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Montag, 20. April 2026

Kriegszerstörungen im Libanon

Seit dem Ausbruch des intensivierten Konflikts im März 2026 hat der Libanon massive Zerstörungen durch israelische Angriffe und Bodenoperationen gegen die Hisbollah-Miliz erlitten. Trotz einer am 17. April 2026 in Kraft getretenen zehntägigen Waffenruhe bleibt die Lage aufgrund schwerer Schäden an der Infrastruktur und Wohngebieten katastrophal. Im gesamten Libanon wurden zahlreiche Gebäude zerstört. Besonders betroffen sind die südlichen Vororte von Beirut (Dahiyeh), die Bekaa-Ebene und der Südlibanon. In grenznahen Dörfern im Süden wurden ganze Straßenzüge dem Erdboden gleichgemacht; Satellitenbilder zeigen teils völlig verwüstete Orte. Mehr als 2000 Menschen sollen getötet, etwa 1,2 Millionen Menschen (etwa jeder fünfte Libanese) aus ihren Häusern vertrieben worden sein. 

Die UNESCO hat Berichte über Schäden an mehr als 20 Kulturstätten in der Region erhalten. Zu den konkret gemeldeten Vorfällen im Libanon gehören: 

Tyros (Sour)

 Die UNESCO hat Schäden an der antiken phönizischen und römischen Welterbestätte bestätigt. Besonders der Eingangsbereich der archäologischen Stätte wurde Anfang März durch eine israelische Rakete beschädigt. Das Welterbe in Tyros dient aktuell als Pilotprojekt für einen „Notfall-Kontingenzplan“. Dabei werden Listen erstellt und Sicherungsmaßnahmen für Objekte entwickelt, die nicht evakuiert werden können, um sie vor Vandalismus und Plünderung zu schützen. 

 

 Zitadelle von Chama' 

Am 17. April 2026 reichte das libanesische Kulturministerium eine dringende Beschwerde bei der UNESCO ein, da befürchtet wird, dass diese Festung aus dem 12. Jahrhundert durch israelische Truppen vollständig zerstört wurde. Diese Einschätzung basiert auf Berichten lokaler Behörden und Augenzeugen aus dem Südlibanon, die den Einsatz von Bulldozern zur systematischen Zerstörung der Anlage meldeten. Die Zerstörung von Infrastruktur oder Gebäuden durch die israelische Armee ist ein öfters dokumentiertes Vorgehen in den aktuellen Konfliktgebieten. In den Medienberichten finden sich jedoch vor allem Hinweise auf einen israelischen Luftangriff am 13. April. Die Zitadelle beherrscht strategisch das Umland von Tyros und geht im wesentlichen auf die Kreuzfahrerzeit zurück - mit älteren u.a. römischen und byzantinischen Phasen. 

Hier liegt auch der Simeon-Schrein, ein schiitisches Heiligtum wohl des späten 11. Jahrhunderts - der lokalen Überlieferung ist Petrus hier und nicht im Vatikan bestattet. Bereits 2024 war er beim israelischen Vordringen gegen die Hisbollah umkämpft und wurde zerstört, nachdem er erst nach Zerstörungen im Krieg 2006 mit italienischer Hilfe seit 2017 neu restauriert worden war. Als die Anlage unter israelischer Kontrolle stand, gewährte die israelische Armee einem Hobby-Archäologen Zutritt, der dort in einem Feuergefecht mit der Hisbollah ums Leben kam. 1978 bis 2000 diente die Zitadelle während der damaligen Besetzung des Südlibanons als israelischer Militärposten. 

Chamaa Zitadelle und Simeonsschrein, 2020
(Foto: Ibrahimamirnaeem, CC BY SA 4.0 via WikimediaCommons)

Ganze historische Grenzdörfer wie Muhaibib wurden laut Berichten dem Erdboden gleichgemacht. Weitere gefährdete Orte unter Beobachtung sind die römischen Tempel von Hibarieh, die Ausgrabungsstätte Qana und die Burg Beaufort. 

Baalbek 

Während die römischen Tempelanlagen selbst laut vorläufigen Satellitenanalysen noch keine massiven sichtbaren Schäden aufweisen, gab es Einschläge in unmittelbarer Nähe, die durch Erschütterungen die Statik gefährden. Schon während des Gazakrieges wurden im November 2024 Beschädigungen in Baalbek befürchtet. Im Jahr 2024 konzentrierten sich die Zerstörungen in Baalbek durch israelische Luftangriffe vor allem auf historische Gebäude in unmittelbarer Nähe des UNESCO-Weltkulturerbes sowie auf zivile Infrastruktur. Während die berühmten römischen Tempelanlagen (Jupiter-, Bacchus- und Venus-Tempel) nach bisherigen Erkenntnissen keine direkten Volltreffer erlitten, kam es zu massiven Schäden im direkten Umfeld. Zerstörungen und Erfahrungen 2024 Bereits bei der israelischen Invasion im Süden Libanons 2024 war es zu erheblichen Zerstörungen gekomnen. Heritage for Peace, die zuvor bereits in Syrien aktiv waren, begann ein Monitoring. Eine Zusammenfassung der Zerstörungen findet sich in der englischsprachigen Wikipedia. 

