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Freitag, 11. Juli 2025

Vor 50 Jahren: Der Tod des Bürgerwillens in Faurndau - die Bedeutung einer Alltagsgeschichte des Dorfes in der Nachkriegszeit

Dieser Blogpost hat erst mal nichts mit Archäologie zu tun... (und doch werde ich am Ende darauf zurück kommen).

1975 wurde Faurndau (mein Heimatort im Filstal, ca 32 km östlich von Stuttgart, tiefstes Baden-Württemberg) nach Göppingen eingemeindet. Gegen den Willen der Bürger. Heute wird offiziell eher eine positive Bilanz gezogen - wie fast überall bei der Gemeindereform und Flurbereinigung. Ein genauerer Blick zeigt ein anderes Bild.

Aufkleber 1975
 

In Faurndau entsand 1973 eine Bürgerinitiative gegen die Eingemeindung, nachdem im März des Jahres die Landesregierung ihre Vorstellungen zur Gemeindereform vorgelegt hat und dabei die Eingemeindung Faurndaus nach Göppingen vorsah. Bereits 1971 hatte Göppingen eine Eingemeindung vorgeschlagen, das damals Ambitionen hatte, Sitz eines großen Hohenstaufenkreises zu werden.

Die Bürgerinitiative rechnete vor, dass die Eingemeidnung dem Ort keine Vorteile bringen würde, einen Verlust der Selbstverwaltung und demokratischen Mitbestimmung, eine finanziell höhere Belastung und eine fehlende Weiterentwicklung der Ortsstrukturen. Mitte der 1970er Jahre war Faundau hier mit der Erschließung des Neubaugebiets am Haier, das ein Schulzentrum und ein Hallenbad beinhaltete und der Neugestaltung des Schillerplatzes (heute Hirschplatz) auf gutem Weg.

Haierschúle mit Hallenbad nach der Eröffnung 1973
(Foto: S. Schreg)

 

Am 20. Mai 1973 wurde eine Bürgeranhörung durchgeführt, in der sich die Faurndauer mehrheitlich (96,5%) gegen die Eingemeindung aussprachen, die damit aber keineswegs vom Tisch war.. Darum kam es im Juli 1973 zu einer großen Demonstration gegen die Eingemeindung auf dem Schillerplatz.

Dennoch verlor Faurndau durch das Gemeindereformgesetz zum 1. Januar 1975 seine Selbständigkeit. 

Plakat der Bürgerinitiative
(HStA Stuttgart J 153 Nr 542 via Archivportal-D)

Flyer der Bürgerinitiative, zum rechten Flyer, datiert vor den 20.5.1973, gehört obiger Aufkleber

Man wehrte sich auch gerichtlich. Die Bürgerinitiative reichte eine Normenkontrollklage gegen das Gemeindereformgesetz ein, das die Eingemeindung Faurndaus nach Göppingen bestimmte. Am 11.7.1975 lehnten die neun Richter des Staatsgerichtshofs (heute Verfassungsgericht Baden-Württemberg) die Klage einstimmig ab. Sie gingen dabei nicht auf die demokratisch festgestellte Ablehung ein, sondern betonten, es sei nicht Aufgabe des Gerichts der Politik die Verantwortung abzunehmen und es habe nur festzustellen, ob die gefundene Regelung mit Gründen des öffentlichen Wohls vertret- und vereinbar sei, ob diese offensichtlich fehlerhaft sei oder gegen die Systemgerechtigkeit verstoße. Letzteres war ein Argument der Kläger, die auf den Bürgerwillen verwiesen und auf die Tatsache, dass im Falle Eislingens, für das auch eine Eingemeindung nach Göppingen diskutiert worden war, eine andere Entscheidung gefallen sei.

Das Gericht urteilete zudem, die Landesregierung sei an das Votum der Bürgeranhörung nicht gebunden. Karl Schiess (CDU, 1972-73 Innenminister), wird mit dem Kommentar zitiert, der Bürgerwillen sei etwas mehr als gar nichts. Die Wut im Dorf war groß. 

Meine Eltern waren bei der Urteilsverkündung in Stuttgart dabei. Mein Vater hatte bei der Gemeinde Faurndau als Techniker im Bauamt gearbeitet und war von dem Urteil unmittelbar betroffen. Am Nachmittag - die Verhandlung war am Vormittag - trafen sich einige Nachbarn bei uns im Wohnzimmer und ich erinnere mich an die miese Stimmung und auch die Wut. Wahrscheinlich ist es keine Erinnerung unmittelbar von diesem Tag, aber ich erinnere mich daran, dass sich der Frust vor allem gegen Franz Steinkühler richtete, der spätere IG-Metall-Chef, der kurz vor dem Urteil als Richter in den Staatsgerichtshof gewählt wurde.

Am folgenden Samstag - wenige Tage nach einem Festzug zur 1100-Jahr-Feier - wurde Faurndaus Selbständigkeit zu Grabe getragen - genauer gesagt der "Bürgerwille" und zwar mit dem Schiess-Zitat. 


NWZ 12.7.1975

 

der Leichenzug an der Ecke Hirsch-/Filseckstraße
(Foto: S. Schreg)
der Leichenzug in der Filseckstraße
(Foto: S. Schreg)
der Leichenzug in der Filseckstraße
mit MP Filbinger und OB König

(Foto: S. Schreg)
der Leichenzug vor dem Friedhof
(Foto: S. Schreg)
Sargverbrennung vor dem Friedhof
(Foto: S. Schreg)
Sargverbrennung vor dem Friedhof - der Bürgerwillen wollte nicht so recht in lodernden Flammen aufgehen
(Foto: S. Schreg)


 

Die Taruerrede

Die Trauerrede, die am 12.7. auf dem Schillerplatz gehalten wurde, ist aufschlußreich. Sie beklagt weniger den Verlust der Selbständigkeit als den Umgang mit dem Bürgerwillen und die Ignoranz.

 

Flurbereinigung und Gemeindereform 

Tatsächlich ist Faurndau damit nicht untypisch für die Entwicklung in weiten Teilen der alten Bundesrepublik während der 1960er und 70er Jahre. 

Mit Flurbereinigung und Gemeindereform wollte man die landwirtschaftlichen Erträge steigern und die Verwaltung effizienter machen. Ersteres ist gelungen, indem die Industrialisierung der Landwirtschaft damit begünstigt oder gar erst ermöglicht wurde. Allerdings ist die Rechnung grundlegend falsch, denn die Landwirtschaft produziert heute keine Energie mehr, sondern verbrennt welche. Seit der Neolithisierung hat sich der Mensch die Photosynthese der Pflanzen zu nutzen gemacht, um Energie in Form von Nahrungsmitteln zu gewinnen. Mit der  Modernisierung ist die Landwirtschaft zum Energieverbraucher geworden, da Kunstdünger und Kraftstoffe aus fossilen Energien stammen. Effizient ist sie also keineswegs. Heute wissen wir auch, dass die agrarische Optimierung der Landschaft für schwere ökologische Schäden verantwortlich ist und auch kein geringer Faktor für den Klimawandel ist.  

Die Flurbereinigung basiert auf einem Bundesgesetz, das zunächst 1956 einfach die Regelungen der NS-Zeit aufgriff. Die Durchführung aber wurde an die Länder delegiert. 

Mit der Verwaltungsreform wollte man effektivere Strukturen schaffen, auf der Ebene der Regierungsbezirke, der Landkreise und der Kommunen. Allenthalben war man bestrebt, die kleinen Gemeinden zu größeren Einheiten zusammen zu fassen. In Baden-Württemberg war man dabei noch vergleichsweise zögerlicher als anderswo.

Gemeindereform und Flurbereinigung galten als ein Projekt der Modernisierung und der effektiveren Verwaltung. Sie haben aber auch zur Auflösung der alten Dorfgemeinschaften beigetragen, indem die Flurbereinigung das Höfesterben maßgeblich angestoßen, damit auch die Abwanderung aus dem ländlichen Raum begünstigt und auch die Auto-Abhängigkeit geschaffen hat. 

