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Montag, 28. September 2026

Archäologische Stätten in Europa leiden unter Niedrigwasser

Am 21. August 2026 feierte die Welt eine Premiere: Zum ersten Mal wurde der von der UNESCO ins Leben gerufene Internationale Tag des Kulturerbes unter Wasser (International Day for Underwater Cultural Heritage) begangen. Dieser neue Welttag soll das Bewusstsein für die Erforschung und den Schutz versunkener historischer Stätten, Schiffswracks und prähistorischer Siedlungen in Ozeanen, Meeren, Flüssen und Seen schärfen. Doch das Premierenjahr fiel mit historischen Wetterextremen zusammen, die der Diskussion eine ungeahnte Dringlichkeit verliehen.


In der klassischen Wahrnehmung wird Unterwasserkulturerbe oft mit tiefen Ozeanen und antiken Schiffswracks in der Ägäis oder der Karibik assoziiert. Im Sommer 2026 rückten jedoch kontinentale Flüsse und Binnengewässer in den Fokus der medialen Berichterstattung. Anstelle von Tauchexpeditionen reichten plötzlich Stiefel und Drohnen, um archäologische Stätten aufzufinden und zu dokumentieren.

Aktuelle Fälle

Die anhaltende Hitzewelle des Sommers 2026 führte europaweit zu dramatisch sinkenden Flusspegeln. Diese extremen Trockenperioden legten Teile von Flussbetten frei, die normalerweise völlig unzugänglich unter Wasser liegen. Was für die Binnenschifffahrt und Landwirtschaft eine Katastrophe bedeutete, bot der Archäologie für außergewöhnliche Einblicke. Die Funde illustrieren damit aber auch die Auswirkungen des Klimawandels.

Donau

Durch extreme Niedrigwasserstände floss die Donau in Bulgarien stellenweise nur noch wie ein Rinnsal und legte die Fundamente der fast 1.700 Jahre alten Konstantinsbrücke nahe dem Dorf Gigen frei. Das monumentale römische Bauwerk wurde im Jahr 328 n. Chr. unter Kaiser Konstantin dem Großen eröffnet und galt als eine der längsten Brücken der Antike. Archäologen des Regionalen Historischen Museums in Pleven nutzten die seltene Gelegenheit, um die freigelegten Pfeilerstrukturen in ihrer realen Umgebung mittels Drohnen zu vermessen und zu kartieren. 
Neben der Brücke kamen in der Region unter anderem ein Mammutstoßzahn sowie ein versunkenes Nazi-Kriegsschiff zum Vorschein.  
 
Etwa 70 Kilometer südlich von Budapest untersuchten Forscher des Intercisa-Museums Ende Juli das ausgetrocknete Bett der Donau. Auf der (vergeblichen) Suche nach den Überresten eines Klosters aus dem 12. Jahrhundert entdeckten sie bei Dunaújváros im seichten Wasser einen hervorragend erhaltenen römischen Jupiter-Altar, eine Frauenstatue und zahlreiche weitere Architekturteile.
In Ungarn veranstalteten Museen mit Freiwilligen gezielte Suchen in den Niedrigwasserzonen, so auch an der Theiss.
 
 
Als weitere Weltkriegsrelikte kamen direkt in der ungarischen Hauptstadt durch das extreme Niedrigwasser die Skelette von zwei deutschen Soldaten sowie ein Militärmotorrad aus dem Zweiten Weltkrieg ans Tageslicht. 
Nahe der serbischen Stadt Prahovo legte die Dürre Dutzende versunkene Nazi-Kriegsschiffe frei. Die Wracks stammen aus dem September 1944, als die zurückweichende deutsche Schwarzmeerflotte ihre eigenen Schiffe absichtlich versenkte. In der engen Flusspassage an der serbisch-rumänischen Grenze wurden damals angeblich rund 200 Schiffe versenkt. Durch das extreme Niedrigwasser im Juli und August 2026 traten hier mindestens 20 Wracks gleichzeitig spektakulär aus dem Wasser. Da viele dieser Wracks noch tonnenweise scharfe Munition und Sprengstoff an Bord haben, stellen sie bei Niedrigwasser eine erhebliche Gefahr für die Schifffahrt dar.  
 
Nahe der kroatischen Grenzorte Opatovac und Lovas sank der Pegel der Donau so stark, dass das Wrack des ungarischen Frachtschiffs Fulton spektakulär aus dem Wasser ragte. Das Schiff war 1937 mit einer gewaltigen Ladung Kohle auf dem Weg nach Novi Sad aus ungeklärten Gründen gesunken. Lokale Behörden und Historiker nutzten die Freilegung des Hecks im Juli 2026, um neue Daten über die Gründe des Untergangs zu sammeln.

Tiber

In Rom sank der Tiber im August so stark, dass die Fundamente der Pons Neronianus (Nero-Brücke) unweit des Petersdoms mitten im Flussbett sichtbar wurden. Die Brücke verband im antiken Rom das Stadtzentrum mit den privaten Gärten Kaises Neros.
Weitere Funde stammen beispielsweise aus einem Stausee in Tschechien.


Rhein und Maas

Am deutschen Rhein nutzten Archäologen (unter anderem mit Genehmigung der Landesarchäologie) die freigelegten Uferzonen systematisch für Begehungen und stießen dabei auf Pfeilspitzen aus der Bronzezeit. Gleichzeitig dokumentierten Experten im Rhein die freigelegten Reste einer römischen Hafenanlage, warnten jedoch direkt vor der schnellen Zerstörung der antiken Holzstrukturen durch den Sauerstoffkontakt.
 
