Posts mit dem Label Sozialarchäologie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Sozialarchäologie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 24. August 2025

Zugeschütteter Beton

Schottlands erster Outdoor-Skatepark wurde 1978 im Kelvingrove Park in Glasgow eröffnet. Nach nur 5 Jahren, in denen er außerordentlich populär war und Ort der ersten schottischen Meisterschaft wurde er geschlossen. Seine Ruinen liegen neben einer modernen Skateanlage. Nun legen ihn Archäologen und Skater gemeinsam frei.
Ziel ist es, die Erinnerung wach zu halten. Die Grabungen sind insbesondere auch Anlass, Zeitzeugenberichte, Bilder und Filmmaterial zu sammeln. 

Projektleiter Dr Kenny Brophy sieht eine große Gefahr, dass der Skatepark, der für viele Jugendliche vor nur wenigen Jahrzehnten ein ganz besonderer iPlatz war, verloren geht.

Stätten des Alltagslebens sind heute oft flüchtig und einem ständigen Wandel unterworfen. Zwar gibt es viele Quellen, aber oft Sind es erst die realen Relikte, die es erlauben, sie zu ordnen? oder die nötige Aufmerksamkeit auf das Thema zu ziehen. Gerade Freizeiteinrichtungen sind ein wichtiger Spiegel der sozialen Entwicklung. und der Alltagskultur des 20. Jahrhunderts

Kelvingroveparc in Glasgow
(Foto: Richard Sutcliffe, CC BY-SA 2.0, via WikimediaCommons)




Links


Freitag, 25. Juli 2025

Anfänge - Probleme und Paradigmen der Kulturanthropologie, Archäologie und Geschichte



David Graeber/ David Wengrow


Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit
(Stuttgart: Klett-Cotta 2022)
ISBN 9783608985085

inzwischen 4. Aufl., 2024 als Paperback
sowie - inzwischen schon vergriffen - als Sonderausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung (Bonn 2022)


The Dawn of Everything. A New History of Humanity
(London: Penguin 2022)
ISBN 9780141991061



Nur wenige Prähistoriker haben sich an großen Geschichtsdeutungen versucht. Das gilt insbesondere für die deutsche Forschung, wo solche Arbeiten - wenn nicht sowieso schon national verengt - stets sehr deskriptiv und materiallastig geblieben sind (z.B. Müller-Karpe 1998) - begründet im Selbstverständnis der deutschen Forschung als Geschichtswissenschaft. Entsprechende prähistorische Weltgeschichten des englischsprachigen Raums boten da zumeist spannendere Narrative an. Erinnert sei an Gordon Childe, auf den die Vorstellung der neolithischen Revolution zurückgeht (Childe 1936).

David Graeber und David Wengrow (im folgenden nenne ich sie meist kurz G&W) präsentieren nun ein neues universal(vor)geschichtliches Narrativ. Es ist in positivem Sinne ein anarchistisches Geschichtsbild, das sich bemüht, Vorurteile alter weißer Männer zu entlarven und einer eurozentrierten Sicht ein Bild gegenüber zu stellen, das Indigene, Frauen, Wildbeuter*innen und “Primitive“ als gleichwertig begreift und Fortschrittsdenken und Überlegenheitsideen als historischen Unsinn entlarvt. Die gängige Erzählung einer Evolution egalitärer Jäger- und Sammlergesellschaften, einer neolithischen Revolution mit dem Beginn von Sesshaftigkeit und Landwirtschaft als Ausgangspunkt der Entwicklung sozialer Ungleichheit und politischer Hierarchien bis hin zu modernen, industrialisierten Gesellschaften wird dekonstruiert und durch das Bild plural strukturierter Gesellschaften ersetzt, deren Entwicklung nicht durch ökonomische oder ökologische Gesetzmäßigkeiten vorgegeben war, sondern durch kollektive Entscheidungen bestimmt wurde.

Ich halte das Gesamtbild für außerordentlich plausibel, wenn auch an einigen Punkten erhebliche Zweifel angebracht sind und eine weniger idealistische Sicht den historischen und anthropologischen Realitäten näher kommen dürfte. Ein wichtiger Knackpunkt ist, dass manche der Detailinterpretationen unter einer Dürftigkeit der Quellenbelege leidet, aber sehr bestimmt formuliert wird. Oft wird dem etablierten - häufig nur grob skizzierten - Bild der Forschung eine neue Sicht auch nur mit einer sehr verkürzten Argumentation gegenübergestellt. Das liegt im umfassenden Thema begründet, denn G&W haben so schon ein dickes Buch vorgelegt, in dem man die zahlreichen Beispiele unmöglich in aller Ausführlichkeit darstellen kann. Allerdings ist auch festzustellen, dass das Buch andererseits gerade bei der Darstellung mancher Beispiele Längen aufweist, die den Leser vom Gesamtbild eher weg führen. 
 

