Mittwoch, 20. Januar 2021

Feld-, Wald- und Wiesenarchäologie - Antrittsvorlesung publiziert

Neu erschienen:  

  • R. Schreg, Feld-, Wald- und Wiesenarchäologie. In W. Brassat (Hrsg.), Komplexität und Diversität des kulturellen Erbes. Forschungen des Instituts für Archäologische Wissenschaften, Denkmal­wissenschaften und Kunstgeschichte (Bamberg 2020) 11-34. - Der vollständige Band steht open Access auf den Seiten von University of Bamberg Press unter https://doi.org/10.20378/irb-48742.  Auf HumanitiesCommons gibt es meinen Artikel auch separat: https://hcommons.org/deposits/item/hc:33793/

Mein Beitrag zu dem Sammelband, der aktuelle Forschungen aus dem Institut für Archäologische Wissenschaften, Denkmalwissenschaften und Kunstgeschichte der Uni Bamberg vereint, basiert auf der Antrittsvorlesung, die ich am 27.6.2019 in Bamberg gehalten habe. Mit dem Titel "Feld-, Wald- und Wiesenarchäologie" habe ich zwei sehr unterschiedliche Themen zusammen geführt, die mir für ein zeitgemäßes Verständnis der archäologischen Wissenschaften wichtig erscheinen. Einerseits geht es um die Erforschung früherer Landnutzung anhand von Altfluren und deren Einordnung in die Umweltgeschichte bzw. Umweltarchäologie. Andererseits geht es aber auch um die kritische Auseinandersetzung mit dem Gegenstand der Archäologie generell. Der Öffentlichkeit (und manchen Kollegen) ist es oft schwer begreiflich, weshalb man sich für Altflurreste interessieren sollte - gibt es doch da in der Regel keine Funde - erst recht keine spektakulären.  


 

Segbachtal, "Im Winkel": oberflächlich freigelegter Steinriegel
(Foto: R. Schreg/ RGZM 2.7.2010)


 

Die konkrete Auseinandersetzung mit Feld-, Wald- und Wiesenarchäologie möchte ich als Plädoyer verstehen, darüber nachzudenken, was wir als Archäolog*innen konkret für unsere Gegenwart aus der Vergangenheit mitnehmen können und wie wir das zuverlässig erreichen. Nicht jede Auseinandersetzung mit der Vergangenheit muss dabei in eine applied archaeology mit Patentanmeldungen münden, das Bereitstellen von Orientierungswissen, das uns die Komplexität unserer sozialen und umweltlichen Lebensbedingungen vor Augen führt und der Gesellschaft vermittelt, reicht völlig aus, ist aber auch so schon eine große Herausforderung, intellektuell wie auch ganz praktisch.




Freitag, 15. Januar 2021

Das geplante bayerische Hochschulinnovationsgesetz - ein ökonomisiertes Wissenschaftsverständnis mit bedenklichen Fehlstellen

Dass die deutschen Universitäten einen erheblichen Reformbedarf haben ist lange bekannt und unbestritten - prekäre Jobsituationen und fehlende Perspektiven für den wissenschaftlichen Nachwuchs trotz oder gar wegen der Befristungsregelungen des schon mehrfach novellierten Wissenschaftszeitvertragsgesetzes (br24, 9.11.2020), wenig attraktive Rahmenbedingungen für Professor*innen, die zunehmend aufwändigere, zeitraubende Jagd auf Drittmittelförderungen, Probleme mit maroder Bausubstanz (SZ 31.7.2019), steigende Studierendenzahlen bei stagnierender Ausstattung und eine zunehmende Bürokratisierung, die Forschung und Lehre eher behindert als unterstützt (Forschung & Lehre 1/2017). Die im Bolognaprozess eingeführten Bachelor- und Masterstudiengänge haben die gesetzten Ziele nicht erreicht (Deutschlandfunk Kultur 27.8.2018), eine Studienzeitverkürzung ist nur bedingt eingetreten, der Wechsel des Studienorts wurde eher erschwert als gefördert, die Qualität der Lehre leidet an der zunehmenden Verschulung durch das enge Korsett des Punktesystems, das Studierende Module abarbeiten, statt neugierig eigenes Engagement entfalten lässt (z.B. schon 2009 ZEIT 15.4.2009). Und schließlich hat Covid19 noch gezeigt, dass auch in der Digitalisierung Handlungsbedarf besteht - obgleich (jedenfalls aus Dozentensicht) die Coronalehre besser lief, als zu Beginn zu erwarten war.

Die Initiative zu einem "Hochschulinnovationsgesetz" durch den Freistaat Bayern ist daher  prinzipiell sehr zu begrüßen. Es muss sich was ändern...


Eckpunktepapier

Zu dem geplanten Gesetzesentwurf liegt bislang allerdings nur ein Eckpunktepapier der bayerischen Staatsregierung vor, das indes etwas bedenklich stimmt.

Einige Schlagworte lassen aufhorchen. Wenn Minister Bernd Sibler davon spricht, Ziel sei "eine erhebliche Verschlankung und Deregulierung" und "größtmögliche Freiheit für und in den Hochschulen" so klingt dies zunächst positiv, doch oft verbrämen diese Floskeln einen Rückzug aus staatlicher Verantwortung und Finanzierung. Tatsächlich möchte sich das Ministerium auf die Position der Rechtsaufsicht zurückziehen und steuernd nur mittels Zielvereinbarungen wirken.

Was tatsächlich als Ideal des Eckpunktepapiers aufscheint, ist eine den wirtschaftlichen Interessen untergeordnete Universität. Die Freiheit, von der die Rede ist, ist nicht die Freiheit der Wissenschaft, sondern die Freiheit, wirtschaftlich zu investieren und die Freiheit oder eher der Zwang, wirtschaftlich Geld zu verdienen. Wissenschaft ist hier nicht Forschung, sondern Entwicklung, Studium ist nicht Bildung, sondern Ausbildung.

Kritik wird daher vielerorts formuliert.
Gleich mehrere Initiativen suchen Unterstützung, um die vielfältige Kritik in das Gesetzesvorhaben einzubringen:

 

Das Problem ist, dass offenbar nicht von den Universitäten, sondern von den Fachhochschulen und den angewandten Wissenschaften gedacht wird. Sozial- und Geisteswissenschaften und deren Fachstrukturen und Leistungen - wie u.a. eben auch die der archäologischen Wissenschaften - sind zu wenig mit gedacht.


Finanzierungsmodell setzt Fächer unter Druck

Die bayerischen Universitäten sollen künftig in einen stärkeren Wettbewerb untereinander treten - insbesondere auch international. So lange solch ein Wettbewerb im Rahmen fachspezifischer Förderprogramme bemessen wird, ist solches schon länger üblich. Problematisch wird es, wenn Fächer mit ihren ganz unterschiedlichen Themen und Zielen gegeneinander antreten müssen. Das Eckpunktepapier sieht aber genau dies vor. Die Universitäten sollen als ganzes im Wettbewerb stehen, weshalb sie sich konsequenterweise auf die drittmittelstarken Fächer und diejenigen mit hochgerankten Publikationsorganen konzentrieren müssten.

"Wissenschaft lässt sich zwar nicht numerisch bewerten, es gibt aber viele Aspekte wissenschaftlicher Exzellenz, die Niederschlag in vergleichbaren Indizes finden, die für eine erfolgsorientierte (Teil-)Finanzierung genutzt werden kann und muss."

Kleine Fächer scheinen hier nicht mehr attraktiv und konsequenterweise müsste sich die Universität dem eingeschränkten profitablen Fächerspektrum der privaten Hochschulen annähern.

