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Samstag, 7. Januar 2023

Impulse aus dem Denkmalschutz: Solarpanele

In zahlreichen Bundesländern werden Denkmalschutzgesetze geändert, um regenerative Energien zu fördern. Meist ist nur von der Optik, selten von den Bodeneingriffen die Rede. Besonders sensibel sind jedoch Photovoltaik-Anlagen in historischen Stadtkernen oder auf Baudenkmalen.

Aktuell verbreiten verschiedene Medien die Nachricht über eine italienische Firma, die Solarzellen in Terrakotta-Optik produziert. Aufhänger ist deren Verwendung in den antiken Ruinen von Pompeji. 

Die Meldung ist Teil der Aktivitäten eines EU-finanzierten Projekts POCITYF. Dabei geht es speziell darum, denkmalgeschützte Altstädte in die Energiewende zu integrieren. An einigen Beispielstädten (übrigens ohne deutsche Beteiligung) sollen dazu technische Lösungen entwickelt werden.

Am 21.12. hat POCITYF eine Pressemeldung publiziert:

Es geht um Sonnenkollektoren, die  die Form antiker römischer Ziegel haben und mit denen in den Ruinen von Pompeji neue Schutzdächer gestaltet werden, die zudem vor Ort Energie erzeugen. 

rekonstruiertes Porticusdach an der Mysterienvilla in Pompeji
potentieller Einsatzort der Ziegel-PV-Anlage
(Foto: R. Schreg, 2016)



 

POCITYF sieht in den innovativen Lösungen, die mit dem archäologischen Park Pompeji und der portugiesischen Stadt Évora entwickelt wurden, eine Chance Energiegewinnung mit dem Erhalt kulturellen Erbes und Nachhaltigkeit zu verbinden. Alte Gebäude könnten so trotz der architektonischen und denkmalpflegerischen Einschränkungen zu einem Kapital werden.

Die Technik ist indes nicht neu. Die italienische Firma, die hier beteiligt war, produziert solche PV-Ziegel schon seit 2015 und wartet auf weitere Anwendungen, denn die Panele können auch in anderen Formen produziert werden, die die Optik von Holzverkleidungen oder Bausteinen aufnehmen. Die Module sind aus Polymeren hergestellt, wobei die Oberfläche lichtdurchlässig ist, so dass die integrierten Kollektoren fast so viel Energie erzeugen wie klassische Kollektoren.

Im Augenblick sind die Kosten noch deutlich höher als bei klassischen Kollektoren, doch ist das Anwendungsfeld auch wesentlich größer. Für denkmalgerechte Ziegel wird kaum eine große Serienfertigung möglich sein, da lokale historische Formate berücksichtigt werden müssen - prinzipiell ist es aber möglich, die Solarzellen in individuellen Formen zu produzieren.

Aktuelle Medienberichte


Interner Link

Mittwoch, 7. Juli 2021

Altes schottisches Bier

1895 ist  kurz nach dem Auslaufen aus dem Hafen von Glasgow das Dampfschiff Wallachia auf der Fahrt nach Westindien im Nebel gesunken. 1971 wurde das Wrack entdeckt. In mehreren wissenschaftlichen Projekten wurde auf das Wrack Bezug genommen. Sonaruntersuchungen und Tauchgänge haben stattgefunden, einige Funde wurden geborgen.

Mit an Bord: Tausende von Flaschen Bier.

Bierflasche von der SS Walachia
(aus Thomas u.a. 2021 [CC BY 4.0] via Wiley Online Library)


 

Jetzt ist eine Arbeit erschienen, die das Bier aus dem Wrack der Wallachia analysiert und dabei spannende Entdeckungen gemacht hat (Thomas u.a. 2021). Es zeigte sich nämlich, dass das Bier, ein Stout von 7,5% vol mit den Hefen Brettanomyces und Debaryomyces gebraut worden ist. Debaryomyces-Arten bildeten den Hauptbestandteil, während die heute vorwiegend für das Brauen eingesetzen Saccharomyces-Hefen weniger verbreitet sind. Debaryomyces sind nicht dafür bekannt, im historischen Brauen bewusst eingesetzt zu werden, sondern gelten als Spontanfermentation. 1909 wurden Debaryomyces- Hefen zwar in der Brauindustrie registriert, aber erst kürzlich wurde in einem Screening von Nicht-Saccharomyces cerevisiae-Stämmen auf eine mögliche Verwendung von Debaryomyces für die Entwicklung neuer Biere hingewiesen. Die hohen Debaryomyces- Anteile im Bier der Wallachia sprechen indes für eine historische Verwendung. In derselben Studie untersuchte weitere historische nicht-archäologisch überlieferte Bierflaschen  bestätigen das ebenso, wie Untersuchungen an einem - aus einem Schiffswrack im Ärmelkanal geborgenen - Bier aus der Zeit um 1825 wie auch an einem eisenzeitlichen Bier (Aouizerat u. a. 2019). 

Die Analyse historischer Biere aus Schiffswracks, wo sie kühl gelagert waren, ist offenbar ein inzwischen gängiger Ansatz (vgl. z.B. Londesborough u. a. 2015, Presseberichte).  Keith Thomas, Inhaber des Brewlab hat inzwischen verschiedene historische Biere nachgebraut, etwa auf der Basis des 1825er Bieres aus dem Ärmelkanal . Auch nach einem Fund von Bier aus einem Schiffswrack in Tasmanien aus dem 18. Jahrhundert hat eine australische Brauerei Bier hergestellt. Die Fragestellung der Studie von Thomas u.a. 2021 richtete sich darauf, welchen Beitrag die Analyse historischer Biere zur Kenntnis der Bierzutaten und der Mikrobiologie leisten kann. Auch hier wird nun versucht, da Bier nachzubrauen.

Die Bierflaschen aus der Wallachia wurden von Andy Pilley, Global Underwater Explorers (facebook) geborgen. GUE ist seit 2014 auch im Bereich der Unterwasserarchäologie engagiert und unterstützt hier Museen. Leider macht weder der Artikel noch der Bericht bei der GUE Aussagen über die erforderlichen Genehmigungen und die Eigentumsverhältnisse. In den 1980er Jahren wurde alte schottische Whisky, der sich ebenfalls an Bord der Wallachia befand, ausgeräumt und findet sich heute zu enormen Preisen im Handel. Zwei 1988 geborgene Flaschen ("not fit for consumption") standen etwa bei Whisky Auctioneer zur Versteigerung, zusammen mit "dive documents", bei denen es sich aber um einen tauchbericht, nicht etwa um eine Genehmigung der bergung handelt. 

