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Donnerstag, 13. März 2025

Denkmal im Wald - Wanderausstellung in Eggolsheim

Unter Wald haben sich zahlreiche archäologische Geländedenkmäler erhalten.  In jüngerer Zeit haben die hochauflösenden digitalen Geländemodelle aus den Laserscanbefliegungen zahlreiche neue Strukturen zu erkennen gegeben.

Galten Denkmäöler im Wald lange Zeit als besonders geschützt, so sind sie heute von dem Maschineneinsatz in der modernen Forstwirtschaft, vom Bau von Windkraftanlagen (trotzdem besser als die Braunkohlelöcher) und von Sondengängern bedroht.

Eine Wanderausstellung "DenkMal im Wald! Kultur in der Natur", die als  ein Gemeinschaftsprojekt des Zentrums Wald-Forst-Holz Weihenstephan, des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege und des Vereins für Nachhaltigkeit ntstanden ist und von der Bayerischen Forstverwaltung unterstützt wurden, gibt auf 13 Schautafeln "einen tiefen Einblick in die oftmals verborgene Welt der Bodendenkmäler." 

Die Ausstellung zeigt Beispiele von Denkmälern, die sich im Wald erhalten haben und deren Gefährdungen. Sie spricht aber auch Schutzmöglichkeiten an, etwa die Möglichkeiten der modernen Forstwirtschaft zur bodenschonenden Nutzung des Waldes 



Die Wanderausstellung wird nun vom 13. März bis 10. April 2025 an der Fachoberschule Fränkische Schweiz in Eggolsheim  (im Schulgebäude Bahnhofstraße 55) zu sehen sein. Die Ausstellung wird am 13. März 2025 schulintern eröffnet und ist für einen größeren Interessentenkrei kostenlos von 10:00 bis 14:00 Uhr an den folgenden Samstagen (15., 22. und 29. März, 5. April 2025) zu besichtigen. 
 
Plakat der Fachoberschule in Eggolsheim
(m. freundl. Genehmigung)

 


Freitag, 21. Januar 2022

ARKUM-Nachwuchsworkshop

Der Arbeitskreis für historische Kulturlandschaftsforschung in Mitteleuropa e.V. (ARKUM) (demnächst mit neuer Homepage) versteht sich als Knoten in einem Netzwerk der historischen Kulturlandschaftsforschung in Mitteleuropa. Er fördert die interdisziplinäre wissenschaftliche Forschung, Information und Bildung auf dem Gebiet der Geschichte der Kulturlandschaft sowie der Kulturlandschaftspflege..

Dazu gehört auch die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, Am 17. und 18.6.2022 soll ein ARKUM-Nachwuchsworkshop in BambergStudierende aller relevanten Fachrichtungen eine Gelegenheit für fachlichen aaustausch und Venertzung bieten.

Näheree Informationen unter:

Dienstag, 20. Juli 2021

Noch nie dagewesen? Hochwasser und Starkregen im Juli 2021 und im Juli 1342

Die Unwetter mit ergiebigem Dauer- und Starkregen, die im Juli 2021 in verschiedenen Regionen Mitteleuropas zu Überschwemmungen führten, wurden von Politiker*innen als "noch nie dagewesen" bezeichnet - so die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (https://www.swr.de/swraktuell/rheinland-pfalz/ot-dreyer-aus-landtag-katastrophe-noch-nie-dagewesen-100.html) oder auch der belgische Ministerpräsident Alexander De Croo (https://www.krone.at/2462785).

Noch nie dagewesen?


Juli 2021

Seit Mitte Juli haben Starkregen in verschiedenen Regionen Mitteleuropas zu starken Zerstörungen geführt. Häuser, Autobahnen und Bahnstrecken, aber auch Häuser und riesige Ackerflächen wurden weggerissen. Kleine Rinnsale schwollen zu mächtigen Strömen an. In Deutschland gibt es, Stand 19.7.2021 mehr als 165 Todesopfer. Anders als bei den vielen Hochwässern an den großen Flüssen Rhein, Donau oder Elbe, sind es nun eher kleinere Flüsse wie Kyll, Erft, Ahr oder Zinn und Aich, die durch regionale Starkregen in kürzester Zeit angeschwollen sind. In Erftstadt kam es zu Schluchtenreissen enormen Ausmaßes, im Berchtesgadener Land zu Murenabgängen. Häuser und Straßen wurden unterspült und weggerissen. 
Tief Bernd brachte enorme Regenmengen, von bis zu 250 l/ m² innerhalb von 24 Stunden. Normal sind in Deutschland etwa 85 l/m² im Monat Juli. Das Tiefdruckgebiet blieb für rund eine Woche über Mitteleuropa stabil und schaufelte warme und feuchte Luft über den Ostalpenraum nach Mitteleuropa und sorgte hier beständig für Schauer und Gewitter, die aber immer wieder zu Extremwetter ausarteten.
Normalerweise bringt der Juli in Deutschland rund 85 Liter pro Quadratmeter Regen. Doch Unwettertief BERND hat vor allem im Westen Deutschlands das Doppelte bis Dreifache dieser Regenmenge in ein bis zwei Tagen gebracht. Unglaublich! Regenschwerpunkt war die Stadt Hagen. Doch auch das Rheinland und die Eifel hat es so extrem erwischt wie selten zuvor


(mehr dazu bei www.wetter.de)

 
Normalerweise bringt der Juli in Deutschland rund 85 Liter pro Quadratmeter Regen. Doch Unwettertief BERND hat vor allem im Westen Deutschlands das Doppelte bis Dreifache dieser Regenmenge in ein bis zwei Tagen gebracht. Unglaublich! Regenschwerpunkt war die Stadt Hagen. Doch auch das Rheinland und die Eifel hat es so extrem erwischt wie selten zuvor.


(Quelle: www.wetter.de)

Normalerweise bringt der Juli in Deutschland rund 85 Liter pro Quadratmeter Regen. Doch Unwettertief BERND hat vor allem im Westen Deutschlands das Doppelte bis Dreifache dieser Regenmenge in ein bis zwei Tagen gebracht. Unglaublich! Regenschwerpunkt war die Stadt Hagen. Doch auch das Rheinland und die Eifel hat es so extrem erwischt wie selten zuvor.


(Quelle: www.wetter.de)

Normalerweise bringt der Juli in Deutschland rund 85 Liter pro Quadratmeter Regen. Doch Unwettertief BERND hat vor allem im Westen Deutschlands das Doppelte bis Dreifache dieser Regenmenge in ein bis zwei Tagen gebracht. Unglaublich! Regenschwerpunkt war die Stadt Hagen. Doch auch das Rheinland und die Eifel hat es so extrem erwischt wie selten zuvor.


(Quelle: www.wetter.de)

 
Normalerweise bringt der Juli in Deutschland rund 85 Liter pro Quadratmeter Regen. Doch Unwettertief BERND hat vor allem im Westen Deutschlands das Doppelte bis Dreifache dieser Regenmenge in ein bis zwei Tagen gebracht. Unglaublich! Regenschwerpunkt war die Stadt Hagen. Doch auch das Rheinland und die Eifel hat es so extrem erwischt wie selten zuvor


(mehr dazu bei www.wetter.de)

Juli-Regen mehr als verdoppelt

Normalerweise bringt der Juli in Deutschland rund 85 Liter pro Quadratmeter Regen. Doch Unwettertief BERND hat vor allem im Westen Deutschlands das Doppelte bis Dreifache dieser Regenmenge in ein bis zwei Tagen gebracht. Unglaublich! Regenschwerpunkt war die Stadt Hagen. Doch auch das Rheinland und die Eifel hat es so extrem erwischt wie selten zuvor.


(Quelle: www.wetter.de)

Juli 1342

Ein Blick in den Juli 1342 zeigt, dass es durchaus vergleichbare Situationen gab. 

1342 kam es ebenfalls wie 2021 zu Schluchtenreißen, Muren und enormen Überschwemmungen. Schriftliche und archäologische Quellen zeigen dies. Beispielsweise schildert aus dem 15. Jahrhundert im Kloster Eberbach entstandene Chronik der Bischöfe von Mainz die Situation etwa folgendermaßen:

Auch im Jahr 1342 kam es um das Fest Johannes des Täufers (24. Juni) und für mehrere Wochen (...)  zu einer großen Flut nicht nur von starkem Regen, sondern auch aus dem Verborgenen der Berge, Täler und Böden  überall hervorbrechend und herausfließend. Und so wurden in den meisten Provinzen, und besonders um die Flüsse Rhein und Main wie sonst überall Gemüse, Früchte, Gras, Gebäude, Tiere und Menschen in vielfältiger Weise und kläglich verwüstet. Köln, Mainz und Frankfurt standen weitgehend unter Wasser, so dass es einem Mann im Mainzer Dom fast bis zum Gürtel stand, den großen Turm über der Frankfurter Brücke beim Deutschhaus mit einem Teil der Brücke komplett mitriss und umstürzte. Außerdem kam es zu vielen Schrecken und Verlusten in verschiedenen Gegenden der Welt.

