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Mittwoch, 6. Dezember 2023

Samstag, 29. Februar 2020

Gene lügen nicht - sie sagen aber auch nichts bevor man sie interpretiert...

Aktuell ist die Archäogenetik in den Medien aufgrund eines neuen ERC-Projektes "HistoGenes", das jüngst mit einem Treffen in Wien gestartet wurde:

Gegenüber den Anfängen der archäogenetischen Forschungen sind sie nun deutlich reflektierter und selbstkritischer...

Interne Links zur Archäogenetik

Sonntag, 15. November 2015

Migrationen und Völker - eine schwierige Geschichte

https://kristinoswald.hypotheses.org/1683
Ein Beitrag zur Blogparade #refhum
initiiert von Kristin Oswald
Migrationen spielen in der Geschichte zweifellos eine wichtige Rolle. Aber der gerade auch derzeit von Vielen bemühte Begriff der Völkerwanderung führt schnell in die Irre. Sowohl in der Auseinandersetzung mit den gegenwärtigen Flüchtlingsströmen, als auch im Verständnis der Völkerwanderungszeit am Übergang von Antike zu Mittelalter.

In der Archäologie waren Völkerwanderungen lange Zeit eine Art 'black box', wenn es darum ging, Kulturwandel, insbesondere raschen Kulturwandel zu erklären. Mangels anderer Konzepte war man schnell dabei, archäologisch beobachtbare Wandlungsprozesse aufeinander zu beziehen und eine Diffusion von einem (oder jedenfalls wenigen Zentren) anzunehmen. Die Tradition von Kulturleistungen wurde aber verengt auf die Weitergabe über Generationen entlang von Abstammungslinien. Gemischt mit der Vorstellung homogener, organisierter Gruppen auf Wanderschaft, gewann das Konzept der Völkerwanderung eine zentrale Bedeutung für die Erklärung von historischem Wandel. Die Forschung hat auf dieser Grundlage zahlreiche prähistorische Völkerwanderungen rekonstruiert.

Seit langem ist man hier freilich sehr viel sensibler geworden. Grundlegende Auseinandersetzungen archäologischer Theoriediskussion sind mit diesem Problem verbunden. Die New oder Processual Archaeology, die in der angelsächsischen Archäologie Ende der 1960er und in den 1970er Jahren entstanden ist, hatte eine wichtige Wurzel gerade in der Skepsis gegenüber diffusionistischen Modellen, die in der Regel Migrationen postuliert haben. Seit einigen Jahren ist auch in Deutschland eine grundlegende Diskussion entstanden, die zu einer deutlichen Distanzierung von einfachen Modellen der Kulturdiffusion durch Völkerwanderungen geführt hat.

Zwei Aspekte treffen hier zusammen: nämlich einerseits die Wahrnehmung und Charakterisierung von Migration und andererseits das Denken in Begriffen von Volk und homogenen „Kulturen“. Dazu seien hier nur einige Gedanken und Beobachtungen angeführt.

Der Begriff von Volk und Nation als Problem

Berlin, Alexanderplatz, 4.11.1989:
"Volk" als Mehrheit und Souverän eines Staates
(Foto T. Lehmann, Bundesarchiv,
Bild 183-1989-1104-008
[CC-BY-SA 3.0]
via Wikimedia Commons)
Die Begriffsgeschichte von "Volk" ist komplex. Mehrere Bedeutungsebenen durchdringen sich in ihm (Koselleck u.a. 1978): Einerseits die Bedeutung als "Staatsvolk", andererseits als "Volksmasse". In den unterschiedlichen Kontexten des Slogans „Wir sind das Volk!“ 1989 und 2015 werden diese beiden Pole des Volksbegriffs deutlich. Ging es 1989 um den demokratischen Aspekt von „Volk“ im Sinne des Souveräns moderner Staaten, so steht bei den Anti-Flüchtlings-Demonstranten des Jahres 2015 der national abgrenzende Aspekt im Vordergrund.

Generell spielen bei der Begrifflichkeit von „Volk“ oben-unten Relationen, ebenso wie innen-außen-Relationen eine wichtige Rolle, weshalb "Volk" in der Wahrnehmung eine abgrenzbare Personengemeinschaft darstellte, entweder gegenüber einer Elite oder gegenüber den Nachbarn. Mit der Demokratisierung seit der Französischen Revolution gewinnt der Begriff des Volks einen umfassenden Anspruch, wo vorher in der Wahrnehmung Stände und Klassen oder andere Gruppierungen die Wahrnehmung bestimmten. Der lateinische Begriff der natio - eigentlich "Geburt" - impliziert eine gemeinsame, weit zurückliegende Herkunft. Im deutschen Sprachraum, wo Latein viel länger als beispielweise in Frankreich oder auf den britischen Inseln Bildungs- und Verwaltungssprache blieb, näherten sich die Begriffe von Volk und Nation einander an, so dass Volk stärker als eine klar abgegrenzte, auf Urzeiten zurückreichende Gemeinschaft verstanden wurde. Bereits mit dem Humanismus des 15. Jahrhunderts hatte man begonnen, die modernen Volksbegriffe der damaligen Gegenwart mit den antiken Bezeichnungen gleichzusetzen: Gallier = Franzosen, Germanen = Deutsche, obgleich sich keinerlei chronologische Berührungspunkte ergeben, die wenigstens einen durchgehenden Traditionsstrang begründen könnten. Die Bezeichnung deutsch meinte dabei ursprünglich nur allgemein die nicht-lateinische Sprache und wurde erst sekundär auf Land und dann auf Leute übertragen.
 