Diese strukturellen Veränderungen führten und führen auch heute noch oft zu einem massiven Verlust der alten Bausubstanz, die oft als Schandfleck oder unmodern gebrandmarkt wurde. Faurndau kam lange Zeit mit geringen Schäden davon - erst jetzt verliert es mit dem Abriß der alten Bauernhäuser an der Hirschstraße sein Gesicht, im Umfeld der romanischen Stiftskirche ein immenser Schaden. Die Neubauten am Schillerplatz und die mitten in den Ort geklotzte Bahnüberführung "Over-Fly" waren für die Lebensqualität am Ort kein Gewinn, markieren eher die Marginalisierung des Ortes im Vergleich zur Kernstadt. Auch das ist ein Muster: Entwicklungsprojekte zielten in der Folge auf die Zentren, weniger auf die Vororte oder gar die abgelegenen Bauerndörfer. Bestenfalls sorgte man dort mit Umgehungsstraßen für eine Verkehrsentlastung der Durchfahrtsstraßen, mit der Folge allerdings, dass es nun auch schneller war, in die Einkaufszentren auf der grünen Wiese zu gelangen, als in den etablierten Geschäften im Ortskern einzukaufen. Ein Aussterben der Orte folgte.

Zudem ist die Bürgernähe abgestorben. Dabei geht es nicht um die Präsenz eines Bürgerbüros vor Ort, sondern um den Verlust einer örtlichen Autonomie und eine Entfremdung von der Politik. Man argumentierte, die Gemeinden hätten früher vor allem Ordnungsaufgaben gehabt, im 20. Jahrhundert seien aber neue Aufgaben hinzugekommen, wie Schulen, öffentliche Büchereien, Sportanlagen, Kindergärten, Friedhöfe und Kläranlagen. Der damalige Innenminister Walter Krause: (SPD, Innenminister BaWü 1966-72) „Wer diesen Aufgabenkatalog sieht, weiß, dass mit der Verwaltung von gestern die Welt von morgen nicht mehr gemeistert werden kann.“

Die Reformen stärkten die Bürokratie, denn nun wurde zunehmend anonym entschieden, was nicht unbedingt gerechter ist, sondern eher zu Härtefällen und Frust führt. Anders als erwartet, waren die größeren Ämter auch nicht unbedingt effektiver. Bürgernähe und Vertrauen in den Staat gingen verloren. Dazu trugen auch Fälle wie der in Faurndau bei, in der das Ergebnis der Abstimmung, das sch zu 96,5% gegen die Eingemeidnung aussprach, einfach arrogant übergangen wurde. In anderen Fällen - so im fränkischen Ermershausen kam es 1978 zum offenen Widerstand und zum "Polizeiüberfall".

Diese Vorgänge sind heute vielfach vergessen - in Faurndau kam es seit den 1975 auch  zum Zuzug neuer Einwohner, die um die damaligen Auseinandersetzungen nicht mehr wissen. Dennoch zögerte man in Göppingen 2015 die Eingemeindung zu feiern - auch bei den aktuellen Feiern zur 1150-Jahrfeier scheint die Eingemeindung thematisch eher vermieden zu werden.

Wenn wir aktuell ein verlorenes Vertrauen in die Politik feststellen, so dürften diese Vorgänge um Flurbereinigung und Verwaltungsreform einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet haben. Sie sind in der konkreten Erinnerung kaum noch präsent, haben aber sicher vielfach  die Erfahrungen mit dem Staat unterschwellig geprägt. Die historische Aufarbeitung von Diktaturen mit ihrem offenen Unrecht fällt leichter als die Aufarbeitung des damaligen Alltags, der harmlos daher kommt, aber eben doch genauso eine Grundlage der aktuellen Demokratie- und Umweltkrise darstellt. Sehr eindrücklich ist hier eine Dokumentation des NDR von 2021: Unsere Dörfer - Niedergang und Aufbruch

In der öffentlichen Diskussion fehlt eine Ursachenanalyse und man schließt sich bequemerweise dem rechten Narrativ an, die Migration sei an allem Schuld. Flurbereinigung und Gemeindereform bedürfen dringend einer historischen Aufarbeitung, die auch der Frage nachgehen sollte, ob sich die Auseinandersetzungen um Eingemeindungen und die Flurbereinigung nicht auch mit heutigen Hochburgen extremer Parteien korrelieren und vielleicht auch ursächlich verbinden lassen. Derartige Aufarbeitungen scheinen noch weitgehend zu fehlen, für Bayern liegt eine solche Analyse mit einer Münchner Dissertation vor.  Faurndau wäre hier sicherlich ein spannendes Fallbeispiel.

 

Die Folgen der Landesentwicklung kamen keineswegs unerwartet, viele "Nörgler" haben genau damit argumentiert. Vielen ging es dabei nicht um das Verhindern, sondern damals schon um ein smartes Modernisieren und Neu-Organisieren aus den Gemeinden heraus. Tradition und Modernisierung werden heute als Gegensatz begriffen, tatsächlich schließen sie sich nicht aus. Voraussetzung ist freilich, dass man Veränderung akzeptiert, aber eben auch kommunal demokratisch organisiert und überlegt handelt. Dazu gehört, dass man sich der historischen Entwicklung bewusst ist, sie erst zeigt die Tragweite der Entscheidungen. Hier ist die Zeitgeschichte gefragt, die Soziologie und die heimische Ethnologie in ihrer Rolle als historische Kulturwissenschaften. - Und hier kann letztlich auch die Archäologie und die Denkmalpflege dazu beitragen, diese gar nicht so weit zurückliegenden Veränderungen sichtbar zu machen, durch Konservierung, aber auch durch Forschung, indem beispielsweise die Veränderungen des Alltags seit den 1970er Jahren illustriert werden. Eine Archäologie der Moderne wäre hier etwa gefragt, verlassene Zeitkapsel-Wohnungen zu dokumentieren und vor Augen zu führen. Vielleicht gibt es so was auch in Faurndau - ein Wohnzimmer etwa, das noch aus der Zeit der Selbständigkeit stammt?



Quellen

  • S. Lang, Der Traum vom "Hohenstaufenkreis" . Der Landkreis Göppingen in der württembergischen Kreisreform 1970-1972. Veröff. Kreisarchiv Göppingen 20 (Göppingen 2023)
  • W. Ziegler, Faurndau 875-1975 (Faurndau 1975) 
  •  Faurndaus Selbständigkeit wurde zu Grabe getragen. NWZ 14.7.1975
  • Es gibt kein 1101. Jahr eigener Faurndauer Geschichte. NWZ 11.7.1975 

Literatur

  • E. Frahm / W. Hoops (Hrs.), Dorfentwicklung. Aktuelle Probleme und Weiterbildungsbedarf. Referate einer Arbeitstagung des Deutschen Instituts für Fernstudien an der Universität Tübingen. Untersuchungen des Ludwig-Uhland-Instituts der Universität Tübingen 71 (Tübingen 1987). 
  • E. Frie, Ein Hof und elf Geschwister. Der stille Abschied vom bäuerlichen Leben in Deutschland (München 2023). 
  • L. Haffert, Stadt, Land, Frust. Eine politische Vermessung. Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung 10884 (Bonn 2022).  
  • G. Henkel, Das Dorf. Landleben in Deutschland - gestern und heute (Darmstadt 2012). 
  • J. Thomas, Handbuch zur ländlichen Bodenordnung und Flurbereinigung in Deutschland (Nischin, Ukraine 2023). - https://www.landentwicklung.de/fileadmin/sites/Landentwicklung/Dateien/Publikationen/Handbuch_zur_laendlichen_Bodenordnung_und_Flurbereinigung_in_Deutschland.pdf
  • J. Mattern, Dörfer nach der Gebietsreform. Die Auswirkungen der kommunalen Neuordnung auf kleine Gemeinden in Bayern (1978-2008) (Regensburg 2020). - ISBN 978-3-791-73133-9  
  • A. Pufke (Hrsg.), Ländliche Strukturentwicklung - ein Kulturereignis? Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz 78 (Bonn 2011). 
  • M. Schaab, Verwaltungsgliederung in Südwestdeutschland 1939-1981, Hist. Atlas Bad.-Württ. Erl. VII, 12 (Stuttgart 1988). - https://www.leo-bw.de/media/kgl_atlas/current/delivered/pdf/HABW_7_12.pdf 

Links

 

Donnerstag, 9. April 2020

Die COVID-19 Pandemie - Teil 2: Kleine Geschichte der Erforschung von gesellschaftlichen Zyklen

Detlef Gronenborn - Rainer Schreg

Zyklen und Prozesse

Im Laufe unserer Forschungen am Römisch-Germanischen Zentralmuseum (RGZM) hat sich in den letzten zehn Jahren ein zyklenbasierter Ansatz als sehr hilfreich bei der Konzipierung von geschichtlichen Abläufen, oder vielleicht besser wiederkehrenden Prozessen, erwiesen (Gronenborn, Schreg 2011; Dotterweich 2011; Gronenborn u. a. 2014; Schreg 2011; Schreg 2020).

