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Samstag, 19. September 2015

"Es ist wichtiger, die Händler aus dem Markt zu nehmen" - EAA-Session zum Scheitern des internationalen Kulturgutschutzes

[see also English blogpost]
Angesichts von Zerstörungen, Plünderungen und andauernden Angeboten von Raubgrabungsgut im Handel, bei ebay und auf Auktionen stellt sich die Lage des internationalen Kulturgutschutzes mehr als deprimierend dar. Prinzipiell sind die bisherigen Bemühungen gescheitert!
 

Session bei der EAA in Glasgow

Bei der Tagung der European Association of Archaeologists (EAA) in Glasgow widmete sich am 2.9.2015 eine Sektion dem "Culture Trafficking: Research into the global traffic in cultural objects at the University of Glasgow (Illegaler Kulturguthandel - Forschungen zum illegalen Handel mit Kulturgütern an der Universität Glasgow" dem Thema. Vor allem wurden hier die Einblicke in das Dunkelfeld des illegalen Handel mit Kulturgütern präsentiert, die das Glasgower Projekt Culture Trafficking, für die Jahre 2012-16 finanziert mit ERC-Mitteln, erarbeiten konnte.

Beispiel Kambodscha

Koh Ker, Prasat Thom
Tempel von Koh Ker
(Foto: Arian Zwegers [CC BY 2.0] via flickr)
Sehr aufschlussreich ist beispielsweise die Untersuchung zur Rolle von Kulturgütern für die Guerillabewegung der Roten Khmer in Kambodscha, die Tess Davies vorgestellt hat. Im Zeitraum von 1975 bis zu ihrer Auflösung 1998 veränderte sich diese von einer propagandistischen Aneignung hin zu einer kommerziellen Ausbeutung durch Tempelraub und Raubgrabung. Mit der Zerstörung von buddhistischen Tempeln, christlicher Kirchen und islamischer Moscheen finden sich auch hier eine bilderstürmerische Ideologie. Diese richteten sich jedoch weniger gegen Altertümer, die der eigenen Traditionsbildung der Roten Khmer dienten. Wurde der Handel mit Kulturgütern von den Roten Khmer anfangs einfach besteuert - wie dies im Prinzip auch westliche Staaten tun - so engagierten sich spätere Kommandeure der Roten Khmer persönlich im Handel. Die Glasgower Forschungen zeigen die Schmuggelwege aus Kambodscha über Mittelsmänner in der Grenzregion hin zu renommierten Händlern in Bangkok, von wo aus die Ware weiß gewaschen in den Westen gelangt. Ein großer Teil des Gewinns verbleibt bei diesen Händlern, gewissermaßen als Entlohnung für die Übernahme des Risikos der Antikenwäsche. Mittlerweile gibt es in Kambodscha keinen einzigen Tempel mehr, der vom Raub der letzten Jahrzehnte verschont worden wäre. Einiges findet sich in westlichen Museen (vergl. The Secret of Cambodia’s Mythic Koh Ker Warrior: Archaeological Insight. Devata.org [1.3.2012]; Archaeologik 26.10.2012). In steigender Anzahl werden nun Gräber geplündert. An vielen Stellen konnte Tess Davies Parallelen zu den aktuellen Entwicklungen bei Daesh/IS aufzeigen.
  • S. Mackenzie / T. Davis, Temple Looting in Cambodia: Anatomy of a Statue Trafficking Network. British Journal of Criminology 54(5), 2014, 722-740 - doi:10.1093/bjc/azu038

Schutz vor Ort ist unrealistisch!

