Sonntag, 5. April 2020

Niedliche Ponys und stinkende Schweine auf der Heuneburg? Wissenschaftsvermarktung statt Wissenschaftsvermittlung?

"Das Land Baden-Württemberg will das Freilichtmuseum als museale und touristische Erlebniswelt neu erschaffen" berichtet die Schwäbische zu den neuen Entwicklungen an der Heuneburg, die nun im April 2020 in die Trägerschaft der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg übergangen ist. Das ganze soll in eine landesweite Keltenkonzeption des Landes Baden-Württemberg eingebunden sein.
Angekündigt werden für die Heuneburg eine Erlebniswelt und eine "Marketingmaschinerie". Und Vermittlungsziele werden genannt: "Wie niedlich waren keltische Ponys? Wie groß keltische Kühe? Und verströmten auch keltische Schweine strenge Duftnoten? Bisher konnten kleine und große Besucher der Heuneburg bei Herbertingen (Kreis Sigmaringen) darüber fast nur mutmaßen."

Mir drängt sich da eine Frage auf: Ist das das Erkenntnisniveau der Archäologie? Große Forschungsprojekte und am Ende lernt das Publikum, wie Schweine stinken? 

Zugang zum Freilichtmuseum Heuneburg
durch das teilrekonstruierte Tor
(Foto: R. Schreg, 2019)

Inhalte archäologischer Wissensvermittlung

Der Artikel (hoffentlich nicht das tatsächliche Konzept zur Heuneburg) macht auf das Problem aufmerksam, dass eine archäologische Didaktik nicht unbedacht einfach auf die Darstellung vergangener Lebenswelten, living history und experimentelle Archäologie setzen darf.

Der heutigen Gesellschaft  zu vermitteln, wie man früher gelebt hat, ist ein legitimes und wichtiges Anliegen der Archäologie.  Dazu braucht es die Formate der Living History, Rekonstruktionen und 'experimentelle Archäologie'. Das sind aber die Medien, nicht die zentralen Inhalte. Diese sind an jeder Fundstelle im einzelnen zu evaluieren.

Die Dimension der Zeit

Im Prinzip liegt die eigentliche Stärke der Archäologie in der Vermittlung der zeitlichen Dimension. Die QArchäologie hat mit langen Zeiträumen zu tun, wie keine andere historische Disziplin. In unserer heutigen Gesellschaft ist gerade dieses Zeitverständnis ein riesiges Defizit. Zukunft wird bis zur nächsten Wahl oder Aktionärsversammlung gedacht, mittel- bis längerfristige Ziele des Klimaschutzes liegen daher so außerhalb der Vorstellungswelt, dass sie leicht vergessen und viel zu spät angegangen werden. Eine Vorstellung von Zeit, von andauernden Veränderungsprozessen, von der Abhängigkeit von der Vergangenheit und von der Verantwortung für die Zukunft ist für eine moderne Gesellschaft grundlegend, wenn sie nachhaltig und zukunftsorientiert sein will (was sie muss). Dazu braucht es das Bewusstsein, dass das Handeln einer Generation langfristige Folgen hat, dass kulturelle Errungenschaften nicht selbstverständlich sind, dass es auch unter "unseren" Vorfahren, sprich in der jeweiligen Region ganz unterschiedliche Gesellschaftsmodelle gegeben hat.
Das ist ein Narrativ, das sich aus den Quellen zwangsläufig ergibt - eher als die klassischen, ethisch und politisch stets problematischen identitätsstiftenden Narrative.

Die zeitliche Dimension ist aber nicht damit vermittelt, dass man an jedem Fundplatz frühere Lebensverhältnisse inszeniert.  Dem wenig vorgebildeten Besucher werden die Unterschiede vergangener Lebenswelten - und damit die zeitliche Dimension - nämlich nur auffallen, wenn sie nebeneinander gestellt werden. In der Erinnerung wird die zeitliche Dimension nach dem Besuch eines zeitspezifischen Archäologiefreilandmuseums wie der Heuneburg eher noch verschwimmen. Neolithikum und Mittelalter (und natürlich auch die Kelten) wirken da gleichermaßen primitiv, zumal wenn das niedliche Fohle oder Kälbchen oder das stinkende Schwein im Vordergrund steht. Wer beachtet schon die Differenzierungen in der Fibeltracht der Darsteller*innen? Wenn hier Lebensalltag in dem Mittelpunkt gestellt wird, besteht das Risiko, dass wieder dasselbe dargestellt wird: Töpfern, Spinnen, Weben, Bronzegießen, Strohdach decken, Korbflechten sowie niedliche wie auch stinkende Tiere. Wenn dann noch (mein entsprechendes Erlebnis ist Gott sei Dank schon ein paar Jahre her), bei der Darstellung einer frühneolithischen Siedlungganz unhinterfragt das Bronzegießen vorgeführt wird, wird das Ganze vollends kontraproduktiv. Dass es da grundlegendes Wissen zu vermitteln ist, zeigt mir eine aufgeschnappte, ernst gemeinte Frage einer deutscher Besucherin der römischen Ruinen in Herculaneum: "Was war denn vorher: die Neandertaler oder die Römer?"

