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Donnerstag, 21. Dezember 2023

Dienstag, 18. September 2018

Grenzüberschreitende Archäowerkstatt in Bärnau eröffnet

Großes Potential für Wissenschaft und Lehre, aber auch für historisches Verständnis, Völkerverständigung über Grenzen und für die wirtschaftliche Entwicklung der oberpfälzischen Grenzregion zu Tschechien bietet das ArchaeoCentrum Bayern-Böhmen. Anknüpfend an den dortigen Geschichtspark, der mittelalterliche Siedlungen vom Früh- bis ins Spätmittelalter präsentiert, besteht es aus der Mittelalterbaustelle und der nun eröffneten Archaeowerkstatt.

Deren Einweihung geriet daher am  11. September zum großen Event unter Beteiligung des tschechischen Kulturminisiters Antonín Stanek wie auch des bayerischen Kultusministers Bernd Sibler und weiterer regionaler Politprominenz. Dabei betonte der CSU-Minister die große Bedeutung offener Grenzen, die man nicht gefährden dürfe, was in einem bemerkenswerten Gegensatz zur Politik seiner Partei steht.
Die Kleinstadt Bärnau mit heute rund 3200 Einwohnern (incl. der 34 Ortsteile!) lag lange Zeit im Schattten des eisenern Vorhangs und wurde durch den Niedergang der Knopfindustrie stark getroffen.  Der Aufbau des ArchaeoCentrum lenkte jedoch zahlreiche Fördermittel, von Land, Bund und EU in die Stadt und hat hier bereits einige private Investitionen angeregt.

Eröffnung der Archäowerkstatt in Bärnau
(Foto: R. Schreg, 11.9.2018)
Für die Archäologie ist der Geschichtspark, Mittelalterbaustelle und die Archaeowerkstatt  eine interessante Infrastruktur, um experimentelle Archäologie im Bereich sehr unterschiedlicher Themen praktisch umzusetzen: Einerseits geht es natürlich um Hausbau und Bautechniken, aber auch um Herstellungstechniken und landwirtschaftliche Praxis. Bei der Eröffnung konnte ein Kooperationsvertrag mit den Universitäten Prag und Pilsen unterzeichnet werden, ein entsprechendes Dokument mit der Universität Bamberg wird folgen. Bereits jetzt gibt es im Studiengang der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit in Bamberg regelmäßig auch ein Lehrangebot in der experimentellen Archäologie, das in Bärnau gehalten wird. Die Archaeowerkstatt bietet nun Räumlichkeiten mit der nötigen Infrastruktur für Materialuntersuchungen; Übernachtungsmöglichkeiten für Studierende und Jugendgruppen sind in der Altstadt von Bärnau geplant, wo weitere Kulturprojekte in Angriff genommen wurden.

Rekonstruktion der frühmittelalterlichen Holzkirche von Kleinlangheim
im Geschichtspark Bayern-Böhmen
(Foto: R. Schreg 2018)


Das Mittelalter mit der sog. Goldenen Straße von Nürnberg nach Prag als Symbol der Bayerisch-Böhmischen Kontakte über die Grenzen hinweg steht hier für die grenzüberschreitende Geschichte, die im 20. Jahrhundert eher von Spannungen und Krieg gekennzeichnet war. So sind in der Region mit Bunkern des Zweiten Weltkriegs, der Gedenkstätte des KZ Flossenbürg und dem ehemaligen Grenzstreifen, in dem auf tschechischer Seite zahlreiche Dörfer abgesiedelt worden sind, auch zahlreiche Monumente der Geschichte des 20. Jahrhunderts präsent und vermitteln so anschaulich die Geschichte dessen, wie sich Grenzen im Lauf der Zeit verändert und verfestigt haben.

Links zur Eröffnung der Archäowerkstatt


weitere Links





Donnerstag, 9. Januar 2014

Das ausgegrabene Experiment - Die Untersuchung eines Grubenbrands durch den Historischen Verein Ingolstadt

Ein Gastbeitrag von Inge Alraum und Bernd Lohmüller

Im Sommer 2001 führte eine fünfte Klasse der Ingolstädter Freiherr-von-Ickstatt-Realschule auf der Wiese des Bauerngerätemuseums im Stadtteil Hundszell einen Versuch zur Herstellung von Keramikgefäßen im offenen Grubenbrand durch.