Bacchus-Tempel in Baalbek
(Foto: Lodo, CC BY SA 2.0 via WikimediaCommons)



 

Reaktionen der UNESCO 

Die UNESCO hat mit außergewöhnlichen Notmaßnahmen reagiert: Am 1. April 2026 stellte die UNESCO 39 libanesische Kulturstätten unter den sogenannten „verstärkten Schutz“ (enhanced protection). Dies ist die höchste völkerrechtliche Schutzstufe nach dem Haager Abkommen von 1954. Ein Angriff auf diese Stätten kann als Kriegsverbrechen geahndet werden. 2024 war dies schon einmal ausgesprochen worden. 

Die UNESCO stellte über 100.000 USD für Sofortmaßnahmen zur Verfügung. Dazu gehören Schulungen für Personal sowie Unterstützung beim Abtransport und der sicheren Lagerung von Artefakten aus gefährdeten Städten wie Tyros und Sidon. 

Die UNESCO hat die genauen geografischen Koordinaten aller Welterbestätten an die Konfliktparteien übermittelt, um versehentliche Angriffe zu verhindern. In Zusammenarbeit mit dem UN-Satellitenzentrum (UNOSAT) führt die UNESCO eine kontinuierliche Überwachung durch, um Schäden zeitnah zu dokumentieren, solange Bodeninspektionen unmöglich sind. 

Im Allgemeinen ist der Schutz archäologischer Denkmäler im Libanon auch ohne Kriegszerstörungen eher eine schwierige Angelegenheit (taz 2025). 

 

 Links 

 

Interner Link 

Bemerkung: ich habe einige der Informationen unter Zuhilfenahme von KI (Google) zusammengestellt, aber die Quellen grob überprüft.  

Freitag, 13. März 2026

Trumps Irankrieg zerstört Kulturerbe

WikimediaCommons)Die UNESCO gibt Alarm:


Blue Shield hat sich dem angeschlossen:


Der Iran verfügt über 29 UNESCO-Welterbestätten. Die paläolithischen Fundstellen im Chorramabad-Tal im Zagros-Gebirge wurden erst 2025 aufgenommen. Nach Medienberichten wurden unter anderem der Golestanpalas in Teheran, der Palast Tschehel Sotun und die Dschame-Moschee in Isfahan sowie Gebäude bei der neuen Welterbestätte im chorramabad-Tal beschädigt. Soweit den Berichten zu entnehmen; handelt es sich um Kollateralschäden durch Druckwellen von Explosionen in der Nachbarschaft .

Leider muss daran erinnert werden (die aktuellen Medienberichte scheinen das zu übergehen), dass POTUS Don. Trump in seiner ersten Amtszeit dem Iran konkret mit der Zerstörung seines kulturellen Erbes gedroht hatten. Nach Protesten hatte er seinen X-Tweet offenbar verändert



Kaldar-Höhle im UNESCO-Welterbe Chorramabad-Tal
(Foto: Bahareh73 - CC BY-SA 4.0 via WikimediaCommons)  


Links

Dienstag, 3. Dezember 2024

Aleppo wird erneut Kriegsschauplatz

Mehrere Jahre war Syrien auf Archaeologik kaum noch Thema. Der Bürgerkrieg war indes nie vorbei.
Jetzt flammt er wieder auf.
Ein wesentlicher Hintergrund dürfte der israelische Krieg gegen die Hisbollah im Libanon sein, der sich zwar aktuell in einem Waffenstillstand befindet, aber nicht die israelischen Angriffe auf Hisbollahstellungen invSyrien gestoppt hat.

Überraschend sind nun die dschihadistischen Rebellen, die sich über die Jahre unter türkischem Schutz in der Region Idlib halten konnten, nach Aleppo vorgestoßen und haben die Stadt weitgehend eingenommen. In Deutschland kam es unter syrischen Flüchtlingenob der Nachrichten aus Aleppo zu spontanen Feiern, die in den Social Media sofort zur Hetze gegen syrische Flüchtlinge genutzt werden. In den Jahren relativer Ruhe - so jedenfalls in der Außensicht - haben sich teilweise neue Koalitionen ergeben, so dass es schwer fällt, die jetzigen Rebellen in ihren Zielen einzuschätzen. Nach 13 Jahren Bürgerkrieg sind die Aufständischen natürlich nicht mehr die friedlich demonstrierenden Bürger des Arabischen Frühlings. Auch hier haben Radikalisierungen statt gefunden. Dominierend in der aktuellen Rebellenkoalition ist die Hayat Tahrir al-Sham (engl. Transkribierung, abgek. HTS), die sich aus einem Al-Qaida-Ableger entwickelt haben. Inzwischen geben sie sich moderat, werden aber von vielen Staaten als Terror-Organisation eingestuft.

Die Rebellen der HTS erhalten in Aleppo nun wohl auch Unterstützung von kurdischen Kräften, die im Norden mit der Türkei im Krieg stehen, während die HTS angeblich von der Türkei unterstützt würden. Rußland als Verbündeter des Assad-Regimes bomardiert nun Aleppo und Idlib, wo jeweils Krankenhäuser angegriffen worden sein sollen. In den 4 Tagen der Rebellenoffensive sol es über 500 Tote gegeben haben.