(Item anno domini MCCCXLII circa festum Johannis Baptiste et deinceps per plures ebdomodas temporibus reverendissimi patris et domini domini supradicti archiepi factum est diluvium magnum nun solum ex pluvia nimia, sed ex occultis montium, vallium et terre universalis meatibus erumpens et emanans, supereffluente.  Et adeo per plurimas provincias et maxime circa Renum et Mognum fluvios ac alibi omniquaque in frugibus, fructibus, feno, edeficiis, pecoribus et heu pluribus hominibus multiformiter et miserabiliter devastavit. Insuper maxima pars civitatum precipue Colonia, Maguncia, Franckfurt in medio fuerant aquarum,ita quod in maiori ecclesia Maguntina stetit fere usque ad cingulum hominis et turrim magnam super ponte Franckfurt apud domum Theutoricorum cum parte pontis diruit penitus et evertit, preterea plurima horribilia et dampnosa evenerunt in variis mundi provinciis..)

(Cronica de episcopis Moguntii. in: Fontes rerum Nassoicarum/ Die Geschichtsquellen des Niederrheingau's: 3. Sonstige Geschichtsquellen des Niederrheingaus,  gesammelt von F. W. E. Roth (Wiesbaden 1880), 155: -  https://www.dilibri.de/rlb/content/pageview/883206)

Die Stadt Frankfurt stand fast vollständig unter Wasser, die Bewohner flüchteten auf eine benachbarte Anhöhe, wo - nach einer allerdings späten Chronik (Leisner 1706, 532) - Notunterkünfte aus Holz und Stroh gebaut wurden. In Sachsenhausen bei Frankfurt hat 

"durch die grosse Gewalt am Stein-Werck zu Sachsenhausen neben der Teutschen Herrn Wiesen ein Loch sich eröffnet, so hundert Schuh in der Länge, fünfzig in der Breite und 20. in die Tiefe hatte darinnen viel Stein und Holtz gelegen" (Leisner 1706, 533).  

Hochwassermarken am Rathaus in Würzburg,
oben die Marke für 1342, die jedoch später übertragen wurde
(Foto: Roland.h.bueb [CC BY 3.0] via WikimediaCommons)


Die Datenbank tambora https://www.tambora.org , in der Nachrichten zu historischen Wetterereignissen gesammelt werden, verzeichnet - wenngleich bei weitem nicht vollständig - einige Einträge zum 21. Juli 1342. Angaben zur historischen Quellenkritik sind in dieser von Naturwissenschaftlern initiierten Datenbank etwas spärlich. Die Mehrzahl der Angaben zu 1342 stammt aus relativ späten Chroniken, oft erst des 17. Jahrhunderts, bei denen unklar bleibt, wie zuverlässig ihre Angaben im Einzelnen sind. Im Allgemeinen finden sich in den Chroniken Einträge wie 

"A.C. 1342 den 21. Julij fielen grosse Wolckenbrüche / und thaten die anlaufffende Wasser / sonderlich in den großen Städten / zu Frankfurt/ Würzburg/ Nürnberg/ Bamberg/ Erffurt/ Regenspurg/etc. gewaltigen Schaden / riessen daselbst die stattlichsten Brücken ein /" (Aldenberger 1615 via https://www.tambora.org/index.php/grouping/event/show?event_id=22970). 

 

Die Beispiele zeigen, wie vage die Angaben oft bleiben. Opferzahlen sind daraus nicht zu gewinnen. Schätzungen von mindestens 6000 Toten bleiben daher sehr unsicher. Vor allem aber ergibt sich aus den chronikalen Quellen ein Fokus auf die großen Flüsse und Städte, so dass die Kartierungen der Ereignisse nicht unproblematisch sind. Die Hochwasserstände an den Flüssen spiegeln oft den Wasserabfluss, aber nicht die Regionen der Unwetter. Diese sind in den schriftlichen Quellen kaum überliefert - aber geo- und landschaftsarchäologische Untersuchungen haben deutliche Spuren von Unwettern aus dem 14. Jahrhundert nachgewiesen.

 

Sturzfluten in Mittelgebirgen

(Geo-)Archäologische Forschungen im Sölling, im Spessart, im Schönbuch bei Tübingen oder in Oberfranken bei Kronach und Bamberg zeigen, wie gewaltige Wassermassen tiefe Schluchten in Siedlungen und Ackerland gerissen haben.

Rekonstruktion des wandernden Hochwasserscheitels der Juliflut 1342 im Einzugsgebiet
des Main nach Bauch 2019.
(Kartengrundlage: BerndH [CC BY-SA 3.0] via Wikimedia Commons, thematische Kartierung Martin Bauch via Bauch 2019, Eränzungen [Schluchtenreissen] R. Schreg [CC BY-SA 3.0] )


Die Dorfwüstung Winnefeld liegt im Südsölling, einem der großen Waldgebiete in Niedersachsen. Bis heute markiert die Kirchenruine die Lage des ehemaligen Dorfes, unweit der Stadtgründung Nienover und des Klosters Corvey. Die Siedlung erstreckte sich entlang der oberen Reiherbachaue über mehr als 1,5 km Länge. Nach einer früheren Nutzung des Areals in der Karolingerzeit scheint mit dem Landesausbau in der Region das Dorf neu begründet worden zu sein. Die spätromanische Dorfkirche wurde in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts errichtet. Östlich der Kirche befindet sich eine Geländedelle, in der, ebenso wie in der südlich anschließenden schmalen Talaue des Reiherbaches bei geoarchäologischen Untersuchungen Hinweise auf ein starkes Abflussereignis im 14. Jahrhundert gefunden wurden. Im Zeitraum von wenigen Stunden bis zu wenigen Tagen rissen hier kastenförmige Schluchten ein, wobei zum Ende des Ereignisses ein mächtiger Schutt- und Schotterkörper abgelagert wurde, in dem Tausende Keramikbruchstücke, Ziegelfragmente und Metallteile entdeckt wurden. Die Delle östlich der Kirche markiert wohl den Verlauf einer ehemaligen Straße, "die vom Abfluss des Starkregens auf ganzer Länge über eine Breite von 15m und eine Tiefe von 2,5-2,8m zerrissen wurde. Der Abfluss verbreiterte die Aue des Reiherbaches erheblich, mehrere Gebäude mit Inventar wurden fortgerissen." Archäologisch lässt sich anhand der Keramikfunde eine Datierung des Ereignisses in den Zeitraum von 1320 und bis vor 1400 n. Chr. erreichen. Bald danach wurde die Siedlung aufgegeben (Bork u.a. 2011; Beyer 2008; Stephan 2007).

Dorfkirche der Wüstung Winnefeld im Sölling.
Das Dorf wurde nach Starkregenereignissen aufgelassen
(Foto: Jan Stubenitzky (Dehio) [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)


Im südlichen Spessart liegt der Kirschgraben bei dem zur Gemeinde Heimbuchenthal gehörende Höllhammer. Von Westen mündet der Kirschgraben in das schmale Elsavatal, das hier durch einen Schwemmfächer weiter eingeengt wird. 2008 wurde mit einem größeren Bagger der Schwemmfächer untersucht. Im Kern fand sich eine fast 2 m mächtige Ablagerung, der neben Sand Grobmaterial bestehend aus eckigen, länglichen Sandsteinen enthielt. Die Steine wurden in der Schlucht ausgerissen, sie hatten eine Größe bis zu 140 cm und ein Gewicht von bis zu 650 kg. Hier muss eine gewaltige Flut durch den Kirschgraben abgelaufen sein. Aus Keramikfunden ergibt sich auch hier eine Datierung in das 14. Jahrhundert (Bork u.a. 2011).

2013 war anlässlich von Starkregen im Raum Tübingen und Reutlingen eine Erosionsrinne im Schönbuch Thema eines Blogposts auf Archaeologik (Schreg 28.2.2013). Untersuchungen der Universität Stuttgart konnten dort mittels 14C-Daten das Schluchtenreissen in die Mitte des 14. Jahrhunderts datieren (Beckenbach u.a. 2013).

Erosions-Gully bei der Neuen Brücke im Schönbuch .
(Foto: R. Schreg, 2013)

Sehr genau wurde ein Erosionsgully westlich von Friesen nahe Kronach in Oberfranken untersucht. Nahe einer mittelalterlichen Wüstung wurde eine Erosionsrinne erfasst, bei der sich ein Erosionsereignis der römischen Kaiserzeit nachweisen lässt. Eine Erosionsphase gehört in das frühe Mittelalter, intensive Bodenverlagerungen fallen ins 14. Jahrhundert. "In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts führten zwei intensive Starkregenereignisse stellenweise zum vollständigen Abtrag des Bodens und zur Exposition der anstehenden Verwitterungsdecke. Nach der Siedlungsaufgabe in der Mitte des 14. Jahrhunderts fand eine Bodenbildung unter Wald statt" (Dotterweich 2003, 28).

Nördlich von Bamberg liegt bei Kemmern der Wolfsgraben, für den aus schriftlichen Quellen hervorgeht, "dass spätestens ab dem Hochmittelalter das Einzugsgebiet des Wolfsgrabens für den Weinanbau genutzt wurde. Die extremen Starkregenereignisse in der ersten Hälfte des 14. Jahrhundert führten im Wolfsgraben zu intensiven Abflüssen, wodurch ältere (hochmittelalterliche) Kolluvien erodiert wurden und ein bis zu fünf Meter tiefes und 400 bis 500 Meter langes Kerbensystem entlang der Talsohle einriss. Noch während oder kurz nach diesem Ereignis lagerten sich entlang der Kerbenbasis grobsandige Kolluvien ab. Im Bereich von Hangunterschneidungen kam es zu Rutschungen" (Dotterweich 2003, 35; vgl. Schmitt 2003). Vor dem Spätmittelalter bestand hier eine relativ sanfte Kerbe, die möglicherweise schon sehr alt ist, wie Auswaschungen an Felsen am oberen Rand der heutigen Schlucht andeuten. Heute ist es eine tiefe, allerdings auch schon wieder teilweise verfüllte Schlucht, die auf den ersten Blick romantisch und abenteuerlich aussieht, tatsächlch aber Zeugnis eines verheerenden Starkregenereignisses ist.