Eine anarchistische Perspektive

Festzuhalten ist, dass David Graeber (1963-2020), der kurz nach Fertigstellung des Buchs verstorben ist, als Kulturanthropologe Professor an der Yale University, dann an der UCL und der London School of Economics and Political Science war und eine anarchistische Anthropologie vertrat. Schon 2004 publizierte er "Fragments of an Anarchist Anthropology" (dt.: Graeber 2023), mit der er aufzuzeigen versuchte, dass unsere Gesellschaft so nicht selbstverständlich ist, sondern dass es unzählige Möglichkeiten gäbe, Gesellschaften anders zu organisieren. Anthropologie ist in dieser Sicht nicht nur eine Inspiration für alternative Lebens- und Gesellschaftsmodelle, sondern hinterfragt auch die Grundlagen unserer eigenen Gesellschaftstheorien. In seinem Buch "debt" (dt. Schulden [Graeber 2022]) nutzte Graeber eine historische Perspektive, um beispielsweise die Theorie des Geldes, eine Grundlage der modernen Ökonomie, in Frage zu stellen. Hier griff Graeber bereits bis nach Mesopotamien aus und nahm auch archäologische Quellen in den Blick. Graebers Kritik an der modernen Gesellschaft richtet sich gegen unsere Hinnahme gegenwärtiger Missstände als alternativlos. 2011 war Graeber einer der Köpfe von “Occupy Wall Street”. 



David Graeber 2015
(Foto: Guido van Nispen -  CC BY 2.0 via WikimediaCommons [Ausschnitt])


Eng verbunden mit der anarchistischen Perspektive ist auch der Freiheitsbegriff, der in dem Buch erscheint. Für G&W bedeutet Freiheit 1.) die Freizügigkeit des Reisens (“freedom of movement”), 2.) die Freiheit, nicht zu gehorchen (“freedom to disobey”) und 3.) die Freiheit, sich sozial neu zu organisieren (“freedom to shape new social realities”). Das steht im Gegensatz zu dem Freiheitsbegriff, der gerade die Oberhand gewinnt, der die Freiheit des Konsums, die Freiheit des Lügens und die Freiheit von Empathie und Verantwortung in den Mittelpunkt stellt. 

Die Kernthesen

Dieser Freiheitsbegriff liegt vielen Thesen zugrunde, die G&W vertreten. Ihre Kernthesen sind:
  1. Komplexität in menschlichen Gesellschaften benötigt und impliziert nicht zwingend Hierarchien und autoritäre Regime
  2. indigenes Denken aus Nordamerika hatte Einfluss auf die europäische Aufklärung
  3. Vielfalt von Wirtschaftsmodellen und sozialer Organisation
  4. keine unumkehrbare agrarische (neolithische) Revolution
  5. keine zwingende und unumkehrbare Staatenbildung und auch keine evolutionäre Abfolge von Gesellschaftsmodellen

G&W begründen diese Thesen aus einer Synthese archäologischer und kulturanthropologischer Einzelfälle, die vom Jungpaläolithikum bis ins 18. und teilweise gar 20. Jahrhundert reichen und prinzipiell den gesamten Globus abdecken. Der deutsche Titel „Anfänge“ mehr noch als der englische „The Dawn of civilization“ hat mich indes erwarten lassen, dass der Blick in der menschlichen Evolution noch weiter zurück reicht und die alten Themen der Sprache, der Feuernutzung und des Fleischverzehrs behandelt werden. Selbst die eiszeitlichen Anfänge menschlicher Kunstpraxis sind nicht Teil der Darstellung.

Bisherige Untersuchungen konzentrierten sich laut G&W einseitig auf die Ursprünge sozialer Ungleichheit und folgten dem Narrativ der Anfänge etwa in Bezug auf die Anfänge von Sesshaftigkeit, Landwirtschaft, städtischer Zivilisation, von Staaten oder der Herausbildung des Eigentums. Solche Versuche seien zum Scheitern verurteilt, denn die Vorstellung eines weitgehend kontinuierlichen, evolutionären Fortschritts in der Geschichte sei ein Mythos.

