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Dienstag, 8. Oktober 2024

CfP - Ruralia-Konferenz XVi, 2025 in Kłodzko / Polen - „Land und Stadt. Ländliche Siedlungen im städtischen Umland in Mittelalter und Neuzeit“

Das Thema Stadt und Land ist ein altes Thema, allerdings mit einer ungebrochenen Aktualität. Derzeit ist verstärkt vom Stadt-Land-Gefälle die Rede, in Deutschland gar vom geteilten Land, was darauf aufmerksam macht, dass rund 3ß Jahre nach der Wedervereinigung die Unterschiede zwischen Ost- und West durch andere regionale Differenzierungen abgelöst werden. Dabei spielen die Unterschiede zwischen Stadt und Land zunehmend eine wichtige Rolle. Den dynamischen, optimistischen, elitären Städten steht ein ländlicher Raum gegenüber, der teils überaltert, infrastrukturell vernachlässigt und  abgehängt erscheint. Es scheint mit der Industrialisierung und der Entstehung einer Dienstleistungsgesellschaft in Vergessenheit geraten, dass der ländliche Raum das Rückgrat auch der Städte darstellt. Ohne die Lebensmittelproduktion auf dem Land kann keine Stadt existieren. Auch das ist heute bei globalen Warenströmen und einem Energiesystem, das nicht mehr wie vor der Erschließung der Kohle auf Wasser- und Windkraft, vor allem aber auf nachwachsende pflanzliche Energieträger angewiesen ist, kaum noch im Bewußtsein. Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass die modernen Bauern dieser Aufgabe der Produktion gar nicht mehr nachkommen, denn die moderne Agrarwirtschaft benötigt mit Kunstdünger und Maschineneinsatz mehr Energie als sie erzeugt.

Daraus ergibt sich eine umwelthistorische Perspektive, aber die These einer gespaltenen Gesellschaft zwischen Stadt und Land verweist auch auf unterschiedliche demographische Strukturen, auf Landflucht, eine rückständige bzw. vielfach eher absinkende Infrastruktur etwa in der medizinischen Versorgung,  oder in der Nahversorgung mit schließenden Läden des Einzelhandels, dem Abbau von Bankfilialen und Dienstleistungsangeboten. Meist sind die ländlichen Gemeinden heute auch nicht mehr autonom, sondern wurden in Gemeindereformen entweder  von ihren städtischen Nachbarn eingemeindet oder zu oft ausgedehnten Verwaltungsgemeinschaften zusammengefasst. Der Ausbau des ÖPNV und die Breitbandersorgung rentieren sich für Investoren kaum und kommt nicht voran. Tatsächlich scheint die Unzufriedenheit die Landbevölkerung anfälliger zu machen für populistische Parolen. Das zeigt zumindest, dass die Stadt-Landbeziehungen auch eine wirtschaftliche, soziale und politische Dimension haben.

Ist das alles eine neue Entwicklung? Wie sieht dies in der historischen Dimension aus? Vieles, was ich hier an Faktoren angeführt habe, war in vormoderner Zeit ohne Relevanz. Eine medizinische Versorgung in unserem Sinne war auch in der Stadt nur bedingt gegeben, an eine kommunale Selbstverwaltung im modernen Sinn war nicht zu denken - wenngleich man die bäuerliche Agency wohl auch nicht unterschätzen darf. 

Das ist erst mal meine Einschätzung zur Relevanz der Thematik. Die kommene Ruralia-Tagung 2025 greift das Thema aus der Sicht einer Archäologie des ländlichen Raumes auf.

Die Organisatoren  der Tagung charakterisieren das Verhältnis zwischen ländlichem Umland und Städten als Dialog und verweisen darauf, dass die Stadt von ihrem Umland abhängig war und es gleichzeitig auch prägte. "Die Metapher, dass die ländlichen Siedlungen und ihr Hinterland sowie die Städte einen funktionierenden Organismus bildeten, mag banal klingen; Ein Blick auf die Forschung zeigt jedoch, wie oft sie  Land und Stadt isoliert betrachtet und Zusammenhänge vernachlässigt hat."

Die Ruralia-Tagung will eine Plattform bieten, um die Auswirkungen ländlicher Landschaften auf die städtische Umgebung zu untersuchen und die Zusammenhänge und Kontraste in verschiedenen räumlichen und historischen Kontexten in den Mittelpunkt zu stellen.

Der Call for Paper sucht vor allem Beiträge, die folgende Themen und Fragen behandeltn:

  • methodisch-theoretischer Rahmen und archäologische Konzepte zum städtischen Hinterland bzw. Land-Stadt-Beziehungen.
  • räumliche Strukturierung des städtischen Hinterlands. Gibt es verschiedene Zonen? Gibt es charakteristische archäologische Befunde? Iwiefern spiegeln diese die soziale Praxis? 
  • Chancen und Probleme landschafts- und umweltarchäologischer Befunde
  • Sozioökonomische Strukturen und Prozesse. Wie beeinflüssen ländliche Sielungen und Landnutzung die sozioöonomischen Strukturen der benachbarten Städte? Wie tragen archäologische Befunde zum Vrständnis der Argrargeschichte, des Wandels der Siedlungsgefüge der Sozialstrukturen und zur Schwächung bäuerlicher Gemeinden, zur Kommerzialisierung und Monetarisierung der Agrarwirtschaft bei?
  • Der Einfluß städtischer Grundeigentümer und Investoren auf das LandBeziehungen zwischen städtischem und ländlichem Handwerk 

Es soll der Transfer von Wissen, Innovationen, Gütern, Produkten, Institutionen und Menschen ebenso untersucht werden, wie die Infrastruktur, die durch unterschiedliche Ebenen territorialer Kontrolle und Machtstrukturen geprägt ist und ländliche Regionen unterschiedlich beeinflusst hat. Die Perspektive dieser Konferenz ist der Blick von der ländlichen Landschaft auf die Stadt und nicht umgekehrt.

 

Ich fände es gut, wenn die oben skizzierten verschiedenen Perspektiven aus Umwelt-, Sozial-, und Wirtschaftsarchäologie vertreten wären.

In den vergangenen Jahren waren bei Ruralia Deutschland und die Schweiz (für die es aktuell keinen Landesvertreter im Ruralisa-Kommitee gibt) unterrepräsentiert. Vorschläge für Präsentationen auf der Tagung, insbesondere auch von Nachwuchswissenschafter*innen dürften dem Auswahlkommitee also hoch willkommen sein!

 

Ruralia XVI in Kłodzko / Polen

Die Tagung soll vom 8. bis 14. September 2025 in Kłodzko / Poland stattfinden. Der Ort in Schlesien nahe der Grenze zu Tschechien wurde auch deshalb gewählt, weil die Tagung gemeinsam Pawel Duma aus Wrocław und Tomas Klír aus Prag organisiert wird.
Am Wochenende nach der Tagung findet wie bei Ruralia üblich eine Post-Conference-Excursion statt.

historische Ansicht von Kłodzko/ Glatz

Tagungsbeiträge gesucht!

Das Organisationsteam hat nun einen Call for Papers gestartet. Gesucht werden Vorträge von voraussichtlich 20 min Dauer, in begrenztem Ausmaß auch Posterbeiträge. Sie sollen später im Konferenzband nach einem Review auch publiziert werden.

Organisatorisches 

Die Konferenzsprache ist Englisch. 

Die Tagungsgebühren mit Unterkunft und Verpflegung liegen bei 550€, dazu kommen die Reisekosten sowie die Teilnahme an der Exkursion (ca. 280€). Ruralia möchte aber auch Nachwuchswissenschaftler:innen zur Teilnahme gewinnen und bietet ggf. finanzielle Unterstützung an. 
Das Organisationsteam ist zu erreichen unter ruralia2025@gmail.com

Frist für die Anmeldung mit Abstracts ist der 31.1.2025.

Weitere Informationen:


 

RURALIA - European Association for Medieval and Post-Medieval Rural Archaeology

RURALIA ist eine internationale Vereinigung für die Archäologie mittelalterlicher (und neuzeitlicher) Siedlungslandschaften und des ländlichen Lebens. Es bietet eine europaweite Plattform für den wissenschaftlichen Austausch über aktuelle Probleme der ländlichen Archäologie, um vergleichende und interdisziplinäre Studien zu stärken. Die Konferenz umfasst die Zeit vom frühen Mittelalter bis zur frühen Neuzeit. Die Konferenzsprache ist Englisch. 
 

 


Internal Links

Samstag, 9. September 2023

Haushaltsgüter im ländlichen Raum: Publikation Ruralia XIV erschienen!


Catarina Tente / Claudia Theune (Hrsg.)


Household goods in the European Medieval and Early Modern Countryside

Ruralia XIV


(Leiden 2013)

Paperback ISBN: 9789464270600
und online: DOI: 10.59641/cd27f3b4


Pünktlich zur Ruralia XV-Konferenz in Fredrikstad in Norwegen ist die Publikation der vorausgehenden Tagung Ruralia XIV in Viseu, Portugal erschienen.

Die Tagung fand vom 13. 9. bis 19. 9. 2021 in Viseu statt. Aufgrund der Covid19-Pandemie wurde sie hybrid abgehalten. Die in Person anwesenden Teilnehmer*innen nutzen die Tagung für einige Feldexkursionen, die die ländliche Siedlungslandschaft in Nordportugal thematisierte. Besucht wurden unter anderem saisonale Siedlungsplätze in den Bergregionen östlich von Viseu.