Neben diesen Wettbewerb zwischen den Universitäten tritt aber noch ein universitätsinterner Wettbewerb um die Mittel des Globalhaushaltes. Das Eckpunktepapier sieht vor, dass die Hochschulen in der Regel von staatlichen Institutionen in Personalkörperschaften mit eigener Budgetverantwortung  überführt werden sollen:

Die Hochschulen des Freistaates Bayern sollen in Zukunft im Regelfall als reine Personal-Körperschaften des öffentlichen Rechts definiert werden. Sie werden selbstständige Partner des Freistaates und gewinnen dadurch mehr wirtschaftliche Selbständigkeit.

Die Universitäten sollen in der Regel als staatliche Einrichtung entlassen werden. Sie sollen "zukünftig ein Globalbudget erhalten, um so eigenverantwortlich wirtschaften und strategische Entwicklungsentscheidungen treffen zu können". Die Grundfinanzierung soll zwar "wie bisher weiterhin durch den Freistaat" erfolgen,  doch wird an mehreren Stellen des Eckpunktepapiers deutlich, dass ein wesentliches Ziel der Reform in verstärkten Drittmitteleinwerbungen gesehen wird. Ausschlaggebend scheint die Hoffnung, dass "die Attraktivität des Fundraising" insbesondere in der Wirtschaft wächst.

"Mit der im Hochschulinnovationsgesetz erreichten Selbständigkeit und Eigenverantwortung der Hochschulen muss eine gesteigerte Ergebnis-Orientierung einhergehen. "

Da das Eckpunktepapier mit bisherigen Strukturen der Universität bricht, ist überhaupt nicht klar,  inwieweit sich die Fachvertreter*innen als "Träger der Wissenschaftsfreiheit" tatsächlich in die Entwicklung der Hochschulen werden einbringen können.  Aufbau und Organisation sollen nicht mehr gesetzlich vorgegeben sein, sondern  die Universitäten sollen in der Lage sein, sich mittels einer Organisationssatzung weitgehend selbst zu strukturieren, was bedeutet, dass auch die Gremien bisheriger akademischer Selbstverwaltung mittels Fakultäten zur Disposition stehen. Ein "angemessener Einfluss der Träger der Wissenschaftsfreiheit muss gewährleistet sein", festgeschrieben ist aber nur die zentrale Rolle des Universitätspräsidenten bzw. der Präsidentin für die operative Leitung und Außenvertretung  sowie die Beibehaltung des Amtes des Kanzlers/ der Kanzlerin. Über diese Organisationsform sollen jedoch nicht die Wissenschaftler*innen, sondern der extern besetzte Hochschulrat entscheiden.

Der uni-interne Wettbewerb würde dann aber auch zur Konkurrenz, die dem Alltagsbetrieb wie auch der Interdisziplinarität schaden dürfte. Vielleicht ist deshalb eine starke Stellung des Präsidenten vorgesehen, die eine unternehmerische Führung der Universität ermöglichen soll, aber eben auch die Freiheit der Wissenschaft aushöhlt.

Kleine Fächer, insbesondere solche aus den Geistes- und Kulturwissenschaften sind oft weder besonders drittmittelstark, noch können sie Abschlußzahlen aufweisen, die für ein nach wirtschaftlichen Kriterien geführtes Unternehmen Universität besonders attraktiv sind. 

Die Hochschulen sollen mehr Freiheiten und Freiräume bei der Disposition der Lehre erhalten

Eine Streichung von Fächern und Studiengängen wäre sehr viel leichter möglich als heute - und  möglicherweise auch ohne eine ausreichende Koordination auf Landesebene.

 

Archäologie unter dem Druck der Ökonomisierung

Dieser Druck zu einer nach wirtschaftlichen Kriterien gedachten erfolgsorientierten Finanzierung ist gerade für die geistes- und kulturwissenschaftlichen Fächer eine ernsthafte Bedrohung, da für die Universitäten selbst ein Anreiz geboten wird, diese zu reduzieren.

 

Stellungnahme des Deutschen Verbands für Archäologie

Deshalb hat der Deutsche Verband für Archäologie e.V., untersützt von weiteren Verbänden, wie beispielsweise dem Verband der Landesarchäologen und der Deutschen Orient-Gesellschaft, am 8.12.2020 eine fachliche Stellungnahme als offenen Brief an Ministerpräsident Markus Söder, Wissenschaftsminister Bernd Sibler und  Robert Brannekämpe, den Vorsitzenden des Ausschusses für Wissenschaft und Kunst im Bayerischen Landtag gerichtet.

Der Verband befürchtet als Folge der Reform "sehr konkret einen dramatischen Kahlschlag der archäologischen und der anderen altertumswissenschaftlichen Fächer an den bayerischen Universitäten". Er verweist darauf, dass beispielsweise das Fach der Archäologie der Römischen Provinzen nur an zwei bayerischen Universitäten präsent ist und bei Streichungen in diesem Feld "keine Ausbildung der nächsten Generation an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern möglich" sei, die "in Museen und anderen Kultureinrichtungen der interessierten Öffentlichkeit die Erkenntnisse aus der Römerforschung nahebringen".

Als problematisch wird auch hier die starke Ausrichtung der Universitäten an unternehmerischen Zielen und die Gewichtung von Forschung an einem messbaren Wert für die Gesellschaft betont. Der Stellenwert der archäologischen und altertumswissenschaftlichen Fächer in der Gesellschaft lässt sich "nicht zwangsläufig und unmittelbar in Kennzahlen oder Summen bemessen, da ihr eigentlicher Wert auf der sozialen, ideellen und kulturellen Ebene liegt."  Die stärkere Bedeutung der Drittmitteleinwerbung und der internen Mittelverteilung an den Universitäten werden, so die Einschätzung der Stellungnahme auf Kosten der Kleinen Fächer gehen. 


Transfer als Ziel der Universitäten

Das Eckpunktepapier fasst die Ziele der Universitäten neu. Es geht nicht mehr um Forschung und Lehre, sondern um Transfer, Forschung und Lehre - wobei letztere in dem Eckpunktepapier eigentlich keine besondere Rolle spielt.

Der Wissens- und Technologietransfer von den Hochschulen in die Wirtschaft und die Gesellschaft soll erweitert und erleichtert werden, um Innovationsstreben, Gründungsgeschehen und lebenslanges Lernen noch mehr zu unterstützen:

Ein Transfer von wissenschaftlichen Erkenntnissen in die Gesellschaft ist heute zweifellos von großer Bedeutung.  Das Eckpunktepapier zielt vor allem auf technische Entwicklungen, aus denen sich wirtschaftliche Gewinne erzielen lassen. Deshalb sind "neue Anreize für die unternehmerische Betätigung der Hochschulen, Unterstützung erster Gründungsschritte für Start-Ups in den Hochschulen, Gründungsfreisemester und die Erleichterung für Professorinnen und Professoren, neben ihrer Lehr- und Forschungstätigkeit auch unternehmerisch tätig zu werden" geplant. 

Auf das weite Feld der  Geistes- und Kulturwissenschaften trifft dies in dieser engen Definition kaum zu - die hochspannenden Anwendungsfelder, wie sie sich ggf. aus einer applied archaeology ergeben können, werden auch künftig eher die Ausnahme als die Regel sein. Gleichwohl zeigt das aktuelle Pandemiegeschehen, dass die Bedeutung der Wissenschaft sich nicht auf die Prognose bzw. Modellierung von Infektionsentwicklungen und die Entwicklung von Impfstoffen  beschränkt. Als gesellschaftliche Begleiterscheinungen kursieren zunehmend  Verschwörungstheorien und extremes Gedankengut, die mit einer funktionierenden, gerechten Demokratie nicht vereinbar sind. Ihnen kann eine Gesellschaft und eine Demokratie nur beikommen, wenn in ihr kulturwissenschaftliche und historische Kenntnisse ausreichend verankert sind und eine Befähigung zu klarem Denken verbreitet ist. Dies ist eine große Leistung der Geistes- und Kulturwissenschaften und vieler kleiner Fächer, die sich indes kaum mit den Begriffen Innovation und Gründung fassen lässt. Wir brauchen nicht nur Ausbildung, sondern vor allem auch Bildung.