Wolfsgraben bei Dörfleins nördlich Bamberg
(Foto: R. Schreg, 20.7.2021)





 

Weitere Beispiele gibt es aber auch weiter im Norden, so in der Wolfsschlucht bei Pritzenhagen/Oberbarnim, Brandenburg (Bork 2006). Im Voralpengebiet fehlen bisher einschlägige Befunde - möglicherweise jedoch lediglich aufgrund eines ungenügenden Forschungsstandes.

 

Überschwemmungen in der Eifel

In den Eifelmaaren haben Mainzer Bodenkundler umfangreiche Bohrkerne aus den Seeablagerungen untersucht (Sirocko u.a. 2009). Abhängig von den Jahreszeiten wurden hier in den Seen Sedimente abgelagert, die relativ gleichmäßige Schichten ausbilden. In mehreren Bohrungen sowohl im Ulmener Maar als auch im Holzmaar und im Schalkenmehrener Maar zeigte sich jedoch im 14. Jahrhundert eine auffallend dicke Ablagerungsschicht , die auf massive Sedimenteinträge durch Starkregen hinweist. Die Maare haben zumeist recht kleine Einzugsgebiete, aus denen das Oberflächenwasser zusammenfließt. Große Mengen Sediment lassen daher auf Starkregen schließen. Teilweise wurden auch größere Steine bis in die Mitte des Maars eingespült. 

 

Bohrungen Mainzer Geowissenschaftler auf dem Holzmaar in der Eifel
(Foto: R. Schreg 2007)


 

Die Datierung auf 1342 ist indes etwas positivistisch, da sie davon ausgeht, dass das 1342-Ereignis so heftig war, dass für solche Schichtbildungen kein anderer Zeitpunkt in Frage kommen kann. Diese Deutung hat einiges an Wahrscheinlichkeit für sich, da zahlreiche 14C-Datierungen die Chronologie eingrenzen lassen.

Es ist im Einzelfall schwer, solche Befunde eindeutig auf das Magdalenenhochwasser im Juli 1342 zu beziehen. Der Befund von Friesen mit zwei Hochwasserereignissen deutet darauf hin, dass wir es mit einer Phase zu tun haben, in der es öfters zu Hochwässsern kam. Das zeigen auch die schriftlichen Quellen, die mehrfach solche Sommerhochwässer erwähnen, wenn auch nicht mit annähernd ähnlichen Wasserständen. Zugleich zeigen derartige geoarchäologische Untersuchungen aber auch, dass solches Schluchtenreissen eng mit Phasen intensiver Landnutzung verbunden ist, die den Wasserabfluss beeinflusst (Dotterweich 2003; Bork 2006). 


Die ökologischen Hintergründe der 1342-Unwetter

Wie gesagt ergeben sich Übereinstimmungen und Differenzen zwischen dem Juli 2021 und dem Juli 1342. Inwiefern ist es nun möglich, darauf weitergehende Schlüsse aufzubauen? - für den Umgang mit dem Hochwasserrisiko heute einerseits und für das Verständnis der Situation 1342 andererseits?

Historisches Vergleichen bedeutet nicht, Vorgänge gleichzusetzen oder zu hierarchisieren, sondern es dient zunächst heuristisch (also mit dem Ziel, einen schlüssigen Erkenntnisweg zu finden) dazu, mögliche Zusammenhänge zu analysieren. Wir können also nicht die Wissenslücken 1342 mit den Informationen von 2021 stopfen oder umgekehrt 1342 dazu heranziehen Prognosen für das 21. Jahrhundert zu machen. Analogieschlüsse sind nur dort möglich, wo hinreichende Ähnlichkeiten festgestellt wurden, um tatsächlich aus chronologisch differenten Situationen auf gleichartige Wirk- und Kausalzusammenhänge zu schließen, die aber zunächst nur als Hypothese, nicht als gesichertes Wissen zu gelten haben.

2021 und 1342 sind von den Phänomenen ähnlich, möglicherweise auch von der Rolle der menschlichen Landnutzung. Unterschiedlich ist jedoch die Rolle des Klimawandels, denn 1342 steht am Beginn der Kleinen Eiszeit, während wir uns aktuell in einer tatsächlich noch nie dagewesenen Phase der beschleunigten Erwärmung befinden. Gleichwohl: Das 14. wie das 21. Jahrhunderts sind Phasen, in denen sich Klimasysteme umstellen und zu verschiedenen Umweltkrisen führen: Neben Dürren und Überschwemmungen auch Pandemien, wie Pest oder (der dank Wissenschaft vergleichsweise gut kontrollierten) Covid19-Pandemie.

Der Vergleich 2021 - 1342 wirft indes einige Fragen auf, die - zumindest teilweise - mit archäologischen Forschungen auch geklärt werden können Sollte sich hier ein deutlicheres Bild abzeichnen, sind durchaus Lehren für die Gegenwart zu erzielen. Von Interesse sind hier die ökologischen Zusammenhänge der Überflutungen, insbesondere im Hinblick auf die Rolle des Menschen.

offene Forschungsfragen

Dem krisenhaften 14. Jahrhundert war eine Phase des Wachstums und eines gewissen Wohlstands vorausgegangen, das eine Intensivierung der Landnutzung gesehen hat, die mit einer Verfestigung der dörflichen und urbanen Siedlungsstrukturen einher ging. Es ist aktuell ein spannendes Thema, inwiefern für die m.E. naheliegende und plausible Hypothese, dass diese Landnutzungsveränderungen für die Intensität der Hochwässer, aber auch die Pandemien bei Vieh und Mensch als ökologische Konsequenzen dieses Landnutzungswandels zu verstehen sind (vgl. Schreg 2019). Da wir viele ökologische Folgen dieser mittelalterlichen Prozesse nur über aktualistische Analogien erschließen können, birgt ein Vergleich 1342-2021 das Risiko eine Zirkelschlusses. Deshalb ist es wichtig, die historischen Quellen kritisch zu betrachten.

Bislang waren dazu v.a. die literarischen, chronikalischen Quellen ausgewertet, während die urkundlichen bzw. archivalischen Quellen, die z.B. Gerichtsverfahren überliefern, noch kaum beachtet sind. Ein Beispiel war hier auf Archaeologik Thema, nämlich eine Urkunde aus dem September 1342, die auf einen Streit des Esslinger Augustinerklosters mit dem Kloster Kaisheim zurückgeht, bei dem es um die Folgen eines Hangrutsches in Esslingen ging (Schreg 19.1.2013). S

Systematischer hat sich vor kurzem Martin Bauch (2019) der Magdalenenflut angenommen. Er hat dazu drei Fragen verfolgt:


"1. Die Gewinnung von neuen Details über den Verlauf, vor allem aber den sozio-ökonomischen Impact der Magdalenenflut aus der bisher kaum herangezogenen, nicht-narrativen Überlieferung, insbesondere was Versorgungskrisen und regulative Adaption angeht.
2. Die Verschränkung historischer Quellen mit naturwissenschaftlichen Daten, wo immer sich diese ergänzen oder korrigieren lassen; und das nicht zuletzt mit dem Ziel, andere natürliche Extremereignisse zu bestimmen, die bisher im Schatten der Juliflut von 1342 gestanden haben.
3. Die Relevanz von Extremereignissen für die vormoderne Infrastrukturgeschichte zu diskutieren und an dem Fall der Magdalenenflut gleichsam exemplarisch zu erproben, ob erste Ansätze mittelalterlicher Daseinsvorsorge ursächlich auf die singuläre Hochwassererfahrung zurückgeführt werden können" (Bauch 2019, [5]).


Der Blick in die nicht-literarische Überlieferung ermöglicht es, die Flutereignisse vom Juli 1342 in ein deutlich differenzierteres Bild einzuordnen. "Das Jahr 1342 war keineswegs ausschließlich von Hochwasser oder kontinuierlichem Niederschlag geprägt – vielmehr wechselten die Extreme vom schneereichen und kalten Winter 1341/42 zum frühen Tauwetter im Februar des Jahres samt Schneeschmelze und Eisstößen, dann lang anhaltende Trockenheit mit Begünstigungen von Stadtbränden. Dem folgten die extremen Niederschläge im Juli, die dann – wie zumindest für den Niederrhein gezeigt werden konnte – langanhaltende Überschwemmungen auslösten. Im Folgenden soll daher der Begriff der Magdalenenflut im Bewusstsein verwendet werden, dass wir es tatsächlich mit mehreren Flutereignissen der Jahre 1342/43 zu tun haben, die zudem um eine ausgeprägte Phase der Trockenheit im Frühjahr/ Frühsommer 1342 zu ergänzen sind" (Bauch 2019, [12]). Eine Schadensbilanz fällt im großen zeitlichen Abstand schwer, da eher zufällig überlieferte Reparaturen oder Wasserbaumaßnahmen meist nicht sicher mit lokalen Flutereignissen zu verbinden sind. Aventin beschreibt beispielsweise, dass 1345 

"in nidern Bairn zu obern Altach wolt die Thonau nur zu nahend dem closter werden, fras velt und wismat hinweck. Man grueb wol zehen jar aneinander ainen graben, der kaiser schuefs, muesten die nachpaurn darzue helfen, gestuend mêr dan tausend pfund Regenspurger; und ward also die Thonau in den neuen graben geworfen." (Aventin 1886, 493). 