In großen Mengen kam Weltkriegsmunition zum Vorschein. 

Bodensee

Der aktuelle Wasserstand des Bodensees am maßgeblichen Pegel Konstanz liegt bei 254 cm (Stand: 27. September 2026). Damit befindet er sich rund 108 Zentimeter unter dem langjährigen Mittelwert für diesen Kalendertag und bricht reihenweise historische Tiefstwerte. Nach dem extrem trockenen und heißen Sommer fehlt den alpinen Zuflüssen weiterhin das Wasser. 
Die berühmten prähistorischen Pfahlbauten am Bodensee (UNESCO-Weltkulturerbe) sind eigentlich unter Wasser im Schlamm konserviert. Durch das extreme Niedrigwasser fallen Uferbereiche trocken, wodurch der schützende Sauerstoffabschluss verloren geht. Sobald die jahrtausendealten Holzpfähle an die Luft gelangen, trocknen sie aus und werden durch Mikroorganismen unumkehrbar zerstört.  Das Risiko steigt, wenn die Uferzonen länger trocken liegen und der Schlamm tiefgründig austrocknet.
Da weite Ufer- und Strandzonen komplett trockenliegen, rücken die archäologischen Schichten in den Fokus der Wissenschaft sowie von Laien: 
Niedrigwasser bei Radolfzell, Sommer 2026
(Foto: Markus Wolter, CC BY 4.0 via WikimediaCommons)

 
Der niedrige Pegel lockt verstärkt Sondengänger mit Metalldetektoren und Raubgräber an die Ufer. Behörden weisen jedoch streng darauf hin, dass die Suche in den sensiblen archäologischen Zonen ohne Genehmigung verboten ist und den Denkmalschutzgesetzen unterliegt. 
Beim Pfahlbaumuseum Unteruhldingen sorgt das aktuelle Niedrigwasser für ein außergewöhnliches Bild: Fast die gesamte rekonstruierte Dorfanlage steht auf dem Trockenen. Wo normalerweise die Pfähle tief im Bodenseewasser versinken, laufen Besucher nun über Stege, die über freiliegendem Seeboden und Schlammflächen schweben. 

Niederlande

Auch im Rheindelta führten extreme Dürreperioden dazu, dass die Flussbetten der Waal, des Rheins (Rijn) und der Maas um mehrere Meter absanken. Wie das Magazin NL Times ausführlich berichtet, nutzten erfahrene Archäologenteams die freigelegten, sonst völlig unzugänglichen Uferzonen für gezielte Suchen. Dabei stießen sie in den freigelegten Abschnitten gezielt auf historische Relikte, darunter römische Münzen und ebenfalls ein Schiffswrack aus der NS-Zeit.
Auch bei Arnslecht wurden durch die niedrigen Pegel alte Brückenfundamente aus Holz freigelegt, die nun alte Uferlinien anzeigt .

England

In England betraf das Niedrigwasser zahlreiche Stauseen, so dass historische Anlagen, die beim Aufstauen versunken sind, nun wieder auftachten. 
Im  Rutland-Water-Reservoir, dem größten künstlichen Gewässer Englands tauchte Mitte August das  „Geisterdorf“ Nether Hambleton auf.  Die Siedlung war 1976 überflutet worden, nachem zuvor eine kleine Rettungsgrabung die Reste eines mittelalterlichen Gebäudes freilegen konnten. Nun lagen die Fundamente der verlassenen Häuser wochenlang komplett im Trockenen und wurden von Historikern vor Ort dokumentiert.
Im Llwyn-Onn Reservoir in Wales sank der Wasserspiegel so stark, dass eine alte, um 1800 errichtete Steinbrücke wieder auftauchte. Sie war 1911 im Stausee versunken und 1976 sowie bereits im vorigen Jahr 2025 aufgetaucht.
 
Aus dem Gezeitenbereich der Themse ziehen "Mudlarks" und Sondler (regulär mit Genehmigungen des London Museum) seit Jahren archäologische Funde aus dem Schlamm. Das Niedrigwasser im Spätsommer legte an den Ufern der Themse tiefe, sonst unzugängliche Sedimentschichten frei. Archäologische Organisationen veröffentlichten im September spezielle Leitfäden für das sogenannte Foreshore Archaeology. Durch die extreme Freilegung wurden vermehrt historische Holzkonstruktionen alter Hafenanlagen und Alltagsgegenstände früherer Epochen direkt aus dem freigelegten Flussbett dokumentiert.  
Im September veröffentlichte die Kent Archaeological Society Berichte über untergegangene Küstendörfer und historische Strukturen im Bereich der Swale-Mündung in Kent, die bei den diesjährigen, extremen Niedrigwasserständen im Mündungsbereich sichtbar und zugänglich wurden. 

Frankreich

Trotz auch in Frankreich dramatisch geringen Niederschlägen gab es in der französischen Presse im Sommer und Frühherbst 2026 keine konkreten Berichte über neu entdeckte oder akut beschädigte archäologische Stätten durch Niedrigwasser.
Obwohl Medien wie TF1, BFMTV und Regionalzeitungen intensiv über die historische Rekorddürre 2026 berichten – bei der im September bis zu 84 % des Landes von extremer Trockenheit betroffen sind und über 40 % der kleineren Wasserläufe versiegen –, fehlen spezifische archäologische Fundmeldungen aus französischen Gewässern. Die französische Presse verwies lediglich auf viele der oben bereits vorgestellten Beispielen aus den Nachbarländern. Einerseits scheint in Frankreich aus Schutz vor Raubgrabungen eine restriktivere Informationspolitik präsent, die Funde erst nach Abschluß der Untersuchungen mitteilt. 
 