Eine Frage bleibt: Ist das eigentlich ein Selbstbedienungsladen?

 

Literaturhinweise

  • Aouizerat u. a. 2019: T. Aouizerat/I. Gutman/Y. Paz u. a., Isolation and Characterization of Live Yeast Cells from Ancient Vessels as a Tool in Bio-Archaeology. mBio 10, 2, 2019. - doi: 10.1128/mBio.00388-19
  • Londesborough u. a. 2015
    J. Londesborough/M. Dresel/B. Gibson u. a., Analysis of beers from an 1840s' shipwreck. Journal of agricultural and food chemistry 63, 9, 2015, 2525–2536. - doi: 10.1021/jf5052943
  • Thomas u. a. 2021: K. Thomas/K. Ironside/L. Clark u. a., Preliminary microbiological and chemical analysis of two historical stock ales from Victorian and Edwardian brewing. J. Inst. Brew. 127, 2, 2021, 167–175. - DOI 10.1002/jib.641

 Berichte von Brewlab und GUE


 

Links

Mittwoch, 20. Januar 2021

Feld-, Wald- und Wiesenarchäologie - Antrittsvorlesung publiziert

Neu erschienen:  

  • R. Schreg, Feld-, Wald- und Wiesenarchäologie. In W. Brassat (Hrsg.), Komplexität und Diversität des kulturellen Erbes. Forschungen des Instituts für Archäologische Wissenschaften, Denkmal­wissenschaften und Kunstgeschichte (Bamberg 2020) 11-34. - Der vollständige Band steht open Access auf den Seiten von University of Bamberg Press unter https://doi.org/10.20378/irb-48742.  Auf HumanitiesCommons gibt es meinen Artikel auch separat: https://hcommons.org/deposits/item/hc:33793/

Mein Beitrag zu dem Sammelband, der aktuelle Forschungen aus dem Institut für Archäologische Wissenschaften, Denkmalwissenschaften und Kunstgeschichte der Uni Bamberg vereint, basiert auf der Antrittsvorlesung, die ich am 27.6.2019 in Bamberg gehalten habe. Mit dem Titel "Feld-, Wald- und Wiesenarchäologie" habe ich zwei sehr unterschiedliche Themen zusammen geführt, die mir für ein zeitgemäßes Verständnis der archäologischen Wissenschaften wichtig erscheinen. Einerseits geht es um die Erforschung früherer Landnutzung anhand von Altfluren und deren Einordnung in die Umweltgeschichte bzw. Umweltarchäologie. Andererseits geht es aber auch um die kritische Auseinandersetzung mit dem Gegenstand der Archäologie generell. Der Öffentlichkeit (und manchen Kollegen) ist es oft schwer begreiflich, weshalb man sich für Altflurreste interessieren sollte - gibt es doch da in der Regel keine Funde - erst recht keine spektakulären.  


 

Segbachtal, "Im Winkel": oberflächlich freigelegter Steinriegel
(Foto: R. Schreg/ RGZM 2.7.2010)


 

Die konkrete Auseinandersetzung mit Feld-, Wald- und Wiesenarchäologie möchte ich als Plädoyer verstehen, darüber nachzudenken, was wir als Archäolog*innen konkret für unsere Gegenwart aus der Vergangenheit mitnehmen können und wie wir das zuverlässig erreichen. Nicht jede Auseinandersetzung mit der Vergangenheit muss dabei in eine applied archaeology mit Patentanmeldungen münden, das Bereitstellen von Orientierungswissen, das uns die Komplexität unserer sozialen und umweltlichen Lebensbedingungen vor Augen führt und der Gesellschaft vermittelt, reicht völlig aus, ist aber auch so schon eine große Herausforderung, intellektuell wie auch ganz praktisch.




Donnerstag, 16. April 2020

Die COVID-19-Pandemie - Teil 3: Die möglichen Konsequenzen der Krise für Deutschland

Detlef Gronenborn


Corona-Beiträge auf Archaeologik
Viren
(biology pop [CC BY SA 4.0]
via WikimediaCommons)

Die Debatte um „Lockerung“


Angesichts der Bedeutung des 15. April 2020 für die zukünftigen Geschicke der Bundesrepublik schien es uns sinnvoll, von der ursprünglich geplanten Abfolge der Blog-Reihe abzuweichen, und die aktuellen Geschehnisse aus der Sicht der archäologischen Langfristperspektive zu betrachten.

Das große Wort der nachösterlichen Woche ist „Lockerung“, verbunden mit der Forderung der Wirtschaft, Teile des gesellschaftlichen und vor allem wirtschaftlichen Lebens der Vor-Pandemiezeit wieder „hochzufahren“, zeigt an, dass es doch vielfach noch nicht verinnerlicht wurde, dass es in dem Sinne für viele Monate, ja vielleicht gar Jahre keine Zeit „nach Corona“ wird geben können. Allzu sehr scheint man noch dem Wachstumsdrängen der Vergangenheit anzuhängen.

So wartete die Politik wie auch die Öffentlichkeit gespannt auf das richtungsweisende Papier der Leopoldina um in der allgemeinen Ratlosigkeit Hilfestellung zu finden, wie denn mit der so ganz unvorbereiteten Situation umzugehen sei. Allerdings sind die Reaktionen auf die Empfehlungen recht unterschiedlich, was natürlich auch an der regional unterschiedlich ausgeprägten Intensität der Notlage liegt. Ganz wenig diskutiert wird etwa der Begriff „Nachhaltigkeit“, der doch so zentral positioniert ist. Vergessen wird ja zur Zeit meist, dass Covid-19 nur ein Faktor in einer mittlerweile sehr gefährdeten Welt ist und der Klimawandel eine ebenso große Bedrohung darstellt. Zudem steht die Pandemie global noch am Anfang, das zeigt der Kurvenverlauf auf dem dashbord der Johns Hopkins University. Wie es sich also in den nächsten Monaten und Jahren entwickeln wird, ist noch gar nicht wirklich abzuschätzen.


