- Wie die Archäologie hilft Verbrechen aufzuklären. Tagesschau 3,8,2026. - https://www.tagesschau.de/wissen/forschung/polizei-forensik-archaeologie-spurensicherung-100.html
Archaeologik ist ein Wissenschaftsblog zu Themen der Archäologie und des Kulturgutschutzes. Er zielt auf eine kritische Archäologie, die sich mit methodisch-theoretischen, wissenschaftspolitischen und gesellschaftlichen Aspekten der Archäologie auseinandersetzt und die alltägliche Forschungspraxis reflektiert.
Archaeologik is a science blog contributing to various aspects of critical archaeology and cultural heritage including methodology, theory and daily archaeological practice.
Dienstag, 4. August 2026
Wie die Archäologie hilft Verbrechen aufzuklären
Samstag, 7. Januar 2023
Impulse aus dem Denkmalschutz: Solarpanele
In zahlreichen Bundesländern werden Denkmalschutzgesetze geändert, um regenerative Energien zu fördern. Meist ist nur von der Optik, selten von den Bodeneingriffen die Rede. Besonders sensibel sind jedoch Photovoltaik-Anlagen in historischen Stadtkernen oder auf Baudenkmalen.
Aktuell verbreiten verschiedene Medien die Nachricht über eine italienische Firma, die Solarzellen in Terrakotta-Optik produziert. Aufhänger ist deren Verwendung in den antiken Ruinen von Pompeji.
Die Meldung ist Teil der Aktivitäten eines EU-finanzierten Projekts POCITYF. Dabei geht es speziell darum, denkmalgeschützte Altstädte in die Energiewende zu integrieren. An einigen Beispielstädten (übrigens ohne deutsche Beteiligung) sollen dazu technische Lösungen entwickelt werden.
Am 21.12. hat POCITYF eine Pressemeldung publiziert:
Es geht um Sonnenkollektoren, die die Form antiker römischer Ziegel haben und mit denen in den Ruinen von Pompeji neue Schutzdächer gestaltet werden, die zudem vor Ort Energie erzeugen.
rekonstruiertes Porticusdach an der Mysterienvilla in Pompeji
potentieller Einsatzort der Ziegel-PV-Anlage
(Foto: R. Schreg, 2016)
POCITYF sieht in den innovativen Lösungen, die mit dem archäologischen Park Pompeji und der portugiesischen Stadt Évora entwickelt wurden, eine Chance Energiegewinnung mit dem Erhalt kulturellen Erbes und Nachhaltigkeit zu verbinden. Alte Gebäude könnten so trotz der architektonischen und denkmalpflegerischen Einschränkungen zu einem Kapital werden.
Die Technik ist indes nicht neu. Die italienische Firma, die hier beteiligt war, produziert solche PV-Ziegel schon seit 2015 und wartet auf weitere Anwendungen, denn die Panele können auch in anderen Formen produziert werden, die die Optik von Holzverkleidungen oder Bausteinen aufnehmen. Die Module sind aus Polymeren hergestellt, wobei die Oberfläche lichtdurchlässig ist, so dass die integrierten Kollektoren fast so viel Energie erzeugen wie klassische Kollektoren.
Im Augenblick sind die Kosten noch deutlich höher als bei klassischen Kollektoren, doch ist das Anwendungsfeld auch wesentlich größer. Für denkmalgerechte Ziegel wird kaum eine große Serienfertigung möglich sein, da lokale historische Formate berücksichtigt werden müssen - prinzipiell ist es aber möglich, die Solarzellen in individuellen Formen zu produzieren.
Aktuelle Medienberichte
Interner Link
Mittwoch, 7. Juli 2021
Altes schottisches Bier
1895 ist kurz nach dem Auslaufen aus dem Hafen von Glasgow das Dampfschiff Wallachia auf der Fahrt nach Westindien im Nebel gesunken. 1971 wurde das Wrack entdeckt. In mehreren wissenschaftlichen Projekten wurde auf das Wrack Bezug genommen. Sonaruntersuchungen und Tauchgänge haben stattgefunden, einige Funde wurden geborgen.