Ethnische Interpretationen in der Archäologie

Vor allem im 19. Jahrhundert wurden die Völker zu einer dominierenden Größe der Geschichtsdeutung. Sie wurden Bezugspunkt der Narrative z.B. als "Geschichte der Deutschen" und verschoben deren Anfänge weit in die Vergangenheit zurück. Da die antiken Quellen die Stammesbegriffe eben nicht im modernen Sinne verwendeten, können sie auch nicht die Frage nach der Genese der modernen Völker klären. Diese Aufgabe fiel daher rasch an die Archäologie.
Die Frage der ethnischen Interpretation hat so bald einen erheblichen Stellenwert im Fach bekommen. Schon frühe Arbeiten, wie die Auseinandersetzung von Ludwig Lindenschmit mit dem Gräberfeld von Selzen, oder Rudolf Virchows germanische Interpretation der bronzezeitlichen Lausitzer Kultur haben ethnische Interpretationen geleistet.
Gustaf Kossinna (1858-1931)
(nach Reinerth 1940)
Aber erst mit einem zunehmend chauvinistischen und rassistischen Nationalismus in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg wurde Archäologie zu einer "hervorragenden nationalen Wissenschaft", weil es Nation in der Vergangenheit definieren und ihr Größe geben konnte. Vor allem Gustaf Kossinna prägte weite Teile des Faches mit seiner Lehre, dass archäologische Sachkultur stets Völker widerspiegele. Das war allerdings eine damals weit verbreitete These, die man beispielsweise auch in der Volkskunde speziell in der damaligen Bauforschung antrifft (z.B. "alemannisches Fachwerk"). Man meinte also, mit archäologischen Quellen die in den Schriftquellen fassbaren Völker in die Vergangenheit zurück verfolgen zu können, indem man über die typologische Entwicklung der Sachkultur sich in die Vergangenheit zurück tastete. Wo dies nicht funktionierte, wurden Kulturträger zu Völkern erhoben, wie "die Bandkeramiker" oder "die Schnurkeramiker". Bezüge über verschiedene Landschaften mussten so zwangsläufig zum vermeintlichen Nachweis von Migrationen führen.


„Scharf umgrenzte archäologische Kulturprovinzen decken sich zu allen Zeiten mit ganz bestimmten Völkern und Völkerstammen.“
(Gustaf Kossinna)



In der deutschen Forschung wurden so die Germanen bis mindestens in die Bronzezeit zurückdatiert und umfangreiche vorgeschichtliche Wanderungen rekonstruiert. Damit wurden auch ehemalige germanische Siedlungsgebiete bestimmt, die in der nationalsozialistischen Eroberungspolitik gerne als propagandistisches Argument für deutsche Gebietsansprüche  hergenommen wurden (Graben für Germanien 2013).


(aus Reinerth 1940 Bd. 1, Abb. 2b)

Die archäologische Forschung der Nachkriegszeit hat – in West- wie Ostdeutschland – Fragen der Migration weitgehend gemieden. Lediglich in der Frühgeschichte, wo man Völkerwanderung auf Grundlage der Schriftquellen für gegeben hielt, blieb die Vorstellung von Wanderungen als entscheidender Faktor kulturgeschichtlichen Wandels dominierend. Dementsprechend bedeutungsvoll sind hier ethnische Interpretationen bis heute. Die Mehrzahl der Literatur betrifft indes Einzelsituationen oder gar die ethnische Zuweisung einzelner Fundgruppen, aber kaum eine grundsätzliche Diskussion der Rolle und Nachweisbarkeit von Wanderungen oder die Frage alternativer Erklärungen für kulturellen Wandel (erst in jüngerer Zeit: Prien 2005). In der Frühgeschichtsforschung hat die 1977 erschienene Arbeit von Reinhard Wenskus zwar klargestellt, dass es sich bei den Völkern und Stämmen der Völkerwanderungszeit nicht um biologische Abstammungsgemeinschaften handelt, sondern zumindest eine weitere Definition von Ethnos anzuwenden ist. Die Frage, ob und wie solche Gruppen jenseits ihrer textlichen Nennung konkret zu erfassen sind, blieb ebenso offen, wie die Frage nach ihrer Bedeutung.
Ethnische Interpretationen spiegeln allzu leicht Kontinuitäten, Migrationen und Identitäten vor, wo vielleicht gar keine oder ganz andere da sind. Kontinuitäten, Migrationen und Identitäten sind wichtige Aspekte, um Vergangenheit zu verstehen, aber dazu müssen sie jeweils auch kritisch hinterfragt und genauer charakterisiert werden. Da steht die eigene Begrifflichkeit im Weg.
Die Frage nach ethnischen Identitäten ist dabei keineswegs grundsätzlich falsch, aber wir dürfen sie nicht voraussetzen, sondern müssen danach fragen, was denn zu den Mustern in der archäologischen Überlieferung führt, die wir dann als Kulturen und den Niederschlag von Völkern oder Stämmen verstehen.


Geschichte ohne "Germanen"?


Indes haben einige Historiker schon lange festgestellt, dass die Begriffe wie "Germanen" oder "Kelten" in unserem heutigen Verständnis für die Vergangenheit anachronistisch und für ein Verständnis der Geschichte eigentlich auch obsolet sind.

Provokativ hat der Historiker Jörg Jarnut gefragt:
"Was sollen wir von einem historischen Begriff halten, der eine Großgruppe entweder voraussetzt oder aber konstituiert, die es wohl nie gegeben hat, die sich selbst jedenfalls nie als solche empfand und dementsprechend sich auch niemals so bezeichnete?
Wie sollen wir mit einem Begriff umgehen, den vor mehr als zweitausend Jahren Caesar als Konstrukt wenn schon nicht erfunden, so dann doch zumindest populär und für seine politischen Ziele dienstbar gemacht hat? Einem Begriff, der dann seit dem Beginn der Neuzeit zwei Dutzend Generationen von vornehmlich deutschen, von ihrer eigenen Gegenwart frustrierten Intellektuellen, Professoren und anderen Schulmeistern eine Goldgrundvergangenheit anbot, auf die sich das Kämpferische, Heldische, Starke, Große, Gute, Edle, Schöne und Reine so wunderbar projizieren ließ, das man in der eigenen Welt so schmerzlich vermißte? Und: Wie stellen wir uns zu einem Begriff, der als gebieterisches rassistisches Attribut mit dem Konzept des Herrenmenschen verbunden die massenhafte, industriell organisierte Ermordung nichtgermanischer sogenannter ‚Untermenschen‘ geistig vorbereiten und begleiten konnte?"
(Jarnut 2004, 107)



