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Montag, 23. Juli 2018

Die letzten Vorräte

Grabungen im Horreum von Caričin Grad 2018
(Foto: A. Reuter)

Eine Impression von der aktuellen Kampagne in Caričin Grad: Archäobotanische und bodenkundliche Beprobung für das Projekt "Zwischen staatlicher Fürsorge und privater Vorsorge: Eine interdisziplinäre Studie zur Versorgungssicherung im 6. Jahrhundert anhand des Getreidespeichers von Caričin Grad". Als Kooperation zwischen RGZM  und der Universität Kiel wird die Vorratshaltung in einer Zeit erforscht, in der sich die Rolle staatlicher Institutionen und der Stadt radikal verändert.

Dienstag, 27. März 2018

Zerstörung in gutem Glauben - ländliche Kirchen in Südserbien

An einem trüben Nachmittag im Juli 2014 war ein Team des RGZM im Rahmen des Forschungsprojektes mit serbischen Kollegen unterwegs, die Siedlungslandschaft in Spätantike und Frühmittelalter im das Umland der frühbyzantinischen Stadt Caričin Grad/ Iustiniana Prima zu erkunden. Als kleinen Abstecher führten uns die serbischen Kollegen zu der kleinen Kirche Sv. Pantelejmon in Gazdare. Sie ist in keinem Reiseführer verzeichnet, sie ist unscheinbar und doch ein Bau, der die Geschichte der Region in einzigartiger Weise spiegelt - spiegelte sollte man heute sagen, denn an Weihnachten 2017/18 wurde der Bau abgerissen. Auch damit spiegelt er Geschichte, denn der Abbruch hängt auch mit der aktuellen politischen Situation rund um den nahen Kosovo zusammen.

Gazdare, Sv. Pantelejmon im Juli 2014
(Foto: R. Schreg/ RGZM)

 

Gelebter Glaube


Als wir uns an jenem Nachmittag 2014 der Kirche nähern, lag unser eigentliches Ziel etwas weiter talaufwärts in Lece, wo es Nachrichten über römischen Bergbau gibt (die wir in zwei Kampagnen 2016 und 2017 mit Kollegen vom Deutschen Bergbaumuseum verifizieren konnten - siehe Archaeologik). Die serbischen Kollegen empfehlen jedoch einen Zwischenstop und führen uns zu einem niedrigen aus Bruchsteinen gemauerten Bau nur wenige Meter neben der Straße. Was wir zunächst für einen Schuppen halten, erweist sich als eben jene Kirche Sv. Pantelejmon.

Gazdare, Sv. Pantelejmon
Zwei Jahre nach der ersten Besichtigung
(Foto: RGZM, November 2016)
Die Tür ist aus den Angeln gebrochen. Sie liegt links neben dem Eingang, die Farbe abgeplatzt und verwittert. Beim Betreten der Kirche wird der Schritt unsicher. Drinnen ist es dunkel und es geht über eine Schwelle ein, zwei ausgetretene und schiefe Stufen nach unten. Die Augen gewöhnen sich rasch an das Dämmerlicht, denn es ist keine völlige Dunkelheit. Da brennen zwei Kerzen auf einem Ständer neben dem Altar und etwas Sonnenlicht dringt durch den nur mit Hölzern verkleideten Giebel über der Tür. Details werden erkennbar. Nur im rückwärtigen Bereich ist der Boden mit Backsteinen belegt, nach links ist er abgesackt. Vorne, dort, wo wir nun stehen, gibt es nur einen unebenen Lehmboden. Vor dem mit einer weißen Tischdecke geschmückten Altar deutet ein Querbalken eine Abtrennung des Altarraumes an. Am Balken hängen vier Ikonen, daneben Tisch- und Handtücher. Auch sonst ist der Raum voll mit Gegenständen: Weitere Tücher und Taschen sind in kleine Nischen links und rechts der Apsis gestopft. Auf dem Altar frische Blumen, aber auch kleine Heiligenbilder, Münzen, Geldscheine und ein altes Plastik-Colafläschchen mit Rakija, auf dem Boden eine Flasche mit Öl. An der Seite steht eine grob zusammen gezimmerte Bank, und mitten im Raum liegen einige, offenbar auch als Sitzgelegenheit genutzte Steinblöcke. Besen und Putzeimer stehen direkt neben der Tür. Dieser Raum wird genutzt, er steht in einem bemerkenswerten Kontrast zu den sauberen, aufgeräumten, fast schon sterilen Kirchenräumen, wie man das aus Deutschland vielleicht gewohnt ist. Hier sieht man Spuren lebendigen Glaubens.

Gazdare, Sv. Pantelejmon, der Kircheninnenraum im Mai 2017
(Foto: R. Schreg/ RGZM)

Gazdare, Sv. Pantelejmon, byzantinisches Kapitell als Altar,
Juli 2014
(Foto: R. Schreg/ RGZM)
Ein genauerer Blick zeigt, dass der Altar aus einem antiken byzantinischen Kapitell besteht, in der linken Wand ist ein Grabstein mit einer kyrillischen Inschrift verbaut. Die Kirche, ein einfacher Rechtecksaal mit halbrunder, außen unkenntlich rechteckig abgemauerter Apsis, ist aus zahlreichen Bruchsteinen und Spolien trocken aufgemauert. Die unregelmäßige Bauweise macht es schwer, einzelne Bauphasen zu differenzieren, doch zeigt sich im unteren Teil der Wand ein Mauerwerk aus größeren Steinen als an ihrem oberen Abschluß. Beim untersten Teil des Mauerwerks, der sich besonders unregelmäßig darstellt, handelt es sich um den Fundamentbereich. Einst war das Gelände um die Kirche herum etwa 0,4m höher, so dass der Bau noch flacher wirkte und deutlich in den umgebenden Boden eingetieft war.
Nach Aussagen von Anwohnern ist der Bau nicht besonders alt, sondern erst nach dem 2. Weltkrieg gebaut worden. Dass dies nur ein Teil der Geschichte ist, wird mit Blick auf die Spolien deutlich. Der Kirchenbau geht viel mehr auf das Mittelalter zurück, was durch archäologische Ausgrabungen in den 1980er Jahren und erneut 2002 deutlich wurde. Bei letzteren Grabungen - auf die die Geländeabsenkung im Außenbereich zurückgeht -  wurden in der direkten Umgebung der Kirche 81 Gräber lokalisiert. Eine Münze des adligen Münzherrn Jakov (c.1380-c.1395) bestätigt eine ältere Bauphase des 14. Jahrhunderts. Bei der genannten Inschrift, die in der Kirche sekundär vermauert wurde, handelt es sich pikanterweise gerade um die Bauinschrift des mittelalterlichen Vorgängerbaus (wenn man nicht unwahrscheinlicherweise eine Verschleppung von einer anderen Kirche annehmen möchte). Die bereits 1988 publizierte und in der Kirche ehedem sichtbare Inschrift aus der zweiten Hälfte des 15. oder dem Anfang des 16. Jahrhunderts nennt den Priester Luka, Bruder des Radivoj Ratkov, die die Kirche erbaut oder renoviert haben.