Mit an Bord: Tausende von Flaschen Bier.
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| Bierflasche von der SS Walachia (aus Thomas u.a. 2021 [CC BY 4.0] via Wiley Online Library) |
Jetzt ist eine Arbeit erschienen, die das Bier aus dem Wrack der Wallachia analysiert und dabei spannende Entdeckungen gemacht hat (Thomas u.a. 2021). Es zeigte sich nämlich, dass das Bier, ein Stout von 7,5% vol mit den Hefen Brettanomyces und Debaryomyces gebraut worden ist. Debaryomyces-Arten bildeten den Hauptbestandteil, während die heute vorwiegend für das Brauen eingesetzen Saccharomyces-Hefen weniger verbreitet sind. Debaryomyces sind nicht dafür bekannt, im historischen Brauen bewusst eingesetzt zu werden, sondern gelten als Spontanfermentation. 1909 wurden Debaryomyces- Hefen zwar in der Brauindustrie registriert, aber erst kürzlich wurde in einem Screening von Nicht-Saccharomyces cerevisiae-Stämmen auf eine mögliche Verwendung von Debaryomyces für die Entwicklung neuer Biere hingewiesen. Die hohen Debaryomyces- Anteile im Bier der Wallachia sprechen indes für eine historische Verwendung. In derselben Studie untersuchte weitere historische nicht-archäologisch überlieferte Bierflaschen bestätigen das ebenso, wie Untersuchungen an einem - aus einem Schiffswrack im Ärmelkanal geborgenen - Bier aus der Zeit um 1825 wie auch an einem eisenzeitlichen Bier (Aouizerat u. a. 2019).
Die Analyse historischer Biere aus Schiffswracks, wo sie kühl gelagert waren, ist offenbar ein inzwischen gängiger Ansatz (vgl. z.B. Londesborough u. a. 2015, Presseberichte). Keith Thomas, Inhaber des Brewlab hat inzwischen verschiedene historische Biere nachgebraut, etwa auf der Basis des 1825er Bieres aus dem Ärmelkanal . Auch nach einem Fund von Bier aus einem Schiffswrack in Tasmanien aus dem 18. Jahrhundert hat eine australische Brauerei Bier hergestellt. Die Fragestellung der Studie von Thomas u.a. 2021 richtete sich darauf, welchen Beitrag die Analyse historischer Biere zur Kenntnis der Bierzutaten und der Mikrobiologie leisten kann. Auch hier wird nun versucht, da Bier nachzubrauen.
Die Bierflaschen aus der Wallachia wurden von Andy Pilley, Global Underwater Explorers (facebook) geborgen. GUE ist seit 2014 auch im Bereich der Unterwasserarchäologie engagiert und unterstützt hier Museen. Leider macht weder der Artikel noch der Bericht bei der GUE Aussagen über die erforderlichen Genehmigungen und die Eigentumsverhältnisse. In den 1980er Jahren wurde alte schottische Whisky, der sich ebenfalls an Bord der Wallachia befand, ausgeräumt und findet sich heute zu enormen Preisen im Handel. Zwei 1988 geborgene Flaschen ("not fit for consumption") standen etwa bei Whisky Auctioneer zur Versteigerung, zusammen mit "dive documents", bei denen es sich aber um einen tauchbericht, nicht etwa um eine Genehmigung der bergung handelt.
Eine Frage bleibt: Ist das eigentlich ein Selbstbedienungsladen?