Zumindest kamen nun am Nachmittag des 15. April die politischen Entscheidungen für die nähere Zukunft, ihre Auswirkungen der Entscheidungen müssen nun in den kommenden Wochen abgewartet werden (Tagesschau 15.4.2020).



Eine phasengebundene Betrachtung


Betrachtet man die extrem fragile Situation nun aus der Langfristperspektive lassen sich durchaus weitere beunruhigende Feststellungen machen. Schließlich ist die Pandemie eingebunden in einen globalen Prozess, der ganz bestimmte geschichtlich gewachsene Charakteristika aufweist. Diese Einbindung in geschichtliche Abläufe, national wie international, wird in der gegenwärtigen Diskussion noch zu wenig berücksichtigt, vielleicht auch, weil das Bewusstsein dafür in den Entscheidungsinstanzen aber auch in der Bevölkerung noch zu wenig entwickelt ist - und letztlich auch die Forschung dazu nicht so weit gediehen ist, wie sie es sein könnte.


Wir greifen hier einer noch im Druck befindlichen Studie vor (Gronenborn u. a. in press), in der wir zeigen, dass sich die langfristigen Zyklen sozialen Zusammenhalts (social cohesion) den wir bereits in steinzeitlichen Gesellschaften aber auch in staatlichen Gesellschaften der Antike und des Mittelalters feststellen konnten, sich auch in der Neuzeit in den letzten 200 Jahren erkennen lassen (Turchin u. a. 2018). Offensichtlich unterliegen den wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen sowohl in Deutschland wie auch in den USA Zyklen gesellschaftlicher Kohäsion (vgl. Teil 2). Nach unseren ersten Untersuchungen steuerten wir in der Bundesrepublik in den letzten Jahren auf einen Kipppunkt (tipping point) zu, der die gegenwärtige Tendenz zu einer immer differenzierteren Gesellschaft in die gegenläufige Richtung umdrehen sollte. Diese Phase haben wir als die desintegrative bezeichnet (vgl. Teil 2).

Jene gegenläufige Tendenz wird begleitet, von dem schon in einfachen Bauerngesellschaften zu beobachtenden Phänomen: in der desintegrativen Phase des Zyklus durchlaufen Gesellschaften eine zunehmende Polarisierung, die mit einer Zunahme interner Konflikte zwischen einzelnen Interessensgruppen begleitet wird. In einigen Bereichen könnte das auch zu sehr rigiden Formen gesellschaftlichen Lebens führen und zu einer Intensivierung von interner Gewalt (Abb. 1). In der jüngeren Geschichte Deutschlands sind das die Konflikte zwischen der politischen Linken und Rechten in den 1920er Jahren. Diese Tendenz muss nicht, kann aber in ein Endstadium eines Zyklus führen, der sogenannten Rigiditätsfalle (Schultz/Searleman 2002; Olson 1982). Ein Beispiel ist der Nationalsozialismus der 1930er Jahre verbunden mit ethnischen Säuberungen, massiven Repressionen und Gewalt. Häufig werden diese Phasen auch durch extreme Formen politischer Herrschaft (Beispiel „Führerprinzip“) begleitet. Möglicherweise war gar ein Resultat einer Rigiditätsfalle vor 7000 Jahren die Entstehung komplexerer politischer Systeme in Europa überhaupt (Gronenborn 2016).


Abb. 1. Grundmuster des sozio-politisch-ökonomisch-ökologischen Zyklus (Teil 2) mit gesellschaftlichen Lösungsstrategien in der desintegrativen Phase
(Grafik: D. Gronenborn).


Die Gefahren der Desintegration


Von einer solchen Situation scheinen Deutschland und die meisten europäischen Länder noch weit entfernt, so ganz sicher ist das für einige jedoch nicht. Dort, wo sich bereits vor der derzeitigen Krise Rigiditätstendenzen abzeichneten, etwa in Ungarn aber auch Italien, ist der Schritt in eine Rigiditätsfalle eher möglich.

Was aber für Deutschland bereits dokumentiert wurde, ist die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft und die Entstehung von Parallelgesellschaften. Hier liegt die große Gefahr für die mittelfristige Zukunft. Verbunden ist diese Gefahr mit den möglichen wirtschaftlichen und - letztlich auch daraus resultierend - den sozialen Folgen der Pandemie, die zur Zeit eben noch kaum wirklich abzuschätzen sind, weil ja auch der Verlauf der Pandemie nicht vorherzusehen ist [Tagesschau 8.4.2020].

Angst vor sozialem Abstieg, und Angst vor Unterversorgung, gar Notlagen fördert die bereits bestehende Tendenz zur Polarisierung, auch wenn rechtspopulistische Parteien zunächst die Krise nicht für sich nutzen konnten. Vor dem Hintergrund der Langfristtendenz ist nicht damit zu rechnen, dass sich wenig integrierte Bevölkerungsgruppen jetzt eher der staatstragenden Mitte zuwenden [Tagesschau 7.4.2020]. Auch dürfte die europaweit zunehmende Tendenz zum Antisemitismus als Folge der gesellschaftlichen Veränderungen eher zu- als abnehmen.


Während der Staat durch die aufwendige Bekämpfung des Virus in einigen Bereichen geschwächt wird, werden Parallelgesellschaften gestärkt. Hierzu ist auch das organisierte Verbrechen zu rechnen, was zumindest in Italien deutlich rascher reagiert hat als der Rechtspopulismus [Tagesschau 8.4.2020]. Eine Zunahme von Machtbereichen krimineller Clans ist auch hierzulande zu befürchten, es wäre leider eine zu erwartende Komponente des desintegrativen Teils eines Zyklus.


Interessant ist die Beobachtung, dass sich derzeit die Mitte der Gesellschaft eher um die an sich gut funktionierende Regierung schart [Tagesschau 2.4.2020]. Mehr noch als eine Anerkennung der politischen Arbeit mag das ein typisches Gruppenverhalten sein, demzufolge eben in Notsituationen und aus der daraus resultierenden Ratlosigkeit politische Führung gesucht wird. Interessant ist hierbei weiterhin, dass politische Parteien – durchaus berechtigt – die drängenden Probleme vor der derzeitigen Krise besser zu lösen versprachen. Innovative treten in den Hintergrund und man beruft sich wieder eher auf althergebrachte Konzepte („Keine Experimente“). Dieses Verhalten kann freilich auch ins Gegenteil umschlagen (vgl. Archaeologik [9.11.2016]); hier haben wir derzeit in Deutschland eine historisch gewachsene vorteilhafte Situation.