Gazdare, Sv. Pantelejmon, Inschrift des 15. Jh. als Spolie in der Nordwand,
Juli 2014
(Foto: R. Schreg/ RGZM)
Der bestehende Bau ist nach Literaturlage im späten 19. Jahrhundert entstanden (Ercegović-Pavlović/ Kostić 1988), baute wahrscheinlich, wie viele andere Kirchen der Region auf älteren Fundamenten auf. Bei den Grabungen der 1980er Jahre wurde südwestlich außerhalb der Kirche eine Mauerecke dokumentiert. Luftbilder einer von uns veranlassten Drohnenbefliegung zeigen nach dem Abbruch der Kirche östlich von ihr einen Mauerzug (?), zeigen aber keine Reste dieser Mauerecke. Noch ist die Grabungsdokumentation von 2002 nicht gesichtet, um abzuklären, ob auch damals neben den Bestattungen noch weitere Baureste zu tage kamen.
Der abgesenkte Fußboden der Kirche dürfte charakteristisch sein für Kirchenbauten aus osmanischer Zeit. Bau und Unterhalt nicht-islamischer Sakralgebäude waren unter osmanischem Recht zwar untersagt und die öffentliche Religionsausübung eingeschränkt, eine diskrete Religionsausübung im Privaten wurde aber durchaus toleriert. Kirchen aus dieser Zeit geben sich nur schwer zu erkennen und möglicherweise liegt hier auch die Begründung für die häufigen in den Boden eingetieften, niedrigen Kirchenbauten.

Der Besuch dieser Kirche hat tiefen Eindruck gemacht - wegen der so alltäglich-selbstverständlichen Religionsausübung wie auch der zahlreichen historischen Befunde in dem unscheinbaren Bau. Er hat uns die Bedeutung dieser kleinen unscheinbaren Kirchen für unsere Forschungsfragen nach der Siedlungsgeschichte von der Antike bis in die Neuzeit hinein vor Augen geführt.

Eine Demonstration der Stärke des christlichen Glaubens


Gazdare, Sv. Pantelejmon im Januar 2018
(Foto: RGZM)
Am serbischen Weihnachtsfest im Januar 2018 wurde die Kirche in Gazdare abgerissen. Dahinter steht ein Sohn der Gemeinde, der als Architekt in Wien Karriere gemacht hat und nun in seiner Heimat einen neuen Kirchenbau stiftet. Unterstützung erhält er von der Gemeinde und vom Bürgermeister der zuständigen Kommunalverwaltung in Medveđa, der erklärt, dass es darum gehe, den Albanern (= die Muslime im benachbarten Kosovo) die Stärke des eigenen christlichen Glaubens zu zeigen. 
Vermutlich ist das allerdings nicht das wesentliche Motiv, denn prinzipiell hätte eine renovierte alte Kirche ja weit mehr politische Symbolkraft, zumal serbische Politiker ja ihrerseits die Zerstörung von historischen Kirchen im Kosovo brandmarken.  In der Wahrnehmung der Bevölkerung geht es wohl eher um Selbstdarstellung des Stifters und um das Prestige der Gemeinde, das sich an einem Neubau misst. Das war wahrscheinlich in der Vergangenheit nicht anders, wie nicht zuletzt ja auch die Bauinschrift aus dem 15. Jahrhundert aus Gazdare bezeugt. Für die Gemeindemitglieder handelt es sich ja auch nicht um eine Zerstörung, sondern um eine Verschönerung und Vergrößerung. Letztlich fehlt es an einem Verständnis des historischen Werts der Bauten und an Sensibilität bei der Restaurierung.

Der örtliche Priester war vom Abbruch zunächst gar nicht informiert, konnte aber einen ersten Abbruchversuch im Frühjahr 2017 noch durch persönliches Einschreiten vor dem Bagger verhindern. Er nahm auch Kontakt zu den Kollegen des Archäologischen Instituts in Belgrad auf, die in der Region im Umfeld von Caričin Grad seit Jahren aktiv sind. Damit wurde dann auch die zuständige Denkmalpflege informiert, die den bestehenden Bau allerdings unter Verweis auf die Auskunft der Anwohner und wegen der architektonisch wenig elaborierten Bausubstanz ebenfalls nicht als schützenswertes Monument einschätzte und ihn letztlich unter der Auflage der Separierung der Spolien und einer nachfolgenden ergänzenden Grabung zum Abbruch frei gab.

Gazdare, Sv. Pantelejmon im Januar 2018
(Foto: RGZM)


Gazdare, Sv. Pantelejmon im Januar 2018
Der ehemalige Altar aus Kapitell und Säulentrommel,
dahinter in den Trümmern die mittelalterliche Bauinschrift.
(Foto: RGZM)
Inzwischen ist die Kirche zerstört, die Spolien liegen auf der Baustelle, darunter auch weitere Reliefs, die im stehenden Bau nicht sichtbar waren. Wir wissen derzeit nicht, ob ihre Position beim Abbruch dokumentiert worden ist. Archäologische Arbeiten sollen allerdings noch durchgeführt werden. Ob nach dem Maschineneinsatz noch ungestörte Befunde übrig sind, scheint fraglich; Fragen zur Baugeschichte können nicht mehr geklärt werden.

Zwischen Verehrung und Verfall

An fast allen kleinen Kirchen der Region finden sich Spuren aktiver Religionspraxis. Auf Mauervorsprüngen, vor allem aber auf dem Altar oder in der Apsis werden Münzen und Kerzen geopfert, finden sich Ikonen, mehr oder weniger frische Blumen, aber auch Keramikgefäße und gebrauchte Flaschen mit Rakija. Bisweilen werden dafür extra kleine Schreine aufgestellt.

Münzopfer  in einer Kirchenruine nahe Caričin Grad
(Foto: R. Schreg/RGZM 2016)
Die Kirchen, so verfallen sie auch sein mögen, sind aktiv in das religiöse Leben des Volksglaubens eingebunden. Im Falle einer Kirche bei Svinjarica haben die Dorfbewohner in den 1930er Jahren eine byzantinische Kirche freigelegt, an der nun ein kleiner Opferschrein steht. Auch in anderen Fällen scheinen die Kirchen schon lange verfallen und eine Kultkontinuität über die Zeiten hinweg ist oft auch fraglich.

Svinjarica. Am Nordrand des Dorfes befindet sich eine in den 1930er Jahren von den Dorfbewohnern freigelegte byzantinische Basilika, an der ein kleiner Schrein errichtet wurde.
(Foto: R. Schreg/RGZM 2014)


Radinovac, kleiner Schrein in den Ruinen einer Basilika. Im Hintergrund ist die Apsis zu erkennen.
(Foto: R. Schreg/ RGZM)

Tatsächlich haben viele Kirchen dringenden Renovierungsbedarf. So ist in den vergangenen Jahren das Dach der kleinen Kirche von Vrbovac eingestürzt, so dass nun die Mauern offen der Witterung ausgesetzt sind. Nur notdürftig wurden die Mauerkronen mit den Ziegeln des Daches abgedeckt. Die Nutzung und damit auch die Pflege der Kirche ist nun eingeschränkt und nur selten wird der Bau nun noch von der wuchernden Vegetation freigeschnitten. Der erste Besuch 2014 ist daran gescheitert, dass wir uns durch das dichte Gestrüpp keinen Weg bahnen konnten.

Vrbovac
2014 im Gestrüpp unzugänglich
(Foto: R. Schreg/ RGZM)


Vrbovac, 2015
Vor der Südwestecke liegen antike Architekturteile
(Foto: R. Schreg/ RGZM)

Vrbovac, 2015
Blick ins Innere der Kirche
(Foto: R. Schreg/ RGZM)

Vrbovac, 2007 noch mit dem baufälligen Dach
(Foto: Archäologisches Institut Belgrad)


Eine weitere Gefahr für die ländlichen Kirchen sind die zahlreichen Raubgrabungen. Sondengänger haben sich in den Kopf gesetzt, dass hier Schätze zu finden sind und wühlen das umliegende Gelände in vielen Fällen komplett um. In der kleinen Kirche in der befestigten Siedlung von Bregovina, haben Raubgräber den mit Backsteinen gefliesten antiken Kirchenboden komplett unterhöhlt, so dass der Boden am Stück abgesackt ist (s. Archaeologik).

