Hagen. Doch auch das Rheinland und die Eifel hat es so extrem erwischt wie selten zuvor.


(Quelle: www.wetter.de)

Normalerweise bringt der Juli in Deutschland rund 85 Liter pro Quadratmeter Regen. Doch Unwettertief BERND hat vor allem im Westen Deutschlands das Doppelte bis Dreifache dieser Regenmenge in ein bis zwei Tagen gebracht. Unglaublich! Regenschwerpunkt war die Stadt Hagen. Doch auch das Rheinland und die Eifel hat es so extrem erwischt wie selten zuvor.


(Quelle: www.wetter.de)

 
Normalerweise bringt der Juli in Deutschland rund 85 Liter pro Quadratmeter Regen. Doch Unwettertief BERND hat vor allem im Westen Deutschlands das Doppelte bis Dreifache dieser Regenmenge in ein bis zwei Tagen gebracht. Unglaublich! Regenschwerpunkt war die Stadt Hagen. Doch auch das Rheinland und die Eifel hat es so extrem erwischt wie selten zuvor


(mehr dazu bei www.wetter.de)

Juli-Regen mehr als verdoppelt

Normalerweise bringt der Juli in Deutschland rund 85 Liter pro Quadratmeter Regen. Doch Unwettertief BERND hat vor allem im Westen Deutschlands das Doppelte bis Dreifache dieser Regenmenge in ein bis zwei Tagen gebracht. Unglaublich! Regenschwerpunkt war die Stadt Hagen. Doch auch das Rheinland und die Eifel hat es so extrem erwischt wie selten zuvor.


(Quelle: www.wetter.de)

Juli 1342

Ein Blick in den Juli 1342 zeigt, dass es durchaus vergleichbare Situationen gab. 

1342 kam es ebenfalls wie 2021 zu Schluchtenreißen, Muren und enormen Überschwemmungen. Schriftliche und archäologische Quellen zeigen dies. Beispielsweise schildert aus dem 15. Jahrhundert im Kloster Eberbach entstandene Chronik der Bischöfe von Mainz die Situation etwa folgendermaßen:

Auch im Jahr 1342 kam es um das Fest Johannes des Täufers (24. Juni) und für mehrere Wochen (...)  zu einer großen Flut nicht nur von starkem Regen, sondern auch aus dem Verborgenen der Berge, Täler und Böden  überall hervorbrechend und herausfließend. Und so wurden in den meisten Provinzen, und besonders um die Flüsse Rhein und Main wie sonst überall Gemüse, Früchte, Gras, Gebäude, Tiere und Menschen in vielfältiger Weise und kläglich verwüstet. Köln, Mainz und Frankfurt standen weitgehend unter Wasser, so dass es einem Mann im Mainzer Dom fast bis zum Gürtel stand, den großen Turm über der Frankfurter Brücke beim Deutschhaus mit einem Teil der Brücke komplett mitriss und umstürzte. Außerdem kam es zu vielen Schrecken und Verlusten in verschiedenen Gegenden der Welt.

(Item anno domini MCCCXLII circa festum Johannis Baptiste et deinceps per plures ebdomodas temporibus reverendissimi patris et domini domini supradicti archiepi factum est diluvium magnum nun solum ex pluvia nimia, sed ex occultis montium, vallium et terre universalis meatibus erumpens et emanans, supereffluente.  Et adeo per plurimas provincias et maxime circa Renum et Mognum fluvios ac alibi omniquaque in frugibus, fructibus, feno, edeficiis, pecoribus et heu pluribus hominibus multiformiter et miserabiliter devastavit. Insuper maxima pars civitatum precipue Colonia, Maguncia, Franckfurt in medio fuerant aquarum,ita quod in maiori ecclesia Maguntina stetit fere usque ad cingulum hominis et turrim magnam super ponte Franckfurt apud domum Theutoricorum cum parte pontis diruit penitus et evertit, preterea plurima horribilia et dampnosa evenerunt in variis mundi provinciis..)