In den Jahren nach 1342 lassen sich auch zahlreiche Brückenbaumaßnahmen belegen, bei denen oft unklar bleibt, inwiefern eine Zerstörung 1342 damit verbunden war.


Die Wetterlage 1342

Auf den ersten Blick zeigt die Karte eine Unwetterfront, die zwischen dem 19. und dem 25.7. 1342 von Südosten nach Nordwesten über Deutschland zog und in verschiedenen Regionen zu enormen Niederschlägen geführt hat. Dieses Bild führt zur Einschätzung einer sogenannte Vb-Wetterlage, bei der ein über dem Mittelmeer Wasser-gesättigtes Tiefdruckgebiet östlich an den Alpen vorbei zieht. Die Wolken regnen sich dabei nicht an den Alpen ab, sondern bringen Wassermassen nach Mitteleuropa. Das ist auch bei dem Tiefdruckgebiet Bernd der Fall, das Anfang Juli zu ersten Überschwemmungen im Nordosten Italiens geführt hat. Anders als für 1342 zu vermuten ist, zog Bernd jedoch nicht langsam von Südwest nach Nordost, sondern bewegte sich über Deutschland kleinräumig hin und her. Hier kam es am 10.7. zu Starkregen in Mainfranken, dann am 15.7. in der Eifel und am 17.7. wieder weiter im Süden am Alpenrand. Es handelt sich 2021 um eine sog. mitteleuropäische Troglage, die dazu führt, dass sich das Tief nicht bewegt, sondern längere Zeit mit geringen Bewegungen über Mitteleuropa verbleibt und einerseits kalte Luft und andererseits warme, feuchte Luft heranführt. Für 1342 ist solch eine Wetterlage ebenfalls denkbar, allerdings ist die Quellenlage zu dünn (Herget u.a. 2015). Zweifel an der Vb-Wetterlage 1342 wurden insbesondere deshalb geäußert, weil aus dem Voralpengebiet keine Hinweise auf Starkregen vorliegen (Böhm 2011, 153).

 

Urbanisierung und Dorfgenese

Nicht ausreichend sind die Quellen auch, um zu belegen, dass das Hochwasser 1342 durch die Veränderungen in der Landnutzung verursacht wurde - plausibel ist es allemal: Der Nutzungsdruck durch Bevölkerungswachstum und Urbansierung führte zur Einführung der Dreizelgenwirtschaft, die als große Innovation der mittelalterlichen Landwirrtschaft gilt und der entscheidende Produktionszuwächs zu verdanken seien. Das Prinzip des Fruchtwechsels ist indes schon alt bekannt - das entscheidende der Dreizelgenwirtschaft ist nicht der Wechsel von Sommer- und Wintergetreide und Brache, sondern deren gemeinsam gereglte Durchführung, die zur Ausbildung großer, im gleichen Rhythmus bewirtschafteten Ackerflächen führten. Das muss umfangreiche Umstrukturierungen der Feldflur bedeutet haben. Während zuvor die einzelnen Parzellen eingehegt sein musst, können innerhalb einer Zelge die Hecken zwischen einzelnen Parzellen wegfallen. Im Gegenteil: Erst das Roden der Hecken ermöglichte eine lückenlose Pflugbewirtschaftung und erschloß mitten im etablierten Wirtschaftsland neue Anbauflächen (Schreg 2018).

Mangels einer Altflurforschung fehlen dazu aber harte Daten, die diese zu vermutende Umgestaltung der Agrarlandschaft sicher belegen könnten (vgl. Schreg 2020; Schreg 2021).

weitergehende Konsequenzen?

Für das 14. Jahrhundert gilt es genauer zu untersuchen, inwiefern, die Veränderungen in den Siedlungsstrukturen und in der Landwirtschaft ökologische Konsequenzen hatten, die den Ausbruch der Pest zumindest begünstigten. Dabei dürfte den Auswirkungen der Landwirtschaft auf Hydrologie, Böden und Biodiversität - insbesondere auch die Nagerpopulationen betreffend - eine besondere Bedeutung zukommen. Bei archäologischen Grabungen - insbesondere auch bei den unter Zeit- und Kostendruck stehenden baubedingten Rettungsgrabungen -  wird darauf zu achten sein, dass die dafür wesentlichen Quellen und Daten auch tatsächlich erhoben werden - durch geoarchäologische Beprobung und einen adäquaten Umgang mit bioarchäologischem Proben- und Fundmaterial. Zudem muss Zeugnissen der Landnutzung mehr wissenschaftliche Aufmerksamkeit geschenkt werden (vgl. Schreg 2021).


untergegangene Erinnerung

Deutlich wird, dass die Erinnerung und die literarische Tradition die Unwetterereignisse auf die Tage um den Magdalenentag (22. Juli) und die großen Städte und Flüsse verengt hat. Im Gegensatz zur aktuellen medialen Berichterstattung, wo immer wieder Betroffene interviewt und Einzelschicksale thematisiert werden, wissen wir darüber für 1342 so gut wie gar nicht Bescheid. Informationen wie zu den Notbehausungen bei Frankfurt sind extrem selten. Vor allem die Geo-Archäologie macht die große zerstörerische Kraft des Wassers auch in kleinen Tälern deutlich - ein Aspekt, der in der Erinnerung und Wahrnehmung nicht nur von 1342 untergegangen ist. Auch bei modernen Überschwemmungen dominierten bis vor kurzem meist Bilder der überschwemmten Landschaften und von überfluteten Straßen. Handy-Bilder und Videos verändern dies, denn hier entsteht eine 'Dokumentation' während des Ereignisses selbst. Die aktuell verschiedentlich zu hörende Überraschung, dass auch in Mittelgebirgen und an kleineren Flüssen solche Überschwemmungen auftreten können, ist nicht zuletzt Folge eines medialen Wahrnehmungsfilters und eines fehlenden Bewusstseins der zeitlichen Dimension.

Das 14. Jahrhundert mag bei allen Unterschieden der damaligen Klimatrends wichtiges Orientierungswissen liefern - da es zeigen kann, wie selbst in vorindustrieller Zeit menschliches Wirtschaften erschreckende Konsequenzen hatte. Es mag helfen, uns zu sensibilisieren, indem mögliche Zusammenhänge thematisiert und näher untersucht werden. Klar ist: 2021 ist schon einmal dagewesen - und es mag hilfreich sein, sich bewusst zu machen, wie die Ereignisse 1342 in intensivierte Landnutzung und Klimawandel eingebettet waren.

Bislang ist mir der Vergleich 2021-1342 in den Medien noch nicht begegnet. Dieses Ereignis ist aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. Das zeigt beispielsweise auch eine Ausstellung des Umweltbüros der Stadt Mainz vor wenigen Jahren (2012), die die historischen Hochwässer in der Stadt thematisiert, dabei aber das extremste Hochwasser 1342 schlicht vergessen hat.

Immerhin: Die Google Search Console meldet mir, dass in der vergangenen Woche die Suchanfrage "magdalenenflut" auf Archaeologik auf Position #1 gefallen sei und immerhin 34,62 % der gesamten Website-Impressionen der Google-Suche auf Archaeologik verursacht hat. Das Interesse an den Zusammenhängen 2021 und 1342 scheint also doch sehr hoch zu sein.



Literaturhinweise

  • Aldenberger 1613
    J. Aldenberger, Fewer- Wasser- und Wein-Spiegel: WeinSpiegel / Das ist: Kurtze vnd ordentliche Verzeichnüß / wie Gott zu jederzeit in vielen Orten / vnnd sonderlich im Deutschland den Edlen Rebensafft reichlich bescheret. Auch die jenigen / so solchen schendlich mißbraucht / offtermals auff mancherley weiß ernstlich gestrafft. Aus vielen Geschichtsbüchern vnd täglicher Erfahrung (1615). - https://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb11256123-0 ,  hier zitiert nach
    https://www.tambora.org/index.php/grouping/event/show?event_id=22970
  • Bauch 2019
    M. Bauch, Die Magdalenenflut 1342 am Schnittpunkt von Umwelt- und Infrastrukturgeschichte. Ein compound event als Taktgeber für mittelalterliche Infrastrukturentwicklung und Daseinsvorsorge. NTM Zeitschrift für Geschichte der Wissenschaften, Technik und Medizin 27 (3), 2019, 273–309. - https://doi.org/10.1007/s00048-019-00221-y.
  • Beckenbach u.a. 2013
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    R. Schreg, Plague and Desertion – A Consequence of Anthropogenic Landscape Change? Archaeological Studies in Southern Germany. In: M. Bauch/G. J. Schenk (Hrsg.), The Crisis of the 14th Century. Das Mittelalter. Beih. 13 (Berlin, Boston 2019) 221–246. - https://doi.org/10.1515/9783110660784-011
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    R. Schreg, Feld-, Wald- und Wiesenarchäologie. In: W. Brassat (Hrsg.), Komplexität und Diversität des kulturellen Erbes. Forschungsbeiträge aus dem Institut für Archäologische Wissenschaften, Denkmalwissenschaften und Kunstgeschichte. Forschungen des Instituts für Archäologische Wissenschaften, Denkmalwissenschaften und Kunstgeschichte 10 (Bamberg 2020) 11–32 - urn:nbn:de:bvb:473-irb-487420.
  • Schreg 2021
    R. Schreg, Altflurrelikte als Quelle der Umweltgeschichte. Neue Fragen und Methoden. Denkmalpfl. Bad.-Württ. 50/1, 2021, 17–22. - https://doi.org/10.11588/nbdpfbw.2021.1
  • Sirocko 2009
    F. Sirocko (Hrsg.), Wetter, Klima, Menschheitsentwicklung. Von der Eiszeit bis ins 21. Jahrhundert (Darmstadt 2009).
  • Stephan 2007
    Hans-Georg Stephan, Fächerübergreifende archäologische Untersuchungen im Bereich der mittelalterlichen Dorfwüstung Winnefeld im Solling. Nachr. Niedersachsen Urgesch. 76, 2007, 199–255.
  • Umweltamt Würzburg 2004
    Das Hochwasser von 1342. Umweltamt Würzburg (17. Mai 2004). - ehem. http://www.wuerzburg.de/storage/med/umweltamt/263_1342_A3G.pdf - noch verfügbar unter https://web.archive.org/web/20060114102044/http://www.wuerzburg.de/storage/med/umweltamt/263_1342_A3G.pdf