Bregovina. Von Raubgräbern zerstörter Kirchenboden.
(Foto: R. Schreg/ RGZM 2016)


Die Region Jablanica in Südserbien gehört heute zu den ärmsten Gebieten Serbiens. Viele der Dörfer sind von Landflucht betroffen und in vielen einst großen Dörfern wohnen nur noch wenige Alte. Häuser und Bauernhöfe sind dem Zerfall preisgegeben, ehemalige Äcker sind mit jungen Birken bestanden. So bleiben oft nicht genügend Gläubige zurück, die die Kirchen instand halten können. Bisweilen spenden jedoch Auswanderer das Geld in ihre Heimatgemeinde.

aufgegebene Felder
(Foto: R. Schreg/RGZM 2016)

Weitere gefährdete Kirchen

Prinzipiell ist das neu erwachte Interesse an den Kirchen also zu begrüßen, denn viele der Kirchen sind von fortschreitendem Zerfall bedroht. Die Kirche von Gazdare ist aber nicht der einzige Fall, in der solche Investitionen das Gegenteil bewirken und nicht zum Erhalt, sondern im Gegenteil zur völligen Zerstörung der alten Bausubstanz führen.
Die Renovierung der ländlichen Kirchen erfolgt ohne ausreichende Erforschung und Dokumentation. Gazdare war mit den Grabungen von 1980 und 2002 eigentlich die Kirche, bei der die historische Bedeutung am besten dokumentiert war. Bei der großen Mehrzahl der Kirchen haben wir so gut wie gar keine Informationen zur Baugeschichte.

Lalinovac,
der geflieste Sockel bedeckt vermutlich ältere Fundamentreste
(Foto: privat, 2017)
In dem kleinen Ort Lalinovac hat man bereits 2016 ein entsprechendes Projekt durchgezogen. Auf den Ruinen einer älteren Kirche wurde mit Materialien aus dem Baumarkt ein Neubau errichtet. Die alten Fundamente hat man teilweise sogar erhalten und als Sockel mit rotbraunen Badfliesen aus dem Baumarkt im Stil einer öffentlichen Toilette verkleidet. Eine Dokumentation des Baus, der in den 1950er Jahre als mittelalterliche Kirche in der wissenschaftlichen Literatur aufgeführt wurde, hat leider nicht stattgefunden.


Stilac, Sv. Ilija mit neu gestalteter Fassade
(Foto: R. Schreg/RGZM 2017)
Die kleine Kirche von Sv. Ilija bei Stulac, genau gegenüber der frühbyzantinischen Stadt Caričin Grad, an der Stelle einer durch geophysikalische Prospektion entdeckten Basilika wurde 2017 Opfer einer Verschönerungsaktion. Die örtliche Gemeinde hat aus Eigeninitiative und ohne Fachberatung Restaurierungen begonnen. Erst vor wenigen Jahren war die Kirche neu verputzt und gekalkt worden. Um aber eine modern anmutende glatte Wandoberfläche zu erhalten, wurde die Westfassade mit Styroporplatten verkleidet, was im übrigen in kurzer Zeit zu verstärktem Algenbefall der Wände im Kircheninneren geführt hat. Dabei verschwand die Bauinschrift von 1890 und zunächst auch ein als Spolie vermauertes Kapitell hinter dem Styropor. Glücklicherweise hatten wir 2015 die Kirche und mittels Drohne auch das umliegende Gelände genau in einem 3D-Modell dokumentiert, als das umliegende, von einer Befestigung umfasste Gelände mit Hilfe der Wiener Kollegen des LBI ArchPro geophysikalisch prospektiert wurde. Dabei zeigte sich, dass die in der Literatur bisher vertretene (und im Widerspruch zur Bauinschrift stehende) Datierung in byzantinische Zeit nur bedingt richtig ist, da sich in dem Gelände die Reste einer großen Basilika nachweisen ließen. Nachdem die serbischen Kollegen das zuständige Denkmalinstitut informiert haben, wurden die Arbeiten gestoppt.


In verschiedenen Gesprächen, die unsere serbischen Kollegen mit Nachbarn und Lokalpolitikern führen konnten, wurde deutlich, dass mit weiteren Renovierungen und Neubauten zu rechnen ist. Es ist hier ein sozialer Wettbewerb zwischen den Nachbardörfern in Gang gekommen. Konkret wissen wir von mindestens zwei weiteren Plätzen, an denen es Neubaupläne zu Lasten historischer Monumente gibt.
Lece, eingetiefte Kirche, gefährdet durch Planungen für einen Kirchenneubau
(Foto: R. Schreg/ RGZM 2016)
Zum einen geht es um eine kleine, wiederum eingegrabene Kirche im Ortsbereich der Bergbaustadt Lece. Auch hier sind zahlreiche antike und mittelalterliche Spolien verbaut, im Mauerwerk finden sich zahlreiche Reste von Schmelztiegeln. Nicht weit entfernt befinden sich die Reste antiker und mittelalterlicher Bergwerke, die wir 2016 und 2017 dokumentieren konnten (siehe Archaeologik).

Tiegel von der Kirche in der Bergbaustadt Lece
(Verbleib: Fundstelle)
(Foto: R. Schreg/ RGZM, 2016)
Pusto Šilovo
(Foto: Archäologisches Institut Belgrad, 2008
Zum anderen geht es - nicht weit entfernt - um die Reste einer Kirche bei Pusto Šilovo. Diese Stelle liegt heute abseits modernern Siedlungen im Wald, ist aber ein beliebtes Ausflugsziel. Irgendwann einmal wurden die Kirchenfundamente freigelegt. Von hier liegen römische Altarreste vor und auch die Kirchenfundamente wurden in byzantinische Zeit gestellt. Nähere Untersuchungen fehlen. 

An beiden Stellen soll nach der Vorstellung der Gemeinde mit Sponsorengeldern ein Neubau errichtet werden. Problematisch ist, dass man sich nicht darauf verlassen kann, dass fachliche Überlegungen in dem Entscheidungsprozess überhaupt berücksichtigt werden.

Siedlungsgeschichtliche Quellen ersten Ranges

Diese Kirchen sind die einzigen erkennbaren Reste älterer Siedlungsstrukturen. Ein Blick beispielsweise in die Ortsgeschichte des Dorfes Prekopčelica zeigt, wie sehr sich die Siedlungslandschaft in der Neuzeit verändert hat. Der Ort entwickelte sich in osmanischer Zeit zu einem stattlichen Dorf, das möglicherweise sogar größer war als die frühbyzantinische Stadt Caričin Grad. Erst mit der Industrialisierung verlagerte sich der Mittelpunkt der Region in das benachbarte Lebane. Mittelalterliche Quellen bezeugen die Ortschaft Caričina, die heute nur aus wenigen Häusern besteht.
Archäologische Surveys im Umfeld von Caričin Grad erbrachten einige Hinweise auf eine neuzeitliche Umstrukturierung der Landschaft und angesichts der zahlreichen Bevölkerungsverschiebungen auf dem Balkan ist es kaum möglich, mit einem rückschreibenden Ansatz aus den heutigen Verhältnissen auf ältere Siedlungsmuster zu schließen.
Die Überreste der Kirchen sind daher wichtige Anhaltspunkte für die Rekonstruktion früherer Siedlungsverhältnisse. 