Da der Westen Frankreichs im Frühjahr 2016 zunächst von historischen Überschwemmungen betroffen waren, führten hohe Grundwasserstände während der Dürre im Spätsommer zu einer relativ geringen Entleerung der großen, archäologisch relevanten Seenlandschaften - anders als bei extremen Niedrigwasserständen wie z.B. im Jahr 2018. 

Zur berühmten Fundstelle von Colletière bei Charavines am Lac du Paladru (Département Isère) - ein um 1000 im See versunkener Herrenhof - gab es im Sommer zahlreiche Berichte, veil das dortige archäologische Museum neu eröffnet wurde. Während früherer Trockenphasen (unter anderem im Herbst 2018 und 2020) sank der Pegel so tief, dass die Überreste der Siedlung knapp unter der Wasseroberfläche sichtbar wurden und trocken zu fallen drohten. 2026 gab es entgegen dem Trend im restlichen Frankreich laut der regionalen Presse (wie Le Dauphiné Libéré) am Lac du Paladru sogar zeitweise hohe Wasserstände. Im Januar 2026 starteten zudem umfangreiche Renovierungen der   Schleusen und Wehre durch die der Wasserstand im See schon seit dem 19. Jahrhundert reguliert wird. Mit der Automatisierung der Wehre soll der Wasserstand besser stabiliisert werden, um die Tierwelt, aber eben auch die im See liegenden Funde unter Wasser zu halten. 

Verminderte Erhaltungsbedingungen und vergrößerte Plünderungsrisiken für Kulturerbe  

Es besteht kein Zweifel, dass die Trockenheit 2026 Folge des Klimawandels ist, den zu leugnen einfach nur noch dumm (oder wider besseres Wissen  Teil einer Populismusstrategie) ist. 
Ein Faktenpapier zu den Extremwettern in Deutschland trifft aktuell folgende Feststellungen:
  • Die globale Erwärmung erhöht generell die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten bestimmter Extreme und ihrer Folgen.
  • Die Zunahme von Hitzewellen ist zweifelsfrei eine Folge der globalen Erwärmung.
  • Die Häufigkeit von Trockenphasen ist gestiegen.
  • Wassertemperaturen des Rheins steigen trotz reduzierter Wärmeeinleitungen und sind zunehmend außergewöhnlich hoch im Zusammenhang mit intensiven sommerlichen Hitzewellen.
  • In den letzten Jahren häufen sich ausgeprägte Niedrigwasserphasen an den Flüssen, die nur mit klimawandelbedingten Änderungen im hydrologischen System erklärt werden können.
  • Die agrarischen und hydrologischen Dürren der letzten Jahre erzeugen Anpassungsdrücke für Wirtschaft und Habitate.
  • Die erneuerbare Wasserressource Deutschlands ist rückläufig. 
Dieser Sommer 2026 macht klar: es wird nicht einfach wärmer mit rundweg schönem Wetter, sondern vieles kommt auch im Alltag ins Rutschen: Die Landwirtschaft sieht sich mit erhöten Ausfallrisiken konfrontoert, die Kapazitäten der Binnenschiffahrt reduzieren sich mit Auswirkungen auf das Preisniveau, aber auch die Infrastruktur altert bei steigenden Temperaturen verstärkt, da Straßenbeläge und Brückenkonstruktionen nicht auf solche Hitzeperioden ausgelegt sind. Und natürlich ist die Hitze eine körperliche Belastung.
 
Zu den vielen Folgen des Klimawandels zählt aber auch die Zerstörung oder besser vielleicht Zersetzung archäologischer Stätten. 
 
Manuel Zeiler, ein Archäologe des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), warnte im WDR eindringlich vor den Folgen der Dürre. Flüsse fungieren als Sauerstoff-freie Archive. Sobald die Hitzewelle Uferbereiche trockenlegt, greift der atmosphärische Sauerstoff jahrhundertealte Holzstrukturen, Wrackteile und sogar mikroskopische Pollen (die Landschaftsgeschichte speichern) an und lässt sie rasant zerfallen.
Zudem kommt es durch steigende Gewässertemperaturen zur EInwanderung neuer Arten, die verstärkt den Grund von Flüssen und insbesondere Seen aufwühlen und auch so den archäologischen Stätten zusetzen.
Viele invasive Arten stammen aus wärmeren Regionen (z. B. dem Schwarzmeerraum). Steigende Wassertemperaturen im Rhein (die im Sommer immer häufiger kritische Marken überschreiten) führen dazu, dass: heimische Arten unter Hitzestress geraten und zurückgedrängt werden. und die Invasoren optimale Fortpflanzungsbedingungen vorfinden, da mildere Winter ihre Überlebensrate drastisch erhöhen.
Zu den für die Archäologie gefährlichen invasiven Arten zählen unter anderem Kamberkrebs und Signalkrebs: Diese Arten haben sich über den Rhein und seine Zuflüsse rasant ausgebreitet. Der Kamberkrebs, der ursprünglich aus Nordamerika stammt, ist in Europa inzwischen die dominierende Krebsart, In Deutschland ist seine Ausbreitung in südlichen Gebieten (Bodensee- und Donausystem) noch nicht vollständig abgeschlossen. Im Gegensatz zu heimischen Flusskrebsen graben sie im Schlammgrund. Durch dieses permanente Aufwühlen (Bioturbation) wird das schützende Sediment destabilisiert und abgetragen (erhöhte Erosion). Sauerstoff gelangt an die Jahrtausende alten Holzobjekte, was deren biologischen Zerfall durch Bakterien und Pilze schlagartig anstößt.
Neben den Krebsen gibt es einen noch aggressiveren Akteur, der direkt mit der Erwärmung und der Rheinschifffahrt verknüpft ist: die Quagga-Muschel (Dreissena rostriformis bugensis). Sie breitet sich seit einigen Jahren flächendeckend im Rheinsystem und im Bodensee aus. Die Quaggamuscheln heften sich mit sogenannten Byssusfäden extrem fest an die prähistorischen Holzpfähle. Wenn Wasservögel (wie Tauchenten oder Kormorane) die Muscheln fressen, reißen sie diese gewaltsam vom Holz ab. Dabei wird jedes Mal die ohnehin aufgeweichte, Jahrtausende alte Holzsubstanz reduziert.
 