Die Zielgruppe des Transfers wird im Eckpunktepapier auf die Wirtschaft verengt. Die größte Zielgruppe der Wissenschaft allgemein ist jedoch die Öffentlichkeit, insbesondere die Zivilgesellschaft. Wenn das Eckpunktepapier vorsieht, dass im Kontext der Transferleistungen der Hochschulen weitere Aufgaben wie eine "(Mit-)Verantwortung für eine an der Idee der Nachhaltigkeit orientierte Entwicklung von Staat und Gesellschaft", die Förderung von Gleichberechtigung und Vielfalt sowie die Internationalisierung besonders betont werden sollen, wird hier grundsätzlich und richtig eine soziale Aufgabe von Forschung und Lehre anerkannt.  Dieser Gedanke ist im Gesetzesentwurf weiter zu entwickeln, wobei aber zu beachten ist, dass es die Wissenschaftsfreiheit ist, die dem Transfer die nötige Glaubwürdigkeit und Akzeptanz verschaft. Gesetzliche Festlegungen auf Internationalisierung und Diversität sind hier - so nachvollziehbar im Anliegen - kontraproduktiv.  Unter dem "Ideal der zweckfreien Erkenntnis" und der Freiheit der Forschung dürfen vom Staat hier keine Vorgaben gemacht werden.

 

Transfer als Leistung der Geistes- und Sozialwissenschaften

Eine Transferleistung ihrer Forschung in die Gesellschaft ist für die meisten Fächer der Geistes- und Kultur- sowie der Sozialwissenschaften schon lange eine Selbstverständlichkeit.  


Transfer archäologischer Forschung in die Öffentlichkeit:
Geschichtspark Bärnau-Tachov und ArchaeoCentrum Bayern-Böhmen
- Rekonstruktion der frühmittelalterlichen Holzbauphase
der Kirche von Kleinlangheim, Unterfranken
(Foto: R. Schreg)

Aber auch für andere Fächer, wie zum Beispiel die Archäologie ist Transfer schon von Beginn an ein elementarer Teil des Fachs, denn zunächst waren es Museen, die als Plattform der Forschung dienten. Der Begriff des Transfers ist neu, nicht die Sache. Der Austausch mit der Öffentlichkeit war (und ist) für die Archäologie immer wichtig, um die Quellen zu bewahren und auch, um Fundmeldungen zu erhalten. Immer war das öffetnliche Interesse so groß, dass man versucht hat, die Öffentlichkeit einzubinden. Diese lange Tradition bedeutet allerdings nicht, dass es da keinen Verbesserungsbedarf gäbe und Transfer kein Thema mehr wäre. Eine Stärkung dieses Aspekts und eine größere Anerkennung für Zeit und Arbeit, die dafür aufgewandt wird, ist grundsätzlich zu begrüßen.

In der alltäglichen Praxis liefert die Archäologie - anders als die üblichen Medienberichte vermuten lassen - fast keine Sensationen. Ein Großteil der Forschung besteht darin, Funde und Befunde auszugraben, deren Bedeutung in der Orts- und Regionalgeschichte liegen, die es aber nie in die hochgerankten Journals schaffen können. Die Archäologie des Mittelalters wird im Wettbewerb um die ältesten Funde kaum je mit der Urgeschichte und Paläoanthropologie mithalten können, deren Themen älter und natürlich für die Menschheitsentwicklung viel grundlegender sind. Aber Befunde und Erkenntnisse, die das Mittelalter betreffen, sind deswegen nicht weniger wichtig, denn sie zeigen vergangenes Leben, hinterfragen was uns selbstverständlich scheint und meist doch erst aus spezifischen historischen Entwicklungen entstanden ist, oftmals eben gar nicht vor so langer Zeit. Bei der Arbeit vor Ort geht es oft nicht um die großen neuen Erkenntnisse, sondern um Regional- und Ortsgeschichte, die ein wichtiger Anknüpfungspunkt für die historische und gesellschaftliche Bildung ist, mithin auch für das, was "Heimat" ausmacht. Auf einer wissenschaftlichen Ebene führt die Auseinandersetzung mit dem Mittelalter zu einem Verständnis der Bedeutung von Nachhaltigkeit und von Diversität und ist überhaupt ein wesentlicher Teil einer Orientierung in der Gegenwart. Gerade die alltägliche Forschung ermöglicht es, die Bürgerinnen und Bürger anzusprechen, für die Vergangenheit zu interessieren und vergangene Lebensweisen zu reflektieren - und so Transferleistungen zu erbringen. Dabei dürfte übrigens oftmals der Publikation in den "Mitteilungen des Historischen Vereins xy" größere Bedeutung zukommen, als in den angeblichen High-Impact-Journals. Eine formal größere Bedeutung des Transfers kann den kleinen Fächern und letztlich der Gesellschaft zugute kommen - sie steht aber in einem Widerspruch mit den üblichen "Indizes", die das Eckpunktepapier als grundlegend "für eine erfolgsorientierte (Teil-)Finanzierung" sieht. Wenn Bemühungen um Wissenschaftskommunikation, um Citizen Science oder auch Angebote für die Schule, eine größere Anerkennung finden, wäre das auf alle Fälle zu begrüßen.  
 
Transfer der Mittelalterarchäologie:
der digitale Museumskoffer der Bamberger AMANZ




Weiterbildung als Chance

Insofern ist der Gedanke,  vermehrt auch an Weiterbildungsprogramme zu denken, ganz folgerichtig: Als Aufgabe der Universitäten wird neben dem klassischen Studium lebenslanges Lernen und Weiterbildung definiert mit der Option, dazu weiterbildende Masterstudiengänge und Zertifikatsangebote oder Modulstudien anzubieten. Ob sich dafür zahlende Interessenten finden lassen, wie das der Politik offenbar vorschwebt, scheint aber fraglich.

Nach den Erfahrungen aus der Archäologie sind wir vielmehr in der Praxisausbildung darauf angewiesen, die Studierenden zu ihrer Weiterbildung genau zu dem potentiellen Zielpublikum zu schicken. So sehr Studiengänge auch die Berufsperspektiven ihrer Absolvent*innen im Auge haben, so werden sie doch nie im Sinne einer Ausbildung alle Grundkenntnisse für die sehr heterogenen Tätigkeitsfelder und deren unterschiedlichen Berufsalltag vermitteln können. Es könnte durchaus interessant sein, ob sich nicht in verstärktem Maße öffentlich-private Partnerschaften entwicklen lassen, indem beispielsweise Unis und Grabungsfirmen zusammenarbeiten. Eine Förderung diesbezüglich wird aber vor allem mit rechtlichen Hürden außerhalb des Hochschulgesetzes, etwa im Wettbewerbsrecht zu kämpfen haben. Mit Ausgründungen und Weiterbildung, wie sie im Eckpunktepapier angedacht sind, hat das aber wenig gemein.


Blinde Flecke: Lehre sowie Wert der Geistes- und Kulturwissenschaften

In der vorliegenden Form ist das Eckpunktepapier sehr einseitig auf eine unternehmerische Organisation der Universitäten ausgerichtet. Viele wichtige Aspekte werden nicht oder nur sehr vage angesprochen.  Zwar verspricht das Papier, dass das neue Hochschulgesetz "die Anliegen der Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler sowie der Studierenden ... fest im Blick" hat. Hier fehlen im Eckpunktepapier aber klare Aussagen, wie das konkret mit Inhalten gefüllt werden soll. Auch Aspekte der Diversität und Gleichberechtigung kommen sehr kurz. Ganz besonders fällt jedoch auf, wie wenig die Lehre und die Qualität der Lehre thematisiert werden. 
Die Förderung von Transfer und Weiterbildung kann durchaus Chancen eröffnen, wenn man deren Ziele genauer reflektiert. Eine größere Anerkennung universitärer Leistungen auf diesen Feldern ist durchaus begrüßenswert. Das würde aber auch bedeuten, der Lehrerausbildung an den Universitäten einen größeren Stellenwert einzuräumen. Mit einer so extremen wirtschaftlichen Orientierung, wie sie im Eckpunktepapier zum Ausdruck kommt, wird das Lehramtsstudium eher noch mehr marginalisiert und der Lehrermangel und die Qualität der Schulbildung eher verschlimmert.
 