(Cronica de episcopis Moguntii. in: Fontes rerum Nassoicarum/ Die Geschichtsquellen des Niederrheingau's: 3. Sonstige Geschichtsquellen des Niederrheingaus,  gesammelt von F. W. E. Roth (Wiesbaden 1880), 155: -  https://www.dilibri.de/rlb/content/pageview/883206)

Die Stadt Frankfurt stand fast vollständig unter Wasser, die Bewohner flüchteten auf eine benachbarte Anhöhe, wo - nach einer allerdings späten Chronik (Leisner 1706, 532) - Notunterkünfte aus Holz und Stroh gebaut wurden. In Sachsenhausen bei Frankfurt hat 

"durch die grosse Gewalt am Stein-Werck zu Sachsenhausen neben der Teutschen Herrn Wiesen ein Loch sich eröffnet, so hundert Schuh in der Länge, fünfzig in der Breite und 20. in die Tiefe hatte darinnen viel Stein und Holtz gelegen" (Leisner 1706, 533).  

Hochwassermarken am Rathaus in Würzburg,
oben die Marke für 1342, die jedoch später übertragen wurde
(Foto: Roland.h.bueb [CC BY 3.0] via WikimediaCommons)


Die Datenbank tambora https://www.tambora.org , in der Nachrichten zu historischen Wetterereignissen gesammelt werden, verzeichnet - wenngleich bei weitem nicht vollständig - einige Einträge zum 21. Juli 1342. Angaben zur historischen Quellenkritik sind in dieser von Naturwissenschaftlern initiierten Datenbank etwas spärlich. Die Mehrzahl der Angaben zu 1342 stammt aus relativ späten Chroniken, oft erst des 17. Jahrhunderts, bei denen unklar bleibt, wie zuverlässig ihre Angaben im Einzelnen sind. Im Allgemeinen finden sich in den Chroniken Einträge wie 

"A.C. 1342 den 21. Julij fielen grosse Wolckenbrüche / und thaten die anlaufffende Wasser / sonderlich in den großen Städten / zu Frankfurt/ Würzburg/ Nürnberg/ Bamberg/ Erffurt/ Regenspurg/etc. gewaltigen Schaden / riessen daselbst die stattlichsten Brücken ein /" (Aldenberger 1615 via https://www.tambora.org/index.php/grouping/event/show?event_id=22970). 

 

Die Beispiele zeigen, wie vage die Angaben oft bleiben. Opferzahlen sind daraus nicht zu gewinnen. Schätzungen von mindestens 6000 Toten bleiben daher sehr unsicher. Vor allem aber ergibt sich aus den chronikalen Quellen ein Fokus auf die großen Flüsse und Städte, so dass die Kartierungen der Ereignisse nicht unproblematisch sind. Die Hochwasserstände an den Flüssen spiegeln oft den Wasserabfluss, aber nicht die Regionen der Unwetter. Diese sind in den schriftlichen Quellen kaum überliefert - aber geo- und landschaftsarchäologische Untersuchungen haben deutliche Spuren von Unwettern aus dem 14. Jahrhundert nachgewiesen.

 

Sturzfluten in Mittelgebirgen

(Geo-)Archäologische Forschungen im Sölling, im Spessart, im Schönbuch bei Tübingen oder in Oberfranken bei Kronach und Bamberg zeigen, wie gewaltige Wassermassen tiefe Schluchten in Siedlungen und Ackerland gerissen haben.