Corona-Beiträge auf Archaeologik
Viren
(biology pop [CC BY SA 4.0]
via WikimediaCommons)
Jedoch stieß und stößt solch ein Geschichtsbild bei vielen Kolleginnen und Kollegen auf Skepsis, was möglicherweise auch auf Missverständnisse und Unklarheiten über Terminologie und Konzeption beruht.
Zunächst darf man sich unter Zyklen keine kreisförmigen Abläufe vorstellen, sondern eher Fluktuationen, die aber einer gewissen Regelhaftigkeit unterliegen. Vorab ist zu sagen, dass es bereits in der antiken griechischen Geschichtskonzeption Ideen zu regelhaften Abfolgen, ja geradezu Mechanismen gegeben hatte (Abb. 1). Sie ziehen sich durch die gesamte Geistesgeschichte des Abendlandes, konzeptionell stehen sie dem antiken und mittelalterlichen Degenerationismus nahe, wie auch dem Evolutionismus des 19. Jahrhunderts, denn allen liegt eine Vorstellung von Geschichte als Prozess zugrunde (Trigger 1989).


Abb. 1. Vereinfachte Grafik der historischen Dynamik römischer Regierungsformen nach Polybios
(aus Gronenborn 2016).

Eine schöne bildliche Darstellung der Zyklenkonzeption des 19. Jahrhunderts ist eine fünfteilige Gemäldereihe von Thomas Cole (Abb. 2), die zwischen 1833 bis 1836 für die New York Historical Society erstellt wurde (http://www.explorethomascole.org/tour/items/69/series/). 


Abb. 2. Thomas Cole, The Course of Empire: Destruction (1836)
([public domain]. via WikimediaCommons)


Der Evolutionismus des 19. Jahrhunderts hatte sich aus ähnlichen Konzeptionen in den Naturwissenschaften entwickelt, die nun ebenfalls begannen in Prozessen und Zyklen zu denken; verbunden war dies mit einem starken und kontinuierlichen Fortschrittsglauben (Trigger 1989). Auch die Wirtschaftswissenschaften sahen Zyklen auf langen und kurzen Zeitskalen.
Im 20. Jahrhundert haben sich sowohl zyklenbasierte wie auch lineare, prozessbasierte Geschichtsmodelle weiterentwickelt, kurze Zusammenfassungen finden sich in Turchin/Nefedov (2009) und Gronenborn u. a. (2017).

Vorwurf „Determinismus“

Während also ein Teil der Wissenschaftscommunity Prozesse und Zyklen als hilfreiche Denkmodelle oder -schablonen sieht, tut sich wiederum ein anderer Teil genau wegen dieser vermeintlich vorgegeben Strukturen sehr schwer damit, Regelhaftigkeiten in der Geschichte zu akzeptieren; der Vorwurf des Determinismus steht unweigerlich im Raum. 

Sicherlich mit zu begründen ist das auch mit der jüngeren deutschen Forschungsgeschichte, galt doch im bürgerlichen Geschichtsbild der Nachkriegszeit, und beruhend auf die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichende Tradition des Historismus, jede Epoche als einzigartig in ihrer „Geschichtlichkeit“. Mit der Entwicklung des Historismus begannen sich die Geisteswissenschaften, insbesondere die Geschichtswissenschaft, immer stärker von den Naturwissenschaften abzusetzen, indem sie dem naturwissenschaftlichen Erklären der Welt das geisteswissenschaftliche Verstehen gegenübersetzt (Droysen 1868; Dilthey 1887). In der weitgehend empirisch beriebenen Archäologie spielte dieses Denken bis weit in das 20. Jahrhundert die entscheidende Rolle (Schreg 2014). Verknüpft mit der identitätsstiftenden Rolle der Vergangenheit wurde daraus ein Geschichtsbild, das Kontinuitäten, nicht aber Prozesse und Zyklen in den Mittelpunkt seiner Betrachtung stellt (Schreg 2017). Daraus resutiert auch, dass der Begriff der historischen Prozesse erst jüngst ins Blickfeld geraten ist (Schützeichel/ Jordan 2015; Schreg 2018). Der Historismus betont die Handlungsfreiheit des Individuums, sieht aber eine Handlungsmächtigkeit vor allem bei Politikern und Militärs bzw. Vertretern von Institutionen. 

Dies ist übrigens ein Ansatz, der um die letzte Jahrtausendwende im Zuge des Postprozessualismus wieder von der britischen Archäologie unter dem Begriffsfeld „human agency“ betont wurde (Dobres/Robb 2000). 

Eine naturwissenschaftliche Vorgehensweise des Erklärens macht es jedoch notwendig, nach Mustern, nach Regelhaftigkeiten zu suchen, um auch die Variationsbreiten von Verhalten zu erkennen, mithin sind wiederkehrende Abfolgen in der Grundkonzeption von Prozessen mit enthalten. Das in der textbezogenen Geschichtswissenschaft in der Tradition des Historismums betonte Individuum spielt hier eine untergeordnete Rolle (Abb. 3).

Abb. 3. Flussdiagramm des Widerspruchs zwischen geistes- und naturwissenschaftlichen Traditionen.
(D. Gronenborn)

In Ländern des früheren Warschauer Paktes hatte sich die Theorienlandschaft in eine andere Richtung entwickelt, hier war man, beruhend auf dem Marxismus, und stand daher Regelhaftigkeiten weniger skeptisch gegenüber. Was problemlos zu akzeptieren war, waren Phasenabläufe in der Geschichte, wie sie Engels (1989) vorgedacht hatte. Diese Phasen wiederum erlaubten auch in Mechanismen zu denken, hinter denen die Übermächtigkeit des handelnden Individuums zurücktrat. Verbunden war diese Konzeption mit der Prozessualen Archäologie der 1960er Jahre (Binford 1977), deren Höhepunkt die systemische Ausdeutung von Clarke (1968) war.

Mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts hat sich aber wieder ganz langsam eine Komponente auch in die deutschsprachige Archäologie und zumindest in Teile der Geschichtsschreibung geschlichen, die einer von uns (d.g.) gerne als „Neoprozessualismus“ bezeichnen möchte (Archaeology Today – Archaeology Tomorrow: Part 2 - Suggesting a solution – “Neoprocessualism”. Archaeologik [1.2.2016]) und die durch ein Konzept aus dem Umweltwissenschaften ihren Weg in die Geisteswissenschaften fand.

„Adaptive Zyklen“ – die Rückkehr von Mechanismen und Regelhaftigkeiten in die Geschichtsschreibung

Abb. 4. Darstellung der Adaptiven Zyklen
nach Holling/Gunderson (2002)
(Graphik R. Schreg).
Im Jahr 2005 veröffentlichte Redman einen Aufsatz, der für die Archäologie ungeheure Konsequenzen gehabt hatte. Darin stellt er die Anwendungsmöglichkeiten des Konzeptes der Adaptiven Zyklen vor. Diese beruhen auf einer unendlich laufenden Schleife, bestehend aus immer wiederkehrenden, aufeinander bezogenen Abschnitten. Diese Schleife existiert in einem theoretischen Raum aufgespannt durch die Parameter Potential, Resilienz und Verknüpfung (connectedness) (Abb. 4). 


