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Samstag, 16. August 2025

Waldbrände in Europa ein Risiko fürs Kulturerbe: Las Médulas

Ein Blick auf Copernicus, den Emergency Management Service und dort insbesondere in EFFIS, das European Forest Fire Information System zeigt allein in den letzten 7 Tagen Brände in Spanien, Portugal, Südfrankreich, Süditalien, Wales und Griechenland, aber auch in Sachsen und Brandenburg. Desweiteren sticht auch das Kriegsgebiet in der Ost-Ukraine heraus. Hier brennen wohl nicht nur die Vegetation, sondern ganze Dörfer. EFFIS nutzt Infrarot-Satellitenbilder von Systemen wie MODIS und VIIRS, um Hotspots zu erkennen, also Bereiche mit erhöhter Temperatur, die auf mögliche Brände hindeuten könnten. 

aktuelle Brände in Europa
(Screenshot von EFFIS https://forest-fire.emergency.copernicus.eu/apps/effis_current_situation/
Copyright © European Union, 1995-2025, CC BY SA 4.0)


 

Diesmal sind es bemerkenswert wenige Berichte, die versuchen, ein Gesamtbild zu geben und die Schäden aufzuzeigen. Auch die üblichen Berichte zu den Folgen des Klimawandels sind erstaunlich spärlich.

Gewöhnen wir uns schon an diese Brände oder ist es mit den aktuellen Regierungen (und anderen Krisen) nicht mehr in, darüber zu reden und zu berichten?

Das Global Wildfire Information System (GWIS) und EFFIS bieten auf Copernicus basierend ein Statistikportal, zeigt dass europaweit die Zahl der Feuer wie die abgebrannte Fläche massiv angestiegen ist, weit über den 10-Jahres-Durchschnitt. 

wöchentlich abgebrannte Flächen in kumulativer Darstellung in Europa (EU)
rot: 2025
blau: 10-jähriger Durchschnitt,
grau hinterlegt: Bisheriges Minimum-Maximum
(Download von EFFIS https://forest-fire.emergency.copernicus.eu/apps/effis.statistics/seasonaltrend
Copyright © European Union, 1995-2025, CC BY SA 4.0)

 

Derartige frei verfügbare Zahlen nutzt nur ein Bericht zu Spanien (AL24news 11.8.2025). Hier war noch die Rede davon, dass gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres die verbrannte Fläche "nur" um etwa 9% gestiegen sei und deutlich unter dem 10-Jahresdurchschnitt liege. Nur die Zahl von bislang 14 Großfeuern läge mit Flächen von über 500 ha weit über dem 10-Jahresmittel. In einer Woche hat sich das Bild radikal verändert. Mit den Bränden der vergangenen Woche ist die 2025 bislang abgebrannte Fläche dreimal so groß wie im 10jährigen Durschschnitt. 

wöchentlich abgebrannte Flächen in kumulativer Darstellung in Spanien
rot: 2025
blau: 10-jähriger Durchschnitt,
grau hinterlegt: Bisheriges Minimum-Maximum
(Download von EFFIS https://forest-fire.emergency.copernicus.eu/apps/effis.statistics/seasonaltrend
Copyright © European Union, 1995-2025, CC BY SA 4.0)

Um das Bild abzurunden, gebe ich auch noch die Graphik zu Deutschland. Hier ist die 2025 bislang abgebrannte Fläche neun mal so groß wie im 10jährigen Durschschnitt und deutlich über dem bisherigen Maximum. 

wöchentlich abgebrannte Flächen in kumulativer Darstellung in Deutschland
rot: 2025
blau: 10-jähriger Durchschnitt,
grau hinterlegt: Bisheriges Minimum-Maximum
(Download von EFFIS https://forest-fire.emergency.copernicus.eu/apps/effis.statistics/seasonaltrend
Copyright © European Union, 1995-2025, CC BY SA 4.0)

 