Rekonstruktion des wandernden Hochwasserscheitels der Juliflut 1342 im Einzugsgebiet
des Main nach Bauch 2019.
(Kartengrundlage: BerndH [CC BY-SA 3.0] via Wikimedia Commons, thematische Kartierung Martin Bauch via Bauch 2019, Eränzungen [Schluchtenreissen] R. Schreg [CC BY-SA 3.0] )


Die Dorfwüstung Winnefeld liegt im Südsölling, einem der großen Waldgebiete in Niedersachsen. Bis heute markiert die Kirchenruine die Lage des ehemaligen Dorfes, unweit der Stadtgründung Nienover und des Klosters Corvey. Die Siedlung erstreckte sich entlang der oberen Reiherbachaue über mehr als 1,5 km Länge. Nach einer früheren Nutzung des Areals in der Karolingerzeit scheint mit dem Landesausbau in der Region das Dorf neu begründet worden zu sein. Die spätromanische Dorfkirche wurde in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts errichtet. Östlich der Kirche befindet sich eine Geländedelle, in der, ebenso wie in der südlich anschließenden schmalen Talaue des Reiherbaches bei geoarchäologischen Untersuchungen Hinweise auf ein starkes Abflussereignis im 14. Jahrhundert gefunden wurden. Im Zeitraum von wenigen Stunden bis zu wenigen Tagen rissen hier kastenförmige Schluchten ein, wobei zum Ende des Ereignisses ein mächtiger Schutt- und Schotterkörper abgelagert wurde, in dem Tausende Keramikbruchstücke, Ziegelfragmente und Metallteile entdeckt wurden. Die Delle östlich der Kirche markiert wohl den Verlauf einer ehemaligen Straße, "die vom Abfluss des Starkregens auf ganzer Länge über eine Breite von 15m und eine Tiefe von 2,5-2,8m zerrissen wurde. Der Abfluss verbreiterte die Aue des Reiherbaches erheblich, mehrere Gebäude mit Inventar wurden fortgerissen." Archäologisch lässt sich anhand der Keramikfunde eine Datierung des Ereignisses in den Zeitraum von 1320 und bis vor 1400 n. Chr. erreichen. Bald danach wurde die Siedlung aufgegeben (Bork u.a. 2011; Beyer 2008; Stephan 2007).

Dorfkirche der Wüstung Winnefeld im Sölling.
Das Dorf wurde nach Starkregenereignissen aufgelassen
(Foto: Jan Stubenitzky (Dehio) [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)


Im südlichen Spessart liegt der Kirschgraben bei dem zur Gemeinde Heimbuchenthal gehörende Höllhammer. Von Westen mündet der Kirschgraben in das schmale Elsavatal, das hier durch einen Schwemmfächer weiter eingeengt wird. 2008 wurde mit einem größeren Bagger der Schwemmfächer untersucht. Im Kern fand sich eine fast 2 m mächtige Ablagerung, der neben Sand Grobmaterial bestehend aus eckigen, länglichen Sandsteinen enthielt. Die Steine wurden in der Schlucht ausgerissen, sie hatten eine Größe bis zu 140 cm und ein Gewicht von bis zu 650 kg. Hier muss eine gewaltige Flut durch den Kirschgraben abgelaufen sein. Aus Keramikfunden ergibt sich auch hier eine Datierung in das 14. Jahrhundert (Bork u.a. 2011).

2013 war anlässlich von Starkregen im Raum Tübingen und Reutlingen eine Erosionsrinne im Schönbuch Thema eines Blogposts auf Archaeologik (Schreg 28.2.2013). Untersuchungen der Universität Stuttgart konnten dort mittels 14C-Daten das Schluchtenreissen in die Mitte des 14. Jahrhunderts datieren (Beckenbach u.a. 2013).

Erosions-Gully bei der Neuen Brücke im Schönbuch .
(Foto: R. Schreg, 2013)

Sehr genau wurde ein Erosionsgully westlich von Friesen nahe Kronach in Oberfranken untersucht. Nahe einer mittelalterlichen Wüstung wurde eine Erosionsrinne erfasst, bei der sich ein Erosionsereignis der römischen Kaiserzeit nachweisen lässt. Eine Erosionsphase gehört in das frühe Mittelalter, intensive Bodenverlagerungen fallen ins 14. Jahrhundert. "In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts führten zwei intensive Starkregenereignisse stellenweise zum vollständigen Abtrag des Bodens und zur Exposition der anstehenden Verwitterungsdecke. Nach der Siedlungsaufgabe in der Mitte des 14. Jahrhunderts fand eine Bodenbildung unter Wald statt" (Dotterweich 2003, 28).

