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Samstag, 9. November 2024

Die Ruinen von Baalbek - Welterbe im palästinensisch-israelischen Krieg

Am 28.10.2023 forderte Israel die Bewohner von Baalbek im Nordosten des Libanon auf, die Stadt wegen bevorstehender Angriffe gegen die Hisbollah zu verlassen.

Baalbek ist bekannt wegen der gut erhaltenen römischen Tempel, die zum UNESCO-Weltkulturerbe rechnen: https://whc.unesco.org/en/list/294/

Bacchus-Tempel in Baalbek
(Foto: Lodo, CC BY SA 2.0 via WikimediaCommons)


Viel wurde in den deutschen Medien Ende Oktober über die bevorstehenden israelischen Angriffspläne berichtet. U.a.:

Und die Perspektive von Aljazeera, die der Stadtgeschichte relativ weiten Raum gibt:

Bereits fast zwei Wochen zuvor veröffentlichte ICOMOS ein Statement:

Wenig ist in den deutschen Medien nun über Opfer und Schäden der tatsächlich erfolgten Luftangriffe zu lesen.  Im September wurden bereits einige Ziele wenige Kilometer nördlich der Stadt angegriffen.

Bildmaterial verschiedener Agenturen (AFP,  ZUMAPress) zeigt nun massive Zerstörungen nur wenig von den Ruinen der römischen Thermen am Südwestrand des Denkmälerkomplexes entfernt. Die Zerstörungen betreffen den Bereich des berühmten, 1874 errichteten  Hotels Palmyra, eines der ältesten Hotels des Libanon, in dem neben dem deutschen Kaiser auch Nina Simone übernachtete (Spiegel 2016).  Seine Geschichte gilt als ein Abbild der Geschichte des modernen Libanon mit direktem Bezug zu dessen älterem Erbe.



In einem Artikel von 2012  hatten die Autoren die Risiken für das UNESCO- Kulturerbe in Baalbek diskutiert und neben dem Erdbebenrisiko und dem - teils durch Altrestaurierungen begünstigten - Zerfall der Ruinen auch bewaffnete Konflikte und den Toursimus als Risikofaktoren benannt (Smars u.a. 2012). Damals wurde als dringende Maßnahme eine genauer Dokumentation der Ruinen gefordert. Ob das inzwischen in Angriff genommen oder gar erledigt werden konnte, entzieht sich meiner Kenntnis. Immerhin kann hier auf ein schon seit 2001 laufendes Projekt des Deutschen Archäologischen Instituts verwiesen werden. Dabei ist auch eine 3D-Rekonstruktion des Tempelkomplexes entstanden. Zwischen 2016 und 2018 wurde ein vom Auswärtigen Amt finanziertes und vom DAI und dessen libanesischen Partner durchgeführtes Konservierungs- und Präsentationsprojekt durchgeführt, das größere Teile der archäologischen Stätten abdeckte (van Ess/ Abdul Massih 2021).

Die Prominenz von Baalbek führt den drohenden Kulturgutverlust auch im aktuellen palästinenisch-israelischen Krieg vor Augen. Dabei wurden im südlichen Libanon aber auch im Gazastreifen nach einigen Angaben  in den Social Media zahlreiche Moscheen, Schreine, Kirchen und historische Burgen zerstört, ohne dass dies im Augenblick genauer dokumentiert oder verifizierbar erscheint. Genannt werden u.a. die Kreuzfahrerburg Toron/Qalʿat Tibnīn.
 
 

 Literaturhinweise

  • Margarete van Ess/ Jeanine Abdul Massih, The Challenges Facing the World Heritage Site of Baalbek and the Importance of the Involvement of the German Archaeological Institute – German Expedition.  ICOMOS – Hefte des Deutschen Nationalkomitees 79, 2021, 69-77. DOI: https://doi.org/10.11588/ih.2021.1.87251
  • S.E. Paturel, Baalbek-Heliopolis, the Bekaa, and Berytus from 100 BCE to 400 CE, (Leiden 2019)  194-246. - https://doi.org/10.1163/9789004400733_010  
  • P.I. Smars. A. Seif, M. Santana, Defining the structural risk at the archaeological site of Baalbek. Tangible Risks, Intangible Opportunities: Long-term Risk Preparedness and Responses for Threats to Cultural Heritage (2012) 115-124. - https://smars.yuntech.edu.tw/papers/beijing2012.pdf

 weitere Links

 
 

Sonntag, 24. Oktober 2021

Palmyrenische Grabbüsten im Büro eines ehemaligen libanesischen Ministers

Ein Fernseh-Interview in Al Jadeed News mit dem Parlamentsabgeordneten und ehemaligen libanesischen. Ministers Nohad Machnouk zeigt im Hintergrund einige palmyrenische Reliefs und Büsten. Typologisch ist klar, dass sie aus Palmyra stammen und, da sie nirgends registriert seien, illegal außer Landes gekommen sein müssen.