Diese Konzeption wurde dann von vielen Kolleginnen und Kollegen aufgegriffen, darunter auch von unserem Forschungsfeld am RGZM (Schreg 2011; Gronenborn u. a. 2014; Schreg 2019). Wir veränderten die Visualisierung und passten sie archäologischem Denken an, das ja in erster Linie einem zeitlichen Gradienten folgt (Abb. 5).

Sehr schnell wurde klar, was allerdings auch schon in der Konzeption der AC voreingestellt war, dass sich Zyklen auf verschiedenen zeitlichen Skalenebenen und auch in parallele und aber auch versetzten Prozessen abspielen (Abb. 5 b). Geschichte kann als Abfolge von ineinander verschachtelten zyklischen Prozessen verstanden werden.

Abb. 5. Neukonzeption der Adaptiven Zyklen nach Gronenborn u. a. (2014)
(Graphik: D. Gronenborn)




Diese Idee ist der Archäologie eigentlich nicht neu, denn ihr ureigenstes Handwerkszeug, die Ordnung von Objekten zur Erstellung einer Chronologie, baut genau auf diesem Phänomen auf, das bereits seit den antiken Abfolgen und ganz deutlich bei den Methodenentwicklungen im 19. Jahrhundert. Nicht zufällig wurden viele Perioden in dreistufige Entwicklungsschemata einer Früh-, Hoch- und Spätphase gepresst. 

Diese folgt dem typischen Innovationszyklus, der auch heute immer wieder in der Analyse von Wirtschaftsprozessen verwendet wird (Rogers 1962). Schmerzhaft deutlich wird uns das zur Zeit in der Beobachtung des Kurvenverlaufs der COVID-19-Infektionsrate, von der wir alle hoffen, dass sie nach einem Kipppunkt wieder abflachen möge (http://rocs.hu-berlin.de/corona/docs/forecast/results_by_country/). 

Mit Hilfe dieses prozess- und zyklenbasierten Denkmusters scheint es uns möglich, die alten Widersprüche zwischen geisteswissenschaftlichen individuenbasierten und naturwissenschaftlichen prozessbasierten Geschichtsbildern aufzulösen (Abb. 6). Letztlich geht es um zwei Aspekte desselben Untersuchungsgegenstandes, die sich allerdings in ihrer Bezugsskala und in ihrem Abstraktionsgrad unterscheiden. Ziel ist, daraus ein kombiniertes, vielschichtige Geschichtsbild unter Berücksichtigung des Verhältnisses der verschiedenen Bezugsebenen zu entwickeln. Untersuchungen auf der Basis langer Zeiträumen müssen durch Fallstudien einzelner Zyklen oder wenigstens Umbruchphasen ergänzt werden. Es zeigt sich, dass das eine eine Stärke der prähistorischen, das andere eine der historischen Archäologie ist. Getrennt durch fünf Jahrtausende haben sich so Studien zu den Zyklen des Neolithikums mit solchen zur Siedlungsdynamik des Mittelalters insbesondere des 14. Jahrhunderts ergänzt (Schreg 2011; 2020).

Abb. 6. Auflösung des Widerspruchs zwischen geistes- und naturwissenschaftlichen Traditionen.
(Graphik: D. Gronenborn)

Die einzelnen Zyklen bzw. Prozesse laufen historisch nicht gleich ab. Hier gibt es so viele Faktoren, dass letztlich doch jeder Zyklus individuell zu sehen ist. So sehr der Mensch als homo sapiens im Großen und Ganzen einen Faktor im Gesamtsystem darstellt, so ist doch gerade seine aktive Rolle als Akteur, wie auch sein konkretes Reagieren in Krisen für uns von Interesse. Zu den Untersuchungen langfristiger Prozesse  müssen also auch Überlegungen treten, wie das Individuum mit der Gesellschaft als Ganzem interagiert (Schreg u.a. 2012; 2013; Schreg 2017 ) und wer Akteure im gesellschaftlichen Wandel sind.

Das Grundmuster

Grundlage dieser Gesamtkonzeption sind Abfolgen von Zyklen bzw. wiederkehrenden Prozessen, die einem immer sich wiederholenden Muster folgen (Abb. 7). Dieses beruht auf den Adaptiven Zyklen, ist aber erweitert und verändert mit Verhaltensabfolgen in staatlichen Gesellschaften, die Turchin/Nefedov (2009) herausgearbeitet haben. So ist der Zyklus in einen integrativen und einen desintegrativen Teil zweigeteilt. Dieses Grundmuster ist in aufeinander bezogene Abschnitte eingeteilt, die zwar in den jeweiligen Studien unterschiedlich benannt sind, aber dennoch dieselben Inhalte haben; sie finden sich auch in der oben schon erwähnten archäologischen Chronologie (Abb. 7). Solche Zyklen sind, wie Scheffer (2009, 79) das trefflich gesagt hat „intuitive Metaphern“. Daher ist es notwendig, für eine analytische Vorgehensweise die einzelnen Komponenten voneinander zu trennen und für die jeweiligen Parameter Proxy-Daten zu finden, dies sowohl im archäologischen Material wie auch in den Textquellen (Abb. 8).

Abb. 7. Zweidimensionale Darstellung des sozio-politischen und ökonomisch-ökologischen Zyklus (SPEEC) basierend auf einem archäologischen typochronologischen Modell (ATC) und Adaptiven Zyklen (AC), der demografisch-strukturellen Theorie (DST) und der Dual Processual Theory (DPT) (Literaturverweise siehe Gronenborn 2016).





Abb. 8. Schematische Darstellung verschiedener in einem Zyklus wirksamer Faktoren.
(Graphik: D. Gronenborn)


In unseren bisherigen Studien haben wir uns besonders eine sozio-politische Komponente herausgegriffen, da diese noch weniger erforscht schien. In der Archäologie gebräuchlicher sind Zyklen etwa in der Siedlungsgeschichte mit der Vorstellung expansiver Phasen der Kolonisation und solche der Wüstung oder in der Geoarchäologie mit dem Modell des Bodensyndroms (Bork 2006).

Etliche Studien hatten sich auch bereits mit Populationsdynamiken befasst, ein Ansatz der methodisch weniger aufwendig ist (Zimmermann u. a. 2009; Zimmermann 2012), aber eben nur einen Teil der gesamten Dynamik abdeckt. Wir haben uns auf einen Parameter bezogen, den man als Fluktuationen im sozialen Zusammenhang (social cohesion) bezeichnen kann, und der sich aus der Diversität bzw. Normierung von sozialen Identifikationen generiert. Das ist in der Archäologie eine alte Vorgehensweise die verwandt ist mit der Dual Processual Theory der 1990er (Blanton u. a. 1996). Die Grundidee ist, dass sich alle Mitglieder eine Gruppe mit sozialen Einheiten identifizieren, sei es Familienverbände oder Bünde, oder Geheimgesellschaften. Angenommen wird dabei, dass es Einheiten sein sollten die eine aktive politische Rolle in den Gesellschaften übernehmen. Konkret zu greifen ist diese Diversität bzw. Normierung in der materiellen Kultur. Zu denken ist an Individualität in der Grabausstattung, bei Trachtmustern oder – in der archäologischen Überlieferung noch am kontinuierlichsten zu erfassen – im Stilrepertoire an Keramik (https://rfactors.hypotheses.org/files/2019/09/Gronenborn_2019_Vom_Artefakt_zum_historischen_Prozess.pdf). Verwandt ist dieser Ansatz auch mit dem Habitus-Konzept von Bourdieu (1976).