Das Tagungsthema befasste sich mit Haushaltsgütern, um so eonen vertieftes Verständnis des Alltags im ländlichen Raum zu gewinnen. Ziel der  Tagung war es, die Bedeutung der Haushaltsarchäologie für die Erforschung des ländlichen Raumesim Mittelalter und in der Neuzeit unter einem interkulturellen Ansatz herauszuarbeiten.

 

Cabin in central Portugal
(Oliveira, .V.;Galhano, F; Pereira, B.; Constru
ções primitivas em Portugal.
Centro de Estudos de Etnologia, Lisbon, 1969).


Die Analyse von Hausstrukturen und -inventaren, aber auch von Alltagsgütern wie z.B. Keramik verrät vieles über den Alltag vergangener Gesellschaften. In der Regel gibt es für das Mittelalter und die frühe Neuzeit dazu eine Vielzahl von Quellen aus Texten und Bildern. Viele Aspekte sind aber nur über die materiellen, archäologischen Überreste zu erfassen. Das gilt in besonderem Maße für den ländlichen Raum, der einst, die Mehrzahl der Bevölkerung umfasste.

Der Tagungsband enthält über 20 Beiträge mit konkreten Fallstudien aus fast allen Teilen Europass, die eine wichtige Grundlage füt die Ansätze der sonst häufig sehr theoretischen household archaeology liefern. Beiträge, die die Objekte aus einzelnen Haushalten untersuchen, stehen neben solchen, die bestimmte Fundkategorien diskutieren. Mein eigener Beitrag beispielsweise beleuchtet die bislang leider kaum genutzten Potentiale der Forschung zur mittelalterlichen Keramik in Süddeutschland.


Inhaltsverzeichnis

Foreword and Introduction

Household goods in the European medieval and early modern countryside – an introduction
Catarina Tente, Claudia Theune

Archaeology and Household

Is that all there is? Reflections on the presence and survival of household goods in archaeological contexts
Bert Groenewoudt, Rowin van Lanen

Household goods illuminated by motivation and need theories in Hanfelden Castle in the early modern countryside of Styria, Austria
Iris Winkelbauer, Claudia Theune

Household and home life in the Russian Countryside during the sixteenth to first half of the eighteenth century, according to archaeological finds in Alexandrovskaya Sloboda
Irina Zaytseva

Tenth-century peasant houses and household goods. The potential and limitations of the archaeological record from Beira Alta (Portugal).
Tente, Gabriel de Souza, João LuísVeloso, Catarina Meira

Temporary households

Exploring the “extended” household? Historical landscapes, material culture and building materials at the Monte Fasce settlements, Liguria, Italy (17th-21st c.)
Giulia Bizzarri, Anna Stagno

Household in a settlement dealing with large animal husbandry from the 10-11th century in west Hungary
Ádám Pátkai

Living conditions and household

Making a house a home: odd deposits in ordinary households in later medieval Ireland 1200-1600 AD
Karen Dempsey

Checking-in at the multispecies hotel: Natureculture and the early medieval house
Rachel Brody

Households from early medieval rural settlements in Alto Alentejo (Central Portugal): material culture and social structures
Sara Prata, Fabián Cuesta-Gómez

Spatial structure and household

Refitting the past. The spatial distribution of finds as a key for understanding activities and the use of space in medieval farm buildings in the Northern Netherlands
Jan van Doesburg

Kecskemét-Törökfái-dűlő: structure and topographical elements of an Árpádian-age settlement in the Danube-Tisza Interfluve Region, Hungary
Nikoletta Lukács

Social and economic status and household

Household goods of late medieval peasants in Denmark
Mette Svart Kristiansen

Household goods from excavations at homestead in Kopaniec (Seifershau), Poland
Paweł Duma, Jerzy Piekalski

Contextual value of iron household goods in the late medieval countryside: testimony of the Czech Lands
Tomáš Klir, Martin Janovský, Lucie Hylmarová

Peasant household – noble household: objects and structures. Some remarks on household archaeology of late medieval Hungary
László Ferenczi, Edit Sárosi, Csilla Zatykó

Social inequality and household goods in central Iberia during the early middle ages
Carlos Tejerizo

Lord in the Village: Can houseware and personal equipment indicate the presence of a social class?
Andrej Janeš

Local societies and early medieval domestic economies in the light of the Basque Country archaeological record (8th-10th centuries)
Juan Antonio Quirós Castillo

Particular activities – particular household objects

Pottery in medieval rural households – perspectives of archaeological research in Southern Germany
Rainer Schreg

Household goods for winter travel and leisure in Norway – objects, games and processes of enculturation
Marie Ødegaard, Kjetil Loftsgarden

Household goods of Ottoman soldiers in the rural fortified settlements of the 16th–17th century in Hungary
Ágnes Kolláth, Bianka Kovávs, Gyönyi Kovács, Zsófia Nádai

A sign of wealth or everyday objects? The use of stoneware vessels in medieval and early modern Southern Finland
Tuuli Heinonen

Artefacts of osseous and keratinous materials from the Netherlands – the project
Jørn Zeiler, Marloes J. Rijkelijkhuizen, Marloes, Joyce van Dijk



 

interner Link

 


 

Freitag, 30. Juni 2023

Archäologie vor dem Abgrund: dringend Grabungsmitarbeiter gesucht

Aktuell laufen - wie eigentlich immer - dringende Notgrabungen vor den Schaufelradbaggern der rheinischen Braunkohle.

Obwohl Heimatforscher aus der Region frühzeitig einen Antrag auf ein Grabungsprojekt gestellt hatten, verzögerte sich die Bewilligung so lange, dass wieder nur als Notgrabung mit allerhand Kompromissen und Preisgaben dokumentiert werden kann. Es geht um die Bochheimer Höfe am Tagebau Hambach, einen Siedlungsplatz, der in der frühen Neuzeit als festes Haus ausgeprägt war. Der Baubestand wurde ohne ausreichende Bauuntersuchung abgerissen, aber immerhin konnten hier Grabungen angesetzt werden, die versprechen, Licht auf die Entstehung des Platzes zu werfen.

 

Manheim und Bochheim werden zerstört
(Foto: R. Schreg, 2019)

Das Projekt, das von den Kerpener Heimatfreunden initiiert wurde, ist offen für Laien-Archäologen, denn es ist gezielt als Citizen Science angelegt. Fachlich angeleitet werden die Grabungarbeiten im Rahmen des Projektes  von der Grabungsfirma Arthemus, die jetzt verstärkt neben weiteren ehrenamtlichen, auch studentische Mitareiter*innen sucht.

Vorausichtlich steht in nächster Zeit die Bergung einiger Brunnen an, in denen mit Feuchterhaltung zu rechnen ist. Das kommt gerade im ländlichen Raum nicht so häufig vor. Es besteht also die Chance auf etwas, das in den Medien gerne als "Sensation" bezeichnet wird...

Das Projekt ergänzt Bamberger Sondagearbeiten, deren detaiilierte Publikation noch in Arbeit ist, über die aber ein Vorbericht informiert:

  • P. Petersen/ R. Schreg. Kleiner Bagger vs. großer Bagger. Ein Schaufeltestsurvey zur Dorfgenese von Manheim (Stadt Kerpen, NRW) im Rheinischen Braunkohlerevier. Mitt. Dt. Ges. Arch. Mittelalter u. Neuzeit 34, 2021, 147-156. - https://doi.org/10.11588/dgamn.2021.1.94612

Auch im Umfeld von haus Bochheim wurden Feldbegehungen und Sondagen durchgeführt, ohne jedoch die zu vermutende frühmittelalterliche Siedlung zu finden. Sie hat gute Chancen, unerkannt abgebaggert zu werden und als historische Quelle verloren zu gehen, da mit den verfügbaren Mitteln nicht an eine angemessene flächige Prospektion zu denken ist. Im benachbarten Manheim konnte mit dieser Methodik jedoch gezeigt werden, dass die Siedlung des frühen Mittelalters südwestlich des späteren Dorfes lag, dessen Aufsiedlung im wesentlichen erst im Hochmittelalter begonnen hat (trotz einer frühmittelalterlichen Nennung!).  Offen ist hier jedoch, wie weit die Kirche und die Besiedlung ihres unmittelbaren Umfelds zurück reicht. Frühere Untersuchungen der Dorfarchäologie im rheinischen Braunkohlerevier haben selten die Ortskerne genauer untersucht, so dass die Quellen zum Verständnis der Entwicklung der Dörfer in der Region vom Kohlebagger zerstört wurden.

Die Situation der Archäologie im Rheinischen Braunkohlerevier ist seit langem prekär, doch wird dies erst in jüngerer Zeit verstärkt auch öffentlich angeprangert. Die Außenstelle Titz des LVR hat schonvor Jahren den Verlust an archäologischen Denkmälern auf 95% geschätzt.

  • M. Westphal, 70 Jahre „Landschaft in Not“: Appelle gegen die Zerstörung unseres Kulturerbes im Rheinischen Braunkohlenrevier. Archäologische Informaztionen 45, 2022, 169-176. - DOI: https://doi.org/10.11588/ai.2022.1.95267 

 

Weitere Links

Mittwoch, 8. Dezember 2021

Wüstungsforschung reloaded

Eike Henning Michl

Wüstungsforschung in Deutschland. Eine Einführung

Norderstedt 2021

ISBN 978-3-7543-3825-4
162 S.

