Der folgende Post ist die Übersetzung eines englischen Beitrags, der schon vor 13 Jahren am 4. Juli 2013 unter Archaeology, the Public, and Social Media: Some New Insights from Germany. Journal of Community Archaeology and Heritage Blog 4.7.2013. - http://journalcah.blogspot.de/2013/07/archaeology-public-and-social-media.html publiziert wurde. Damals bin ich für den
Blog des damals neuen Journal of Community Archaeology and Heritage um einen Beitrag zur Rolle der Social Media in der Fachpolitik gebeten worden. Der damalige Blogpost hat damals aktuelle Vorkommnisse als Ausgangspunk genommen, die ich auf Archaeologik thematisiert und als Basis für einige kritische Überlegungen genommen habe.
Die folgende deutsche Variante ist inhaltlich nur geringfügig überarbeitet, obwohl sich inzwischen eine Reihe neuer Beobachtungen machen lässt - etwa was die durchaus nicht unproblematische Rolle von Petitionen für Archäologie und Denkmalerhalt angeht.
Die folgende deutsche Variante ist inhaltlich nur geringfügig überarbeitet, obwohl sich inzwischen eine Reihe neuer Beobachtungen machen lässt - etwa was die durchaus nicht unproblematische Rolle von Petitionen für Archäologie und Denkmalerhalt angeht.
Die aktuellen Bestrebungen zu fatalen Änderungen der
Denkmalschutzgesetze in vielen Ländern zeigen, wie aktiell auch nach 13
Jahren das Thema noch immer ist. Die Änderungen in Bayern und Hessen
haben kaum öffentliche Aufmerksamkeit gefunden. Hier benötigt es deutlich mehr Bewusstsein und politisches
Aktuelle Fälle
Die Finanzkrise ab 2007 hat für die Archäologie und Kulturdenkmäler einige bedenkliche Bedrohungen geschaffen. Dies sind keineswegs Probleme, die nur die Länder betreffen, die unmittelbar von einer Staatsinsolvenz bedroht sind. Auch in Deutschland sind in den vergangenen Jahren einige Vorkommnisse zu vermerken, die zeigen, dass die Krise auch in jenen Ländern die historischen Kulturgüter bedroht, die wirtschaftlich noch vergleichsweise gut dastehen. Diese Krise der Denkmalpflege rührt nicht allein aus den allgegenwärtigen Etatkürzungen, sondern ebenso aus Umorganisationen der Denkmalpflege (egal ob durch Änderungen der Denkmalschutzgesetze oder durch interne Umstrukturierungen). Die Folge sind Beschädigungen des gesellschaftlichen Stellenwerts der Denkmalpflege, der Verkauf von Kulturgütern oder die politisch bestimmte Beschneidung der geschützten Denkmalobjekte.
Eine zweite Bedrohung kommt von den derzeitigen rechtspopulistischen/nationalistischen Bewegungen in verschiedenen Staaten, sei es in Ungarn, Polen, USA oder auch Dänemark, die wenig von Wissenschaft an sich halten und Geschichte gerne nach ihrem Weltbild manipulieren.
Einige dieser Entwicklungen waren auch Thema auf Archaeologik:
- Die Mittelkürzungen in Nordrhein-Westfalen, die vorsahen, dass sich das Land vollständig aus der Denkmalförderung zurückzieht.
- Die Neustrukturierung der Denkmalpflege in Brandenburg mit einer Auflösung des Landesdenkmalamtes.