Plottet man solche Proxy-Daten in einer Zeitreihe, lässt sich ein Muster feststellen (Abb. 9): Zu Beginn des Zyklus ist die Diversität der Identifikationen gering, meist auch weil es eine geringe Zahl von Gruppenmitgliedern gibt. Im Laufe der Zeit nimmt die Diversität zu und nach einem Kipppunkt (tipping point) nimmt sie wieder ab. Entsprechend dieser Diversitätskurve ist die soziale Kohäsion zu Beginn der Kurven hoch, nimmt dann ab, und nimmt zum Ende wieder zu. Das heißt die desintegrative Phase ist zwar durch eine Zunahme sozialer Kohäsion gekennzeichnet, zeigt aber dennoch ein Verfallsstadium der Gesellschaften an. Charakteristikum dieser Phasen sind Gesellschaften in einem Stadium der Polarisierung, das auch in Extremfällen in ein Stadium der Rigidität, ja der sogenannten Rigiditätsfallen übergehen kann. 



Abb. 9. Zwei aufeinander folgende Zyklen stilistischer Diversität im Alt- und Mittelneolithikum SW-Deutschlands (verändert nach Gronenborn u. a. 2018).

Diese sozialen Kurven sind im bisher untersuchten Fall von der Populationskurve entkoppelt (Gronenborn u. a. 2017; Peters/Zimmermann 2017). In einer weiteren, noch nicht veröffentlichten Studie konnte gezeigt werden, dass auch die Sozialindizes zudem auf verschiedenen Skalenebenen unterschiedliche Kurvenverläufe aufweisen, sich letztlich also jede Phase des Zyklus aus einer Vielzahl von Einzelzyklen unterschiedlicher Genese zusammensetzt (Gronenborn u. a. 2020).

Dieses Grundmuster haben wir versuchsweise den „Soziopolitisch-ökonomisch-ökologischen Zyklus“ (SPEEC) genannt (Gronenborn 2016), weil letztlich alle Faktoren mit bedacht werden, so denn Daten dazu in hinreichender Auflösung zur Verfügung stehen.

Fortsetzungsepisoden



Literaturverzeichnis

  • Binford 1977
    L. R. Binford, For theory building in Archaeology (New York 1977).
  • Blanton u. a. 1996
    R. E. Blanton/G. F. Feinman/S. A. Kowalewski u. a., A dual-processual theory for the evolution of Mesoamerican Civilization. Current Anthropology 37, 1, 1996, 1–14.
  • Bork 2006
    H.-R. Bork (Hrsg.), Landschaften der Erde unter dem Einfluss des Menschen (Darmstadt 2006).
  • Bourdieu 1976
    P. Bourdieu, Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft (Frankfurt am Main 1976).
  • Clarke 1968
    D. L. Clarke, Analytical Archaeology (London 1968).
  • Dilthey 1887
    W. Dilthey, Einleitung in die Geisteswissenschaften. Versuch einer Grundlegung für das Studium der Gesellschaft und der Geschichte. Erster Band (Leipzig 1887).
  • Dobres/Robb 2000
    M.-A. Dobres/J. Robb, Agency in Archaeology (2000).
  • Droysen 1868
    J. G. Droysen, Grundriss der Historik (Leipzig 1868).
  • Engels 1989
    F. Engels, Der Ursprung der Familie, des Privateigentumss und des Staates. Im Anschluß an Lewis H. Morgans Forschungen (Berlin 1989).
  • Dotterweich 2011
    M. Dotterweich, Systemtheoretische Konzepte zur interdisziplinären Erforschung komplexer Mensch-Umwelt-Beziehungen. In: F. Daim/D. Gronenborn/R. Schreg (Hrsg.),Strategien zum Überleben. Umweltkrisen und ihre Bewältigung. RGZM-Tagungen 11 (Mainz 2011) 95–107.
  • Gronenborn u. a. 2014
    D. Gronenborn/H.-C. Strien/S. Dietrich u. a., ‘Adaptive cycles’ and climate fluctuations. A case study from Linear Pottery Culture in western Central Europe. Journal of Archaeological Science 51, 2014, 73–83.
  • Gronenborn 2016
    D. Gronenborn, Some thoughts on political differentiation in early to Young Neolithic societies in western central Europe. In: H. Meller/H.-P. Hahn/R. Jung u. a. (Hrsg.), Arm und Reich - Zur Ressourcenverteilung in prähistorischen Gesellschaften. 8. Mitteldeutscher Archäologentag vom 22. bis 24. Oktober 2015 in Halle1. Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle (2016) 61–76.
  • Gronenborn u. a. 2017
    D. Gronenborn/H.-C. Strien/C. Lemmen, Population dynamics, social resilience strategies, and Adaptive Cycles in early farming societies of SW Central Europe. Quaternary International 446, 2017, 54–65.
  • Gronenborn u. a. 2018
    D. Gronenborn/H.-C. Strien/R. van Dick u. a., Social diversity, social identity, and the emergence of surplus in the western central European Neolithic. In: H. Meller/D. Gronenborn/R. Risch (Hrsg.), Überschuss ohne Staat / Surplus without the State. Politische Formen in der Vorgeschichte / Political Forms in Prehistory1. Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle 18 (Halle 2018) 201–220.
  • Gronenborn u. a. 2020
    D. Gronenborn/H.-C. Strien/K. W. Wirtz u. a., Inherent Collapse? Social Dynamics and External Forcing in Early Neolithic and Modern SW Germany. In: F. Riede/P. Sheets (Hrsg.), Going Forward by Looking Back (New York, Oxford 2020) im Druck.
  • Gronenborn/ Schreg 2011
    D. Gronenborn/ R. Schreg, Rainer, Krisen und ihre Bewältigung - Aspekte einer Bilanz. In: F. Daim/ D. Gronenborn u. R. Schreg (Hrsg.), Strategien zum Überleben. RGZM - Tagungen 11 (Mainz 2011) 303-310 (2011).
  • Holling/Gunderson 2002
    C. S. Holling/L. H. Gunderson, Resilience and Adaptive Cycles. In: L. H. Gunderson/C. S. Holling (Hrsg.), Panarchy. Understanding transformations in human and natural systems (Washington 2002) 25–62.
  • Peters/Zimmermann 2017
    R. Peters/A. Zimmermann, Resilience and Cyclicity. Towards a macrohistory of the Central European Neolithic. Quaternary International 446, 2017, 43–53.
  • Redman 2005
    C. L. Redman, Resilience theory in archaeology. American Anthropologist 107, 1, 2005, 70–77.
  • Rogers 1962
    E. M. Rogers, Diffusion of innovations (New York 1962).
  • Scheffer 2009
    M. Scheffer, Critical transitions in nature and society. Princeton studies in complexity (Princeton, NJ 2009).
  • Schreg 2011
    R. Schreg, Feeding the village. Reflections on the ecology and resilience of medieval rural economy. In: J. Klápšte (Hrsg.), Processing, storage, distribution of food. Food in the medieval rural environment; Ruralia 8 (Turnhout 2011) 301–320.
  • Schreg 2014
    R. Schreg, Neue Perspektiven des Geschichtsverständnisses in der historischen Archäologie Reflektionen und Fallstudien zur Umwelt- und Sozialarchäologie als historische Kulturwissenschaft. Habil. Tübingen (Mainz, Tübingen 2014 [unpubl.]).
  • Schreg 2017
    R. Schreg, Interaktion und Kommunikation im Raum – Methoden und Modelle der Sozialarchäologie. In: S. Brather/J. Dendorfer (Hrsg.),Grenzen, Räume und Identitäten. Der Oberrhein und seine Nachbarregionen von der Antike bis zum Hochmittelalter. Tagung Freiburg, 13. – 16. November 2013. Archäologie und Geschichte 22 (Ostfildern 2017) 455–492.
  • Schreg 2018
    R. Schreg, Historische Prozesse. Rezension zu Schützeichel/ Jordan 2015. Archaeologik (11.6.2018). - https://archaeologik.blogspot.com/2018/06/historische-prozesse.html
  • Schreg 2020
    R. Schreg, Plague and Desertion. A Consequence of Anthropogenic Landscape Change? Archaeological Studies in Southern Germany. In: M. Bauch/G. J. Schenk (Hrsg.), The Crisis of the 14th Century. Teleconnections between Environmental and Societal Change? (Berlin, Boston 2020) 221–246.
  • Schreg u.a. 2012
    R. Schreg/J. Zerres/H. Pantermehl/ St. Wefers/ L. Grunwald,, Habitus - ein soziologisches Konzept in der Archäologie. Archaeologik (14.12.2012)
  • Schreg u. a. 2013
    R. Schreg/J. Zerres/H. Pantermehl/ St. Wefers/ L. Grunwald,/ D. Gronenborn, Detlef., Habitus – ein soziologisches Konzept in der Archäologie. Arch. Inf. 36, 2013, 101-112, 2013. - doi:10.11588/ai.2013.0.15324
  • Schützeichel/ Jordan 2015
    R. Schützeichel/ S. Jordan (Hrsg.), Prozesse. Formen, Dynamiken, Erklärungen (Wiesbaden 2015).
  • Trigger 1989
    B. G. Trigger, A History of Archaeological Thought (Cambridge 1989).
  • Turchin/Nefedov 2009
    P. Turchin/S. A. Nefedov, Secular Cycles (Princeton 2009).
  • Zimmermann u. a. 2009
    A. Zimmermann/J. Hilpert/K. P. Wendt, Estimations of Population Density for Selected Periods Between the Neolithic and AD 1800. Human Biology 81, 2-3, 2009, 357–380.
  • Zimmermann 2012
    A. Zimmermann, Cultural cycles in Central Europe during the Holocene. Quaternary International 274, 2012, 251–258.