Im Bodensee begünstigen die steigenden Wassertemperatren auch das Wachstum des Schweizer Laichkrauts, das die Pfahlfelder der >Seeuferrandsiedlungen flächig überwuchert und die Oberflächen der Hölzer angreift. 
Das Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg und internationale Monitoring-Projekte schlagen Alarm: Durch das Zusammenspiel aus wärmerem Wasser, grabenden Krebsen und siedelnden Quagga-Muscheln verlieren wir rasant das jahrtausendealte „Archiv unter Wasser“. Da ein mechanischer Schutz ganzer Seeböden kaum möglich ist, bleibt der Archäologie eigentlich nur noch die Notgrabung, bevor die Funde unwiederbringlich zerstört sind. 

Wissenschaftskommunikation

Zun Schluß noch eine Randbemerkung zur Berichterstattung und Wissenschaftskommunikation. Die Mehrzahl der Medienberichte überschlägt sich ob der tollen, "sensationellen" Funde. Ähnlich wie bei der Berichterstattung über immer neue Sondlerfunde, siegt die Begeisterung über Entdeckungen, während wenig über den Informationsverlust durch mangelnde Dokumentation(sgelegenheit) berichtet wird. Die zahlreichen Funde aus den europäischen Flüssen 2026 sind entgegen der dominierenden Berichterstattung keine Erfolge, sondern die Dokumentation des Verlusts und ene weitere Folge des Klimawandels. 
 
Hier ist nicht zuletzt die Öffentlichkeitsarbeit der Denkmalämter gefordert, die mit wenigen positiv zu vermerkenden Ausnahmen (datunter aber auch die RGK). Bislang ist aus Deutschland nur wenig über die Funde insbesondere aus dem Rheinberichtet worden. Eine Zurückhaltung angesichts vonSondlerscharen ist hier durchaus angemessen, doch bestimmen dadurch die Medien das Sensationsfundnarrativ, wo es angemessener wäre über Erkenntnisse und Verluste zu berichten.
Interessant ist, dass in England und Ungarn, zwei Ländern mit starker Sóndlerszene verstärkt 
 

Interne Links

Archäologie und Klimawandel
 
 
Hinweis:
Bei der Zusammenstellung der Informationen wurde KI eingesetzt. Angaben und Links wurden geprüft.

Samstag, 18. Oktober 2025

Wrackfunde doch unverkäuflich - ein Gerichtsurteil 10 Jahre nach der Entdeckung der San José vor der kolumbianischen Küste

Vor 10 Jahren sorgte die Entdeckung des Wracks der 1708 mit 55 t Gold und Silber gesunkenen Galeone San José für große mediale Aufmerksamkeit - und für Proteste da die Regierung Kolumbiens beschloss, die Bergung gegen 50% Gewinnbeteiligung an eine private Firma zu übertragen. International wurde dagegen protestiert - auch durch die UN. Dazu gab es auch mehrere Blogposts auf Archaeologik.

Inzwischen hat man in Kolumbien an den Verträgen mit verschiedenen Firmen gearbeitet und diese auch gerichtlich ausgehandelt. 2018 war das Wtack aber als nationale Kulturerbe registriert worden und nun untersagte ein Gericht, Kulturerbe zu Geld zu machen.

 

Diese Meldung hat kaum Resonanz gefunden - ganz anders als die Unterwasserfotos, die Kanonen und Goldmünzen des Wracks zeigen. 2024 wurde eine genauere Erkundung des in 600 m Tiefe liegenden Wracks begonnen.

 

Seeschlacht vor Cartagena 8. Mai 1708: 
Die San José wird von britischen Kriegsschiffen versenkt.
Gemälde von Samuel Scott vor 1772
(National Maritime Museum in Greenwich, Public Domain 
via Wikimedia Commons)

 

Montag, 25. April 2022

8 Tage alt: Die Moskva, das jüngste Archäologische Denkmal

Am 13. April 2022 wurde das 1982 in Dienst gestellte russische Kriegsschiff Moskva von ukrainischen Antischiffsraketen getroffen und versenkt. Am 21. April meldet das ukrainische Verteidigungsministerium über seine Social Media Kanäle, das Wrack der Moskva sei als Unterwasserdenkmal unter Schutz gestellt worden. - 8 Tage nach dem Ausscheiden aus der 'lebenden Kultur'.