Insgesamt bildet das Papier nur einen kleinen Teil der Universitäten ab. Lehrerausbildung oder Geistes- und Kulturwissenschaften. sind nicht angemessen mitgedacht. Bavaria One und High-Tech-Agenda sind sicher wichtige Programme, aber sie bringen wenig, wenn die Gesellschaft orientierungslos ist. Zukunftsfähige Visionen entstehen erst, wenn man Gegenwart und Vergangenheit verstanden hat und weiß, wie sich Gesellschaften verändern, wie Mensch und Umwelt aufeinander einwirken, wie Menschen kommunizieren und agieren.

 


Dienstag, 12. Januar 2021

Die Wächterin der ältesten Stadt Amerikas wird bedroht

Prof. Ruth Shady Solis, eine berühmte peruanische Archäologin erhält Morddrohungen, weil sie sich gegen die Besetzung des Weltkulturerbes von Caral rund 200 km südlich von Peru durch lokale Bauern wehrt.

Die exakten Hintergründe dieser Auseinandersetzung lassen sich den vorliegenden Berichten nicht entnehmen. Teile der als UNESCO-Weltkulturerbe ausgewiesenen archäologischen Zone wurden 2020 von drei Familien besetzt, die sie in Ackerland umbrachen.  "Überleben sei wichtiger als Kultur und Geschichte." zitiert sie ein Zeitungsartikel.  Allzu oft wurden archäologische Fundstellen den vorherigen Eignern entzogen.  BBC merkt an, dass das Land bei einer Agrarreform in den 1970er Jahren von Großgrundbesitzern an zugewanderte Tagelöhner verteilt wurde, die sich mit den archäologischen Fundstellen der Gegend nicht identifizieren konnten. Zwar sind die ersten Fundstellen schon Anfang des 20. Jahrhunderts von dem deutschen Archäologen Max Uhle entdeckt worden, aber der heutige Kenntnisstand ist den Entdeckungen  durch Ruth Shady Solis in den 1990er Jahren zu verdanken.

Die Auseinandersetzung ist jedenfalls soweit eskaliert, dass Prof. Ruth Shady Solis Todesdrohungen erhält, ebenso ihr Anwalt. Ihr Hund wurde bereits vergiftet. Die Situation ist so ernst, dass ihre Kollegen der Universidad Nacional Mayor de San Marcos im Dezember 2020  eine Petition gestartet haben, um Unterstützung und Aufmerksamkeit zu gewinnen:



Pyramide in Caral
(Foto:  AlisonRuthHughes [CC BY SA 4.0] via WikimediaCommons)

Entlang des Tals des Rio Supe, das einer tektonischen Verwerfung folgt, konnten Ruth Shady Solis und ihr Team 18 Siedlungen feststellen. Die größte ist Caral, eine komplexe, sorgfältig geplante Stadtanlage mit pyramidenförmigen Bauten, großen Plätzen und Wohnquartieren mit insgesamt 65 Hektar und geschätzt ehedem 1000 Einwohnern. Das Wirtschaftsland verfügte über ein Bewässerungssystem und Terrassenanlagen an den Talhängen. Die Siedlungen waren eng mit der etwa 25 km entfernten Küste verbunden. Die Siedlungen von Caral gehören einer präkeramischen Kultur an, die um 2600 v.Chr. datiert wird. Caral gilt älteste Stadt auf dem amerikanischen Kontinent und wurde 2008 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt.

  


Literatur

  • Kurella 2008
    D. Kurella, Kulturen und Bauwerke des alten Peru. Geschichte im Rucksack 505 (Stuttgart 2008).
  • Ruth Shady Solis u. a. 2001
    Ruth Shady Solis/Jonathan Haas/Winifred Creamer, Dating Caral, a Preceramic Site in the Supe Valley on the Central Coast of Peru. Science 292, 5517, 2001, 723–726.

Sonntag, 10. Januar 2021

Büffelhorn und Thorshammer

Der 6. Januar 2021 ist sicherlich eines der Daten, die die Weltgeschichte beeinflussen, ähnlich wie 9/11. Eine Horde Verschwörungstheoretiker stürmt das Kapitol in Washington DC. Das Ereignis selbst ist wohl noch lange kein Fall für die Archäologie (wobei die Funde aber bereits archiviert wurden: The Hill 9.1.2021) - aber trotzdem ein Thema für Archaeologik. 

Denn der Sturm auf das Kapitol betrifft die Archäilogie gleich doppelt, nämlich einerseits als Wissenschaft und andererseits als Disziplin, die - der Rekonstruktion der Vergangenheit verpflichtet - Beobachtungen bzw. Symbole am Rande des Geschehens inhaltlich einordnen kann und sollte. 

 

Washington 6.1.2021
(Foto: Tyler Merbler [CC BY SA 2.9] via Flickr und WikimediaCommons)


 

Durchbruch der Irrationalität

Hier deutet sich an, was passiert, wenn sich Irrationalitäten die Bahn brechen, wenn Bildung ins Hintertreffen gerät und Leute populistischen Parolen hinterherlaufen und sich ihr Weltbild assoziativ aus emotionalen Eindrücken und subjektiven Erfahrungen der Zurücksetzung zusammenreimen. Hier ist die Archäologie als Kulturwissenschaft betroffen. Denn solche Vorstellungen können nur entstehen, wenn Vergangenheit zur Fantasywelt verkommt, die man sich ohne methodische Kontrolle erfindet, so wie Trump die Schlacht für seinen Golfplatz (Archaeologik 3.12.2015) - oder so wie der Gehörnte, der auf vielen der verstörenden Bilder aus Washington ins Auge sticht. Diese Entwicklung ist nicht erst seit Trump zu beobachten und schon mehrfach war dies Thema auf Archaeologik, sei es aus Ungarn, wo Victor Orbans Getreue sich eine nationale Geschichte basteln (Archaeologik 9.5.2018; Archaeologik 3.9.2019) oder eben grade in den USA, wo sich 'bibeltreue Christen' ihre Geschichte zusammenplündern lassen (Archaeologik 17.7.2017). Zu nennen ist aber auch die Tendenz Geisteswissenschaften hinter wirtschaftliche Interessen zurück zu stellen. Schon lange möchten 'konservative' - aber auch neoliberale Politiker Geisteswissenschaften als unwirtschaftlich am liebsten abschaffen (Archaeologik 9.10.2011; Archaeologik 27.2.2017; Archaeologik 23.1.2017). Archäologie wird hier auch zum Angriffsziel, etwa wenn wissenschaftlich nüchterne Analysen den völkischen Phantasien mancher “Patrioten“ widersprechen und Wissenschaftler auf Listen gesetzt werden. (Archaeologik 30.5.2018) - oder die Wissenschaftsfreiheit untergraben wird, um nicht ins Weltbild passende Forschung zu unterbinden (Archaeologik 9.10.2014). Eine solche Politisierung von Kulturgut ist in Kriegen und Konflikten altbekannt, ließ sich in den letzten Jahren aber verschiedentlich beobachten (Archaeologik 1.10.2015), nicht nur bei Schurkenstaaten, sondern in Reaktion beispielsweise auch bei der UN (Archaeologik 11.3.2018).