€ 7,99

Meine Rezension dazu ist bei  H-Soz-Kult, 08.12.2021, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-112848> erschienen.

 

Nachtrag: Der Band ist neben der Printausgabe (7,99€, ISBN-13: 9783754338254)  auch als  günstigeres E-Book (3,99 €; ISBN-13: 9783754369289) erschienen.


Dienstag, 16. November 2021

Ein Dorf bei München - südbayerische Keramikchronologie und das vergessene Spätmittelalter

Melanie Marx

München-Moosach. Eine früh- bis hochmittelalterliche Siedlung vor der Stadtwerdung

Abhandlungen und Bestandskataloge der Archäologischen Staatssammlung digital 2

(München: Archäologische Staatssammlung München 2020)

digital, pdf-Download via BSB, 97 S., 65 durchgängig farbige Abb., 13 Tafeln


ISBN 978-3-927806-47-4



Auf den ersten Blick handelt es sich um eine bescheidene Grabungspublikation, aber sie ist doch mehr als die Vorlage von ein paar Scherben und ein paar Pfostenlöchern - obwohl bei der Grabung eigentlich nicht viel mehr heraus kam - jedenfalls wenig "Sensationelles". Immerhin gab es an der Fundstelle bei einigen Brunnen eine gute Holzerhaltung, so dass mehrere Dendrodatierungen vorliegen.

Interessant ist die Grabungspublikation deshalb, weil es sich um eine detaillierte Befund- und Fundvorlage aus dem Raum München handelt, dem für das Verständnis der mittelalterlichen Siedlungsgeschichte große Bedeutung zukommt, vor allem weil es im Umfeld Münchens eine große Zahl von Ausgrabungen (früh)mittelalterlicher Siedlungen gibt, angemessene Publikationen aber noch immer weitgehend fehlen.

Grabungen in früh- und hochmittelalterlichen Siedlungen im Norden Münchens
(Kartengrundlage OpenStreetmap & Contributors / OpenTopoMap, SRTM)


Inhalt

Vorwort (Rupert Gebhard) 9
Danksagung 10
Einleitung 11
Topographie und Geschichte des Fundortes 13
Die Ausgrabung 17
Die früh- bis hochmittelalterlichen Befunde 19
Brunnen 19
Hausstrukturen 37
Einzelpfosten ohne erkennbare Hausgrundrisse 41
Ofen 42
Keramik 43
Rätische Knickwandschale 44
Rauwandige, nachgedrehte Ware 44
Goldglimmerware 47
Rauwandige, helle Ware mit Reduktionskern 47
Hoch- bis spätmittelalterliche Keramik 47
Fazit: Moosach wird „sesshaft“ – Hof, Kirche und Friedhof 49
Dendrologie 51
Verschiedene Holzbefunde aus der Grabung 2010 (Franz Herzig und Andrea Seim) 51
Brunnen verschiedener Zeitstellung aus der Grabung 2011 (Franz Herzig) 56
Anthropologie zu Befund 195 (2011) 66
Anthropologische Untersuchung des Skeletts (Bernd Trautmann) 66
14C-Analyse des Skeletts (Ronny Friedrich) 67
Katalog 69
Anhang 93
Literaturverzeichnis 93
Bildnachweis 96
Verwendete Abkürzungen 97
Autoren 97


Die Siedlungsgeschichte

Moosach liegt nordwestlich des Münchner Stadtzentrums und war bis 1913 eine eigenständige Gemeinde. 2010 und 2011 wurden im Ortszentrum (Franz-Fihl-Straße 10/11) Ausgrabungen durchgeführt, die vor allem Fragen der Siedlungskontinuität und der Ortskonstanz ab dem frühen Mittelalter verfolgen sollten. Die erste urkundliche Erwähnung des Ortes anläßlich einer Schenkung  datiert ins Jahr 807, wenige Jahre später, am 2. Oktober 815 wird die Moosacher Kirche durch den Grafen Cundhart und seine Frau Adalfrit an den Bischof von Freising gteschenkt.  Die Autorin postuliert, dass der Bau der Kirche sei für Moosach ein "Wendepunkt, wie er am Übergang der von Mobilität und Migration geprägten Merowingerzeit zur Karolingerzeit mit zunehmender Dauerhaftigkeit der Ansiedlungen bis in die heutige Zeit zu suchen ist" (S. 12). Das untersuchte Grundstück befindet sich in nächster Nähe zur alten Pfarrkirche St. Martin.



Keramikfunde

Dankenswerterweise nutzt die Arbeit eine Keramikterminologie, die nicht mit irgendwelchen Zahlencodes verschlüsselt ist und greift auf ein Warenartkonzept zurück, das Waren nicht allein nach ihrer Scherbenbeschaffenheit und Herstellungstechnik definiert, sondern zugleich auch den Formenbestand berücksichtigt. Die inhaltlich-methodisch problematische Verwechslung bzw. Gleichsetzung von Materialgruppe und Warenart ist jedenfalls erfolgreich umschifft. Die lange Zeit übliche Datierung allein nach den Randformen ist gerade bei den schlichten Formen des frühen Mittelalters wenig präzise, ebenso, wie allein eine Gliederung nach dem Material des Scherbens wenig Aussagekraft besitzt.

Das Keramikfundmaterial von Moosach kann freilich nur einen begrenzten Beitrag für eine bessere Klassifizierung der früh- und hochmittelalterlichen Keramik in Süddeutschland leisten, denn die Fundmenge ist eigentlich eher gering. Gerade einmal 109 Scherben liegen vor. An diesem Material wurden (von einer römischen, rätischen Knickwandschale abgesehen) die folgenden Warenarten unterschieden:

  • Rauwandige, nachgedrehte Ware [gesamt] 
    • Grob quarzgemagerte rauwandige, nachgedrehte Ware 
    • Rauwandige, nachgedrehte Ware mit Silberglimmermagerung 
    • Rauwandige, nachgedrehte Ware mit Silberglimmermagerung und gröberem Quarz
    • Rauwandige, nachgedrehte Ware mit weißer Magerung
  • Goldglimmerware
  • Rauwandige hellgraue Ware mit Reduktionskern
  • Scheibengedrehte Ware (hoch- bis spätmittelalterliche Keramik)

 

Dominierend in dem Fundbestand, der sich für eine statistische Betrachtung als zu klein erweist, sind die rauwandigen nachgedrehten Waren, die sich vornehmlich anhand ihrer Magerungsbestandteilen differenzieren lassen. Das Formenspektrum der Randbildungen weist vor allem ausbiegende Ränder auf, die mal mehr, mal weniger deutlich schräg abgestrichen sind.


nachgedrehte Keramik aus München-Moosach
(Marx 2020)
 

 
Melanie Marx verweist die nachgedrehte Ware mit abgestrichenen Rändern ins 7./8. Jahrhundert und beruft sich auf Vergleiche aus dem Kloster Frauenchiemsee, dem Burgstall von Burghöfe südlich von Donauwörth, im Kloster Sandau sowie generell im Rahmen der so genannten Burgheimer Ware. In Moosach legen die Dendrodaten aus den Brunnen allerdings eine wesentlich längere Laufzeit der Siedlung nahe, ohne dass sich dies adäquat im Fundbestand wiederspiegelt. Zu nennen ist hier allenfalls ein Wulstrand der Drehscheibenware oder nachgedrehten Ware, der ins späte 11. bis frühe 13. Jahrhundert datiert (S. 47). Eine der Scherben stammt aus einem Brunnen, der dendrodatiert in die Mitte des 12. Jahrhunderts gehört.
 
Eventuell ist die Laufzeit der  nachgedrehten Ware mit abgestrichenen Rändern mit einer Eingrenzung auf das 7.(8. Jahrhundert zu eng gefasst. Eine längere Laufzeit der abgestrichenen Ränder wurde bereits bei der Bearbeitung von Sandau durch Eleonore Wintergerst in den Raum gestellt  (Wintergerst 2003). Diese Frage ist gerade für die Grabungen mittelalterlicher Siedlungen im Großraum München von großer Bedeutung. Diese Datierungen haben nämlich erheblichen Einfluß darauf, wie man in Südbayern den Prozess der Dorfgenese einzuschätzen hat, ob sie im 10./11. Jahrhundert oder wie in dem meisten Nachbarregionen erst im 12./13. Jahrhundert erfolgte (vgl. Schreg 2009). Daraus ergeben sich völlig unterschiedliche historische Einordnungen und Zusammenhänge.

Nachgedrehte Waren wie aus Moosach sind im gesamten süddeutschen Raum während des frühen und hohen Mittelalters bekannt. Auch die 'slawischen' Waren, wie sie sich etwa in der Oberpfalz und Oberfranken finden, sind hier zuzurechnen. Allerdings ist die Entwicklung der nachgedrehten Waren und ihrer Ränder für weite Teile Süddeutschlands bisher nur ungenügend bekannt. Die relativ einfache Herstellungstechnik und die einfachen Randformen liefern wenige signifikante typologische Merkmale für eine klare chronologische Differenzierung. Die überwiegende Überlieferung aus Siedlungskontexten, insbesondere aus Grubenhausverfüllungen und Kulturschichten erschwert auch eine stratigraphische Auswertung.