Calakmul, Mexiko:
Die Stele wurde von Plünderer seitlich abgearbeitet,
um das Relief besser verkaufen zu können
(Foto: Donna Yates [CC BY NC SA 4.0]
via WikimediaCommons)
Donna Yates Beitrag zu Bolivien und Belize führte in zwei archäologisch fundreiche Regionen Lateinamerikas. Sie zeigte auf, wie internationale Abkommen den Realitäten vor Ort gar nicht gerecht werden können. Die Verpflichtungen der Staaten zum Schutz ihres Kulturguts sind unrealistisch, wenn beispielsweise keine Elektrizität für eine Alarmanlage zur Verfügung steht, in den betreffenden Dörfern nur noch wenige alte Menschen wohnen und weder Polizei noch Staatsanwaltschaft vor Ort existent sind. Schutzmaßnahmen vor Ort - die der Kunsthandel als Lösung des Problems propagiert und mit denen er seine Verantwortung abschieben möchte - können Plünderungen vor Ort nicht stoppen. Auch bilaterale Abkommen, wie sie die USA als MoU mit auch mit Belize und Bolivien (trotz eines eher angespannten diplomatischen Verhältnisses) geschlossen hat, sind keine brauchbaren Instrumente: Ähnlich wie im Vorderen Orient werden Raubgrabungsgüter mit Provenienzen versehen, die über die Grenzen moderner Staaten hinaus weisen. Der Kulturraum der Maya umfasst heute Mexiko, Guatemala, Honduras, El Salvador, und eben Belize.
  • D. Yates, Church Theft, Insecurity, and Community Justice: The Reality of Source-End Regulation of the Market for Illicit Bolivian Cultural Objects’. European Journal on Criminal Policy Research 20(4), 2014, 445–457. - doi 10.1007/s10610-014-9232-z (bei Trafficking Culture)

Der Weg der Objekte

Weitere Beiträge der Session zeigten auf, wie auch heute noch Kollegen aus der Archäologie von Raubgrabungen profitieren: Noch immer gibt es dicke akademische Monographien, die völlig unkritisch Funde aus dem Kunsthandel editieren, insbesondere Keilschrifttexte. Die auch wissenschaftlich quellenkritisch notwendige Aufklärung dubioser Provenienzen fehlt dabei häufig. In der Diskussion wurde mehrfach die Meinung vertreten, dass Archäologen sehr wohl Funde aus Raubgrabungen bearbeiten und publizieren sollten - allerdigs eben nur mit einer kritischen Dokumentation und klaren Darstellung der fragwürdigen Provenienzen. Dadurch werden Möglichkeiten für ein Markt-Monitoring geschaffen, dessen Bedeutung der Beitrag von Christos Tsirogiannis aufgezeigt hat. Aus dem Vergleich aktueller Auktionskataloge und den Abbildungen aus verschiedenen Publikationen ist es gelungen, den Weg einiger Funde durch den Markt aufzuklären und einen Beitrag zu leisten, zu verstehen, welche Rolle einzelne Händler und große Auktionshäuser in dem Geschäft spielen. Konkret konnte gezeigt werden, wie Funde, die schon einmal im Rahmen des Medici-Falls 1995 von der Polizei sichergestellt worden waren, nun wieder im Kunsthandel mit verschlüsselten Provenienzen auftauchen.

Scheitern auf ganzer Breite

Vor allem Neill Brodies Vortrag brachte eine umfassende Problemanalyse und damit auch einige konkrete Handlungsempfehlungen für die Politik - die gerade auch bei der deutschen Gesetzesnovellierung berücksichtigt werden müssten. Die Politik verfolgte mit ihren Maßnahmen bisher zwei Ziele: Zum einen den Schutz der Fundstellen vor Ort und zum anderen eine Rückführung von Raubgütern in die Herkunftsstaaten. Für Brodie ist die Kulturgüterpolitik der letzten Jahrzehnte gescheitert, da diese Ziele weder zu erreichen, noch sinnvoll sind. Konkret benennt er vier Gründe: 
  1. Schutz vor Ort
  2. eine reaktive Politik
  3. länder- und situationsspezifische Maßnahmen
  4. Bedeutung der Sicherstellung und Rückführung von Raubgrabungsgut.
Für einen Schutz vor Ort gibt es schlichtweg zu viele Fundstellen und gerade ärmere Staaten können adäquate Schutzmaßnahen gar nicht gewährleisten. Ein Schutz vor Ort kann prinzipiell nur unter Friedensbedingungen funktionieren, nicht aber in Krisen- und Kriegszeiten, wenn er besonders notwendig ist. Auf  aktuelle Bedrohungen vor ort wird allenfalls reagiert - mit großen Verzögerungen und oft eher improvisierten Maßnahmen. Brodie verwies auf den Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien 2011 und den Erlaß eines Handelsverbots mit syrischen Antiken erst im Frühjahr 2015.
Da solche Maßnahmen länder- und situationsspezifisch sind, werden sie mit den üblichen unklaren 'Provenienz'angaben probemlos umgangen. Heute profitiert Daesh von dieser unglücklichen Politik, denn sie unterbindet den Handel in keinster Weise.
Eine Sicherstellung und Rückführung von Raubgrabungsgut ist damit nicht zu erreichen - und als politisches Ziel auch unsinnig, denn die betreffenden Objekte haben ihren im Fundkontext liegenden historischen Wert längst verloren, die historischen Fundstellen vor Ort sind dann längst zerstört. Durch das Ziel der Rückgabe werden die genauen Wege der Raubgüter meist gar nicht erst aufgeklärt, da sich meist gar nicht bestimmten lässt, welcher moderne Staat Ansprüche anmelden könnte. Gelingt dies einmal doch, entgehen die Händler weiteren Ermittlungen und Verfolgungen einfach damit, dass sie Eigentumsansprüche aufgeben, eine Rückgabe zulassen, und sich dann für ihren "verantwortungsvollen" Umgang mit Kulturgütern feiern lassen.