Vorheizen der Grube mit Holz und Zeitungspapier
(Foto G. Riedel,
m. freundl. Genehmigung)
Positionierung der lederharten Tongefäße
(Foto G. Riedel, m. freundl. Genehmigung)

Im August 2013 organisierte der Historische Verein Ingolstadt eine kleine Lehrgrabung, die eine der beiden Brenngruben dokumentierte. Dabei sollten die Vereinsmitglieder, die bereits bei mehreren Lehrgrabungen in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege und der Gesellschaft für Archäologie in Bayern Erfahrung gesammelt hatten, an einem einfachen Objekt an die selbstständige Durchführung einer kompletten Ausgrabung von der Vermessung bis zur Veröffentlichung versuchen.

Lehrgrabungen unter dem Verursacherprinzip

Durch die Anwendung des Verursacherprinzips in der bayerischen Bodendenkmalpflege sind die Möglichkeiten für solche Unternehmungen an „echten“ archäologischen Befunden stark eingeschränkt worden. Vorrausetzung für die Genehmigung von Ausgrabungen durch Ehrenamtliche wäre, dass das betreffende Bodendenkmal akut gefährdet ist, ohne dass ein Veranlasser zur Finanzierung einer Rettungsgrabung herangezogen werden kann. Zudem müssen vor Grabungsbeginn Versuche unternommen worden sein, die Gefährdung abzuwenden, beispielsweise durch Umnutzung des Geländes. Ebenfalls vorab wären zerstörungsfreie Methoden wie Geophysik zur Erforschung des Bodendenkmals anzuwenden, deren Erkenntnisse aber hinter denen einer Ausgrabung deutlich zurückbleiben sollten. Der Eingriff in das Bodendenkmal müsste also einen klaren Erkenntnisgewinn herbeiführen, der auf anderem Weg nicht zu erhalten wäre. Schließlich ist für die Grabungsmaßnahme eine Fragestellung entsprechend Forschungsgrabungen zu formulieren.

Sind diese Vorrausetzungen erfüllt, kann unter Leitung eines geeigneten Facharchäologen entsprechend den Richtlinien des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege eine möglichst kleinflächige Untersuchung begonnen werden. Fundeigentum,  -verbleib und –restaurierung müssen dabei geregelt sein. Schließlich ist ein Konzept zur Auswertung und möglichst auch zur Veröffentlichung der Grabungsergebnisse vorzulegen.


Von der Ausweichlösung zur Auseinandersetzung mit Befundgenese

Trotz längerer gemeinsamer Überlegungen konnten der Historische Verein Ingolstadt und die zuständige Dienststelle des Landesamts bislang kein Bodendenkmal in und um Ingolstadt ausfindig machen, das sich unter den genannten Voraussetzungen für eine künftige Lehrgrabung eignet. So entschloss sich der Verein, auf die beiden Brenngruben in Hundszell auszuweichen.

Montag, 13. August 2012

Gebrauchsspuren an Keramik

Es gibt auffallend wenige Studien zu Gebrauchsspuren an Keramikfunden. Inhaltsreste werden in der Literatur selten genannt, obwohl sie erfahrungsgemäß gar nicht so selten sind. Auch die meisten Leitfäden zur Beschreibung von Keramik übergehen diesen Punkt.

Kesselstein an hochmittelalterlicher Keramik aus Merdingen
(Foto R. Schreg)
Häufig sind
  • Schwarze anhaftende Krusten. Sie finden sich häufig auf der Innenseite, bisweilen aber auch außen am Rand.
  • Verrußung. Häufig auf der Außenwand.
  • Kesselstein. Kalkablagerungen im Innern, bisweilen ist ein geschichteter Aufbau zu erkennen.
  • Abschabungen und Ritzungen.

Problematisch bei diesen Gebrauchsspuren ist es, dass sie beim Waschen der Scherben verloren gehen können. Beanspruchungen der Oberfläche sind häufig durch "Bürstenstrich" vom Sauberschrubben überprägt.