Änderungsvermerk 25.7.2021:
Typos, fehlendes Zitat Herget u.a. 2015 in Literatur nachgetragen

 Anmerkung 14.8.2021:

An updated English version of this blogpost can be found at: https://bldeathnet.hypotheses.org/1231

Samstag, 26. Juni 2021

Eine marode Albsteige

Der 101. DGUF-Newsletter macht mich auf eine Diskussion in Blaubeuren aufmerksam, in der auch einige Fundstellen eine Rolle spielen, in denen wir in einem deutsch-amerikanischen Projekt vor einigen Jahren Grabungen durchgeführt haben (und an deren Publikation wir nach wie vor arbeiten).

Es geht um einen  wohl nicht untypischen Vorgang. Ein Straßenbauwerk ist marode - die Sonderbucher Steige, die als Kreisstraße von Blaubeuren auf die Albhochfläche mit den Ortsteilen Sonderbuch und Asch führt. Sie wurde wie viele andere Steigen, die die Albhochfläche erklimmen Ende des 19. Jahrhunderts errichtet und hat nun erhebliche Probleme. Aktuell muss sie aus Sicherheitgründen für LKW und Busse gesperrt werden. Stadtrat und Landkreis denken daher über eine Aufgabe und Neutrassierung nach. Das ganze scheint in einem sehr frühen Planungsstadium und dementsprechend dürfte die Denkmalpflege noch gar nicht involviert sein. Auch der Blaubeurer Gemeinderat will sich noch nicht positionieren.

Nur vage wird eine Alternativtrasse genannt, bei der der bestehende Albaufstieg der Bundesstraße 28 genutzt und dann eine völlig neue Straßentrasse von den Hessenhöfen nach Osten nach Sonderbuch geführt werden soll.



Größere Karte anzeigen


Das stößt nun auf Widerstand aus der Bürgerschaft, so dass am 20.6. eine Petition auf open petition eingerichtet wurde, die binnen kurzer Zeit über 2000 Unterstützer gefunden hat. Die Argumente gehen um den entstehenden Umweg und die  daraus resultierende Abwanderung der Kaufkraft wie auch die längeren Anfahrtswege bei Rettungseinsätzen.

Robert Bollow, langjähriger ehrenamtlicher Mitarbeiter der Denkmalpflege und ganz besonders an steinzeitlichen Funden interessiert, weisst nun auf den archäologischen/ denkmalpflegerischen Aspekt hin. Blaubeuren zählt immerhin zum UNESCO-Welterbe Höhlen und Eiszeitkunst der Schwäbischen Alb. Seiner Einschätzung, wonach eine Überplanung der Feldflur zwischen den Hessenhöfen und Sonderbuch eine bis heute weitgehend ungestörte, archäologische Fundlandschaft durchschneidet, kann ich nur zustimmen. Hier liegt neben potentiellenm Silexabbaustellen eine Siedlung der Stichbandkeramik, die durch Kolluvien überdeckt recht gut erhalten ist, durch eine Straßentrasse aber dennoch zerstört würde. Ausschlaggebend für die Testgrabungen 2006 war eine Fundstreuung an der Oberfläche, bei der sich aber herausgestellt hat, dass es sich hier um verlagerte Funde aus diesem Kolluvium handelt, was darauf hinweist, dass in der Umgebung weitere Siedlungsstellen liegen (Harris u.a. 2006).

 

Blick auf die Albhochfläche nördlich von Blaubeuren in Richtung Westen. Links im Bild Sonderbuch und der Hang mit der Sonderbucher Steige hinab nach Blaubeuren. Rechts oberhalb der Bildmitte die neolithische Fundstelle Sonderbuch, Grund und weiter im Hintergrund die Hessenhöfe. Die angedachten Straßentrassen würde hier durchziehen.
(Foto: R. Schreg, 26.8.2006)



 

An diesem alltäglichen Vorgang einer Diskussion um einen Straßenbau scheint mir bemerkenswert, wie schnell man tatsächlich noch immer dabei ist, weitere Landschaftseingriffe für den Straßenbau in Kauf zu nehmen. Es sind ja bei weitem nicht nur archäologische Gründe, die einen skeptisch auf den Flächenverbrauch und Autoverkehr schauen lassen sollten.  Im Lauf der Zeit sind die Bodeneingriffe für Straßenbauten auch immer massiver geworden - dazu brauchen wir nicht in die Zeit des Baus der Sonderbucher Steige zurückblicken, die einmal für Pferdefuhrwerke konzipiert worden war.  Geradlinige Straßenführungen nehmen immer weniger Rücksicht auf gewachsene Parzellenstrukturen und Geländeformationen. Auch für Kreisstraßen entstehen heute mal gerne massive Geländeeinschnitte und Brückenbauwerke (die irgendwann auch wieder marode sind). Ein nachhaltiger Umgang mit Landschaft sieht anders aus. Wahrscheinlich muss sich die Archäologie mehr Verbündete im Bereich des Umweltschutzes und der ökologischen Landwirtschaft suchen. 

Im lokalen Rahmen ist jedoch Geschichte noch immer eher Teil einer konservativen Gesinnung, wo sie der Abgrenzung von Identitäten, Legitimierungen und Glorifizierungen dient. Im Alltag geht es dabei gar nicht um große Geschichte, sondern um Ortsjubiläen, Straßenfeste und Heimatpatriotismus, wird aber nicht genauer reflektiert. Tatsächlich zeigt uns die Auseinandersetzung mit der Geschichte, welche Verantwortung wir für die Zukunft tragen und liefert aus sich heraus Argumente für einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen und Landschaft. Leider spielt ein historisches Bewusstsein im Umweltschutz oft eine geringe Rolle, obgleich doch erst die Geschichte Kriterien der Nachhaltigkeit liefern kann. 

Es ist ein Potential von Geschichte und Archäologie, für die Dimension der zeit und für unsere verantwortung zu sesiblisieren. Dies gelingt aber nur mit einem wissenschaftlichen Geschichtsbild,  das Zusammenhänge erforscht und nicht primär unterhalten oder Identität stiften will.  Ganz richtig ist daher auch Bollows Aufforderung an die Stadt, "nicht zuzulassen, dass beim Schutz von Archäologischen Stätten Abstriche gemacht werden und nur die als schützenswert eingestuft werden, die sich für den Tourismus eignen und Verantwortung für alle Denkmale beweisen. Nicht nur das Unesco .Welterbe ist von Bedeutung."

 

Links

Zu den Forschungen bei Sonderbuch:

 

Literaturhinweis

  • S. Harris/C. Knipper/L. Fisher u. a., Sondagegrabungen zur neolithischen Hornsteinnutzung in Blaubeuren-Sonderbuch. Arch. Ausgr. Bad.-Württ. 2006, 33–37.

 

Samstag, 5. Januar 2019

Bäuerliche Lebenswelten - eine Perspektive aus Massachusetts

Quentin P. Lewis

An Archaeology of Improvements in Rural Masachusetts.

Landscapes of Profit and Betterment at the Dawn of the 19th century
Contributions to Global Historical Archaeology


Cham, Heidelberg: Springer 2016


ISBN 978-3-319-36328-8 (Softcover)
ISBN 978-3-319-22104-5 (Hardcover)
ISBN 978-3-319-22105-2 (e-book)

236 Seiten

90,94 €, e-book: 71,39 €


Einen interessanten Kontrapunkt zur archäologischen Erforschung bäuerlicher Gesellschaften in Mitteleuropa setzt die Arbeit von Quentin Lewis. Er verfolgt die ländliche Siedlungsgeschichte am Beispiel von Deerfield im Nordwesten des US-Bundesstaates Massachusetts, etwa 130 km westlich von Boston nahe des Connecticut river gelegen. Ein zentraler Begriff der Arbeit ist das "improvement", was sich schwer ins Deutsche übersetzen lässt, da "Meliorisation", das eine ähnliche Zweideutigkeit hat, heute kaum noch gebräuchlich ist. Einerseits bezieht sich der Begriff auf eine Vervollkommnung der Kulturlandschaft in ästhetischer Hinsicht oder in Bezug auf andere idelle Werte, wie einem gestalteten Ortsmittelpunkt oder einer Klärung der Besitzverhältnisse, andererseits aber auf eine wirtschaftliche Ertragssteigerung.  