 

erneute Gefahr für Aleppos Kulturerbe

Inzwischen  finden sich in den Social Media erste Berichte aus Aleppo, die zeigen, dass es bislang keine neuen Schäden am Museum und der Zitadelle (von der Bilder mit den Fahnen Syriens und Palästina durchs Netz gehen) gibt.

Nach dieser Quelle - Adnan Almohamad, der jüngst zu den Zerstörungen archäologischen Kulturerbes in Syrien auch wissenschaftlich publiziert hat (Almohamad 2022) ,gibt es eine Zusicherung der "für die Befreiung Aleppos verantwortlichen militärischen Einsatzleitun"g zum Schutz archäologischer und historischer Stätten - verbunden mit dem Link zu einem TikTok-Video auf TwiX, das einen Reporter vor und im Museum zeigt.

Inzwischen bombardieren russische Luftstreitkräfte wieder Aleppo, aber auch Idlib. 

 

Ist Aleppos Kulturerbe nun gesichert?

Aleppo wurde 2016 mit Hilfe russischer Luftangriffe vom Assad-Regime zurückerobert. Zahlreiche Kulturdenkmale waren in diesen und vorausgehenden Kämpfen zerstört worden. Viele Objekte des Nationalmuseums in Aleppo waren jedoch rechtzeitig in Sicherheit gebracht worden, so dass es im National,useum zu keinen größern Verlusten kam.  2019 konnte das Nationalmuseum teilweise wieder eröffnet werden. 
Anfang 2023 traf jedoch das große Erdbeben im ostanatolischen Graben auch die Region Aleppo. Es kam zu Schäden an der bereits im Krieg stark geschädigten Zitadelle sowie in der Stadt. Der Bau des Nationalmuseums hielt dem Erdbeben stand und wurde danach für viele Museumsarbeiter zum sicheren Ausweichquartier. Dennoch wurde das Gebäude so geschädigt, dass seine Standfestigkeit im Falle eines weiteren Bebens nicht mehr gegeben war. Daraus wurde der Plan entwickelt, das Gebäude erdbebensicher zu machen und auch als Zufluchstmöglichkeit für die Bevölkerung zu konzipieren. Nach einigen Reparaturen an zerbrochenen Fenstern und der Beseitigung der Trümmer wurden die Pläne mit Unterstützung der Universität Florenz und der syrischen Altertumsbehörde DGAM ausgearbeitet und seit Oktober 2023 umgesetzt (Pucci 2024).

Seit 2017 haben mehrere internationale NGOs und Stiftungen  Restaurierungs- und Rehabilitationsprojekte am kulturellen Erbe der Stadt geplant und teilweise auch durchgeführt.  Es wurden Tagungen veranstaltet, Bücher geschrieben, WebGIS mit Informationen erarbeitet, aber auch Gebäude restauriert. Diese Arbeiten sind noch im Gange, wie beispielsweise der facebook-Auftritt des Syrian Heritage Archive Project zeigt. Dahinter steht untere anderem das Projekt Stunde Null: “Post Conflict Recovery of Urban Cultural Heritage in the Middle East: The Case of the Old City of Aleppo”, das, getragen vom Deutschen Archäologischen Institut mit dem Museum für Islamische Kunst in Berlin, historische Daten und Dokumente zu den Baudenkmalen der Altstadt und des Viertels Suwayqat Ali sammelt.
Im Gefolge der Zerstörungen in Palmyra wurde die Digitalisierung der Kulturgüter stark propagiert und so entstand auch ein Virtuales Museum Aleppo.
Naben nationalen syrischen Initiativen, die teilweise wegen ihrer fehlenden Bürgerbeteiligung kritisiert worden waren, gab es Projekte u.a. auch von derm Aga Khan Trust for Culture und der UNDP oder der Gerda-Henkel-Stiftung.
 
Die Projekte sind noch nicht abgeschlossen, da droht Aleppo die nächste Katastrophe. Diese Gefahr verdeutlicht aber auch, wie unrealistisch digitale Sicherungen sind.Sie helfen in keiner Weise gegen den Verlust des Kulturerbes als historischer Quelle, die man mit Bauforschung oder Grabungen fragestellungsorientiert wissenschaftlich untersuchen könnte. Digitalisierung von Kulturerbe verspricht allenfalls, dass man der bewussten Zerstörung von Kulturgut politisch etwas entgegen zu halten hat - allerdings nur, wenn es den Angreifern um historisches Vergessen oder Geschichtskorrektur geht (Beispie Putin in Bezug auf ukrainiches Kulturgut),  nicht, wenn sie damit Terror verbreiten oder politische Statements setzen wollen (Beispiel Daesh/ IS).