Als verallgemeinerndes Statement ist das sicherlich wahr, doch sei angemerkt, dass selbst in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten eine Entwicklung stattgefunden hat, hin zu einer Sozialarchäologie, die die Gesellschaft in all ihren Aspekten erforscht und sich nicht mehr auf die Frage der Sozialstrukturen - konkret bedeutete dies Hierarchien und ethnische Interpretationen - konzentriert. Allmählich werden diese Narrative in der Archäologie zunehmend reflektiert. Noch immer allerdings dominieren in der Wissenschaftskommunikation, aber auch in der Forschung Narrative des Ältesten und der Anfänge. G&W greifen das in ihrem Titel zwar auf, ihr zentrales Narrativ ist aber das der Transformation, der Diversität von Gesellschaften und der Bedeutung herrschaftsarmer Gesellschaftsorganisationen.



Inhalt
  1. Abschied von der Kindheit der Menschheit. Oder warum dies kein Buch über die Ursprünge der Ungleichheit ist (Das Problem des Urzustands)
  2. Sündhafte Freiheit. Indigene Kritik und Fortschrittsmythos (Die Ideen von Jean-Jacques Rousseau und ihre indigenen Wurzeln)
  3. Die Eiszeit auftauen. Mit oder ohne Ketten: die proteischen Möglichkeiten menschlicher Politik (saisonal wechselnde Formen sozialer Organisation, Ungleichheiten im Jungpaläolithikum)
  4. Freie Menschen, der Ursprung der Kulturen und die Entstehung des Privateigentums. Nicht unbedingt in dieser Reihenfolge (warum setzt sich das Prinzip des Privateigentums durch?)
  5. Vor langer Zeit. Warum kanadische Jäger und Sammler Sklaven hielten und ihre kalifornischen Nachbarn nicht – oder das Problem der Produktionsweisen“ (gegen evolutionistische Modelle, Gleichzeitigkeit von egalitären und hierarchischen Organisationsformen, oft in nachbarlichem Gegensatz)
  6. Die Adonisgärten. Die Revolution, die niemals stattfand: wie jungsteinzeitliche Völker die Landwirtschaft umgingen (keine neolithische (agrarische) Revolution, sondern Vielfalt der Möglichkeiten)
  7. Die Ökologie der Freiheit. Wie die Landwirtschaft erst einen Sprung nach vorn machte, dann strauchelte und sich schließlich um die ganze Welt mogelte (zahlreiche Ansätze der Neolithisierung, viele als Mangelwirtschaft und nicht von Dauer)
  8. Imaginäre Städte. Eurasiens erste Städter - in Mesopotamien, dem Indus-Tal, der Ukraine und China - und wie sie Städte ohne Könige erbauten (frühe Städte als soziale Experimente (Trypillia-Megasites, Mesopotamien, Indus-Kultur))
  9. Im Verborgenen schlummernd. Die indigenen Ursprünge des sozialen Wohnungsbaus und der Demokratie in Amerika (Mesoamerika: Nebeneinander demokratischer und autoritärer Organisationen)
  10. Warum der Staat keinen Ursprung hat. Die bescheidenen Anfänge von Souveränität, Bürokratie und Politik (Aspekte sozialer Macht: Gewaltkontrolle (Souveränität), Informationskontrolle (Verwaltung) und individuelles Charisma (Heldengesellschaft))
  11. Der Kreis schließt sich. Über die historischen Grundlagen der indigenen Kritik (Die Irrtümer des europäischen Denkens: Primat der Ökonomie, Hierarchien und Evolution)
  12. Schluss. Anfänge – eine neue Geschichte der Menschheit (Triebkräfte der Geschichte und die Rolle der Freiheit)
  • Anhang


Samstag, 9. September 2023

Haushaltsgüter im ländlichen Raum: Publikation Ruralia XIV erschienen!


Catarina Tente / Claudia Theune (Hrsg.)


Household goods in the European Medieval and Early Modern Countryside

Ruralia XIV


(Leiden 2013)

Paperback ISBN: 9789464270600
und online: DOI: 10.59641/cd27f3b4


Pünktlich zur Ruralia XV-Konferenz in Fredrikstad in Norwegen ist die Publikation der vorausgehenden Tagung Ruralia XIV in Viseu, Portugal erschienen.