Zeitliche Längsschnitte nur im Verbund

Die Darstellung vergangener Lebensverhältnisse vermittelt nur dann ein Verständnis für Zeit, wenn es gelingt, die Veränderungen darzustellen. Das geschieht am besten nicht auf einem spezifischen archäologischen Fundplatz, der in der Regel prominent für eine einzelne Phase stehen wird. Hier liegt die Stärke der Freilandmuseen, die nicht an einem historischen Ort anknüpfen, sondern verschiedene Baugruppe nebeneinander stellen können.  Ein Beispiel, wie dies gelingen kann, bietet der Geschichtspark Bärnau-Tachov (Website), der die Siedlungsentwicklung vom frühen Mittelalter bis ins Spätmittelalter zeigt. Im Zusammenspiel mit dem nahen Oberpfälzer Freilandmuseum Neusath-Perschen (Website) ist sogar die Entwicklung bis in die jüngere Zeit konsistent nachzuverfolgen. Im mittelfränkischen Freilandmuseum Bad Windsheim wurde direkt eine archäologische Baugruppe integriert (Website), so dass neben den originalen mittelalterlichen Bauernhäusern frühmittelalterliche Rekonstruktionen zu sehen sind. Eine eigene museale Ausstellung zeigt Modelle von vor- und frühgeschichtlichen Siedlungen und schafft es so, die Veränderungen in der Zeit verständlich zu machen. Gelingt dies nicht an einem Standort, so kann ein gemeinsames regionales Komzept - das freilich mehr sein muss, als der Tausch von Prospekten - hier eine Perspektive bieten. In der Region der Heuneburg wären da das Federseemuseum (Website), - wenn auch mit nicht unproblematischem Konzept - die Klosterstadt Campus Galli (Website), die 'Bachritterburg' Kanzach (Website) und das Freilichtmuseum Neuhausen ob Eck (Website) und das Museumsdorf Kürnbach (Website) zu nennen. 

Gebäude der Baugruppe Spätmittelalter
im Geschichtspark Bärnau-Tachov
(Foto: R. Schreg, 2018)

In solch einem Vermittlungsverbund kommt neben den archäologischen Freilichtmuseen den klassischen "volkskundlichen" Freilandmuseen eine große Bedeutung zu, denn sie vermitteln schon lange vergangene Lebenswelten. Hier werden alte Handwerkstechniken dargestellt und nicht selten auch alte Haustierrassen gepflegt. Hier kann der moderne Städter oftmals auch Stallgeruch erleben. Die klassischen Freilandmuseen mit ihrem translozierten Baubestand sind dafür prädestiniert, denn hier lässt sich auf originale, gut und detailreich dokumentierte und eingerichtete und damit authentische Häuser zurückgreifen, was im archäologischen Kontext immer sehr viel problematischer ist. Jede Rekonstruktion stellt hier nur eine Möglichkeit unter Vielen dar und läuft Gefahr, fragliche Bilder
An einem einzelnen Platz wie der Heuneburg vor- und frühgeschichtliche Lebenswelten in den Mittelpunkt eines Vermittlungskonzeptes darzustellen, ist daher  nicht unproblematisch.
 

Heuneburg unter Wert verkauft


Die Heuneburg ist ein Zentralplatz der frühen Eisenzeit, genauer der späten Hallstattzeit im 7. bis 5.  Jahrhundert v.Chr. mit reichen Bestattungen im Umfeld und zahlreichen Importfunden nicht nur aus dem Mittelmeerraum. Sie war und ist Gegenstand vieler langjähriger Forschungsprojekte, die unseren Blick auf die Vorgeschichte grundlegend verändert haben. Sah man früher vor allem den 'Fürstensitz' mit seiner mediterranen Lehmziegelmauer auf der eigentlichen Heuneburg, so wurde in den vergangenen Jahren deutlich, dass hier eine bislang unbekannte Siedlungsagglomeration bestanden hatte. Zunehmend erschließt sich auch die umliegende Kulturlandschaft.