Dienstag, 11. Juni 2013

Scherbenschleier als Indikator für Landnutzungsstrategien

Streufunde von Keramik, insbesondere von mittelalterlicher und neuzeitlicher Keramik galten lange Zeit nur als interessant, wenn sie als Indikatoren einer früheren Siedlungsstelle angesehen wurden. Scherben, die dem sog. "Mistschleier" zugeschrieben wurden, wurden gar nicht erst aufgesammelt.

Feldbegehungen in Bräunisheim.
Die kleinen roten Flaggen markieren die
zur Einmessung vorgesehenen Scherbenfunde des zum Ortsrand
hin dichter werdenden Scherbenschleiers
(Foto R. Schreg, 2005)
Inzwischen liegen Studien aus verschiedenen Landschaften vor, die solche Scherbenschleier nicht unbeachtet gelassen haben. Sie reichen von England bis Griechenland und belegen den Quellenwert des Scherbenschleiers als Indikator für frühere Landnutzung.

Begehungen des Instituts für Ur- und Frühgeschichte und der Archäologie des Mittelalters der Universität Tübingen im spätlatènezeitlichen Heidengraben haben auch jüngeres Material dieses Scherbenschleiers systematisch erfasst (Schreg 2006). Bei den Arbeiten auf der Stubersheimer Alb werden auch relativ junge Funde einzeln mit GPS eingemessen - jedenfalls die charakteristischen Randscherben und solche, die eine nähere Datierung versprechen. Es zeigt sich, dass immer wieder einzelne Scherben unterschiedlichster Zeitstellung auftreten. Oft bleibt ungewiß, ob sie der letzte Rest einer Besiedlung sind oder eben schon als Einzelscherben auf das Feld gelangt sind.
In Südwestdeutschland (und wohl in weiten Teilen Mitteleuropas) scheinen sie aber vor allem charakteristisch für das Spätmittelalter, insbesondere für das 14./15. Jahrhundert (Horizont der Karniesränder, wobei die breiten Formen des 15. Jh. besonders häufig scheinen). Obgleich mit einer recht großen Zahl spätmittelalterlicher, kaum je schriftlich exakt fassbarer Wüstungen zu rechnen ist, wird doch deutlich, dass der Scherbenschleier nicht als direkter Siedlungsniederschlag im Umfeld von Gebäuden sein kann.  
Am Niederrhein zeichnet sich ein Scherbenschleier bereits in der Karolingerzeit ab (Wessel u.a. 2008), im Hunsrück scheint er hingegen erst in der Neuzeit einzusetzen (Begutachtung einer Privatsammlung), in einigen Regionen ist ein Scherbenschleier schon in der römischen Zeit zu beobachten (Dyer 1990). Dabei bezeichnet der Scherbenschleier das großräumige Aufkommen einzelner Keramikfunde ohne Fundkonzentrationen, die auf spezifische Siedlungsaktivitäten an Ort und Stelle zurückzuführen sind.

Kritisch zu hinterfragen sind im Einzelfall aber die Faktoren im Formationsprozess des Scherbenschleier, wie etwa die
  • zunehmende Härte der dominierenden Warenarten
  • generell steigende Bedeutung der zunehmend als Massenware produzierten Keramik
  • verändertes Abfallverhalten 
All das kann zum Entstehen eines Scherbenschleiers beitragen.

Zunehmende Härte der dominierenden Warenarten

Härter gebrannte Keramik, wie etwa Faststeinzeug oder Steinzeug hat als Oberflächenfund bessere Erhaltungschancen. In Südwestdeutschland sind allerdings bereits die frühmittelalterlichen Drehscheibenwaren (rauwandige Drehscheibenware, ältere gelbe Drehscheibenware) hart bis sehr hart gebrannt und zeigen als Lesefunde meist kaum Auflösungserscheinungen. Schlechter erhalten sind meist die im Hochmittelalter dominierenden nachgedrehten Waren, die aber schon im 12./13. Jahrhundert durch die wiederum hart gebrannte jüngere graue Drehscheibenware abgelöst werden. Wäre also der Faktor Brandhärte ausschlaggebend für das Einsetzen des Scherbenschleiers, so müsste man dessen Beginn im 12./13. Jahrhundert und nicht erst im 14./15. Jahrhundert erwarten.

Generell steigende Bedeutung der zunehmend als Massenware produzierten Keramik

Der Grad der Verbreitung von Keramikgefäßen überhaupt ist ein wesentlicher Faktor. Im Hochmittelalter sind an der nachgedrehten Ware häufig Reparaturlöcher zu verzeichnen, die darauf hinweisen, dass Gefäße im Haushalt kostbar waren und nicht so schnell ersetzt werden konnten - wahrscheinlich handelte es sich um die saisonale Produktion von Teilzeitspezialisten. Mit dem zunehmend städtisch orientierten professionellen Töpferhandwerk des Spätmittelalters verbesserte sich die Keramikausstattung wohl auch im ländlichen Haushalt. Eine Quantifizierung ist allerdings kaum möglich, da kaum 'Pompeji-Situationen' bekannt sind. Quantifizierende Analysen aus Stadtkerngrabungen oder ländlichen Siedlungen, anhand derer ein Anstieg der Keramiknutzung nachvollzogen werden könnte, fehlen. Die empirische Einschätzung, dass der Fundanstieg im Zeitraum des 14./15. Jahrhunderts nicht ausreicht, bzw. dass er nicht auf einen engen Zeitraum eingrenzbar ist, um die starke Verdichtung des Scherbenschleiers zu erklären, kann derzeit nicht verifiziert werden.

Verändertes Abfallverhalten

Eine Erklärungsmöglichkeit für die Entstehung des Scherbenschleiers ist eine zunehmende Stallhaltung und die zunehmende Bedeutung des Misthaufens auch für den Hausmüll (inklusive zerbrochener Gefäße). Über das Ausbringen des Mistes sind die Scherben dann auf den Ackerflächen verteilt worden.
Diese These wird beispielsweise auch in der britischen Forschung vertreten, die Scherbenschleier vermehrt als Indikator für Landnutzung und Düngung auswertet, in England, aber auch im Mittelmeerraum  (Jones 2005, Caraher 2012).

