Samstag, 7. Mai 2016

Warum das Konzept der Rasse Mist ist:

Die Autoren - ein Medizinhistoriker, eine Genetikerin, eine Soziologin und ein Biologe aus Philadelphia und New York - setzen sich mit der Rolle der Kategorie "Rasse" im Kontext der modernen Genetik auseinander. Vorab ist zu vermerken, dass der Begriff "race" im Englischen weniger belastet ist, als dies aus den Verbrechen des Nationalsozialismus heraus in Deutschland der Fall ist.
Als die moderne Genetik in den 1980er Jahren entwickelt wurde, haben damals führende Forscher prognostiziert, dass der Begriff überflüssig werde. Dennoch sind Rasse oder ähnliche Klassifikationskonzepte (aufgrund von Haplogruppen) in der Wissenschaft populär, wie schon lange nicht mehr - und werden munter herangezogen, um (prä)historische "Völkerwanderungen" zu belegen.

Die Autoren weisen unter anderem darauf hin, dass "Rasse" ein Begriff der Kategorisierung eines Zustandes ist, dem zunächst keine historische Dimension zukommt. Häufig wird aber "Rasse" als weit zurück reichende Abstammungslinie missverstanden und so anfällig für eine Zuweisung von kulturellen Eigenschaften bis hin zu rassistischen Vorurteilen. Diese mangelnde Trennung von notwendiger Datenklassifikation und historischen Akteursgruppen zeichnet sich auch in Deutschland ab, wo der Rassebegriff zwar nicht mehr gebräuchlich ist, nun aber andere genetische Merkmale über die Zeit hinweg verfolgt werden. Dabei werden beispielsweise bestimmte Haplogruppen mit Jägern und Sammlern gleichgesetzt. Die noch immer außerordentlich schmale Datengrundlage der Archäogenetik zwingt natürlich zu solchen Abstraktionen, jedenfalls wenn man "wichtige", "hochrangige", "impact-starke" Publikationen schreiben will, wie dies der Wissenschaftsbetrieb von den Naturwissenschaftlern aus unterschiedlichsten Gründen einfordert (obwohl sie nicht die Medien sind, mit denen die relevante Community, nämlich die Geisteswissenschaften erreicht werden).
Diese Überlegungen sind auch wichtig für die aktuelle Auseinandersetzung zwischen Genetikern und Historikern in Deutschland.

Die Autoren schlagen die Begriffe Abstammung ("ancestry") und Population vor, um die beiden Bedeutungsebenen zu trennen. Sie sind tatsächlich sehr viel mehr auf eine synchrone Ebene bezogen und implizieren weit weniger, dass es Jahrhunderte oder Jahrtausende übergreifende in sich begründete Volksgruppen gäbe. Solche Gruppen sind primär sozial bestimmt, zu Zeiten mal mehr mal weniger auf dominierenden Abstammungslinien beruhend.

Der historische Erkenntnisgewinn, der sich aus der Genetik ergibt, ist nicht zu bestreiten. Das Problem sind die Narrative, die daraus entwickelt werden. Die Rekonstruktion von Migrationen liegt durchaus in den Möglichkeiten der Genetik, schwierig ist es aber, diese als Völkerwanderungen zu identifizieren. Dazu braucht es weiterer Argumente. Das Vordringen einer zunächst regional noch fremden Gengruppe muss nicht im Rahmen einer Völkerwanderung geschehen, langfristige Kontakte im Rahmen von Handel oder der für Jäger und Sammler oder auch Nomaden üblichen Mobilität im Raum mögen hier völlig ausreichen.
Die derzeitige Terminologie der historischen Genetik ist jedenfalls viel zu wenig reflektiert und riskiert, alte Fehler zu wiederholen.

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Kommentare:

Michael Merten hat gesagt…

Wer soll unsere Sprache bestimmen? Rechte Dumpfbacken oder wir?

Rechte Dumpfbacken haben keine Ahnung, was das Wort Rasse bedeutet. Tausende von Tierzüchtern benutzen das Wort jeden Tag. Da ist dann von Hunderassen die Rede, von Pferde-, Hühner-, Tauben-, Katzenrassen. Die Auszählung läßt sich fast beliebig erweitern.

Der Mensch ist aber auch nur ein Säugetier wie Pferde, Hunde ... auch. Warum sollte es also beim Menschen keine Rassen geben?

Was rechte Dumpfbacken leugnen: Die Natur schert sich einen feuchten Kehricht darum, zu welche Rasse ein Individuum gehört. Jede Rasse treibt es mit jeder anderen nach Lust und Laune. Die Natur kennt auch keine "wertvolleren" Rassen. Ob Schäferhund oder Dackel - egal. Nur eine Frage des persönlichen Geschmacks.

Natürlich weiß ich, wie sehr der Begriff Rasse mißbraucht wurde. Nach 70 Jahren wird es aber wohl Zeit, die Deutungshoheit über die deutsche Sprache zurück zu gewinnen.

Keinen Zentimeter den (Neo-)Nazis!

Pointiert: Anderenfalls könnten wir auch einer Schwangeren vorhalten, dem Frauenbild der Nazis als Mutter zu folgen. Das wäre aber nur noch krank!

Michael Merten, Münster

Rainer Schreg hat gesagt…

Es geht nicht um den Begriff als solchen, sondern um das Konzept das dahinter steht. Immerhin hat der Ursprungsartikel gar keinen deutschen Hintergrund.