Auswirkungen auf Kulturdenkmale

Auf Archaeologik geht es im Kern jedoch weder um den Klimawandel noch um Medienkritik, sondern darum, wie die Wildfeuer/Waldbrände Kulturlandschaften und archäologische Stätten betreffen. Wie immer, findet das nur Aufmerksamkeit, wenn es um prominente Stätten, etwa UNESCO-Welterbe geht. Allerdings brennt (bzw. brannte) es in den vergangenen Tagen in vielen alten Kulturlandschaften, so in Nord-Portugal östlich von Viseu, in Südfrankreich zwischen Narbonne und Carcassonne, in Apulien, in Sizilien bei Agrigent, In Albanien und in Griechenland. Die Nachrichten geben  bislang wenig Informationen darüber, ob bzw. eher wie Kulturdenkmale von den Bränden betroffen sind. Das will im Augenblick nicht viel heißen, denn natürlich haben die Menschen dort gerade andere Probleme, als sich um Bodendenkmäler zu kümmern. 

Römische Minen von Las Médulas in Nordspanien 

So fokussieren die Berichte auf das UNESCO-Welterbe von Las Médulas in Nordspanien, eine römische Goldmine und ein ungewöhnliches Zeugnis vormoderner Umweltzerstörung. 

Die ruinierten Berge von Las Médulas: durch römischen hydromechanischen Bergbau abgetragene Hügelkette mit Reststümpfen.
(Foto: 80kmh - CC BY SA 4.0 via WikimediaCommons)

 

Auf BR24 und beim Deutschlandfunk habe ich im Radio Berichte  über das UNESCO-Welterbe Las Médulas gehört, online konnte ich das aber nicht finden.  Es sind vor allem arabische Medien, die über das bedrohte Kulturerbe berichten (AL24news, The Peninsula aus Qatar, SEE sowie AlJazeera) und die die Google-News ausspucken (Suchbegriffe Las Médulas UNESCO bzw. heritage fire, Region & Sprache English (UK)). The Newzealand Herald greift auf eine Meldung von AFP zurück, die bei den deutschen Medien offenbar wenig Interesse gefunden hat. Hier greift vor allem ein Reise-Magazine das Thema auf.

 

Las Médulas ist ein römisches Goldbergwerk des 1. und 2. Jahrhunderts n.Chr., das mit sog. hydromechanischem Bergbau betrieben wurde, d.h. mit hoher Wasserkraft wurde der Boden abgeschwemmt. In Las Médulas musste man das Wasser über 100 km in mindestens sieben Wasserleitungen herleiten: Das Wasser wurde dann in großen Becken gespeichert und dann durch Schächte und Stollen in den Berg geleitet, wo es die aus Lehm bestehenden Berge geradezu sprengte und abschwemmte. Die goldführenden Schichten wurden damit zugänglich und das Gold konnte ausgewaschen werden. Zurück blieben spektakuläre Bergruinen, die heute romantisch erscheinen, aber das Zeugnis früherer Umweltzerstörung sind.  Plinius der Ältere beschreibt das Verfahren der Goldgewinnung in ruinierten Bergen, berichtet aber nur von der Anlage von Stollen und Schächten, jedoch nicht vom Wassereinsatz (Plin., nat. hist. 33,70). Seit Jahren gelten archäologische Forschungen daher der Verifikation des Abbauverfahrens (z.B. Alejano et al. 2023). Für die römische Wirtschaft  waren diese Minen jedenfalls von großer Bedeutung. Im Vorland war im heutigen Léon seit 68 n.Chr. eine Legion stationiert. 

Wasserleitung zum Bergwerk von Las Médulas
(Foto: Karkeixa, CC BY 3.0 via Wikimedia Commons)

 
Bergwerk von Las Médulas
(Foto: 
David Perez, CC BY 3.0 via Wikimedia Commons)

EFFIS zeigt, wie das Feuer sich aktuell nach Osten weg vom Minengebiet verlagert, wo es sich vielleicht auslaufen wird, da hier bereits eine zweite Feuerfront das brennbare Material verbraucht hat. Aktuell breitet sich diese zweite Front nach Nordosten aus. Das Kernareal des Begbaugebietes wird in EFFIS als bereits abgebrannt markiert, obwohl hier nur wenige Brände lokalisiert sind.