Über 100 Kirchen

Radinovac, römische Thermen.
Die Ruinen werden von der Bevölkerung wohl als Reste einer
Kirche interpretiert, was Kerzen und Geldopfer
auf den Mauerabsätzen nahe legen.
(Foto: R. Schreg/RGZM 2015)
Aus der serbischen Literatur sind für das westliche Leskovac-Becken etwa 100 Kirchenstandorte dokumentiert, die meisten davon sind nur noch Ruinen. Der lokalen Bevölkerung sind die Standorte zumeist bekannt, wie Opfergaben, Kerzen und Ikonen auf den Altären und in den Apsiden erkennen lassen. Genaue historische Kenntnisse sind aber meist nicht vorhanden. So kommt es auch vor, dass auch die noch aufrecht stehende Apsis einer römischen Thermenanlage als Kirche missverstanden wurde und sich heute als Gedenk- und Opferplatz präsentiert. Hier zeigt sich ebenso wie in der mündlichen Tradition zur Kirche in Gazdare das Fehlen eines historischen Bewusstseins.

Viele der Kirchenstandorte liegen heute weit abseits der Dörfer und lassen vermuten, dass sie früher nicht so abgelegen waren. Es lassen sich verschiedene topographische Situationen erkennen: Manche liegen inmitten des Wirtschaftslandes oder aber in Höhenlage, oft in Verbindung mit spätantiken Höhensiedlungen.

Sekizol: Kirche in einer spätantiken/ frühmittelalterlichen Befestigung
(Foto: R. Schreg/ RGZM 2015)

An einigen Plätzen, wie etwa in Gazdare Sv. Pentelejmon und Gazdare Sv. Arhandjeli lässt sich jedoch ein Friedhof nachweisen.  Bisher können wir nicht zwischen unterschiedlichen Kirchen - Klöstern, Einsiedeleien oder Gemeindekirchen - unterscheiden, wie sich dies bei unseren Surveys im Bergland der Krim angedeutet hatte. Teilweise scheint von der Topographie her ein Zusammenhang mit dem Bergbau gegeben zu sein.

Gazdare, Sv. Arhandjeli
(Foto: R. Schreg/ RGZM 2016)
Die bereits genannte Kirche Gazdare Sv. Arhandjeli liegt an der Stelle eines kleinen Tales, wo sich dieses verengt und beiderseits von altem Bergbau begleitet wird. Unmittelbar neben der Kirche wurde bei unseren Surveys eine Schlackenfundstelle registriert, zudem zeigen sich einige anthropogene Geländeformationen ungeklärter Bedeutung.

Der Erhaltungszustand der meisten Kirchen ist schlecht, oft sind sie zugewuchert. Wandmalereien, für die die serbische Sakralarchitektur berühmt ist, sind allenfalls in allerkleinsten Fragmenten erhalten. Beispielhaft seien hier einige Bilder der Kirche von Mrveš gezeigt.

Mrveš, Kirche
(Foto: R. Schreg/ RGZM)

Mrveš, Kirche
(Foto: R. Schreg/ RGZM 2016)

Mrveš, Kirche
(Foto: R. Schreg/ RGZM 2016)

Mrveš, Kirche: Reste von Wandmalereien an der Nordwand
(Foto: R. Schreg/ RGZM 2016)


Islamische Gemeinden

Moschee in Leskovac
(Felix Kanitz 1889)
Gut fünf Jahrhunderte stand das  Arbeitsgebiet unter osmanischer Herrschaft, in der zahlreiche islamische Gemeinden und Moscheen entstanden. Möchte man die Kirchenreste als Indikatoren der Siedlungsgeschichte werten, müssen in Folge dessen zwingend auch die Moscheen in die Überlegungen einbezogen werden.

Sie sind nach dem Ende der osmanischen Herrschaft und der nachfolgenden Bevölkerungsverschiebungen im 19. Jahrhundert heute aus der Landschaft und weitgehend auch aus dem Bewusstsein verschwunden. Historische Quellen und Karten, bisweilen aber auch - kritisch zu bewertende - mündliche Traditionen helfen, hier einen Überblick zu gewinnen. Insgesamt ist damit zu rechnen, dass manche der Kirchen zeitweise auch als Moschee genutzt wurden.

Die Region in Südserbien steht exemplarisch für eine Erforschung der mittelalterlichen und neuzeitlichen Siedlungsgeschichte und der zahlreichen ländlichen Kirchen, die bisher kaum die Beachtung der archäologischen Forschung gefunden haben.

Handlungsbedarf

Diese Beobachtungen, die wir im Laufe unserer Surveys in der Region um Caričin Grad machen konnten, waren für uns ein Alarmsignal. Unser wissenschaftliches Interesse galt der Besiedlungsgeschichte der Region und Versuche, ländliche Siedlungen über Surveys zu erfassen blieben weitgehend erfolglos. Einziger Hinweis auf die mittelalterliche Besiedlung blieben die Kirchen, die in der wissenschaftlichen Literatur wiederholt angesprochen, aber kaum genauer bearbeitet und dokumentiert wurden. Da diesen Kirchenbauten ein besonderer kunsthistorischer Wert oft abgesprochen wird, sind sie völlig aus dem Blickfeld der Denkmalpflege wie auch der Forschung geraten. Nun werden diese Quellen vielerorts vor unseren Augen zerstört - aus Unwissen um ihren Wert und den richtigen Umgang.

So entstand die Idee, in einem neuen Projekt genau dies zu tun: Die Kirchen systematisch zu erfassen, zu dokumentieren und landschaftsarchäologisch auszuwerten und so auf eine größere Aufmerksamkeit bei Kollegen und Bewohnern hinzuwirken. Testweise haben wir daher im Rahmen des RGZM-Projektes einzelne Kirchen fotografisch so dokumentiert, dass daraus mittels sfm ("Structure from motion") digitale 3D-Modelle abgeleitet werden können. Dies scheint für viele der Kirchen und Kirchenruinen ein praktikabler Weg einer raschen Dokumentation, die allerdings ergänzt werden muss, einerseits durch eine Aufnahme der umliegenden Topographie (mittels LiDAR und Dronenbefliegung sowie archäologische Surveys und Prospektionen) und durch eine möglichst genaue Beschreibung des Bestandes. In Gazdare kamen wir damit leider zu spät, da wir immer gehofft hatten, dass der Abriss abgewendet werden kann.

Inzwischen ist ein Projektantrag ausgearbeitet, der neben der archäologischen Prospektion und der Dokumentation der Geländedenkmäler auch Bauforscher und Experten der islamsichen Archäologie einbindet. Das Projekt wird, sofern eine Finanzierung bewilligt wird, als Kooperationsprojekt zwischen deutschen  (Universität Bamberg und RGZM/Leibniz-WissenschaftsCampus Mainz: Byzanz zwischen Orient und Okzident) und serbischen Partnern durchgeführt. Gegebenenfalls werden sich auch tschechische Kollegen beteiligen. Das primäre Ziel ist eine landschaftsarchäologische Dokumentation und Auswertung der Kirchen, aber auch, vor Ort ein Bewusstsein für die historische Bedeutung der Kirchenreste zu schaffen und so dazu beizutragen, dass künftige Renovierungen denkmalverträglich durchgeführt werden. Die Arbeiten vor Ort wird daher ein serbischer Kollege übernehmen, denn der persönliche Kontakt mit der Bevölkerung ist hier außerordentlich wichtig. Um die Bedeutung der Ruinen zu veranschaulichen, werden einzelne Kirchen als digitale 3D-Modelle visualisiert werden.


Literaturhinweise

  • S. Ercegović-Pavlović, D. Kostić, Arheološki spomenici i nalazišta leskovačkog kraja, (Beograd, Leskovac 1988)
  • S. Stamenkovič, Rimsk Nasleđe u Leskovačkoj Kotlini. Roman Legacy in the Leskovac Valley. Arheološki Institut Posebna Izdanja 53 (Beograd 2013). 


Links

Dank

Ich danke den serbischen Kollegen für zahlreiche Auskünfte, Übersetzungshilfen und Übersetzungshilfen. Die Einschätzungen der denkmalpflegerischen Situation sind darauf aufbauend freilich meine eigenen.