Literatur

  • Almohamad 2022: Adnan Almohamad; The Destruction of Cultural Heritage in Syria: The Case of Shash Hamdan Tomb 1 in the Upper Euphrates, 1995–2020. Journal of Eastern Mediterranean Archaeology and Heritage Studies 2022; 10/1, 2022, 49–73. -  doi: https://doi.org/10.5325/jeasmedarcherstu.10.1.0049  - leider kein OA
  • Pucci 2024: M. Pucci, National Museum of Aleppo. In: M. Loda/ P. Abenante (Hrsg.) Cultural Heritage and Development in Fragile Contexts. Research for Development (Cham 2024) . - https://doi.org/10.1007/978-3-031-54816-1_12

Donnerstag, 21. November 2024

Palmyra wird erneut Kriegsschauplatz

Bei einem israelischen Angriff auf die syrische Stadt Palmyra sind nach syrischen Angaben 36 Menschen getötet worden, nach anderen Quellen gar 41 Menschen. Die staatliche Nachrichtenagentur Sana berichtete zudem, dass bei dem Angriff mehr als 50 Menschen verletzt worden seien. Unter den Toten seien laut SANA Kämpfer proiranischer Milizen gewesen, meldeten die Aktivisten der Beobachtungsstelle. Die israelische Luftwaffe habe drei Ziele im Industriegebiet in der Oasenstadt angegriffen. Die getroffenen Gebäude seien stark beschädigt worden. 

Zuvor hatte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit Sitz in Großbritannien hingegen berichtet, dass die Schläge Ziele in der Nähe des historischen Teils der Stadt getroffen hätten.




Palmyra 1993
(Foto M. Scholz)

Palmyra in der zentralsyrischen Wüste zählt zum Weltkulturerbe der Unesco und war bereits im syrischen Bürgerkrieg  Schauplatz schwerer Kampfhandlungen. . 2015 nahm die r Terrororganisation Islamischer Staat (Daesh) den Ort ein und zerstörte dort  gezielt Kulturdenkmäler der antiken Stadt, bevor sie 2017 aus Palmyra vertrieben wurde. Zerstörung und Schutz des Kulturerbe wurden wichtige Propagandabotschaften von Seiten des IS wie von Seiten Russlands.

Seit kurzem führt die israelische Luftwaffe auch Angriffe auf Baalbek im Libanon, ebenfalls UNESCO Weltkulturerbe, durch Seit dem letzten Blog hierzu auf Archaeologik kam es zu weiteren Angriffen. Bislang ist nichts von Schäden in den Ruinengelände selbst bekannt geworden.



Links


Samstag, 9. November 2024

Die Ruinen von Baalbek - Welterbe im palästinensisch-israelischen Krieg

Am 28.10.2023 forderte Israel die Bewohner von Baalbek im Nordosten des Libanon auf, die Stadt wegen bevorstehender Angriffe gegen die Hisbollah zu verlassen.

Baalbek ist bekannt wegen der gut erhaltenen römischen Tempel, die zum UNESCO-Weltkulturerbe rechnen: https://whc.unesco.org/en/list/294/

Bacchus-Tempel in Baalbek
(Foto: Lodo, CC BY SA 2.0 via WikimediaCommons)


Viel wurde in den deutschen Medien Ende Oktober über die bevorstehenden israelischen Angriffspläne berichtet. U.a.:

Und die Perspektive von Aljazeera, die der Stadtgeschichte relativ weiten Raum gibt:

Bereits fast zwei Wochen zuvor veröffentlichte ICOMOS ein Statement:

Wenig ist in den deutschen Medien nun über Opfer und Schäden der tatsächlich erfolgten Luftangriffe zu lesen.  Im September wurden bereits einige Ziele wenige Kilometer nördlich der Stadt angegriffen.

Bildmaterial verschiedener Agenturen (AFP,  ZUMAPress) zeigt nun massive Zerstörungen nur wenig von den Ruinen der römischen Thermen am Südwestrand des Denkmälerkomplexes entfernt. Die Zerstörungen betreffen den Bereich des berühmten, 1874 errichteten  Hotels Palmyra, eines der ältesten Hotels des Libanon, in dem neben dem deutschen Kaiser auch Nina Simone übernachtete (Spiegel 2016).  Seine Geschichte gilt als ein Abbild der Geschichte des modernen Libanon mit direktem Bezug zu dessen älterem Erbe.



In einem Artikel von 2012  hatten die Autoren die Risiken für das UNESCO- Kulturerbe in Baalbek diskutiert und neben dem Erdbebenrisiko und dem - teils durch Altrestaurierungen begünstigten - Zerfall der Ruinen auch bewaffnete Konflikte und den Toursimus als Risikofaktoren benannt (Smars u.a. 2012). Damals wurde als dringende Maßnahme eine genauer Dokumentation der Ruinen gefordert. Ob das inzwischen in Angriff genommen oder gar erledigt werden konnte, entzieht sich meiner Kenntnis. Immerhin kann hier auf ein schon seit 2001 laufendes Projekt des Deutschen Archäologischen Instituts verwiesen werden. Dabei ist auch eine 3D-Rekonstruktion des Tempelkomplexes entstanden. Zwischen 2016 und 2018 wurde ein vom Auswärtigen Amt finanziertes und vom DAI und dessen libanesischen Partner durchgeführtes Konservierungs- und Präsentationsprojekt durchgeführt, das größere Teile der archäologischen Stätten abdeckte (van Ess/ Abdul Massih 2021).

