Mittwoch, 22. Mai 2019

Trotz Kohlekompromiss: Kirche in einer letzten Messe für den obsoleten Abriss entweiht

Die Kirche von Manheim, am 18.5. für den Abriß entweiht
(Foto: R. Schreg, 17.8.2018)
Mit dem politischen Beschluss, dass der Hambacher Forst in seinen Resten erhalten bleiben solle, ist eine Abbaggerung des Ortes Kerpen-Manheim für den Braunkohleabbau selbst nach Aussagen von RWE eigentlich ausgeschlossen. Trotzdem geht der Abbruch - sogar beschleunigt - voran.

Am vergangenen Wochenende wurde die Kirche von Manheim im Rahmen einer letzten Messe entweiht, damit sie abgebrochen werden kann:

Montag, 20. Mai 2019

Die Archaeologik-Beiträge zu Syrien und Irak

Als Überblick seien hier erneut die Beiträge zum Krieg in Syrien und  Irak, die auf Archaeologik seit 2012 erschienen sind, aufgelistet. 
Nordbasilika in Brad
(Foto: Hani Simo [CC BY 2.0]
via WikimediaCommons [Version v. 27.3.2011])

2019 (bis Mai)

2018

2017


2016


2015

2014

Säulenstraße in Apameia (2008)
(Foto: von Effi Schweizer [Public domain], Wikimedia Commons)

2013

2012


Links


Dienstag, 14. Mai 2019

Archäologische Wahlprüfsteine zur Europa-Wahl

Selbstverständlich gehen Sie zur Europawahl. Die Parteienlandschaft dort sieht aber etwas anders aus als gewohnt.  Um etwas Zukunftsweisendes und Vernünftiges zu wählen, gilt es, sich zu informieren.
(Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F088724-0006 /
Faßbender, Julia
[CC-BY-SA 3.0] via WikimediaCommons)
Der Umgang mit der Vergangenheit, mit dem Kulturerbe kann ein Aspekt einer Wahlentscheidung sein.
Mit Unterstützung der DGUF bietet die EAA European Association of Archaeologists Wahlprüfsteine "Archäologie und Kulturgutschutz" an. Was sagen die wichtigen Parteien zu Fragen des Kulturgüterschutzes. Ist er für sie überhaupt einThema?

Links


EAA-Präsident Felipe Criado Boado zur Bedeutung der Wahlprüfsteine

Montag, 13. Mai 2019

Pläne für Nôtre Dame

Paris, Notre Dame, Brand 15.4.2019
(Foto: Hopssam.ouda [CC BY SA 4.0]
via WikimediaCommons)
Nachdem der Abend des Brandes (vgl. Archaeologik 16.4.2019) in den Medien weitgehend expertisefrei war (und offenbar noch nicht mal der gar nicht schlechte Wikipedia-Artikel bemüht wurde), gibt es nun fundierte Beiträge zu den Wiederaufbauproblemen.
Ich verlinke zwei Artikel zu den Bamberger Daten zu Nôtre Dame sowie einige - eher zufällig ausgewählte - weitere Berichte:


Nachtrag (13.5.2019):

Link

Freitag, 10. Mai 2019

Kulturgüter in Syrien und Irak (März und April 2019)

Syrien arbeitet massiv daran Restaurierungen und Wiedereröffnungen sowie eine Normalisierung des Tourismus in die Öffentlichkeit zu kommunizieren. Dabei sind die Kämpfe keineswegs zu Ende. In der Region Idlib, aus der schon in den Anfängen des Bürgerkrieges von Flüchtlingen in den antiken Ruinenstädten berichtet wurde, sollen die Flüchtlinge nun aus Angst vor den andauernden Luftangriffen durch Regierungstruppen in freiem Feld unter Olivenbäumen campieren - trotz entmilitarisierter Zone.

Aber auch aus dem Kurdengebiet kommen Meldungen über Restaurierungsmaßnahmen und Reparaturen. So meldet die kurdische "Authority of Tourism and Protection Antiquities", dass bei Tell Bayedar im Gebiet von Jazair das Grabungshaus  innerhalb von zwei Wochen wieder hergerichtet wurde. 
Auch der Irak punktet - im Süden des landes - mit der Wiedereröffnung von Museen:


Der eigentlich als besiegt geltende Daesh ist nach einem Bericht von http://www.arabnews.com/node/1485181/middle-east noch immer aktiv. Was allerdings an  Social-Media-Berichten vom 20.4. dran ist, wonach Daesh in den Bergen bei Palmyra wieder Fuß gefasst hätte, bleibt fraglich:  https://twitter.com/notwoofers/status/1119700848932728844 Allerdings haben auch die syrischen Regierungstruppen darauf reagiert und laut einer regierungsfreundlichen Quelle ihre Präsenz in der Region verstärkt. 