Diese Forschungen werden mit den skizzierten Themen der Keltenwelt weit unter Wert verkauft. Was dort aufgeführt wird, leisten schon heute unzählige Freilandmuseen und archäologische Rekonstruktionen. Um zu zeigen, wie Schweine stinken, braucht es keine teuren Forschungsprojekte.
Die Heuneburg war kein Ponyhof und kein Bauernhof, sondern ein fast schon stadtartiges Siedlungszentrum. Das begreift das Publikum sicher nicht, wenn es mit Eindrücken von stinkenden Schweinen nach Hause geht (selbst wenn das vielleicht tatsächlich der dominierende Straßengestank in der Heuneburgsiedlung war).

Heuneburg, 1930er Jahre (?)
(Foto: A. Kley)

Die Potentiale der Heuneburg liegen woanders, nämlich gerade in der Vermittlung der Zeit. Welcher archäologische Fundplatz wäre dafür in Süddeutschland besser geeignet als die Heuneburg?
Heir lässt sich zeigen, wie sich ein einst sicher bedeutendes, nach damaligen Verhältnissen global vernetztes Zentrum entwickeln konnte - und auch wieder untergegangen ist. Die Vorstellung von Kontinuität und immer weiter gehendem Fortschritt lässt sich hier hinterfragen.

Die Heuneburg könnte hervorragend vermitteln wie sich auch in vormoderner Zeit Gesellschaften verändert haben, in vergleichsweise kurzer Zeit. Ein wichtiges Potential der Heuneburg besteht auch in der Vermittlung der grundlegenden Problematik solcher Volksbegriffe wie "Kelten".  Keltische Ponys, Kühe und  Schweine gab es nicht, schon weil die Kelten ein soziales Konstrukt ihrer mediterranen Zeitgenossen sind. Genau das lässt sich an der Heuneburg darstellen, denn sie steht im Kontext mit einer der frühen Nennung von "Kelten".  Bei Herodot wird in diesem Kontext auch die Siedlung Pyrene an den Donauquellen genannt, die  im aktuellen Marketing schon mit der Heuneburg identifiziert wird (siehe http://www.heuneburg-keltenstadt.de/). Unmöglich ist das nicht, vielleicht sogar plausibel, aber sie ist eben auch nicht ohne Widersprüche und letztlich - wie so vieles in den Geisteswissenschaften - aus methodischen Gründen nicht beweisbar. Das sollte man darstellen und nicht überspielen, denn Vertrauen in die Wissenschaft (und Vertrauenswürdigkeit der Wissenschaft) ist ein hohes Gut. Das Vertrauen muss sich die Wissenschaft verdienen, indem sie sich von Sensationalisierung und oberflächlicher Vermarktung distanziert.

Pyrene und die Kelten sind in der Darstellung der Heuneburg wichtige und zentrale Themen  einer Wissensvermittlung, in einer offensiven Vermarktung aber eher problematisch.
Die 'Kelten' sind in unserer Wahrnehmung eines der großen antiken Völker, die Vorfahren der Franzosen, Iren und Schotten, die aber auch ihre Spuren in Deutschland, Norditalien Tschechien, Österreich und selbst Rumänien hinterlassen haben. Sie sind somit Teil der eigenen Tradition, was aber zurück wirkt auf die Wahrnehmung der Hallstattzeit und der Heuneburg. Sie werden der eigenen Tradition einverleibt und identitätsstiftend. Damit geht aber auch Distanz verloren und wir erkennen sehr viel eher vermeintliche Gemeinsamkeiten als die Unterschiede. Die klassische Interpretation der Späthallstattzeit als eine Periode regionaler Fürsten verwendete halb bewußt, halb unbewußt eine historische Terminologie des Mittelalters und der frühen Neuzeit, die vertraute Strukturen implizierte. Tatsächlich ist der historische Erkenntnisgewinn einer Zuweisung eisenzeitlicher archäologischer Fundstellen an die Kelten begrenzt, wenn nicht eher negativ. Längst haben DNA-Studien gezeigt, dass bei allen kulturellen Gemeinsamkeiten die Kelten keine Abstammungsgemeinschaft sind (Leslie u.a. 2015). Anstatt 'Kelten' zu bewerben, wäre es doch wissenschaftlich seriöser, die Grenzen und Probleme solcher Begriffe aufzuzeigen.



Weniger wäre mehr?