 

Multikulti-Symbolwelt

Zum anderen ist Archäologie auch inhaltlich gefragt, weil sich Verschwörungstheoretiker und Extremisten, aber auch nationalistische Regierungen konkret ihrer Quellen bedienen (Archaeologik 9.5.2018). Manche zerstören sie, nutzen sie im Kampf gegen ihre Feinde: IS/Daesh (Archaeologik 9.3.2015) ebenso wie POTUS Trump, der noch vor einem Jahr gezielt das Kulturerbe des Iran zerstören wollte (Archaeologik 5.1.2020). 

Bisweilen werden sie auch nur mental aus dem historischen Kontext gerissen und für das eigene verquerte Weltbild misbraucht. Der Gehörnte aus dem Kapitol ist ein gutes Beispiel dafür. Die journalistischen Medien haben ihn inzwischen ausführlich behandelt und auch identifiziert. Er ist schon oft in der rechtsextremen Szene aufgefallen, bezeichnet sich als "multidimensionales Wesen" und ist QAnon-Anhänger. In den Berichten wird nebenbei auch immer wieder auf die Symbole hingewiesen, mit denen er sich schmückt und seine Weltanschauung zum Ausdruck bringt. Sie führten zu verschiedenen Einordnungen als "Fellmützen-Vandale" (SZ) oder "Randale-Wikinger" (Bild). 

Besondere Aufmerksamkeit fand seine Buffalo Cap mit Kojotenfell, die laut Kappenträger ein Symbol des Widerstands sein soll, aber auch einen schamanistischen Hintergrund darstellt. Meist nur nebenbei werden seine neonazistischen Tattoos erwähnt, nämlich der sog. Wotansknoten auf der linken Brust, der Weltenbaum über der Brustwarze und ein fetter Thorshammer auf dem Bauch. 

All diese Symbole gelten als keltisch, germanisch, jedenfalls als alt und sind Symbole (auch) einer ultrarechten Szene. Die Kombination bei dem Gehörnten ist sehr eindeutig und so skurril und durchgeknallt der Typ auf den ersten Blick wirkt: lustig ist das gar nicht. Immerhin war ja auch ein Auschwitz-Verherrlicher in der Randalierertruppe. Ihre tatsächliche historische Bedeutung im frühen Mittelalter hat mit ihrer Verwendung durch Rechte und Verschwörungstheoretiker wenig bis nichts zu tun. 

Der Thorshammer heute ein Symbol für Männlichkeit, Kampf und Heidentum findet sich als Anhänger im Frühmittelalter vor allem in Frauengräbern und durchaus auch in christlichem Kontext - die Verbindung zu Thor ist nicht gesichert. 

Der Wotansknoten (valknut) wird erst in der Neuzeit in frühmittelalterliche Bilddarstellungen wie gotländische Bildsteine oder in das Runenkästchen von Auzon im British Museum hineininterpretiert. Eine mögliche Bedeutung ist völlig unbekannt. Heute steht das Symbol für Tod und Kampf. 

Der Weltenbaum Yggdrasil steht für die Gesamtheit der Schöpfung, Unsterblichkeit und Opferbereitschaft. Indes ist auch hier festzustellen, dass die teilweise aus der Edda herauszulesende Mythologie nicht allgemeingültig war und Baum-Darstellungen des frühen Mittelalters nicht sicher mit diesen Ideen in Verbindung stehen. Die neuheidnische Deutung sieht hier einen Zusammenhang mit dem Schamanismus, der im übrigen auch bei der rechtsextremen Blood&Honour-Bewegung eine wichtige Rolle spielt.  Letztlich werden hier multikulturell (hier auf einmal offenbar ohne Probleme) Symbole zu einem absonderlichen Weltbild zusammengestückelt.

Die Verwendung dieser Symbole stellt den Versuch dar, sich eine legitimierende Tradition zu verschaffen, tatsächlich ist das eine Phantasiewelt und Geschichtsschwindel.



Literaturhinweis und Links


G
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Samstag, 9. Januar 2021

Die historische Dimension unserer Corona-Krise (1) - Wie werden aktuell historische Pandemien präsentiert?

Im März 2020, als sich die Corona-Situation in einer ersten Welle verschärfte, brachten viele Medien auf einmal historische Seuchengeschichten (Archaeologik inclusive). Im Sommer ebbten sie ab und im Herbst rollte nur eine sanfte zweite Welle, bei der es nicht zuletzt um Impfungen ging. Ende 2020 hat das Thema auch den Buchmarkt erreicht. Autoren sind Journalist*innen, aber auch Wissenschaftler*innen verschiedener Disziplinen - klassische Historiker, Medizinhistoriker, aber auch Archäologen. 

Viren
(biology pop [CC BY SA 4.0]
via WikimediaCommons)

Wir werfen hier einen Blick auf solche Berichte, mit der Frage, was sie uns eigentlich sagen wollen? Sind das Orientierungshilfen, Durchhalteparolen, Schreckensszenarien oder schlicht schauerliche Unterhaltungstexte? Ziel ist hier keine tief schürfende Analyse aller Texte, sondern ein rascher Überblick, die verdeutlichen mag, dass die Geisteswissenschaften bei der Einordnung und Bewältigung der Krise helfen. Zugleich mag dieser Post eine erste Materialsammlung sein, um später zu beurteilen, wie sie sich dabei geschlagen haben, welche Narrative Karriere gemacht haben und wo Entwicklungsbedarf für die Wissenschaften besteht, Unter diesem Aspekt ist es wichtig, gerade auf die populärwissenschaftlichen Publikationen und nicht so sehr auf die Fachbeiträge zu schauen.

Der Historiker Martin Bauch machte schon zu Beginn der Corona-Epidemie in Deutschland im Mittelalter-Blog auf die Chancen aufmerksam, die historische Daten für das Verständnis von Seuchen liefern - nicht nur bezüglich der Pest mit ihren hohen Todesraten.

Tatsächlich brachten zahlreiche Zeitungen, Websites und Blogs historische Rückblicke auf vergangene Epidemien. Hier reiht sich übrigens - neben den Coronabeiträgen auf Archaeologik - auch ein eigener Beitrag in der Zeitschrift Archäologie in Deutschland ein:

Hier seien einige davon gesammelt und unter dem Aspekt des Lernens aus der Geschichte thematisiert. Bewusst geht es hier weniger um wissenschaftliche Fachbeiträge, sondern um Darstellung in den Medien - Zeitungen, Radio, Fernsehen, aber in Auswahl auch auf Blogs - da hier die Narrative bzw. die Intentionen der Vergleiche deutlicher hervortreten. 

Historisches Vergleichen

Einige der Artikel zielen ausdrücklich auf Lehren aus der Geschichte. “Geschichte wiederholt sich nicht. Aber sie spiegelt sich in dem, was gegenwärtig passiert. “ konstatiert Jakob Simmank in der Zeit. Es liegt hier klar auf der Hand, dass es um einen historischen Vergleich geht. Dass dies nicht unproblematisch ist, ist bekannt. Volker Reinhardt, Professor für allgemeine und Schweizer Geschichte der Neuzeit an der Universität Freiburg i. Ü. meint  im Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung, jeder Vergleich hinke, denn jede Konstante - und als solche sieht er Epidemien hätten “es irritierenderweise an sich, von Variablen begleitet und dadurch wesentlich verändert zu werden”. Das stimmt. Aber Reinhardt meint weiter: “Der Volksmund fasste das in eine tiefe, von den Historikern bis heute ungenügend berücksichtigte Wahrheit”. Nun ist es aber gerade eine klassische Position der Geschichtswissenschaft, dass jede Epoche aus sich heraus verstanden werden müsse und Vergleiche daher nicht zielführend und zulässig seien. Das ist zwar eine Position, die dem Historismus des 19. Jahrhunderts entstammt, aber noch immer stehen Historiker einer vergleichenden Perspektive skeptisch gegenüber. Hier ist es wichtig zu differenzieren, wozu der Vergleich dienen soll: um Lehren für heute zu ziehen, oder um Vorgänge der Vergangenheit zu verstehen. Bei letzterem kann der Vergleich heuristisch helfen, die richtigen Fragen zu stellen.
Deshalb lohne sich ein Vergleich “nicht, um daraus Lehren zu ziehen, die es wegen der ganz unterschiedlichen Zeitverhältnisse und Zeitbefindlichkeiten nicht geben kann, sondern um nüchtern nebeneinander zu stellen”, so Reinhardt. Er greift dazu auf die spätmittelalterliche Grippe zurück und unternimmt also doch einen Vergleich, vergibt gar Punkte:



Pest 1348

Covid-19 2020

Opferzahlen

etwa ein Drittel der Bevölkerung

selbst nach den “pessimistischsten Prognosen apokalypseverliebter Virologen” nichts dergleichen 

Ursachenkenntnis

nein

ja

Sinnstiftung

Strafe Gottes
als Folge Pogrome

abenteuerliche Verschwörungsgerüchte im Web und “gelegentlich auch xenophobe Töne sind keine Entsprechung zu 1348”, 

Verbreitungsgeschwindigkeit

langsam

schnell

soziale Beziehungen

“Anarchie im Zeichen des krassen Überlebens-Egoismus”

durchorganisierte Wohlfahrts- und Vorsorgestaat - Furcht vor Versagen als Nachklang von 1348

Machtverschiebung

soziale Revolution

?

kulturelle Folgeerscheinungen

Die künstlerische und intellektuelle Elite münzte die Epidemie in einen Hymnus auf das Leben und den Lebensgenuss um. 

“Das und die damit verbundene Gelassenheit sollte sich die Gegenwart trotz ihrem klaren Punktsieg zu eigen machen und bei aller vernünftigen Vorsicht gegenüber dem Coronavirus auch nachahmen.”





Für mich ist die Zählweise für den Punktestand nicht nachvollziehbar. Sie impliziert auch, dass es um einen quantifizierenden Vergleich besser-schlechter geht. Solches verweist auf eine weitere Funktion des Vergleichens, nämlich das Relativieren. Wir kennen dieses Prinzip sehr gut aus diversen Debatten um die NS-Vergangenheit, wo solche Relativierungen meist zu Recht Empörung hervorrufen, da sie gezielt mit Hilfe eines Vergleiches verharmlosen.

Problematisch ist daran indes nicht das Vergleichen und Relativieren an sich, sondern die Intention dahinter. Vergleichen und Relativieren sind auch eine wichtige wissenschaftliche Methode. Problematisch wird es dann, wenn von vornherein eine bestimmte Absicht verfolgt wird und die Intention eine nicht-wissenschaftliche ist.

Die Relativierung bei Reinhardt ergibt sich aus einem einigermaßen systematischen Vergleich und zielt letztlich auf eine Vorbildfunktion, empfiehlt er doch, wir sollten uns die “Gelassenheit” nach der Pest “ zu eigen machen und bei aller vernünftigen Vorsicht gegenüber dem Coronavirus auch nachahmen.”

Jeder Übertrag von Erkenntnissen aus der Vergangenheit, sei es im Sinne einer “applied archaeology” oder der Vorbildfunktion, setzt eine gründliche Analyse der Vergangenheit voraus. Ein Feuilleton-Artikel kann das natürlich nicht in der nötigen Tiefe vornehmen und so scheint die Charakterisierung der Folgen der Pest als “ soziale Revolution” zunehmendem Lebensgenuss als reichlich verkürzt. Die Zusammenhänge - Voraussetzungen, Folgen, Kausalitäten- richtig einzuschätzen, ist hier ganz wichtig, aber eben eine der schwierigsten Aufgaben der Geschichtswissenschaft.

Bei den meisten Artikeln steht das Lernen aus der Geschichte im Mittelpunkt. Eine andere Perspektive nimmt der Zeithistoriker Martin Sabrow aus Potsdam ein, der mehr auf die Historisierung der aktuellen Covid-19-Pandemie achtet, zu dessen Einordnung Vorläufer und Kontinuitätslinien bzw. Zäsuren erinnert werden. Insgesamt blieben Geisteswissenschaftler und auch Geschichtswissenschaftler in der Diskussionen über die Pandemie relativ still, obgleich ihre Kernkompetenz ja die Einordnung von Ereignissen darstellt. Das Logbuch Corona Geisteswissenschaften bot hier eine Diskussionlattform, einerseits über die geisteswissenschaftliche Dimension des konkreten Umgangs mit der Krise, andererseits aber auch die Rolle der Geisteswissenschaften selbst. Reflektiert wurde beispielsweise der Begriff "systemrelevant",  die Rolle des Föderalismus aber auch die Einschränkung von Freiheitsrechten.
Eine These daraus: "Die Geisteswisenschaften hätten sich durch stark selbstbezogene Debatten und einer gewissen Überfeinerung ihrer themen selbst ins Abseits der Öffentlichkeit gespielt" (G. Chadzoudis). Geisteswissenschaftler seien es nicht gewohnt, schnell und präzise auf etwas zu antworten. 
 
Mir scheint, dass - bezogen auf Archäolog*innen und Historiker*innen eine wesentliche Schwierigkeit auch darin zu liegen, dass sie trainiert sind, eine spezifische zeitliche Situation im Detail und quellenorientiert zu analysieren, um exakt die Situation zu beschreiben und die jeweils konkreten Zusammenhänge zu verstehen. Das ist eine Stärke des Fachs, bewirkt aber auch, dass es schwer fällt, auf allgemeinere Strukturen zu abstrahieren,

Ein Interview mit Flurin Condrau, Professor für Medizingeschichte an der Universität Zürich beispielsweise hält jeden Vergleich zwischen der Pest des Spätmittelalters und der Corona-Pandemie für unzulässig. Er verweist dazu auf die konkreten Unterschiede: 1.) Die Pest hat viel mehr Opfer gefordert, 2.) bei Corona befinden wir uns erst am Anfang, die Pest kennen wir seit 700 Jahren, 3.) Der Tod wurde anders bewertet, da Religion einen anderen Stellenwert besaß. Das sind sicher richtige Feststellungen (die sich aus einem Vergleich ergeben), aber sie bleiben relativ oberflächlich.



Historische Vergleiche zur Corona-Pandemie

Im Folgenden seien einige - vor allem deutsche - Medienartikel aufgeführt, die derzeit explizit historische Vergleiche anstellen. Sie sind hier zunächst chronologisch nach den jeweiligen Pandemien sortiert. Konkret angesprochen, was uns der Vergleich nun tatsächlich für die Corona-Pandemie sagen soll, wird zwar meistens nicht, in einigen Fällen ergibt sich die Intention des Vergleichs trotzdem.

Spanische Grippe und andere Pandemien des 20. Jahrhunderts

Der Historiker Nicolai Hannig zieht den Vergleich von Covid19 zur Spanischen Grippewelle von 1918, die damals 20 bis 40 Millionen Menschen weltweit das Leben kostete. Anhand der unterschiedlichen Vorgehensweisen der Städte St. Louis und Philadelphia führt er die Wirksamkeit des Social Distancings vor Augen.
Hospital in Kansas während der Spanischen Grippe 1918
(Foto: National Museum of Health and Medicine [PD] via WikimediaCommons)


Anfang April sendete der Deutschlandfunk eine Reihe „Leben in Ausnahmesituationen“ , in der es um den Ausbruch des Vulkans Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawadie 1815, die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, den Finanzcrash von 2008, den Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull 2010, Mogadischu im Terror durch islamistische Milizen und eben die Spanische Grippe 1918 ging.

Im Blog der FAZ greift Wirtschaftsredakteur Gerald Braunberger ebenfalls auf die Spanische Grippe zurück. Ihm geht es um die wirtschaftlichen Folgen der Krise insbesondere auch um den in der aktuellen Debatte eröffneten Gegensatz zwischen Wirtschaft und Gesundheit.