Die Prominenz von Baalbek führt den drohenden Kulturgutverlust auch im aktuellen palästinenisch-israelischen Krieg vor Augen. Dabei wurden im südlichen Libanon aber auch im Gazastreifen nach einigen Angaben  in den Social Media zahlreiche Moscheen, Schreine, Kirchen und historische Burgen zerstört, ohne dass dies im Augenblick genauer dokumentiert oder verifizierbar erscheint. Genannt werden u.a. die Kreuzfahrerburg Toron/Qalʿat Tibnīn.
 
 

 Literaturhinweise

  • Margarete van Ess/ Jeanine Abdul Massih, The Challenges Facing the World Heritage Site of Baalbek and the Importance of the Involvement of the German Archaeological Institute – German Expedition.  ICOMOS – Hefte des Deutschen Nationalkomitees 79, 2021, 69-77. DOI: https://doi.org/10.11588/ih.2021.1.87251
  • S.E. Paturel, Baalbek-Heliopolis, the Bekaa, and Berytus from 100 BCE to 400 CE, (Leiden 2019)  194-246. - https://doi.org/10.1163/9789004400733_010  
  • P.I. Smars. A. Seif, M. Santana, Defining the structural risk at the archaeological site of Baalbek. Tangible Risks, Intangible Opportunities: Long-term Risk Preparedness and Responses for Threats to Cultural Heritage (2012) 115-124. - https://smars.yuntech.edu.tw/papers/beijing2012.pdf

 weitere Links

 
 

Freitag, 13. September 2024

Noch ein Krieg: Sudan

Seit April 2023 ist der Sudan in einen Bürgerkrieg versunken. Insbesondere in der Hauptstadt Khartum –kämpfen die regulären  Sudanesischen Streitkräfte (SAF) und di ehemals verbündetene Rapid Support Forces (RSF) um Macht und Einfluß. Dabei wurde die einstige Millionenstadt Khartum weitgehend zerstört und entvölkert. Zehntausende Tote, 9 Millionen Binnenflüchtlinge und 17 Millionen vom Hungertode bedrohte Menschen sind die Folge.
 
Europa und die "westliche" Welt haben grade andere "Probleme" mit Rußland/Ukraine, Israel/Palästina, Klimakrise und Antidemokraten, so dass für den Sudan keine Aufmerksamkeit mehr übrig bleibt.
 
Und wie fast immer gerät das Kulturerbe in den Konflikt. In de letzten Wochen häuften sich Berichte über Plünderungen und nun warnt offiziell auch die UNESCO.
Ein Teil der Zerstörung von Kulturgut ist schlicht Kollateralschaden, doch plündern insbesondere die RSF gezielt kulturelle und staatsliche Institutionen, Sie erklären, Sudans Geschichte müsse neu geschrieben werden, da es sie nicht repräsentiere. Im Hintergrund stehen Spannungen, die auf die britische Kolonialzeit zurück reichen (Berridge 2023).
Der Sudan verfügt über ein reiches kulturelles Erbe, das nicht nur als Ausläufer Oberägyptens verstanden werden sollte. Leider gibt es bei ICOM jedoch noch keine Rote Liste für den Sudan.
 
Statue eines Nubischen Königs im Sudan, 1.Jh. n.Chr.
(Foto: Steve Evan, CC BY SA 2.0 via WikimediaCommons)



 
 

Literatur

  • Berridge 2023. W. Berridge, Western Sudanese Marginalization, Coups in Khartoum and the Structural Legacies of Colonial Military Divide and Rule, 1924-Present. Journal of Eastern African Studies 17/4: 535–56. - doi:10.1080/17531055.2023.2280933 .

 

Links

Bilder aus dem Nationalmuseum:

interner Link

 

Dienstag, 30. April 2024

Gut, dass das nach 70 Jahren mal auffällt: Deutschland erfüllt Haager Konvention nicht

Entgegen der Verpflichtungen aus der Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten der UNESCO von 1954, den die Bundesrepublik Deutschland 1967 in nationales Recht überführt hat, indem im Gesetz über den Zivilschutz und die Katastrophenhilfe des Bundes (Zivilschutz- und Katastrophenhilfegesetz - ZSKG), § 25 Kulturgutschutz steht: "Die Maßnahmen zum Schutz von Kulturgut richten sich nach dem Gesetz zu der Konvention vom 14. Mai 1954 zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten (BGBl. 1967 II S. 1233), geändert durch Artikel 1 des Gesetzes vom 10. August 1971 (BGBl. II S. 1025)." Die Umsetzung fällt aber unter die Kulturhoheit der Länder. 

Wie sieht das praktisch aus?

Bamberg unter dem Schutz der Haager Konvention
(Foto R. Schreg)


Das offizielle Symbol der Haager Konvention ist in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich verbreitet, die Bundeswehr, die nach der Haager Konvention verpflichtet ist, "bereits in Friedenszeiten Dienststellen oder Fachpersonal bei ihren Streitkräften vorzusehen oder bereitzustellen, deren Aufgabe darin besteht, über die Respektierung des Kulturguts zu wachen und mit den für seine Sicherung verantwortlichen zivilen Behörden zusammenzuarbeiten“ verfügt indes über keinen Plan, was im Notfall tatsächlich zu schützen und zu tun wäre.