- Versuche bayerischer Politiker, Einfluß auf die Liste der Kulturdenkmale zu erhalten und Denkmälern der Archäologie des Mittelalters den gesetzlichen Schutz abzusprechen
- Der Verkauf einer historischen Bibliothek des 16. Jahrhunderts in Stralsund
Interne Verhandlungen
Wahrscheinlich gibt es zahlreiche Fälle, in denen es den staatlichen Denkmalpflegern gelungen ist, solche Bedrohungen im Wesentlichen durch interne Verhandlungen auf dem Dienstweg abzuwenden oder doch in ihren Auswirkungen einzudämmen. 2011 forderten mehrere Politiker in Bayern, dass mittelalterarchäologische Fundstellen von der Liste der geschützten Denkmäler gestrichen werden. Sie befürchteten ein Überhandnehmen des Denkmalschutzes und befürchteten wirtschaftliche Nachteile für ihre Region. Das Landesamt für Denkmalpflege reagierte unter anderem mit einer Podiumsdiskussion, zu der Fachleute geladen wurden, um die Bedeutung der Archäologie des Mittelalters öffentlich zu diskutieren. Dies wurde über die üblichen Kanäle der Denkmalpflege publiziert, eine weitergehende Einbindung einer breiteren Öffentlichkeit wurde jedoch nicht angestrebt. Die Strategie der internen Regelung war letztlich erfolgreich: Es wurde ein Kompromiss erzielt, bei dem Denkmäler der Archäologie des Mittelalters weiterhin unter Schutz stehen, auch wenn die Kriterien zur Unterschutzstellung überarbeitet wurden.
Der Gang an die Öffentlichkeit
In den vergangenen Jahren hat es zahlreiche Etatkürzungen und einschneidende Umorganisationen in der Denkmalpflege gegeben. Nur selten hat aber eine breitere Öffentlichkeit davon Notiz genommen, über einen engeren Kreis von Fachleuten hinaus wurde die Problemlage meist nicht kommuniziert. Über Jahre hinweg kam es so zu Mittelkürzungen, ohne dass wirksame öffentliche Kritik laut geworden ist. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise wurde der Etat der Denkmalpflege so ohne größere öffentliche Diskussionen von 35 Mio € im Jahre 1992 auf 10 Mio € 2012 gekürzt. Als die Braunkohleindustrie eine Stiftung für die Bodendenkmalpflege einrichtete, wurde dies mit großem Beifall begrüßt. Für die Braunkohle ist diese Stiftung ein hervorragender Deal, denn tatsächlich handelt es sich um kaum mehr als Symbolpolitik. 95% der Fundstellen werden nach wie vor unbeobachtet dem Braunkohlebagger überlassen (vergl. Archaeologik 14.6.2011).
In Brandenburg hat der Beschluß, das Landesdenkmalamt zu schließen lediglich in der Lokalpresse Erwähnung gefunden. Niemand unternahm einen Versuch, die Bürger dazu zu gewinnen, sich für ihr Kulturerbe und für die dringend benötigte Infrastruktur der Denkmalpflege einzusetzen (Archaeologik 18.3.2013).
Zu oft haben Denkmalpfleger und Beamte versucht, diese Probleme auf ihrem Dienstweg zu regeln, ohne die Öffentlichkeit zu beteiligen. Die Problematik ist schwierig und reicht weit zurück: Denkmalpflege ist eine hohheitliche Aufgabe - seit dem 19. Jahrhundert wurde sie von Staatlichen Denkmalschutzbehörden geregelt. Finanzielle und organisatorische Fragen wurden innerhalb dieser behördlichen Strukturen verhandelt. Eine öffentliche Beteiligung an beschränkt sich weitgehend auf öffentliche Stellungnahmen historischer oder archäologischer Gesellschaften, die aber häufig personell eng mit der Denkmalpflege verknüpft sind und deshalb kaum unabhängig agieren können. Verbeamtete Archäologen geraten hier leicht in einen Zwiespalt zwischen Fachinteressen und eingeforderter Loyalität ihrem Dienstherren gegenüber.