Eckpunkte einer künftigen Politik

Aus dieser Problemlage folgen Brodies Handlungsempfehlungen.


Künftige Politik für den Kulturgutschutz muss:
  1. den Markt am Ende der Kette bekämpfen!
  2. proaktiv und nachhaltig sein
  3. global - nicht auf einzelne Staaten - orientiert sein und
  4. die kriminellen Händler verfolgen.
In der Schlußdiskussion wurde von Seiten der Glasgower Gruppe betont, dass anstelle befristeter Projekte andauernde Anstrengungen notwendig sind, um laufend den Markt zu beobachten. Dies könne nur von einer langfristig arbeitenden Institution übernommen werden. Eine Perspektive dafür fehle derzeit. Solches kann nur in internationaler Zusammenarbeit erfolgen, weshalb es im übrigen irritierend war, dass die deutschen Ansätze mit ILLICID in dieser Gruppe keinerlei Notiz gefunden haben (wie auch, dass kaum deutsche Teilnehmer in der Session saßen). Deutlich wurde auch, dass sich die Institutionen der Forschungsförderung - explizit genannt wurde die DFG - sich hier für nicht zuständig sehen. Die Beobachtung und Aufklärung des Antikenhandels wird von archäologischer Seite nicht als Forschung gesehen. Aber auch innerhalb der akademischen Kriminologie hat der Themenkomplex kaum Akzeptanz (Beitrag S. Mackenzie), da er hier viel zu anwendungsbezogen erscheint.


Programm der EAA-Session am 3. September 2015

Chair: Dr. Christos Tsirogiannis
Organiser(s): Dr. Christos Tsirogiannis, Prof. Simon Mackenzie, Dr. Neil Brodie, Dr. Donna Yates, Ms. Terressa Davis

  • 1330 - 1340 Introduction
  • 1340 - 1400 The interface between criminology and archaeology: trafficking culture, S. Mackenzie (University of Glasgow)
  • 1400 - 1420 Cultural property protection policy failure in Syria, N. Brodie (University of Glasgow)
  • 1420 - 1440 Preventing protection: On-the-ground barriers to effective cultural property policy in Bolivia and Belize, D. Yates (University of Glasgow)
  • 1440 - 1530 Discussion
  • Coffee break
  • 1600 - 1620 Lessons in Cultural Heritage Preservation: Learning About the Illicit Antiquities Trade from the Cambodian Civil War, T. Davis (Antiquities Coalition)
  • 1620 - 1640 Inside Job: The Effects of Archaeological Involvement on the Illicit Antiquities Trade, M. Lambert (University of Glasgow)
  • 1640 - 1700 An evidence-driven approach to mapping illicit antiquities networks, C. Tsirogiannis (University of Glasgow)
  • 1700 - 1800 Discussion


Links


Dienstag, 4. November 2014

Kambodscha: Die Ausfuhr von Kulturgütern war auch früher illegal

Mehrfach gab es in jüngerer Zeit Affären um illegal gehandelte Statuen aus Kambodscha, die bei großen Auktionshäusern angeboten wurden. Rechtsansprüche der Herkunftslandes wurden von den Geschäftemachern des Antikenhandels verneint, Rückgaben als freiwilliges Zeichen guten Willens dargestellt.