aktuelle Brände in Las Médulas, 
Die blaue Beschriftung gibt Hinweise auf die archäologischen Spuren des Bergbaus.
(Screenshot von EFFIS https://forest-fire.emergency.copernicus.eu/apps/effis_current_situation/
Copyright © European Union, 1995-2025, CC BY SA 4.0, Ergänzungen ´[dunkel blau] durch R. Schreg)
 

Eine Bestandsaufnahme soll in Las Médulas auch erst vorgenommen werden, wenn das Feuer vollständig unter Kontrolle ist. Es verwundert akso nicht, dass aus den Medien keine genauen Angaben über Schäden zu gewinnen sind. Der Abgleich von Branddaten aus EFFIS mit dem Schutzgebiet von Las Médulas  zeigt indes, dass der südliche Teil des Denkmals  ein Schwerpunkt der Brände war. Hier sind die Relikte der römischen Bergbau-Infrastrktur, insbesondere von Kanälen und Staubecken zu finden, die weniger spektakulär sind als die ruinierten Berge, aber wichtig für das Verständnis des ganzen Betriebs. 


Das Feuer bedroht nicht nur die touristische Infrastruktur des Parkes sondern auch das Geländedenkmal. Die Hitzeinwirkung kann das Gestein mürbe machen und originale Oberflächen beispielsweise mit Bearbeitungsspuren zerstören. Auch freigelegtes Mauerwerk kann hier Schaden nehmen. Immerhin hat das Feuer bislang einen Bogen um eine Siedlung nordöstlich der ruinierten Berge gemacht. Im letzten Bericht an die UNESCO 2024 (Periodic Reporting Cycle 3, Section II) war das Risiko durch Wildfeuer noch als irrelevant eingestuft worden.

Das wirft die Frage auf, wie gut wir auf das Risiko der Wildfeuer und Waldbrände für Gelände- und Bodendenkmäler vorbereitet sind. 


Literaturhinweis

  • Alejno et al 2023: Leandro R. Alejano/ Elena Martín/ Ignacio Pérez-Rey/ Brais X. Currás/ Fco.-Javier Sánchez-Palencia, Roman gold exploitation at the archeological site of Las Médulas (NW-Spain) by means of Ruina Montium: a rock and fluid mechanics perspective. 15th ISRM Congress 2023 & 72 nd Geomechanics Colloquium  -  https://www.researchgate.net/publication/374752860
  • Sánchez-Palencia 2000 : F.-Javier Sánchez-Palencia (Hrsg.), Las Médulas (León). Un paisaje cultural en la Asturia Augustana (León 2000). 
     


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Freitag, 27. Juni 2025

Zwischen Maßhalten und Massaker – Die Trierer Marc-Aurel-Ausstellung

Jutta Zerres 

Am 15.06.2025 eröffnete erneut eine große Sonderausstellung des Landes Rheinland-Pfalz ihre Pforten. Nach „Konstantin der Große“ (2007), „Nero – Kaiser, Künstler und Tyrann“ (2016), „Der Untergang des Römischen Reiches“ (2022) (und der großen Ausstellung anlässlich des runden Geburtstages von Karl Marx 2018) steht nun wieder eine römische Herrscherpersönlichkeit im Zentrum der Betrachtung.

 

Marc Aurel – Kaiser, Feldherr, Philosoph im Landesmuseum

Das Konzept der zweiteiligen Schau folgt dem bewährten Schema: Das Landesmuseum beleuchtet brav chronologisch geordnet die Biographie (und sollte deshalb zuerst besucht werden) und das Stadtmuseum Simeonstift befasst sich mit Rezeptionsgeschichte. Anders als bei vergangenen Landesschauen ist das Dommuseum dieses Mal nicht beteiligt (warum eigentlich?). Das Verhältnis von Stoischer Philosophie und Christentum, geprägt von Gegensätzen und wenigen Berührungspunkten, hätte m. E. ein  interessantes Thema für eine Beteiligung des Hauses an der Landesausstellung bilden können. Dafür steuert die Stadtbibliothek einen kleinen Beitrag hinzu.

Die Trierer selbst haben die Messlatte hoch angesetzt, denn schließlich waren die früheren Schauen Publikumsmagneten, die nicht nur Museumskassen klingeln ließen, sondern auch die der gesamten regionalen Tourismusbranche.