Nördlich von Bamberg liegt bei Kemmern der Wolfsgraben, für den aus schriftlichen Quellen hervorgeht, "dass spätestens ab dem Hochmittelalter das Einzugsgebiet des Wolfsgrabens für den Weinanbau genutzt wurde. Die extremen Starkregenereignisse in der ersten Hälfte des 14. Jahrhundert führten im Wolfsgraben zu intensiven Abflüssen, wodurch ältere (hochmittelalterliche) Kolluvien erodiert wurden und ein bis zu fünf Meter tiefes und 400 bis 500 Meter langes Kerbensystem entlang der Talsohle einriss. Noch während oder kurz nach diesem Ereignis lagerten sich entlang der Kerbenbasis grobsandige Kolluvien ab. Im Bereich von Hangunterschneidungen kam es zu Rutschungen" (Dotterweich 2003, 35; vgl. Schmitt 2003). Vor dem Spätmittelalter bestand hier eine relativ sanfte Kerbe, die möglicherweise schon sehr alt ist, wie Auswaschungen an Felsen am oberen Rand der heutigen Schlucht andeuten. Heute ist es eine tiefe, allerdings auch schon wieder teilweise verfüllte Schlucht, die auf den ersten Blick romantisch und abenteuerlich aussieht, tatsächlch aber Zeugnis eines verheerenden Starkregenereignisses ist.

Wolfsgraben bei Dörfleins nördlich Bamberg
(Foto: R. Schreg, 20.7.2021)





 

Weitere Beispiele gibt es aber auch weiter im Norden, so in der Wolfsschlucht bei Pritzenhagen/Oberbarnim, Brandenburg (Bork 2006). Im Voralpengebiet fehlen bisher einschlägige Befunde - möglicherweise jedoch lediglich aufgrund eines ungenügenden Forschungsstandes.

 

Überschwemmungen in der Eifel

In den Eifelmaaren haben Mainzer Bodenkundler umfangreiche Bohrkerne aus den Seeablagerungen untersucht (Sirocko u.a. 2009). Abhängig von den Jahreszeiten wurden hier in den Seen Sedimente abgelagert, die relativ gleichmäßige Schichten ausbilden. In mehreren Bohrungen sowohl im Ulmener Maar als auch im Holzmaar und im Schalkenmehrener Maar zeigte sich jedoch im 14. Jahrhundert eine auffallend dicke Ablagerungsschicht , die auf massive Sedimenteinträge durch Starkregen hinweist. Die Maare haben zumeist recht kleine Einzugsgebiete, aus denen das Oberflächenwasser zusammenfließt. Große Mengen Sediment lassen daher auf Starkregen schließen. Teilweise wurden auch größere Steine bis in die Mitte des Maars eingespült. 

 

Bohrungen Mainzer Geowissenschaftler auf dem Holzmaar in der Eifel
(Foto: R. Schreg 2007)


 

Die Datierung auf 1342 ist indes etwas positivistisch, da sie davon ausgeht, dass das 1342-Ereignis so heftig war, dass für solche Schichtbildungen kein anderer Zeitpunkt in Frage kommen kann. Diese Deutung hat einiges an Wahrscheinlichkeit für sich, da zahlreiche 14C-Datierungen die Chronologie eingrenzen lassen.

Es ist im Einzelfall schwer, solche Befunde eindeutig auf das Magdalenenhochwasser im Juli 1342 zu beziehen. Der Befund von Friesen mit zwei Hochwasserereignissen deutet darauf hin, dass wir es mit einer Phase zu tun haben, in der es öfters zu Hochwässsern kam. Das zeigen auch die schriftlichen Quellen, die mehrfach solche Sommerhochwässer erwähnen, wenn auch nicht mit annähernd ähnlichen Wasserständen. Zugleich zeigen derartige geoarchäologische Untersuchungen aber auch, dass solches Schluchtenreissen eng mit Phasen intensiver Landnutzung verbunden ist, die den Wasserabfluss beeinflusst (Dotterweich 2003; Bork 2006). 