Regionale nachgedrehte Warenarten

Problematisch ist auch die regionale Differenzierung. Hier ergeben sich Unterschiede aus den lokal verfügbaren Tonvorkommen und Magerungszusätzen; oft ähneln sich Randformen auf den ersten Blick oft großräumig.
Ich stelle den Moosacher Funden hier einmal vergleichbares Material aus Schwaben und dem Ulmer Raum weiter westlich gegenüber. In Ulm, Ravensburg oder auch der Burg Wittelsbach werden durchaus ähnliche Randformen nachgedrehter Ware erst in das 11./12. Jahrhundert datiert. 
Abgestrichene Ränder sind auch im Ulmer Raum aus gesicherten frühmittelalterlichen Kontexten, wie etwa aus Grubenhäusern der frühmittelalterlichen Siedlung 'Seewiesen' bei Schnaitheim bekannt (Leinthaler 2003). Eine Datierung in das 7./8. Jahrhundert ist für Fundorte wie Urspring "Breiter Weg" und Geislingen "Mühlwiesen" durchaus möglich, doch umfassten die Siedlungen mindestens noch das 10./11. Jahrhundert. 
Problematisch ist dabei, dass Fundstellen mit aussagekräftigen Stratigraphien aus dem 9. bis 11. Jahrhundert noch immer nicht gerade zahlreich sind. Zwar gibt es Kirchengrabungen mit schönen stratigraphischen Abfolgen, aber leider fallen in Kirchen nicht gerade viele zerbrochene Keramiktöpfe an. So sind die Funde entweder statistisch zu wenige und/oder wir müssen mit Fundverlagerungen bei Baumaßnahmen rechnen. 
Für Ulm selbst wird die genaue Fundvorlage der Grabungen in der Neuen Straße in Ulm spannend werden, da hier die Entwicklung der nachgedrehten Waren voraussichtlich genauer nachvollziehbar und auch mit Dendrodaten verknüpfbar sein wird. Bislang sind hier aber nur die Befunde sowie erste Ergebnisse in Bezug auf die ältere gelbe Drehscheibenware und deren lokalen Ausprägung publiziert (Gross 2009). Große Bedeutung hat daher nach wie vor die Darstellung der Stratigraphie vom Weinhof in Ulm, die Uwe Lobbedey schon 1968 vorgestellt hat. Abgestrichene Randformen der nachgedrehten Waren sind hier noch mit älterer gelber Drehscheibenware des Typs Jagstfeld verknüpft, die erst ins 11./12. Jahrhundert datiert. Verlagerungen sind nicht auszuschließen, aber insgesamt wird deutlich, dass mit diesen einfachen abgestrichenen Ränder über das 7./8. Jahrhundert hinaus zu rechnen ist.
 
Im Ulmer Raum gibt es neben den abgestrichenen Rändern bei den nachgedrehten Waren zahleiche andere Randformen: spitz ausgezogene Ränder, Wulst- und Knollenrändern sowie Leistenränder, die man alle jünger datieren möchte. Ein entsprechendes breites Randformenspektrum scheint im südbayerischen Raum während des Hochmittelalters zu fehlen.



nachgedrehte Keramik aus dem Raum Ulm
(nach Bräuning/ Schreg 1998; Ambs 2003; Maier 1994)

In Moosach treten auch fast horizontal ausgebogene abgestrichene Ränder auf, die so ihrerseits im Ulmer Raum weitgehend zu fehlen scheinen, wohl aber an der Donau des Neuburg-Ingolstädter Gebiets mit den prominenten Fundstellen Burgheim und Eining charakteristich sind.

Es ist zu prüfen, inwiefern die Datierungen der ländlichen Siedlungen Südbayerns, die meist in der Peripherie der späteren Dörfer ergraben wurden und so einen terminus post quem für die Dorfgenese ergeben, nicht zu früh ausfallen. Forschungsgeschichtlich richtete sich das Interesse an den ländlichen Siedlungen; auf die Merowingerzeit und dementsprechend haben sich Fundbearbeitungen ihre datierenden Vergleiche oft in diesem Zeithorizont gesucht.
Beispielsweise setzt; die Arbeit von Hans Geisler (1993), die insbesondere die frühmittelalterliche Siedlung von Kirchheim bei München bearbeitet hat, die Funde der nachgedrehten Ware (weitgehend seine "glimmerhaltige schwarze Ware") ins frühe Mittelalter, obgleich seine Formenreihen auch Ränder aufweisen, die man mit dem Blick von außen deutlich jünger datieren würde. Die angeführte Arbeit von U. Lobbedey, die gute Parallelen zu seinen (qualitativ sehr schlechten) Fundabbildungen; zeigt, bleibt unberücksichtigt, da sie "wegen ihres zeitlchen Rahmens nicht einschlägig" sei (Geisler 1993, o.pag.). Das Literaturverzeichnis von Geisler weist jedenfalls keine Publikationen aus dem Bereich der Stadtarchäologie bzw. der Archäologie des Mittelalters auf, mit der jüngere Datierungen hätten falsifiziert oder auch verifiziert werden können. Anfang der 1990er Jahre gab es da noch nicht so viel, aber die klassische, bei Geisler nicht zitierte Arbeit von Hermann Dannheimer (1973) hätte hier wohl schon Hinweise auf jüngere Datierungen ergeben können. Geislers Gruppe "mittelalterliche Keramik" wird kaum näher spezifiziert, dürfte aber ein Hinweis sein, dass erkennbar jüngeres Material gar nicht entsprechendes Interesse gefunden hat. Es scheint hier ein weiteres Beispiel dafür vorzuliegen, dass Archäolog*innen das Fundmaterial nur aus ihrer eigenen zeitlichen Expertise heraus beurteilen und entsprechend mögliche Datierungsspannen unterschätzen. Auf ein ähnliches Phänomen hat Uwe Gross bei der Bearbeitung der Funde vom Runden Berg bei Urach hingewiesen, wo die Bearbeiterin der Drehscheibenware vor allem aus ihrer Kenntnis der römischen Keramik argumentiert hat und die jüngeren Parallelen übersehen hat.


Das vergessene Spätmittelalter

Was sich bei der Keramik als gefährlich erwiesen hat, nämlich der mangelnde Blick für langfristige Entwicklungen, beobachten wir auch in der Konzeption der Arbeit von Melanie Marx. Sie "fokussiert sich ausschließlich auf die früh- bis hochmittelalterlichen Befunde" (S. 19), so dass leider die jüngere Entwicklung des Grundstücks ausgeblendet wird und man kaum etwas über den erst kurz vor der Ausgrabung abgerissene Gebäudebestand erfährt. Ein solches Ausblenden des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit bei Notgrabungen (und die mangelnde Kooperation mit der Baudenkmalpflege) stellt ein (nicht nur Bayern-spezifisches) Problem dar, denn wesentliche historische Daten gehen hier verloren. Es ist schon lange nicht mehr so, dass nur das Früh- und bestenfalls das Hochmittelalter archäologische Aufmerksamkeit verdient.
Die Frage nach der Entwicklung des Dorfes kann nur beantwortet werden, wenn auch die jüngeren Perioden berücksichtigt werden - und wenn wir sie nur zur Kontrastierung heranziehen. Gerade der Übergang von der Pfostenbauweise, die wir aus den früh- und hochmittelalterlichen Siedlungen mittlerweile recht gut kennen, zu den Steinfundamentbauten mit Fachwerk, wie sie für die meisten Hauslandschaften im Spätmittelalter üblich sind, ist eine entscheidende Frage für das Verständnis der Dorfgenese. Melanie Marx zitiert zustimmend eine Aussage des Grabungsleiters Stefan Biermeier (S. 40): „Mit der Erbauung der Moosacher Kirche und festgefügten Besitzverhältnissen durch die Herausbildung eines grundherrlichen Landadels wurde der Kristallisationspunkt für die Entstehung des Dorfes Moosach geschaffen.“ Dies bezieht sich auf einen wohl an derselben Stelle mehrfach erneuerten zweischiffigen Pfostenbau, von dem man nun gerne wüsste, wie er in Bezug zu den spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Gebäuden steht und wie er sich zu den Ortststrukturen verhält, die beispielsweise im Ortsblatt von 1809 (Link) aufscheinen. Die Kernfrage der Arbeit nach der Entwicklung der Dörfer im Umland Münchens kann ohne dies aber nicht beantwortet werden, da eine wichtige Vergleichsbasis und ein Anschluß an das "historische" Dorf fehlt.

Auch die Krise des Spätmittellaters ist nur zu verstehen, wenn wir auf archäologische Daten zurückgreifen können, die langfristige Veränderungen zeigen, sei es in Parzellenstrukturen, in der Keramikversorgung ländlicher Haushalte, in deren Viehbestand und bei den Hölzern aus Hecken und Wäldern (vgl. Schreg 2019). Es fehlt beispielsweise an Tierknochenfunden aus ländlichen Kontexten des Spätmittelalters, die es erlauben würden, Veränderungen in der Wirtschaftsweise zu erfassen (vgl. Archaeologik 14.1.2019). Dazu benötigen wir dringend Datenserien, die über das Hochmittelalter hinausreichen. Sie sind aber nur zu gewinnen, wenn bei Grabungen gerade in den Ortskernen auch die jüngeren Perioden berücksichtigt werden.
So verdienstvoll also die Vorlage der früh- und hochmittellaterlichen Funde und Befunde in der Arbeit ist, so schmerzvoll vermisst man Angaben zu den jüngeren Perioden - es  wird noch nicht einmal klar, ob die Ausgrabungen entsprechende Befunde dokumentiert und Funde geborgen haben, oder ob diese erst bei der Auswertung unter den Tisch gefallen sind.