Ausschnitt aus Al Jadeed News v. 10.10.2021
Hinter dem Abgeordneten N. Machnouk sind archäologische Funde zu erkennen
(Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=jT8n0OPDPhI)

Nun gibt es eine Diskussion um die Provenienz der Funde, die die syrische Zeitung Enab Baladi aufgreift.



 

Das Büro des Abgeordneten erklärt, dass die Funde schon seit mehr als zehn Jahren vor Ort und ordnungsgemäß beim libanesischen Kultusministerium gemeldet seien. Allerdings meint Saad Fansa, Mitbegründer und Corstandsmitglied der El-Adiyat Association for the Protection of Antiquities in Damascus, die Ovjekte identifizieren zu können. Demnach seien sie 2014/5 aus dem Museum in Palmyra gestohlen worden.

Zerstörungen im Museum von Palmyra 2016
(Foto: DGAM [CC BY SA 4.0]
via http://dgam.gov.sy/index.php?d=314&id=1957)

In dem Artikel in Enab Baladi, "an independent Syrian media organization that was founded in 2011" , wirft der syrische Journalist Omar al-Buniya der syrischen Alterrumsbehörde vor, selbst in die Plünderungen und den Antikenhandel verstrickt zu sein. Im Hinblick auf die fehlende Registrierung der palmyrenischen Statuen in Syrien wird der syrischen Altertumsbehörde vorgeworfen, sie würde dies bewusst nicht tun. Wieder einmal ist hier anzumerken, dass bei Plünderungen archäologischer Stätten eine Registrierung grundsätzlich nicht zu erwarten ist. Welcher Plünderer würde zur Raubgrabung den für Inventarisierung zuständigen Archäologen oder die Polizei einbestellen? Offenbar waren und sind auch einflussreiche Mitglieder des syrischen Regimes für die Plünderungen mitverantwortlich. Jedenfalls nennt der Artikel namentlich zwei hohe Offiziere des syrischen Militärs sowie allgemein Mitglieder von Militär und Geheimdiensten, die Berichte über diese Diebstähle unterbunden hätten.

Richtig ist, dass die Plünderungen in Palmyra nicht allein das Werk des IS sind. Schon vorher wurden hier in großem Ausmaß Gräber ausgeräumt, auch für deutsche Kunden (https://archaeologik.blogspot.com/2010/11/es-war-nacht-und-da-waren-schlangen.html), wie vor Jahren das Geständnis von Helmut Thoma gezeigt hat.


Der Fall des Nabu Museum

Der Fall wirft die Frage auf, welche Rolle der Libanon in der internationalen Antikenhehlerei spielt. Nicht nur, dass beim ehemaligen Innenminister Funde aus Palmyra auftauchen, auch ein Privatmuseum, das Nabu Museum in El-Heri, in Ras Al Shaqa’ im Norden des Libanon zeigt zahlreiche Funde, deren Provenienz fraglich ist. Es stellt sich auf seiner Homepage vor, “named after the Mesopotamian patron god of literacy, the museum offers an exceptional permanent collection of Bronze and Iron Age artifacts representing Roman, Greek, Byzantine, Phoenician and Mesopotamian, and contemporary Lebanese cultures, in addition to rare manuscripts and ethnographic material.“ Tatsächlich umfasst es Funde aus den Krisengebieten Syrien, dem Irak und Jemen, ohne dass nachvollziehbare Provenienzen vorzuliegen scheinen. Dazu gehören auch Keilschrifttafeln aus dem irakischen Irisagrig, einem Komplex, von dem auch das Hobby Lobby Museum of the Bible in den USA einige Funde besaß, die es an den Irak zurück geben musste (vgl. https://archaeologik.blogspot.com/2017/07/raubgrabungsfunde-fur-ein-biblisches.html).

Angeblich wurden die Funde unter anderem bei Christie's, Bonhams, Gerhard Hirsch und Artemis sowie Owen Gallery erworben. Ausgestellt werden aber auch Funde aus einem antiken Gräberfeld bei Tyrus, das in den 1990er Jahren geplündert wurde.