Das Problem der Begriffe liegt darin, dass sie im Lauf der Zeit ihre Bedeutung erheblich gewandelt haben. "Germanen" sind ein Begriff den Caesar nach seinen politischen Interessen im 1. Jh. v. Chr. definiert und Tacitus im 1. Jahrhundert n.Chr. aufgegriffen hat. Gerade in der Völkerwanderungszeit, die heute so sehr mit dem Begriff der Germanen verbunden wird,  ist dieser in den römischen Quellen eben nicht zu fassen. Dort, wo er später auftritt, ist er ein literarisches Zitat, das vor allem dem römischen Publikum einen Anknüpfungspunkt bieten sollte, um Ereignisse im fernen Norden grob einzuordnen. Differenzierung war hier nicht gefragt. Für die konkreten zeitgenössischen Gruppen sind die sog. Stammesbezeichnungen der Goten, Franken, Vandalen etc. gebräuchlich, die eben nicht als Germanen bezeichnet werden. Viele dieser Gruppen bilden sich erst in der Auseinandersetzung mit Rom und spielen dabei auch mit Traditionen, die in der Auseinandersetzung mit Rom ein mächtiges politisches Statement bieten. Wenn in der Spätantike Bevölkerungsgruppen als Langobarden angesprochen werden, so sagt dies keineswegs aus, dass diese Gruppe tatsächlich ihre Wurzeln in Skandinavien hatte, wo Tacitus einen Stamm des Namens im 1. Jahrhundert bezeugt. Der Name ist vielmehr eine Drohung gegenüber Rom. Dadurch, dass man den Namen eines  Stammes aufgreift, der in älteren literarischen Texten, ebenso wie Goten und Sueben im Norden lokalisiert wird, stellt man sich gegen Rom. Der Name richtet sich nicht auf eine gemeinsame Vergangenheit, sondern er ist zunächst programmatisch in die Zukunft gerichtet, denn er spielt mit damals gängigen Bildern der Völker des Nordens. Völker aus dem Norden galten als besonders kriegerisch und im alten Testament wird prophezeit, dass dereinst ein großes Reich durch Völker aus dem Norden zerstört würde (Kochanek 2004; Plassmann 2006; Steinacher 2011).

Überhaupt: Die klassischen merowingerzeitlichen Reihengräberfelder mit ihrer charakteristischen Ausstattung in Frauen- wie in Männergräbern, die man lange als typisch 'germanisch' bezeichnet hat, haben ihre Hauptverbreitung auf ehemals römischem Reichsgebiet, jenseits des alten Limes sind sie weitgehend unbekannt. Eine neue, m.E. duchaus plausible These setzt denn auch an die Stelle der Vorstellung einer Zuwanderung die eines Wertewandels (Rummel 2007): Durchaus unter dem Eindruck einer zunehmenden Unsicherheit der Grenzen und einer auch damals als Bedrohung wahrgenommenen Zuwanderung, sinkt das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des römischen Staates, gerade in den Grenzregionen. Man setzt nicht mehr auf die alten römischen Eliten, sondern auf das Militär. Eine Art Militarisierung der Gesellschaft führt dazu, dass nun das Ideal des Kriegers in den Vordergrund tritt - das sind nicht selten angeheuerte 'Migranten', denen so eine Karriere im römischen Reich ermöglicht wird. Die Dynamik, die hier in Gang kommt, ist mit den Volks- und Stammesbegriffen nicht wirklich zu verstehen, sehr viel genauer muss hier auf die sozialen Verhaltensformen und politischen Schachzüge geschaut werden.

Germanen gelten daher vielen jüngeren Archäologen und Historikern als obsolet und als "Mythos" (Wiwjorra 2006) und tatsächlich scheinen sie komplexe historische Abläufe eher zu verschleiern, als zu ihrem Verständnis beizutragen. Ansätze, die Geschichte der Spätantike ohne die problematische Vorstellung von "Volk" und konkret "Germanen" zu schreiben, sind inzwischen in einiger Zahl vorhanden (z.B. Rummel 2007), aber natürlich sind sie noch relativ neu und vielfach bisher eher tastend und durchaus nicht immer schon überzeugend. Es wird einfach auszuprobieren sein, wie weit uns das Experiment Geschichte der Völkerwanderungszeit führt. Ein detailliertes, aber eben kritisches Bild wird sicher erst einmal durch ein wesentlich schemenhafteres ersetzt, das leicht als Rückschritt und Wegwerfen erreichter Erkenntnisse missverstanden werden kann. Es ist tatsächlich schwierig, auf die Begriffe "Germanen" und "Kelten" zu verzichten. Wer sind die Leute, die in der Spätantike in Mitteleuropa Rom gegenüber stehen? Formulierung wie "die rechtsrheinisch ansässige Bevölkerungen der römischen Kaiserzeit" wären zwar vielfach korrekter, aber sie sind eben eher unpräzise Wortungetüme und sind kaum in eine Öffentlichkeit zu kommunizieren, für die "Kelten", "Germanen" etc. eben immer noch entscheidende Größen des Geschichtsbildes sind.
 

Eine fachinterne Auseinandersetzung


Seit Jahren tobt deshalb in der deutschen Archäologie ein Streit um die ethnische Interpretation, die unter dem Eindruck der schriftlichen Quellen in der Nachkriegszeit vor allem die Frühgeschichtsforschung bestimmt hat. Viele ältere Kollegen insbesondere der archäologischen Frühgeschichtsforschung sehen sich durch die skeptischen Thesen, wie sie vor allem im Umfeld von Sebastian Brather in Freiburg in den vergangenen Jahren entwickelt wurden, persönlich angegriffen. Für sie steht der Vorwurf im Raum, dass sie sich auch nach der NS-Zeit rassistischer und nationalistischer Ansätze bedient hätten. Umgekehrt sehen sie die neuen Ansätze als "germanophob" und eben ihrerseits rassistisch, da sie den Germanen die Existenzberechtigung absprächen. Auch wurde geäußert, die Archäologie würde sich als Geschichtswissenschaft aufgeben, wenn sie nicht weiter nach ethnischen Interpretationen strebe (Bierbrauer 2004).
Es ist nicht Sinn dieses Beitrags, diese archäologische Diskussion im Einzelnen zu analysieren. Sie ist bis zu einem gewissen Grade wohl der normale Generationenkonflikt, geladen mit einer gehörigen Portion gegenseitigen Missverstehens. Die Schärfe der Diskussion (bzw. Diskussionsverweigerung) zeigt aber schon, dass es hier letztlich um ganz Grundsätzliches geht: Welchen Stellenwert haben Völker und Völkerwanderungen in unserem fachlichen Geschichtsverständnis?
 

Wer oder was treibt Geschichte an?