Literaturhinweise
- Aouizerat u. a. 2019: T. Aouizerat/I. Gutman/Y. Paz u. a., Isolation and Characterization of Live Yeast Cells from Ancient Vessels as a Tool in Bio-Archaeology. mBio 10, 2, 2019. - doi: 10.1128/mBio.00388-19
- Londesborough u. a. 2015
J. Londesborough/M. Dresel/B. Gibson u. a., Analysis of beers from an 1840s' shipwreck. Journal of agricultural and food chemistry 63, 9, 2015, 2525–2536. - doi: 10.1021/jf5052943 - Thomas u. a. 2021: K. Thomas/K. Ironside/L. Clark u. a., Preliminary microbiological and chemical analysis of two historical stock ales from Victorian and Edwardian brewing. J. Inst. Brew. 127, 2, 2021, 167–175. - DOI 10.1002/jib.641
Berichte von Brewlab und GUE
Presseberichte
- The treasure inside beer lost in a shipwreck 120 years ago. BBC future (23.6.2021). - https://www.bbc.com/future/article/20210622-how-shipwrecked-yeasts-could-change-the-taste-of-your-beer
- https://apnews.com/article/oceans-north-america-us-news-ap-top-news-ny-state-wire-3583b5a1836f478e939715a7ccfb2c9e
- https://beerandbrewing.com/dictionary/5JrFR84NZR/
- https://www.bbc.com/travel/article/20181206-a-beer-brewed-from-an-old-tasmanian-shipwreck
- https://www.insidehook.com/daily_brief/booze/beer-shipwreck-wallachia-yeast-brewing
Links
Mittwoch, 20. Januar 2021
Feld-, Wald- und Wiesenarchäologie - Antrittsvorlesung publiziert
Neu erschienen:
- R. Schreg, Feld-, Wald- und Wiesenarchäologie. In W. Brassat (Hrsg.), Komplexität und Diversität des kulturellen Erbes. Forschungen des Instituts für Archäologische Wissenschaften, Denkmalwissenschaften und Kunstgeschichte (Bamberg 2020) 11-34. - Der vollständige Band steht open Access auf den Seiten von University of Bamberg Press unter https://doi.org/10.20378/irb-48742. Auf HumanitiesCommons gibt es meinen Artikel auch separat: https://hcommons.org/deposits/item/hc:33793/
Mein Beitrag zu dem Sammelband, der aktuelle Forschungen aus dem Institut für Archäologische Wissenschaften, Denkmalwissenschaften und Kunstgeschichte der Uni Bamberg vereint, basiert auf der Antrittsvorlesung, die ich am 27.6.2019 in Bamberg gehalten habe. Mit dem Titel "Feld-, Wald- und Wiesenarchäologie" habe ich zwei sehr unterschiedliche Themen zusammen geführt, die mir für ein zeitgemäßes Verständnis der archäologischen Wissenschaften wichtig erscheinen. Einerseits geht es um die Erforschung früherer Landnutzung anhand von Altfluren und deren Einordnung in die Umweltgeschichte bzw. Umweltarchäologie. Andererseits geht es aber auch um die kritische Auseinandersetzung mit dem Gegenstand der Archäologie generell. Der Öffentlichkeit (und manchen Kollegen) ist es oft schwer begreiflich, weshalb man sich für Altflurreste interessieren sollte - gibt es doch da in der Regel keine Funde - erst recht keine spektakulären.
| Segbachtal, "Im Winkel": oberflächlich freigelegter Steinriegel (Foto: R. Schreg/ RGZM 2.7.2010) |
Die konkrete Auseinandersetzung mit Feld-, Wald- und Wiesenarchäologie möchte ich als Plädoyer verstehen, darüber nachzudenken, was wir als Archäolog*innen konkret für unsere Gegenwart aus der Vergangenheit mitnehmen können und wie wir das zuverlässig erreichen. Nicht jede Auseinandersetzung mit der Vergangenheit muss dabei in eine
applied archaeology mit Patentanmeldungen münden, das Bereitstellen von Orientierungswissen, das uns die Komplexität unserer sozialen und umweltlichen Lebensbedingungen vor Augen führt und der Gesellschaft vermittelt, reicht völlig aus, ist aber auch so schon eine große Herausforderung, intellektuell wie auch ganz praktisch.