Vergangenheit dient - bei allen Einschränkungen des Vergleichs - als Hilfsmittel einer Prognose, bietet die Grundlage zu Reflektion und bietet Orientierung. So kommt er etwa zu dem allgemeinen Fazit: “Die Pandemie richtet wirtschaftlichen Schaden an, nicht ihre Bekämpfung.”

“Epidemien zeigen offenbar wiederkehrende Muster:” Der Rückgriff auf frühere Pandemien soll Orientierung schaffen:

Mirko Drotschmann greift auf seinem YouTube-Kanal “MrWissenTogo” (Funk) den Vergleich zwischen der Spanischen Grippe und Corona-Pandemie auf und fragt nach den Lehren aus der Geschichte. Er zieht aus der Situation von 1918 drei Lehren für die Gegenwart: 1. Den Ernst der Lage erkennen, 2. Schnelles Handeln bei Massnahmen zur Eindämmung der Ansteckungen und Regeln beachten, 3. Keine Falschmeldungen verbreiten.

Die Menschen reagieren ähnlich wie in früheren Zeiten auf die Krise, meint der Medizinhistoriker Wolfgang U. Eckart bei seinem Vergleich zwischen der Spanischen Grippe und der Coronakrise (Artikel hinter paywall).
Ähnlichkeiten im Umgang mit der Seuche sieht auch ntv im Vergleich zwischen Corona und Spanischer Grippe. Der Artikel verbindet dies mit einer Warnung: “Und das ist nicht unbedingt etwas Gutes.” Er betont die Rolle von Schuldzuschreibungen und fake-News. “Erst wurde das Problem heruntergespielt, dann wurden andere beschuldigt und irgendwann kam die Einsicht, dass die Pandemie nur schwer aufzuhalten war. Die politischen Führer reagierten viel zu spät oder überhaupt nicht, weil eine andere Angelegenheit - namentlich der Krieg - Vorrang hatte. Statt radikale Ausgangssperren für einen überschaubaren Zeitraum zu verhängen, blieb es bei halbherzigen Maßnahmen, sodass über zwei Jahre hinweg insgesamt drei Ausbreitungswellen auftraten, die viele Millionen Menschen das Leben kosteten und die Gesundheit vieler weiterer Millionen nachhaltig schädigten. Die moderne Medizin hat seitdem viele Fortschritte gemacht, aber die Fehler von einst wiederholen sich in diesen Tagen dennoch.”

Ebenfalls einen Vergleich mit Covid.19 unternimmt ein Beitrag des Deutschlandfunks:

 
Weitere journalistische Beiträge, die mehrheitlich die Spanische Grippe heranziehen, um aus der Vergangenheit für die Coronakrise lernen zu können:
Die Spanische Grippe war natürlich schon 2018 zu ihrem 100er Jubiläum Thema:

Neuzeitliche Pestausbrüche

Nachdem die ‘erste Corona-Welle’ in Deutschland einigermaßen glimpflich verlaufen sind, häufen sich die Berichte über Verschwörungstheorien und entsprechend wird auch dieses Thema historisiert. Der Tagesspiegel druckt eine Reflektion von Ehrhart Körting, der im Land Berlin als Innen- und Justizsenator tätig war und als Jurist promoviert wurde. Körting zitiert aus den Erinnerungen seines Vorfahren Johann Jakob Lerche, der 1771 als Arzt die Pest in Moskau miterlebte. 

Prozessionen, die die Pest eindämmen wollten hatten den gegenteiligen Effekt, weil hier Kontaktsituationen entstanden, die eine Infektion begünstigten. Nach einem angeblichen Wunder an einem Marienbild kam es zu Unruhen, der Erzbischof wurde ermordet, an der Pest Erkrankte aus der Stadt getrieben und die Ärzte misshandelt. Der Mob gab den Ärzten die Schuld, die Pest verursacht zu haben. Körting kommentiert den Bericht nur kurz, erkenntlich aus seiner Erfahrung als Politiker. Schon der teaser zum beitrag kündigt Lehren für die Gegenwart an und zum Schluss formuliert der Autor auch: “Manches können wir aus dieser historischen Epidemie in Russland und aus anderen Epidemien lernen. Mit jeder Epidemie ist eine der Grundfragen menschlichen Seins verbunden. .. Und wenn dies nicht hilft, werden Schuldige gesucht.” Logisch aus dem Bericht leiten sich die - wahrscheinlich durchaus zutreffenden - ‘Lehren, jedoch nicht ab, denn schließlich wird nur von einem Einzelereignis berichtet, verallgemeinernde Aussagen bedürfen aber einer breiteren Datenbasis.

Fake News und Urban legends sind auch das zentrale Thema von Alfred Messerli, der von 1986 bis 2019 als Professor an der Universität Zürich am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft lehrte. Sein Beitrag erscheint natürlich nicht zufällig im Mai 2020, aber sein Text stellt direkten keine Bezüge zur Gegenwart her, was nach der gewählten Plattform (“Geschichte der Gegenwart”), wie auch dem fachlichen Hintergrund des Autors plausibel gewesen wäre.

Epidemien der Neuzeit

Gleich in mehreren Artikeln greift die Welt (u.a. Berthold Seewald, der leitende Redakteur ‘Geschichte’) Seuchen der frühen Neuzeit auf. Er behandelt den Englischen Schweiß des 16. Jahrhunderts, aber auch die Seuchen im preußischen Heer während des Deutschen Krieg von 1866.
Schwerpunktmäßig mit den Choleraepidemien vor dem Ersten Weltkrieg setzten sich Berichte auf spektrum.de und in ZEITgeschichte auseinander:
Christoph Dieckmann, “Ich vergesse, daß ich in Europa bin”. 1892 wütet die Cholera in Hamburg. Bis Robert Koch die Seuche besiegt Von . ZEITgeschichte (14.10.2020). -
Das Interesse gilt hier den damaligen Ursachenforschungen und den staatlichen Gegenmaßnahmen. Immer wieder werden Parallelen zur Covid19-Pandemie gezogen. In einem Kästchentext werden einige historische Erkenntnisse hervorgehoben:

“Auf einen Blick: Epidemien im Wandel der Zeit
Pandemien wie Covid-19 sind im Zuge weltumspannender Verkehrs- und Warenströme wahrscheinlicher geworden.

Zu den globalen Epidemien der jüngeren Vergangenheit zählen die Cholera und die Spanische Grippe.

Seuchen wie diese haben maßgeblich dazu beigetragen, öffentliche Gesundheit als Wert zu erkennen und institutionell zu fördern. Ein Ergebnis dessen ist die Weltgesundheitsorganisation.”



Die Pest des Spätmittelalters und andere Krankheiten des Mittelalters

Zufälligerweise traf die Corona-Pandemie zeitlich mit der großen Pest-Ausstellung in Herne zusammen, zu der ein umfangreicher Begleitband erschienen ist. Einen detaillierten Vergleich zwischen der Pest und Covid-19 bietet der Kurator der “Pest-Ausstellung” nun in einem Video zu der nun v.a. online präsentierten Ausstellung:
Aber auch sonst war die Pest aufgrund ihrer “Popularität” ein beliebter Aufhänger. Sie wird in verschiedenen populärwissenschaflichen Zeitschriften wie ZEITgeschichte aufgegriffen.

Klaus Bergdolt, schon lange vor Corona Verfasser zahlreicher Bücher zu Seuchen des Mittelalters und der Neuzeit thematisiert die Pest in einem Artikel für ZEITgeschichte. Er verweist auf die Krisenreaktionen und impliziert eine historische Tradition (und damit Legitimierung) aktueller Notstandsmaßnahmen wie Lockdown, Quarantäne oder Maskentragen. “Eine strenge Kontrolle des Seuchenalltags durch die Behörden galt bereits im Mittelalter als unverzichtbar. Schon früh gab es in Italien entsprechende Notstandsverordnungen und eine Art Gesundheitspolizei. 1576 und 1631/32, als Venedig von einer mit der Epidemie von 1348 vergleichbaren Pestkatastrophe heimgesucht wurde, regelten die "Gesundheitsgesetze" den Ablauf der Trauergottesdienste: Sie schrieben im Detail vor, welche Kleidung getragen werden und wie die Zeremonie der Beisetzung ablaufen musste.”