Das Nabu Museum gehört drei Unternehmern und Sammlern, die 2018 für das Museum einen stattlichen Neubau errichtet haben. Die libanesische Journalistin Mona Merhi setzte sich 2019 in einer Artikelserie mit dem Museum auseinander:

 

Die Rolle der Politik

Eine weitere - wichtige - Verbindung zwischen Palmyra und dem Libanon stellt die Miliz der Hisbollah dar. Sie gehört zu jenen Gruppen, die im syrischen Bürgerkrieg involviert waren und sind. Sie steht dort auf Seiten des Assad-Regimes und kontrolliert die Grenze zwischen Syrien und dem Libanon. In der Region von Daraa im Süden des, aus der bereits früher über Plünderungen und Schäden an archäologischer Stätten berichtet wurde  (https://archaeologik.blogspot.com/2020/04/die-verluste-des-museums-idlib.html), wird aktuell von Plünderungen berichtet, an denen neben der Hisbollah auch die syrische Luftwaffe beteiligt sein sollen.

Nohad Machnouk ist indes Mitglied des "Zukunftsblocks", der in Opposition zur Hisbollah steht. Als problematisch wird die Gesetzeslage im Libanon bezeichnet. Funde aus Museen und Sammlungen sollten nach dem Dekret 3065 von 2016 zwar mit Angaben, woher sie stammen und wie sie erworben wurden, in einem "Inventory of Old Movable Archaeological Items" registriert werden, was de facto aber auch eine Legalisieurng illegaler Funde bedeute. Im Prinzip ist der Import archäologischer Funde in den Libanon seit 1988 (und aus Palästina und Irak noch länger) verboten. Seit 1999 hat die Altertumsbehörde sogar Polizeigewalt zur Verfolgung von Plünderungen und Antikenhehlerei.

Abboud 2020 wirft die Frage auf, inwiefern Dekret 3065, das de facto im Widerspruch zu internationalen geetzen, aber auch der früheren libaneischen Gesetzelage steht, gerade auf dem Höhepunkt der Plündeurngen in Syrien und Irak in Kraft getreten ist (Abboud 2020, 210).

Das Nabu Museum - dessen Eigentümer im übrigen Mitglied der Syrischen Sozialen Nationalistischen Partei sind, die dem Assad-Regime nahe steht und die Idee eines Groß-Syrien verfolgt - versteckt sich hinter dem Dekret. Offiziell wurden keine Untersuchungen eingeleitet, doch hat das Nabu Museum 2019 alle archäologischen Funde aus seiner Ausstellung entfernt (Abboud 2020, 212).

 

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Die Posts zu Kulturgut in Syrien und Irak auf Archaeologik erscheinen nur noch unregelmäßig. Frühere Posts finden sich unter dem Label Bürgerkrieg in Syrien. Eine Zusammenstellung früherer Beiträge unter











Montag, 28. September 2020

ZDFinfo: "Blutantiquitäten" und Terror

Eine aktuelle Dokumentation des ZDF zeigt, wie berechtigt der Bericht "Blutantiquitäten" ist. Vor nicht allzu langer Zeit ist der Kunsthandel gegen die Verwendung des Begriffs "Blutantiken" gerichtlich als geschäftsschädigend vorgegangen.

Der Beitrag thematisiert vor allem illegale Funde aus Libyen und zeigt, wie neben den teuren Funden immer mehr auch Kleinobjekte im illegalen Handel an Bedeutung gewinnen. Dass die Geldströme nicht direkt auf Daesh/IS zurückgeführt werden können, ist nur logisch, ändert aber nichts an der Tatsache, dass Antiken gerade aus Krisengebieten stammen.


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Samstag, 2. Mai 2020

Die Corona-Krise und der Kulturgüterschutz

ein Beitrag von Jutta Zerres

Das „Antiquities Trafficking and Heritage Anthropology Research (ATHAR) Project“ ist ein Zusammenschluss von Anthropologen und Experten für Kulturerbe, die sich mit dem grenzüberschreitenden Handel von illegal ausgegrabenen und geraubten Antiken in den Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas sowie mit der Terrorismusfinanzierung und der organisierten Kriminalität befassen. Die Gruppe beobachtet u. a. auch die Aktivitäten der „Branche“ auf Facebook. 
 