Man wird nicht enttäuscht: 400 Objekte, darunter zahlreiche Leihgaben aus 117 internationalen Museen, beispielsweise dem Louvre, dem British Museum London oder den Vatikanischen Museen werden präsentiert. Eingebettet in eine kulissenhaft inszenierte Ausstellungslandschaft erzählen sie von Marc Aurels Herkunft, seiner Jugend- und Thronfolgerzeit, seinen philosophischen Neigungen, seinem Umfeld und seinen Herrscherjahren. Digitale Stationen illustrieren und vertiefen das jeweilige Thema.

Das Ganze spielte sich ab in einer Zeit, die als die Blüte des Römischen Reiches gilt. Die Ausdehung des Machtraumes ist auf dem Höhepunkt, mehrere Jahrzehnte währt Frieden, die Wirtschaft floriert.

Einzig das Auftreten der „Antoninischen Pest“ bereitet mancherorts Sorgen. Um welche Krankheit es sich konkret handelte, ist unbekannt. Erst in der späten Regierungszeit Marc Aurels kommt es zu einer Kette militärischer Auseinandersetzungen mit Barbarenstämmen an den Rändern des Reiches, gewissermaßen als leise Vorboten für den Niedergang im folgenden Jahrhundert.


Gegensätze sind das Salz in der Suppe

Da ist der feinsinnige Philosophenkaiser, der seine von der Stoa geprägten Ansichten über eine gute Lebensführung in griechische Sätze zu gießen weiß, darunter Aussagen wie diese: „Bleibe ein einfacher, guter Mensch, integer, ernsthaft, schlicht, ein Freund der Gerechtigkeit, gottesfürchtig, wohlwollend, liebevoll und standhaft in der Erfüllung deiner Pflichten.“ Sein Schreibtisch steht währenddessen in Militärcamps an der Donau, in deren Umfeld sich die gesamte Grausamkeit des Krieges entfaltet. Prägnant wird dieses durch vergrößerte Ausschnitte von Reliefs der Marcus-Säule, prominente Bildquelle zu den Markomannenkriege, illustriert: Barbarische Krieger in römischen Diensten enthaupten gefangene Barbaren, eine Germanin mit Kind wird an den Haaren fortgezerrt.

Eines wird klar: In der Wahrnehmung der Zeitgenossen galt Marc Aurel als tatkräftiger und pflichtbewusster Staatsmann und erfolgreicher Feldherr. Militärische Führungsstärke gehörte zur Stellenbeschreibung eines römischen Kaisers, Philosophie hingegen nicht. Diese mag so mancher Mann und so manche Frau des einfachen Volkes eher als nerdige Freizeitbeschäftigung der upper class angesehen haben.

 

Selbstbestrachtungen des Marc Aurel 
(Ausgabe des Artemis Verlags 1951, Foto: R. Schreg)

Was ist gute Herrschaft? Die Ausstellung im Stadtmuseum Simeonstift

Das Werk, das unsere moderne Sicht auf Marc Aurel prägt, die „Selbstbetrachtungen“, bildet den Konnex zu dem zweiten Teil der Ausstellung im Stadtmuseum Simeonstift. Der Autor hatte es wohl zu privaten Zwecken geschrieben und nie eine Veröffentlichung intendiert - die Schrift dürfte also bestenfalls nur einem sehr kleinen Kreis im Umfeld des Kaisers bekannt gewesen sein. Dieses einzigartige Selbstzeugnis eines antiken Menschen enthält den Entwurf des idealen Mindsets eines Herrschers. Die Karriere der Schrift in der Geistesgeschichte begann erst mit der Wiederentdeckung im 16. Jahrhundert. Denker und Politiker von Machiavelli bis Helmut Schmidt outen sich als Fans. In Zitate verhackstückt findet es heute Eingang in die Popkultur und begegnet uns etwa in Form von Kalendersprüchen oder Merksätzen für Führungskräfteseminare, quasi als westliches Pendant zu fernöstlichen Gelassenheitsweisheiten.
Die Ausstellung verlässt dann allerdings Marc Aurel und weitet die Perspektive auf die zeitlose Frage, was ein guter Herrscher bzw. eine gute Herrschaft sei. Kunstwerke illustrieren die unterschiedlichen Antworten, die seit der Antike gegeben wurden. Somit schlägt der letzte Teil der Ausstellung im Simeonstift die Brücke zurück in die Gegenwart.