Donnerstag, 16. April 2020
Die COVID-19-Pandemie - Teil 3: Die möglichen Konsequenzen der Krise für Deutschland
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| Viren (biology pop [CC BY SA 4.0] via WikimediaCommons) |
Die Debatte um „Lockerung“
Eine phasengebundene Betrachtung
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| Abb. 1. Grundmuster des sozio-politisch-ökonomisch-ökologischen Zyklus (Teil 2) mit gesellschaftlichen Lösungsstrategien in der desintegrativen Phase (Grafik: D. Gronenborn). |
Die Gefahren der Desintegration
(via onlinekas auf youtube)
Ausblick
Hier wird die Archäologie in Zukunft gefragt sein.
Fortsetzungsepisoden
- Teil 1: Der Schock. Archaeologik (30.3.2020)
- Teil 2: Kleine Geschichte der Erforschung von gesellschaftlichen Zyklen. Archaeologik (9.4.2020)
- Teil 3: Die möglichen Konsequenzen der Krise für Deutschland
dieser Post - Teil 4: Wie könnte sich die Archäologie entwickeln?
folgt
Literaturverzeichnis
- Gronenborn u. a. in press
D. Gronenborn/H.-C. Strien/K. W. Wirtz u. a., Inherent Collapse? Social Dynamics and External Forcing in Early Neolithic and modern SW Germany. In: P. Sheets/F. Riede (Hrsg.), Going Forward By Looking Back (New York, Oxford in press) $$-$$. - Gronenborn 2016
D. Gronenborn, Some thoughts on political differentiation in early to Young Neolithic societies in western central Europe. In: H. Meller/H.-P. Hahn/R. Jung u. a. (Hrsg.), Arm und Reich - Zur Ressourcenverteilung in prähistorischen Gesellschaften. 8. Mitteldeutscher Archäologentag vom 22. bis 24. Oktober 2015 in Halle1. Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle (2016) 61–76. - Olson 1982
M. Olson, The rise and decline of nations. Economic growth, stagflation, and social rigidities (New Haven 1982). - Schultz/Searleman 2002
P. W. Schultz/A. Searleman, Rigidity of thought and behavior. 100 years of research. Genetic, Social, and General Psychology Monographs 128, 2, 2002, 165–207. - Turchin u. a. 2018
P. Turchin/N. Witoszek/S. Thurner u. a., A History of Possible Futures: Multipath Forecasting of Social Breakdown, Recovery, and Resilience. CDN 9, 2, 2018.
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Donnerstag, 18. Oktober 2018
Donnerstag, 20. September 2018
Archäonik - hä, was ist denn das?
Ein neu erschienener Artikel erklärt das aber genauer:
- Archaeonik 1 - Wie Archäologen die Welt retten (oder auch nicht). Archaeologik (20.1.2016)
- Archaeonik 2 - Abkehr von der Geschichtswissenschaft?Archaeologik (26.1.2016)
- Archaeonik 3 - Entwicklung einer Methode. Archaeologik (2.2.2016)
Mittwoch, 1. August 2018
Zwei Extremsommer: 2018 n. Chr. und 5106/5105 v. Chr. - Was können wir aus den Erfahrungen vor 7000 Jahren lernen?
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| Temperaturabweichung
vom Tagesmittelwert (Beobachtungsphase 1979-2000) vom 1. August 2018. (Bild- und Datenquelle: Climate Reanalyzer, Climate Change Institute, University of Maine [https://climatereanalyzer.org]) |
Mittlerweile meldeten sich die Bauernverbände zu Wort, denn der mangelnde Niederschlag führt zu teils massiven Ernteeinbußen, die Bundesregierung muss helfen, die Beratungen laufen. Noch, so scheint es, ist aber die Lebensmittelversorgung gesichert, einstweilen.