Meldungen zu einzelnen Kulturstätten in Syrien und Irak

Homs

Restaurierung der  Khalid Ibn al-Walid Moschee

Palmyra

Syria Times verkündet, Syrien sei wieder sicher für Touristen und verweist auf erste Besucher aus Frankreich, Kanada und der Schweiz in Palmyra:
Italienische Handwerker haben einen 3D-Druck einer Nische des zerstörten Baal-Tempels hergestellt, der dem Museum in Damaskus übergeben wird.

Aleppo

Der Saqatiya souk werden bis Juli restauriert. Sie sind nur einer von etwa  37 rund um die Zitadelle von Aleppo .

Damaskus

Wiedereröffnung des Museums für arabsiche Medizin und Wissenschaft am 14.4.

Bosra

Die syrische Altertumsbehörde konnte eine Schadensaufnahme in der antiken Stadt Bosra durchführen:
Diese Schadensaufnahme erfolgt im Rahmen des Projekts "Recovery of the Ancient city of Bosra" unter der Patronage of UNESCO.

Mosul


Schadensmeldungen


Maßnahmen und Öffentlichkeitsarbeit

Digitalisierung


Antikenhehlerei und Kunsthandel

aus dem Südirak, wohl zwischen 1994 und 2002 illegal augegraben und nun am Flughafen London Heathrow aufgefunden, deklariert als “carved stone for home decoration”:

Der Kunsthandel sieht sich nicht in der Verantwortung. Ein Artikel auf Quintessentially problematisiert die Käufer: 

Weitere Berichte

In Russland versucht Putin sein derzeit angekratztes innenpolitisches Image mit einer Propagandainszenierung der russischen Intervention in Syrien aufzubessern. Dazu fährt ein Zug mit erbeuteten Waffen durch Russland. Bei den Präsentationen treten Soldaten vor einem Banner mit Säulenmonumenten von Palmyra an - die Verteidigung von Kulturerbe als gute patriotische Tat, die Krieg rechtfertigt.

Links

frühere Posts zum Bürgerkrieg in Syrien auf Archaeologik (insbesondere Medienbeobachtung seit Mai 2012), inzwischen auch jeweils zur Situation im Irak








  • Fünf Jahre Syrienberichte. Archaeologik (4.5.2017)
    - Stand April 2017



  • Wie immer geht mein Dank an diverse Kollegen für ihre Hinweise.

    Dienstag, 30. April 2019

    Schliemann und sein Erbe - Die Inszenierung als Schatzsucher und Abenteurer

    Stefanie Samida
    Die archäo­logische Entdeckung als Medienereignis. Heinrich Schliemann und seine Ausgrabungen im öffentlichen Diskurs, 1870­-1890 

    Edition Historische Kulturwissenschaften Band 3

    (Münster: Waxmann 2018).

    Softcover, 336 Seiten.
    ISBN 978-3-8309-3789-0


    Bis heute ist Heinrich Schliemann der bekannteste aller Archäologen, wahrscheinlich nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Das liege nicht nur an seinen sensationellen Entdeckungen in Troja und Mykene, sondern auch daran, dass er seine Forschungen geschickt popularisierte und eine professionelle Öffentlichkeitsarbeit betrieb, meint Stefanie Samida.

    Wissenschaftspopularisierung war und ist aber, wie Samida darlegt (S. 30) kein linearer top-down Diffusionsprozess. Beteiligt sind hier viele Akteure. neben dem Wissenschaftler sind es interaktiv verschiedene Vermittler wie auch die Öffentlichkeit selbst.

    Samida hat die damaligen Pressemeldungen in Deutschland und in der englischen Times wie auch einige Briefe aus Schliemanns Korrespondenz ausgewertet und in dem Band auch ediert. Sie hebt auf eine medienhistorischen Perspektive ab, die gerade auch wichtig erscheint, um die Bedeutung Schliemanns für die moderne Archäologie zu verstehen. Hier wurde ein Narrativ geschaffen, das des Entdeckers und Abenteurers, das heute Fluch und Segen für die Archäologie darstellt. Segen insofern, als die Faszination des Entdeckens und Findens und der Geruch des Abenteuers öffentliches Interesse schafft, auf das die Wissenschaft dringend angewiesen ist. Fluch aber auch, weil die Vorstellung, in der Archäologie ginge es vor allem um Funde und Sensationsmeldungen oft die eigentlichen wissenschaftlichen Belange schädigt. So sind Sondengänger oft der Meinung, sie seien die besseren Archäologen, da sie die besseren Funde machten, andererseits sind Anliegen der Erhaltung von Bodendenkmäler, aber auch komplexere Fragestellungen nur schwer zu vermitteln.