Fazit

Der Fall Marc Aurel ist ein Lehrstück für die zeitbedingte Geschichtsdeutung und dieser Aspekt hätte im Rahmen der Ausstellung m. E. eine etwas weitergehende Betrachtung verdient. Trotz dieses kleinen Verbessungsvorschlags möchte ich einen Besuch der Ausstellung dringend empfehlen, noch bis zum 23.11.2025 ist Zeit dafür.


Links:



Dienstag, 4. März 2025

What have the Romans ever done for us? Uns glücklich gemacht!?

  • M. Obschonka / F. Wahl / M. Fritsch / M. Wyrwich / P. J. Rentfrow / J. Potter / S. D. Gosling, Roma Eterna? Roman rule explains regional well-being divides in Germany. Current Research in Ecological and Social Psychology 8, 2025, 100214 /1-17. - https://doi.org/10.1016/j.cresp.2025.100214

Die Studie in einer psychologischen Fachzeitschrift - der das Monty-Python-Zitat voran gestellt ist - stellt fest, "dass Regionen, die von der römischen Zivilisation entwickelt wurden, heute adaptivere Persönlichkeitsmuster (Big Five) und ein besseres Gesundheits- und psychisches Wohlbefinden aufweisen. Die Ergebnisse einer räumlichen Regressionsdiskontinuitätsdesign zeigen einen signifikanten Effekt der römischen Grenze auf die heutigen regionalen Variation dieser Ergebnisse. Zusätzliche Analysen legen nahe, dass römische Investitionen in Wirtschaftsinstitutionen (z. B. Handelsinfrastruktur wie römische Straßen, Märkte und Minen) entscheidend für die Schaffung dieser langfristigen Wirkung waren." (Abstract)

Diese Korrelation wird auch kartographisch dargestellt, wobei die betreffenden Karten nur die "beiden stärksten Wirkungen des römischen Erbes (auf Neurotik und Lebenserwartung) " zeigt. Laut Abbildungslegende sollen die "Karten zeigen, dass die historische römische Grenzmauer die heutige Deutschland immer noch „trennt“, insbesondere in Bezug auf die psychologischen und gesundheitlichen Ergebnisse."  Für besonders eindrucksvoll und überzeugend halte ich diese Kartierung nicht. Allerdings argumentieren die Autoren mit statistischen Korrelationen, die sie als Gegenprobe auch für zahlreiche andere räumliche Daten vorgenommen haben.

 

fig. 3 der Studie: Neurotizismus und Lebenserwartung in Deutschlands mit dem römischen Limes.
(nach Obschonka 2025, CC BY NC ND 4.0)

 
Letztlich scheint dies eine Schrotflintenmethode, bei der irgendwann ein Treffer passen wird.  Das kann man so machen, aber weitergehende Rückschlüsse sind darauf kaum aufzubauen. Statistisch signifikant ist nicht gleichbedeutend mit historisch valide. Man müsste erklären können, wie diese Daten historisch zu korrelieren sind. Die Autoren haben dazu drei Hypothesen, die vereinfacht darauf herauslaufen, dass die Relikte römischer Infrastruktur bis heute besere Lebensverhältnisse bedingen. 
Letztlich hangeln sich die Autoren von Hypothese zu Hypothese. Als Hypothese 1 formulieren sie, dass die römische Herrschaft innerhalb des Limes mit den heutigen adaptiven Persönlichkeitsmerkmalen, mit besserer Gesundheit und Wohlbefinden verbunden. sei.  Hypothese 2 nimmt darauf hin an, die römische wirtschaftliche Infrastruktur seit mit den heutigen adaptiven Persönlichkeitsmerkmalen sowie den damit verbundenen Gesundheits- und Wohlbefindensergebnissen verbunden. Sie postulieren dabei, dass es die römischen Wirtschaftsinfrastrukturen gewesen seien, die zur Entstehung und Persistenz adaptiverer makropsychologischer Muster führte. Sie argumentieren mit dem römischen Straßensnetz und den Absatzgebieten römischer Keramik.  Hypothese 3 macht eine Annahme zu der Frage, warum genau die regionalen Unterschiede in adaptiven makropsychologischen Merkmalen den Limesfall überstanden und bis heute präsent seien. Hypothese 3 lautet indes nur" "Die regionale Variation des wirtschaftlichen Wohlstands im modernen Deutschland vermittelt die Auswirkung der römischen Herrschaft auf die heutigen adaptiven Persönlichkeitsmerkmale sowie die damit verbundenen Ergebnisse für Gesundheit und Wohlbefinden. " Der Text sieht Pfadabhängigkeiten, präzisiert diee aber nicht. Wir sehen heute, dass der Limes in der Tat auch das jüngere Siedlungsbild beeinflusst hat, etwa wenn die Verbreitung merowingerzeitlicher Gräberfelder immer noch das Limesgebiet nachzeichnet. Dennoch bleibt zu erklären, warum das Mittelalter und die Neuzeit dies nicht überprägt haben sollen, trotz zahlreicher Migrationen und einer Urbanisierungsphase, die keine Rücksicht mehr auf den alten Limes nimmt.
 