Freitag, 26. Mai 2017

Vermessung unter Tage: aktuelle Geländearbeit um Caričin Grad

Die laufenden Untersuchungen zur spätantiken Stadt Caričin Grad, die das RGZM mit dem Archäologischen Institut in Belgrad und vielen weiteren Partnern durchführt, versuchen, die Lebensgrundlagen der Stadt zu erforschen. Dazu schauen wir auch in das Umland und fragen nach den wirtschaftlichen Grundlagen der Stadt. Dabei sind auch Relikte alten Bergbaus in den umliegenden Bergen ins Blickfeld geraten. Bereits im vorigen Jahr haben wir gemeinsam mit dem Deutschen Bergbaumuseum in Bochum einige Geländerelikte des Bergbaus inspiziert. Dabei gab es neben mittelalterlichen und römischen Bergbauspuren auch Hinweise auf prähistorischen Bergbau. Im Mai dieses Jahres sind wir nun zurück gekommen, um ein einzelnes Bergwerk exemplarisch genauer zu dokumentieren und möglichst zu datieren.

Römische Mine bei Lece
(Foto: R. Schreg)

Der Stollen bei Lece liegt auf dem Gelände einer Minengesellschaft, die mit 450 Beschäftigten in Serbien einen Betrieb mittlerer Größe darstellt. Die Mine gilt als die goldreichste in Europa, doch werden vor allem Blei und Silber abgebaut.  Mit tatkräftiger Mithilfe der Minengesellschaft - sie sorgte für Sicherheit im Stollen und unterstützte die Vermessungsarbeiten - war es möglich, das Bergwerk mit moderner Technologie zu dokumentieren. Wir konnten dazu auf ein neu entwickeltes Gerät, einen 3D-Pilot der DMT-Group aus Essen zurückgreifen. Im Rahmen einer Diplomarbeit an der Hochschule Mainz wird aus den erhobenen Daten ein digitales 3D-Modell erarbeitet. 

Holzrutsche in einem Bergwerk bei Lece
(Foto: R. Schreg)
Der Stollen des Zugangsbereichs den zeigt klassischen Querschnitt römischer Bergwerke, während die Fortführung in das Mittelalter gehören dürfte. Unterlagen der Minengesellschaft zeigen, dass hier noch im 20. Jahrhundert gearbeitet wurde. Wir dokumentieren die vermutlich älteren Bereiche, zumal weitere Stockwerke aus Sicherheitsgründen nicht zugänglich sind.
Ergänzend wurde mit einer Drohne die umliegende Topographie aufgenommen, wo sich oberhalb des Stollens weitere Bergbauspuren zeigen. Auch hier überlagern sich Aktivitäten verschiedener Zeiten, Nur wenig entfernt, an einer anderen Seite des Berges konnten wir im vorigen Jahr auch Spuren wohl vorgeschichtlichen Bergbaus erfassen.
Mit unseren aktuellen Untersuchungen lässt sich die für unser Projekt entscheidende Frage, nämlich ob hier auch im 6. Jahrhundert Erze abgebaut wurden und ein Teil der Lebensgrundlage der nur 10 km entfernten Stadt Caričin Grad/ Justiniana Prima, waren, wohl nicht klären. Zwar konnten wir einige hölzerne Reste in den Stollen für eine Datierung mittels Dendrochronologie bzw. Radiocarbonmethode beproben, doch rechnen wir hier eher damit, dass sie in deutlich jüngere Perioden fallen. An einer zweiten Mine bei Tulare allerdings konnten wir ein Grubenholz bergen, das nach derzeitiger Einschätzung bessere Chancen hat, noch in die Antike zu datieren.

Die Bergbauregion hat auf serbischer Seite bisher kaum Aufmerksamkeit gefunden - etwas besser sieht es jenseits der Grenze des Kosovo aus, wo sich ein anderes Team des Bergbaumuseums in Bochum sich seit einigen Jahren für die Bergbauspuren um Ulpiana/ Justiana Secunda interessiert. Ein wesentliches Ziel unserer jetzigen Aktivitäten ist es nicht zuletzt, die Grundlagen für ein Forschungskonzept zu entwickeln, mit dem sich Drittmittel einwerben lassen und intensivere Forschungen aufgenommen werden können. Eine effektive Dokumentation, wie sie der getestete 3D-Pilot verspricht, wird dabei grundlegend sein.

Links


Korrekturvermerk (29.5.2017): 
DMT in Essen, nicht Bochum

Dienstag, 25. April 2017

Zwischen staatlicher Fürsorge und privater Vorsorge - ein neues archäologisches Forschungsprojekt

Von den Veränderungen der Spätantike waren auch die fundamentalen Lebensbedingungen in vielfältiger Weise betroffen. Die Unsicherheit wuchs, die staatlichen Strukturen wurden geschwächt.
In den Städten frühbyzantinischer Zeit war eine “Ruralisierung“, oft verbunden mit einer Verlagerung oder Auflösung des Stadtkerns, wobei vielerorts kleine Häuschen in frühere öffentliche Gebäude oder gar deren Ruinen gesetzt wurden.
Ganz grundlegend war für die Menschen jedoch die Sicherung der Nahrungsversorgung. Spielte bis dato die staatliche Getreideversorgung eine zentrale Rolle, so musste nun selbst Vorsorge getrofffen werden.
Welche Auswirkungen hatte das auf die Familien? Wie veränderte dies die Ernährungsgewohnheiten, wie die landwirtschaftliche Produktion?  Wie reagierten die Menschen auf die veränderten Lebensumstände, welche Maßnahmen ergriffen sie zur Sicherung der Nahrungsmittelgrundlage? Diesem Fragenkomplex - oder vielmehr einer konkreten Fallstudie am Beispiel der Versorgung der spätantiken Stadt Caričin Grad widmet sich ab Sommer ein neues Forschungsprojekt: "Zwischen staatlicher Fürsorge und privater Vorsorge: Eine interdisziplinäre Studie zur Versorgungssicherung im 6. Jahrhundert anhand des Getreidespeichers von Caričin Grad". Die Finanzierung dazu hat die Fritz-Thyssen-Stiftung bewilligt. Die Stadt Caričin Grad bietet eine perfekte Ausgangsbasis, um nach Antworten zu forschen. Sie wurde um 530 n. Chr. von Kaiser Justinian als Verwaltungsmittelpunkt gegründet, jedoch um 615 n. Chr., nach noch nicht einmal drei Generationen, wieder verlassen.

Aus dem aktuell auslaufenden Projekt "Das kurze Leben einer Kaiserstadt – Alltag, Umwelt und Untergang des frühbyzantinischen Caričin Grad (Iustiniana Prima?)" wissen wir um Vorräte in verschiedenen Häusern, aber auch um die Aufbereitung von Getreide für die lokale Verarbeitung. Jetzt stehen im Rahmen einer serbisch-französichen Kooperation Ausgrabungen in dem Horreum der Stadt an, die das neu bewilligte Projekt nutzen will, um diesen Privaten Versorgungsstrategien mit der staatlichen Getreideversorgung der sog. Annona zu vergleichen.

Das Horreum in der nördlichen Oberstadt von Caricin Grad ist Gegenstand neuer Forschungen.
(Foto: Archäologisches Institut Belgrad - Pressebild)


Im Kern des Projektes, das das RZM (meine Wenigkeit [Rainer Schreg]) und die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (Prof. Wiebke Kirleis) gemeinsam beantragt haben, stehen archäobotanische Untersuchungen, die Dipl.-Prähistorikerin Anna E. Reuter durchführen wird. Ergänzt werden diese Untersuchungen durch bodenkundliche Analysen, die nicht nur von erheblicher Bedeutung sind, wenn es darum geht, die Fundablagerungen einzuschätzen, sondern auch einen Betrag leisten, die Geschichte des Horreums und die dortigen Arbeitsabläufe zu verstehen. In dessen jüngster Phase sind dort eben solche kleine Einbauten entstanden, wie sie in der Sptantike vielfach zu beobachten sind.