Die Tagung fand vom 13. 9. bis 19. 9. 2021 in Viseu statt. Aufgrund der Covid19-Pandemie wurde sie hybrid abgehalten. Die in Person anwesenden Teilnehmer*innen nutzen die Tagung für einige Feldexkursionen, die die ländliche Siedlungslandschaft in Nordportugal thematisierte. Besucht wurden unter anderem saisonale Siedlungsplätze in den Bergregionen östlich von Viseu.

Das Tagungsthema befasste sich mit Haushaltsgütern, um so eonen vertieftes Verständnis des Alltags im ländlichen Raum zu gewinnen. Ziel der  Tagung war es, die Bedeutung der Haushaltsarchäologie für die Erforschung des ländlichen Raumesim Mittelalter und in der Neuzeit unter einem interkulturellen Ansatz herauszuarbeiten.

 

Cabin in central Portugal
(Oliveira, .V.;Galhano, F; Pereira, B.; Constru
ções primitivas em Portugal.
Centro de Estudos de Etnologia, Lisbon, 1969).


Die Analyse von Hausstrukturen und -inventaren, aber auch von Alltagsgütern wie z.B. Keramik verrät vieles über den Alltag vergangener Gesellschaften. In der Regel gibt es für das Mittelalter und die frühe Neuzeit dazu eine Vielzahl von Quellen aus Texten und Bildern. Viele Aspekte sind aber nur über die materiellen, archäologischen Überreste zu erfassen. Das gilt in besonderem Maße für den ländlichen Raum, der einst, die Mehrzahl der Bevölkerung umfasste.

Der Tagungsband enthält über 20 Beiträge mit konkreten Fallstudien aus fast allen Teilen Europass, die eine wichtige Grundlage füt die Ansätze der sonst häufig sehr theoretischen household archaeology liefern. Beiträge, die die Objekte aus einzelnen Haushalten untersuchen, stehen neben solchen, die bestimmte Fundkategorien diskutieren. Mein eigener Beitrag beispielsweise beleuchtet die bislang leider kaum genutzten Potentiale der Forschung zur mittelalterlichen Keramik in Süddeutschland.


Inhaltsverzeichnis

Foreword and Introduction

Household goods in the European medieval and early modern countryside – an introduction
Catarina Tente, Claudia Theune

Archaeology and Household

Is that all there is? Reflections on the presence and survival of household goods in archaeological contexts
Bert Groenewoudt, Rowin van Lanen

Household goods illuminated by motivation and need theories in Hanfelden Castle in the early modern countryside of Styria, Austria
Iris Winkelbauer, Claudia Theune

Household and home life in the Russian Countryside during the sixteenth to first half of the eighteenth century, according to archaeological finds in Alexandrovskaya Sloboda
Irina Zaytseva

Tenth-century peasant houses and household goods. The potential and limitations of the archaeological record from Beira Alta (Portugal).
Tente, Gabriel de Souza, João LuísVeloso, Catarina Meira

Temporary households

Exploring the “extended” household? Historical landscapes, material culture and building materials at the Monte Fasce settlements, Liguria, Italy (17th-21st c.)
Giulia Bizzarri, Anna Stagno

Household in a settlement dealing with large animal husbandry from the 10-11th century in west Hungary
Ádám Pátkai

Living conditions and household

Making a house a home: odd deposits in ordinary households in later medieval Ireland 1200-1600 AD
Karen Dempsey

Checking-in at the multispecies hotel: Natureculture and the early medieval house
Rachel Brody

Households from early medieval rural settlements in Alto Alentejo (Central Portugal): material culture and social structures
Sara Prata, Fabián Cuesta-Gómez

Spatial structure and household

Refitting the past. The spatial distribution of finds as a key for understanding activities and the use of space in medieval farm buildings in the Northern Netherlands
Jan van Doesburg

Kecskemét-Törökfái-dűlő: structure and topographical elements of an Árpádian-age settlement in the Danube-Tisza Interfluve Region, Hungary
Nikoletta Lukács

Social and economic status and household

Household goods of late medieval peasants in Denmark
Mette Svart Kristiansen

Household goods from excavations at homestead in Kopaniec (Seifershau), Poland
Paweł Duma, Jerzy Piekalski

Contextual value of iron household goods in the late medieval countryside: testimony of the Czech Lands
Tomáš Klir, Martin Janovský, Lucie Hylmarová

Peasant household – noble household: objects and structures. Some remarks on household archaeology of late medieval Hungary
László Ferenczi, Edit Sárosi, Csilla Zatykó

Social inequality and household goods in central Iberia during the early middle ages
Carlos Tejerizo