Drei Bundeswehroffiziere haben darum eine "Initiative zur Stärkung des Militärischen Kulturgutschutzes in der Bundeswehr" auf den Weg gebracht. Die betreffende Publikation steht online:

Das Urteil:

"Es lässt sich aufgrund dieser Erfahrungen und im Austausch mit Kulturgutschutzeinheiten anderer Nationen feststellen, dass die Bundesrepublik Deutschland in diesem Gebiet aktuell weitgehend nicht kooperations- und damit handlungsunfähig ist." (S. 9)

Es fehlt demnach an Fachpersonal und "ausreichenden Strukturen in der Armee, die tatsächlich den Umgang mit Kulturgütern beherrschen und ihre unterschiedlichen konservatorischen Anforderungen einzuschätzen vermögen".

Vorgeschlagen wird daher, dass "sowohl auf strategischer, operativer, taktischer, logistischer, personeller wie auch auf der Ebene des Nachrichtenwesens gerechte Prozesse in die Wege zu leiten [sind], um die Kompetenz der deutschen Streitkräfte in diesem völkerrechtlich verankerten Tätigkeitsbereich zu stärken und sie mit anderen Streitkräften kooperations- und handlungsfähig zumachen. ... Dabei gilt es, ein gesamtheitliches Rahmenkonzept zu entwickeln, welches von der einfachen Handreichung undTaschenkarte bis hin zu umfangreicheren Ergänzungen von Einsatzstrukturenreichen kann. (S. 10)". Die Autoren erhoffen sich durch eine Kooperation mit zivilen Stellen auch eine verbesserte Integration der Streitkräfte in die Gesellschaft, wie auch positive Effekte für die Vermittlung der Belange von Denkmalpflege und Kultzurgüterschutz.

Diese Konzeption wurde am 10.04.2024 als Vorschlag im Rahmen des Kontinuierlichen Verbesserungsprogramm (KVP) der Bundeswehr dem Bundesministerium der Verteidigung  eingereicht.

 

Wie war das denn zu Zeiten des Kalten Kriegs organisiert?  Gab es da Pläne? Oder ist militärischer Kulturgüterschutz erst ein jüngeres Phänomen (von Monuments Men in WWII mal abgesehen)? Tatsächlich hat die US-Army auch erst vor wenigen Jahren eine Initiative zum Kulturgutschutz unternommen - wohl unter dem Eindruck des eigenen Versagens bei den Vorgängen um die Plünderung des Nationalmuseums in Bagdad. Hatte die Bundeswehr in Afghanstan eigentlich eine Ahnung, wo da schützenswerte Denkmäler stehen?


Links



Samstag, 24. Februar 2024

Politik, Propaganda und Geschäfte mit archäologischen Funden - 2 Jahre russischer Überfall auf die Rest-Ukraine

Vor zwei Jahren hat Russland die Ukraine überfallen. Aus russischer sichthat sie eigentlich nur die Rest-Ukraine überfallen, denn der Krieg begann schon 2014 mit der Annexion der Krim. Ein Ende des Krieges ist nicht in Sicht.  Der russische Umgang mit archäologischen Funden verrät einiges über die russischen Kriegsziele.

Im letzten Blogpost (Archaeologik 14.2.2024) zum russischen Krieg gegen die Ukraine standen die Zerstörungen im Mittelpunkt, die Plünderungen der Museen waren nur angedeutet.

 

"Sicherstellungen"

Auch dazu gibt es inzwischen zahlreiche Berichte, die indes in der augenblicklichen Situation kein abschließendes Urteil erlauben und kaum konkrete Objekte benennen. Im Januar 2014 hat Forbes versucht, eine Liste der berühmtesten in der Ukraine geraubten Kunstwerke zusammenzustellen, die aber kaum auf die Archäologie einging.

Bezogen auf archäologische Funde  ist bekannt, dass russische Akteure aus den Museen in Kherson, Mariupol und Melitopol entfernt haben. Nachdem Putin im Oktober 2021 über die besetzten und annektierten Gebiete der Ukraine das Kriegsrecht verhängt hat, "legalisierte" er damit auch eine "Sicherung" der Kulturgüter. Nach internationalem Recht ist dies nicht zulässig, doch wäre es für den Schutz der Objekte möglicherweise tatsächlich sicherer, so aus der Kampfzone heraus zu kommen. 
In Cherson wurden mindestens 10.000 Objekte aus dem Museum abtransportiert (vgl. Archaeologik 18.11.2022). Inzwischen hat sich herausgestellt, dass sie nach Simferopol auf die Krim gebracht wurden, wo sie sich nun unter der Obhut des Zentralmuseums der Krim befinden. Aus Platzgründen sind die rund 10000 Objekte in der Konzerthalle untergebracht.