Die ökologischen Hintergründe der 1342-Unwetter

Wie gesagt ergeben sich Übereinstimmungen und Differenzen zwischen dem Juli 2021 und dem Juli 1342. Inwiefern ist es nun möglich, darauf weitergehende Schlüsse aufzubauen? - für den Umgang mit dem Hochwasserrisiko heute einerseits und für das Verständnis der Situation 1342 andererseits?

Historisches Vergleichen bedeutet nicht, Vorgänge gleichzusetzen oder zu hierarchisieren, sondern es dient zunächst heuristisch (also mit dem Ziel, einen schlüssigen Erkenntnisweg zu finden) dazu, mögliche Zusammenhänge zu analysieren. Wir können also nicht die Wissenslücken 1342 mit den Informationen von 2021 stopfen oder umgekehrt 1342 dazu heranziehen Prognosen für das 21. Jahrhundert zu machen. Analogieschlüsse sind nur dort möglich, wo hinreichende Ähnlichkeiten festgestellt wurden, um tatsächlich aus chronologisch differenten Situationen auf gleichartige Wirk- und Kausalzusammenhänge zu schließen, die aber zunächst nur als Hypothese, nicht als gesichertes Wissen zu gelten haben.

2021 und 1342 sind von den Phänomenen ähnlich, möglicherweise auch von der Rolle der menschlichen Landnutzung. Unterschiedlich ist jedoch die Rolle des Klimawandels, denn 1342 steht am Beginn der Kleinen Eiszeit, während wir uns aktuell in einer tatsächlich noch nie dagewesenen Phase der beschleunigten Erwärmung befinden. Gleichwohl: Das 14. wie das 21. Jahrhunderts sind Phasen, in denen sich Klimasysteme umstellen und zu verschiedenen Umweltkrisen führen: Neben Dürren und Überschwemmungen auch Pandemien, wie Pest oder (der dank Wissenschaft vergleichsweise gut kontrollierten) Covid19-Pandemie.

Der Vergleich 2021 - 1342 wirft indes einige Fragen auf, die - zumindest teilweise - mit archäologischen Forschungen auch geklärt werden können Sollte sich hier ein deutlicheres Bild abzeichnen, sind durchaus Lehren für die Gegenwart zu erzielen. Von Interesse sind hier die ökologischen Zusammenhänge der Überflutungen, insbesondere im Hinblick auf die Rolle des Menschen.

offene Forschungsfragen

Dem krisenhaften 14. Jahrhundert war eine Phase des Wachstums und eines gewissen Wohlstands vorausgegangen, das eine Intensivierung der Landnutzung gesehen hat, die mit einer Verfestigung der dörflichen und urbanen Siedlungsstrukturen einher ging. Es ist aktuell ein spannendes Thema, inwiefern für die m.E. naheliegende und plausible Hypothese, dass diese Landnutzungsveränderungen für die Intensität der Hochwässer, aber auch die Pandemien bei Vieh und Mensch als ökologische Konsequenzen dieses Landnutzungswandels zu verstehen sind (vgl. Schreg 2019). Da wir viele ökologische Folgen dieser mittelalterlichen Prozesse nur über aktualistische Analogien erschließen können, birgt ein Vergleich 1342-2021 das Risiko eine Zirkelschlusses. Deshalb ist es wichtig, die historischen Quellen kritisch zu betrachten.