Eine Social Media Kampagne gegen Kürzungen in der Denkmalpflege
In Nordrhein-Westfalen wurden im März 2013 Finanzkürzungen angekündigt, die den derzeitigen Etat von 10 Millionen Euro auf 3,3 Mio 2014 und 0,00 € ab 2015 zusammenstreichen sollten. Wie schon erwähnt, hat der Etat 1992 noch 35,4 Mio Euro vorgesehen. Obwohl diese Streichungen nicht bedeuten, dass die Archäologie in NRW über gar keine Finanzmittel verfügt, da es maßgeblich die Landesverbände sind, in deren Händen die regional gegliederte Denkmalpflege liegt, lässt die Entscheidung der Landesregierung die Alarmglocken läuten. Hier würde ein Präzedenzfall geschaffen, dem andere Bundesländer folgen könnten, Zugleich zeigt es die erschreckende Gleichgültigkeit dem gesamten Kulturgut gegenüber, für das der Staat die Verantwortung wahrnimmt. Die Pläne zur Streichung der Landesgelder fielen just in eine Zeit, in der gerade ein neues Denkmalschutzgesetz vorbereitet wurde.
Jahrelang hat die Bodendenkmalpflege in NRW das Verursacherprinzip angewandt und jene für die Durchführung von Notgrabungen zur Kasse gebeten, deren Bauprojekte die archäologischen Quellen zerstören sollten. Ein Gerichtsentscheid stellte jedoch klar, dass dieser Praxis eine gesetzliche Grundlage fehlte. Der Gesetzesentwurf der neuen Landesregierung sah nun eine gesetzliche Regelung vor, die neben dem Verursacherprinzip auch das Schatzregal einführen sollte, wie es in den meisten deutschen Bundesländern inzwischen üblich ist. Gerade die Gesetzesnovellierung in Nordrhein-Westfalen ist wichtig, da das Land eines der größten in der Bundesrepublik ist und es reich and archäologischen Fundstellen ist. Die Regionen westlich des Rheins waren Teil der Römischen Reiches und weisen daher neben zahlreichen bedeutenden vorgeschichtlichen Hunderte von römischen Fundstellen auf.
Im Unterschied zu früheren Haushaltskürzungen, wie etwa in Brandenburg, gelangten diese durch eine online-Petition ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Die Initiative zu dieser Petition ging nicht von den Landesarchäologen aus, sondern von der DGUF (Deutsche Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte), die sich als gesamtdeutsche Interessensvertretung des Faches versteht. Sie ist unabhängig von der nordrheinwestfälischen Landesarchäologie. Die Petition wurde am 24. März für die DGUF durch Frank Siegmund eingestellt. Innerhalb der ersten drei Tage kamen 3000 Unterschriften zusammen, am Ende haben mehr als 27.000 Interessierte unterschrieben. Als das Nachrichtenmagazin 'Spiegel' am 28. März über die geplanten Mittelstreichungen berichtete, schnellten die Unterschriften in die Höhe. In der Folge verbreitete sich die Petition in den Social Media. Sie erregte Aufmerksamkeit bei Gruppen, die man normalerweise nicht mit einem speziellen Interesse an Archäologie und Geschichte verbinden würde: Video Gamer und Rock-Fans sprachen sich ebenso für die Archäologie aus, wie Burgenbesitzer.
Die NRW-Petition ist bezeichnend für die Veränderungen der Öffentlichkeitsarbeit, die sich aus der digitalen Medienrevolution ergeben. Nur 2000 der Unterschriften wurden auf Papier gesammelt - rund 300 davon wurden von Kölner StudentInnen (bei heftigem Regen) auf der Straße gesammelt. Beim Start der Petition gingen die Erwartungen auf einige Hundert Unterschriften, denen eine herkömmliche Pressemitteilung folgen sollte. Stattdessen kam das Internet in die Quere und überraschte die Organisatoren mit dem großen Erfolg. Auch die Politik wurde dadurch überrascht, die offenbar davon ausging, dass Archäologie und Denkmalpflege Einsparungspotential böten, bei denen kaum mit Reaktionen zu rechnen wäre. Angesichts des öffentlichen Aufschreis ruderten sie zurück, indem zunächst beteuert wurde, dass die Streichung des Denkmaletats eher ein Gedankenspiel, denn ein konkreter Lösungsvorschlag gewesen sei.