    Schliemanns Grabungsberichte wendeten sich gezielt an das damalige Bürgertum. Sie schildern den Fortgang der Arbeiten und erzählen von den glänzenden Funden. Dieses auch heute in der Archäologie häufige Narrativ der Entdeckungsgeschichte, erlaubte es Schliemann, seine Tatkraft und seine Leistungen besonders gut herauszustellen und so den noch heute wirksamen Mythos Schliemann zu begründen. Die mediale Inszenierung seiner Grabungsergebnisse prägte auch das bis heute wirksame Bild der Archäologie als Spatenwissenschaft.
     
    Kladderadatsch 29, Nr. 60, 31.12.1876
    (via Heidelberger Historische Bestände,
    dort mit CC BY SA 3.0)


    Ein vergleichender Blick auf die damaligen Grabungen in Olympia und Pergamon zeigt die wichtige Rolle, die der Person Schliemanns zukam. Er etablierte sich als Medienstar, über den auch persönlich berichtet wurde. Wie wohl 1869 in Rostock promoviert, galt Schliemann der damaligen Altertumswissenschaft aber als Außenseiter. Sein Selbstbewusstsein, aber auch seine Eitelkeit waren wesentliche Elemente seiner Selbstinszenierung. Er prägte das Bild in der Öffentlichkeit, war aber deswegen noch lange kein akademischer Meinungsführer. Als Medienstar des 19. Jahrhunderts hat er damit die Archäologie über das engere Fachgebiet hinaus getragen und als Tagesthema in den Medien popularisiert. Die Rolle, die Schliemann in der Wahrnehmung der Zeitgenossen spielte, zeigt sich in den vielen Nachrufen, aber auch in Witzblättern und Schmähschriften.


    Eine Auseinandersetzung mit Schliemann ist auch heute noch wichtig, weil seine Rezeption (die nicht Thema des Bandes ist) bis heute nachwirkt. Eine öffentlichkeitswirksame Darstellung der Archäologie ist in Zeiten, in denen deren Finanzierung nicht mehr von Monarchen und reichen Mäzenen, sondern vor allem vom Steuerzahler und Verursacher finanziert werden, wichtiger denn je. Auch heute gibt es Archäologen, die ihre Person in den Mittelpunkt stellen und damit bis zu einem gewissen Grad bei der Medialisierung auch kurzfristig erfolgreich sind. Das Beispiel von Schloemann ist aber nicht zuletzt deshalb interessant, weil es die langfristigen Folgen einer Personalisierung und Sensationalisierung archäologischer Forschung zeigt. Seine Eitelkeit und Selbstinszenierung haben erheblichen Anteil daran, dass Archäologie als Abenteuer und Privatvergnügen wahrgenommen wird, bestenfalls als “Spatenwissenschaft“. Schliemanns Orientierung an der Ilias und seine sendationalisietenden Verknüpfungen von Funden mit Personen aus der Ilias (Schatz des Priamos, Maske des Agamemnon) haben langfristig der Archäologie als Wissenschaft eher geschadet. Einerseits wurde der Archäologie auf die Bestätigung schriftlicher Quellen reduziert, was bis heute ein spürbares Handicap für die historische Archäologie darstellt. Andererseits wurden die archäologischen Methoden auf das Entdecken reduziert, während die Interpretation rein assoziativ vorgenommen wurde. So ist auch heute bei der Medialisierung und Personalisierung jenseits der kurzfristigen Aufmerksamkeitserfolge der Verlust an Glaubwürdigkeit und Wissenschaftlichkeit wie auch die Verhärtung von Klischees als Kollateralschden der Sensationalisierung verantwortungsvoll zu bedenken.


    Übrigens: Die Publikation wird im Print on Demand-Verfahren hergestellt, was heutzutage keine Qualitătseinschränkung sein muss - mein Exemplar ist trotzdem nach der halben Lektüre auseinandergebrochen. Schade.