Bislang waren dazu v.a. die literarischen, chronikalischen Quellen ausgewertet, während die urkundlichen bzw. archivalischen Quellen, die z.B. Gerichtsverfahren überliefern, noch kaum beachtet sind. Ein Beispiel war hier auf Archaeologik Thema, nämlich eine Urkunde aus dem September 1342, die auf einen Streit des Esslinger Augustinerklosters mit dem Kloster Kaisheim zurückgeht, bei dem es um die Folgen eines Hangrutsches in Esslingen ging (Schreg 19.1.2013). S

Systematischer hat sich vor kurzem Martin Bauch (2019) der Magdalenenflut angenommen. Er hat dazu drei Fragen verfolgt:


"1. Die Gewinnung von neuen Details über den Verlauf, vor allem aber den sozio-ökonomischen Impact der Magdalenenflut aus der bisher kaum herangezogenen, nicht-narrativen Überlieferung, insbesondere was Versorgungskrisen und regulative Adaption angeht.
2. Die Verschränkung historischer Quellen mit naturwissenschaftlichen Daten, wo immer sich diese ergänzen oder korrigieren lassen; und das nicht zuletzt mit dem Ziel, andere natürliche Extremereignisse zu bestimmen, die bisher im Schatten der Juliflut von 1342 gestanden haben.
3. Die Relevanz von Extremereignissen für die vormoderne Infrastrukturgeschichte zu diskutieren und an dem Fall der Magdalenenflut gleichsam exemplarisch zu erproben, ob erste Ansätze mittelalterlicher Daseinsvorsorge ursächlich auf die singuläre Hochwassererfahrung zurückgeführt werden können" (Bauch 2019, [5]).


Der Blick in die nicht-literarische Überlieferung ermöglicht es, die Flutereignisse vom Juli 1342 in ein deutlich differenzierteres Bild einzuordnen. "Das Jahr 1342 war keineswegs ausschließlich von Hochwasser oder kontinuierlichem Niederschlag geprägt – vielmehr wechselten die Extreme vom schneereichen und kalten Winter 1341/42 zum frühen Tauwetter im Februar des Jahres samt Schneeschmelze und Eisstößen, dann lang anhaltende Trockenheit mit Begünstigungen von Stadtbränden. Dem folgten die extremen Niederschläge im Juli, die dann – wie zumindest für den Niederrhein gezeigt werden konnte – langanhaltende Überschwemmungen auslösten. Im Folgenden soll daher der Begriff der Magdalenenflut im Bewusstsein verwendet werden, dass wir es tatsächlich mit mehreren Flutereignissen der Jahre 1342/43 zu tun haben, die zudem um eine ausgeprägte Phase der Trockenheit im Frühjahr/ Frühsommer 1342 zu ergänzen sind" (Bauch 2019, [12]). Eine Schadensbilanz fällt im großen zeitlichen Abstand schwer, da eher zufällig überlieferte Reparaturen oder Wasserbaumaßnahmen meist nicht sicher mit lokalen Flutereignissen zu verbinden sind. Aventin beschreibt beispielsweise, dass 1345 

"in nidern Bairn zu obern Altach wolt die Thonau nur zu nahend dem closter werden, fras velt und wismat hinweck. Man grueb wol zehen jar aneinander ainen graben, der kaiser schuefs, muesten die nachpaurn darzue helfen, gestuend mêr dan tausend pfund Regenspurger; und ward also die Thonau in den neuen graben geworfen." (Aventin 1886, 493). 

In den Jahren nach 1342 lassen sich auch zahlreiche Brückenbaumaßnahmen belegen, bei denen oft unklar bleibt, inwiefern eine Zerstörung 1342 damit verbunden war.