Wahlspot 1957
(via onlinekas auf youtube)

Dennoch sind aber die Gefahren einer desintegrativen Phase, der Polarisierung, der Rigidität und, als letzter Konsequenz, der Rigiditätsfalle erheblich und müssen in den kommenden Monaten und sicher auch Jahren sehr genau beobachtet und behandelt werden, im wissenschaftlichen, im politischen und im allgemein gesellschaftlichen Diskurs.

Hinzu kommen die bislang schon bestehenden Probleme des globalen Klimawandels und des Artensterbens. Bereits 2018 hatten wir auf die Parallelen zu einem Zyklus vor 7000 Jahren hingewiesen, nur dass damals die klimatischen Probleme nicht von Menschen gemacht wurden (Archaeologik [1.8.2018]).

Zumindest in diesem Punkt ist die „Zivilisationsgeschichte“ weiter gekommen.


Ausblick

Ganz wie in den Empfehlungen der Leopoldina deutlich angemerkt, verstehen wir nicht nur die Dynamiken der Pandemie nur ansatzweise, auch die sie begleitenden gesellschaftlichen Prozesse sind nur ansatzweise bekannt. In jedem Fall müssen weiterhin Daten erhoben werden, um die Modelle zu unterfüttern und die Aussagekraft zu schärfen. Das gilt in besonderem Maße für die archäologische Langfristperspektive, denn nur wenige Studiengruppen haben diesen Weg bereits beschritten und für viele Phasen liegen eher anekdotische Daten als Vergleichsgrundlage vor.


Hier wird die Archäologie in Zukunft gefragt sein.



Fortsetzungsepisoden


Literaturverzeichnis

  • Gronenborn u. a. in press
    D. Gronenborn/H.-C. Strien/K. W. Wirtz u. a., Inherent Collapse? Social Dynamics and External Forcing in Early Neolithic and modern SW Germany. In: P. Sheets/F. Riede (Hrsg.), Going Forward By Looking Back (New York, Oxford in press) $$-$$.
  • Gronenborn 2016
    D. Gronenborn, Some thoughts on political differentiation in early to Young Neolithic societies in western central Europe. In: H. Meller/H.-P. Hahn/R. Jung u. a. (Hrsg.), Arm und Reich - Zur Ressourcenverteilung in prähistorischen Gesellschaften. 8. Mitteldeutscher Archäologentag vom 22. bis 24. Oktober 2015 in Halle1. Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle (2016) 61–76.
  • Olson 1982
    M. Olson, The rise and decline of nations. Economic growth, stagflation, and social rigidities (New Haven 1982).
  • Schultz/Searleman 2002
    P. W. Schultz/A. Searleman, Rigidity of thought and behavior. 100 years of research. Genetic, Social, and General Psychology Monographs 128, 2, 2002, 165–207.
  • Turchin u. a. 2018
    P. Turchin/N. Witoszek/S. Thurner u. a., A History of Possible Futures: Multipath Forecasting of Social Breakdown, Recovery, and Resilience. CDN 9, 2, 2018.







Donnerstag, 20. September 2018

Archäonik - hä, was ist denn das?

Zugegebenermaßen haben wir den Begriff selbst erfunden...
Ein neu erschienener Artikel erklärt das aber genauer:
Es geht um die konkrete Anwendung archäologischer Erkenntnisse für die Entwicklung von Zukunftsstrategien. Wer schon länger Archaeologik liest, erinnert sich vielleicht an eine Serie von Blogposts:
Schon zuvor hatte ich mit Markus Dotterweich am Beispiel der Terra Preta do Indios überlegt, wie solch ein Lernen aus der Vergangenheit praktisch aussehen könnte und wie man dies in eine Forschungsstrategie umsetzen könnte. Wir konnten das damals nicht angemessen publizieren, aber Tagungsbeiträge und nicht zuletzt die Blogposts hier haben Kollegen auf den Plan gerufen und uns eingeladen - unter anderem zu einem Beitrag für die Zeitschrift Quaternary International. Dort ist der Artikel jetzt nach einem peer review erschienen.
Leider ist die Zeitschrift nicht im OpenAccess und darüber hinaus auch noch beim Verlag Elsevier, der derzeit die Speerspitze der Verlagslobby gegen vernünftig zugängliche Wissenschaftspublikationen darstellt. Viele Bibliotheken, darunter auch die Universität Bamberg boykottieren den Verlag daher mit guten Gründen (HRK-Erklärung). 

Der Artikel ist angelegt als ein "review paper", das das Potential  (geo)archäologischer Daten zu vergangenen Humanökosystemen im Hinblick auf deren Beitrag zur Entwicklung nachhaltiger Land- und Bodennutzungsstrategien untersucht. Die Betrachtung von Landnutzungssystemen der Vergangenheit erweitert unser Verständnis der langfristigen Prozesse und Jahrtausendereignisse, die letztlich darüber entscheiden, ob Systeme nachhaltig und langfristig sind, oder schnell kollabieren - eine Frage auch der Resilienz.  Beispielhaft konzentriert sich der Artikel auf die anthropogenen Schwarzerdeböden (Anthropogenic Dark Earths, ADE). Diese außerordentlich fruchtbaren Böden kennt man aus verschiedenen Weltregionen, vor allem aber aus dem Amazonas-Gebiet. Sie entstanden unbewusst durch Abfallakumulation als Kulturschichten oder wurden bewusst geschaffen. 
Wir plädieren dafür, Landnutzungen der Vergangenheit in einem inter- bzw. transdisziplinären Forschungsdesign zu untersuchen und problemorientiert zu untersuchen, welche Möglichkeiten diese heute bieten. Der Ansatz der Archäonik basiert auf einer Ökosystem-Perspektive. Da die (geo)archäologischen Daten  zu vergangenen Landnutzungssystemen immer lückenhaft sind, spielen Analogien, Modellierungen und Experimente eine wichtige Rolle für die Beurteilung der Nachhaltigkeit. Für qualitätvolle Ergebnisse müssen wir möglichst nahe an die vergangene Realität kommen und diese verstehen, sie ist aber letztlich nicht Ziel der Forschungen. Diese liegen in Gegenwart und Zukunft.