Deerfield, Massachusetts
(Foto: davidpinter [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)
Deerfield wurde im 17. Jahrhundert gegründet. Kapitel II schildert  seine Geschichte. Es  beginnt mit dem Naturraum und geht auch auf die Situation vor der europäischen Kolonisierung ein, als hier Algonkin-sprachige einheimische Stämme ansässig waren, die die Landschaft im Rahmen eines "mobile farming" mit dem Anbau von Bohnen und Kürbis nutzten und dazu kontrolliert den Wald brannten. 
Anders als etwa beim mittelalterlichen Landesausbau in Europa besitzen wir hier mit den um 1628 verfassten "Reasons for the Plantation in New England" ein ideologisches Manifest, das die Motive der Siedler und auch deren Landschaftsverständnis erkennen lässt. New England wurde als Wildnis gesehen, die Gott den von der Kirche verfolgten Puritanern als Rückzugsgebiet vorgesehen hätte. Der Verfasser, möglicherweise John Winthrop, verweist auf den sogenannten "Herrschaftsauftrag" (1. Mos., 28), auf den sich das Konzept des Improvement zurück führen lässt. Bemerkenswerterweise sieht das Manifest zwar eine Missionierung als Auftrag, angesprochen werden dabei aber nicht die - überhaupt weitgehend ausgeblendeten - Einheimischen, sondern die Jesuiten. Erst in der Entgegnung möglicher Einwände gegen die Besiedlung werden die Einheimischen erwähnt, deren Ansprüche aber abgewiesen werden, da sie das Land nicht ackerbaulich nutzten ("sowing and feeding").
Deerfield selbst wurde offiziell 1671 gegründet, seine Anfänge gehen aber auf eine Missionskirche zurück, die hier seit den 1650er Jahren bestand.


Kapitel II und IV gehen auf das Williams House ein, heute Teil des Freilandmuseums "Historic Deefield", erst das Innere, dann das Grundstück. Um das Gebäude wurden zwischen 1983 und 2001 zahlreiche kleine Sndagen durchgeführt, um das alte Geländerelief  vor Anlage des Gartens zu erfassen (S. 147ff.).
Auf der modernen Gebäudezufahrt  nördlich des Hauptgebäudes wurden etwa 35 m² in kleinen Quadratmater (oder sogar 1/4-Quadratmeter schnitten) untersucht, wo nach schriftlichen Quellen teilweise ein älteres Nebengebäude getsanden haben müsste, von dem ein möglicher Schwellstein erfasst wurde. Nach unseren  Maßstäben ist die Auswertung mittels Fundverteilungen etwas überzogen, da es sich nicht gerade um eine statistisch auswertbaren Datenbestand handelt. Eine Funddokumentation, die über Tabellen hinaus geht fehlt - selbstverständlich möchte man sagen.

Viel interessanter an dem Band ist daher auch das Verständnis bäuerlicher Lebenswelt, wie es in Kapitel 1 dargetsellt wird. Deutlich wird, dass die bäuerliche Lebenswelt mehr ist als die Analyse der Siedlungstopographie, der Höfe und Siedlungen oder der Stadt-Land-Kontrast. Vielmehr rückt das Soziale, nämlich das Symbolische oder die Formation von Traditionen in den Mittelpunkt (S. 8). Angesichts der auch für die USA zu konstatierende Sicht auf das alltägliche bäuerliche Leben als zeitlos traditionell und geschichtslos bietet die Archäologie ein Korrektiv, das "Improvement" auch dort zeigt, wo es die Schriftquellen ausblenden, beispielsweise in der individuellen Ausgestaltung des Hauses.

Während historische Archäologie in den USA in den vergangenen Jjahrzehnten vor allem die sozialen Gruppen thematisiert hat, die in den schriftlichen Quellen keine Stimme haben - schwarze Sklaven oder zunehmend auch indigene Gruppen - thematisiert vorliegender Band die weiße Mehrheit, die prinzipiell deutlich besser in den Schriftquellen präsent ist. Der archäologosch-materielle Blick hilft jedoch die Vielfalt des "Improvement" zu erfassen, das sich nicht direkt in den Schriftquellen spiegelt. Die Archäologie füllt jedoch nicht

Literatur

Freitag, 1. Juni 2018

CfP - Ruralia XIII Conference Stirling 2019: “Seasonal Settlement in the Medieval and Early Modern Countryside”

Insbesondere auch aus dem deutschen Raum sind Beiträge zu  saisonalen Siedlungen aus Mittelalter und Neuzeit für die nächste Ruralia-Konferenz gesucht.

By its very nature, ephemeral seasonal settlement is less well researched than permanent settlement. There has been a rash of recent work on transhumance a subject that has its own history and archaeology and has been variously researched in many parts of Europe. However, transhumance was only one facet of seasonal settlement. It was also necessitated by other forms of economic activity, such as fishing, following the movement of the herring shoals, or charcoal burning, as stocks of woodland are coppiced and burned, and even perhaps iron smelting with the exploitation of bog iron in Scotland, for example.

All of these leave particular forms of settlement and archaeology associated with the particular economic practice, and may vary in form according to the environment in which the activity is carried out: whether upland or lowland, coastal or inland, woodland or open pasture, mountain or plain (steppe). The types of buildings and structures that are constructed associated with summer settlement and the evidence for it being seasonal are key determinants of its relevance to this conference. The increased exploitation of resources in the medieval period with a growing population are drivers for this kind of activity which may have varied and developed according to the wider economy, of course, and should be reflected in the archaeology.

For Ruralia XIII Conference held in Stirling (Scotland, UK) 9th – 15th September 2019 we are seeking papers that address some of the questions outlined below that date to the longue durée of the medieval period. Sessions may be focused on particular areas of activity such as fishing or transhumance, or on particular chronological phases within the medieval period depending upon the level of interest shown. Papers which incorporate an interdisciplinary approach to landscape and land-use research are particularly welcome, for example, those combining geoarchaeology, palaeoenvironmental studies and historical documentary analysis.

Papers should address some of the following questions:
  • How do we recognise seasonal settlement? How do we know it is seasonal?
  • What form do these activities take and how was the associated settlement organised?
  • What is the environmental evidence for seasonal settlement? This may be proxy data such as pollen rain, physical evidence in the landscape of past land-use or environmental data from excavations of seasonal settlements of whatever kind.
  • What is the dating for these activities and how does it relate to other forms of evidence, including documentary sources?
  • How were these activities affected by economic drivers such as population growth and decline and consequent changes which may be reflected in the archaeology or in land-use change?
For more information at Ruralia and the modalities for participating at the conference please see:



Freitag, 24. November 2017

Ruralia auf facebook

Ruralia ist ein internationaler Verein für die Archäologie der bäuerlichen Lebenswelt des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Seine Hauptaktivität ist die im Zweijahresturnus stattfindende Konferenz, die die Grundlage für eine Publikationsserie bietet, die mittlerweile elf Bände umfasst.

Link


Interne Links 

Dienstag, 17. Januar 2017

Neuzeitliche Flussdynamik - Beispiele aus dem Maintal zwischen Eltmann und Haßfurt (Lkr. Haßberge, Bayern)

Gastbeitrag von Mark Werner

Erste konkrete Beschreibungen oder Zeichnungen des Maintals sind bislang ausschließlich aus der Neuzeit (ab 15. Jahrhundert) bekannt (Gerlach 1990). Mangelnde Kenntnisse zur Flussgeographie und -geologie verleiteten die historische Forschung bislang oft dazu, diese neuzeitlichen Verhältnisse (Flusslauf, Ausdehnung der Aue, Wasserführung, …) einfach in ältere Epochen zu übertragen. Die Folge waren und sind Interpretationen zur frühen Siedlungsgeschichte, die sich am Flusslauf des 19. Jahrhunderts orientieren. Aufgrund ausbleibender Beschäftigung mit der Flussgeschichte ist dieser grundlegende Fehler in vielen Chroniken eingeflossen und selbst belesenen Heimatforschern bis heute vielfach nicht aufgefallen. Der Main war auch hier bis ins 19. Jahrhundert ein mäandernder Fluss. Daher ist es eigentlich offensichtlich, dass man die Aue aus der Zeit der Uraufnahme um 1840, nicht über Jahrhunderte hinweg als identisch in Vor- und Frühgeschichte annehmen darf. Um dieses Problem zu verdeutlichen und ins Bewusstsein zu bringen, sollen die massiven Landschaftsveränderungen durch Flussmäander am Beispiel des Maintales noch einmal skizziert werden.
Der Charakter eines Flusses wird durch viele Faktoren bestimmt, die sich im Laufe der Geschichte grundlegend verändern können. Vor allem die Bewaldung und Bodennutzung im Einzugsgebiet, sowie in der Aue selbst, sind in Mitteleuropa seit dem Hochmittelalter grundsätzlich anders als in älteren Epochen. Es ist also zu erwarten, dass auch der Main selbst sich grundsätzlich verändert hat (Schirmer 1993).