Der große Stellenwert, den die ältere Generation den Migrationen und der ethnischen Interpretation zubilligt, ist wahrscheinlich eine Folge eines traditionellen Geschichtsverständnisses. Diese Pauschalisierung ist schwierig, denn hier kann man derzeit nur auf wenige einschlägige Äußerungen in der Literatur zurückgreifen, so dass man allenfalls auf eher diffuse, allgemeine Eindrücke oder auf einige wenige persönliche Gespräche zurückgreifen kann. In der Regel aber wurden und werden die grundlegenden Vorstellungen vom Charakter und von den „Triebkräften“ der Geschichte nicht thematisiert. Sie scheinen meist viel zu selbstverständlich. Diejenigen, die es doch getan haben, sind nicht zwingend repräsentativ.
Zum Thema hat sich beispielsweise Hermann Müller-Karpe (1925-2013) geäußert, indem er im Vorwort zu seinem mehrbändigen Werk „Grundzüge früher Menschheitsgeschichte“ sein Geschichtsbild dargelegt hat (Müller-Karpe 1998). Aus seinen Äußerungen, wie auch aus seinen Referenzen wird deutlich, dass es entscheidend im Historismus des 19. und frühen 20. Jahrhundert wurzelt. Er betont die augenscheinliche Bedeutung politischer Strukturen und Geschehnisse, die Idee des Primats des Staates, „die Identität und Individualität der historischen Erscheinungen" (Müller-Karpe 1998, Bd. I, XV). Damit benennt er die wesentlichen Merkmale des historistischen Denkens, das schon früh von kulturgeschichtlichen Ansätze in Frage gestellt wurde und zu heftigen theoretischen Debatten in den deutschen Geschichtswissenschaften geführt hat, die von der Archäologie aber nicht rezipiert wurden.
Müller-Karpe machte diese Ausführungen wohl vor allem deshalb, weil er in einem persönlichen Dilemma steckte. Als Direktor der damaligen Kommission für Allgemeine und vergleichende Archäologie hatte er ein Konzept zu vertreten, das seiner Überzeugung offenbar zuwider lief. Es wird deutlich, dass er einem vergleichenden Ansatz sehr skeptisch gegenüber stand und wie der Historismus eigentlich der Meinung war, dass jede Epoche einzigartig und aus sich heraus zu verstehen sei. Ein vergleichender, komparatistischer Ansatz ist hingegen kennzeichnend für Ansätze der Kulturanthropologie, die eher an den Strukturen als an den spezifischen Einzelsituationen und konkreten Ereignissen und Personen interessiert ist. Ihre Ablehnung als antihistorisch ist (z.B. Fehring 2000) – neben der Äußerung, die Archäologie würde sich als Geschichtswissenschaft aufgeben, wenn sie nicht weiter ethnische Interpretationen vornehme – ein weiterer Hinweis darauf, dass das historistische Denken in der Archäologie jedenfalls noch vor ein paar Jahren dominierend war.

Nun gibt es längst andere Vorstellungen über den Charakter historischen Wandels, der anderen Faktoren der Sozial-, Wirtschafts- und Klimageschichte mehr Raum gibt und auf den ersten Blick den Menschen in ein Netzwerk unterschiedlichster Zwänge stellt. Von traditionellen Historikern kommt hier gelegentlich der Vorwurf, einem Determinismus oder einer materialistischen Sichtweise verfallen zu sein und den handelnden Menschen und die Rolle seiner Ideen zu wenig zu berücksichtigen. Umgekehrt gilt dies aber auch für Erklärungsmodelle historischen Wandels. Es ist nicht weniger deterministisch, die Menschen auf ihre Volkszugehörigkeit zu reduzieren und die dahinter stehenden sozialen Prozesse auszublenden.

Migration als Erklärungsmodell für Kulturwandel?


Migrationen sind als Erklärungsmodell für Kulturwandel viel zu einfach. Klar ist, dass es in der Vergangenheit viele Migrationen gegeben hat (vergl. Archaeologik 28.10.2015). Die Genetik erschließt hier eine neue Quelle, doch muss sie sehr darauf achten, nicht die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen und genetische Abstammungsgruppen unreflektiert mit Sprachgruppen oder mit Völkern gleichzusetzen. Es gibt eben nicht ein „keltisches“ oder „germanisches“ Gen, sondern allenfalls Populationen, in denen statistisch bestimmte DNA häufiger vertreten ist als anderswo.
Migrationen sind auch selten echte Völkerwanderungen, bei denen zentral organisiert ganze Völker und Stämme sich auf den Weg machen. Das ist ein Narrativ, das sich in der antiken Literatur etwa für die "Keltenwanderungen" nach Italien, den Auszug der Helvetier aus ihren angestammten Gebieten in Südwestdeutschland und der Schweiz um 60 v.Chr. und schließlich für die zahlreichen Bevölkerungsverschiebungen der Völkerwanderungszeit findet. Tatsächlich stehen dahinter sehr unterschiedliche Formen von Migration und man wird davon ausgehen können, dass sie vielfach auf der Ebene der Familien entschieden wurden. Aus der Sicht der meist römischen Schriftsteller war das nicht von Interesse – und auch Julius Caesar konnte einen Krieg gegen die Helvetier sicherlich schon damals besser rechtfertigen, wenn er in Rom als Krieg gegen einen mächtigen Stamm und nicht gegen Flüchtlinge wahrgenommen wurde.
In der Völkerwanderungszeit am Übergang von Antike zu Mittelalter sind es ebenfalls weniger „Völker“ die auf Wanderung gehen, als vielmehr kleine Gruppen, die sich erst im Lauf der Zeit zusammenfinden und sich organisieren. Viele der Wanderungen der Völkerwanderungszeit sind militärische Truppenverlagerungen, andere sind wohl tatsächlich als Flucht von Familien zu verstehen. 
 

Völkerwanderung heute?

Flüchtlingsströme am Grenzübergang Gevgelija, Mazedonien
(Foto: Dragan Tatic,
österr. Bundesministerium für Europa, Integration und Äusseres
[CC BY 2.0] via Wikimedia Commons)
Es wird deutlich, dass viele der Kategorien, die heute bemüht werden, um die aktuellen Flüchtlingsströme einzuordnen, selbst kaum verstanden sind. Die Vorstellung von Völkern und Völkerwanderung steht einer genaueren Analyse der Problematik eher im Wege und kann wenig erklären. Hier muss man sehr viel mehr auf die beteiligten Menschen und ihre individuellen Motive sehen.

Was aus einem Vergleich mit der Völkerwanderungszeit  vielleicht zu lernen ist: Migranten und Ortsansässige mögen sich vielleicht zuvor nicht persönlich begegnet sein, aber ihre Geschichte war schon zuvor eng verwoben. In der Völkerwanderungszeit stattfindende Prozesse der  Ethnogenese wären ohne die lange Auseinandersetzung mit Rom kaum denkbar - ebenso, wie es die derzeitigen Krisen im Nahen Osten und in Afrika und die daraus resultierenden Flüchtlingsströme ohne eine lange, verfehlte westliche Politik in diesen Regionen wohl auch nicht gäbe.