Übrigens, statistisch nicht abgesichert, aber optisch überzeugender ist ein Vergleich der Karte der Lebensserwartung mit dem Ausländeranteil in Deutschland (abrufbar bei https://regionalatlas.statistikportal.de/). Auch hier muss man die Zusammenhänge erklären, aber es müssen keine 1700 Jahre überbrückt werden.
 
Die Autoren weisen darauf hin, dass die psychologische Forschung sich in den vergangenen Jahren verstärkt historischen Analysen zugewandt hätte, um die Wurzeln regionaler Ungleichheiten bei adaptiven Ergebnissen wie Gesundheit, Wohlbefinden und verwandten Persönlichkeitsmerkmalen zu untersuchen. Eine Schlußfolgerung der aktuellen Studie: "Zusammen zeigen diese Ergebnisse, wie alte Kulturen ein makro-psychologisches Erbe beeindruckt können, das zu regionalen Ungleichheiten der heutigen täglichen beiträgt."  Das gibt die Studie aber nicht her, den hier fehlt es an einer passenden Methodik einer zeitübergreifenden Korrelation, die nicht ohne eine klare Vorstellung über die zwischenzeitliche Entwicklung auskommen kann. Die historische Perspektive der Psychologie braucht hier dringend eine bessere Methode.
 

Letztlich bleibt der Eindruck, dass hier schon wieder ein Versuch vorliegt, die eigenen Daten durch einen gekünstelten Römer-Bezug aufzuwerten (vgl. Die „blöden Römer“ - Köder für Medien und Publikum? Archaeologik 19.1.2025)

 

Links


 

Sonntag, 19. Januar 2025

Die „blöden Römer“ - Köder für Medien und Publikum?

Ein neuer Artikel zur atmosphärischen Bleibelastung im frühen 1. Jahrtausend (McConnell et al. 2025), erschienen in PNAS (leider nicht OpenAccess), ist Anlaß für einen Beitrag in der ARD zu den Umweltsünden der Römer.

Meine Aussagen zum Thema hatten sich eigentlich nicht so sehr ausschließlich auf die Römerzeit bezogen. Trotzdem hörenswert.

Hohe Bleibelastungen aus der Römerzeit sind schon lange bekannt und sind schon lange Gegenstand einer wissenschaftlichen Debatte, die sich sogar zu der These verstiegen hat, das Blei sei Schuld am Untergang des Römerreichs. Prinzipiell gab es in römischer Zeit verschiedene Wege der Blei -Exposition etwa durch die Verwendung von Farben, Kosmetika und Bleirohren für das Trinkwasser. Bleiglasierte Keramik spielte dabei sicher nur eine untergeordnete Rolle. Aufgrund von Eisbohrkernen wurde nun aber eine atmosphärische Bleibelastung festgestellt, aufgrund der die Konzentrationen in der Luft modelliert wurden, die erhebliche gesundheitliche Folgen gehabt haben dürften. Plakativ wird der IQ berechnet - was auch der Köder ist, den die Medien begierig geschluckt haben.