Dass aber der Export auch früher schon nicht rechtens war zeigt ein Beitrag bei artnetnews:

Ähnliches gilt übrigens auch für den Mittelmeerraum, wo es auch vor 1970 Antikengesetze gab, die den Export von Kulturgütern weitgehend verboten haben - oder an Bedingungen gebunden, die bei legal exportierten Funden auch heute noch nachprüfbar sein sollten.


Interner Link

Donnerstag, 28. August 2014

Themenabend bei ARTE: Kunstmafia und Kriegsmillionen

Dienstag 2. September 2014 um 20.15: Thema Kunstmafia und Kriegsmillionen:

mit zwei Dokumentationen: "Die Spur der Tempelräuber" behandelt Statuen aus Kambodscha, die bei Sotheby's versteigert wurden. Die Dokumentation "Blutige Beute" verspricht, dass sie "den Geheimnissen des europäischen Kunsthandels auf den Grund geht. Thematisiert wird der Verdacht, dass Antikenraub und -handel der Finanzierung von Krieg und Gewalt dient und Terrorgruppen mit Geld versorgt.

siehe auch auf Archaeologik:

Freitag, 26. Oktober 2012

Kambodscha im Streit mit Sotheby's um eine Khmer-Statue aus Koh Ker

npr (23.10.2012): Cambodia Vs. Sotheby's In A Battle Over Antiquities (A. Kuhn) berichtet über den Streit zwischen Kambodscha und dem Auktionshaus Sotheby's um eine Statue, die versteigert werden soll.
Koh Ker, Prasat Thom
Tempel von Koh Ker
(Foto: Arian Zwegers [CC BY 2.0] via flickr)
Interessant an der Sache ist nun, dass man einmal sehr genau weiß, wo die Statue gestanden hat, da sie offenbar genau auf eine in Koh Ker noch vorhandene Basis mit entsprechenden Ausarbeitungen passt. Noch nicht mal Sotheby's scheint das zu bestreiten. Es geht also nur darum, wann die Statue außer Landes kam.

Eine Analyse der Situation in Kambodscha brachte schon 2005 NewsMekong: On the Trail of Khmer Antiquities. Seit dem Ende des Bürgerkriegs Anfang der 1990er Jahre nahmen Plünderungen historischer und archäologischer Stätten in Kambodscha dramatisch zu.  Der Zugang zu vielen Fundstellen war allerdings durch zahlreiche Landminen aus den Kriegsjahren erschwert, um Koh Ker wurden sie erst in den letzten Jahren geräumt. Schon 1995 hat Kambodscha allerdings die UNIDROIT Convention on Stolen or Illegally Exported Cultural Objects (Rome, 1995) unterzeichnet. Seit 1970 gilt zudem die UNESCO Convention on the Means of Prohibiting and Preventing the Illicit Import, Export and Transfer of Ownership of Cultural Property.
Rund 70 km nördlich kam es Anfang letzten Jahres (und schon früher) zu militärischen Auseinandersetzungen mit Thailand, die den Tempel von Prasat Preah Vihear ebenfalls beanspruchen (vgl. wikipedia: Grenzkonflikt zwischen Kambodscha und Thailand; Archaeologik [24.4.2011]: Erneute Kämpfe um UNESCO-Weltkulturerbe).

Dank an B. Schröder für den Hinweis auf die Links.

Nachtrag (14.11.2012)

Sonntag, 24. April 2011

Erneute Kämpfe um UNESCO-Weltkulturerbe

Kämpfe zwischen zwischen Thailand und Kambodscha um das Gebiet rund um den Tempel Preah Vihear - diesmal angeblich mit Giftgas

(Archaeologica)