Lord in the Village: Can houseware and personal equipment indicate the presence of a social class?
Andrej Janeš

Local societies and early medieval domestic economies in the light of the Basque Country archaeological record (8th-10th centuries)
Juan Antonio Quirós Castillo

Particular activities – particular household objects

Pottery in medieval rural households – perspectives of archaeological research in Southern Germany
Rainer Schreg

Household goods for winter travel and leisure in Norway – objects, games and processes of enculturation
Marie Ødegaard, Kjetil Loftsgarden

Household goods of Ottoman soldiers in the rural fortified settlements of the 16th–17th century in Hungary
Ágnes Kolláth, Bianka Kovávs, Gyönyi Kovács, Zsófia Nádai

A sign of wealth or everyday objects? The use of stoneware vessels in medieval and early modern Southern Finland
Tuuli Heinonen

Artefacts of osseous and keratinous materials from the Netherlands – the project
Jørn Zeiler, Marloes J. Rijkelijkhuizen, Marloes, Joyce van Dijk



 

interner Link

 


 

Dienstag, 1. November 2022

CfP - Ruralia-Konferenz XV, 2023 in Frederikstad - „Bauernhandel und Märkte. Soziale und wirtschaftliche Interaktion im ländlichen Raum des Mittelalters und der frühen Neuzeit“

Ländliche Märkte und Versammlungsorte waren für die sozialen Kontakte und die Versorgung der Bevölkerung von großer Bedeutung. Sie sind uns heute aber meist kaum noch bewusst - einerseits weil wir Märkte als wesentliches Element der Stadt begreifen und andererseits weil die Quellenlage im ländlichen Raum bei weitem nicht so gut ist, wie bei den großen städtischen Märkten, die Händler und Kunden über große Distanzen anzogen. 
 
Regelmäßige Bauernmärkte aber auch Jahrmärkte waren sicherlich wesentlich für die Verbreitung von Innovationen und Ideen. Sie waren wichtige Vooraussetzung für die Ausbildung angepasster Landnutzungssysteme mit besonderen Produkten, lokaler Gesellschaften mit den ihnen eigenen kulturellen Normen, Gedanken und Identitäten - und oft spezifischer materieller Kultur. 
Märkte und informelle Handelsplätze waren Teile und Knotenpunkte von regionalen Wirtschafts- und Sozialsystemen, die nicht nur Handel und Tausch einen Ort gaben, sondern auch Handwerkern und Bauern einen Absatzmarkt für agrraische und nichtagrarische Produkte erschlossen. In vielen ländlichen Gebieten gab es eine umfangreiche, wenn auch oft im Nebenerwerb erfolgende nicht-agrarische Produktion. Aber auch die regionalen Eliten dürften in die Märkte eingebunden gewesen sein, als Kunden, aber auch als Organisatoren und politische Profiteure. Die lokalen Märkte waren sicher auch wichtige Begegnungsorte mit Gelegenheit zum Tratschen, Tanzen, Trinken und Protzen und mithin wichtig für das soziale Leben der Menschen und Familien. 
 
Die Archäologie ländlicher Räume hat diese Strukturen zumindest in Mitteleuropa bislang wenig thematisiert und deshalb soll die nächste Ruralia-Tagung diese Thematik aufgreifen und methodische Ansätze aber auch Ergebnisse aus verschiedenen europäischen Landschaften zusammen tragen. 
 
 
Neuhof an der Zenn: Marktmauer
(Foto R. Schreg, 2022)


 

Ruralia XV in Frederikstad 

Die Tagung soll vom 4. bis 10. September 2023 in Fredrikstad / Norwegen stattfinden. Zusätzlich zu den Vorträgen werden eine ganztägige und eine halbtägige Exkursion sowie eine optionale zweitägige Exkursion zu Orten in Südostnorwegen und Ostschweden angeboten. Die Tagung wird gemeinsam organisiert von Marie Ødegaard, Kjetil Loftsgarden, Catarina Karlsson, Mark Gardiner und Claudia Theune. Unterstützt wird die Tagung durch das Museum of Cultural History, Jernkontoret und die Norwegian Archaeological Society. 
 