Corona-Beiträge auf Archaeologik
Viren
(biology pop [CC BY SA 4.0]
via WikimediaCommons)
„The Art Newspaper“ berichtete am 29.04.2020, dass „ATHAR“ in den letzten Wochen einen Anstieg von Angeboten antiker Objekte auf dieser Plattform verzeichnet. Die Ursachen dafür seien nicht nur saisonbedingt – das Frühjahr ist auch für Raubgräber eine günstige Jahreszeit ‒ , sondern auch auf die derzeitige Corona-Pandemie und die damit verbunden Maßnahmen und Konsequenzen zurückzuführen. Die aktuelle Lage begünstige Raubgrabungstätigkeiten und den illegalen Handel mit Antiken an verschiedenen Stellen der „Wertschöpfungskette“, die beim Raubgräber beginnt und beim Endkonsumenten endet. 

Die wirtschaftliche Krise in vielen Ländern, die durch den Lockdown hervorgerufen wurde, treibt die Betroffenen dazu, sich andere Einkommensquellen zu suchen. Eine davon können eben Raubgrabungen und Verkauf der Objekte sein. Der Arabische Frühling, Krieg und Terrorismusattacken in den Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas, die politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Unsicherheiten erzeugten, hatten in der Vergangenheit den gleichen Effekt hervorgerufen. Der Artikel in „The Art Newspaper“ zitiert auch Deborah Lehr, die Gründerin der „Antiquities Coalition“, einer weiteren Organisation, die sich mit der Thematik befasst. Lehr geht auch davon aus, dass längere Sperrungen und Ausgangssperren in Verbindung mit den daraus resultierenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu einer Zunahme illegaler Aktivitäten, insbesondere organisierter Plünderungen, führen werden. Sie weißt darauf hin, dass es während des Arabischen Frühlings zunächst einmal eine Pause bei gelegentlichen Plünderungen von Museen und Fundmagazinen gab. Dann aber sei die Zahl der organisierten Beraubungen wieder signifikant angestiegen. Die Kollegen in Ägypten hätten jedoch – so Lehr weiter ‒ wertvolle Lehren aus dem Arabischen Frühling gezogen und die Sicherheit an archäologischen Stätten und Museen während des Lockdown erhöht.

Lehr verweist auch auf eine andere Erkenntnis, die aus dem wirtschaftlichen Niederschlag von 2008 gezogen werden kann. Diese Krise habe nämlich gezeigt, dass ein gesteigertes Interesse der Endkonsumenten ‒ sowohl legitime als auch illegale Objekte ‒ häufig mit einer Wirtschaftskrise einher geht.

Ein weniger beachteter Effekt ist, dass auf den selben Schwarzmarktkanälen, die mit illegal ausgegrabenen Antiken handeln, zuweilen auch persönliche Schutzausrüstung, einschließlich Gesichtsmasken, antibakteriellem Gel und sogar Covid-19-Testkits angeboten werden. Akteure in illegalen Geschäften profitieren häufig von einem Anstieg einer Nachfrage, um Material auf dem Schwarzmarkt überteuert zu verkaufen.

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Freitag, 17. April 2020

Kulturgut im Vorderen Orient - 1. Quartal 2020

Ausgehend vom Bürgerkrieg in Syrien hat Archaeologik ab Mai 2012 erst unregelmäßig, dann monatlich und zuletzt zweimonatlich Medienberichte aus dem Krisengebiet Syrien und dann Nordirak zusammen gestellt. Diese Arbeit ist verschiedentlich aufgegriffen und gewürdigt worden. Die bisherigen Blogposts sind sicherlich hilfreich, wenn es einmal darum geht, den Ablauf der Syrienkrise forschungsgeschichtlich zu bewerten, auch wenn dann nicht mehr alle Links funktionieren werden.

Diese Berichte zu Syrien und Irak wird es auf Archaeologik so nun nicht mehr geben. Stattdessen werden einzelne Beiträge zu Syrien und Irak gepostet und eine wesentlich kürzere, nur noch etwa vierteljährliche  Medienschau.

Nach wie vor ist es ein wesentliches Ziel, zu zeigen, wie Kulturgut in Krieg und Krisen bedroht ist, wie es politischer Spielball sein kann, wie Archäolog*innen damit umgehen - und wo wir achtsam sein müssen: Beispielsweise auf das Auftauchen von Plünderungsgut aus Idlib im Antikenhandel (vgl. Archaeologik [11.4.2020]).
 