 

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[Video auf facebook wurde inzwischen gelöscht  - Nachtr. 26.8.2022)

Mehrere Medien haben dies aufgegriffen

 
 

Russische Propaganda


Kreuzer Moskva
(Foto: Russ. Verteidigungsministerium [CC BY SA 4.0] via WikimediaCommons)

 

Die Moskva war in verschiedener Hinsicht der Stolz der russischen Flotte  und mehrfach auch Schauplatz von Staatsbesuchen. Entsprechend schwer tut sich Russland, diese Niederlage einzugestehen. Nach russischer Darstellung. war die eigene Besatzung so blöd, Feuer zu legen, so dass das Schiff sodann bei einem Sturm - nach Wetterdaten ein eher laues Lüftchen - gesunken sei. Trotzdem wird die Ukraine dafür verantwortlich gemacht. Die russische Propaganda ist hier eher auf persistentes Lügen, Informationsunterdrückung  und permanente Wiederholung gegründet. Sie ist zwar wirksam, aber eher plump - und nicht widerspruchsfrei wie gerade das Beispiel der Moskva zeigt.


Unterwasserdenkmal Moskva

Inwiefern die Meldung von mezha überhaupt zutreffend ist, ist schwer zu sagen. In einem Video kommt Sergej Voronov zu Wort, der als Direktor des zentralen Marinemuseums der Ukraine vorgestellt wird. Er war früher am Archäologischen Institut der Akademie der Wissenschaften der Ukraine. Einiges an der Meldung ist jedoch fragwürdig, so ist die Berufung auf die UNESCO-Konvention zum Schutz des Kulturerbes unter Wasser falsch, da diese voraussetzt, dass das betreffende Objekt seit 100 Jahren unter Wasser liegt. Auch die Übertragung ans Marinemuseum und der damit implizierte Eigentumsanspruch der Ukraine auf das Wrack entspricht nicht dem Internationalen Seerecht.

Als propagandistisches Statement gegen Russland ist die Meldung jedoch deutlich subtiler und soll Russland wohl vor allem ärgern. Entsprechend hat die Ukraine einen Tag vor der Versenkung eine Briefmarke herausgegeben, die an die Antwort erinnert, die die Besatzung der Schlangeninsel der Moskva auf die Aufforderung zur Kapitulation gegeben haben soll: "Russisches Kriegsschiff, f** dich...!"

 

ukrainische Briefmarke 2022
(via WikimediaCommons)



Archäologie der Gegenwart

Gerade der propagandistische Kontext der Eintragung der Moskva als Kulturdenkmal der Ukraine zeigt, wie bei Objekten einer Archäologie der Moderne oder gar der Gegenwart nicht so sehr der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn, sondern eher der Denkmalcharakter bzw. genauer seine Mahn- und Erinnerungswert von Bedeutung sind. Angesichts der lügenhaften russischen Propaganda ist das Wracks freilich auch eine Quelle der Aufklärung und Faktensicherung.

Mit dem Schiff sei übrigens auch eine wertvolle christliche Keuzreliquie gesunken.

Grundsätzlich scheint die Einschätzung als ein historisch bedeutendes Kulturdenkmal jedenfalls gar nicht abwegig.

imterner Link

Mittwoch, 7. Juli 2021

Altes schottisches Bier

1895 ist  kurz nach dem Auslaufen aus dem Hafen von Glasgow das Dampfschiff Wallachia auf der Fahrt nach Westindien im Nebel gesunken. 1971 wurde das Wrack entdeckt. In mehreren wissenschaftlichen Projekten wurde auf das Wrack Bezug genommen. Sonaruntersuchungen und Tauchgänge haben stattgefunden, einige Funde wurden geborgen.

Mit an Bord: Tausende von Flaschen Bier.

Bierflasche von der SS Walachia
(aus Thomas u.a. 2021 [CC BY 4.0] via Wiley Online Library)


 

Jetzt ist eine Arbeit erschienen, die das Bier aus dem Wrack der Wallachia analysiert und dabei spannende Entdeckungen gemacht hat (Thomas u.a. 2021). Es zeigte sich nämlich, dass das Bier, ein Stout von 7,5% vol mit den Hefen Brettanomyces und Debaryomyces gebraut worden ist. Debaryomyces-Arten bildeten den Hauptbestandteil, während die heute vorwiegend für das Brauen eingesetzen Saccharomyces-Hefen weniger verbreitet sind. Debaryomyces sind nicht dafür bekannt, im historischen Brauen bewusst eingesetzt zu werden, sondern gelten als Spontanfermentation. 1909 wurden Debaryomyces- Hefen zwar in der Brauindustrie registriert, aber erst kürzlich wurde in einem Screening von Nicht-Saccharomyces cerevisiae-Stämmen auf eine mögliche Verwendung von Debaryomyces für die Entwicklung neuer Biere hingewiesen. Die hohen Debaryomyces- Anteile im Bier der Wallachia sprechen indes für eine historische Verwendung. In derselben Studie untersuchte weitere historische nicht-archäologisch überlieferte Bierflaschen  bestätigen das ebenso, wie Untersuchungen an einem - aus einem Schiffswrack im Ärmelkanal geborgenen - Bier aus der Zeit um 1825 wie auch an einem eisenzeitlichen Bier (Aouizerat u. a. 2019). 