In Erinnerung an Frode Iversen

Großen Anteil an der Entwicklung der Tagungsidee hat Frode Iversen, zuletzt Professor an der Universität Oslo. Er ist vor wenigen Wochen nach langer Krankheit verstorben.  Er wird uns als geschätzter Kollege und großartiger Mensch, der Norwegen in Ruralia für viele Jahre vertreten hat, in Erinnerung bleiben. Mit seinen Forschungen zu Versammlungsplätzen in der Nordseeregion  wird er auch jetzt noch - und hoffentlich auch mit Hilfe unserer Ruralia-Tagung - in die Zukunft der Forschung wirken. 
 

Tagungsbeiträge gesucht!

Das Organisationsteam hat nun einen Call for Papers gestartet. Gesucht werden Vorträge von voraussichtlich 20 min Dauer, in begrenztem Ausmaß auch Posterbeiträge. Sie sollen später im Konferenzband nach einem Review auch publiziert werden.

Insbesondere folgende Themen und Fragen sollen behandelt werden:
  • Die Lokalisierung ländlicher Märkte und Versammlungsplätze anhand archäologischer und historischer Quellen, Ortsnamen etc.
  • Was wurde an den Standorten gehandelt?
  • Wie und von wem wurden die ländlichen Markt- und Versammlungsstätten organisiert?
  • Welche wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhänge lassen sich an Marktstandorten feststellen?
  • Können wir lokalen, regionalen, überregionalen oder gar globalen Austausch ausmachen?
  • Wie haben der Handel und die Bewegung der Menschen zu Märkten die ländliche Landschaft geprägt?
  • Was waren die nicht-wirtschaftlichen Aspekte der Begegnungs- und Marktplätze?
  • Welche gesellschaftliche Bedeutung hatten solche Stätten auf regionaler und überregionaler Ebene?
Ausdrücklich geht es nicht speziell um die städtischen Märkte, die - insbesondere in den Regionen mit größerere Städtedichte - gleichwohl als Teil des Wirtschaftssystems gesehen werden müssen.


Organisatorisches 

Die Konferenzsprache ist Englisch.
Die Tagungsgebühren mit Unterkunft und Verpflegung liegen bei 650€, dazu kommen die Reisekosten. Ruralia möchte aber auch Nachwuchswissenschaftler:innen zur Teilnahme gewinnen und bietet ggf. finanzielle Unterstützung an. 
Das Organisationsteam ist zu erreichen unter ruralia2023@gmail.com

Frist für die Anmeldung mit Abstracts ist der 31.1.2023.

Weitere Informationen:

Internal Links

 

RURALIA - European Association for Medieval and Post-Medieval Rural Archaeology

RURALIA ist eine internationale Vereinigung für die Archäologie mittelalterlicher (und neuzeitlicher) Siedlungslandschaften und des ländlichen Lebens. Es bietet eine europaweite Plattform für den wissenschaftlichen Austausch über aktuelle Probleme der ländlichen Archäologie, um vergleichende und interdisziplinäre Studien zu stärken. Die Konferenz umfasst die Zeit vom frühen Mittelalter bis zur frühen Neuzeit. Die Konferenzsprache ist Englisch. 
 

Donnerstag, 11. August 2022

Das Rätsel der Sozialarchäologie

Übrigens: Zu denr in einem vorigen Post (bzw. auf AMANZ-notiz-Blog) genannten Vorlesung gab es am Ende eine Klausur. Das Kreuzworträtsel daraus möchte ich hier teilen:

 


Viel Spaß beim Rätseln. Eine Lösung wird später (vielleicht) bereit gestellt, wenn mindestens 50 Leute gerätselt oder recherchiert haben.

Donnerstag, 29. Oktober 2020

CfP - Ruralia-Konferenz XIV, 2021 in Visieu - “Haushaltsgüter auf dem Lande im europäischen Mittelalter und in der frühen Neuzeit”

 Haushaltsgüter auf dem Lande im europäischen Mittelalter und in der frühen Neuzeit

Obwohl das Thema Haushaltsgüter in der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit längst etabliert ist, bieten neuere Forschungen umfassendere Ansätze, mit denen einfache typologische und technologische Aspekte überwunden werden. Dies gilt insbesondere für neue archäometrische analytische Methoden und theoretische Perspektiven. 'Material culture studies' dienen als Grundlage für das Verständnis von Menschen, Gruppen und Gesellschaften.

 

Hütte in Zentral-Portugal
(Oliveira, .V.;Galhano, F; Pereira, B.; Constru
ções primitivas em Portugal.
Centro de Estudos de Etnologia, Lisbon, 1969).


