Samstag, 24. Oktober 2020

Guten Appetit! Experimentelle historische Archäologie in Bielefeld

Experimentelle Archäologie im eigentlichen Sinn ist das natürlich nicht.

Ob der Fund als solcher - die Kartoffeln und deren Dose - wissenschaftlich interessant ist, müsste wohl eher ein Lebensmittelchemiker als ein Historiker oder Archäologe entscheiden. Aus der historischen oder auch 'archäologischen' Perspektive ist der Befundkontext viel interessanter, denn der könnte vielleicht Aufschluss geben, wie australische Pommes auf eine Bielefelder Bühne kommen - und zumindest lokalgeschichtlich eine spannende Geschichte erzählen oder jedenfalls illustrieren. Die alten Pommes könnten aber auch dazu anregen, sich beispielsweise mit der Frage zu befassen, welche Rolle australische Truppen am Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland spielten. 

 

1945 zerstörter Bahnviadukt nordlich von Bielefeld
(Royal Air Force / IMperial War Museum [PD] via Wikimedia Commons)



Die mediale Aufmerksamkeit richtet sich aber natürlich eher auf die Fragen des Geschmacks und des Mindesthaltbarkeitsdatums und regt beispielsweise swr2 dazu an, seine Hörer*innen nach den ältesten Gerichten in Küchen fahnden zu lassen.  ;-)


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Donnerstag, 22. Oktober 2020

Das Berliner Kunst- und Antikenattentat

Am 3. Oktober wurden in mehreren Museen der Berliner Museumsinsel Exponate, darunter ägyptische Objekte mit einer ölhaltigen Flüssigkeit attackiert. Einer Aufsicht waren die ersten Spritzer im Lauf des Tages aufgefallen. Betroffen sind 63 Objekte, die nun restauratorisch behandelt werden müssen. Überwachungskameras geben keine Hinweise zum Tathergang.

Pressekonferenz auf der Museumsinsel 21.10.2020.

Pergamonmuseum 2014
(Foto: Hioko Ogawa [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)



Fahndung der Berliner Polizei:


Motive sind unklar. Nach Angaben von Museum und Polizei lässt sich aus den betroffenen Objekten kein Muster oder Thema ableiten. Stefan Koldehof, Kunsthistoriker und Journalist beim DLF, der mit der ZEIT den Fall publik gemacht hat, hält indes ein Angriff gegen nicht-christliches Kulturgut für möglich.

Zusammenhänge mit Vandalismus im Außenbereich der Museen in letzter Zeit oder den Äußerungen von Verschwörungsmystikern lassen sich nicht belegen. Coronaschwurbler Attila Hildmann hat, mehrfach das Pergamon als Zentrum von Satanisten gebrandmarkt. BILD weist in einer bemerkenswert unprofessionell wirkenden Reportage immerhin darauf hin, dass ihm zuvor Kundgebungen vor dem Museum untersagt worden sind.

Der späte Gang an die Öffentlichkeit wurde mit den Ermittlungen begründet, erfolgte aber erst, als der Fall via DLF und ZEIT bekannt wurde. Andere Museen beklagen, dass sie nicht gewarnt worden sind, da der/die Täter ja ggf. auch anderswo zuschlagen könnten. In den Kommentaren und Einordnungen spielt dieser Aspekt neben der Sicherheitsfrage und dem möglichen Hintergrund mit Verschwörungsmythen eine besondere Rolle.


Sollten sich solche Zusammenhänge mit Verschwörungsmystikern erhärten, gewänne der Vorgang (schon als reiner Vandalismus erschreckend genug) eine grundlegende Bedeutung für die Beurteilung der gesellschaftlichen Risiken und Gefahren, die von Wissenschaftsfeindlichkeit und Verschwörungsmythen ausgehen.



Montag, 19. Oktober 2020

Viele Restitutionen

In den vergangenen Wochen gab es international mehrere Restitutionen von archäologischen Funden, die aus Raubgrabungen oder Diebstählen stammen.

Deutschland ► Spanien

Deutschland ► Griechenland 

Deutschland ► Ägypten

Großbritannien Uzbekistan

Großbritannien IrakBelgien Guatemala

Alles schön und gut - aber die paar Restitutionen helfen nicht gegen das Problem der Raubgrabungen.

 

Interner Link

Donnerstag, 15. Oktober 2020

Wie vielschichtig ist Geschichte? Zwei Studien zu Bauern- und Sammler-Jägergesellschaften

Detlef Gronenborn & Nicolas Antunes

Die Frage, wie vielschichtig Geschichte, oder genauer gesagt geschichtliche Prozesse sind, treibt die Forschung schon seit vielen Jahrzehnten um. Hauptfragestellung ist immer, welche Faktoren dieser vielschichtigen Prozesse denn zu bestimmten Zeiten ausschlaggebend für den Ausgang von Ereignissen waren. Spielte die Wirtschaft eine größere Rolle? Das Klima? Die Topographie? Oder waren es rein gesellschaftliche Faktoren, gar die Entscheidungskraft und der Durchsetzungswillen Einzelner? Solche unidimensionalen Analyseansätze durchziehen die Geschichtswissenschaften seit langer Zeit, zunehmend kommen aber auch multidimensionale Ansätze auf, vermittels der das variable Zusammenspiel von verschiedenen Faktoren betrachtet wird.

In der letzten und in dieser Woche sind zwei Publikation erschienen, in denen genau diese Fragestellung an einfachen Bauern- und Sammler-Jäger-Gesellschaften untersucht wurde:

 

Fallstudie Neuguinea: Sprachen und Umwelt

Am 7. Oktober erschien in der Zeitschrift PLOS ONE ein Beitrag (Antunes u. a. 2020) zur Verbreitung von Sprachen in ökologischen Nischen auf Neu Guinea, es ist also eine Studie an rezenten Gesellschaften (Abb. 1). 