Fazit

Im Augenblick scheint mir die These veränderten Abfallverhaltens am plausibelsten. Ganzjährige Stallhaltung ist in vielen Landschaften zwar erst eine Errungenschaft des 19. Jahrhunderts, aber vielleicht ist dieser Prozess ja gekoppelt mit einer zunehmenden saisonalen Aufstallung. Es wäre hier zu fragen, ob dies nicht mit einem Wandel der Haustypen im späten Mittelalter - als das Eindachhaus vielfach an Bedeutung gewinnt - einhergeht?
Wenn wir im zunehmenden Scherbenschleier tatsächlich eine Intensivierung der Mistdüngung erfassen, so greifen wir damit eine Veränderung der Bodenmanagementstrategien, die der spätmittelalterlichen Wüstungsphase nachfolgt. Daher ist zu überlegen, inwiefern an der Krise des 14. Jahrhunderts auch eine starke Beanspruchung und Auslaugung der Böden beteiligt war. Hat fehlende Mistdüngung dazu beigetragen, dass die Bodenfruchtbarkeit im Spätmittelalter nachgelassen hat? Im Früh- und Hochmittelalter war eine Siedlungsfluktuation auf kleinem Raum gebräuchlich, die zumindest im Kernbereich der Feldflur durch einen mittelfristigen Nutzungswechsel von Siedlung, Garten und Acker immer wieder längere Perioden des Nährstoffeintrages mit sich brachte.
Ist es Zufall, dass wir im Rheinland, wo der Scherbenschleier seit der Karolingerzeit greifbar ist, die Wüstungsdichte im Spätmittelalter erheblich niedriger ist?

Bislang sind das Thesen, die durch eine feinere chronologische Eingrenzung, statistische Auswertungen und einen Vergleich verschiedener Landschaften geprüft werden müssen. Voraussetzung dafür sind systematische Untersuchungen des Scherbenschleiers. Die auch heute noch häufig als uninteressant verworfene spätmittelalterlichen und neuzeitlichen Lesefunde erweisen sich als wichtige umweltarchäologische Quelle.


Literaturhinweise

  • Caraher 2012
    B. Caraher, Manuring and Artifact Distributions at Pyla-Koutsopetria Cyprus. Search: The New Archaeology of the Mediterranean World (2.8.2012)
     
  • Dyer 1990
    C. Dyer, Dispersed Settlements in Medieval England. A case study of Pendock, Worcestershire. Medieval Arch. 34, 1990, 97–121.
  • Jones 2005
    R. Jones, Signatures in the Soil: the Use of Pottery in Manure Scatters in the Identification of Medieval Arable Farming Regimes. Arch. Journal 161, 2005, 159–188. 
  • Schreg 2006
    R. Schreg, Mittelalterliche und neuzeitliche Keramikfunde vom Heidengraben (Feldbegehungen, Grabung 1994). In: T. Knopf, Der Heidengraben bei Grabenstetten. Archäologische Untersuchungen zur Besiedlungs­geschichte. Universitätsforsch. Prähist. Arch. 141 (Bonn 2006) 201-210.
  • Wessel u. a. 2008
    I. Wessel/C. Wohlfarth/R. Gerlach, Archäologische Forschungen auf der Rheinbacher Lößplatte. Ein Projekt zur Prospektion in einem geographischen Kleinraum. Rhein. Ausgr. 62 (Mainz am Rhein 2008).
Interne Links



Änderungsvermerk: 30.4.2024 Satzbau im Abschnitt "Zunehmende Härte" korrigiert

Freitag, 19. Oktober 2012

Kontinuität und Fluktuation in früh- und hochmittel­alterlichen Siedlungen Süddeutschlands

Zwei Ergebnisse der Archäologie des Mittelalters der letzten Jahrzehnte in Bezug auf die Siedlungsgeschichte in Süddeutschland scheinen mir wesentlich:
  1. Das Dorf des Spätmittelalters ist tatsächlich in vielen Landschaften das Produkt einer langen Entwicklung, die maßgeblich durch eine Siedlungskonzentration geprägt ist, die im Wesentlichen im 12./13. Jahrhundert, in manchen Regionen möglicherweise auch schon etwas eher stattgefunden hat.
  2. Die älteren Siedlungen des frühen und hohen Mittelalters lagen in der Peripherie der späteren Ortslagen und waren häufigen Umstrukturierungen und Verlagerungen unterworfen.
Ein Verständnis dieser Entwicklungen ist wesentlich für die Agrar- und Siedlungsgeschichte, liefert aber darüber hinaus grundlegende Einblicke in die komplexen - (human)ökologischen - Wechselbeziehungen zwischen 'Natur' und Gesellschaft, die auch für moderne Raumplanungen wichtig sind.

Im wesentlichen in der Nachkriegszeit hat die Forschung eine Siedlungsdynamik entdeckt, die durch andauernde Siedlungsverlagerungen und -umstrukturierungen charaktierisiert wird und die dem alten Bild einer jahrhundertlangen Siedlungskonstanz widerspricht.
Die Forschung hat dieses Phänomen zunächst in Norddeutschland entdeckt, kann heute aber auch zahlreiche Beispiele aus Süddeutschland vorweisen.

Aschheim bei München
Siedlungen außerhalb des frühneuzeitlichen Dorfes
(Rechtecke: Gräberfelder [ausgefüllt: mit Beigaben - weiß: beigabenlos])
(Graphik R. Schreg)

Mengen im Breisgau
Siedlungen außerhalb des frühneuzeitlichen Dorfes
(Rechtecke: Gräberfelder [ausgefüllt: mit Beigaben - weiß: beigabenlos],
Hochrechteck: Burg, Punkte: Siedlungsfunde)
(Graphik R. Schreg)
Um die Entwicklung besser zu verstehen, ist es notwendig, die früh- und hochmittelalterlichen Siedlungen vor der Ausbildung der späteren Ortslagen genauer zu charakterisieren, denn nur so kann die Ausbildung der spätmittelalterlichen Ortslagen in ihren Voraussetzungen und ihrer Bedeutung beurteilt werden.
Mengen im Breisgau
zwei Siedlungsareale, die sich im Lauf der Zeit zunehmend voneinander distanzieren
(Graphik R. Schreg)


Wüstung Berslingen
Im bekannten Grabungsausschnitt weitgehend platzkonstante Siedlung, die jedoch deutliche Umstrukturierungen erkennen lässt und sich in ihrer Spätphase auf wenige große Häuser reduziert.
(Graphik R. Schreg)


Höfe konnten häufig graduell und kleinräumig verlagert werden. Totale Verlagerungen innerhalb eines Siedlungsareals sind prinzipiell denk- aber nicht nachweisbar. In einigen Fällen kam es zu einer allmählichen Verlagerung der Siedlung. Andere Beispiele zeigen hingegen eine weitgehende Platzkonstanz der Siedlungen, wobei aber deutliche Umstrukturierungen ihrer Binnenstruktur zu beobachten sind. Der Wandel der Höfe verändert den Charakter der Dörfer. Aus Reihensiedlungen werden im Laufe weniger Generationen Haufensiedlungen; bisweilen sind aber auch gegenläufige Entwicklungen zu beobachten.

Die Konzentration im späteren Ortskern während des 12./13. Jahrhunderts ist unter dem Begriff der Verdorfung in der Forschung schon lange bekannt und wurde mit Gemeindebildung und Etablierung der Dreizelgenwirtschaft in Verbindung gebracht. Die früheren Siedungsverlagerungen wie auch die Siedlungskonzentration im späteren Ortskern sind im Prinzip nur mit flexiblen Besitzverhältnissen möglich.

Die in diesem Kontext verwendeten Begriffe der »semipermanenten« Siedlungsweise und der Wandersiedlung erwecken falsche Assoziationen mit Nomadismus bzw. Wanderfeldbau. Beides ist durch den archäologischen Befund klar zu widerlegen. Die Siedlungen sind bezogen auf die einzelnen Generationen durchaus permanent und die geringe Distanz der Verlagerungen belegt, dass sie nicht mit der Erschließung neu gerodeter Ackerflächen erklärt werden können.

Ein Grund bzw. eine Voraussetzung der Siedlungsverlagerungen ist die begrenzte Haltbarkeit der Holzgebäude. Wie der Befund eines auf kleinem Raum mehrfach erneuerten Gebäudes in  Lauchheim zeigt, können sich die Häuser jedoch auf engem Raum ablösen, eine Siedlungsverlagerung kommt dadurch noch nicht zustande.