    Links


    Dienstag, 16. April 2019

    Das Großfeuer in Nôtre Dame: Wikipedia hat die beste Berichte

    natürlich mehr noch die französische Wikipedia als die deutsche:
    Paris, Notre Dame, Brand 15.4.2019
    (Foto: LeLaisserPasserA38 [CC BY SA 4.0]
    via WikimediaCommons)
    Zwar ist es zu früh, um Schäden im Detail zu beurteilen, aber während die Medien sich sonst auf Tweets von A- und B-Prominenz (z.B. VIP.de (RTL); Tagesschau; Stern; t-online)  und ihre absonderlichen Vorschläge (z.B. @realDonaldTrump) konzentrieren, findet sich hier eine erste Einschätzung, was genau abgebrannt sein dürfte. Natürlich gibt es hier auch weiter verwendbare Bilder (verbunden freilich mit dem Risiko, dass hier Gaffer ihre Beute präsentieren).
    Insgesamt scheint es mir spannend zu sein, die Berichterstattung genauer zu analysieren, da sie viel über die Bedeutung aussagt, die die moderne Gesellschaft einem so hochkarätigen Kulturdenkmal zubiligt. Hier aber auf die Schnelle nur ein paar subjektive Impressionen, die sich aus den via GoogleNews gewichteten Berichten ergeben.
    Zwar gehen viele Medien kurz auf Geschichte und Kunstgeschichte des Baus ein, bemühen sich aber kaum, jenseits der Bedeutung für Touristenströme und die Pariser die historische und kunsthistorische Bedeutung aufzuzeigen. Vielleicht kommt da ja noch etwas nach. Was ohne lange Recherche passieren kann, hat BILD gezeigt: https://bildblog.de/109772/falsche-dame/. ZDF und ARD wurden kritisiert, dass sie statt dem Brand nur Tierfilme gezeigt hätten (Tierdoku statt Notre-Dame-Brand: Laschet knüpft sich ARD und ZDF vor. Focus 15.4.2019). Noch mehr Live-Übertragungen waren aber sicher nicht nötig - eher eine gehaltvolle Information, was denn eigentlich gebrannt hat. CNN immerhin hat das Interview mit einem Kunsthistoriker der Live-Schalte zu Präsident Macron vorgezogen (weil keine Übersetzung parat war). 
    Und natürlich kommen auch schon diejenigen um die Ecke, denen ein Attentat lieber gewesen wäre oder die zumindest darauf hoffen, dass die Untersuchung der Brandursachen noch auf etwas anderes weise als auf einen Unfall bei der eben begonnenen Restaurierung. Im „katholischen Journalismus, der alles Vorübergehende und Unmittelbare im Licht ewiger Prinzipien betrachtet“ gerät das fast schon zu Verfolgungswahn und Hetze: https://katholisches.info/2019/04/15/der-symboltraechtige-brand-von-notre-dame-de-paris/
    Dachstuhl
    (Foto: Harmonia Amanda, 2005
    [CC BY SA 3.0]
    via WikimediaCommons)
    Dass der abgebrannte Dachstuhl tatsächlich zu guten Teilen aus dem 12. Jahrhundert stammte, wurde kaum irgendwo gesagt. CNN hat dazu einen Bericht: https://edition.cnn.com/style/article/nortre-dame-fire-oak-wood-trnd/index.html, der auch auf die Zimmermannsleistung und die Menge Wald verweist, die nötig war, um das Bauholz zu gewinnen.

    Weitere Links


    Eine Gute Wahl: Der Deutsche Archäologiepreis 2019 für Open Access

    Dr. Maria Effinger und Dr. Katrin Bemmann (Heidelberg) erhalten den Deutschen Archäologiepreis 2019 für ihre Verdienste um die Einführung und den Ausbau eines modernen offenen Publikationswesens in der deutschsprachigen Archäologie:

    Samstag, 13. April 2019

    Abstimmen für die Archäologie!