Während der Ausgrabungen im Sommer werden systematisch Proben gesammelt, die dann in Mainz und Kiel ausgewertet werden. Die bodenkundliche Expertise liegt bei den Projektpartner vom Geographischen Institut der Johannes-Gutenberg Universität  (Prof. Sabine Fiedler, Dr. Jago Birk).

Links

Samstag, 10. Dezember 2016

Der Schatz liegt unterm Birnbaum... ein Survey-Tag in Südserbien

Meine Stimmung war nicht besonders gut - der Mietwagen kaputt und der Tag zuvor war bereits vermatscht, um das Problem in Griff zu bekommen (Untertürkheimer Modell, das in Serbien keiner reparieren will, weil es zu kompliziert ist und für eine Kleinigkeit der ganze Motorblock ausgebaut werden muss). Eigentlich war eine größere Exkursion mit Übernachtung geplant gewesen, die nun aber den Auto-Problemen zum Opfer gefallen war. Ausserdem war bei mir eine Erkältung im Anflug. Immer wieder waren wir die Tage zuvor ziemlich nass geworden...
Also nun Plan B:  Die kaiserliche Villa von Mediana bei Niš. Wir starten erst spät mit dem Privatauto eines Kollegen. Erste Zwischenstation: die Ruinen einer mittelalterlichen Kirche nur wenige Kilometer von Caričin Grad entfernt. Wie bei fast allen alten Kirchenstellen in Südserbien, findet man Zeichen lebendiger Religiosität: Kleine Opfer von Geld (Münzen und Scheine), Kerzen und Rakia (oft in alten Cola-Flaschen). Die Ruine ist heute zugewuchert, liegt aber inmitten einer offenen fruchtbaren Landschaft. Als Altar dient, wie bei vielen vergleichbaren Ruinen eine Spolie, die vielleicht aus Caričin Grad stammt. Die Mehrzahl entsprechender Kirchenruinen ist bis heute nicht dokumentiert, so dass recht unklar ist, wie alt sie denn tatsächlich sind. Die frühere Forschung hat sie meist byzantinisch datiert, doch scheinen irgendwann die byzantinischen Spolien systematisch über die umliegenden Kirchen verteilt worden zu sein. Vom Grundriß und von der Lage her gibt es klar zu unterscheidende Typen, die es Wert wären, einmal in einem Forschungsprojekt näher untersucht zu werden, da sich damit mit Sicherheit Einblicke in langfristige Veränderungen der Siedlungslandschaft gewinnen lassen.

Münzopfer auf einem byzantinischen Kapitell in einer Kirchenruine nahe Caričin Grad
(Foto: R. Schreg/RGZM)
 
Eigentliches Ziel der Fahrt: Mediana bei Niš - die archäologischen Ausgrabungen der kaiserlichen Villa Constantins des Großen. Wenn man schon an einer Kaiserstadt in Serbien arbeitet, so muss man das auch gesehen haben - und in den Jahren zuvor hatte sich nie die Gelegenheit ergeben. Aber auch diesmal sollte es nichts werden: "wegen Rekonstruktionsarbeiten geschlossen".

Was nun? Ein kurzer Blick auf den Schädelturm in Niš, vor allem aber die Gelegenheit für einen kurzen Abstecher zu einer Höhensiedlung. nordwestlich von Caričin Grad. Eigentlich wollten wir sie schon in der ersten Woche unserer Survey-Kampagne besuchen, aber die Zeit hatte dann doch nicht gereicht. Eine halbe Stunde sollte eigentlich genügen, um einen knappen Überblick zu gewinnen, denn die Fundstelle liegt eigentlich zu weit weg von Caričin Grad, als dass sie für unsere Forschungen zum direkten Umland dieser Stadtgründung des 6. Jahrhunderts unmittelbar relevant wäre. Aber hier gab es ausnahmsweise Grabungen, die wenigstens eine vage Vorstellung über Ausgestaltung und Funktion einer kleineren spätantiken, ins 6. Jahrhundert reichenden Höhensiedlung geben. Natürlich gehört eine Kirche dazu, eventuell sogar zwei. Und trotz eines bescheidenen Forschungsstandes gibt es deutlich mehr Inschriften als aus der großen Stadt Caričin Grad. Grund genug also, den Platz im Rahmen unserer Forschungen zum Umland von Caričin Grad in Augenschein zu nehmen.
Wir waren nun freilich unvorbereitet: Weder Literatur noch Karte waren zur Hand, also wollten wir uns einfach im benachbarten Dorf durchfragen. Dieses erwies sich wie so viele andere im Süden Serbiens selbst schon als halbe archäologische Stätte. Schon auf der Anfahrt fielen die vielen aufgelassenen, teils bereits wiederbewaldeten Äcker auf. Rund 20 km weiter südlich, im näheren Umfeld von Caričin Grad hatten die Ortschaften 2002 meist nur noch ein Drittel, oft nur noch ein Fünftel der Einwohnerschaft, die in den 1950er Jahren zu verzeichnen war. Stolze Bauernhäuser der 1930er Jahre, öffentliche Bauten, wie Schulen, größere Läden, Gemeindehallen und Kriegsdenkmäler zeugen von einem gewissen Wohlstand im alten Jugoslawien. Heute steht das alles leer und verfällt. Auch viele der bäuerlichen Mehrhausgehöfte, deren Haupthaus ein meist als Stall genutztes Erdgeschoss aus Bruchsteinen sowie bescheidene Wohnräume in einem Obergeschoss aus Lehm umfasst. Daneben gibt es weitere Ställe und oft ganz ansehliche Scheunen für Heu, Getreide und Mais. Einige solche Höfe hatten wir uns immer wieder angesehen, denn die Zerfallsprozesse, die man hier beobachten kann, können wir in unseren Grabungen ganz ähnlich voraussetzen. Erst stürzt das Ziegeldach herunter, dann zerfließt die Lehmwand und zuletzt kippen dann auch noch die Steinwände des Erdgeschosses um, so dass eine Art verkehrte Stratigraphie entsteht.
 
aufgegebene Felder
(Foto: R. Schreg/RGZM)
 
 
 
Aber Menschen, die man nach dem Weg fragen können? Kaum zu finden. Erst vor dem kleinen Laden in der Ortsmitte sitzen ein paar ältere Männer im Schatten. Wir müssen noch ein Dorf weiter!
Das ist deutlich belebter: Hunde, Katzen, Hühner, Rinder und Schafe, aber auch spielende Kinder. Viele der alten Häuser wurden durch moderne Bauten aus Ziegel und Beton ersetzt, dennoch wirkt der Ort noch ärmer als der vorige. Die Straße ist hier nur noch unbefestigt. Bald haben wir den (zugewucherten) Friedhof und das letzte Haus passiert und stehen etwas ratlos da. Niemand da, den man fragen könnte. Von einer Kollegin erhalten wir per Telefon (ein moderner Sendemast steht prominent zwischen den heruntergekommenen Häusern) eine vage Beschreibung und den Tipp, nach der alten Kirche zu fragen. Wir kehren um und treffen im Dorf dann auch tatsächlich jemanden, der uns weiter helfen kann. Der Mann war uns zuvor nicht aufgefallen, denn er lag unter einem alten Auto und schraubte daran herum. Die Straße weiter, nach einem halben Kilometer gäbe es noch ein paar Häuser, dort sollten wir nochmals fragen, aber nicht beim ersten Hof, denn da würden wir gezwungen, erst mal kräftig einen zu trinken.