Literaturhinweise

  • Bierbrauer 2004: V. Bierbrauer, Zur ethnischen Interpretation in der frühgeschichtlichen Archäologie. In: W. Pohl (Hrsg.), Die Suche nach den Ursprüngen. Von der Bedeutung des frühen Mittelalters. Forschungen zur Geschichte des Mittelalters 8 (Wien 2004) 45–84.
  • Brather 2004: S. Brather, Ethnische Interpretationen in der frühgeschichtlichen Archäologie. Geschichte, Grundlagen und Alternativen. RGA Ergbd. 42 (Berlin: de Gruyter 2004).
  • Fehring 2000: G. P. Fehring, Die Archäologie des Mittelalters. Eine Einführung (Stuttgart: Theiss 2000). 
  • Graben für Germanien. Archäologie unterm Hakenkreuz (Darmstadt: WBG 2013). - ISBN 9783534259199
  • Jarnut 2004: J. Jarnut, Germanisch. Plädoyer für die Abschaffung eines obsoleten Zentralbegriffes der Frühmittelalterforschung. In: W. Pohl (Hrsg.), Die Suche nach den Ursprüngen. Von der Bedeutung des frühen Mittelalters. Forschungen zur Geschichte des Mittelalters 8 (Wien 2004) 107–113. 
  • Kochanek 2004: P. Kochanek, Die Vorstellung vom Norden und der Eurozentrismus: eine Auswertung der patristischen und mittelalterlichen Literatur.  Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz  205 (Mainz: von Zabern 2004). - ISBN 3-8053-3456-7
  • Koselleck u.a. 1978: R. Koselleck/ F. Gschnitzer/ K.F. Werner/ B. Schönemann, Volk, Nation. In: O. Brunner/ W. Conze/ R. Koselleck, Geschichtliche Grundbegriffe 7 (Stuttgart: Klett-Cotta 1978 [Nachdruck 2004]). - ISBN 3608915001
  • Müller-Karpe 1998: H. Müller-Karpe, Grundzüge früher Menschheitsgeschichte (Stuttgart: Theiss 1998).
  • Plassmann 2006: A. Plassmann, Origo gentis: Identitäts- und Legitimitätsstiftung in früh- und hochmittelalterlichen Herkunftserzählungen. Orbis medievalis 7 (Berlin: Akademie-Verlag 2006). - ISBN 978-3-05-004260-2
  • Prien 2005: R. Prien, Archäologie und Migration. Vergleichende Studien zur archäologischen Nachweisbarkeit von Wanderungsbewegungen, Universitätsforschungen zur Prähistorischen Archäologie 120 (Bonn: Habelt 2005). - ISBN 3-7749-3327-8
  • Reinerth 1940: H. Reinerth, Vorgeschichte der deutschen Stämme (Leipzig, Berlin: Bibliographisches Institut/ Stubenrauch 1940).
  • Rummel 2007: Ph. v. Rummel, Habitus barbarus. Kleidung und Repräsentation spätantiker Eliten im 4. und 5. Jahrhundert. RGA Ergbd. 55 (Berlin: de Gruyter 2007). 
  • Steinacher 2011: R. Steinacher, Wiener Anmerkungen zu ethnischen Bezeichnungen als Kategorien der römischen und europäischen Geschichte. In: St. Burmeister/N. Müller-Scheeßel (Hrsg.), Fluchtpunkt Geschichte. Archäologie und Geschichtswissenschaft im Dialog (Münster/New York/München/Berlin: Waxmann 2011) 183-206. - academia.edu
  • Wenskus 1977: R. Wenskus, Stammesbildung und Verfassung: Das Werden der frühmittelalterlichen Gentes (Köln, Wien : Böhlau 1977). - ISBN 3412001775
  • Wiwjorra 2006: I. Wiwjorra, Der Germanenmythos. Konstruktion einer Weltanschauung in der Altertumsforschung des 19. Jahrhunderts (Darmstadt: WBG 2006). - ISBN 9783534190164

Nachtrag (20.12.2015):
kleinere formale Korrekturen im Text

Nachtrag (9.2.2017):
kleinere formale Korrekturen im Text



http://web.rgzm.de/
Rainer Schreg, RGZM. Im Rahmen des neuen Forschungsfeldes "Gesellschaftliche Wandlungsprozesse und Dynamiken"  gehen wir der Frage nach, welche Faktoren zu gesellschaftlichem Wandel führen - und versuchen damit hinter die Kulisse vermeintlicher Kontinuitäten zu blicken.

Freitag, 27. Februar 2015

Vom Zauberwald in den Gerichtssaal - Das Urteil im Fall „Sondelpowerbenny“


Jutta Zerres

15 Monate Haft auf Bewährung und eine Geldbuße von 3000 € zugunsten eines Kinderhospizes - das ist das Strafmaß, welches das Amtsgericht Speyer gestern gegen den Sondengänger B. Czerny (alias „Sondelpowerbenny“) wegen Unterschlagung des Hortfundes von Rülzheim festsetzte. Die Richterin blieb beim Urteil geringfügig unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft, die 18 Monate auf Bewährung gefordert hatte. Die Verteidigung wollte hingegen einen Freispruch erreichen. Der Angeklagte und sein Anwalt kündigten an, Rechtsmittel gegen das Urteil einzulegen. 

Czerny hatte diesen außergewöhnlichen Fundkomplex aus der Völkerwanderungszeit im Frühjahr 2013 während einer Entdeckungstour mit Freunden in der Umgebung von Speyer mit seinem Metalldetektor aufgespürt, ausgegraben und mit nach Hause genommen. Der Stein kam aber erst ins Rollen, als er wegen anderer „ersondelter“ Funde, mit denen er sich gerne und oft im Internet präsentierte, angezeigt wurde. Erst im Zuge der polizeilichen Ermittlungen hatte er den Schatzfund von Rülzheim abgegeben, dessen Wert später auf rund eine halbe Million Euro geschätzt wurde. 

Aufgrund des in Rheinland-Pfalz geltenden Schatzregals wäre er zur Meldung der Fundstelle und Abgabe gesetzlich verpflichtet gewesen. Czerny gab während der Verhandlung an, dass er der Meldepflicht nicht nachgekommen sei, weil ihm die wahre Bedeutung des Fundes zunächst nicht bewußt gewesen wäre. Erst ein späterer Museumsbesuch im RGZM habe ihm zu der Erkenntnis verholfen, welchen historisch wichtigen Fund er gehoben habe. Zeugenaussagen belasteten ihn hingegen schwer, so dass ihm das Gericht seine Version der Geschichte nicht glaubte. Vielmehr sei er ein erfahrener Schatzsucher, der in anderen Fälle sehr wohl Fundobjekte richtig zu deuten und einzuordnen gewußt habe. Er habe wider besseres Wissen keine Meldung gemacht und damit die ihm vorgeworfene Unterschlagung tatsächlich begangen. 