    Auch nach dem Kohlekompromiss und dem Votum für den Erhalt der Reste des Hambacher Forstes geht im Rheinischen Braunkohlerevier der Abrisses des Dorfes Manheim unbeirrt und gar forciert weiter. Da das Verursacherprinzip im Falle des Braunkohletagebaus nicht greift und die Denkmalpflege nicht so ausgestattet ist, auch nur annähernd die Kulturdenkmale zu dokumentieren, bemüht sich der Verein Heimatfreunde Kerpen für sein Projekt „Spurensuche im Dunkeln“ um Spendengelder.
    Um die Ortsgeschichte wenigstens ansatzweise zu erfassen, soll in einer Kooperation von professionellen Archäologen und ehrenamtlichen Engagement ein Projekt verwirklicht werden, das exemplarische Grabungen, eine Kellererfassung und - sofern es gelingt, eine Finanzierung aufzubauen - ein Sondagenprogramm unter Beteiligung auch der Mittelalterarchäologie Bamberg umfasst. Die Einwerbung von Fördermitteln benötigt jedoch eine Kofinanzierung durch den Verein, der sich nun bemüht, eine finanzielle Grundlage zu schaffen. Deshalb hat er sich auch bei der Aktion der Kreissparkasse Köln "Wir für die Region" beworben, wo 3.000,00 € zu gewinnen sind.
    Bitte unterstützen! - das ist ein kleiner, aber wichtiger Schritt, um die archäologischen Geschichtsquellen eines Dorfes vor der endgültigen Zerstörung doch noch zu bewahren. 

    Der Abbruch geht weiter. Manheim, April 2019
    (Foto: R. Schreg)


    Freitag, 5. April 2019

    Erdbeben, Feuer, Wasser und andere Katastrophen

    Auf der Plattform Peristyle werden die umwelthistorisch und -archäologisch hochinteressanten Beiträge eines Basler Kolloquiums online bereit gestellt.

    Im einzelnen sind das die folgenden Beiträge:

    Von drei 'Ausreißern' abgesehen, die den Blick nach Ostia, Dalmatien und Ägypten wenden, liegt der Schwerpunkt im süddeutschen Raum. Schon die bloße Vielzahl der umwelthistorischen Ereignisse und Katastrophen vor unserer Haustür ist jenseits eines kleinen Spezialistenkreises weitgehend unbekannt.
    Daher ist es sehr zu begrüßen, dass die Publikation im Open Access online erfolgt.
    Ungünstig ist aber, dass die einzelnen Kapitel-pdfs weder eine doi noch sonst eine persistente Adresse aufweisen.  Sinnvoll wäre es auch, auf den einzelnen pdfs die ganze Publikationsreferenz anzugeben, um eine Zitierbarkeit sicherzustellen. Online-Artikel werden mehrheitlich über Repositorien gefunden, die nicht immer den Publikationskontext erkennen lassen Eine Angabe zur Lizenzierung der Inhalte wäre ebenso sinnvoll.

    Montag, 25. März 2019

    Die frühen Bauern als Dokudrama, … aber Steinzeit kann mehr

    ein Beitrag von Detlef Gronenborn



    Fernseh-Dokumentationen über die frühen Bauern in Mitteleuropa (vgl. Terberger/Gronenborn 2014)  gab es in den letzten 20 Jahre schon einige. Das ist, aus Sicht der Wissenschaft, durchaus erfreulich, rückt doch somit eine der faszinierendsten und auch menschheitsgeschichtlich bedeutendsten Umbruchsperioden in die Aufmerksamkeit einer breiteren Öffentlichkeit.
    Aktuell im Programm von ARTE und ZDF:


    Ein menscheitsgeschichtlicher Quantensprung

    Mit der, im Nahen Osten noch schrittweisen, Entwicklung von Bodenbau und Viehzucht veränderten sich die Gemeinschaften so grundlegend, dass man durchaus von einem Quantensprung in der Menschheitsgeschichte sprechen kann. Seßhaftigkeit und die veränderte Nahrung, vermehrt pflanzlichen Ursprungs, nahmen Einfluss auf die körperliche Beschaffenheit der Menschen, ja vielleicht gar auf ihre Artikulationsmöglichkeiten (Blasi u. a. 2019).

    Fundamental waren auch der Bevölkerungszuwachs, der Einfluss auf jegliche sozialen Strukturen wie auch auf die politischen Organisationsform hatte (Kohler et al. 2017): die Gruppen wurden bedeutend größer, daraus resultierte der Bedarf sich besser zu organisieren, was wiederum zur Entstehung von Führungseliten führte (Gronenborn 2016; Jeunesse 2018).

    Entstehung und Ausbreitung der Landwirtschaft im westlichen Eurasien. Dunkel- und hellgrün ist die frühe und späte Phase der Linienbanderkamischen Kultur dargestellt.
    (Graphik, Stand 2019: D. Gronenborn/ M. Ober, RGZM [CC BY 4.0])
    Aufgrund dieser Veränderungen kam es in vielen Fällen weltweit zu einer Expansion von Bevölkerungsgruppen aus den Kerngebieten der landwirtschaftlichen Entwicklung, für das westliche Eurasien, mithin auch Mitteleuropa, war das der Nahe Osten, die klassischerweise als „Fruchtbarer Halbmond“ bekannte Region (siehe Karte). So kommt es auch in Mitteleuropa zu einer Einwanderung doch beträchtlicher Bevölkerungsgruppen, die letztlich aus Anatolien stammen (Archaeologik [28.10.2015]).


    Neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse

    Alle diese – bis zum heutigen Tage wirksamen – Folgen des Bodenbaus wurden in den verschiedenen TV-Produktionen auch mehr oder weniger deutlich angesprochen - nun auch in der Produktion der Caligari Film, München, die in ARTE erstmals am Samstag dem 23.03.2019 in bester Sendezeit lief, wie auch im Rahmen der Reihe Terra X im ZDF gezeigt werden wird. Diese jüngste deutsche Produktion zum Thema unterscheidet sich von früheren durchaus dadurch, dass eine Reihe neuer Erkenntnisse der Naturwissenschaften in den Mittelpunkt rücken. Das ist gut und unterrichtet auch den Laien vom Fortschritt der Wissenschaft.

    Etwas zurück tritt jedoch handfestes archäologisches Hintergrundwissen, so schleichen sich in die Rekonstruktionen und Lebensdarstellungen immer wieder kleine Fehler ein. Das ist zwar nicht weiter dramatisch und wird nur den Fachleuten auffallen, hätte aber ohne Mehraufwand auch problemlos vermieden werden können.

    Hier und da sind auch eigentlich recht bedeutsame historische Fragestellungen angerissen, wie etwa nach der Entwicklung von Hierarchien (unvermittelt vermutet anhand einer Kopfbedeckung mit Schmuckschnecken), aber gerade dieses Thema verläuft wieder bedauerlicherweise ohne weitere Behandlung. Erstaunlich ist die erzählerische Verlagerung der mittelneolithischen „Kreisgrabenanlagen“ des Mittelneolithikums in das Ende der Linienbandkeramische Kultur (LBK - die archäologische Bezeichnung der Kultur der frühen Bauern in Mitteleuropa), hier sind dem Drehbuchautor die Begrifflichkeiten durcheinander gegangen. Möglicherweise sind diese Unsauberkeiten allerdings auch dem enormen Zeitdruck, unter dem moderne TV-Produktionen stehen, geschuldet. Tiefgreifende, vorbereitende Recherchen sind offenbar nur selten möglich.


    Klima erklärt keine Gewalt

    Nicht ganz korrekt aus der Literatur wiedergegeben sind leider die Mechanismen, die zum Ende der LBK geführt haben sollen. Das telekopiert dargestellte Zusammenspiel von Trockenheit, Gewalt und Krise hat so historisch nicht stattgefunden, wenngleich es in seiner Dramatik sicher Verkaufswert hat.

    Näher an der Realität scheint eher zu sein, dass die Bevölkerung im Zuge allgemein trockenerer Verhältnisse zugenommen hatte, und auch bislang nicht bewirtschaftbare Regionen erschlossen werden konnten. Im Zuge dieser Boomphase kommt es vermehrt zu Errichtung von Umwehrungen oder Grabenwerken (nicht „Kreisgrabenanlagen“), vielleicht als Verteidigung, vielleicht auch als Markierung von territorialem Anspruch. Die Gesellschaften scheinen sich mithin eher in guten Zeiten in Richtung vermehrtem Konfliktpotential hin bewegt zu haben, also rein interne Prozesse sind ausschlaggebend. Die starken klimatischen Schwankungen gegen Ende der LBK mögen einzelne Prozesse verstärkt haben, hatten aber keinerlei Auslöserfunktion. Dieser Verhaltensmechanismus lässt sich über lange Zeitreihen bei einfachen bäuerlichen Gesellschaften beobachten, auch in ariden Gebieten (z. B. Gronenborn et al. 2017; 2018; Kintigh / Ingram 2018). 

    Steinzeit kann mehr: Lehren für Heute?