Die Vorteile einer digitalen Publikation

Die Arbeit ist als 2. "Band" der von der Archäologischen Staatssammlung in München herausgegebenen Reihe der "Abhandlungen und Bestandskataloge der Archäologischen Staatssammlung digital" erschienen. Gestaltet ist der Band im klassischen Layout einer Print-Publikation und wird im pdf-Format über die Bayerische Staatsbibliothek zum Download bereit gestellt: 
Leider bietet das antiquierte System der BSB weder eine urn noch eine doi an. Peinlicherweise läuft der ursprünglich angegebene Link der "Langzeitarchivierung" mittlerweile auch bereits ins Leere.
Zudem mutet das strenge Beharren darauf, dass "jede Verwertung ohne Zustimmung der Autorin und der Archäologischen Staatssammlung unzulässig" ist, nicht mehr zeitgemäß an. Eine Lizenzierung unter einer CC-Lizenz gibt das Urheberrecht ja nicht auf, sondern regelt die Nutzungsbedingungen, zu denen der klare Urhebernachweis gehört und ggf. - falls man das für sinnvoll erachtet - auch kommerzielle Nutzung ausgeschlossen werden kann. Solches senkt jedenfalls die Hemmschwelle, das Werk auch aktiv weiter zu nutzen und trägt so zum Bildungsauftrag der Museen bei, anstatt diesen zu konterkarrieren. Für eine wissenschaftliche Verwendung gilt ohnehin das Zitierrecht nach §51 des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte, wenn dieses derzeit auch von der Wissenschaft selbst preisgegeben wird, indem auch in eindeutigen Fällen wissenschaftlicher Publikationen von den Autoren eine Rechteeinholung und ggf. Bezahlung (explizit für die Rechte, nicht für die Druckvorlage) eingefordert wird.


Literatur

  • Ambs 2002: R. Ambs, Die Pfarrkirche St. Laurentius in Thalfingen. Berichte zur Archäologie im Landkreis Neu-Ulm und in den angrenzenden Gebieten 3 (Neu-Ulm 2002).  
  • Bräuning/Schreg 1998: A. Bräuning/R. Schreg, Die Keramikfunde - ein Exkurs. In: A. Bräuning (Hrsg.), Um Ulm herum. Untersuchungen zu mittelalterlichen Befestigungsanlagen in Ulm. Forschungen und Berichte der Archäologie des Mittelalters in Baden-Württemberg 23 (Stuttgart 1998) 67–79.
  • Dannheimer 1973: H. Dannheimer, Keramik des Mittelalters aus Bayern. Beitr. Volkstumsforsch 21 (Kallmünz/Opf. 1973).
  • Geisler 1993: H. Geisler, Studien zur Archäologie frühmittelalterlicher Siedlungen in Altbayern. Dissertation München (Straubing 1993).
  • Gross 2009: U. Gross, Drehscheibenware des frühen und hohen Mittelalters in Ulm. In: U. Gross/A. Kottmann/J. Scheschkewitz (Hrsg.), Frühe Städte – Frühe Pfalzen. Neue Forschungen zu zentralen Orten des Früh- und Hochmittelalters in Süddeutschland und der Nordschweiz. Ergebnisse eines Kolloquiums am 28. und 29. April 2009 im Rathaus zu Ulm. Archäologische Informationen aus Baden-Württemberg 58 (Stuttgart 2009) 51–58.
  • Leinthaler 2003: B. Leinthaler, Eine ländliche Siedlung des frühen Mittelalters bei Schnaitheim, Lkr. Heidenheim. Materialh. Arch. Bad.-Württ. 70 (Stuttgart 2003).
  • Schreg 2009: R. Schreg, Siedlungen in der Peripherie des Dorfes. Ein archäologischer Forschungsbericht zur Frage der Dorfgenese in Südbayern. Ber. Bayer. Bodendenkmalpfl. 50, 2009, 293–317.
  • Schreg 2019: R. Schreg: Plague and Desertion – A Consequence of Anthropogenic Landscape Change? Archaeological Studies in Southern Germany. In: M. Bauch/ G. J. Schenk (Hrsg.), The Crisis of the 14th Century. Das Mittelalter. Beih. (Berlin, Boston 2019) 221–246.* - https://doi.org/10.1515/9783110660784-011
  • Wintergerst 2003: E. Wintergerst, Bemerkungen zur Keramik und den Kleinfunden des Mittelalters und der frühen Neuzeit aus Sandau. In: H. Dannheimer/R. Gebhard (Hrsg.), Sandau. Archäologie im Areal eines altbaierischen Klosters des frühen Mittelalters. Münchner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte 55 (München 2003) 259–317.

Dienstag, 20. Juli 2021

Noch nie dagewesen? Hochwasser und Starkregen im Juli 2021 und im Juli 1342

Die Unwetter mit ergiebigem Dauer- und Starkregen, die im Juli 2021 in verschiedenen Regionen Mitteleuropas zu Überschwemmungen führten, wurden von Politiker*innen als "noch nie dagewesen" bezeichnet - so die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (https://www.swr.de/swraktuell/rheinland-pfalz/ot-dreyer-aus-landtag-katastrophe-noch-nie-dagewesen-100.html) oder auch der belgische Ministerpräsident Alexander De Croo (https://www.krone.at/2462785).

Noch nie dagewesen?


Juli 2021

Seit Mitte Juli haben Starkregen in verschiedenen Regionen Mitteleuropas zu starken Zerstörungen geführt. Häuser, Autobahnen und Bahnstrecken, aber auch Häuser und riesige Ackerflächen wurden weggerissen. Kleine Rinnsale schwollen zu mächtigen Strömen an. In Deutschland gibt es, Stand 19.7.2021 mehr als 165 Todesopfer. Anders als bei den vielen Hochwässern an den großen Flüssen Rhein, Donau oder Elbe, sind es nun eher kleinere Flüsse wie Kyll, Erft, Ahr oder Zinn und Aich, die durch regionale Starkregen in kürzester Zeit angeschwollen sind. In Erftstadt kam es zu Schluchtenreissen enormen Ausmaßes, im Berchtesgadener Land zu Murenabgängen. Häuser und Straßen wurden unterspült und weggerissen. 
Tief Bernd brachte enorme Regenmengen, von bis zu 250 l/ m² innerhalb von 24 Stunden. Normal sind in Deutschland etwa 85 l/m² im Monat Juli. Das Tiefdruckgebiet blieb für rund eine Woche über Mitteleuropa stabil und schaufelte warme und feuchte Luft über den Ostalpenraum nach Mitteleuropa und sorgte hier beständig für Schauer und Gewitter, die aber immer wieder zu Extremwetter ausarteten.
Normalerweise bringt der Juli in Deutschland rund 85 Liter pro Quadratmeter Regen. Doch Unwettertief BERND hat vor allem im Westen Deutschlands das Doppelte bis Dreifache dieser Regenmenge in ein bis zwei Tagen gebracht. Unglaublich! Regenschwerpunkt war die Stadt Hagen. Doch auch das Rheinland und die Eifel hat es so extrem erwischt wie selten zuvor


(mehr dazu bei www.wetter.de)

 
Normalerweise bringt der Juli in Deutschland rund 85 Liter pro Quadratmeter Regen. Doch Unwettertief BERND hat vor allem im Westen Deutschlands das Doppelte bis Dreifache dieser Regenmenge in ein bis zwei Tagen gebracht. Unglaublich! Regenschwerpunkt war die Stadt Hagen. Doch auch das Rheinland und die Eifel hat es so extrem erwischt wie selten zuvor.


(Quelle: www.wetter.de)

Normalerweise bringt der Juli in Deutschland rund 85 Liter pro Quadratmeter Regen. Doch Unwettertief BERND hat vor allem im Westen Deutschlands das Doppelte bis Dreifache dieser Regenmenge in ein bis zwei Tagen gebracht. Unglaublich! Regenschwerpunkt war die Stadt Hagen. Doch auch das Rheinland und die Eifel hat es so extrem erwischt wie selten zuvor.


(Quelle: www.wetter.de)

Normalerweise bringt der Juli in Deutschland rund 85 Liter pro Quadratmeter Regen. Doch Unwettertief BERND hat vor allem im Westen Deutschlands das Doppelte bis Dreifache dieser Regenmenge in ein bis zwei Tagen gebracht. Unglaublich! Regenschwerpunkt war die Stadt Hagen. Doch auch das Rheinland und die Eifel hat es so extrem erwischt wie selten zuvor.


(Quelle: www.wetter.de)

 
Normalerweise bringt der Juli in Deutschland rund 85 Liter pro Quadratmeter Regen. Doch Unwettertief BERND hat vor allem im Westen Deutschlands das Doppelte bis Dreifache dieser Regenmenge in ein bis zwei Tagen gebracht. Unglaublich! Regenschwerpunkt war die Stadt Hagen. Doch auch das Rheinland und die Eifel hat es so extrem erwischt wie selten zuvor


(mehr dazu bei www.wetter.de)

Juli-Regen mehr als verdoppelt

Normalerweise bringt der Juli in Deutschland rund 85 Liter pro Quadratmeter Regen. Doch Unwettertief BERND hat vor allem im Westen Deutschlands das Doppelte bis Dreifache dieser Regenmenge in ein bis zwei Tagen gebracht. Unglaublich! Regenschwerpunkt war die Stadt Hagen. Doch auch das Rheinland und die Eifel hat es so extrem erwischt wie selten zuvor.