Die Arbeit der Juristen ist nun abgeschlossen, sofern es nicht zu einer Berufung kommt. Die Strafe ist vergleichsweise hoch ausgefallen und der Urteilsspruch wird im Leben des jungen Mann nicht nur finanzielle, sondern auch andere gravierende Konsequenzen haben. „Sondelpowerbenny“ fühlt sich – erwartungsgemäß - zu Unrecht verurteilt und auch die Unmutsäußerungen aus den Reihen der Sondlerszene ließen - ebenfalls erwartungsgemäß – nicht lange auf sich warten. 

Jedoch gibt es aus der Sicht der Archäologie keinen Grund sich bequem zurückzulehnen, denn ein für das Fach nicht unbedeutender Aspekt hat bei der juristischen Bewertung überhaupt keine Rolle gespielt. Es war hier nicht nur die Unterschlagung wichtiger Fundstücke zu beklagen, sondern – und vor allem – die irreparabele Zerstörung einer Fundstelle und der damit verbundenen historischen Information. So wird es weiterhin Aufgabe der Archäologie und Denkmalpflege sein, in der Öffentlichkeit den wissenschaftlichen Wert einer Dokumentation von Fundstücken zusammen mit ihrem Fundkontext zu verdeutlichen. Hier reicht es nicht, auf Gesetzestexte zu verweisen. Es muss diskutiert und definiert werden, wie das Verhältnis zwischen den „Archäologie-Profis“ und den Hobby-Forschern besser gestaltet werden kann, denn das Problem der illegalen Sondengängerei kann man getrost als virulent bezeichnen. Der Fall „Sondelpowerbenny“ ist da nur die Spitze des Eisberges, die aufgrund des großen Drangs zur Selbstdarstellung des Protagonisten öffentlich sichtbar wurde. 

Der Raubgräber als Aktenvernichter:
Durch die unsachgemäße Bergung wurde die schriftliche Quelle zerhäkselt.
(Foto: wdwd [CC BY-SA 3.0] via Wikimedia Commons)
Es gilt weiterhin klar zu machen, dass das Schatzregal kein Instrument des Staates ist, seine Bürger auszusaugen und zu bevormunden. Vielmehr dient es dazu, Objekte mit historischer Aussagekraft als Allgemeingut und für die Allgemeinheit zu schützen. Da steht sicher nicht alles zum besten, was auch daran abzulesen ist, dass sich das Interesse, den Fall überhaupt zu verfolgen, wohl eben an der Unterschlagung von Gold und Silber festmacht und eben nicht an der Zerstörung einer historischen Quelle. Dass hier riesige Wissensdefizite über die archäologische Arbeit bestehen, spiegeln die aktuelle Berichterstattung der Medien und die Reaktionen der Leserschaft auf den Prozess genauso wie vor einem Jahr, als der Fall bekannt wurde und ein großes Medienecho erzeugt hatte.

Die Archäologie muss deutlicher zeigen, wie sie Funde auswertet und interpretiert - dazu muss sie die Öffentlichkeit besser einbinden und zudem methodisch-theoretisch ihre eigene Arbeit besser reflektieren.


Interne Links zum Thema:


Links zur Berichterstattung über den Prozess:


Freitag, 21. Februar 2014

Ein Räuber im Zauberwald - die Vernichtung einer Quelle zur Völkerwanderungszeit

Sehr viel Aufsehen erregt der Fund eines "Barbarenschatzes". In einem Wald bei Rülzheim wurde er mit einer Metallsonde aufgespürt und anschließend illegal ausgeräumt.
Bei dem Finder handelt es sich um einen seit geraumer Zeit in der Sondlerszene engagierten Raubgräber, der in der Südpfalz offenbar schon zahlreiche Fundstellen heimgesucht hat und insbesondere mit seinem "Zauberwald" prahlt. Die Behörden kamen ihm wegen Ermittlungen in anderen Fällen auf die Spur.
Der Fund wird gefeiert - und doch ist er in erster Linie ein Alarmsignal. Er demonstriert die Vernichtung historischer Quellen durch Schatzsucher.

Der Fund umfasst zahlreiche Objekte, die eine Datierung ins 5. Jahrhundert nahelegen.

Wissensverlust
Der Gewinn an Fundobjekten wiegt den Verlust an Wissen bei weitem nicht auf. Unter den Funden liegen zahlreiche Goldbeschläge vor. Nun wird gerätselt, ob die "kreuzförmig ornamentierten Goldbuckel die Robe eines Römers oder eines germanischen Stammesfürsten" zierten. Denkbär wäre aber auch, dass sie zu Pferdegeschirr gehörten. Da jedoch keine Fundlage dokumentiert wurde, läßt sich das nicht mehr klären. Wir können nur anhand von besser bekannten Vergleichsfunden Mutmaßungen anstellen - die gibt es aber nur in geringer Zahl, da auch andere einschlägige Schätze durch Raubgräber ans Tageslicht gekommen sind.
Vielleicht gehören im Rülzheimer Fund weitere Goldbeschläge zu demselben Stück. Die Fundlage hätte uns das erzählen können.

Die Beschläge eines Klappstuhls sind als Einzelteile auf uns gekommen. Die möglicherweise zugehörigen Eisenteile fehlen. Der Räuber hat die Rostteile möglicherweise entsorgt. Ein etwas jüngeres Vergleichsstück wurde 2006 bei regulären Grabungen der baden-württembergischen Denkmalpflege aus einem Grab bei Hessigheim geborgen. Die Eisenteile wurden selbstverständlich ebenso geborgen, wie die Silberteile - und ermöglichten so eine Rekonstruktion des Klappstuhls. Beim Rülzheimer Klappstuhl erfahren wir leider nichts mehr über die Anordnung der Einzelteile und haben somit auch keine zuverlässigen Informationen mehr, um das Stück zu rekonstruieren. Wir können nur für Ausstellungszwecke nach anderen Beispielen ein mehr oder weniger plausibles Arrangement der Einzelstücke vornehmen - wissenschaftlich ist das aber wertlos.
 