Die Öffentlichkeit ist an der Vergangenheit durchaus interessiert. Viele wollen daran teilhaben - als Re-enactors, als Ehrenamtliche oder eben auch als Sondengänger. Die Archäologie muss Perspektiven aufzeigen, wie wir aus der Vergangenheit lernen können und wir müssen den verschiedenen Interessen entgegenkommen. Vor allem, muss das öffentliche Interesse ernst genommen werden.
Einer der Kommentare zur Petition in Nordrhein-Westfalen stellte lapidar fest: "Wenigstens beginnt mal jemand zu kämpfen, statt nur im Büro rumzusitzen".
Tatsächlich gibt es reale Chancen, dass öffentliches Engagement Erfolg hat, wie die Fälle Nordrhein-Westfalen und Stralsund zeigen. Neben der Expertenmeinung der Wissenschaftler sind Amateure und die breite Öffentlichkeit zunehmend wichtige Fürsprecher für den andauernden Schutz des kulturellen Erbes. Ihre Unterstützung ist für die Politik ein kaum zu ignorierender Aspekt.
Jahrelang hat die Bodendenkmalpflege in NRW das Verursacherprinzip angewandt und jene für die Durchführung von Notgrabungen zur Kasse gebeten, deren Bauprojekte die archäologischen Quellen zerstören sollten. Ein Gerichtsentscheid stellte jedoch klar, dass dieser Praxis eine gesetzliche Grundlage fehlte. Der Gesetzesentwurf der neuen Landesregierung sah nun eine gesetzliche Regelung vor, die neben dem Verursacherprinzip auch das Schatzregal einführen sollte, wie es in den meisten deutschen Bundesländern inzwischen üblich ist. Gerade die Gesetzesnovellierung in Nordrhein-Westfalen ist wichtig, da das Land eines der größten in der Bundesrepublik ist und es reich and archäologischen Fundstellen ist. Die Regionen westlich des Rheins waren Teil der Römischen Reiches und weisen daher neben zahlreichen bedeutenden vorgeschichtlichen Hunderte von römischen Fundstellen auf.
Im Unterschied zu früheren Haushaltskürzungen, wie etwa in Brandenburg, gelangten diese durch eine online-Petition ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Die Initiative zu dieser Petition ging nicht von den Landesarchäologen aus, sondern von der DGUF (Deutsche Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte), die sich als gesamtdeutsche Interessensvertretung des Faches versteht. Sie ist unabhängig von der nordrheinwestfälischen Landesarchäologie. Die Petition wurde am 24. März für die DGUF durch Frank Siegmund eingestellt. Innerhalb der ersten drei Tage kamen 3000 Unterschriften zusammen, am Ende haben mehr als 27.000 Interessierte unterschrieben. Als das Nachrichtenmagazin 'Spiegel' am 28. März über die geplanten Mittelstreichungen berichtete, schnellten die Unterschriften in die Höhe. In der Folge verbreitete sich die Petition in den Social Media. Sie erregte Aufmerksamkeit bei Gruppen, die man normalerweise nicht mit einem speziellen Interesse an Archäologie und Geschichte verbinden würde: Video Gamer und Rock-Fans sprachen sich ebenso für die Archäologie aus, wie Burgenbesitzer.