(Quelle: www.wetter.de)

Juli 1342

Ein Blick in den Juli 1342 zeigt, dass es durchaus vergleichbare Situationen gab. 

1342 kam es ebenfalls wie 2021 zu Schluchtenreißen, Muren und enormen Überschwemmungen. Schriftliche und archäologische Quellen zeigen dies. Beispielsweise schildert aus dem 15. Jahrhundert im Kloster Eberbach entstandene Chronik der Bischöfe von Mainz die Situation etwa folgendermaßen:

Auch im Jahr 1342 kam es um das Fest Johannes des Täufers (24. Juni) und für mehrere Wochen (...)  zu einer großen Flut nicht nur von starkem Regen, sondern auch aus dem Verborgenen der Berge, Täler und Böden  überall hervorbrechend und herausfließend. Und so wurden in den meisten Provinzen, und besonders um die Flüsse Rhein und Main wie sonst überall Gemüse, Früchte, Gras, Gebäude, Tiere und Menschen in vielfältiger Weise und kläglich verwüstet. Köln, Mainz und Frankfurt standen weitgehend unter Wasser, so dass es einem Mann im Mainzer Dom fast bis zum Gürtel stand, den großen Turm über der Frankfurter Brücke beim Deutschhaus mit einem Teil der Brücke komplett mitriss und umstürzte. Außerdem kam es zu vielen Schrecken und Verlusten in verschiedenen Gegenden der Welt.

(Item anno domini MCCCXLII circa festum Johannis Baptiste et deinceps per plures ebdomodas temporibus reverendissimi patris et domini domini supradicti archiepi factum est diluvium magnum nun solum ex pluvia nimia, sed ex occultis montium, vallium et terre universalis meatibus erumpens et emanans, supereffluente.  Et adeo per plurimas provincias et maxime circa Renum et Mognum fluvios ac alibi omniquaque in frugibus, fructibus, feno, edeficiis, pecoribus et heu pluribus hominibus multiformiter et miserabiliter devastavit. Insuper maxima pars civitatum precipue Colonia, Maguncia, Franckfurt in medio fuerant aquarum,ita quod in maiori ecclesia Maguntina stetit fere usque ad cingulum hominis et turrim magnam super ponte Franckfurt apud domum Theutoricorum cum parte pontis diruit penitus et evertit, preterea plurima horribilia et dampnosa evenerunt in variis mundi provinciis..)

(Cronica de episcopis Moguntii. in: Fontes rerum Nassoicarum/ Die Geschichtsquellen des Niederrheingau's: 3. Sonstige Geschichtsquellen des Niederrheingaus,  gesammelt von F. W. E. Roth (Wiesbaden 1880), 155: -  https://www.dilibri.de/rlb/content/pageview/883206)

Die Stadt Frankfurt stand fast vollständig unter Wasser, die Bewohner flüchteten auf eine benachbarte Anhöhe, wo - nach einer allerdings späten Chronik (Leisner 1706, 532) - Notunterkünfte aus Holz und Stroh gebaut wurden. In Sachsenhausen bei Frankfurt hat 

"durch die grosse Gewalt am Stein-Werck zu Sachsenhausen neben der Teutschen Herrn Wiesen ein Loch sich eröffnet, so hundert Schuh in der Länge, fünfzig in der Breite und 20. in die Tiefe hatte darinnen viel Stein und Holtz gelegen" (Leisner 1706, 533).  

Hochwassermarken am Rathaus in Würzburg,
oben die Marke für 1342, die jedoch später übertragen wurde
(Foto: Roland.h.bueb [CC BY 3.0] via WikimediaCommons)


Die Datenbank tambora https://www.tambora.org , in der Nachrichten zu historischen Wetterereignissen gesammelt werden, verzeichnet - wenngleich bei weitem nicht vollständig - einige Einträge zum 21. Juli 1342. Angaben zur historischen Quellenkritik sind in dieser von Naturwissenschaftlern initiierten Datenbank etwas spärlich. Die Mehrzahl der Angaben zu 1342 stammt aus relativ späten Chroniken, oft erst des 17. Jahrhunderts, bei denen unklar bleibt, wie zuverlässig ihre Angaben im Einzelnen sind. Im Allgemeinen finden sich in den Chroniken Einträge wie 

"A.C. 1342 den 21. Julij fielen grosse Wolckenbrüche / und thaten die anlaufffende Wasser / sonderlich in den großen Städten / zu Frankfurt/ Würzburg/ Nürnberg/ Bamberg/ Erffurt/ Regenspurg/etc. gewaltigen Schaden / riessen daselbst die stattlichsten Brücken ein /" (Aldenberger 1615 via https://www.tambora.org/index.php/grouping/event/show?event_id=22970). 

 

Die Beispiele zeigen, wie vage die Angaben oft bleiben. Opferzahlen sind daraus nicht zu gewinnen. Schätzungen von mindestens 6000 Toten bleiben daher sehr unsicher. Vor allem aber ergibt sich aus den chronikalen Quellen ein Fokus auf die großen Flüsse und Städte, so dass die Kartierungen der Ereignisse nicht unproblematisch sind. Die Hochwasserstände an den Flüssen spiegeln oft den Wasserabfluss, aber nicht die Regionen der Unwetter. Diese sind in den schriftlichen Quellen kaum überliefert - aber geo- und landschaftsarchäologische Untersuchungen haben deutliche Spuren von Unwettern aus dem 14. Jahrhundert nachgewiesen.

 

Sturzfluten in Mittelgebirgen

(Geo-)Archäologische Forschungen im Sölling, im Spessart, im Schönbuch bei Tübingen oder in Oberfranken bei Kronach und Bamberg zeigen, wie gewaltige Wassermassen tiefe Schluchten in Siedlungen und Ackerland gerissen haben.

Rekonstruktion des wandernden Hochwasserscheitels der Juliflut 1342 im Einzugsgebiet
des Main nach Bauch 2019.
(Kartengrundlage: BerndH [CC BY-SA 3.0] via Wikimedia Commons, thematische Kartierung Martin Bauch via Bauch 2019, Eränzungen [Schluchtenreissen] R. Schreg [CC BY-SA 3.0] )


Die Dorfwüstung Winnefeld liegt im Südsölling, einem der großen Waldgebiete in Niedersachsen. Bis heute markiert die Kirchenruine die Lage des ehemaligen Dorfes, unweit der Stadtgründung Nienover und des Klosters Corvey. Die Siedlung erstreckte sich entlang der oberen Reiherbachaue über mehr als 1,5 km Länge. Nach einer früheren Nutzung des Areals in der Karolingerzeit scheint mit dem Landesausbau in der Region das Dorf neu begründet worden zu sein. Die spätromanische Dorfkirche wurde in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts errichtet. Östlich der Kirche befindet sich eine Geländedelle, in der, ebenso wie in der südlich anschließenden schmalen Talaue des Reiherbaches bei geoarchäologischen Untersuchungen Hinweise auf ein starkes Abflussereignis im 14. Jahrhundert gefunden wurden. Im Zeitraum von wenigen Stunden bis zu wenigen Tagen rissen hier kastenförmige Schluchten ein, wobei zum Ende des Ereignisses ein mächtiger Schutt- und Schotterkörper abgelagert wurde, in dem Tausende Keramikbruchstücke, Ziegelfragmente und Metallteile entdeckt wurden. Die Delle östlich der Kirche markiert wohl den Verlauf einer ehemaligen Straße, "die vom Abfluss des Starkregens auf ganzer Länge über eine Breite von 15m und eine Tiefe von 2,5-2,8m zerrissen wurde. Der Abfluss verbreiterte die Aue des Reiherbaches erheblich, mehrere Gebäude mit Inventar wurden fortgerissen." Archäologisch lässt sich anhand der Keramikfunde eine Datierung des Ereignisses in den Zeitraum von 1320 und bis vor 1400 n. Chr. erreichen. Bald danach wurde die Siedlung aufgegeben (Bork u.a. 2011; Beyer 2008; Stephan 2007).

Dorfkirche der Wüstung Winnefeld im Sölling.
Das Dorf wurde nach Starkregenereignissen aufgelassen
(Foto: Jan Stubenitzky (Dehio) [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)


Im südlichen Spessart liegt der Kirschgraben bei dem zur Gemeinde Heimbuchenthal gehörende Höllhammer. Von Westen mündet der Kirschgraben in das schmale Elsavatal, das hier durch einen Schwemmfächer weiter eingeengt wird. 2008 wurde mit einem größeren Bagger der Schwemmfächer untersucht. Im Kern fand sich eine fast 2 m mächtige Ablagerung, der neben Sand Grobmaterial bestehend aus eckigen, länglichen Sandsteinen enthielt. Die Steine wurden in der Schlucht ausgerissen, sie hatten eine Größe bis zu 140 cm und ein Gewicht von bis zu 650 kg. Hier muss eine gewaltige Flut durch den Kirschgraben abgelaufen sein. Aus Keramikfunden ergibt sich auch hier eine Datierung in das 14. Jahrhundert (Bork u.a. 2011).

2013 war anlässlich von Starkregen im Raum Tübingen und Reutlingen eine Erosionsrinne im Schönbuch Thema eines Blogposts auf Archaeologik (Schreg 28.2.2013). Untersuchungen der Universität Stuttgart konnten dort mittels 14C-Daten das Schluchtenreissen in die Mitte des 14. Jahrhunderts datieren (Beckenbach u.a. 2013).