Die Wirkungen einer Raubgrabung sind vergleichbar
mit der Wirkung eines Aktenvernichters:
Das Material ist noch da, die Zusammenhänge sind vernichtet.
(Foto: wdwd [CC BY-SA 3.0] via Wikimedia Commons)

Das sind nur einige Informationslücken, die der Raubgräber bezüglich der Kenntnis der Einzelobjekte gerissen hat. Wir erfahren aber auch nichts mehr darüber, ob der Fund in einer Kiste, in einem Sack, in einem Erdloch, in einem Keller begraben war - oder gar in einem Sumpf versenkt war.

Die Hackspuren an dem Silberteller legen immerhin nahe, dass es sich nicht um einen Grabfund handelt -  was prinzipiell ebenfalls eine Möglichkeit darstellt, die wir nicht ausschließen können. Hätte der Raubgräber schlecht erhaltene Leichenreste überhaupt erkannt? Wohl kaum. Hätte er ein Grab pfleglicher behandelt?

Die Südpfalz ist eine Landschaft, die mit dem "Nibelungenschatz" verbunden wird. In den Medien wird hier nun jenseits jeder wissenschaftlicher Argumentation spekuliert. Fakt ist, dass der Rülzheimer Schatz nicht der erste aus der Region ist. Nur wenige Kilometer entfernt in Neupotz wurde seit 1967 bei Kiesbaggerarbeiten der "Hort von Neupotz" geborgen. Hier liegen ebenfalls keine Informationen zum Befundkontext vor, da die Funde aus dem Rheinkies ausgebaggert wurden. Vermutlich sind sie bei einer Rheinquerung verloren gegangen. Der Fund von Neupotz datiert ins 3. Jahrhundert, ist also um einiges älter als der neue Fund von Rülzheim.
"Schatzfunde" - der Archäologe spricht lieber von Hortfunden, da der heutige Wert nachrangig ist - sind aus der Völkerwanderungszeit in großer Zahl bekannt. Oft handelt es sich nur um eiserne Gerätschaften, die für Raubgräber eher uninteressant sind, da die Restaurierung aufwändig ist. Dabei gibt es ganz verschiedene Hintergründe, wie solche Hortfunde zustande kommen. Bisweilen ist es das Plünderungsgut, das Barbarenhorden auf ihren Zügen unterwegs verloren oder zurück gelassen haben. Das wird etwa für Neupotz vermutet. Bisweilen sind es Objekte, die die lokalen Bewohner vor Plünderern versteckt haben - und nicht wieder bergen konnten. In einigen Fällen sind es auch Opferfunde aus Sümpfen, Seen und Flußarmen. Hier haben sich die Objekte oft auch über einen längeren Zeitraum angesammelt. Eine genaue Beobachtung der Fundlage wäre entscheidend gewesen, diese grundätzliche Frage zu klären.
Und Rülzheim?
Er ging als Barbarenschatz in die Medien. Sicher ist das nicht - denn der freundliche Raubgräber hat uns leider alle sicheren Indizien dazu zerstört.

Die Beurteilung des Schatzes von Rülzheim wird immer ein Fragezeichen behalten müssen. Nur noch bedingt lässt er sich heranziehen, um den Zerfall des antiken Staatswesens genauer zu beleuchten und nach den konkreten Vorgängen zu fragen. Gerade heute, wo wir solche Szenarien des Staatszerfalls in Afrika und im Nahen Osten erleben, wäre es angebracht, darüber nachzudenken, welche Rolle solche Szenarien für unsere eigene Kultur spielen. Auch diese Kraft des Schatzes von Rülzheim hat der Räuber im Zauberwald zerstört - es sind nur noch Objekte.  


Medienecho

Donnerstag, 26. Juli 2012

Römer und Barbaren - Siedlungsfunde aus Heuchlingen

Bei der Aufnahme der Sammlung Kley fiel ein kleiner Fundbestand frühalamannischer Keramik aus Heuchlingen (Gde. Gerstetten, Lkr. Heidenheim) ins Auge. Anfang der 1970er Jahre konnte Kley in einer Pflugfurche die Reste einer völkerwanderungszeitlichen Grube dokumentieren. Neben einem möglicherweise erst ins 5. Jahrhundert zu datierenden schräg gerieften Gefäß (5) und einem ebenso späten stempelverzierten Stück liegen zahlreiche Scherben grober handgemachter Keramik vor, von der zahlreiche Scherben eine flächendeckende Fingertupfenverzierung aufweisen (1-2). Diese Verzierungsart ist in Südwestdeutschland eher ungewöhnlich und tritt etwa in der frühalamannischen Siedlung im ehemaligen Kastell Heidenheim nur in geringer Zahl auf. Sie weist auf „rhein-wesergermanische“ Beziehungen, wo entsprechende Keramik schon in kaiserzeitlichen Kontexten auftritt. Das Heuchlinger Fundspektrum umfasst allerdings auch typische "elbgermanische" feine graue handgemachte Ware (3-4) und etwas Grobkeramik.
Zellenabstand und Zelleninnenabstand in Tabellen
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4


5
Keramikfunde aus Heuchlingen
(Slg. A. Kley, Fotos R. Schreg)

Kley hat in seinen Skizzen die Lage der Grube festgehalten, wenn auch die damalige Einmessung nicht mehr exakt nachzuvollziehen ist. Außerdem geht aus seinen Aufzeichnungen hervor, dass im angrenzenden Gelände zahlreiche römische Keramik lag. Damit stellt sich die Frage, in welcher Lagebeziehung die spätantiken/ völkerwanderungszeitlichen Funde zu den römischen stehen.

Schon seit langem wird die Kontinuität der Siedlungsstrukturen über das Ende der Limeszeit hinaus diskutiert. Zumeist wird dabei daran gedacht, dass sich die landnehmenden Alamannen neben die alten Gutshöfe gesetzt hätten. Inzwischen gibt es aber auch Überlegungen, ob die alamannische Bevölkerung nicht gezielt von römischer Seite auf einzelne Gutshöfe eingewiesen worden sind. Die genannte Fundstelle in Heuchlingen dürfte für diese Frage nicht uninteressant sein, könnte die 'rhein-weser-germanische' Keramik doch teilweise noch ins 3. Jahrhundert datieren.


Befliegungen rund um Heuchlingen
Im Zusammenhang mit den Arbeiten auf der Stubersheimer Alb und - früher schon - zum Geislinger Talkessel ergab sich mehrfach die Gelegenheit zu luftbildarchäologischen Flügen. 2005 wurde somit auch Heuchlingen angesteuert, um etwas mehr Klarheit über die topographische Relation der 'barbarischen' und der römischen Fundstelle zu erhalten.