Ein möglicher weiterer Hintergrund der Siedlungsverlagerungen könnte in der Generationenfolge liegen. Daraus ergibt sich eine ungerichtete, graduelle, ggf. auch einmal eine totale Verlagerung der kompletten Siedlung. Schwierig an diesem Erklärungsmodell ist die Tatsache, dass bei aller Fluktuation der Siedlungen doch auch eine jeweils relativ lange Kontinuität über mehrere Generationen auf einem Hofplatz konstatiert werden muss, die Verlagerung also nicht bei jedem Generationenwechsel erfolgte.

Die Gründe der Verlagerung müssen – soweit man nicht jeweils spezifische historische Ereignisse dafür verantwortlich machen möchte – in langfristig wirkenden Strukturen des Agrarökosystems liegen.


Ländliche Siedlungen sind Teil des Agrarökosystems, das die Nutzungsflächen, Produktionsmittel und Produktionsweisen umfasst. Wichtige Regulatoren sind dabei die Energie- und Stoffkreisläufe. Ein grundlegendes Problem vorindustrieller Agrarwirtschaft war die Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit. Jede produzierende Landnutzung führt zwangsläufig zum Entzug von Nährstoffen aus dem Boden und dessen mittel- bis langfristiger Auslaugung.

Eine fluktuierende Siedlungsweise kann dabei als Teil einer schonenden Bodenbewirtschaftung verstanden werden. Sie könnte dazu dienen, um gut gedüngtes altes Siedlungsland unter den Pflug zu nehmen. Organische Abfälle und Fäkalien dürften im direkten Siedlungsumfeld als Dünger eingesetzt worden sein, wobei nach ethnographischen Analogien durchaus eine vorherige Aufbereitung durch Kompostierung oder Fermentierung denkbar wäre. Die Umstrukturierungen innerhalb der Siedlungen, aber auch die zahlreichen älteren Siedlungslagen im Umfeld der späteren Dörfer belegen, dass der Landbesitz nicht durch fest fixierte Parzellen bestimmt wurde. Hier ist eher an Modelle der individuellen Allmendenutzung zu denken, die – solange die Bevölkerung nicht zu groß ist – eine relativ flexible Nutzung des Landes und eine Verlegung der Hofstellen ermöglichen.

Der Übergang zum langfristig ortskonstanten Dorf wäre demnach nicht nur im Kontext sozialen Wandels, sondern auch im Kontext veränderter Mensch-Umweltbeziehungen zu sehen.

Literaturhinweis

Dieser Blog-Post beruht auf einem eben erschienenen Aufsatz:
  • R. Schreg, Kontinuität und Fluktuation in früh- und hochmittel­alterlichen Siedlungen Süddeutschlands. In: C. Fey/ S. Krieb (Hrsg.), Adel und Bauern in der Gesellschaft des Mittelalters. Internationales Kolloquium zum 65. Geburtstag von Werner Rösener. Studien und Texte zur Geistes- und Sozialgeschichte des Mittelalters 6 (Korb: Didymos-Verlag 2012) 137-164.
der leider nicht per green OA online zur Verfügung gestellt werden darf.


Montag, 17. Oktober 2011

Schweinesuhlen im archäologischen Experiment

Antiquity Project Gallery v. Sept. 2011 stellt die Ergebnisse eines archäologischen Experiments in West Stow dar, die interessant im Hinblick auf archäologische Studien zur Landnutzung sind. Zwei Schweine wurden in einem kleinen Gehege gehalten, dessen Boden anschließend mit Mikromorphologie und Phosphatanalysen untersucht wurde.
Das Ergebnis ist grundsätzlich nicht überraschend: Es zeigt sich ein deutlich erhöhter Phosphatgehalt im durchwühlten Boden. Mit den Untersuchungen liegen nun jedoch Referenz-Untersuchungen dar, die grundlegend für die Interpretation von Phosphatanalysen in Bezug auf Landnutzung sind.
Interner Link


Samstag, 23. Juli 2011

Ein Pinkelstreifen links vor der Haustür - Phosphatanalysen an einem Hausgrundriß des 8. Jahrhunderts

Schalkstetten. Beprobung für Phosphatanalysen
(Foto: R. Schreg)
Phosphatanalysen an einem frühmittelalterlichen Hausgrundriss aus Schalkstetten (Gde. Amstetten UL) zeigen verschiedene Aktivitätszonen, wie sie ähnlich an frühmittelalterlichen Gebäuden in Nord- und Süddeutschland schon festgestellt wurden. 2005 war am Ortsrand von Stubersheim der Grundriß eines Pfostenbaus freigelegt und beprobt worden. Nach den Keramikfunden datiert das Haus ins 8. Jahrhundert. Nun liegen die am Curt-Engelhorn Zentrum für Archäometrie durchgeführten Phosphatanalysen publiziert vor (Archäologisches Korrespondenzblatt 41/2, 2011 - online bei academia.edu).




Phosphatkonzentrationen im Boden entstehen durch Exkremente, Kadaver oder beispielsweise auch Bratenfett. Da Phosphat im Boden recht stabil bleibt, können so Misthaufen, Stallteile, Abtritte aber auch Kochstellen lokalisiert werden.
(Graphik: R. Schreg)


Die Phosphateinträge im Stallteil, an der Feuerstelle sowie unter dem Dachvorsprung an der Südwestecke des Hauses entsprechen dem gängigen Muster. Gerade die Konzentration an der Südwestecke ist auffallend, da sich ein ähnliches Bild bei Phosphatanalysen an kaiserzeitlichen und frühmittelalterlichen (und z.T. auch neolithischen) Häusern immer wieder zeigt. Drei Erklärungsmöglichkeiten bieten sich an:
  • Zufall. Die Zahl der Untersuchungen ist noch zu gering, Überlagerungen von unterschiedlich alten Hauszonen sind nicht immer auszuchließen.
  • Faulheit. Die Stelle an der Südwestecke ist nahe der Haustür und so könnte sich hier tatsächlich ein "Pinkelstreifen" abzeichnen.
  • Absicht - Möglicherweise zeichnen sich in den erhöhten Phosphateinträgen aber auch besondere Aktivitäten ab. Nach ethnographischen Analogien könnte Schwefelgewinnung eine Rolle spielen; grundsätzlich ist aber auch zu fragen, wie das Abfall- und Fäkalienmanagement in einer ländlichen Siedlung ausgesehen hat. Die in den Städten üblichen Latrinen fehlen, der Dung war wertvoll, aber der Scherbenschleier (die flächige Verteilung von Keramikscherben auf den Ackerflächen) setzt in vielen Regionen erst im Spätmittelalter ein.
Das Phosphat könnte also auch einen Indikator für die Stoffkreisläufe innerhalb einer Siedlung darstellen. Daran knüpfen sich Überlegungen zum »Dorfökosystem« des Mittelalters und es ergeben sich neue Fragen zur Wirtschaftsweise und insbesondere zu den Dung- und Landnutzungsstrategien.

Literaturhinweis
  • Rainer Schreg / Sonja Behrendt: Phosphatanalysen in einem frühmittelalterlichen Haus in Schalkstetten (Gde. Amstetten, Alb-Donau-Kreis). Arch. Korrbl. 41/2, 2011, 263-272 (online).
  • Rainer Schreg: Die mittelalterliche Siedlungslandschaft um Geislingen – eine umwelthistorische Perspektive. In: H. Gruber (Hrsg.), "in oppido Giselingen..." 1108 - 2008. Acht Vorträge zum 900jährigen Jubiläum von Geislingen. Veröffentlichungen des Stadtarchivs Geislingen (Geislingen 2009) 9-97 (online).
  • R. Schreg, Grabungen in einer früh- bis hochmittelalterlichen Siedlung am Ortsrand von Schalkstetten (Gde. Amstetten, Alb-Donau-Kreis). Arch. Ausgr. Bad.-Württ., 2005, 181–183.