Bis ins Frühmittelalter war das Einzugsgebiet noch großflächig von Laubwäldern und Weiden bedeckt, die dortigen Niederschläge verdunsteten weitgehend. Nur ein relativ geringer Anteil des Regenwassers kam zum Abfluss und speiste Grundwässer, Bäche u.s.w. (Bayer. Amt f. Wasserwirtschaft 2004, 24; Gerlach 2006). Ein intakter Laubwald kann durch sein Laubdach, die dicke und lockere Humusdecke am Boden und sein Wurzelwerk das Vielfache an Niederschlägen speichern und wieder verdunsten lassen, als offene Ackerflächen. Auf Weiden ist die Verdunstungsrate schon deutlich reduziert, aber immer noch wesentlich höher als auf Äckern. Durch den Siedlungsdruck des Hochmittelalters wurden große Flächen urbar gemacht, die Verdunstung im Einzugsgebiet sank, Versickerung und Abfluss nahmen zu. Folglich erhöhte sich die Wassermenge im Main, der Fluss wurde mächtiger und bis heute fließt mehr Wasser durchs Tal, als es in vorgeschichtlicher Zeit der Fall war. Vor allem die Hochwasserereignisse wurden häufiger und extremer. Ein einfaches Beispiel soll dies verdeutlichen: Bei Trunstadt am Main fließen heute durchschnittlich etwa 3,5 Mrd. Kubikmeter Wasser pro Jahr vorbei, während im Einzugsgebiet rund 9,6 Mrd. Kubikmeter Niederschläge fallen. Rund 36 % des Niederschlages kommen also zum Abfluss, der Großteil verdunstet jedoch. Erhöht man nun die Abflussleistung (z. B. durch Rodung) auf 20 % des Einzugsgebietes um „nur“ das Doppelte, erhöhte sich der Abfluss um 700 Millionen m³, der Abfluss des Maines würde also auch um 20 % mächtiger werden. Vor dem Hochmittelalter dürfte der Main eine Abflussleistung gehabt haben, die rund 25 % geringer war als heute (Winiwarter - Bork 2014, 23). Vor Beginn des Ackerbaus betrug der Abfluss vielleicht nur 50 % des heutigen. Also liefen einst Hochwässer, die hauptsächlich für die Erosionskraft und Mäanderbewegung eines Flusses verantwortlich sind (Gerlach 1990, 159), deutlich glimpflicher ab (Bayr. Landesamtes für Umwelt, 5). Die Speicherfähigkeit des Einzugsgebietes und die Schutzwirkung der Auewälder (Bayer. Amt f. Wasserwirtschaft 2004, 35) sorgten für länger anhaltende, jedoch deutlich niedrigere Hochwasserwellen. Ein schwächerer Fluss und sanftere Hochwasser waren also vor dem Mittelalter dafür verantwortlich, dass das Flussbett und die Aue (= flutgefährdeter Bereich des Tals) schmächtiger waren. Die Seitenerosionskraft des „kleineren“ Maines war natürlich auch geringer und deshalb bildeten sich kleinere Mäanderbögen aus. Diese zogen sich daher auch nicht über die gesamte Talbreite hinweg, wie dies in der Neuzeit, z. B. zwischen Limbach und Ziegelanger, der Fall war.



Diese Umstände boten also in der Vor- und Frühgeschichte umfangreiche siedlungsfähige Flächen im Flusstal, wo heute überschwemmungsgefährdete Aue liegen oder die Oberflächen schon längst durch Mäanderbewegungen seit dem Mittelalter abgetragen und umgelagert worden sind. So ist auch zu erklären, warum sich einst Siedler z. B. in Augsfeld oder Sandwörth niedergelassen haben, obwohl diese Orte heute im Überschwemmungsgebiet liegen. Viele unentdeckte Wüstungen dürften durch neuzeitliche Mäanderbewegungen verloren gegangen sein, wie z. B. die Wüstung Aschwinge bei Sand a. Main (Andraschke 2014). Zur Zeit der Erstbesiedlung dieser Niederlassungen waren die Siedlungsbereiche mit Sicherheit hochwasserfrei.

Die neuzeitliche Ausweitung der Flussaue, also des überschwemmungsgefährdeten Bereiches, die zwischen Eltmann und Sand a. Main nahezu die gesamte Talbreite erreichte, ist bis heute in zahlreichen Geländestrukturen, Wegen oder Grundstücksformen erkennbar, die durch den Main angeschnitten wurden. So waren z. B. die Gräben beiderseits der Flur „Wehrleinsleite“ (= etwa „Hang zum Stauwehr“) östlich von Sand a. Main einst Hohlwege, die ins Maintal führten (siehe Abb. 1). Der Fluss kappte jedoch diese Wege, die dadurch ihre Funktion verloren, verwilderten und bis heute als Gräben erhalten blieben. Ein weiteres Beispiel ist der Ort Knetzgau. Eine Ortsname mit sehr früher Erstbenennung (Tittmann 2002, 339-342), obwohl es jedoch der Siedlung lt. Uraufnahme offenbar an einer historischen West-Ost-verlaufenden Hauptstraße mangelt, die bei der heutigen Lage am Main zu erwarten wäre. Wäre diese Siedlung „von Anfang an“ am Main gelegen, hätte es diese Trasse jedoch mit Sicherheit geben müssen. Die naheliegende Lösung des Rätsels: die West-Ost-Achse existierte einst, diese lag jedoch weiter nördlich und wurde durch den stärker werdenden Main im Spätmittelalter oder in der frühen Neuzeit abgetragen. Bis heute quält sich der Verkehr durch Wege, die offensichtlich unter geringerem Verkehrsaufkommen entstanden sind. Durch die südwärtige Auenweitung wurde zwar Knetzgau offenbar abgedrängt, die Siedlung auf dem anderen Mainufer, also Augsfeld, gewann hingegen dadurch an Gemarkungsfläche, da der Fluss auch Grenze war. Eine Siedlung wurde also verdrängt, eine andere profitierte davon. Bei Ziegelanger (Stadt Zeil a. Main) ist noch heute anhand der Gemarkungsgrenze erkennbar, wie sich der Mainmäander einst in die Flur hinein „fraß“ und somit das Land an die gegenüber liegende Seite „übereignete“.

Die Veränderung der Abflussmenge im Main mag sich nach und nach vollzogen haben, Flusslaufverlagerungen und Auenverbreiterungen konnten jedoch bei extremen Hochwasserereignissen quasi „über Nacht“ entstehen. Vor allem in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts kam es zu außergewöhnlichen Wetterereignissen (Bork 1988, 52), die eine deutliche Veränderung der Talaue im Untersuchungsbereich bewirken mussten. Gipfel dieser Witterungskatastrophen war das Magdalenenhochwasser 1342, wo es zu Abflussmengen und Erosionsereignissen von einem Ausmaß kam, die ohne weiteres Beispiel in der Geschichte sind (Dotterweich - Bork 2007). Diese Katastrophe und die nahende Pest könnten der Anlass zur Anlage des „Urbar B“ durch den Bamberger Bischof anno 1348 gewesen sein. In dieser „Bestandsaufnahme“ wird Ziegelanger noch nicht als Dorf bezeichnet. Lediglich unter dem Abschnitt für Zeil werden Höfe „an dem Ziegelanger“ genannt (Mauer 1981, 255; 456). Es drängt sich förmlich die Vermutung auf, dass der heutige Ort durch Siedler geschaffen wurde, die zuvor im talwärtigen Siedlungsbereich von Zeil lebten. So ließt sich ein Schreiben des Bischofs Lamprecht von Prun an die Zeiler 1379 als Legitimation und Aufforderung zum Bau von Heimstätten im heutigen Stadtbereich von Zeil, da er sich entgegen der bisherigen Auffassung nicht auf den Bau der Zeiler Stadtmauer eziehen kann. Diese ist nach neueren archäologischen Erkenntnissen erst in die Zeit um 1420 zu datieren (Zeune o.J.).  Zum Verständnis muss man natürlich wissen, dass wir im Früh- und Hochmittelalter noch nicht mit den dichten dörflichen Siedlungsstrukturen rechnen dürfen, wie wir sie seit dem Spätmittelalter pflegen. Diesen ging eine aufgelockerte und weilerartige Siedlungsstruktur voraus, aus der sich erst in Hoch- und Spätmittelalter unsere heutige dörfliche Besiedlung entwickelte (Schreg 2006; Brather 2006).


Beispiele von siedlungsnahen Landverlusten seit dem Spätmittelalter

Die Verlagerungen der Mäander und Auenufer, die erst durch die Mainkorrektur in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beendet wurden, hinterließen bis heute deutlich sichtbare Spuren in der Landschaft.