Die NRW-Petition ist bezeichnend für die Veränderungen der Öffentlichkeitsarbeit, die sich aus der digitalen Medienrevolution ergeben. Nur 2000 der Unterschriften wurden auf Papier gesammelt - rund 300 davon wurden von Kölner StudentInnen (bei heftigem Regen) auf der Straße gesammelt. Beim Start der Petition gingen die Erwartungen auf einige Hundert Unterschriften, denen eine herkömmliche Pressemitteilung folgen sollte. Stattdessen kam das Internet in die Quere und überraschte die Organisatoren mit dem großen Erfolg. Auch die Politik wurde dadurch überrascht, die offenbar davon ausging, dass Archäologie und Denkmalpflege Einsparungspotential böten, bei denen kaum mit Reaktionen zu rechnen wäre. Angesichts des öffentlichen Aufschreis ruderten sie zurück, indem zunächst beteuert wurde, dass die Streichung des Denkmaletats eher ein Gedankenspiel, denn ein konkreter Lösungsvorschlag gewesen sei.
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| Übergabe der Unterschriften der DGUF-Petition an die Präsidentin des Landtags von NRW und den verantwortlichen Minister (@DGUF/Sven Evertz, by courtesy of DGUF) |
Die Zeichnungsfrist der Petition endete am 23. Juni 2013. Zwei Tage später wurde die Unterschriftenliste von Vertretern der DGUF an Carina Gödecke, Präsidentin des nordrhein-westfälischen Landtags und an Michael Groschek, Landesminister für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr des Landes überreicht. Die Aussagen der Politiker blieben unverbindlich, aber Gödecke betonte, die Botschaft sei angekommen (Pressemitteilung der DGUF als pdf).
Die Aufdeckung des Bibliotheksskandals in Stralsund
Ein anderer Fall der jüngeren Zeit zeigt die Möglichkeit, über die Social Media eine Öffentlichkeit für Belange des Kulturgüterschutzes zu gewinnen. In diesem Falle betraf dies nicht die Archäologie, sondern den Versuch, eine historische Gymnasialbibliothek des 16. Jahrhunderts zu verscherbeln. Der Beschluß die Bibliothek zu verkaufen wurde vom Stralsunder Stadtrat in geschlossener Sitzung im Juni 2012 gefasst. Wie bei einem archäologischen Befund macht die Einmaligkeit der Sammlung und ihre exakte Zusammensetzung den eigentlichen historischen Wert aus. Die Sache wurde durch den Historiker und Archivar Klaus Graf bemerkt und auf seinem Weblog Archivalia publik gemacht. Graf begann Fragen zu stellen und unermüdlich darauf aufmerksam zu machen, was in Stralsund gerade vorging. Auch hier wurde eine online-Petition gestartet, die letztlich 3600 Unterschriften erzielte, überwiegend von Mediaevisten, Archivaren und Historikern, aber auch aus der Region. Die Medien griffen den Fall auf und zwangen den Stadtrat letztlich dazu, wenigstens zu versuchen, den Verkauf, der weithin als illegal und unethisch erkannt wurde, rückgängig zu machen.
Schaffung einer Lobby für die Belange der Archäologie
Seit den Anfängen der Archäologie in Deutschland im 19. Jahrhundert, war diese das Interessenfeld der gebildeten Mittelklasse: Lehrer, Pfarrer und Offiziere führten als interessierte Laien - Profis gab es noch nicht - Ausgrabungen durch. Dieser Personenkreis, der sich in den Altertumsvereinen organisiert hatte, war in der deutschen Forschungslandschaft lange von entscheidender Bedeutung, da sie bisweilen gut in die Politik vernetzt waren. Archäologie war das Interesse einer eher kleinen gebildeten Schicht - das hat sich heute grundlegend verändert. Kulturgut und Geschichte ist kein Privileg mehr einer Oberschicht, sondern interessiert weite Kreise der Gesellschaft. Das mag zu einem gewissen Grad durchaus der Erfolg der Öffentlichkeitsarbeit von Archäolog*innen und Historiker*innen sein, vor allem aber popularisieren Filme oder Videospiele Archäologie. Die Motive "Schatz" und Fundfieber (die häufig von Archäologen selbst bedient werden) schaffen damit ein wenig realistisches Bild der Wissenschaft, das dem Publikum vor allem als Schatzsucherei erscheinen muss.Zukunftsperspektive