Hochmittelalterliche Keramik aus
Merdingen FR (1-2) und Altdorf BB (3-5)
(Graphik R. Schreg, aus Schreg 2012)
Sehr häufig weisen die Gefäße der hochmittelalterlichen nachgedrehten Waren (Abb. Nr. 1-2)  in Südwestdeutschland Gebrauchsspuren auf. In der beistehenden Abbildung finden sich auf der Innenseite der Scherbe Nr. 1 anhaftende Kalkreste. Auf Nr. 2 sind im Randknick schwarze organische Reste erkennbar.
Nach meinen empirischen Beobachtungen sind Kesselstein wie auch anhaftende organische Reste bei der nachgedrehten Keramik weit häufiger als bei der Älteren gelben Drehscheibenware (Nr. 3-5). Derzeit kann allerdings wohl nicht ausgeschlossen werden, dass dies damit zusammenhängt, dass die nachgedrehte Keramik vorsichtiger gewaschen wird, während die härter gebrannte, helle gelbe Drehscheibenware zu stärkerem Schrubben animiert.
Ausgesprochen häufig treten bei der nachgedrehten Ware auch Reparaturlöcher auf (Nr. 2).

Entsprechend sind bei der Bearbeitung handgemachter Keramik in Panama (vgl. Archaeologik) nur an Scherben dieser Warenart dicke schwarze Krusten aufgefallen. Sie lässt sich dadurch eindeutig funktional als das Kochgeschirr gegenüber anderen Waren wie der Majolica und der Hafnerware absetzen. Bei einigen Scherben der handgemachten Keramik wurden an der Innenseite Abnutzungsspuren beobachtet, teilweise offenbar auch durch die Nutzung von Messern.

Phytolith
(Foto: H.G. Naton [CC BY-SA 3.0]
via WikimediaCommons)
Im Rahmen unserer Untersuchungen zur frühneolithischen Besiedlung der Schwäbischen Alb (siehe Archaeologik) wurden testweise in den USA einige Proben von Inhaltsresten der Grabung Sonderbuch Schaghau 2008 auf Phytolithen untersucht. Dabei zeigte sich, dass sich diese Silikatablagerungen aus Pflanzenzellen gut nachweisen lassen. Da die Phytolithen mehrheitlich kaum artspezifisch sind, sind Rückschlüsse auf den Inhalt schwierig und bedürfen einer relativ großen Probe. Trotzdem scheint es lohnend, diesen methodischen Weg weiter zu verfolgen.

Für eine nähere Bestimmung der Krusten kommen verschiedene Analyseverfahren in Frage. Am einfachsten ist der Einsatz eines digitalen Mikroskops, doch kenne ich bislang keine nutzbaren Referenzbilder, um etwa Reste von Sinterablagerungen (Kesselstein) sicher von Engoberesten zu unterscheiden oder Verrrußungen von eingekokelten 'Suppen'resten zu trennen. 
Chemische Analysen wurden häufig zur Analyse von Inhaltsresten, insbesondere von Fetten eingesetzt. Hier ist daran zu denken, dass die Ethnologie verschiedene Verfahren kennt, die normalerweise poröse Irdenware durch Fette oder das Auskochen mit Milch wasserdicht zu bekommen. Eine Möglichkeit sind Phytolithenanalysen, wie sie anderswo bereits eingesetzt wurden, im Einzelfall könnte evtl. auch C/N-Isotopie in Frage kommen.


Inhaltsreste an einem Scherben der LBK aus Sonderbuch, Schlaghau, Grabung 2008. In dieser dunklen Masse ließen sich mehrere Phytolithen nachweisen. Für die Interpretation der Mikroskopaufnahmen fehlt uns z. Zt. die nötige Expertise. Auffallend sind wiederholt die bläschenartigen Strukturen in den Randbereichen der anhaftenden schwarzen Masse.
(Foto: R. Schreg)

 Voraussetzung für eine Bearbeitung solcher Gebrauchs- und Inhaltsreste scheint mir eine systematische Serie experimenteller Archäologie. Benötigt werden Referenzproben, die mittels einer ersten optisch-mikroskopischen Vergleichs eine Eingrenzung der weiteren geeigneten Analytik ermöglicht. Dazu wird man nicht nur verschiedene Nutzungen, sondern vor allem auch verschiedene Keramik-Qualitäten zu berücksichtigen haben.
Experimentelle Archäologie ist aber vor allem für das Verständnis mechanischer Gebrauchsspuren von Bedeutung. Hier ist eine große Bandbreite zu bedenken - bis hin zum Hundefressnapf.
Vielleicht lässt sich im Idealfall anhand einer Mikrostratigraphie unterschiedlicher Einwirkungen ja die individuelle Nutzungsgeschichte eines Gefäßes rekonstruieren.

Dank

Maria Raviele für die Phytolithenanalysen aus unserem Alb-Projekt.