Erkenntnisse aus der Vergangenheit
Über die Extremsommer aus den schriftlich dokumentierten Perioden, also in Mitteleuropa im Wesentlichen die Zeit ab dem hohen Mittelalter, sind wir einigermaßen gut unterrichtet. Sie finden sich in zahlreichen Dokumenten wie Kirchenbüchern oder Chroniken (Pfister 1999; Glaser 2008).
Besser sind wir aber über eine etwas spätere Schwankung und ihre Auswirkung unterrichtet. Sie fällt in eine archäologisch hervorragend aufgearbeitet Periode, in der wir auch mit besonders fein aufgelösten archäologischen Zeitreihen arbeiten können, die sich gut mit den Daten der Klimaforschung abgleichen lassen:
Um 5200 v. Chr. geht wiederum ein IRD-Ereignis zu Ende, was in Mitteleuropa von einer zunehmenden Trockenheit begleitet wird. Zu dieser Zeit haben sich im gesamten südlichen und gemäßigten Europa bäuerliche Kulturen aus dem Nahen Osten stammend (link zu Migration$), ausgebreitet. In Mitteleuropa ist es die nach ihrer Keramikverzierung sogenannte bandkeramische Kultur. Grundlage war eine auf Getreideanbau und Viehzucht beruhende Landwirtschaft. Man lebte in Weilern und Dörfern verstreut auf den besten, für die Landwirtschaft geeigneten Böden (Gronenborn/Sirocko 2009; Gronenborn/Strien 2014). Es waren Gesellschaften, die unter anderem in Verwandtschaftsverbände organisiert waren. Solche sozialen Informationen wurden durch Motive auf der Keramik symbolisiert (LBK-Topf), und zwar so genau, dass wir heute Unterschiede und Entwicklungen im Motivschatz nachvollziehen können (Strien 2000). So lässt sich bei einem Fallbeispiel aus Württemberg feststellen, dass auf eine eher homogene und wenig diverse Anfangsphase ein Anstieg der Diversität folgt, und gegen Ende der kulturellen Entwicklung wiederum eine deutliche Tendenz zur Homogenisierung der Verzierungen folgt. Diese Dynamik lässt sich, auch aufgrund ähnlicher Vorgänge in anderen, vergleichbaren Gesellschaften, als eine Veränderung der sozialen Diversität deuten: Waren die Gesellschaften Anfangs homogen organisiert, so kommt es im Verlaufe zu einem Aufblühen gesellschaftlicher Vielfalt, und schließlich wiederum zu einer Homogenisierung und stärkeren Kohäsion (Gronenborn u. a. 2014; Gronenborn u. a. 2017). Gesellschaften folgen also zunächst festen Ordnungsschemata und sozialen Regelwerken, diese brechen dann allerdings auf und führen zu einer Lockerung, was aber wiederum zu rigideren Regelwerken führt, die im ungünstigsten Fall für die Fortentwicklung hinderlich sind (sogenannte rigidity traps; van Dick u. a. 2008).
Beim Vergleich mit regionalen Klimadaten zeigt sich nun deutlich, dass die Homogenisierungstendenz durch eine bekannte deutliche Trockenperiode um 5106/5105 v. Chr. (Helle/Heinrich 2012) stark zunimmt. Offensichtlich hat dieser Extremsommer vor 7000 Jahren eine bereits bestehende gesellschaftliche Tendenz verstärkt. Die sicherlich für diese einfachen Bauern erheblichen Ernteeinbußen und vielleicht auch daraus resultierenden Hungersnöte führten zu einer zunehmenden Rigidität und auch zu einer Ausweitung bereits bestehender Konflikte (Gronenborn u. a. 2017). In Folge dessen lassen sich für die kommenden Jahrzehnte etliche Massengräber nachweisen, bei denen deutlich wird, dass sich die Dörfer und Weiler gegenseitig bekämpften und wohl auch ausrotteten (Meyer u. a. 2015).
Wenngleich sich die klimatischen Verhältnisse später wieder besserten, haben sich diese einfachen bäuerlichen Gesellschaften nie mehr erholt, um 4900 v. Chr. verschwand die Bandkeramische Kultur, ging teilweise in nachfolgenden Kulturen auf.