Wir erreichen diesen letzten Ortsteil. Er besteht aus vier einfachen Gehöften. Am letzten Hof bellt sich ein Hund heiser, ansonsten ist weit und breit niemand zu sehen. Nur im ersten Hof scheint jemand zuhause. Dort hört man zankendes Geschrei aus den Haus.
Mangels anderer Möglichkeiten gehen wir dort auf dem Hof und machen auf uns aufmerksam. Es erscheint ein alter Mann in blauem Arbeitskluft, mit roter Nase und einer mächtigen Fahne. Aber nach einem kurzen Gespräch erklärt er sich bereit, uns die Ruinenstadt zu zeigen.

Die Höhensiedlung 'Kale' im Gebüsch in Bildmitte liegt auf einem Sporn über einem Tal
(Foto: R. Schreg/ RGZM)

Wir gehen bergab, quer über ein mäßig bewachsenes Feld. Der Bauer beäugt uns misstrauisch, glaubt uns nicht, dass wir Archäologen seien, sondern hält uns für Goldsucher. Die kämen öfters hier vorbei.
Wir erreichen den Waldrand. "Wir betreten jetzt die alte Stadt" gibt uns der Bauer zu verstehen. Tatsächlich zeichnen sich beidseits des Weges Reste von Wall und Graben ab. Dahinter folgt rechter Hand eine kleine Lichtung, auf der unter einer Wiese Steinhaufen zu erkennen sind. Mehrere Löcher zeigen, dass es sich um Gebäudereste handelt. Die Löcher, erklärt uns der Mann, habe er selbst gegraben, er wollte wissen, was da zu finden sei. Gefunden hätte er aber nur Mauern. Im Aushub liegt Keramik.

Ziegelfragment mit Marke
aus einem Raubgrabungsloch
(Foto: R. Schreg/ RGZM)

Wir gehen einen Waldweg entlang. Nach 20 m braucht unser Führer eine Pause. Eine Zigarette, einen Schluck. Er erzählt ununterbrochen. Ich kann kein serbisch und mein serbischer Kollege kommt nur hin und wieder dazu, mir eine Zusammenfassung zu geben. Ganz kurz: "Das war hier einmal eine blühende Stadt und hier gab es Schätze. Gefunden habe er aber noch keine" Neben unserem Rastplatz liegt ein weiteres Loch: Ziegel im Abraum, einer mit einer Marke.
 
Wenige Schritte weiter ist der Weg weitgehend zugewachsen. Wir folgen unserem Führer, der mit überraschend sicherem Schritt durch das zunehmende Dickicht geht. Links und rechts des Wegs sind immer wieder Unebenheiten zu erkennen. An der Hangkante zeichnet sich deutlich ein Wall ab. Ein Graben war aber nur dort vorhanden, wo wir - von der angrenzenden Hochfläche kommend - die Anlage betreten hatten. Wir kommen auf eine Lichtung. Unser Führer warnt uns vor den Schlangen, die hier häufig seien. Zwischen dem Gestrüpp ragt ein großer Mauerblock vor. Das sei die Kirche. Ich bin irritiert, erkenne erst gar nichts. Dann wird mir klar: hier ist alles restlos zerwühlt. Die Mauer ist keine Mauer, sondern der Fußboden, der 45° verkippt ist, da er unterhöhlt wurde. Der antike Betonfußboden war für die Raubgräber zu hart, also haben sie die Mauern ringsum abgetragen und von der Seite unter dem Fußboden nach Schätzen gesucht.

Die Basilika war in den Jahren 1960 und 1962 ausgegraben worden und wurde 2003 von serbischen Kollegen auch auf deutsch publiziert. Hätten wir den Grabungsplan vor Ort mit dabei gehabt, er hätte uns nichts genutzt. Außer dem Fußbodenblock sind kaum noch Mauerreste erhalten, obwohl diese nach den Grabunsgfotos Anfang der 1960er Jahre noch mindestens hüfthoch erhalten waren. Der alte Mann erklärt uns, dass man sich hier in den letzten Jahren immer wieder Baumaterial für kleinere Ausbesserungen in den etwa 400 m entfernten Höfen geholt hätte. 


Raubgräber haben den Fußboden der Kirche untergraben. Die Mauern des Kirchenraumes haben sie weitgehend eingerissen, um ihrem Geschäft nachgehen zu können.
(Foto: R. Schreg/ RGZM)
 
Es wird immer deutlicher: Die ganze Anlage ist von Raubgräbern systematisch durchwühlt. Im Zentrum befinden sich die Reste eines Gebäudes. Die Steinhäufen waren wohl mal Mauern. Unser Führer erzählt, er hätte die Raubgräber hier im letzten Jahr getroffen. Si hätten ihm eine Münze gezeigt, die sie hier gefunden hätten, einen Constantin.  Unser Führer, der keinen sonderlich gebildeten Eindruck macht, kennt die römischen Kaiser ziemlich genau. Hier hätte man schon öfters mal Münzen gefunden. Der Boden ist um die Mauern großflächig abgetragen, es sind klare, gerade Kanten zu erkennen und die Abräumhäufen liegen daneben. Offenbar wurde hier eine archäologische Grabungsfläche geplündert. Nach Publikationsstand fand die letzte Grabung jedoch in den 1960er Jahren statt

Reste eines Hauses: Die Mauern von den Raubgräbern völlig abgerissen. Die Fläche ist großräumig abgetragen.
(Foto: R. Schreg/ RGZM)

Aber erst vor wenigen Tagen waren die Raubgräber wieder da. Wir sehen frische Spuren von zahlreichen kleinen Schürfungen, wo der Detektor (oder die Wünschelrute?) angeschlagen hatte, aber auch ein großes Loch, etwa 2,5 m auf 1 m. Darin finden sich  Stellen mit viel Holzkohle, Rotlehm und einzelne Keramikscherben. Ganz offensichtlich wurde hier ein Ofen- oder Herdbefund zerstört. Es wäre spannend gewesen, zu ergraben, was hier produziert worden ist, denn die Fundstelle befindet sich in einer Art Vorbefestigung - eine kleine Terrasse unterhalb der großen Befestigungsmauer.
Unser Führer meint, hier sollten wir graben. Bis wir Gold gefunden haben, könnten wir die Ausgrabungen dadurch finanzieren, dass wir die Bäume als Brennholz verkaufen. Wem das Land hier gehört, habe ich nicht erfahren.

Unser Führer in einem der frischen Raubgrabungslöcher, das wenige Tage vor unserem Besuch ausgehoben wurde.
(Foto: R. Schreg/ RGZM)

Die Spuren der Raubgräber.
(Foto: R. Schreg/ RGZM)
 
Unser Führer steht nun nach 1 1/2 Stunden, ungezählten Zigaretten und Schlucks nicht mehr ganz sicher auf den Beinen. Er wird auch immer aggressiver. Verdächtigt uns nun, dass wir Spione seine, die von ihm nur erfahren wollten, wo der Schatz denn nun liegt. Die Deutschen wollten sich den dann holen. Details von dem, was er erzählt, bekomme ich nicht mit. Er kam offenbar schon mal durch Mainz ... "Düsseldorf" ... "Hitler" schnappe ich auf.