Ich fürchte, das didaktische Potential der Heuneburg hat unter den schon lange stehenden Rekonstruktionen eher gelitten als gewonnen. In meiner Studienzeit hatte ich selbst (als Bewohner der Baracke im Graben während der sommerlichen Grabungssaison) mehrmals Gelegenheit, Touristen auf der damals noch unberührten Heuneburg zu führen, als für den Laien nicht mehr zu sehen war außer einem Acker und dem Befestigungswall. Die eindrucksvollen Wallanlagen waren unter Gebüsch und Brennesseln kaum auszumachen. Touristen waren zunächst enttäuscht, aber mit der Erläuterung, dass hier ein Zentrum stand, das fast spurlos verschwunden ist, dass man genau hinschauen muss, um Vergangenheit zu erfassen, dass das schon über 2000 Jahre her ist, waren sie um so mehr fasziniert. Der Eindruck des Verschwundenen gibt eine Vorstellung von der Zeit. Das stelle ich mir mit Häusern, die der Laie nicht von mittelalterlichem Fachwerkbau unterscheiden kann und mit einer stets wie neu aussehenden, weil regelmäßig gekalkten Lehmziegelmauer (die übrigens schon länger steht als ihr Vorbild) weit schwieriger vor.

Eine Trennung von originaler archäologischer Stätte und Rekonstruktionen, wie dies etwa beim Weltkulturerbe Kloster Lorsch und dem nahe gelegenen, aber doch abgesetzten Freilichtlabor Lauresham umgesetzt worden ist (Website), scheint auch im Falle der Heuneburg sinnvoll.


Das Heuneburgplateau 1985 mit eindrücklichem Nichts
(Foto: R. Schreg)

Ein schlüssiges Vermittlungskonzept an der Heuneburg müsste dafür sorgen, dass auf dem Burgplateau selbst wieder der Eindruck einer untergegangenen Stadt entsteht. Die dortigen Gebäude wären in der sogenannten Außensiedlung besser aufgehoben. Das steinerne Tor und die heute wieder offen  liegenden Wall-Grabensysteme stellen so schon eine eindrucksvolle Anlage dar. Mit einer virtuellen Rekonstruktion im Gelände, gekoppelt mit den angedachten Audio-Guides wäre da sicher heute einiges Einzigartiges zu machen. Zentral ist aber eine museale Präsentation. Das alte Heuneburgmuseum in Herbertingen (Website) hat auf einem älteren Forschungsstand da schon einiges Gutes geleistet. 

Weniger Rekonstruktion, weniger Wiederbelebung und weniger living history kann didaktisch mehr sein - abhängig davon was wir als Archäologen eigentlich vermitteln wollen.  Das ist eine Diskussion, die geführt werden muss, nicht nur im Rahmen von Museumsdidaktik und Denkmalpflege, sondern auch mit der Öffentlichkeit einerseits und der ganzen Wissenschaftscommunity andererseits. Das skizzierte Problem ist kein spezielles Problem der Heuneburg, sondern generell stellt sich die Frage, was die Vermittlunsgziele und die Narrative der Archäologie heute denn sein sollen.

Wie auch immer: Es ist gut, dass für die Frage der Trägerschaft für die Heuneburg und das Freilichtmuseum mit der Staatlichen Gärten und Schlösser-Verwaltung nun eine tragfähige Lösung gefunden wurde. Dass öffentliche Mittel des Landes in solch ein Projekt investiert werden, ist wichtig und richtig.


Literatur

  • Hansen/Pare 2008
    L. Hansen/C. F.E. Pare, Der Glauberg in seinem mikro- und makroregionalen Kontext. In: D. Krauße/C. Steffen (Hrsg.), Frühe Zentralisierungs- und Urbanisierungsprozesse. Zur Genese und Entwicklung frühkeltischer Fürstensitze und ihres territorialen Umlandes. Kolloquium des DFG-Schwerpunktprogramms 1171 in Blaubeuren, 9. Forschungen und Berichte zur Vor- und Frühgeschichte in Baden-Württemberg 101 (Stuttgart 2008) 57–96.
  • Krausse u.a. 2015
    D. Krausse/I. Kretschmer/L. Hansen u. a. (Hrsg.), Die Heuneburg - keltischer Fürstensitz an der oberen Donau. Führer arch. Denkm. Bad.-Württ. 28 (Darmstadt 2015).
  • Leslie u. a. 2015
    S. Leslie/B. Winney/G. Hellenthal u. a., The fine-scale genetic structure of the British population. Nature 519, 7543, 2015, 309–314. - <doi:10.1038/nature14230>

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