  • Nicolas Antunes -  Wulf Schiefenhövel - Francesco d’Errico - William E. Banks - Marian Vanhaeren: Quantitative Methods Demonstrate That Environment Alone Is an Insufficient Predictor of Present-Day Language Distributions in New Guinea. PLOSone 15(10), 2020: e0239359. - https://doi.org/10.1371/journal.pone.0239359

Der Artikel zeigt, dass die meisten Sprachgruppen ihre öko-linguistische Nische mit anderen Gruppen teilen. Dies widerspricht der bisherigen Annahme, dass es eine klare Beziehung zwischen Umwelt und der geographischen Verteilung von Sprachen/Kulturen gibt. Andere Faktoren, die aus psychologischen und sozialen Aspekten menschlichen Verhaltens resultieren, spielen damit für die Diversifikation von Sprachen sehr wahrscheinlich eine wichtigere Rolle. 




 
Abb. 1. Hochland von Neu Guinea
(Photo: Wulf Schiefenhövel/Marian Vanhaeren/Nicolas Antunes, November 2016).

Im Gegensatz zu diesen Befunden bei Sprachgruppen zeigen Sprachfamilien, die mehrere Sprachgruppen enthalten, nur eine geringe Überlappung von Nischen. Das wiederum legt den Schluss nahe, dass die Umwelt bedeutsam für die großflächige Expansion und Verteilung von Sprachen war.

Mit dieser Studie kann gezeigt werden, dass die gegenseitigen Bezüge (feed-backs) zwischen Umwelt und sozialen Faktoren auf unterschiedlichen Ebenen unterschiedlich gewichtet sind. Spielen auf lokaler und regionaler Ebene eher soziale Faktoren eine Rolle, so ist dies auf überregionaler Ebene nicht mehr der Fall, hier überwiegt als Faktor die Umwelt.

 

Fallstudie Südwestdeutschland: Sozialer Zusammenhalt auf unterschiedlichen Ebenen

Eine andere Studie, zu frühen Bauerngesellschaften in Mitteleuropa, erschien in einem Sammelband bereits eine Woche früher. 

  • D. Gronenborn - H.-C. Strien - K.W. Wirtz - P. Turchin - Chr. Zielhofer - R. Inherent Collapse? Social Dynamics and External Forcing in Early Neolithic and Modern SW Germany. In: F. Riede - P.D. Sheets (Hrsg.), Going Forward by Looking Back: Archaeological Perspectives on Socio-Ecological Crisis, Response, and Collapse. Catastrophes in Context volume 3. (New York, Oxford: Berghahn 2020) 333-366.

Wir konnten hier zeigen, dass sozialer Zusammenhalt (social cohesion) auf unterschiedlichen Ebenen unterschiedlichen Dynamiken folgt (Abb. 2): Anhand der Diversität von Keramikverzierung unterscheiden wir zwei Ebenen der Identifikation, von denen die unten abgebildete eher die Identifikationsebene im Bereich des Individuums zur regionalen Gruppe wiedergibt, während die obere eher eine abstrakte Identifikation mit einer übergeordneten Ebene (Metaidentifikation) darstellt. 

 

 

Abb. 2. Vereinfachte Darstellung der Dynamiken von sozialem Zusammenhalt (social cohesion) im südwestdeutschen Alt- und Mittelneolithikum
(nach Gronenborn u. a. 2020).


 

Aus der Diversität dieser Identifikationen zwischen Individuum und Gruppe und letztlich Metaebene generieren sich die Maße für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Im Grundmuster des Modells ist er zunächst hoch, verringert sich mit zunehmender Diversität bis zu einem Kippunkt (tipping point) und fällt dann wieder (Abb. 3). Es zeigt sich, dass die Kurvenverläufe des Datensatzes aus Südwestdeutschland unterschiedliche Dynamiken abbilden, je nach Ebene. Das ist ein schönes Ergebnis, bestätigt es doch unseren vorab modellierten Skalenbezug von zyklischen sozialen Dynamiken (Abb. 4). Es zeigt übrigens auch, dass innerhalb von einfachen Bauerngesellschaften der gesellschaftliche Zusammenhang schwankte.

Abb. 3. Grundmuster von Zyklen gesellschaftlichen Zusammenhalts
(Archaeologik 9.4.2020)

 

Abb. 4. Theoretisches Modell ineinander verschachtelter Zyklen
(verändert nach Gronenborn et al. 2014. Siehe auch Archaeologik 9.4.2020)

Mit diesen beiden Studien können wir mit quantitativen Ansätzen zeigen, dass sich gesellschaftliche Prozesse auf unterschiedlichen Ebenen abspielen und das, was wir im Rückblick als „Geschichte“ wahrnehmen, aus komplexen Geflechten gegenseitiger dynamischer Bezüge über verschiedene Ebenen besteht. Und dies bereits bei Sammler-Jäger und einfachen Bauerngesellschaften (simple farming).


Link





Prof. Dr. Detlef Gronenborn ist den Archaeologik-Followern wohl bekannt. Er arbeitet am RGZM und lehrt an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Seine Forschungsinteressen gelten den langfristigen Entwicklungen im europäischen Neolithikum sowie der historischen Archäologie in Afrika.
 
Dr. Nicolas Antunes ist Ökosystemmodellierer und als Wissenschaftlicher Mitarbeiter über das Project INTERACT (MPI SHH / RGZM) am Römisch-Germanischen Zentralmuseum angestellt.