Erosions-Gully bei der Neuen Brücke im Schönbuch .
(Foto: R. Schreg, 2013)

Sehr genau wurde ein Erosionsgully westlich von Friesen nahe Kronach in Oberfranken untersucht. Nahe einer mittelalterlichen Wüstung wurde eine Erosionsrinne erfasst, bei der sich ein Erosionsereignis der römischen Kaiserzeit nachweisen lässt. Eine Erosionsphase gehört in das frühe Mittelalter, intensive Bodenverlagerungen fallen ins 14. Jahrhundert. "In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts führten zwei intensive Starkregenereignisse stellenweise zum vollständigen Abtrag des Bodens und zur Exposition der anstehenden Verwitterungsdecke. Nach der Siedlungsaufgabe in der Mitte des 14. Jahrhunderts fand eine Bodenbildung unter Wald statt" (Dotterweich 2003, 28).

Nördlich von Bamberg liegt bei Kemmern der Wolfsgraben, für den aus schriftlichen Quellen hervorgeht, "dass spätestens ab dem Hochmittelalter das Einzugsgebiet des Wolfsgrabens für den Weinanbau genutzt wurde. Die extremen Starkregenereignisse in der ersten Hälfte des 14. Jahrhundert führten im Wolfsgraben zu intensiven Abflüssen, wodurch ältere (hochmittelalterliche) Kolluvien erodiert wurden und ein bis zu fünf Meter tiefes und 400 bis 500 Meter langes Kerbensystem entlang der Talsohle einriss. Noch während oder kurz nach diesem Ereignis lagerten sich entlang der Kerbenbasis grobsandige Kolluvien ab. Im Bereich von Hangunterschneidungen kam es zu Rutschungen" (Dotterweich 2003, 35; vgl. Schmitt 2003). Vor dem Spätmittelalter bestand hier eine relativ sanfte Kerbe, die möglicherweise schon sehr alt ist, wie Auswaschungen an Felsen am oberen Rand der heutigen Schlucht andeuten. Heute ist es eine tiefe, allerdings auch schon wieder teilweise verfüllte Schlucht, die auf den ersten Blick romantisch und abenteuerlich aussieht, tatsächlch aber Zeugnis eines verheerenden Starkregenereignisses ist.

Wolfsgraben bei Dörfleins nördlich Bamberg
(Foto: R. Schreg, 20.7.2021)





 

Weitere Beispiele gibt es aber auch weiter im Norden, so in der Wolfsschlucht bei Pritzenhagen/Oberbarnim, Brandenburg (Bork 2006). Im Voralpengebiet fehlen bisher einschlägige Befunde - möglicherweise jedoch lediglich aufgrund eines ungenügenden Forschungsstandes.

 

Überschwemmungen in der Eifel

In den Eifelmaaren haben Mainzer Bodenkundler umfangreiche Bohrkerne aus den Seeablagerungen untersucht (Sirocko u.a. 2009). Abhängig von den Jahreszeiten wurden hier in den Seen Sedimente abgelagert, die relativ gleichmäßige Schichten ausbilden. In mehreren Bohrungen sowohl im Ulmener Maar als auch im Holzmaar und im Schalkenmehrener Maar zeigte sich jedoch im 14. Jahrhundert eine auffallend dicke Ablagerungsschicht , die auf massive Sedimenteinträge durch Starkregen hinweist. Die Maare haben zumeist recht kleine Einzugsgebiete, aus denen das Oberflächenwasser zusammenfließt. Große Mengen Sediment lassen daher auf Starkregen schließen. Teilweise wurden auch größere Steine bis in die Mitte des Maars eingespült. 

 

Bohrungen Mainzer Geowissenschaftler auf dem Holzmaar in der Eifel
(Foto: R. Schreg 2007)


 

Die Datierung auf 1342 ist indes etwas positivistisch, da sie davon ausgeht, dass das 1342-Ereignis so heftig war, dass für solche Schichtbildungen kein anderer Zeitpunkt in Frage kommen kann. Diese Deutung hat einiges an Wahrscheinlichkeit für sich, da zahlreiche 14C-Datierungen die Chronologie eingrenzen lassen.

Es ist im Einzelfall schwer, solche Befunde eindeutig auf das Magdalenenhochwasser im Juli 1342 zu beziehen. Der Befund von Friesen mit zwei Hochwasserereignissen deutet darauf hin, dass wir es mit einer Phase zu tun haben, in der es öfters zu Hochwässsern kam. Das zeigen auch die schriftlichen Quellen, die mehrfach solche Sommerhochwässer erwähnen, wenn auch nicht mit annähernd ähnlichen Wasserständen. Zugleich zeigen derartige geoarchäologische Untersuchungen aber auch, dass solches Schluchtenreissen eng mit Phasen intensiver Landnutzung verbunden ist, die den Wasserabfluss beeinflusst (Dotterweich 2003; Bork 2006). 


Die ökologischen Hintergründe der 1342-Unwetter

Wie gesagt ergeben sich Übereinstimmungen und Differenzen zwischen dem Juli 2021 und dem Juli 1342. Inwiefern ist es nun möglich, darauf weitergehende Schlüsse aufzubauen? - für den Umgang mit dem Hochwasserrisiko heute einerseits und für das Verständnis der Situation 1342 andererseits?

Historisches Vergleichen bedeutet nicht, Vorgänge gleichzusetzen oder zu hierarchisieren, sondern es dient zunächst heuristisch (also mit dem Ziel, einen schlüssigen Erkenntnisweg zu finden) dazu, mögliche Zusammenhänge zu analysieren. Wir können also nicht die Wissenslücken 1342 mit den Informationen von 2021 stopfen oder umgekehrt 1342 dazu heranziehen Prognosen für das 21. Jahrhundert zu machen. Analogieschlüsse sind nur dort möglich, wo hinreichende Ähnlichkeiten festgestellt wurden, um tatsächlich aus chronologisch differenten Situationen auf gleichartige Wirk- und Kausalzusammenhänge zu schließen, die aber zunächst nur als Hypothese, nicht als gesichertes Wissen zu gelten haben.

2021 und 1342 sind von den Phänomenen ähnlich, möglicherweise auch von der Rolle der menschlichen Landnutzung. Unterschiedlich ist jedoch die Rolle des Klimawandels, denn 1342 steht am Beginn der Kleinen Eiszeit, während wir uns aktuell in einer tatsächlich noch nie dagewesenen Phase der beschleunigten Erwärmung befinden. Gleichwohl: Das 14. wie das 21. Jahrhunderts sind Phasen, in denen sich Klimasysteme umstellen und zu verschiedenen Umweltkrisen führen: Neben Dürren und Überschwemmungen auch Pandemien, wie Pest oder (der dank Wissenschaft vergleichsweise gut kontrollierten) Covid19-Pandemie.

Der Vergleich 2021 - 1342 wirft indes einige Fragen auf, die - zumindest teilweise - mit archäologischen Forschungen auch geklärt werden können Sollte sich hier ein deutlicheres Bild abzeichnen, sind durchaus Lehren für die Gegenwart zu erzielen. Von Interesse sind hier die ökologischen Zusammenhänge der Überflutungen, insbesondere im Hinblick auf die Rolle des Menschen.

offene Forschungsfragen

Dem krisenhaften 14. Jahrhundert war eine Phase des Wachstums und eines gewissen Wohlstands vorausgegangen, das eine Intensivierung der Landnutzung gesehen hat, die mit einer Verfestigung der dörflichen und urbanen Siedlungsstrukturen einher ging. Es ist aktuell ein spannendes Thema, inwiefern für die m.E. naheliegende und plausible Hypothese, dass diese Landnutzungsveränderungen für die Intensität der Hochwässer, aber auch die Pandemien bei Vieh und Mensch als ökologische Konsequenzen dieses Landnutzungswandels zu verstehen sind (vgl. Schreg 2019). Da wir viele ökologische Folgen dieser mittelalterlichen Prozesse nur über aktualistische Analogien erschließen können, birgt ein Vergleich 1342-2021 das Risiko eine Zirkelschlusses. Deshalb ist es wichtig, die historischen Quellen kritisch zu betrachten.

Bislang waren dazu v.a. die literarischen, chronikalischen Quellen ausgewertet, während die urkundlichen bzw. archivalischen Quellen, die z.B. Gerichtsverfahren überliefern, noch kaum beachtet sind. Ein Beispiel war hier auf Archaeologik Thema, nämlich eine Urkunde aus dem September 1342, die auf einen Streit des Esslinger Augustinerklosters mit dem Kloster Kaisheim zurückgeht, bei dem es um die Folgen eines Hangrutsches in Esslingen ging (Schreg 19.1.2013). S

Systematischer hat sich vor kurzem Martin Bauch (2019) der Magdalenenflut angenommen. Er hat dazu drei Fragen verfolgt:


"1. Die Gewinnung von neuen Details über den Verlauf, vor allem aber den sozio-ökonomischen Impact der Magdalenenflut aus der bisher kaum herangezogenen, nicht-narrativen Überlieferung, insbesondere was Versorgungskrisen und regulative Adaption angeht.
2. Die Verschränkung historischer Quellen mit naturwissenschaftlichen Daten, wo immer sich diese ergänzen oder korrigieren lassen; und das nicht zuletzt mit dem Ziel, andere natürliche Extremereignisse zu bestimmen, die bisher im Schatten der Juliflut von 1342 gestanden haben.
3. Die Relevanz von Extremereignissen für die vormoderne Infrastrukturgeschichte zu diskutieren und an dem Fall der Magdalenenflut gleichsam exemplarisch zu erproben, ob erste Ansätze mittelalterlicher Daseinsvorsorge ursächlich auf die singuläre Hochwassererfahrung zurückgeführt werden können" (Bauch 2019, [5]).