Mittwoch, 1. August 2018

Zwei Extremsommer: 2018 n. Chr. und 5106/5105 v. Chr. - Was können wir aus den Erfahrungen vor 7000 Jahren lernen?

von Detlef Gronenborn und Hans-Christoph Strien

Nicht nur, dass sich täglich, ja stündlich die Nachrichten mit immer weiteren Meldungen über die teils bereits verheerenden Auswirkungen der diesjährigen extremen Temperaturen und die ebenfalls verheerenden Auswirkungen der lang andauernden Trockenheit überschlagen, wir spüren die Auswirkungen auch tagtäglich selbst in unserem Alltagsleben. Die Wohnungen sind aufgeheizt, die Büros stickig, in Werkhallen ohne ausreichende Kühlung ist es kaum auszuhalten. Gärten und Parks sind verdorrt, Bäche werden zu Rinnsalen und die Flüsse sinken soweit, dass die Lastkähne ihre Fracht reduzieren müssen, um nicht auf Grund zu laufen.

Temperaturabweichung vom Tagesmittelwert (Beobachtungsphase 1979-2000) vom 1. August 2018.
(Bild- und Datenquelle: Climate Reanalyzer, Climate Change Institute, University of Maine [https://climatereanalyzer.org])


Mittlerweile meldeten sich die Bauernverbände zu Wort, denn der mangelnde Niederschlag führt zu teils massiven Ernteeinbußen, die Bundesregierung muss helfen, die Beratungen laufen. Noch, so scheint es, ist aber die Lebensmittelversorgung gesichert, einstweilen.

Erkenntnisse aus der Vergangenheit

Der letzte Punkt regt an, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen, denn Extremsommer sind in Mitteleuropa zwar selten, aber auch schon lange vor den globalen Auswirkungen der durch den Menschen verursachten Erwärmung, immer wieder vorgekommen.
Über die Extremsommer aus den schriftlich dokumentierten Perioden, also in Mitteleuropa im Wesentlichen die Zeit ab dem hohen Mittelalter, sind wir einigermaßen gut unterrichtet. Sie finden sich in zahlreichen Dokumenten wie Kirchenbüchern oder Chroniken (Pfister 1999; Glaser 2008).
Auswahl relevanter Klimaproxydaten für das südliche Mitteleuropa und die archäologische Chronologie (Gronenborn/Terberger 2014, dort auch die weitere Literatur).
Um 8500 v. Chr. stiegt die Temperatur über das Mittel des 20. Jhs. und sank nach 3500 v. Chr. wieder darunter. Diese Periode ist das holozäne Klimaoptimum mit weitgehend wärmeren Temperaturen als im 20. Jhd. und auch höhren Baumgrenzen in den Alpen. Das Klimaereignis 5.1 (5100 v. Chr.) wird genauer besprochen. JPL – Jungpaläolthikum, FML – Frühmesolithikum, SML – Spätmesolithikum, ANL – Altneolithikum, MNL, Mittelneolithikum, JNL, Jungneolithikum, SNL, Spätneolithikum, ENL, Endneolithikum, BZ – Bronzezeit, EZ – Eisenzeit, RKZ – Römische Kaiserzeit, MA – Mittelalter, NZ – Neuzeit, PBO- Präboreale Oszillation, EHE – Early Holocene Event.
Schwieriger wird es für die Jahrtausende davor, obwohl es gerade in diesen Zeiten durchaus häufiger Extreme gegeben haben dürfte, denn die erste Hälfte des Holozän, die Periode nach der letzten Eiszeit, war durch starke Schwankungen gekennzeichnet, weil der Rückzug der Gletscher immer wieder die Intensität des Golfstromes beeinflusste, die erst etwa nach 6000 v. Chr. abklangen (Teller u. a. 2004). Möglicherweise beeinflusst von Schwankungen in der Sonnenintensität aber auch der Erwärmung, kam es zu fast zyklischen und offensichtlich massiven Abtauereignissen des Eissschildes, die wiederum Süßwasser in den Nordatlantik brachten, was den Golfstrom erheblich beeinträchtige. Man nennt sie die ice-rafting-events (IRD-Ereignisse) (Bond u. a. 2001; Wassenburg u. a. 2016). Das gravierendste dieser Ereignisse ist das sogenannt 6.2-Ereignis (um 6200 v. Chr.), das für mehrere hundert Jahre eine deutliche Abkühlung mit sich brachte (Prasad u. a. 2009). Allerdings sind die Auswirkungen dieses Ereignisses auf die frühen Sammler-Jäger-Gemeinschaften und die ersten Bauern im Nahen Osten umstritten (Flohr u. a. 2016; Gronenborn 2017).

Besser sind wir aber über eine etwas spätere Schwankung und ihre Auswirkung unterrichtet. Sie fällt in eine archäologisch hervorragend aufgearbeitet Periode, in der wir auch mit besonders fein aufgelösten archäologischen Zeitreihen arbeiten können, die sich gut mit den Daten der Klimaforschung abgleichen lassen:
Um 5200 v. Chr. geht wiederum ein IRD-Ereignis zu Ende, was in Mitteleuropa von einer zunehmenden Trockenheit begleitet wird. Zu dieser Zeit haben sich im gesamten südlichen und gemäßigten Europa bäuerliche Kulturen aus dem Nahen Osten stammend (link zu Migration$), ausgebreitet. In Mitteleuropa ist es die nach ihrer Keramikverzierung sogenannte bandkeramische Kultur. Grundlage war eine auf Getreideanbau und Viehzucht beruhende Landwirtschaft. Man lebte in Weilern und Dörfern verstreut auf den besten, für die Landwirtschaft geeigneten Böden (Gronenborn/Sirocko 2009; Gronenborn/Strien 2014). Es waren Gesellschaften, die unter anderem in Verwandtschaftsverbände organisiert waren. Solche sozialen Informationen wurden durch Motive auf der Keramik symbolisiert (LBK-Topf), und zwar so genau, dass wir heute Unterschiede und Entwicklungen im Motivschatz nachvollziehen können (Strien 2000). So lässt sich bei einem Fallbeispiel aus Württemberg feststellen, dass auf eine eher homogene und wenig diverse Anfangsphase ein Anstieg der Diversität folgt, und gegen Ende der kulturellen Entwicklung wiederum eine deutliche Tendenz zur Homogenisierung der Verzierungen folgt. Diese Dynamik lässt sich, auch aufgrund ähnlicher Vorgänge in anderen, vergleichbaren Gesellschaften, als eine Veränderung der sozialen Diversität deuten: Waren die Gesellschaften Anfangs homogen organisiert, so kommt es im Verlaufe zu einem Aufblühen gesellschaftlicher Vielfalt, und schließlich wiederum zu einer Homogenisierung und stärkeren Kohäsion (Gronenborn u. a. 2014; Gronenborn u. a. 2017). Gesellschaften folgen also zunächst festen Ordnungsschemata und sozialen Regelwerken, diese brechen dann allerdings auf und führen zu einer Lockerung, was aber wiederum zu rigideren Regelwerken führt, die im ungünstigsten Fall für die Fortentwicklung hinderlich sind (sogenannte rigidity traps; van Dick u. a. 2008).
Keramikgefäss der späten Bandkeramischen Kultur aus Tiefenellern bei Bamberg.
Die bandartige Verzierung kodiert soziale Informationen
(Kopie aus der Sammlung der Römisch-Germanischen Zentralmuseums ,
Foto: Volker Iserhardt, RGZM).