Im Mai 2022 sagten örtliche Beamte in Mariupol, russische Streitkräfte hätten mehr als 2.000 Kunstwerke aus drei Museen der Stadt geraubt, nachdem sie die Stadt erobert hatten. Die Objekte seien in die von Russland besetzte Stadt Donezk gebracht worden.

In Melitopol wurden unter Aufsicht eines unbekannten Mannes im weißen Laborkittel, beschützt durch russische Soldaten, skythische Goldfunde, darunter ein Helm aus dem Museum abtransportiert (Archaeologik 3.5.2022). Der Verbleib scheint unbekannt.

 
Der goldene skythische Goryt aus einem Kurgan bei Melitopol,
Museum of Historical Treasures of Ukraine
(Foto: VoidWanderer [CC BY-SA 4.0] via WikimediaCommons)


Die Verluste durch die mutmaßliche Plünderung des historischen und künstlerischen Erbes der Ukraine durch Russland werden auf mehrere Hundert Millionen Euro geschätzt. Eine genaue Bilanz wird schwierig sein, denn viele Museumsbestände waren schlecht inventarisiert oder es existierten nur Inventare auf Papier, die nun verschollen sind. In Cherson haben die Russen die Festplatten mit den digitalen Inventarlisten mitgenommen.


"Ausstellungen"

Es zeigt sich vielfach, dass eine vorgebliche "Sicherung" nicht das alleinige und wichtigste Ziel der russischen Abtransporte archäologischer Funde und anderer Kulturgüter darstellt. Schon lange betreibt Putin mit Archäologie Politik, erst zur Selbstdarstellung (Archaeologik 15.8.2011), später zur Inszenierung der russischen Erfolge in Syrien (Archaeologik 9.10.2022). Nun scheint es darum zu gehen, Überlieferungen, die nicht zu dem wirren Geschichstbild Pitins und seines Russlands passen, verschwinden zu lassen.
Die Journalistin Hana Mamonova sagte gegenüber der spanischen Zeitung El País, die Bedeutung des Kunstmuseums in Cherson liege darin, dass es Moskaus Propaganda-Narrativ widerspreche, wonach die Südukraine Teil Russlands sei. Zu den nun deportierten Museumsbestände gehören Objekte vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, die ukrainische Kultur darstellen. 
 
Die politische Bedeutung der Putin'schen Geschichtspolitik wird auch darin deutlich, dass der Chef des Russischen Auslandsgeheimdienstes (SVR) zugleich Präsident der Russischen Historischen Gesellschaft ist. Diese Position hat Sergei Naryshkininne, der jüngst  Pläne bekannt gemacht hat, die  Befestigungen in der östlichen und südlichen Ukraine erforschen zu wollen, "die von Russen und Klein-Russen [gemeint sind die Ukrainer] zur Verteidigung ihres gemeinsamen russischen Vaterlands" gebaut worden seien. Das ist eindeutig politisch motiviert und mit den inhärenten ethnischen Interpretationen methodisch-theoretischer Unsinn. Die Funde sollen dann in das Register der bedeutenden Denkmäler der Russischen Föderation eingetragen werden.

Russland bedient sich der rechtlich in die Ukraine gehörenden Funde für seine eigene Geschichtspropaganda, die versucht, die südliche und östliche Ukraine als russisches Gebiet darzustellen.
 
In Novgorod wurden im Mai 2023 byzantinische Funde von der Krim insbesondere aus Chersonesos bei Sevastopol ausgestellt. Hier wird versucht, Chersonesos als die legendäre Wiege der russischen Christenheit eng mit den Rus im Norden zu verknüpfen (vgl. Archaeologik 22.1.2022).
 
Im Museum in Chersonesos wurde hingegen im September 2023 eine Ausstellung eröffnet, die Grabungsfunde aus einer meso- und neolithischen Siedlung Kamyana Mohyla im russischen besetzten Teil der Region Zaporizhzhya zeigt. Die Ausgrabungen dort wurden dem Museum in Chersonnesos unterstellt, obwohl sie mit der klassischen und byzantinischen Archäologie, die das Museum vertritt, nichts zu tun haben.
 

Auch auf ukrainischer Seite werden archäologische Funde zur Propaganda eingesetzt - allerdings ohne auf eine Manipulation der Vergangenheit zu zielen. In Kiew werden die Funde des Krim-Goldes gezeigt, um die es seit 2014 gerichtliche Auseinandersetzungen gab, weil die Funde zum Zeitpunkt der russischen Besetzung der Krim als Leihgaben bei einer Ausstellung in den Niederlanden waren (vgl. Archaeologik 29.1.2022). Die Ukraine hat den Prozess gewonnen und die Funde zugesprochen bekommen.
 
Auch in den USA sichergestellte Funde - mutmaßlich Raubgrabungsfunde aus den russisch besetzten Gebieten, von denen gleich noch die Rede sein muß -, werden aktuell ebenfalls ausgestellt.


Kriminalarchäologie

Wie in vielen anderen Krisengebieten betreiben nicht nur staatliche Akteure ihre Kulturpolitik mit Museumsfunden, sondern allmählich treten auch die üblichen Hehler, Fälscher und Sammler auf den Plan.