Was lässt sich von einfachen Bauern vor 7000 Jahren lernen?
Allerdings waren es Menschen wie wir, die sich in der genau der gleichen Weise verhielten. Die Extremsommer von 5106/5105 v. Chr. hatten eine gesellschaftliche Tendenz zu einer stärkeren Rigidität noch beschleunigt, wohl weil die Auswirkungen der damaligen Trockenheit erheblich waren. Für 2018 sind solche gravierenden Versorgungsprobleme bislang noch nicht zu erwarten, weil wir über unsere ausgebauten Verkehrswege mittlerweile global Ausgleich schaffen können, auch ist die Vorratshaltung um ein Vielfaches besser als vor 7000 Jahren. Einen Sommer sollten wir also, auch wenn die Auswirkungen noch nicht abgeschätzt werden können, verkraften können. Was aber, wenn 2019 ähnlich verläuft? Und 2020? Und wenn auch in anderen Ländern Ernten ausfallen?
Unschwer lässt sich erkennen, dass sich die bestehende globale Tendenz zu gesellschaftlicher Rigorosität (vergl. Archaeologik 9.11.2016 und Archaeologik 26.7.2018), zu mehr Gewalt und mehr Konflikten, auch für unsere heutige Zeit ein Problem darstellt, sie würde mithin deutlich verstärkt werden, nicht nur in armen und Schwellenländern, sondern auch bei uns. Das Verhaltensmuster der Bauern vor 7000 Jahren legt das bereits sehr nahe.
Traurige Erkenntnis…
Literatur
- Bond u. a. 2001
G. Bond/B. Kromer/J. Beer u. a., Persistent solar influence on North Atlantic climate during the Holocene. Science 294, 2001, 2130–2136. - DOI: 10.1126/science.1065680 - Flohr u. a. 2016
P. Flohr/D. Fleitmann/R. Matthews u. a., Evidence of resilience to past climate change in Southwest Asia: Early farming communities and the 9.2 and 8.2 ka events. Special Issue: Mediterranean Holocene Climate, Environment and Human Societies 136, 2016, 23–39. - DOI: 10.1016/j.quascirev.2015.06.022 - Glaser 2008
R. Glaser, Klimageschichte Mitteleuropas. 1200 Jahre Wetter, Klima, Katastrophen (Darmstadt 2008). - Gronenborn 2017
D. Gronenborn, Migrations before the Neolithic? The Late Mesolithic blade-and-trapeze horizon in Central Europe and beyond. In: H. Meller/F. Daim/J. Krause u. a. (Hrsg.), Migration und Integration von der Urgeschichte bis zum Mittelalter. 9. Mitteldeutscher Archäologentag vom 20. bis 22. Oktober 2016 in Halle (Saale. Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle Band 17 (Halle (Saale) 2017) 113–127. - Gronenborn u. a. 2017
D. Gronenborn/H.-C. Strien/C. Lemmen, Population dynamics, social resilience strategies, and Adaptive Cycles in early farming societies of SW Central Europe. Quaternary International 446, 2017, 54–65. - DOI: 10.1016/j.qaint.2017.01.018 - Gronenborn/Sirocko 2009
D. Gronenborn/F. Sirocko, 5000 - 4400 BC. Linearbandkeramik, Hinkelstein und die Intensivierung der Waldweide. In: F. Sirocko (Hrsg.), Wetter, Klima, Menschheitsentwicklung. Von der Eiszeit bis ins 21. Jahrhundert (Darmstadt 2009) 113–115. - Gronenborn/Strien 2014