Entwicklung der Moitivdiversität und der daraus abzulesenden sozialen Diversität in Württemberg. Gezeigt werden Klimadaten aus der Bunkerhöhle im Sauerland sowie vom steinzeitlichen Brunnen in Kückhoven im Rheinland
(verändert aus Gronenborn u. a. 2017, dort auch die weitere Literatur).

Beim Vergleich mit regionalen Klimadaten zeigt sich nun deutlich, dass die Homogenisierungstendenz durch eine bekannte deutliche Trockenperiode um 5106/5105 v. Chr. (Helle/Heinrich 2012) stark zunimmt. Offensichtlich hat dieser Extremsommer vor 7000 Jahren eine bereits bestehende gesellschaftliche Tendenz verstärkt. Die sicherlich für diese einfachen Bauern erheblichen Ernteeinbußen und vielleicht auch daraus resultierenden Hungersnöte führten zu einer zunehmenden Rigidität und auch zu einer Ausweitung bereits bestehender Konflikte (Gronenborn u. a. 2017). In Folge dessen lassen sich für die kommenden Jahrzehnte etliche Massengräber nachweisen, bei denen deutlich wird, dass sich die Dörfer und Weiler gegenseitig bekämpften und wohl auch ausrotteten (Meyer u. a. 2015).

Wenngleich sich die klimatischen Verhältnisse später wieder besserten, haben sich diese einfachen bäuerlichen Gesellschaften nie mehr erholt, um 4900 v. Chr. verschwand die Bandkeramische Kultur, ging teilweise in nachfolgenden Kulturen auf.

Was lässt sich von einfachen Bauern vor 7000 Jahren lernen?

Welche Schlüsse lassen sich nun aus diesen archäologischen Daten für uns heute ziehen? Es waren ja nur einfache Bauerngesellschaften mit einer simplen, steinzeitlichen Technologie. Und auch wenn wir deutliche Bevölkerungszuwachsraten feststellen können, waren die Gruppen immer noch klein, umfassten maximal wenige hundert Menschen.
Allerdings waren es Menschen wie wir, die sich in der genau der gleichen Weise verhielten. Die Extremsommer von 5106/5105 v. Chr. hatten eine gesellschaftliche Tendenz zu einer stärkeren Rigidität noch beschleunigt, wohl weil die Auswirkungen der damaligen Trockenheit erheblich waren. Für 2018 sind solche gravierenden Versorgungsprobleme bislang noch nicht zu erwarten, weil wir über unsere ausgebauten Verkehrswege mittlerweile global Ausgleich schaffen können, auch ist die Vorratshaltung um ein Vielfaches besser als vor 7000 Jahren. Einen Sommer sollten wir also, auch wenn die Auswirkungen noch nicht abgeschätzt werden können, verkraften können. Was aber, wenn 2019 ähnlich verläuft? Und 2020? Und wenn auch in anderen Ländern Ernten ausfallen?

Unschwer lässt sich erkennen, dass sich die bestehende globale Tendenz zu gesellschaftlicher Rigorosität (vergl. Archaeologik 9.11.2016 und Archaeologik 26.7.2018), zu mehr Gewalt und mehr Konflikten, auch für unsere heutige Zeit ein Problem darstellt, sie würde mithin deutlich verstärkt werden, nicht nur in armen und Schwellenländern, sondern auch bei uns. Das Verhaltensmuster der Bauern vor 7000 Jahren legt das bereits sehr nahe.

Traurige Erkenntnis…

Einen einzigen, allerdings sehr traurigen Unterschied gibt es: die Menschen vor 7000 Jahren hatten keinen Einfluss auf das Klimageschehen gehabt. Ihre Verhaltensmuster wurden von externen Faktoren beschleunigt. Heute ist das anders, der globale Klimawandel ist menschengemacht, so dass die klimatischen Einflüsse auf unsere zukünftige Entwicklung mittlerweile auch von uns selbst beeinflusst werden. Die gegenwärtigen und zukünftigen historischen Prozesse werden somit nicht mehr durch externe „natürliche“ Faktoren beschleunigt, sondern durch menschengemachte. Und so müssen wir uns vielleicht fragen: Ist das die wirkliche Errungenschaft der „Zivilisation“?