    Allerdings liegt in der Erkenntnis, dass sich an steinzeitlichen Gesellschaften wie in einer Petrischale immer wiederkehrende Verhaltensmechnismen beobachten lassen, die sich übrigens bis zum heutigen Tage wiederholen (Turchin 2015; 2016), ein gewaltiger Gewinn:

    Gerade in den komplexeren Gegenwartsbezügen wird die Betrachtung vermeintlich weit zurückliegender Epochen zu einem wissenschaftlich wie aber auch gesellschaftlich bedeutenden Thema, denn Steinzeit kann mehr als nur gruselige Gewaltgeschichten zu erzählen oder aber den Diätplan aufzufrischen. Nicht nur, dass sich die heutige europäische Bevölkerung weitgehend während der Jungsteinzeit entwickelt hat (Haak u. a. 2015), auch viele Grundmuster unseres gesellschaftlichen Verhaltens sind in dieser Periode entstanden (Scheffer 2016; Archaeologik [1.8.2018]).



    Literatur

    • D. E. Blasi/S. Moran/S. R. Moisik/P. Widmer/D. Dediu/B. Bickel, Human sound systems are shaped by post-Neolithic changes in bite configuration. Science 363/6432, 2019, eaav3218. -
      DOI: 10.1126/science.aav3218
    • D. Gronenborn, Some thoughts on political differentiation in early to Young Neolithic societies in western central Europe. In: H. Meller/H.-P. Hahn/R. Jung/R. Risch (Hrsg.), Arm und Reich - Zur Ressourcenverteilung in prähistorischen Gesellschaften. 8. Mitteldeutscher Archäologentag vom 22. bis 24. Oktober 2015 in Halle. Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle1 (2016) 61–76.
    • D. Gronenborn/H.-C. Strien/C. Lemmen, Population dynamics, social resilience strategies, and Adaptive Cycles in early farming societies of SW Central Europe. Quaternary International 446, 2017, 54–65. - DOI: 10.1016/j.qaint.2017.01.018.
    • D. Gronenborn/H.-C. Strien/R. van Dick/P. Turchin, Social diversity, social identity, and the emergence of surplus in the western central European Neolithic. In: H. Meller/D. Gronenborn/R. Risch (Hrsg.), Überschuss ohne Staat / Surplus without the State. Politische Formen in der Vorgeschichte / Political Forms in Prehistory. Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle 181 (Halle 2018) 201–220.
    • W. Haak/I. Lazaridis/N. Patterson/N. Rohland/S. Mallick/B. Llamas/G. Brandt/S. Nordenfelt/E. Harney/K. Stewardson/Q. Fu/A. Mittnik/E. Bánffy/C. Economou/M. Francken/S. Friederich/R. G. Pena/F. Hallgren/V. Khartanovich/A. Khokhlov/M. Kunst/P. Kuznetsov/H. Meller/O. Mochalov/V. Moiseyev/N. Nicklisch/S. L. Pichler/R. Risch/M. A. Rojo Guerra/C. Roth/A. Szécsényi-Nagy/J. Wahl/M. Meyer/J. Krause/D. Brown/D. Anthony/A. Cooper/K. W. Alt/D. Reich, Massive migration from the steppe was a source for Indo-European languages in Europe. Nature 522/7555, 2015, 207–211.  - DOI: 10.1038/nature14317
    • K. W. Kintigh/S. E. Ingram, Was the drought really responsible? Assessing statistical relationships between climate extremes and cultural transitions. Journal of Archaeological Science 89, 2018, 25–31. - DOI: 10.1016/j.jas.2017.09.006
    • C. Jeunesse, « Big Men », chefferies ou démocraties primitives? Quels types de sociétés dans le Néolithique de la France. In: J. Guilaine/D. Garcia (Hrsg.), La protohistoire de la France. Histoire et archéologie (Paris 2018) 171–186.
    • T. A. Kohler/M. E. Smith/A. Bogaard/G. M. Feinman/C. E. Peterson/A. Betzenhauser/M. Pailes/E. C. Stone/A. M. Prentiss/T. J. Dennehy/L. J. Ellyson/L. M. Nicholas/R. K. Faulseit/A. Styring/J. Whitlam/M. Fochesato/T. A. Foor/S. Bowles, Greater post-Neolithic wealth disparities in Eurasia than in North America and Mesoamerica. Nature, 2017, nature24646. - DOI: 10.1038/nature24646
    • M. Scheffer, Anticipating societal collapse. Hints from the Stone Age. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 113/39, 2016, 10733–10735. -
    • T. Terberger/ D. Gronenborn, Vom Jäger und Sammler zum Bauern - Die Neolithische Revolution. Archäologie in Deutschland, Sonderheft (Stuttgart 2014). - pdf via academia.edu (Band vergriffen)
    • P. Turchin, Ultrasociety. How 10,000 Years of War Made Humans the Greatest Cooperators on Earth (2015). - ISBN: 9780996139519
    • P. Turchin, Ages of discord. A structural-demographic analysis of American history (Chaplin, Connecticut 2016).