Im Oktober 2023 wurden in Madrid 11 Fundstücke, überwiegend skythischer Goldschmuck im Wert von insgesamt etwa 60 Millionen $ sichergestellt. Drei Spanier und zwei Ukrainer, einer davon ein orthodoxer Priester wurden damals verhaftet. Gefälschte Dokumente wiesen sie als Besitz der ukrainischen orthodoxen Kirche aus. 
Die spanische Polizei publizierte  - u.a. auf TwiX - ein Videos und mehrere Bilder, die nach einem Bericht der New York Times Zweifel daran aufkommen liesen, ob es sich um originale archäologische Funde oder doch eher um Fälschungen handele. In diesem Sinne zitiert die Zeitung Leonid Babenko und Caspar Meyer als Experten.

 
In einem zweiten Fall wurden  im Sommer 2022 am Flughafen John F. Kennedy bei New York eine Streitaxt aus der Bronzezeit sowie ein khazarisches Schwert aus dem 6. Jahrhundert beschlagnahmt, die wahrscheinlich für den amerikanischen Antiquitätenmarkt bestimmt waren, auf. Bei einem der Verdächtigen soll es sich um einen Russen handeln. Die amerikanischen Behörden haben die Objekte 2023 nach Kiew zurück gegeben, wo sie sich nun im Lavra-Museumskomplex befinden. Die Funde wurden wahrscheinlich illegal in der besetzten Südukraine nahe der Krim ausgegraben oder von russischen Truppen beim Ausheben von Schützengräben entdeckt, sagt Maksym Ostapenko, der Direktor des Lavra-Museums,.
 
Raubgrabungen sind bisher vor allem aus dem Bereich des ehemaligen Kakhovk-Dnepr-Stausees bekannt geworden. Nach der vermutlichen Sprengung des Damms durch russische Truppen am 6. Juni 2022, kam es zu einer Überschwemmungskatastrophe mit enormen ökologischen Folgen. Das Wasser ging um bis zu vier Meter zurück und legte Flächen frei, die seit dem Bau des Dammes in den 1950er Jahren überflutet waren. Dabei wurden Funde aus dem Zweiten Weltkrieg aber auch aus früheren Zeiten freigelegt. Berichtet wird beispielsweise von neolithischen und bronzezeitlichen Funden, einem mittelalterlichen Boot und Flintensteinen des 17. Jahrhunderts. Bei der Anlage des Stausees sind mehrere Dörfer und Kirchen im See verschwunden, die nun teilweise wieder aufgetaucht sein müssen, wenn auch in den vorliegenden Berichten v.a. von einer Brücke aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg die Rede ist. Der Bereich liegt unmittelbar an der Front. Dennochsind hier nun Schatzgräber, aber auch einige wenige professionelle Archäologen unterwegs.



Wer sich aktuell mit skythischen und mittelalterlichen Funden oder Kunstobjekten als Sammlerstück oder Wertanlage eindeckt, muß wissen, dass er der Politik Putins in die Hände spielt. Raubgrabungen tragen dazu bei, der Ukraine authentische Zeugnisse ihrer Geschichte zu nehmen - und bieten Putin die Gelegenheit sich selbst als Retter der Kultur und Geschichte aufzuspielen, wie er dies in den letzten Jahren bereits in Syrien inszeniert hat. 

Fazit

Die Ukraine befindet sich im Krieg gegen den Angreifer Rußland. Die genannten Fälle von Museumsraub und Raubgrabungen sind derzeit kaum genauer zu ermitteln, wenngleich die Ukraine extra eine Ermittlungseinheit für solche Kulturgutdelikte aufgestellt hat. Es besteht jedoch der dringende Verdacht, dass neben den zahlreichen Mordfällen und Folterungen an Zivilisten in den russisch besetzten Gebieten auch der russische Umgang mit ukrainischem Kulturgut als Kriegsverbrechen eingestuft werden muß.

Der russische Umgang mit dem Kulturgut der Ukraine zeigt, dass es nicht um die Beseitigung eines vorgeblich "nazistischen Regimes" in der Ukraine geht, sondern um deren Okkupation und Russifizierung. Leider zeigt das eben auch, dass ein Frieden nicht einfach durch Verhandlungen zu erreichen sein wird - eine Chance hätte bestenfalls bestanden, wenn im Vorfeld Geschichts- und Kulturwissenschaften ihre Rolle in der kritischen Dekonstruktion von Mythen und Propaganda gesehen hätten, anstattt sich nun in den Dienst eines inzwischen totalitären Systems und seiner Legitimierung zu stellen. Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhundert habe ich selbst erlebt, wie unter den Kollegen auf der Krim- auch den jungen - ein sehr patriotisches, überwiegend russisches Geschichtsbild dominierte, das an Militär und Heldengeschichten interessiert war. Militärische "Leistungen" auch die der Deutschen und autoritärer Führer - allen voran gleichermaßen Hitler und Stalin - wurden dabei glorifiziert. Auch wissenschaftlich-archäologisches Interesse galt den Herrschaftsäußerungen, aber nicht etwa den Alltags- und Umweltaspekten, wie sie damaks unser Anliegen waren.

Links

Die englische Wikipedia hat einen Eintrag zum Thema:



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