Nun zeigt die Studie diese hohen Bleibelastungen nur im 1. Jahrhundert n.Chr., nicht aber zur Zeit des "Untergangs des Römischen Reichs". Leider bricht die Messkurve nun um 600 ab. Eine frühere Studie an Grönlandeis hat entsprechend hohe Werte wieder in der Karolingerzeit gefunden, aber leider die spätere Entwicklung ebenfalls ausgeklammert (McConnell et al. 2018). Spekuliert man über Auswirkungen solcher Umweltfaktoren auf historische Entwicklungen, sollte man stets die Gesamtkurve über die Zeiten hinweg betrachten und das Mittelalter nicht unter den Tisch fallen lassen. Tatsächlich zeigten Messungen der Bleibelastungen in Hochmoor-Ablagerungen an vielen Orten im westlichen Mitteleuropa während des Mittelalters in der Regel deutlich höhere Bleibelastungen als in der Römerzeit (Frenzel / Kempter 2004).  

 

Römische Halde bei Imsbach -
vegetationsfrei aufgrund der Schwermetallbelastung, heute unter Naturschutz
(Foto: R. Schreg)


In der Bergbauiedlung von Sulzburg im Südschwarzwald sind anhand anthropologischer Untersuchungen auch die Auswirkungen auf die Menschen zu beobachten (Alt et al. 2008). Auf dem kleinen Friedhof um eine um die Mitte des 12. Jahrhunderts errichtete Kirche ist die Kindersterblichkeit zwar im normalen Rahmen, aber  an den Skeletten auch von Kindern wurden degenerative Krankheiten des Knochenbaus beobachtet, die auf eine starke Belastung bzw. eine schleichende Bleivergiftung zurückzuführen sind. Zwar darf man im Silberbergbau auch Kinderarbeit erwarten, doch dürfte in diesem Fall die Aufnahme des Bleis nicht als Folge der Arbeit im Bergbau, sondern auf die belastete Umwelt zurück zu führen sein. Noch heute ist der Gemüsebau wegen der Schwermetallbelastungen des mittelalterlichen Bergbaus in mehreren Tälern des Südschwarzwaldes eingeschränkt (Hoppe et al 1993): Bleibelastungen mittelalterlichen Bergbaus finden sich vielerorts (z.B. Hildebrandt ca 1995).

Derartige Umweltverschmutzungen haben immer wieder das Interesse der Forschung gefunden (z.B. Leguay 2005; Borsos et al. 2003).  In der Archäologie steht das Thema jedoch nicht im Mittelpunkt, da es nur interdisziplinär zu bewältigen ist und die entsprechende Analytik voraussetzt.
Die Frage, inwiefern die Menschen der Vergangenheit die Zusammenhänge mit ihrer Gesundheit jeweils erkannt haben, bleibt meist ungewiss, obgleich Erfahrungswissen durchaus vorhanden war. Geifbar wird dies ab dem Spätmittelalter (Rößner 1995, 72).

Umwelthistorisch sind andere menschliche Aktivitäten wahrscheinlich wirksamer als der Umgang mit Blei. In vorindustriellen Gesellschaften ist es vor allem der Umgang mit dem Boden, der in vielfältiger Weise auf die menschliche Nutzung reagiert (Montgomery 2011). In der Römerzeit scheinen die regionalen Unterschiede bei Erosion und Bodendegradation recht groß, deutlicher wird das Bild dann im Hoch- und Spätmittelalter, als die Landnutzung auf eine zunehmende Bevölkerung . abgestimmt werden musste, was sicher ein wesentlicher Faktor für die Krise des 14. Jahrhunderts war (Schreg 2019).

Schade, dass Spekulationen über den IQ der Römer eine langfristige umwelthistorische Bewertung des Bleigehaltes in der Atmosphäre in den Hintergrund drängen.