Literatur

  • Bond u. a. 2001
    G. Bond/B. Kromer/J. Beer u. a., Persistent solar influence on North Atlantic climate during the Holocene. Science 294, 2001, 2130–2136. - DOI: 10.1126/science.1065680
  • Flohr u. a. 2016
    P. Flohr/D. Fleitmann/R. Matthews u. a., Evidence of resilience to past climate change in Southwest Asia: Early farming communities and the 9.2 and 8.2 ka events. Special Issue: Mediterranean Holocene Climate, Environment and Human Societies 136, 2016, 23–39. - DOI: 10.1016/j.quascirev.2015.06.022
  • Glaser 2008
    R. Glaser, Klimageschichte Mitteleuropas. 1200 Jahre Wetter, Klima, Katastrophen (Darmstadt 2008).
  • Gronenborn 2017
    D. Gronenborn, Migrations before the Neolithic? The Late Mesolithic blade-and-trapeze horizon in Central Europe and beyond. In: H. Meller/F. Daim/J. Krause u. a. (Hrsg.), Migration und Integration von der Urgeschichte bis zum Mittelalter. 9. Mitteldeutscher Archäologentag vom 20. bis 22. Oktober 2016 in Halle (Saale. Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle Band 17 (Halle (Saale) 2017) 113–127.
  • Gronenborn u. a. 2017
    D. Gronenborn/H.-C. Strien/C. Lemmen, Population dynamics, social resilience strategies, and Adaptive Cycles in early farming societies of SW Central Europe. Quaternary International 446, 2017, 54–65. - DOI: 10.1016/j.qaint.2017.01.018
  • Gronenborn/Sirocko 2009
    D. Gronenborn/F. Sirocko, 5000 - 4400 BC. Linearbandkeramik, Hinkelstein und die Intensivierung der Waldweide. In: F. Sirocko (Hrsg.), Wetter, Klima, Menschheitsentwicklung. Von der Eiszeit bis ins 21. Jahrhundert (Darmstadt 2009) 113–115.
  • Gronenborn/Strien 2014
    D. Gronenborn/H.-C. Strien, Linienbandkeramik und La Hoguette. In: D. Gronenborn/T. Terberger (Hrsg.), Vom Jäger und Sammler zum Bauern. Die Neolithische Revolution. Archäologie in Deutschland / Sonderheft 05 = Jg. 2014,1 (Darmstadt 2014) 30–38.
  • Gronenborn/Terberger 2014
    D. Gronenborn/T. Terberger (Hrsg.), Vom Jäger und Sammler zum Bauern. Die Neolithische Revolution. Archäologie in Deutschland / Sonderheft 05 = Jg. 2014,1 (Darmstadt 2014).
  • Helle/Heinrich 2012
    G. Helle/I. Heinrich, Baumjahresringe als chemisch-physikalischer Datenträger für Umwelt- und Klimainformationen der Vergangenheit. System Erde 2, 1, 2012. - DOI: 10.2312/GFZ.syserde.02.01.11
  • Kromer/Friedrich 2007
    B. Kromer/M. Friedrich, Jahrringchronologien und Radiokohlenstoff. Ein ideales Gespann in der Paläoklimaforschung. Geographische Rundschau 59, 4, 2007, 50–55.
  • Meyer u. a. 2015
    C. Meyer/C. Lohr/D. Gronenborn u. a., The massacre mass grave of Schöneck-Kilianstädten reveals new insights into collective violence in Early Neolithic Central Europe. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 112, 36, 2015, 11217–11222. - DOI:
  • Pfister 1999
    C. Pfister, Wetternachhersage. 500 Jahre Klimavariationen und Naturkatastrophen (1496-1995) (Bern, Stuttgart, Wien 1999).
  • Prasad u. a. 2009
    S. Prasad/A. Witt/U. Kienel u. a., The 8.2 ka event: Evidence for seasonal differences and the rate of climate change in western Europe. Global and Planetary Change 67, 3-4, 2009, 218–226. - DOI: 10.1016/j.gloplacha.2009.03.011
  • Sirocko/Kromer/Wernli 2009
    F. Sirocko/B. Kromer/H. Wernli, Ursachen von Klimavariabilität in der Vergangenheit. In: F. Sirocko (Hrsg.), Wetter, Klima, Menschheitsentwicklung. Von der Eiszeit bis ins 21. Jahrhundert (Darmstadt 2009) 53–59.
  • Strien 2000
    H.-C. Strien, Untersuchungen zur Bandkeramik in Württemberg. Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie 69 (Bonn 2000).
  • Teller/Leverington 2004
    J. T. Teller/D. W. Leverington, Glacial Lake Agassiz. GeoScienceWorld Bulletin 116, 5-6, 2004, 729–742. - DOI: 10.1130/B25316.1
  • Wassenburg u. a. 2016
    J. A. Wassenburg/S. Dietrich/J. Fietzke u. a., Reorganization of the North Atlantic Oscillation during Early Holocene deglaciation. Nature Geoscience 9, 8, 2016, 602–605. DOI: 10.1038/ngeo2767
  • van Dick u. a. 2008
    R. van Dick/D. van Knippenberg/S. Hägele u. a., Group diversity and group identification. The moderating role of diversity beliefs. Human Relations 61, 10, 2008, 1463–1492. - DOI: 10.1177/0018726708095711
  • Wernli/Pfahl 2009
    H. Wernli/S. Pfahl, Grundlagen des Klimas und extremer Wettersituationen. In: F. Sirocko (Hrsg.), Wetter, Klima, Menschheitsentwicklung. Von der Eiszeit bis ins 21. Jahrhundert (Darmstadt 2009) 44–52.

Links





Prof. Dr. Detlef Gronenborn
arbeitet am RGZM und lehrt an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Seine Forschungsinteressen gelten den langfristigen Entwicklungen im europäischen Neolithikum sowie der historischen Archäologie in Afrika.

Dr. Hans-Christoph Strien
ist ausgewiesener Experte für die Linearbandkeramik, der insbesondere Keramikfunde für eine detaillierte Analyse der ersten bäuerlichen Gesellschaft nutzt. Derzeit forscht er an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.

Montag, 11. April 2016

Why the World needs anthropologists!

Eine Konferenz zur aktuellen Relevanz der (Kultur-)Anthropologie in Ljubljana, am 27.11.2015 ausgerichtet von dem EASA (European Association of Social Anthropologists) Applied Anthropology Network fordert, dass sich Anthropologen in aktuelle Debatten einbringen sollten. Dafür steht der Begriff der "applied anthropology". Die Beiträge zeigen Themen, bei denen sich Anthropologen in aktuelle gesellschaftliche Debatten einbringen. Im Vergleich zur Archäologie haben sie es an einem wesentlichen Punkt einfacher: Sie behandeln bereits den Menschen in der Gegenwart und haben keine Zeit zu überbrücken. 
Thomas Hylland Eriksen streicht als eine Aufgabe der Anthropologie heraus, über Grenzen hinweg zu vermitteln und das in Frage zu stellen, was andere als alternativlos wahrnehmen.  ‘Ethnography, which was never really sufficient, has now become completely inadequate for understanding what’s going on even in small-scale communities.’ Dennoch ist sie grundlegend für die Analyse gesellschaftlicher Probleme - in einem weiteren interdisziplinären Kontext.