Die Analyse historischer Biere aus Schiffswracks, wo sie kühl gelagert waren, ist offenbar ein inzwischen gängiger Ansatz (vgl. z.B. Londesborough u. a. 2015, Presseberichte).  Keith Thomas, Inhaber des Brewlab hat inzwischen verschiedene historische Biere nachgebraut, etwa auf der Basis des 1825er Bieres aus dem Ärmelkanal . Auch nach einem Fund von Bier aus einem Schiffswrack in Tasmanien aus dem 18. Jahrhundert hat eine australische Brauerei Bier hergestellt. Die Fragestellung der Studie von Thomas u.a. 2021 richtete sich darauf, welchen Beitrag die Analyse historischer Biere zur Kenntnis der Bierzutaten und der Mikrobiologie leisten kann. Auch hier wird nun versucht, da Bier nachzubrauen.

Die Bierflaschen aus der Wallachia wurden von Andy Pilley, Global Underwater Explorers (facebook) geborgen. GUE ist seit 2014 auch im Bereich der Unterwasserarchäologie engagiert und unterstützt hier Museen. Leider macht weder der Artikel noch der Bericht bei der GUE Aussagen über die erforderlichen Genehmigungen und die Eigentumsverhältnisse. In den 1980er Jahren wurde alte schottische Whisky, der sich ebenfalls an Bord der Wallachia befand, ausgeräumt und findet sich heute zu enormen Preisen im Handel. Zwei 1988 geborgene Flaschen ("not fit for consumption") standen etwa bei Whisky Auctioneer zur Versteigerung, zusammen mit "dive documents", bei denen es sich aber um einen tauchbericht, nicht etwa um eine Genehmigung der bergung handelt. 

Eine Frage bleibt: Ist das eigentlich ein Selbstbedienungsladen?

 

Literaturhinweise

  • Aouizerat u. a. 2019: T. Aouizerat/I. Gutman/Y. Paz u. a., Isolation and Characterization of Live Yeast Cells from Ancient Vessels as a Tool in Bio-Archaeology. mBio 10, 2, 2019. - doi: 10.1128/mBio.00388-19
  • Londesborough u. a. 2015
    J. Londesborough/M. Dresel/B. Gibson u. a., Analysis of beers from an 1840s' shipwreck. Journal of agricultural and food chemistry 63, 9, 2015, 2525–2536. - doi: 10.1021/jf5052943
  • Thomas u. a. 2021: K. Thomas/K. Ironside/L. Clark u. a., Preliminary microbiological and chemical analysis of two historical stock ales from Victorian and Edwardian brewing. J. Inst. Brew. 127, 2, 2021, 167–175. - DOI 10.1002/jib.641

 Berichte von Brewlab und GUE


 

Links

Montag, 24. September 2018

Victory im Fall HMS Victory

Nach jahrelangem Gerangel um die Bergung der 1744 vor der englischen Küste gesunkenen HMS Victory, hat die britische Regierung nun endlich die Bergungsgenehmigung für eine private Gesellschaft zurück gezogen.
HMS Victory sinking
Gemälde von Peter Monamy,
Loss of HMS Victory, 4 October 1744

(Collections of the National Maritime Museum)
[Public domain], via Wikimedia Commons
Das Risiko für die Erhaltung in situ wird nun eher gering eingeschätzt, während das der damalige Kulturminister 2010 im Widerspruch zur UNESCO-Konvention für den Schutz des Unterwassererbes das Wrack einer gewerblichen Organisation freigegeben hatte, die 80% der Funde verkauft hätte.

Interne Links


Montag, 18. Juli 2016

Wahlprüfsteine - Die Parteien haben geantwortet

Mecklenburg-Vorpommern wählt am 4.9.2016 einen neuen Landtag.
Die DGUF hat  mit Partnern (IPAL, DEGUWA und Arbeitskreis Volontariat [facebook-Seite]) die wichtigsten Parteien angeschrieben und Wahlprüfsteine für die Landtagswahl zusammengestellt. Nun haben sich die Parteien geäußert.

Bei der DGUF sind zu finden:.


CDU und SPD sehen weitgehend keinen Handlungsbedarf oder möchten gar weiter kürzen. Von der AfD kam keine Rückmeldung, die NPD hat vom Thema keine Ahnung und nur ausweichend geantwortet. Lediglich bei Grünen und Linken - Parteien, die man früher eher als desinteressiert an der Vergangenheit eingeschätzt hätte, kamen substantielle Einschätzungen und konkrete Handlungsvorschläge.

Interner Link

Donnerstag, 9. Juni 2016

Wahlprüfsteine - Archäologie als Entscheidungskriterium für die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern

Mecklenburg-Vorpommern wählt am 4.9.2016 einen neuen Landtag.
Meckelnburg-Vorpommern hat einige offene Flanken im Bereich der Archäologie: Die DGUF hat  mit Partnern (IPAL, DEGUWA und Arbeitskreis Volontariat [facebook-Seite]) Wahlprüfsteine für die Landtagswahl erstellt und thematisiert das Fehlen eines Archäologischen Landesmuseums seit 1993 das Museum in Schwerin geschlossen wurde. Seitdem wurden mehr als 50% der Stellen in der Archäologie abgebaut und mehrfach sind die Schwierigkeiten deutlich geworden, unter solchen Umständen mit dem Kulturerbe umzugehen.
Die Wahlprüfsteine fragen:
  1. nach konkret geplanten weiteren Schritten und der zeitlichen Planung für die Wiedereinrichtung eines archäologischen Landesmuseums in Mecklenburg-Vorpommern.
  2. nach der kritischen personellen Ausstattung der Landesarchäologie
  3. nach der Praxis des Verursacherprinzips
  4. nach der Unterzeichnung der UNESCO-Konvention zum Schutz des kulturellen Erbes unter Wasser von 2001
  5. nach der Qualifkationspraxis der Volontariate in Museen und Denkmalpflege
Die Fragen wurden nun an die Parteien versandt, die nach aktuellen Umfragen mehr als 4% der Stimmen erhalten dürften. Das sind CDU, SPD, AfD, Die Linke, Bündnis90/Die Grünen, FDP und NPD.
Die Antworten wird die DGUF am 18.7. veröffentlichen, so dass die Antworten all jene Wahlberechtigte, die an Archäologie und dem Erhalt des kulturellen Erbes interessiert sind, in ihre Wahlentscheidung einfließen lassen können. Vor allem aber rücken die Wahlprüfsteine Themen aus Denkmalpflege und Archäologie in den Fokus der Öffentlichkeit. "Sie geben Anhaltspunkte, um Wahlversprechen im Nachhinein mit der politischen Umsetzung abzugleichen."

Links

frühere Wahlprüfsteine der DGUF

Samstag, 19. Dezember 2015

2 mal San José - Zeugnisse früher Globalisierung und Opfer der Kommerzialisierung


Gleich zwei Wracks namens San José gehen derzeit durch die Presse. Beide werden kommerziell ausgebeutet: Einmal in der Karibik in kolumbianischen Gewässern und einmal im Pazifik vor Panama. Beide wären sie eine wichtige Quelle zur frühen Globalisierung. Sie haben eine wissenschaftliche Untersuchung und eine vollständige Präsentation ihrer Funde verdient.

Kolumbien

In einer Seeschlacht vor Cartagena wurde am 8. Mai 1708 die spanische Galeone San José von britischen Kriegsschiffen versenkt. Nachdem das Schiff in Brand geraten war, explodierte seine Pulverkammer. 578 Menschen kamen dabei ums Leben.
Seeschlacht vor Cartagena 8. Mai 1708: Die San José wird von britischen Kriegsschiffen versenkt.
Gemälde von Samuel Scott vor 1772
(National Maritime Museum in Greenwich, Public Domain via Wikimedia Commons)
Da das Schiff mit 344 Tonnen Gold- und Silbermünzen sowie 116 Kisten mit Smaragden aus Peru beladen war, interessieren sich schon lange Schatzjäger dafür. Nachdem ein Gericht bereits vor Jahren Ansprüche einer Schatzbergefirma verneint hatte, die die Lage des Wracks bereits in den 1980er Jahren grob eingegrenzt hatte, hat vor wenigen Wochen die kolumbianische Regierung die Entdeckung des Schiffs bekannt gegeben.
Nun erheben die Schatzjägerfirma, wie auch die spanische Regierung Anspruch auf die Ladung. Die kolumbianische Regierung, die erst vor kurzem die kommerzielle Ausbeutung der Wracks vor seinen Küsten mehr oder weniger frei gegeben hat, will 50% der archäologischen Funde der nun beauftragten Bergefirma überlassen.

Protest der Kollegen gegen den Verkauf der Funde

San José in Panama

Die San José in den Pazifikgewässern vor Panama wurde bereits 2002 entdeckt. Diese San José ist bereits 1631 gesunken. Sie hatte angeblich 700 t Gold und Silber im Schätzwert von 50 Millionen $ geladen. Entgegen internationaler Vereinbarungen, die Panama im Gegensatz zu Kolumbien unterzeichnet hat, sollen nun 65% der Funde an eine private Bergefirma gehen. Die UNESCO hat bereits im Frühjahr Protest eingelegt.
Die laufenden Bergungen werden nicht regelmäßig fachmännisch begleitet. Ein Expertengutachten zu den inzwischen vorliegenden Funden stellte fest, dass sich darunter auch jüngere Objekte befinden, so dass sich abzeichnet, dass es mangels Dokumentatione nicht einmal möglich sein wird, die genaue Fracht des Schiffes festzustellen.


In beiden Fällen besteht zu befürchten, dass keine wissenschaftliche Dokumentation der Wracks erfolgt und die Ladung ohne zureichende Untersuchung verkauft wird.

Die Globalisierung der frühen Neuzeit

Die beiden Wracks sind Zeugnisse des großen Kapitalflusses aus dem spanischen Kolonialreich nach Europa. Aus dem ehemaligen Inka-Reich wurden Unmengen Gold und Silber nach Panama transportiert. Die San José aus Panama gehört in diesen Teil des Handels. Von Panama aus wurde die Fracht auf dem Landweg über den Isthmus von Panama nach Portobelo gebracht und von dort nach Spanien verschifft. Die in kolumbianischen Gewässern versenkte San José repräsentiert die Atlantikpassage. 
Was dies alles war, wie die Ladung sich genau zusammensetzt, in welcher Form das Gold und Silber transportiert wurde, wie homogen die Ladungen waren, wären wichtige Informationen, um den Transatlantikhandel der Zeit und die Ausplünderung der Kolonien besser kennen zu lernen. Eine genaue Dokumentation der Wracks wäre auch Voraussetzung, um mehr über den Alltag der Seeleute zu erfahren. 