Zuletzt war die Nachrichtenfrequenz aus Syrien und Irak stark rückläufig, was wohl eher der Verlagerung der Aufmerksamkeit als einer Besserung der Lage geschuldet ist. Habe ich mich anfangs bemüht, einen einigermaßen vollständigen Überblick zu bieten, ist das im Lauf der Zeit schwieriger geworden, da viele meiner Informationsquellen im Netz verstummten, so z.B. APSA2011, deren Website nun offline ist. Auch die ASOR Monitoring Reports sind nun archiviert. Bestenfalls haben sie das Interesse verloren, in anderen Fällen besteht eher der Eindruck, dass Tod und Vertreibung zugeschlagen haben. Ich kann und will darüber im Einzelfall nicht spekulieren.

Nach wie vor gibt es die Damage Newsletters der Gruppe Heritage for Peace:
Weiterhin gibt es auch Informationen über der syrischen Altertumsbehörde, die freilich viel seltener geworden sind. Schadensberichte gab es schon immer v.a. aus den Gebieten in Rebellenhand. Im erstel Quartal gab es indes keine neue Pressemeldung

Kollateralschäden und Plünderungen/Raubgrabungen sind aber nach wie vor an der Tagesordnung, wenn auch die systematische Zerstörung von Kulturgut als politische Waffe durch Daesh/ IS vorläufig gestoppt ist. Dafür droht nun die USA bzw. POTUS Donald Trump mit der Zerstörung von Kulturgütern im Iran (Archaeologik [5.1.2020]) - auch wenn er das verbal wieder zurück gezogen hat, so zeigt dies doch Kulturvergessenheit und Werteverfall gerade bei der politischen Macht, die einmal für Demokratie und Menschenrechte stand (bzw. wenigstens zu stehen vorgab). Kurdische Rebellen und syrische Aufständige machen Vorwürfe systematischer Kulturgutzerstörung an die Türkei. Syrische Behörden verweisen auf Zerstörungen der Opposition, die ihrerseits das syrische Militär beschuldigt. Ausländische Nationen überbieten sich mit Initiativen des Wiederaufbaus, die freilich oft eher symbolisch erscheinen, denn an eine Arbeit vor Ort ist nach wie vor nicht zu denken. Kulturgut ist nicht nur in diesem Konflikt seit langem Propagandainstrument. 


Seit Jahren führt auch der Krieg im Jemen zu Kulturgutzerstörungen, was auch hier auf Archaeologik immer nur sporadisch (Label Jemen) aufgegriffen wurde.

So kann künftig nicht mehr allein Syrien im Blickfeld stehen, sondern es muss die ganze Region betrachtet werden. Das bedeutet aber auch, dass die in den letzten Post ohnehin kaum noch erreichte detaillierte Betrachtung aufgegeben werden muss. Künftig wird es Hinweise auf Zerstörungen und Restaurierungen an einzelnen Orten nur noch ausnahmsweise geben.
Letztlich geht es mir darum, mit den Blogs auf Archaeologik die Relevanz und Aktualität des Themas aufzuzeigen und einen Anreiz bieten, dass andere Akteure Informationen aufgreifen und weiter berichten und recherchieren. Das ist zu Beginn der Syrienberichte gut gelungen, als verschiedene Medien Archaeologik rezipiert und als Quelle/Inspiration benutzt haben.

Ich will nochmals darauf hinweisen, dass ich kein Experte für die betreffende Region bin und auch die Forschungscommunity nicht im Einzelnen kenne. Dass ich mit Archaeologik nun dennoch seit mehreren Jahren in den Vorderen Orient blicke, hat damit zu tun, dass sich Archäologie m.E. viel zu wenig mit aktuellen Entwicklungen und der eigenen Rolle dabei befasst. Im Lauf der Krise in Syrien ist dies recht deutlich geworden - etwa bei dem nach wie vor lahmen Umgang mit Raubgrabungsgut -, wenn auch viele interessante engagierte Projekte entstanden sind, mit denen vielfältige Hilfe geleistet wurde - nicht nur für den Schutz der Kulturgüter, sondern auch für die Menschen.

Nach wie vor gilt eines: Der Fokus auf die Kulturgüter darf und soll nicht ablenken von den Schicksalen der Menschen. Langfristig scheint aber eine Wiederherstellung lebenswürdiger Rahmenbedingungen auch davon abhängig, dass sich die Menschen auf eine vielfältige und wechselhafte Geschichte ihrer jeweiligen Region besinnen können. 