Die Wetterlage 1342

Auf den ersten Blick zeigt die Karte eine Unwetterfront, die zwischen dem 19. und dem 25.7. 1342 von Südosten nach Nordwesten über Deutschland zog und in verschiedenen Regionen zu enormen Niederschlägen geführt hat. Dieses Bild führt zur Einschätzung einer sogenannte Vb-Wetterlage, bei der ein über dem Mittelmeer Wasser-gesättigtes Tiefdruckgebiet östlich an den Alpen vorbei zieht. Die Wolken regnen sich dabei nicht an den Alpen ab, sondern bringen Wassermassen nach Mitteleuropa. Das ist auch bei dem Tiefdruckgebiet Bernd der Fall, das Anfang Juli zu ersten Überschwemmungen im Nordosten Italiens geführt hat. Anders als für 1342 zu vermuten ist, zog Bernd jedoch nicht langsam von Südwest nach Nordost, sondern bewegte sich über Deutschland kleinräumig hin und her. Hier kam es am 10.7. zu Starkregen in Mainfranken, dann am 15.7. in der Eifel und am 17.7. wieder weiter im Süden am Alpenrand. Es handelt sich 2021 um eine sog. mitteleuropäische Troglage, die dazu führt, dass sich das Tief nicht bewegt, sondern längere Zeit mit geringen Bewegungen über Mitteleuropa verbleibt und einerseits kalte Luft und andererseits warme, feuchte Luft heranführt. Für 1342 ist solch eine Wetterlage ebenfalls denkbar, allerdings ist die Quellenlage zu dünn (Herget u.a. 2015). Zweifel an der Vb-Wetterlage 1342 wurden insbesondere deshalb geäußert, weil aus dem Voralpengebiet keine Hinweise auf Starkregen vorliegen (Böhm 2011, 153).

 

Urbanisierung und Dorfgenese

Nicht ausreichend sind die Quellen auch, um zu belegen, dass das Hochwasser 1342 durch die Veränderungen in der Landnutzung verursacht wurde - plausibel ist es allemal: Der Nutzungsdruck durch Bevölkerungswachstum und Urbansierung führte zur Einführung der Dreizelgenwirtschaft, die als große Innovation der mittelalterlichen Landwirrtschaft gilt und der entscheidende Produktionszuwächs zu verdanken seien. Das Prinzip des Fruchtwechsels ist indes schon alt bekannt - das entscheidende der Dreizelgenwirtschaft ist nicht der Wechsel von Sommer- und Wintergetreide und Brache, sondern deren gemeinsam gereglte Durchführung, die zur Ausbildung großer, im gleichen Rhythmus bewirtschafteten Ackerflächen führten. Das muss umfangreiche Umstrukturierungen der Feldflur bedeutet haben. Während zuvor die einzelnen Parzellen eingehegt sein musst, können innerhalb einer Zelge die Hecken zwischen einzelnen Parzellen wegfallen. Im Gegenteil: Erst das Roden der Hecken ermöglichte eine lückenlose Pflugbewirtschaftung und erschloß mitten im etablierten Wirtschaftsland neue Anbauflächen (Schreg 2018).

Mangels einer Altflurforschung fehlen dazu aber harte Daten, die diese zu vermutende Umgestaltung der Agrarlandschaft sicher belegen könnten (vgl. Schreg 2020; Schreg 2021).

weitergehende Konsequenzen?

Für das 14. Jahrhundert gilt es genauer zu untersuchen, inwiefern, die Veränderungen in den Siedlungsstrukturen und in der Landwirtschaft ökologische Konsequenzen hatten, die den Ausbruch der Pest zumindest begünstigten. Dabei dürfte den Auswirkungen der Landwirtschaft auf Hydrologie, Böden und Biodiversität - insbesondere auch die Nagerpopulationen betreffend - eine besondere Bedeutung zukommen. Bei archäologischen Grabungen - insbesondere auch bei den unter Zeit- und Kostendruck stehenden baubedingten Rettungsgrabungen -  wird darauf zu achten sein, dass die dafür wesentlichen Quellen und Daten auch tatsächlich erhoben werden - durch geoarchäologische Beprobung und einen adäquaten Umgang mit bioarchäologischem Proben- und Fundmaterial. Zudem muss Zeugnissen der Landnutzung mehr wissenschaftliche Aufmerksamkeit geschenkt werden (vgl. Schreg 2021).