Samstag, 6. Februar 2016

Archaeonik 3: Entwicklung einer Methode

Wie also könnte konkret eine Methode der archäologischen Anwendung aussehen? An dieser Stelle sei dies auf die Ebene der applied archaeology, nicht auf die Risikobewertung oder das Orientierungswissen bezogen, die beide jeweils andere methodische Anforderungen stellen.

Einige wenige Arbeiten liefern dazu erste Gedanken, die hier nur knapp skizziert seien.

Unsere eigenen Überlegungen zur Archaeonik, die bereits einige Jahre her sind (vergl. Dotterweich u.a. 2010) nahmen die terra preta zum Ausgangspunkt der Überlegungen und zieltenauf langfristig nachhaltige Landnutzungssysteme. Mit Hilfe der Systemtheorie sollten frühere Agrarsysteme anaysiert und rekonstruiert werden, wobei methodisch mathematische Modellierungen, Geländeuntersuchungen und Experimente eingesetzt werden sollten, um Potentiale für eine moderne Implementierung zu testen.

Archaeonik: Systemanalyse und Adaption
(Dotterweich u.a. 2010)


Aus einer Ingenieurs-Perspektive sehen Guertler u.a. 2015 sechs methodische Schritte einer Anwendung archäologischen Wissens:
  1. Analyse modern engineering problem
  2. Create problem model
  3. Search for archaeological analogies
  4. Identify archaeological solution concepts
  5. Transfer and adapt solution concepts
  6. Select technical solution.
Aus ihrer Perspektive gestaltet sich die Suche nach archäologischen Analogien als eine Literaturrecherche, verbunden mit persönlichen Gesprächen mit Archäologen. In einer similarity Matrix (Abb. ) werden mehrere Kriterien des archäologischen Befundes abgefragt, um zu prüfen, ob eine technische Adaption für eine moderne technische Lösung möglich ist. Gefragt wird unter anderem nach der konkreten Funktion und den Rahmenbedingungen des archäologischen Befundes, die jeweils mit den modernen technischen Anforderungen abgeglichen werden. 

Similarity Matrix in der Archaeonik
 (aus Guertler u.a. 2015, mit freundl. Genehmigung)


Die Bewertung der Beispiele braucht dabei einige handfeste Kriterien, die allerdings erst noch erarbeitet werden müssen. Einen Ansatz dazu bietet die Studie zu Kenia (vergl. Archaeonik 1). Am konkreten Beispiel wurde eine Liste möglicher Elemente einer applied archaeology aufgestellt (Davies 2012, tab.1):


1. Long-term analysis of the human environment dynamic
a. Analysis of changing land-use patterns; identification and dating of landscape features such as field boundaries, agricultural terraces, irrigation channels, wells, etc.
b. Analysis of ongoing long-term demographic trends; settlement patterns, population sizes and population densities, etc.
c. Analysis of anthropogenically modified soils and vegetation (including improvement and degradation)
d. Analysis of past crop/animal varieties, combinations and novel management strategies
e. Analysis of ongoing regional networks of production, exchange and support acting within and beyond the community level
f. Analysis of cultural systems of access to land (tenure) and inheritance
g. Analysis of ongoing climatic trends and reciprocal human impacts/responses
h. Assessment of past vulnerability to climate change

2. Assessment of environmental narratives
a. Challenging current (and past) environmental narratives (especially those used in development discourse) using archaeological data
b. Providing long-term environmental data-sets to compliment or critique short-term experimental data
c. Developing critical approaches based on long-term data to widely used concepts of adaptation/maladaptation, sustainability, resilience, optimality, 'pristine/natural' environments, stasis/equilibrium etc.

3. Rehabilitation and Indigenous knowledge
a. Rehabilitation of past land management strategies
b. Archaeological analysis of past or ongoing environmental practices/technologies and knowledge and their assessment as possible solutions to modern problems
c. Recovery of past indigenous knowledge (IK) as novel contributions to stores of environmental knowledge

4. Recursivity and scale in socionatural systems
a. General elucidation of long-term continuity and change in socionatural systems with reference to concepts of non-equilibrium, sustainability and resilience
b. Analysis of the temporal and spatial scales of socionatural phenomena especially quantification of rates of change (constant, accelerating, decelerating, scalar) and modes of fluctuation (i.e., linear, scalar, cyclical)

5. Memory and risk management
a. Analysis of community inscription of environmental risks through heritage and memory making
b. Analogous analysis of community impacts and responses to environmental risk in the past



Fazit

Bisherige Überlegungen orientieren sich an methodischen Abläufen des Transfers vergangener Rekonstruktionen. Eine zentrale Aufgabe ist es, genau jenes Wissen über die Verhältnisse zu gewinnen, das für eine Anwendung notwendig ist. Aus Gründen der vielfältigen Formation archäologischer Quellen ist dies vielfach aber kaum möglich. Stürzt darüber der gesamte Ansatz? Oder ist nicht vielmehr die Anregung der entscheidende Punkt, da für die moderne Anwendung ohnehin eine Adaption vorgenommen werden muss und eine 1:1 Übertragung ohnehin ausgeschlossen ist?


Literaturhinweise

  • Davies 2012
    Matthew I. Davies, Some Thoughts on a ‘Useable’ African Archaeology: Settlement, Population and Intensive Farming among the Pokot of Northwest Kenya. African Archaeological Review 2012 (4.10.2012), doi: 10.1007/s10437-012-9118-8 
  • Dotterweich u.a. 2010
    M. Dotterweich/ R. Schreg/ H. Pieplow/ J. Böttcher, Archaeonic: Reconstructing ancient human-environment interactions to sustain modern land use management strategies. Southampton: PAGES Workshop on "Regional integration of past records for management of modern resources and landscapes" - https://www.academia.edu/1672100/Archaeonic_Reconstructing_ancient_human-environment_interactions_to_sustain_modern_land_use_management_strategies
  • Guertler u.a. 2015
    M.R. Guertler/ S. Schaefer/ J. Lipps/ S. Stahl/ U. Lindemann, Achaeonics – How to use archaeological solutions for modern product development. In:Proceedings of the 20th International Conference on Engineering Design (ICED 15), Vol. 1: Design for Life, Milan, Italy, 27.-30.07.2015, S. 65-75. - https://mediatum.ub.tum.de/doc/1277436/1277436.pdf

Interne Links

verwiesen sei weiterhin auf die Beiträge mit dem Label Lernen aus der Vergangenheit