Mit der COVID-19-Pandemie wird das Überleben in der Krisenregion noch viel schwieriger. Aus dem Iran ist bekannt, dass die Pandemie hier kräftig wütet, aus Syrien sind bis dato (7.4.2020) nur 19 Covid-19-Fälle und zwei Tote bestätigt, doch liegt die wahre zahl ganz sicher weit höher. Es fehlt an Krankenhäusern, die Fälle registrieren und testen könnten. Die hygienischen Zustände in den Flüchtlingslagern vor allem im Nordwesten des Landes, wo immer noch gekämpft wird, geben keinen Anlass zur Hoffnung, es könnte glimpflich ausgehen. Dass es allerdings auch in den Flüchtlingslagern in Griechenland nicht besser aussieht, ist für Europa eine Schande. Ebenso problematisch ist die Lage im Jemen, obgeich das noch eines der wenigen Länder ist, aus denen keine bestätigten COVID-19-Fälle vorliegen.

Syrien

Aus Syrien gab es keine aktuellen Berichte über Raubgrabungen und Zerstörungen außer einer Reihe von Luftangriffen auf Moscheen.
Über die Verluste im Museum Idlib wurde schon in einem separaten Blogpost berichtet:
bronzezeitliche Siedlung von Ebla/ Tel Mrdikh
(Foto: Gianfranco Gazzetti
[CC BY SA 4.0] via WikimediaCommons)
In Ebla selbst, dem heutigen Tel Mrdikh will das DGAM eine Bestandsaufnahme duchführen. Der Direktor des DGAM, Mahmoud Hammoud verwies darauf, dass nach den der DGAM vorliegenden Informationen "terroristische Gruppen" die archäologische Stätte als Trainingscamp genutzt hätten. Die Nachrichtenagentur SANA schickte im Februar einen Reporter nach Ebla, der schilderte, die Stätte sei "zu einem Ort für die Ausbildung und Schießerei von Terroristen umgebaut" worden, "was zur Zerstörung vieler Denkmäler der archäologischen Stätte führte. All diese Schäden sind ein Versuch, die menschliche Zivilisation zu zerstören, die durch den Ort aus dem dritten Jahrtausend vor Christus repräsentiert wird.  Die sogenannten 'Al-Fateh-Armee'-Terroristen hatten das Ebla-Gelände in Höhlen, Hauptquartiere und Trainingslager verwandelt, zu denen Betontürme, Klippen, Ketten und Treppen gehörten." Es gäbe auch Gefängnis- und Folterräume, zudem seien türkisches, saudi-arabisches Gerät und Gasmasken sowie Munition gefunden worden. Das ist vor dem Hintergrund der Untersuchungen zu den Giftgaseinsätzen in den vergangenen Jahren zu sehen (vergl. Tagesschau 9.4.2020)).

Irak

Iran

Irans Kulturgüter waren im erste Quartal 2020 nicht so sehr von klassischen Terroristen, sondern durch die USA bedroht. Donald Trump drohte nach der Tötung des iranischen Generals Ghassem Soleimani in Bagdad durch US-Truppen zu Jahresbeginn mit der Zerstörung von Kulturerbe, musste dann aber doch unter Druck einen halbherzigen Rückzieher machen.
Danach gab es noch zahlreiche weitere Reaktionen, die alle etwas Ratlosigkeit zum Ausdruck brachten. Bei hr_iNFO lief am 10.1.2020 morgens ein kurzes Interview mit mir (nicht online, kein Link). Hier ging es nur um eine kurze Einordnung und die Frage, was man gegen Kulturgutzerstörungen in Krisengebieten machen könne. Schwierige Frage, schwierige Antwort. Ich hab auf die verschiedenen Initiativen verwiesen, den einschlägigen Konventionen mehr Geltung zu verschaffen, indem die Kriegsverbrechen tatsächlich verfolgt werden. Anderes wie die Schaffung von 'Safe haven' ist da natürlich nur bedingt brauchbar. Letztlich gilt: Am besten solche Leute wie D. Trump gar nicht erst nicht wählen...

Einige weitere Berichte:



Iran, Isfahan, Irans Hauptstadt im 17. Jahrhundert
(Foto: Arad Mojtahedi [CC BY SA 2.0] via WikimediaCommons)



Wie immer geht mein Dank an diverse Kollegen für ihre Hinweise. Die Übersetzungen arabischer Texte gehen meist auf Google Translator zurück und sind daher bisweilen Fehler-anfällig.