D. Gronenborn/H.-C. Strien, Linienbandkeramik und La Hoguette. In: D. Gronenborn/T. Terberger (Hrsg.), Vom Jäger und Sammler zum Bauern. Die Neolithische Revolution. Archäologie in Deutschland / Sonderheft 05 = Jg. 2014,1 (Darmstadt 2014) 30–38. - Gronenborn/Terberger 2014
D. Gronenborn/T. Terberger (Hrsg.), Vom Jäger und Sammler zum Bauern. Die Neolithische Revolution. Archäologie in Deutschland / Sonderheft 05 = Jg. 2014,1 (Darmstadt 2014). - Helle/Heinrich 2012
G. Helle/I. Heinrich, Baumjahresringe als chemisch-physikalischer Datenträger für Umwelt- und Klimainformationen der Vergangenheit. System Erde 2, 1, 2012. - DOI: 10.2312/GFZ.syserde.02.01.11 - Kromer/Friedrich 2007
B. Kromer/M. Friedrich, Jahrringchronologien und Radiokohlenstoff. Ein ideales Gespann in der Paläoklimaforschung. Geographische Rundschau 59, 4, 2007, 50–55. - Meyer u. a. 2015
C. Meyer/C. Lohr/D. Gronenborn u. a., The massacre mass grave of Schöneck-Kilianstädten reveals new insights into collective violence in Early Neolithic Central Europe. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 112, 36, 2015, 11217–11222. - DOI: 10.1073/pnas.1504365112 - Pfister 1999
C. Pfister, Wetternachhersage. 500 Jahre Klimavariationen und Naturkatastrophen (1496-1995) (Bern, Stuttgart, Wien 1999). - Prasad u. a. 2009
S. Prasad/A. Witt/U. Kienel u. a., The 8.2 ka event: Evidence for seasonal differences and the rate of climate change in western Europe. Global and Planetary Change 67, 3-4, 2009, 218–226. - DOI: 10.1016/j.gloplacha.2009.03.011 - Sirocko/Kromer/Wernli 2009
F. Sirocko/B. Kromer/H. Wernli, Ursachen von Klimavariabilität in der Vergangenheit. In: F. Sirocko (Hrsg.), Wetter, Klima, Menschheitsentwicklung. Von der Eiszeit bis ins 21. Jahrhundert (Darmstadt 2009) 53–59. - Strien 2000
H.-C. Strien, Untersuchungen zur Bandkeramik in Württemberg. Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie 69 (Bonn 2000). - Teller/Leverington 2004
J. T. Teller/D. W. Leverington, Glacial Lake Agassiz. GeoScienceWorld Bulletin 116, 5-6, 2004, 729–742. - DOI: 10.1130/B25316.1 - Wassenburg u. a. 2016
J. A. Wassenburg/S. Dietrich/J. Fietzke u. a., Reorganization of the North Atlantic Oscillation during Early Holocene deglaciation. Nature Geoscience 9, 8, 2016, 602–605. DOI: 10.1038/ngeo2767 - van Dick u. a. 2008
R. van Dick/D. van Knippenberg/S. Hägele u. a., Group diversity and group identification. The moderating role of diversity beliefs. Human Relations 61, 10, 2008, 1463–1492. - DOI: 10.1177/0018726708095711 - Wernli/Pfahl 2009
H. Wernli/S. Pfahl, Grundlagen des Klimas und extremer Wettersituationen. In: F. Sirocko (Hrsg.), Wetter, Klima, Menschheitsentwicklung. Von der Eiszeit bis ins 21. Jahrhundert (Darmstadt 2009) 44–52.
Links
- http://www.tagesschau.de/inland/hitze-sommer-101.html
- https://www.tagesschau.de/inland/hitze-deutschland-101.html
- https://www.tagesschau.de/inland/bauernverband-duerre-103.html
- https://www.rgzm.de/kilianstaedten
Prof. Dr. Detlef Gronenborn
Dr. Hans-Christoph Strien
Montag, 11. April 2016
Why the World needs anthropologists!