Durch die Analyse von Hausstrukturen und -inventaren kann viel über Alltagsgüter (Keramik, Metall, Holz, Korbwaren ...), Produktions- und Konsumstrategien, andere wirtschaftliche Aktivitäten, aber auch Strukturen der sozialen Organisation und Beziehungen zwischen Haushaltsmitgliedern gelernt werden. Das Verständnis vergangener Gesellschaften und Kulturen hängt daher stark von der Untersuchung ihrer Haushaltsgegenstände ab. In diesem Zusammenhang ist es das Ziel der 14. Ruralia Konferenz, die Bedeutung der Haushaltsarchäologie für die Erforschung des ländlichen Raumesim Mittelalter und in der Neuzeit unter einem interkulturellen Ansatz herauszuarbeiten. Dabei sollen schriftliche und bildliche Quellen und Daten ebenso wie Daten aus interdisziplinären Analysen berücksichtigt werden.


Eine detaillierte Analyse einzelner Kontexte, kleiner Teile von archäologischen Stätten, archäozoologische, archäobotanische und geoarchäologische Untersuchungen ermöglichen es uns, die Aktivitäten und Interaktionen der Menschen in ihren Häusern zu rekonstruieren. Funktionale Aspekte der Häuser können anhand spezifischer Einrichtungsgegenstände, aber auch anhand von Inventaren und der räumlichen Verteilung der Funde, analytischer Nachweise für bestimmte Aktivitäten erkannt werden. Hier ist an Kochen und Essen, Lagerung, Weben, Abfallentsorgung, Ruhen zu denken. Hinweise können sich aber auch aus Umfeldanalysen ergeben. Neben das Funktionale treten Informationen über den Rang und den Wohlstand der Bewohner*innen, ihr tägliches Leben, ihre Haushaltszusammensetzung, ihre Familienkonzepte und sogar ihren Geschlechterrollen. Strukturanalysen können Hinweise auf Interaktionsbereiche und strukturierte Verhaltensweisen innerhalb eines Hauses geben.

 

Tagungsbeiträge gesucht!

Die 14. Ruralia Konferenz soll - soweit es Corona zulassen wird - vom 13. bis 19. September 2021 in Visieu in Portugal stattfinden. Das Organisationsteam sucht jetzt nach Tagungsbeiträgen, die einige der oben beschriebenen archäologischen Fragen behandeln. Die Sitzungen können sich auf bestimmte Themen im Zusammenhang mit Haushaltgütern aufgreifen (abgesehen von rein typologischen Klassifikationen oder der Behandlung landwirtschaftlicher Geräte, die Thema einer früheren Ruralia-Tagung waren). Besonders willkommen sind Arbeiten, die interdisziplinäre Ansätze beinhalten, nämlich solche, die archäologische, ethno-archäologische, soziologische, historische, chemische, archäozoologische, archäobotanische und geoarchäologische Befunde oder die Auswertung bildlicher und schriftlicher Quellen einbeziehen.
Die Beiträge sollten einige der folgenden Fragen beantworten:

  • Wie war das Haus organisiert?  
  • Welche Aktivitäten fanden im Haus statt?  
  • Wie und welche Produkte wurden im Haus gekocht und konsumiert?  
  • Können wir die Familienorganisation und ihre Mitglieder anhand von Haushaltsgüten identifizieren?  
  • Welche wirtschaftlichen und sozialen Beziehungen kommen in den Funden zum Ausdruck?
  • Welche Beziehung wurde zwischen dem Inneren des Hauses und dem Freien hergestellt?  
  • Welche Rolle spielte das Haus innerhalb der sozialen Organisation der Gemeinde?  
  • Was können Haushaltswaren über den sozialen Status und den Wohlstand ihrer Besitzer aussagen?  
  • Können wir die Interaktion zwischen Haushalten und Gemeinschaften identifizieren?  
  • Können wir lokalen, regionalen, überregionalen oder sogar globalen Austausch identifizieren?

 

RURALIA - the Jean-Marie Pesez Conferences on Medieval Rural Archaeology

RURALIA ist eine internationale Vereinigung für die Archäologie mittelalterlicher (und neuzeitlicher) Siedlungslandschaften und des ländlichen Lebens. Es bietet eine europaweite Plattform für den wissenschaftlichen Austausch über aktuelle Probleme der ländlichen Archäologie, um vergleichende und interdisziplinäre Studien zu stärken. Die Konferenz umfasst die Zeit vom frühen Mittelalter bis zur frühen Neuzeit. Die Konferenzsprache ist Englisch.  
 