Helmut Fink beleuchtet für das fränkische Kortizes-Institut für populärwissenschaftlichen Diskurs, einer gemeinnützigen GmbH, den Umgang mit Pandemien damals und heute aus einer weltanschaulich-humanistischen Perspektive. Die Lage sei ernst, aber den heutigen Menschen steht heute der enorme medizinische Fortschritt zur Seite, der Resultat der Aufklärung des 18. Jh. ist, während Menschen früherer Zeiten nur die Religion als Hilfestellung hatten.


James le Palmer, Omne Bonum (London) 1360-1375
The British Library; Record Number: c6541-07; Shelfmark: Royal 6 E. VI;
Page Folio Number: f.301.


Mit der Lepra setzt sich die WELT auseinander:


Epidemien der Antike

Auch die Alte Geschichte kennt zahlreiche Epidemien, die in einigen Medienberichten angesprochen wurden. Das Hauptaugenmerk fällt hier auf die Justinanische Pest des 6. Jahrhunderts sowie auf die Antoninische Pest im 2. Jahrhundert, der auch Kaiser Marc Aurel zum Opfer fiel. Während es bis heute schwer fällt, die Dimensionen der Justinianischen Pest genauer abzuschätzen, ist nach entsprechenden DNA-Funden im Münchner Raum inzwischen zumindest klar, dass yersinia pestis der Erreger war (vgl. Archaeologik 28.3.2020).

Im österreichischen Standard behandelte Johannes Preißer-Kapeller im März die Justinianische Pest des 6. Jahrhunderts, ohne irgendeinen Versuch eines Vergleichs zur Corona-Krise.

Der Archäologe St. Groh greift - ebenfalls im Standard - die Antoninische Pest des 2. Jahrhunderts auf. Er fragt, ob sich Geschichte wiederholt. Seine Antwort:
“Ja. Gerade in Zeiten, wo Sars-Cov-2 , kurz: das Corona-Virus in aller Munde ist und pandemisch die globalisierte Welt in Angst und Schrecken versetzt, in Zeiten, wo kriegerische Ereignisse, im Nahen Osten, gepaart mit einer Migration von Bevölkerungsteilen ihre Auswirkunge auch auf Mitteleuropa haben, da ist es hilfreich, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Offensichtlich reagiert der Mensch 1860 Jahre nach der sogenannten Antoninischen Pest (165-189/90) mit stereotypischen Verhaltensmustern und Strategien. Diese nachdenklich stimmenden Koinzidenzen und deren Folgen seien aus aktuellem Anlass aufgezeigt.”
Kaiser Marc Aurel beorderte 169 n.Chr. eine Legion aus dem Osten des Reiches ab, um sie an der Donaugrenze einzusetzen. Dort galt es, germanische Stämme abzuwehren, die von Norden her ins römische Reich einfielen, um östlich an den Alpen vorbei Richtung römisches Mutterland zu ziehen. Die Soldaten bringen jedoch die “Pest” mit. Marc Aurels Mitregent Lucius Verus erliegt ihr in Aquileia. Um welche Krankheit es sich tatsächlich handelt, ist heute unklar; wahrscheinlich war es eine Pocken- oder Masernepidemie. Der Kaiser ergreift mit dem Bau eines Legionslager beim heutigen Locica (Slowenien), einem neuralgischen Punkt auf der Route nach Italien, eine bemerkenswerte Maßnahme. Das ÖAI hat diese Anlage erforscht und festgestellt, dass hier bauliche Massnahmen zur Behandlung der Kranken und zur Eindämmung der Krankheit ergriffen wurden. Der Kaiser schlug mit diesem Lager zwei Fliegen mit einer Klappe: Er sperrte den Zugang nach Italien, um das Vordringen der Germanen zu verhindern und mit der Quarantänestation dämmte er die Ausbreitung des Virus im Heer ein. Es gelingt, die Germanen abzuwehren, die Krankheit nimmt jedoch ihren Lauf mit verheerenden Folgen für die Bevölkerung und die Wirtschaft. Groh hält die Massnahmen für sehr fortschrittlich und mit der Gegenwart vergleichbar.
Über vorgeschichtliche Epidemien lernen wir erst in den letzten Jahren, da sie erst neuerdings mit den Methoden der Archäogenetik greifbar werden. Insbesondere die Folgen der Neolithisierung für das Infektionsrisiko sind ins Blickfeld geraten. Während für die jüngeren Perioden die schriftlichen Quellen oft Symptome beschreiben, Datierungen geben und uns auch Hinweise auf die Reaktionen und Wahrnehmungen geben, sind diese Aspekte bestenfalls mit archäologischen Quellen zu identifizieren.

Ein Sammelband des Exzellenzcluster ROOTS der Universität Kiel vereinigt 13 Beiträge aus der Archäologie und ihren Nachbardisziplinen zu Pandemien. Hier präsentieren Fachleute in verständlicher Form aktuelle Forschungen, versuchen aber auch einen Aktualitätsbezug herzustellen und aufzuzeigen, welche Bedeutung das Wissen über vergangene Pandemien für uns heute hat. Es geht ihnen explizit um einen Beitrag zur Krisenbewältigung, die ein tieferes Verständnis benötigt, “das nicht nur medizinisch, juristisch, wirtschaftlich oder politisch informiert, sondern auch kulturell vermittelt ist.”

In den journalistischen Medien spielen die vorgeschichtlichen Seuchen eine vergleichsweise geringe Rolle. Zwar haben die Meldungen über den Nachweis der Pest am Ende der Jungsteinzeit einige Aufmerksamkeit gefunden, doch das war deutlich vor Covid19.

Nur in der Welt griff B. Seewald auf die Vorgeschichte zurück, wobei aber auch er keine Vergleiche mit der aktuellen Situation zog. Die Änderung der Lebensweise zu Sesshaftigkeit und Viehzucht ist verantwortlich für das Auftreten von Salmonelleninfektionen.

Chronologisch übergreifende Perspektiven

Mehrheitlich gehen die Artikel, wie gesehen auf einzelne Epidemien ein. Die Vergleiche zu Covid-19 werden mal explizit aufgeführt, mal dem Leser überlassen und gar nicht thematisiert. Interessanterweise sind übergreifende historische Vergleiche v.a. unter der Rubrik Wirtschaft zu finden. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass hier der Blick auf Datenreihen und die Korrelation von Börsenkurven mit historischen Ereignissen zum fachlichen Alltag gehört.
Der Wirtschaftsredakteur der FAZ, Patrick Bernau, greift am 7.4. die historischen Pandemien auf. Ihn interessiert, was frühere Epidemien mit Vermögen angerichtet haben. Er sieht, dass Seuchen und Pandemien langfristig die Ungleichheit verringern, da Krisen Gelegenheit seien, im Nachhinein auch von den Reichen Solidarität einzufordern und beispielsweise prinzipiell rechtmäßig erworbenes Vermögen stärker zu besteuern.
Zwei Tage vor Bernau beleuchtete bereits der Tagesspiegel die Lohnentwicklung nach Epidemien. Da hier, anders als bei Krieg, Infrastruktur erhalten bleibe, bestünde nach einer Epidemie ein Mangel an Arbeitskräften, das sei gut für Löhne und Arbeiter. Der Tagesspiegel verweist explizit auf eine Studie der FED (Federal Reserve Bank), die im März als Working Paper publiziert wurde.

Dank

Besten Dank an Jutta Zerres fürs Einsammeln von Beiträgen und kurze Zusammenfassungen!!