- und 4 1/2 Stunden als Videomitschntt: https://www.youtube.com/watch?v=dfdEBslM4to
- http://www.easaonline.org/networks/app_anth/index.shtml
- http://www.applied-anthropology.com/
Samstag, 6. Februar 2016
Archaeonik 3: Entwicklung einer Methode
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| Archaeonik: Systemanalyse und Adaption (Dotterweich u.a. 2010) |
- Analyse modern engineering problem
- Create problem model
- Search for archaeological analogies
- Identify archaeological solution concepts
- Transfer and adapt solution concepts
- Select technical solution.
1. Long-term analysis of the human environment dynamic
a. Analysis of changing land-use patterns; identification and dating of landscape features such as field boundaries, agricultural terraces, irrigation channels, wells, etc.
b. Analysis of ongoing long-term demographic trends; settlement patterns, population sizes and population densities, etc.
c. Analysis of anthropogenically modified soils and vegetation (including improvement and degradation)
d. Analysis of past crop/animal varieties, combinations and novel management strategies
e. Analysis of ongoing regional networks of production, exchange and support acting within and beyond the community level
f. Analysis of cultural systems of access to land (tenure) and inheritance
g. Analysis of ongoing climatic trends and reciprocal human impacts/responses
h. Assessment of past vulnerability to climate change
2. Assessment of environmental narratives
a. Challenging current (and past) environmental narratives (especially those used in development discourse) using archaeological data
b. Providing long-term environmental data-sets to compliment or critique short-term experimental data
c. Developing critical approaches based on long-term data to widely used concepts of adaptation/maladaptation, sustainability, resilience, optimality, 'pristine/natural' environments, stasis/equilibrium etc.
3. Rehabilitation and Indigenous knowledge
a. Rehabilitation of past land management strategies
b. Archaeological analysis of past or ongoing environmental practices/technologies and knowledge and their assessment as possible solutions to modern problems
c. Recovery of past indigenous knowledge (IK) as novel contributions to stores of environmental knowledge
4. Recursivity and scale in socionatural systems
a. General elucidation of long-term continuity and change in socionatural systems with reference to concepts of non-equilibrium, sustainability and resilience
b. Analysis of the temporal and spatial scales of socionatural phenomena especially quantification of rates of change (constant, accelerating, decelerating, scalar) and modes of fluctuation (i.e., linear, scalar, cyclical)
5. Memory and risk management
a. Analysis of community inscription of environmental risks through heritage and memory making
b. Analogous analysis of community impacts and responses to environmental risk in the past
Fazit
Literaturhinweise
- Davies 2012
Matthew I. Davies, Some Thoughts on a ‘Useable’ African Archaeology: Settlement, Population and Intensive Farming among the Pokot of Northwest Kenya. African Archaeological Review 2012 (4.10.2012), doi: 10.1007/s10437-012-9118-8 - Dotterweich u.a. 2010
M. Dotterweich/ R. Schreg/ H. Pieplow/ J. Böttcher, Archaeonic: Reconstructing ancient human-environment interactions to sustain modern land use management strategies. Southampton: PAGES Workshop on "Regional integration of past records for management of modern resources and landscapes" - https://www.academia.edu/1672100/Archaeonic_Reconstructing_ancient_human-environment_interactions_to_sustain_modern_land_use_management_strategies - Guertler u.a. 2015M.R. Guertler/ S. Schaefer/ J. Lipps/ S. Stahl/ U. Lindemann, Achaeonics – How to use archaeological solutions for modern product development. In:Proceedings of the 20th International Conference on Engineering Design (ICED 15), Vol. 1: Design for Life, Milan, Italy, 27.-30.07.2015, S. 65-75. - https://mediatum.ub.tum.de/doc/1277436/1277436.pdf
Interne Links
- Archaeonik 1 - Wie Archäologen die Welt retten (oder auch nicht). Archaeologik (20.1.2016)
- Archaeonik 2 - Abkehr von der Geschichtswissenschaft?Archaeologik (26.1.2016)
- Archaeonik 3 - Entwicklung einer Methode. Archaeologik (2.2.2016)