Literaturhinweise
Interne Links


Nachtrag (13.8.2012)
Als Reaktion auf diesen Post hat Maxi Platz Beispiele aus Marburg auf ihrem Blog vorgestellt, bei denen sich das Problem stellt, ob Engobe oder Verrußung vorliegt:

    Mittwoch, 1. August 2012

    Untersuchungen zur Hornsteinnutzung auf der Blaubeurer Alb


    Regal mit den Silexfunden aus Asch, Borgerhau
    (Foto R. Schreg)
    In den vergangenen vier Wochen wurden die Arbeiten an unserem Forschungsprojekt zur neolithischen Besiedlung und Hornsteinnutzung auf der Blaubeurer Alb fortgeführt. Nachdem in den Jahren 2006 bis 2009 mit Finanzierung durch die US-National Science Foundation Grabungen an zwei Siedlungsplätzen sowie einer Silexabbaustelle durchgeführt wurden, ist die Auswertung des umfangreichen Fundmaterials noch nicht abgeschlossen.
    Die Funde lagern inzwischen bei der Denkmalpflege des RP Tübingen.


    Das diesjährige Arbeitsprogramm umfasste:
    •  Restarbeiten zur Analyse der im Fundbestand häufigen ausgesplitterten Stücke. Dazu wurde eine kleine Serie von Experimenten durchgeführt, die bei der Frage helfen sollte, wofür diese Stücke verwendet worden sind.
    • Mikroskopische Untersuchungen zur Unterscheidung der verschiedenen Silexlagerstätten und zur Provenienzbestimmung der Silices in den ergrabenen Siedlungen. Verschiedene Silexlager auf der Alb wurden aufgesucht und beprobt. Dabei wurde im unmittelbaren Untersuchungsgebiet bei Sonderbuch eine neue Lagerstätte entdeckt.
    • Arbeit an verschiedenen Manuskripten
    • mikroskopische Aufnahmen von Inhaltsresten an Keramikfunden

    Zerlegen einer Silexknolle einer neu entdeckten
    Lagerstätte bei Sonderbuch
    (Foto R. Schreg)

    Mikroskopaufnahme einer Silexknolle aus Asch, Borgerhau
    (Foto R. Schreg)
    Inhaltsreste an Keramikscherben der LBK Siedlung
    Sonderbuch, Schlaghau (Foto R. Schreg)
    Interne Links

    Montag, 17. Oktober 2011

    Schweinesuhlen im archäologischen Experiment

    Antiquity Project Gallery v. Sept. 2011 stellt die Ergebnisse eines archäologischen Experiments in West Stow dar, die interessant im Hinblick auf archäologische Studien zur Landnutzung sind. Zwei Schweine wurden in einem kleinen Gehege gehalten, dessen Boden anschließend mit Mikromorphologie und Phosphatanalysen untersucht wurde.
    Das Ergebnis ist grundsätzlich nicht überraschend: Es zeigt sich ein deutlich erhöhter Phosphatgehalt im durchwühlten Boden. Mit den Untersuchungen liegen nun jedoch Referenz-Untersuchungen dar, die grundlegend für die Interpretation von Phosphatanalysen in Bezug auf Landnutzung sind.
    Interner Link


    Sonntag, 5. Juni 2011

    Replikate von Feuersteinwerkzeugen werden zum Problem

    Ein Artikel von John C. Whittaker und Michael Stafford "Replicas, Fakes, and Art: The Twentieth-Century Stone Age and Its Effects on Archaeology" berichtet bereits 1999 über die steigende Zahl von Hobby-Silexbearbeitern. Das Ausmaß dieser modernen Silexgeräteproduktion ist für die Archäologen kaum abzuschätzen. Es ist verbunden mit der Entstehung eines florierenden Markts für Antiquitäten, Fälschungen, Replikaten und moderner Silexkunst. Zunehmend wird die archäologische Überlieferung durch die modernen Schöpfungen und ihre Produktionsabfälle verunreinigt - oder es werden gar neue 'Fundstellen' geschaffen. Alte Silexquellen werden durch die Hobby-Steinschläger teilweise sehr erheblich ausgebeutet.
    Whittaker und Stafford beschrieben die Situation vor über 10 Jahren in den USA. Was wissen wir über dieses Phänomen in Deutschland?

    Literaturverweis
    John C. Whittaker / Michael Stafford, Replicas, Fakes, and Art: The Twentieth Century Stone Age and Its Effects on Archaeology. American Antiquity 64 (2), 1999, 203-214 (http://www.jstor.org/stable/2694274)