untergegangene Erinnerung

Deutlich wird, dass die Erinnerung und die literarische Tradition die Unwetterereignisse auf die Tage um den Magdalenentag (22. Juli) und die großen Städte und Flüsse verengt hat. Im Gegensatz zur aktuellen medialen Berichterstattung, wo immer wieder Betroffene interviewt und Einzelschicksale thematisiert werden, wissen wir darüber für 1342 so gut wie gar nicht Bescheid. Informationen wie zu den Notbehausungen bei Frankfurt sind extrem selten. Vor allem die Geo-Archäologie macht die große zerstörerische Kraft des Wassers auch in kleinen Tälern deutlich - ein Aspekt, der in der Erinnerung und Wahrnehmung nicht nur von 1342 untergegangen ist. Auch bei modernen Überschwemmungen dominierten bis vor kurzem meist Bilder der überschwemmten Landschaften und von überfluteten Straßen. Handy-Bilder und Videos verändern dies, denn hier entsteht eine 'Dokumentation' während des Ereignisses selbst. Die aktuell verschiedentlich zu hörende Überraschung, dass auch in Mittelgebirgen und an kleineren Flüssen solche Überschwemmungen auftreten können, ist nicht zuletzt Folge eines medialen Wahrnehmungsfilters und eines fehlenden Bewusstseins der zeitlichen Dimension.

Das 14. Jahrhundert mag bei allen Unterschieden der damaligen Klimatrends wichtiges Orientierungswissen liefern - da es zeigen kann, wie selbst in vorindustrieller Zeit menschliches Wirtschaften erschreckende Konsequenzen hatte. Es mag helfen, uns zu sensibilisieren, indem mögliche Zusammenhänge thematisiert und näher untersucht werden. Klar ist: 2021 ist schon einmal dagewesen - und es mag hilfreich sein, sich bewusst zu machen, wie die Ereignisse 1342 in intensivierte Landnutzung und Klimawandel eingebettet waren.

Bislang ist mir der Vergleich 2021-1342 in den Medien noch nicht begegnet. Dieses Ereignis ist aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. Das zeigt beispielsweise auch eine Ausstellung des Umweltbüros der Stadt Mainz vor wenigen Jahren (2012), die die historischen Hochwässer in der Stadt thematisiert, dabei aber das extremste Hochwasser 1342 schlicht vergessen hat.

Immerhin: Die Google Search Console meldet mir, dass in der vergangenen Woche die Suchanfrage "magdalenenflut" auf Archaeologik auf Position #1 gefallen sei und immerhin 34,62 % der gesamten Website-Impressionen der Google-Suche auf Archaeologik verursacht hat. Das Interesse an den Zusammenhängen 2021 und 1342 scheint also doch sehr hoch zu sein.



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    https://www.tambora.org/index.php/grouping/event/show?event_id=22970
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  • Sirocko 2009
    F. Sirocko (Hrsg.), Wetter, Klima, Menschheitsentwicklung. Von der Eiszeit bis ins 21. Jahrhundert (Darmstadt 2009).
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    Hans-Georg Stephan, Fächerübergreifende archäologische Untersuchungen im Bereich der mittelalterlichen Dorfwüstung Winnefeld im Solling. Nachr. Niedersachsen Urgesch. 76, 2007, 199–255.
  • Umweltamt Würzburg 2004
    Das Hochwasser von 1342. Umweltamt Würzburg (17. Mai 2004). - ehem. http://www.wuerzburg.de/storage/med/umweltamt/263_1342_A3G.pdf - noch verfügbar unter https://web.archive.org/web/20060114102044/http://www.wuerzburg.de/storage/med/umweltamt/263_1342_A3G.pdf

Änderungsvermerk 25.7.2021:
Typos, fehlendes Zitat Herget u.a. 2015 in Literatur nachgetragen

 Anmerkung 14.8.2021:

An updated English version of this blogpost can be found at: https://bldeathnet.hypotheses.org/1231