Die Geschichte des 17. Jahrhunderts in Panama ist ein wesentlicher Teil der modernen Geschichte der Globalisierung. Bisher wurde sie immer aus spanischem Blickwinkel betrachtet, aus dem das 17. Jahrhundert als Krisenzeit erscheint. Immer mehr verlor Spanien die Kontrolle über sein Kolonialreich, nicht zuletzt durch steigendes Interesse anderer europäischer Mächte. Der Wrackfund der San José von 1708 dokumentiert das einträglich.
Die Fragen, die mit diesem Abschnitt der Globalisierung zusammen hängen, werden ab 2016 in einem neuen EU-Projekt untersucht, das an der Universität Sevilla in Spanien angesiedelt ist ("An ARTery of EMPIRE. Conquest, Commerce, Crisis, Culture and the Panamanian Junction (1513-1671)".  Hier fließen auch Erfahrungen und Vorarbeiten des Tübinger Panama-Projektes ein, das 2003-2009 mit überwiegender Finanzierung durch die DFG durchgeführt wurde (vergl. Archaeologik). Eine der Hypothesen des Projektes ist es, dass die Krise des spanischen Kolonialreiches vor Ort eher eine Phase des regionalen Aufblühens war, das der kolonialen Gesellschaft neue Möglichkeiten eröffnet hat. Archäologisch gibt es da verschiedene Zugriffe über die Analyse der Baukonjunktur in der Stadt, aber auch über eine Analyse der Importfunde aus China, die damals zunahmen. Die vergleichende Analyse von Schiffsladungen - aus schriftlichen Quellen, aber vor allem auch aus archäologischem Kontext mit den Möglichkeiten der archäometrischen Herkunftsbestimmung der Ladung - ist ein wichtiger Baustein für das Verständnis der wirtschaftlichen Veränderungen im Lauf der Zeit.


Es íst falsch, solche Wracks als Schätze zu sehen, sie sind in erster Linie historische Dokumente, von denen wir alle über unsere Welt lernen können.

Mittwoch, 1. April 2015

Wrackfunde zu verkaufen! - UN protestiert!

Das Finanzministerium von Panama hat bereits 2003 die Bergungsrechte an einem Wrack vor der Küste der kommerziellen Firma Investigaciones Marinas del Istmo (IMDI) verkauft, die Verbindungen zu Odyssey Marine Exploration unterhält (vergl. Archaeologik [7.8.2012]).

Es handelt sich um die 1631 gesunkene San José, die 700 t Gold und Silber im Schätzwert von 50 Millionen $ geladen haben soll. 2001 war ihr Wrack durch den Schatzjäger Rob McClung entdeckt worden.
Der Vertrag sieht vor, dass 65% der Funde an die Firma IMDI gehen, die sie verkaufen darf. Mit dem Erlös soll ein Museum gebaut werden in dem der 35%-Anteil der Funde ausgestellt werden soll, der an den Staat Panama geht. Eine Kontrolle der Grabungen vor Ort findet nicht statt, ihre Wissenschaftlichkeit scheint zumindest fragwürdig.
2013 hat das Kulturinstitut INAC den 10 Jahre alten Vertrag abgesegnet.

Panama hat jedoch internationale Verträge unterzeichnet, die solche Aktionen eigentlich unterbinden sollen (UNESCO-Convention on the protection of the underwater cultural heritage von 2001: pdf). Auch hat ein Gericht in Panama in zwei Fällen entschieden, dass Kulturgut nicht in Privatbesitz veräußert werden darf.

Samstag, 17. Mai 2014

Die geplünderte Santa Maria?

Derzeit tobt eine Debatte um einen Wrackfund vor der Küste Hispaniolas: Angeblich wurde die Santa Maria, das Flagschiff von Christoph Kolumbus gefunden.
Nachbauten der Pinta, Niña und der Santa Maria 1912 bei New York
(aus E.B.Andrews, History of the United States, vol. 5
[New York; Charles Scribner's Sons 1912], PD,
via Wikimedia Commons).
Solche Identifikationen sind immer problematisch und auch in diesem Fall ist sie höchst umstritten.


Hier soll es nicht um die Erörterung des Für und Widers gehen - dazu sind erst wissenschaftliche Untersuchungen am Wrack notwendig. Hingewiesen sei hier aber auf einen ganz speziellen Aspekt des Fundes. Im Focus-Artikel heißt es:
"Auf den Bildern von damals [2003] sei eine Kanone zu sehen, wie sie auch an Bord der Santa Maria gewesen sein könnte. Sie könnte einen Hinweis auf die Identität des Schiffes geben. Allerdings mussten die Forscher nun bei neuerlichen Tauchgängen feststellen, dass sie offenbar zusammen mit anderen Gegenständen aus dem Wrack geraubt wurde."
Damit haben Plünderer mal wieder richtig Schaden angerichtet. Sie haben Objekte aus ihrem Kontext gerissen, die wesentlich zur Identifikationsfrage hätten beitragen können (ganz abgesehen davon, dass sich eine zusammengehörende Schiffsausstattung nicht mehr rekonstruieren lässt). Die persönliche Gier nach einem Kanonenrohr (oder dem Geld aus dessen Verkauf) hat möglicherweise einen zentralen Fund zur Weltgeschichte vernichtet - zumindest aber die Möglichkeit, diesen sicher zu identifizieren. Vielleicht hat aber auch mal wieder einer gedacht, der Fund sei in seinem Wohnzimmer besser aufgehoben.


Weitere Links
Nachtrag (18.5.2014):