Literatur

  • Alt et al. 2008
    K. W. Alt / R. Brenn / B. Lohrke / W. Müller / M. Rauschkolb / H. Steuer (Hrsg.), Die mittelalterliche Bergbaubevölkerung des 12. Jhs. von Sulzburg, Kr. Breisgau-Hochschwarzwald. Anthropologische und archäometrische Studien. Freiburger Beitr. Arch. u. Gesch. 13 (Rahden/Westf. 2008). 
  • Borsos et al. 2003
    E. Borsos / I. Makra / R. Béczi / B. Vitànyi / M. Szentpéteri, Anthropogenic Air Pollution in the Ancient Times. Acta Climatologica et Chorologica 36-37, 2003, 5–15.
  • Frenzel / Kempter 2004
    B. Frenzel / H. Kempter, Frühe Umweltverschmutzungen: Die Schwermetallablagerungen in Schwarzwälder Hochmooren. In: G. Markl / S. Lorenz (Hrsg.), Silber, Kupfer, Kobalt. Bergbau im Schwarzwald. Veröffentlichungen des Alemannischen Instituts Freiburg i. Br 72 (Filderstadt 2004) 99–130. 
  • Gottschalk 1999
    R. Gottschalk (Hrsg.), Früher Bergbau im südlichen Schwarzwald. Begleitheft zur Ausstellung des Museums für Ur- und Frühgeschichte der Stadt Freiburg i. Br. Arch. Inf. Bad.-Württ. 41 (Stuttgart 1999).
  • Hildebrandt [ca. 1995
    L. H. Hildebrandt, Schwermetallbelstungen durch den historischen Bergbau im Raum Wiesloch. Handbuch Boden (Mannheim [ca. 1995). - https://pudi.lubw.de/detailseite/-/publication/84504-Schwermetallbelastungen_durch_den_historischen_Bergbau_im_Raum_Wiesloch.pdf
  • Hoppe et al. 1993
    A. Hoppe / A. Foellmer / T. Nöltner, Historischer Erzbergbau im Schwarzwald und Schwermetalle in Böden der Staufener Bucht (südliche Oberrheinebene). In: H. Steuer / U. Zimmermann (Hrsg.), Montanarchäologie in Europa. Berichte zum Internationalen Kolloquium "Frühe Erzgewinnung und Verhüttung in Europa" in Freiburg im Breisgau vom 4. bis -  7. Oktober 1990. Archäologie und Geschichte 4 (Sigmaringen 1993) 249–254.  - https://doi.org/10.11588/propylaeum.1030.c14276
  • Leguay 2005
    J.-P. Leguay, La pollution au moyen âge dans le royaume de France et dans les grands fiefs. Collection Gisserot Histoire (Paris 2005).
  • McConnell et al. 2018
    J. R. McConnell / A. I. Wilson / A. Stohl / M. M. Arienzo / N. J. Chellman / S. Eckhardt / E. M. Thompson / A. M. Pollard / J. P. Steffensen, Lead pollution recorded in Greenland ice indicates European emissions tracked plagues, wars, and imperial expansion during antiquity. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 115,22, 2018, 5726–5731. 
  • McConnell et al. 2025
    J. R. McConnell / N. J. Chellman / A. Plach / S. M. Wensman / G. Plunkett / A. Stohl / N.-K. Smith / B. Møllesøe Vinther / D. Dahl-Jensen / J. P. Steffensen / D. Fritzsche / S. O. Camara-Brugger / B. T. McDonald / A. I. Wilson, Pan-European atmospheric lead pollution, enhanced blood lead levels, and cognitive decline from Roman-era mining and smelting. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 122,3, 2025, e2419630121. - https://doi.org./10.1073/pnas.2419630121
  • Montgomery 2011
    D. R. Montgomery, Dreck. Warum unsere Zivilisation den Boden unter den Füßen verliert. Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung 1142 (Bonn 2011).
  • Rößner 1995
    M. B. Rößner, Gesundheitsgefährdung durch Umweltverschmutzung. Jahrbuch des Kölnischen Geschichtsvereins 66/1, 1995, 69–80.
  • Schreg 2019
    R. Schreg, Plague and Desertion – A Consequence of Anthropogenic Landscape Change? Archaeological Studies in Southern Germany. In: M. Bauch / G. J. Schenk (Hrsg.), The Crisis of the 14th Century. Das Mittelalter. Beih. 13 (Berlin, Boston 2019) 221–246. - http://doi.org/10.1515/9783110660784-011

Änderungsvermerk 24.11.2025: redaktionelle Bearbeitung