Längst wollen wir gehen. Wir haben einen Eindruck von der Fundstelle, haben einige GPS-Punkte genommen und Notizen gemacht. Anfangs haben wir die Aussagen unseres Führers noch aufgenommen, ehe mein Kollege dann meinte, das sei nun nur noch unzusammenhängendes Gelalle.
Aber dann erzählt er doch noch eine Geschichte, die mir mein Kollege ausführlicher übersetzt. Nämlich die Beschreibung, wo der Schatz tatsächlich liege: unterm Birnbaum!  Das scheint freilich kein ausschließliches Wissen unseres Führers zu sein. Schon vorher hat er uns immer wieder darauf hingewiesen, dass für viele Raubgrabungslöcher Bäume umgerissen wurden. In dem recht jungen Niederwald lagen tatsächlich viele der Löcher direkt bei einem der älteren, größeren Bäume. Einige waren auch  auffallend umgerissen. Ob das tatsächlich Birnbäume waren, kann ich nicht beurteilen. Der Schatz war wohl nicht dabei. Unser Führer versicherte uns auch, die hätten alle an den falschen Bäumen gesucht... Er wisse, wo man graben müsste, schließlich sei er hier aufgewachsen, hätte noch auf dem Fußboden der Kirche Murmel gespielt. Aber den genauen Ort verrate er uns erst, wenn wir wiederkommen, mit etwas Geld um hier auszugraben.

Der Weg zurück
(Foto: R. Schreg/ RGZM)
 
Wir führen unseren Führer wieder nach hause, mit vielen Pausen. Seine Flasche ist leer. Wir nähern uns seinem Hof; plötzlich besteht er aber darauf, er müsse uns noch etwas zeigen, läuft zielstrebig seitlich an seinem Hof vorbei, führt uns auf die Rückseite des wohl verlassenen Hofes seines Nachbarn und zeigt uns dort im Hinterhof ein Kapitell, das als Unterlage eines sekundär als Blumenkübel genutzten Waschbeckens dient. Ohne über den Zaun zu klettern, kommen wir nicht näher ran. Ein ähnliches Kapitell wurde laut Grabungsbericht in der Basilika in der Befestigung gefunden. Sie wurden dort einer über dem nördlichen Seitenschiff rekonstruierten Galerie zugeschrieben.


Ein ionisches Kämpferkapitell im Hinterhof eines verlassenene (?) Hofs
(Foto: R. Schreg/ RGZM)


Wir bedanken uns bei unserem Führer, der uns drängt, mit ihm noch Rakia zu drinken. Uns ist beiden nicht danach. Es ist noch eine weite Strecke bis Caričin Grad zu fahren, wo die übrigen Kollegen, die den Tag mit der Aufnahmen von Bodenprofilen im Umfeld der Stadt verbracht haben schon längst auf uns warten. Ich habe mittlerweile den Eindruck, dass ich Fieber habe (was mich am nächsten Tag auch tatsächlich weitgehend außer Gefecht gesetzt hat). Unser Führer möchte von uns nichts annehmen, aber er bittet uns, dass wir ihn ins Dorf mitnehmen. Nach fünf Kilometern setzen wir ihn im Dorf ab. Die Männer, die wir Stunden zuvor nach dem Weg gefragt haben, sitzen immer noch da. Unser Führer stürmt in den Laden.

Ein Abgleich unserer Ergebnisse mit der Publikation fällt nach dem Abendessen sehr kurz aus: Nichts von dem, was wir gesehen haben - von der Kirche abgesehen - ist in dem publizierten Plan enthalten. Wir waren aber definitiv an der richtigen Stelle, auch wenn die Fotos in der Publikation eine ganz andere Landschaft erkennen lassen. Die Fotos aus den 19050er oder 60er Jahren lassen einen unbewaldeten Hügel erkennen, mit einigen wenigen Bäumen.

Anlagen, wie dieses Kale, einige Kilometer von  Caričin Grad entfernt gibt es viele: Kaum beachtet, durch aufkommenden Wald, Steinraub und Raubgräber heimgesucht und kaum erforscht. Wir wissen kaum etwas über das Leben in diesen Anlagen. Waren sie befestigte Bauerndörfer oder Militärstationen zur Kontrolle des in der Region bedeutenden Bergbaus (die Woche zuvor waren Kollegen vom Deutschen Bergbaumuseum in Bochum Teil unserer Mannschaft und wir haben einige Bergwerke aufgesucht, die wohl prähistorisch oder römisch zu datieren sind)? Unter welchen Bedingungen wurde die Siedlung verlassen? Im Unterschied zu Caričin Grad sollen von dieser Höhensiedlung auch slawische Siedlungsfunde des 9./10. Jahrhundert vorliegen. Wie wurden da die alten Gebäude genutzt? Antworten auf diese Fragen wird es in der Höhensiedlung 'Kale' kaum mehr geben. Die Raubgräber haben sie vernichtet.

Viele neue Eindrücke und doch irgendwie frustrierend...

Freitag, 25. November 2016

Forschungen in Caričin Grad / Iustiniana Prima

Ein soeben erschienener Überblick über unser Projekt zum spätantiken Caričin Grad, das inzwischen allerdings schon in der Schlußphase ist.


J. Birk, I. Bugarski, S. Fiedler, V. Ivanišević, H. Kroll, N. Markovi, A. E. Reuter, C. Röhl, R. Schreg, A. Stamenković, S. Stamenkovic, M. Steinborn:
An Imperial Town in a Time of Transition. Life, Environment, and Decline of Early Byzantine Caričin Grad.
In: LAC2014 Proceedings  http://lac2014proceedings.nl/


DOI 10.5463/lac.2014.4

CC BY NC ND


Deutsche Zusammenfassung

Caričin Grad in Südost-Serbien – heute auf der tentativ-Liste der UNESCO als Weltkulturerbe – ist seit mehr als 100 Jahren das Ziel archäologischer Ausgrabungen in den letzten Jahrzehnten stand es im Mittelpunkt eines gemeinsamen serbisch-französischen Projekts des Archäologischen Instituts in Belgrad und der École Française de Rome. Eine Rekonstruction der wirtschaftlichen, sozial- und umweltgeschichtlichen Entwicklung ist nun  das Ziel eines 2014 begonnenen Kooperationsprojektes mit dem Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz.
Die Überreste des frühbyzantinischen Caričin Grad zeigen Elemente der klassischen, hellenistischen und römischen Stadt, kombiniert mit christlichen Elementen. Aufgrund eines Vergleichs schriftlicher Quellen mit der Topographie und den tatsächlich vorhandenen Bauresten, ist Caričin Grad ziemlich sicher mit Iustiniana Prima zu identifizieren, einer Stadtgründung Kaiser Iustinians, die als kirchliches und administratives Zentrum geplant war. 
Mit einer kurzen Besiedlung von rund 90 Jahren, von etwa 530 bis etwa 615 erlaubt die Stätte eine Momentaufnahme einer kurzen intensiven Nutzung, die kaum durch jüngere Störungen beeinträchtigt wird. Caričin Grad bietet deshalb eine einmalige Gelegenheit, eine Stadt am Übergang von der Antike zum frühen Mittelalter und die komplexen Verhältnisse dieser Übergangszeit zu studieren.
Ausgehend von einer humanökologischen bzw. sozialgeschichtlichen Perspektive zielt das Projekt darauf, neue Ansätze zu entwickeln. Es untersucht das "kurze Leben einer Kaiserstadt" während einer Umbruchsperiode, indem auf der methodischen Ebene Archäozoologie, Archäobotanik, Geoarchäologie, Bodenkunde sowie Geoinformatik herangezogen werden.
Das zentrale Thema in diesem Kontext betriift "Haushalt, Konsum und Alltag". Untersucht werden einzelne kleine Hauseinheiten, in denen beispielsweise Produktion, Konsum, Aktivitätszonen bezüglich von Nahrungsmitteln betrachtett werden. Diese auf die Stadt selbst gerichtete Perpsektive wird ergänzt durch eine weitere, die die umgebende Landschaft und deren Ressourcen und Landnutzung betrifft.







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Korrekturvermerk
Ursprünglich ging versehentlich eine Entwurfsversion des Posts online. Korrigiert noch am 25.11.16