    Mittwoch, 20. März 2019

    Werbung für die Zerstörung archäologischer Quellen

    In England und Irland hat der Schokoladenhersteller Cadbury chocolatiers eine an Kinder gerichtete Werbekampagne mittels Schatzsuche gestartet.

    Kinder werden begeistert, sich die Hände dreckig zu machen und mehr Schätze zu entdecken (“get your hands dirty to discover more”), mit Schätzen zu handeln (“the treasure’s fair game”), sich den Metalldetektor zu schnappen und Löcher in römische Fundstellen zu buddeln ( “grab your metal detector and go hunting for Roman riches”). Die Website gibt dazu eine Liste mit archäologischen Fundstellen, ohne Verweis darauf, dass Grabungen dort illegal sind. Nebenbei werden Kinder an Flußufer und ins Watt geschickt, was zu lebensgefährlichen Situationen führen kann.
    Archäologen und Denkmalpfleger haben via social media reagiert und die Firma mit einhelligem Protest überzogen. Sie wird aufgefordert, die Kampagne zu stoppen und mit einer Spende die Arbeit der Denkmalpflege zu unterstützen.

    • Cadbury Treasure Hunt Fiasco. British Archaeology News Resource (17.3.2019). - http://www.bajrfed.co.uk/bajrpress/cadbury-treasure-hunt-fiasco/ mit Adressen, an die Protest geschickt werden kann
      “The Heritage of the UK and Ireland is a fragile resource, and the protection of this has seen a great deal of effort by many groups in the previous decades, it is unbelievable that all the careful work by thousands of dedicated professionals and amateurs, including children, should be so abused by this campaign. Our shared past is not built on gold or treasure, or digging holes across the country with no responsibility or care, it is by working with communities to carefully tease the story from the ground, responsibly and with respect.
    Die Werbekampagne scheint offline.


    (Foto: R. Schreg)
    Immer wieder bewerben Medien das Abenteuer Schatzsuche mit sehr fragwürdigen Aktionen das Schatzsuchen mit der Sonde - oder bieten gleich, ohne Hinweise auf die Rechtslage und die potentielle Zerstörung historischer Quellen Metalldetektoren an, so jüngst Tschibo oder der online Buchhändler “humanitas-Versand“.

    Frühere Fälle auf Archaeologik:

     

     

    Aktueller Fall: Stern podcast

    Nicht so schlimm wie die Cadbury-Kampagne, aber genauso unbedacht: Seit einigen Wochen gibt es beim Stern eine Podcastserie, die die Geschichte um die gefälschten Hitlertagebücher im Stern von 1983 darstellt und ganz selbstverständlich das Sondeln als harmlose Schatzsuche darstellt:
    Die letzte Folge heißt "Auf Schatzsuche". Darin begleitet der Journalist und Sprecher des Podcasts Malte Herwig den Sammler Marc-Oliver Boger (https://www.kujau-kabinett.de/der-sammler/) bei einer "Schatzsuche" in einem Waldstück in Bayern. Dabei wollen sie mithilfe eines Metalldetektors und Grabungswerkzeugen mehreren vergrabenen Metallkisten aus dem Zweiten Weltkrieg auf die Spur kommen. Auffallen wollen und dürfen sie dabei nicht, da Herr Boger schon einige Male von "misstrauischen Bauern vom Feld gejagt" worden sei. Dies deutet an, dass hier Privateigentum nicht respektiert wird, auch fällt kein Wort darüber, dass solche Nachforschungen gar nicht so ohne Weiteres erlaubt sind. Der Sammler-Sondengänger Boger sollte es eigentlich wissen müssen: Laut seiner Website hat er als Grabungsarbeiter beim Landesdenkmalamt Baden-Württemberg gearbeitet.

    Sonntag, 10. März 2019

    Museumsplünderung in Algier

    Museum für Altertümer und islamische Kunst
    (Foto: Yelles M.C.A.[CC BY SA 2.5]
    via WikimediaCommons)
    Am Rande der gewalttätigen Proteste gegen eine erneute Kandidatur des langjährigen, über 80jährigen algerischen Präsidenten Abd al-Aziz Bouteflika  wurde in Algier das Museum für Alterümer und islamische Kunst geplündert. Es seien „Gegenstände gestohlen und Büros der Museumsverwaltung angezündet“ worden. Das Museum liegt in der Nachbarschaft des Präsidentenpalasts.


    Weiterer Link