Heinz Günter Horn, früher im Ministerium für Stadtentwicklung und Verkehr in Düsseldorf zuständig für die Denkmalpflege hat jüngst das Fehlen einer Archäologie-Lobby beklagt. Tatsächlich haben die Facharchäologen nie probiert eine richtige Lobby aufzubauen (Vereine und Verbände können die breite Unterstützung aus der Öffentlichkeit nicht ersetzen, zumal sie in ihrer personellen Verknüpfung mit verbeamteten Archäologen nur bedingt politisch aktiv werden können). Öffentlichkeitsarbeit blieb auf gelegentliche Vorträge und die üblichen 'populären' Jahrbücher beschränkt, die für ein bereits interessiertes Publikum die wichtigsten Grabungen auflisten (da Fachzeitschriften kaum noch Grabungsvorberichte abdrucken, haben sich diese Jahrbücher allerdings trotz ihres populären Anspruchs zu einem wesentlichen Element der internen Wissenschaftskommunikation entwickelt). Was dem Publikum vermittelt wird, sind neue Funde, ohne dies in einen weiteren Kontext einzuordnen. Um aber eine Lobby für Archäologie zu schaffen, muss vor allem deren Quellenwert für das Verständnis der Vergangenheit vermittelt werden. Archäologische Arbeitsweise, Methode und vor allem auch Theorie müssen kommuniziert werden. Die Leistungsschau neu gefundener Schätze oder noch eine Ausstellung über das 'goldene Zeitalter' sind womöglich eher kontraproduktiv.Eine Lobby für die Archäologie
In den Kommentaren zu den genannten Petitionen wird häufig darauf verwiesen, dass die Archäologie wichtig ist, weil sie Informationen über die Vergangenheit liefert, in der Gegenwart Identität schafft und dies alles für die Zukunft bewahrt. Diese Gedanken finden sich immer wieder, auch in platten Politikerreden bei Tagungs- oder Ausstellungseröffnungen. Aber wie kann die Archäologie diesen Erwartungen auch gerecht werden? Endet unsere Verantwortung mit der Publikation der Grabungsberichte und gelegentlichen Hinweisen auf Sensationsfunde? Reicht es aus, dem breiten Publikum Berichte über aktuelle Neufunde zu berichten?Die Öffentlichkeit ist an der Vergangenheit durchaus interessiert. Viele wollen daran teilhaben - als Re-enactors, als Ehrenamtliche oder eben auch als Sondengänger. Die Archäologie muss Perspektiven aufzeigen, wie wir aus der Vergangenheit lernen können und wir müssen den verschiedenen Interessen entgegenkommen. Vor allem, muss das öffentliche Interesse ernst genommen werden.
Einer der Kommentare zur Petition in Nordrhein-Westfalen stellte lapidar fest: "Wenigstens beginnt mal jemand zu kämpfen, statt nur im Büro rumzusitzen".
Tatsächlich gibt es reale Chancen, dass öffentliches Engagement Erfolg hat, wie die Fälle Nordrhein-Westfalen und Stralsund zeigen. Neben der Expertenmeinung der Wissenschaftler sind Amateure und die breite Öffentlichkeit zunehmend wichtige Fürsprecher für den andauernden Schutz des kulturellen Erbes. Ihre Unterstützung ist für die Politik ein kaum zu ignorierender Aspekt.
Zu diesem Blogpost von 2013 ist zu ergänzen, dass die Petition in Nordrhein-Westfalen so erfolgreich war, dass sie im Bundestagswahlkampf von Kanzlerin Merkel aufgegriffen wurde (Wahlkampfthema Denkmalschutz. Archaeologik 15.6.2013). In der Folge ging ein Blogpost der Frage nach, welche Rolle Petitionen in der Lobby-Arbeit für die Archäologie spielen können - aber auch, welche Risiken darin liegen (Online-Petitionen in der Archäologi. Archaeologik 21.8.2014).

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