Heuchlingen: römische Villa. Der rot markierte Bereich gibt
den Bereich an, in dem nach den Unterlagen von Kley die
Grube mit der völkerwanderungszeitlichen Keramik
lokalisiert werden muss.
(Luftbild R. Schreg 2005)
Tatsächlich zeigte sich im Luftbild der deutliche Grundriss einer römischen Villa rustica samt ihrer Umfassungsmauer. Damit wurde deutlich, dass die Grube mit der spätantiken/ völkerwanderungszeitlichen Keramik knapp außerhalb des Villengeländes lag.

Heuchlingen (Luftbild R. Schreg 2005)

Interessanterweise wurde jedoch auch nur wenige hundert Meter von der genannten Fundstelle bei Heuchlingen entfernt eine zweite Villa im Luftbild erfasst, von der noch keine Funde aktenkundig waren. Als Resonanz auf eine erste Publikation der Luftbilder im Heidenheimer Jahrbuch ging jedoch der Hinweis ein, dass bereits früher dort römische Funde gemacht worden sind. Entsprechende Informationen gingen daraufhin auch an die Bodendenkmalpflege. 2011 war es für die Kollegen notwendig, Teile dieses Gutshofes in einer Rettungsgrabung zu untersuchen. Der Steinbauphase ging hier offenbar eine Holzphase voraus.

Die Heuchlinger Befunde fügen sich ein in ein Bild der römischen Besiedlung auf der östlichen Schwäbischen Alb, das in den vergangenen Jahren schärfere Konturen angenommen hat. Mehrfach sind hier kleine römische Villen erfasst worden: In Flur Fürsamen bei Heidenheim wurde ein Gehöft ergraben, bei dem gerade mal der Keller gemauert war. Ähnliches zeigen die Grabungen entlang der Autobahn A8 und die geophysikalischen Prospektionen auf der Stubersheimer Alb. Dort war schon 1997 bei den angesprochenen Befliegungen bei Bräunisheim der Grundriß eines römischen Gebäudes erfasst und anschließend geomagnetisch prospektiert worden. Ich habe das Gebäude als Hinweis auf kleine römische Gutshöfe verstanden, doch hat sich nun bei großflächigem Bodenradareinsatz gezeigt, dass es sich lediglich um das Nebengebäude einer Villa rustica handelte (s. Archaeologik). Das Hauptgebäude lag nicht weit entfernt, wurde aber schon früher bei Baumaßnahmen weitgehend zerstört. Aus älteren Aufsammlungen vor der Flurbereinigung der 1970er Jahre liegen von Oberflächenfunde römischer Keramik vor; neue Begehungen erbrachten nur noch unbestimmbare kleinste Scherbchen.
Weitere römische Anlagen wurden auf der Stubersheimer Alb im vorigen Jahr bei großflächigen Prospektionen dokumentiert (s. Archaeologik).

Völkerwanderungszeitliche Siedlungen
Heuchlingen.
Grabung des
Landesamts für Denkmalpflege 2011
(Foto R. Schreg)
Die östliche Schwäbische Alb ist seit langem eine bedeutende Fundlandschaft für die Völkerwanderungszeit. Grabfunde sind vergleichsweise selten, aber Siedlungsfunde liegen aus Sontheim an der Brenz, aus Nattheim, aus Heidenheim-Schnaitheim und aus dem Kastell Heidenheim vor. Weiter westlich liegen Fundstellen bei Essingen, und Urspring sowie in Geislingen an der Steige. Hinzu kommen einige Funde aus der Sammlung Kley aus Treffelhausen, Schalkstetten und Stubersheim (s. Archaeologik).

Immer wieder ist hier eine Nachbarschaft zu römischen Ansiedlungen zu erkennen, am deutlichsten in Heidenheim, wo innerhalb der alten Kastellmauern eine völkerwanderungszeitliche Siedlung mit großen Pfostenbauten nachgewiesen werden konnte.



Heidenheim, Barbaren im Kastell: völkerwanderungszeitliche Langhäuser
(Graphik R. Schreg nach Planunterlagen von M. Scholz)
Um inhaltlich voran zu kommen, müssen die offenen chronologischen Fragen - vor- und nach dem Limesfall - geklärt werden. Das wird allein mit Lesefunden nicht gelingen, sondern setzt exakte Befundbeobachtungen voraus. Und es wird wichtig sein, die "barbarischen" Bauaktivitäten zu identifizieren. Die Fundstelle in Heuchlingen bietet hier eventuell einen vielversprechenden Ansatz - eine geophysikalische Prospektion wäre ein erster strategischer Schritt dazu. Wildes Absammeln ohne genaue Einzelfundeinmessung sollte (auch im Pflughorizont) unterbleiben!


Literaturhinweis
  • R. Schreg: Luftbildarchäologie zwischen Heidenheim, Urspring und Langenau. Römische Gutshöfe bei Heuchlingen und Bräunisheim. Heidenheimer Jahrbuch 12, 2007/08, 106-118
  • A. Neth, Eine villa rustica in Holz und Stein bei Heuchlingen. Arch. Ausgr. Bad.-Württ. 2011, 164-167.
  • R. Schreg, Die Erschließung der Siedlungslandschaft. In: D. Ade/B. Rüth/A. Zekorn (Hrsg.), Alamannen zwischen Schwarzwald, Neckar und Donau. Begleitbuch zur Wanderausstellung (Stuttgart 2008) 56–61. 
  • S. Spors-Gröger, Die ersten Alamannen. In: A. Gut (Hrsg.), Die Alamannen auf der Ostalb. Frühe Siedler im Raum zwischen Lauchheim und Niederstotzingen. Archäologische Informationen aus Baden-Württemberg 60 (Esslingen 2010) 40–55.
  • M. Scholz, Eine römische Villa rustica und völkerwanderungszeitliche Bauernhäuser bei Heidenheim-Schnaitheim. Vorbericht der Ausgrabungen 2002 und 2004 im Gewann "Fürsamen". Jahrb. Heimat- u. Altver. Heidenheim 11, 2005/2006, 64–94.
  • M. Scholz, Die spätantike Besiedlung der östlichen Schwäbischen Alb. In: J. Biel/J. Heiligmann/D. Krauße (Hrsg.), Landesarchäologie. Festschrift für Dieter Planck zum 65. Geburtstag. Forschungen und Berichte zur Vor- und Frühgeschichte in Baden-Württemberg 100 (Stuttgart 2009) 469–501.
interner Link
    Dank
    an Dieter Schwell, den Piloten und Siegfried Kastler für den Hinweis auf frühere Funde in Heuchlingen