Der Blick in die nicht-literarische Überlieferung ermöglicht es, die Flutereignisse vom Juli 1342 in ein deutlich differenzierteres Bild einzuordnen. "Das Jahr 1342 war keineswegs ausschließlich von Hochwasser oder kontinuierlichem Niederschlag geprägt – vielmehr wechselten die Extreme vom schneereichen und kalten Winter 1341/42 zum frühen Tauwetter im Februar des Jahres samt Schneeschmelze und Eisstößen, dann lang anhaltende Trockenheit mit Begünstigungen von Stadtbränden. Dem folgten die extremen Niederschläge im Juli, die dann – wie zumindest für den Niederrhein gezeigt werden konnte – langanhaltende Überschwemmungen auslösten. Im Folgenden soll daher der Begriff der Magdalenenflut im Bewusstsein verwendet werden, dass wir es tatsächlich mit mehreren Flutereignissen der Jahre 1342/43 zu tun haben, die zudem um eine ausgeprägte Phase der Trockenheit im Frühjahr/ Frühsommer 1342 zu ergänzen sind" (Bauch 2019, [12]). Eine Schadensbilanz fällt im großen zeitlichen Abstand schwer, da eher zufällig überlieferte Reparaturen oder Wasserbaumaßnahmen meist nicht sicher mit lokalen Flutereignissen zu verbinden sind. Aventin beschreibt beispielsweise, dass 1345 

"in nidern Bairn zu obern Altach wolt die Thonau nur zu nahend dem closter werden, fras velt und wismat hinweck. Man grueb wol zehen jar aneinander ainen graben, der kaiser schuefs, muesten die nachpaurn darzue helfen, gestuend mêr dan tausend pfund Regenspurger; und ward also die Thonau in den neuen graben geworfen." (Aventin 1886, 493). 

In den Jahren nach 1342 lassen sich auch zahlreiche Brückenbaumaßnahmen belegen, bei denen oft unklar bleibt, inwiefern eine Zerstörung 1342 damit verbunden war.


Die Wetterlage 1342

Auf den ersten Blick zeigt die Karte eine Unwetterfront, die zwischen dem 19. und dem 25.7. 1342 von Südosten nach Nordwesten über Deutschland zog und in verschiedenen Regionen zu enormen Niederschlägen geführt hat. Dieses Bild führt zur Einschätzung einer sogenannte Vb-Wetterlage, bei der ein über dem Mittelmeer Wasser-gesättigtes Tiefdruckgebiet östlich an den Alpen vorbei zieht. Die Wolken regnen sich dabei nicht an den Alpen ab, sondern bringen Wassermassen nach Mitteleuropa. Das ist auch bei dem Tiefdruckgebiet Bernd der Fall, das Anfang Juli zu ersten Überschwemmungen im Nordosten Italiens geführt hat. Anders als für 1342 zu vermuten ist, zog Bernd jedoch nicht langsam von Südwest nach Nordost, sondern bewegte sich über Deutschland kleinräumig hin und her. Hier kam es am 10.7. zu Starkregen in Mainfranken, dann am 15.7. in der Eifel und am 17.7. wieder weiter im Süden am Alpenrand. Es handelt sich 2021 um eine sog. mitteleuropäische Troglage, die dazu führt, dass sich das Tief nicht bewegt, sondern längere Zeit mit geringen Bewegungen über Mitteleuropa verbleibt und einerseits kalte Luft und andererseits warme, feuchte Luft heranführt. Für 1342 ist solch eine Wetterlage ebenfalls denkbar, allerdings ist die Quellenlage zu dünn (Herget u.a. 2015). Zweifel an der Vb-Wetterlage 1342 wurden insbesondere deshalb geäußert, weil aus dem Voralpengebiet keine Hinweise auf Starkregen vorliegen (Böhm 2011, 153).

 

Urbanisierung und Dorfgenese

Nicht ausreichend sind die Quellen auch, um zu belegen, dass das Hochwasser 1342 durch die Veränderungen in der Landnutzung verursacht wurde - plausibel ist es allemal: Der Nutzungsdruck durch Bevölkerungswachstum und Urbansierung führte zur Einführung der Dreizelgenwirtschaft, die als große Innovation der mittelalterlichen Landwirrtschaft gilt und der entscheidende Produktionszuwächs zu verdanken seien. Das Prinzip des Fruchtwechsels ist indes schon alt bekannt - das entscheidende der Dreizelgenwirtschaft ist nicht der Wechsel von Sommer- und Wintergetreide und Brache, sondern deren gemeinsam gereglte Durchführung, die zur Ausbildung großer, im gleichen Rhythmus bewirtschafteten Ackerflächen führten. Das muss umfangreiche Umstrukturierungen der Feldflur bedeutet haben. Während zuvor die einzelnen Parzellen eingehegt sein musst, können innerhalb einer Zelge die Hecken zwischen einzelnen Parzellen wegfallen. Im Gegenteil: Erst das Roden der Hecken ermöglichte eine lückenlose Pflugbewirtschaftung und erschloß mitten im etablierten Wirtschaftsland neue Anbauflächen (Schreg 2018).

Mangels einer Altflurforschung fehlen dazu aber harte Daten, die diese zu vermutende Umgestaltung der Agrarlandschaft sicher belegen könnten (vgl. Schreg 2020; Schreg 2021).

weitergehende Konsequenzen?

Für das 14. Jahrhundert gilt es genauer zu untersuchen, inwiefern, die Veränderungen in den Siedlungsstrukturen und in der Landwirtschaft ökologische Konsequenzen hatten, die den Ausbruch der Pest zumindest begünstigten. Dabei dürfte den Auswirkungen der Landwirtschaft auf Hydrologie, Böden und Biodiversität - insbesondere auch die Nagerpopulationen betreffend - eine besondere Bedeutung zukommen. Bei archäologischen Grabungen - insbesondere auch bei den unter Zeit- und Kostendruck stehenden baubedingten Rettungsgrabungen -  wird darauf zu achten sein, dass die dafür wesentlichen Quellen und Daten auch tatsächlich erhoben werden - durch geoarchäologische Beprobung und einen adäquaten Umgang mit bioarchäologischem Proben- und Fundmaterial. Zudem muss Zeugnissen der Landnutzung mehr wissenschaftliche Aufmerksamkeit geschenkt werden (vgl. Schreg 2021).


untergegangene Erinnerung

Deutlich wird, dass die Erinnerung und die literarische Tradition die Unwetterereignisse auf die Tage um den Magdalenentag (22. Juli) und die großen Städte und Flüsse verengt hat. Im Gegensatz zur aktuellen medialen Berichterstattung, wo immer wieder Betroffene interviewt und Einzelschicksale thematisiert werden, wissen wir darüber für 1342 so gut wie gar nicht Bescheid. Informationen wie zu den Notbehausungen bei Frankfurt sind extrem selten. Vor allem die Geo-Archäologie macht die große zerstörerische Kraft des Wassers auch in kleinen Tälern deutlich - ein Aspekt, der in der Erinnerung und Wahrnehmung nicht nur von 1342 untergegangen ist. Auch bei modernen Überschwemmungen dominierten bis vor kurzem meist Bilder der überschwemmten Landschaften und von überfluteten Straßen. Handy-Bilder und Videos verändern dies, denn hier entsteht eine 'Dokumentation' während des Ereignisses selbst. Die aktuell verschiedentlich zu hörende Überraschung, dass auch in Mittelgebirgen und an kleineren Flüssen solche Überschwemmungen auftreten können, ist nicht zuletzt Folge eines medialen Wahrnehmungsfilters und eines fehlenden Bewusstseins der zeitlichen Dimension.

Das 14. Jahrhundert mag bei allen Unterschieden der damaligen Klimatrends wichtiges Orientierungswissen liefern - da es zeigen kann, wie selbst in vorindustrieller Zeit menschliches Wirtschaften erschreckende Konsequenzen hatte. Es mag helfen, uns zu sensibilisieren, indem mögliche Zusammenhänge thematisiert und näher untersucht werden. Klar ist: 2021 ist schon einmal dagewesen - und es mag hilfreich sein, sich bewusst zu machen, wie die Ereignisse 1342 in intensivierte Landnutzung und Klimawandel eingebettet waren.

Bislang ist mir der Vergleich 2021-1342 in den Medien noch nicht begegnet. Dieses Ereignis ist aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. Das zeigt beispielsweise auch eine Ausstellung des Umweltbüros der Stadt Mainz vor wenigen Jahren (2012), die die historischen Hochwässer in der Stadt thematisiert, dabei aber das extremste Hochwasser 1342 schlicht vergessen hat.

Immerhin: Die Google Search Console meldet mir, dass in der vergangenen Woche die Suchanfrage "magdalenenflut" auf Archaeologik auf Position #1 gefallen sei und immerhin 34,62 % der gesamten Website-Impressionen der Google-Suche auf Archaeologik verursacht hat. Das Interesse an den Zusammenhängen 2021 und 1342 scheint also doch sehr hoch zu sein.



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Änderungsvermerk 25.7.2021:
Typos, fehlendes Zitat Herget u.a. 2015 in Literatur nachgetragen

 Anmerkung 14.8.2021:

An updated English version of this blogpost can be found at: https://bldeathnet.hypotheses.org/1231