Knetzgau

Die heutigen Sportplätze werden nur noch selten bei Hochwasser überflutet, ihre Flächen gehörten jedoch vor der „Mainkorrektur“ im 19. Jahrhundert zum Flußbett des Mains. Das Steilufer ist noch heute deutlich erkennbar. Das einstige Gelände, das seit dem Spätmittelalter abgetragen wurde, wird weiß schraffiert angedeutet. Die neuzeitliche Siedlungslage ist also erst durch Mäanderbewegungen des Flusses zu erklären.
Knetzgau: Steilufer
(Foto: Mark Werner, 28.12.2016)

Sand a. Main

Der Main des 19. Jahrhunderts ist in Form von Altwässern am nördlichen Ortsrand noch erkennbar. Auch hier hinterließ der Main seit dem Spätmittelalter ein Hochufer, das nichts anderes als ein Prallhang einer Mäanderbewegung war. Moderner Straßenbau hat das Steilufer „entschärft“.
Sand am Main: Altwässer am linken Bildrand (Schilf)
(Foto: Mark Werner, 28.12.2016)

Limbach (Stadt Eltmann)

Im Tal kann man weit im Hintergrund den heutigen Flusslauf anhand der Bäume erkennen. Die gesamte Fläche nördlich des Spitzenhügels (sein Anstieg siehe rechte Bildhälfte), eine Fläche von mehr als 60 Hektar, wurde seit dem Spätmittelalter vom Fluss umgelagert oder abgetragen. Sämtliche Spuren möglicher früherer Besiedlung auf diesen einst besiedlungsfähigen und attraktiven Flächen gingen hierdurch verloren.
Limbach
(Foto: Mark Werner, 28.12.2016)



Die Veränderungen der Aue, ausgelöst durch menschliche Eingriffe im Einzugsgebiet des Maines, hatten jedoch für die Anwohner nicht nur Nachteile. Von den stark ausgeweiteten Ackerflächen im Mittelalter floß nicht nur mehr Wasser oberflächlich ab, sondern es gelangten (teils bis heute) riesige Mengen fruchtbaren Bodens in den Fluß. Die Sedimentfracht an sich ließ den Strom zwar schon träger und breiter werden, vor allem werden jedoch bei Hochwassern die Sedimente in der Aue abgelagert. Dies führte im Maintal und anderen Flußsystemen dazu, dass sich die einst sandige und nur extensiv nutzbare Talniederung, durch Anreicherung mit Ablagerungen in fruchtbare Ackerböden verwandelte. Der Autor geht sogar davon aus, dass sandige Böden einst bewußt mit Lehm angereichert wurden, um ihre Fruchtbarkeit und Wasserspeicherfähigkeit zu erhöhen.

Die Anreicherung der sandigen Aue mit (Acker-)Boden erhöhte tendenziell auch das Talnvieau und förderte hierdurch zusätzlich die Auenverlegung in Randbereiche, die zuvor fernab des Flusses lagen. Dabei hinterlassen mäandernde Flüsse oftmals eine Rinne aus aneinandergereihten, ehemals tiefen "Mäanderspitzen". Die sog. "Nahtrinnen" (Schirmer 1988) bleiben oft gut erhalten, da sie bei Hochwassern durchspült oder von Bachläufen auf ihrem Weg zum Main hin "genutzt" werden. Eine solche Nahtrinne aus Altwässern und Senken bildet z. B. zwischen Knetzgau und Zeil auf weiten Strecken die sog. "Landwehr", deren Ursprung leider bislang noch nicht erforscht werden konnte.

Ebenfalls noch nicht untersucht wurde, wo und wie intensiv der einstige Sandabbau zum Betrieb der Ziegelei vorgenommen wurde, der dem heutigen Dorf Ziegelanger seinen Namen verlieh. Ziegel bestehen rund zur Hälfte aus Sand. Es ist naheliegend, hierfür die Siedlung des Namens Sand näher ins Blickfeld zu nehmen und es darf angenommen werden, dass sich der Sandabbau damals merklich auf die Auendynamik auswirkte.

Fazit

Der Main und vermutlich alle Flussläufe des 19. Jahrhunderts können weder in ihrem Verlauf, noch in ihrer Charakteristik, auf das Mittelalter und ältere Epochen übertragen werden. Deshalb sind alljene Aussagen zur Besiedlung in Vor- und Frühgeschichte an ihren Ufern mindestens zu prüfen, die Örtlichkeiten und Eigenarten des neuzeitlichen Flußlaufes benennen. So traurig es ist: wo und wie unsere Talsiedlungen und der Fluss im Hochmittelalter oder früher gelegen und ausgesehen haben, ist schlichtweg unbekannt. Alleine zwischen Augsfeld und Knetzgau oder Ziegelanger und Limbach gingen Landflächen an die Flussaue verloren, auf denen ganze Städte Platz gefunden hätten.
Aus diesem Grund darf man also an einem Fluß bei einer gewissen „Fundarmut“ aus der Vor- und Frühgeschichte keinesfalls auf eine „Siedlungslücke“ in diesen Epochen schließen. Gleichzeitig liefern uns Karten aus dem Spätmittelalter oder der frühen Neuzeit keinesfalls verlässliche Landschaftsbilder, die wir für ältere Epochen annehmen könnten.

Die verstärkte neuzeitliche Flussdynamik ist nicht nur deswegen von Interesse, weil sie bei historischen Untersuchungen meist vergessen wird. Sie ist auch ein umwelthistorisch bedeutsames Phänomen, illustriert sie doch, wie sehr der Mensch auch schon vor der industriellen Revolution unbewusst die Landschaft verändert hat. Diese Veränderungen haben massiv die Verkehrswege verändert. Neben dem Verlust von Wegetrassen war die größere Flussdynamik aber möglicherweise auch ein Grund dafür, dass sich im Spätmittelalter der Transport woh von des Flüssen auf die Strassen verlagert hat (Schreg 2013). Daraus sind aber auch neue Risiken der Überschwemmung entstanden, die immer wieder zum Verlust von Ackerflächen geführt haben.



Schematische Darstellung der Auenveränderung
(Entwurf M. Werner, Graphik: R. Schreg)


Literaturhinweise

Andraschke 2014
Joachim Andraschke: Die Wüstung Ansbiege bei Sand a. Main, unpubl. Skript, Gemeinde Sand, 2014

Bayer. Amt f. Wasserwirtschaft 2004
Bayrisches Amt für Wasserwirtschaft: Hochwasser – Naturereignis und Gefahr  (München 2004). - http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-babs-0000004191

Bayer. Landesamt f. Umwelt
Hochwasserschutz – damit ein Naturereignis nicht zur Katastrophe wird. Broschüre des Bayr. Landesamtes für Umwelt (München o.J.). - https://www.lfu.bayern.de/veranstaltungen/doc/ausstellung_hochwasser.pdf

Bork 1988
H.-R. Bork, Bodenerosion und Umwelt. Verlauf, Ursachen und Folgen der mittelalterlichen und neuzeitlichen Bodenerosion. Modelle und Simulationen, Landschaftsgenese und Landschaftsökologie 13 (Braunschweig 1988).

Bork – Winiwarter 2014
H.-R. Bork – V. Winiwarter, Die Geschichte unserer Umwelt. Eine Weltreise in 60 Stationen (Darmstadt 2014).

Brather 2006
S. Brather, Entwicklungen der Siedlungsarchäologie. Auf dem Weg zu einer umfassenden Umwelt- und Landschaftsarchäologie?, Siedlungsforsch. 24, 2006, 51–97.

Dotterweich – Bork 2007
M. Dotterweich – H.-R. Bork, Jahrtausendflut 1342, Archäologie in Deutschland 2007/4, 38–40

Gerlach 1990
R. Gerlach, Flußdynamik des Mains unter dem Einfluß des Menschen seit dem Spätmittelalter. Forsch. dt. Landeskde. 234 (Trier 1990)

Gerlach 2006
R. Gerlach, Holozän: Die Umgestaltung der Landschaft durch den Menschen seit dem Neolithikum, in: J. Kunow – H.-H. Wegner (Hrsg.), Urgeschichte im Rheinland, Jahrbuch 2005 (Köln 2006) 87–98 - http://www.uni-koeln.de/math-nat-fak/geographie/ag/radtke/pdf/pdf/mitarbeiter/gerlach/Gerlach-Urgeschichte-2006.pdf

Tittmann 2002
A. Tittmann, Hassfurt. Der ehemalige Landkreis, Historischer Atlas von Bayern. Teil Franken. Reihe 1 Heft 33 (München 2002).

Mauer 1977
H. Mauer, Chronik der Stadt Zeil am Main 2 (Zeil am Main 1977).

Schirmer 1993
W. Schirmer, Der menschliche Eingriff in den Talhaushalt, Kölner Jahrb. 26, 1993, 577–584.

Schreg 2006
R. Schreg, Die Archäologie des mittelalterlichen Dorfes in Süddeutschland. Probleme – Paradigmen – Desiderate, Siedlungsforsch. 24, 2006, 141–162.

Schreg 2013
R. Schreg, Verkehr und Umwelt - Herausforderungen und Interessenskonflikte in Mittelalter und früher Neuzeit, in: T. Fischer – H. G. Horn (Hrsg.), Straßen von der Frühgeschichte bis in die Moderne. Verkehrswege - Kulturträger - Lebensraum, ZAKMIRA-Schriften (Wiesbaden 2013) 147–167.

Zeune
Zeil am Main, Stadtmauer. Büro für Burgenforschung, Dr. Zeune - http://www.burgenforschung-zeune.de/pages/projekte_zeil3.htm






Mark Werner
ist Mitglied beim Historischen Verein Landkreis Haßberge e. V., der Gesellschaft für Archäologie in Bayern e. V. und dem Verein für Heimatgeschichte Eltmann e. V., sowie ehrenamtlich aktiv für das Landesamt für Denkmalpflege in Bayern. Sein Interessensschwerpunkt liegt auf der Landschaftsgeschichte im Maintal und Steigerwald. Im Hauptberuf ist er Verkaufsleiter.