RURALIA XIV soll in Viseu stattfinden, einer Stadt im zentralen Norden Portugals. Zusätzlich zu den Vorträgen werden eineinhalb Tage Exkursion und eine optionale zweitägige Studienreise in die Regionen Beira Alta und Douro angeboten. Die Konferenz wird gemeinsam von Catarina Tente, Sara Prata, Piers Dixon, Mark Gardiner und Claudia Theune organisiert. Unterstützt wird die Tagung durch die Stadt Viseu, Direção Geral do Património Cultural, Direção Regional de Cultura do Centro, Direção Regional de Turismo do Centro und das Institut für Mittelalterstudien der NOVA Universität. 


Weitere Informationen:

Internal Links

Ruralia at Archaeologik 

CfP - Ruralia XIV Conference 2021 - “Household goods in the European Medieval and Early Modern countryside”

Household goods in the European Medieval and Early Modern countryside

Although household goods are a well established topic in Medieval and Modern archaeology, more recent research is overcoming simple typological and technological aspects and pointing to broader, more encompassing approaches. This is particularly the case of newly-introduced analytical methodologies and theoretical perspectives. The material culture studies act as base to understand people, groups and societies.

 

Cabin in central Portugal
(Oliveira, .V.;Galhano, F; Pereira, B.; Constru
ções primitivas em Portugal.
Centro de Estudos de Etnologia, Lisbon, 1969).


By analyzing house structures and its contents, much can be learned about artefactual assemblages (ceramic, metal, wood, basketry...), goods’ production and consumption strategies, other economic activities, structures of social organization and relations among household members. Thus, the understanding of past societies and cultures relies heavily in the study of their household goods. In this context, the aim of the Ruralia XIV Conference is to emphasize the significance of household archaeology to the study of the European countryside in Medieval and Modern times under a cross-cultural approach, with attention also paid to written and pictorial sources and data obtained in interdisciplinary analyses.


Detailed analysis of single contexts, small parts of sites, faunal, botanical and soil studies enables us to reconstruct common peoples’ activities and interactions within their homes. House functions can be detected by means of specific installations but also by inventories and location of goods, evidence for particular activities inside - such as cooking and eating, storage, weaving, refuse disposal, resting, etc. - or by a comprehensive overview of outdoor surroundings. All this is evidence of functional purposes but it can also tell us about the rank and wealth of their owners, their daily lives, household compositions, family concepts and even gender statuses. Structural analysis can give evidence about spheres of interaction and patterned behaviours within a house. 

 

Conference Papers

The 14th Conference  of the Ruralia Association on medieval rural archaeology is planned to be helt at 13th – 19th September 2021 in Visieu in Portugal. The organization team is seeking papers that address some of the archaeological questions outlined above. Sessions may be focused on particular topics on household goods (not agricultural and not typological classifications). Papers which incorporate interdisciplinary approaches are particularly welcomed, namely those combining archaeological, ethno-archaeological, sociological, historical, chemical, faunal, botanic, geo-archaeological evidence or documentary analysis.
Papers should address some of the following questions:

  • How was the house organized?
  • What activities took place in the house?
  • How and what products were cooked and consumed in the house?
  • Can we identify family organization and its members using household goods?
  • What economic and social relations can be express by the household goods?
  • What relation was established between the interior of the house and the outdoors?
  • What role was played by the house within the community’s social organization?
  • What can household goods tell us about social statuses and wealth of their owners?
  • Can we identify interaction between households and communities?
  • Can we identify local, regional, trans-regional or even global exchange?

 

RURALIA - the Jean-Marie Pesez Conferences on Medieval Rural Archaeology

RURALIA is an international association for the archaeology of medieval settlement and rural life. It provides a European-wide platform for the scientific exchange on current problems in rural archaeology in order to strengthen comparative and interdisciplinary studies. The conference covers the period from the Early Medieval to the Early Modern periods. The conference language is English. RURALIA XIV will take place in Viseu, a city located in the central-north of Portugal. 

In addition to the papers, one day and half excursion and an optional two-day study trip to Beira Alta and Douro regions will be offered.

The conference is jointly organized by Catarina Tente, Sara Prata, Piers Dixon, Mark Gardiner and Claudia Theune, with the support of the Viseu Municipality, Direção Geral do Património Cultural, Direção Regional de Cultura do Centro, Direção Regional de Turismo do Centro, and Institute of Medieval Studies of the NOVA University. 


Further information:

Internal Links

G
M
T
Die Sound-Funktion ist auf 200 Zeichen begrenzt