Posts mit dem Label byzantinische Archäologie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label byzantinische Archäologie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 4. August 2024

Russische Geschichtsfantasy in Chersonesos: UNESCO-Welterbetitel muss aberkannt werden

Dass die russische Besetzung der Krim nichts Gutes für die archäologischen Befunde in Chersonesos zu bedeuten hat, war abzusehen. Bereits kurz nach der Besetzung der Krim brachte Putin die Fundstelle unter direkte Kontrolle des Kulturministeriums in Moskau. Bei einem Besuch 2015 ergriff er die Initiative für "den größten Museumskomplex in Russland als ein spirituelles und pädagogisches Zentrum in der Nähe des antiken Chersones, das der Geschichte der russischen Orthodoxie und des Weltchristentums gewidmet ist.„ 2017 sprach Vladimir Putin von „der Notwendigkeit, Chersones zu einem gesamtrussischen historischen Zentrum zu entwickeln, das mit der Bildung der russischen Nation und eines einheitlichen russischen Staates verbunden ist“ (http://фондмояистория.рф/o-fonde/). “Eine breite öffentliche Darstellung von Chersones als nationalem, sakralem Zentrum Russlands wird es ermöglichen, im internationalen Informationsbereich ein klares und eindeutiges Verständnis für die grundlegende Bedeutung der Krim als historische Taufstätte und unveräußerlichem Teil des russischen Staates zu schaffen”.

   Vladimir-Kathedrale inmitten der antiken Fundstelle
von Chersonesos 
(Foto: R.Schreg/RGZM, 2007)
Im Juli 2024 vermeldet die Stiftung, dass der 2022 begonnene Bau der Anlagen in New Resos abgeschlossen werde. Auf 24 ha befinden sich nun Gebäude und Bauwerke mit einer Gesamtfläche von 40.000 m², die ein einzigartiges Garten- und Parkensemble bilden, so sei neben dem antiken Chersonesos eine echte byzantinische Stadt entstanden, die Besucher mit ihrer Größe und Schönheit beeindrucke. Zu der Anlage gehören drei Museen, nämlich das Museum des Christentums, das Museum für Antike und Byzanz sowie das Museum der Krim und Neurussland. Zum Komplex gehören weiterhin ein “Tempelpark”, ein modernes Amphitheater mit 1200 Plätzen für historische Aufführungen, Rekonstruktionen von Schlachten und Gladiatorenkämpfen sowie Aufführungen von Werken antiker und moderner Autoren. Geplant sind "Massenveranstaltungen mit theatralischen Prozessionen und Karneval”. Der Schwerpunkt der Darstellung soll hier auf den letzten Jahrhunderten liegen, weil sich herausgestellt habe, "dass die Geschichte der Halbinsel untrennbar mit unserem Land verbunden war." Im Mittelpunkt soll hier ein Markt stehen, dessen Beschreibung auf den Seiten von my history, stark nach einem historischen Trödelmarkt klingt (http://фондмояистория.рф/novosti/muzejno-xramovyij-kompleks-%C2%ABnovyij-xersones%C2%BB.html)..

Ein Post der russischen Botschaft in Südafrika auf TwiX zeigt einige Bilder der Anlage.



Eine russische Nachrichtensendung von HTC Sevastopol auf youtube vermittelt weitere Eindrücke:
Auf youtube stehen auch erste Touristen-Videos:
Im April 2024 kündigte Putin zudem die Eröffnung eines Jugendbildungszentrums in Chersonesos an. Es soll noch dieses Jahr in Betrieb gehen. Der Bau wird von "Spezialisten des militärisch-industriellen Komplexes des russischen Verteidigungsministeriums errichtet” (http://фондмояистория.рф/novosti/kopiya-v-obrazovatelnom-czentre-mashuk-rasskazali-o-proektax-fonda.html).

Zur Umsetzung des Projektes wurde eine Stiftung "My History", mit Sitz in Moskau gegründet, die Wissenschaftler des Instituts für Archäologie und des Instituts für russische Geschichte der russischen Akademie der Wissenschaften sowie die Universität Moskau und andere akademische Institute einbindet.

Der neuen Stiftung my History wurden inzwischen viele weitere Geschichtsparks in Russland unterstellt in vier Regionen und insgesamt 24 Städten darunter auch Novgorod (http://фондмояистория.рф/proekty/rossiya-moya-istoriya/)

Aus Anlaß der Eröffnung des Parks im Probebetrieb am 30.7.2024 wurde der Park als Thema in den Medien aufgegriffen.
Die Bezeichnung des Putin'schen Geschichtsparks als Disneyland zieht sich durch fast alle Berichte. Disneyland ist zwar auch nicht Ideologie-frei, dient aber vorrangig der Unterhaltung und ist klar ein Ort der Phantasie. Neu-Cherson versucht jedoch, sein Publikum zu betrügen, indem es vorspiegelt, reales historisches Wissen zu vermitteln. Ein Blick auf die Fotos und Videos der Neubauten macht auf den ersten Blick klar, dass es hier nicht um archäologische Rekonstruktionen geht. Die gebauten Komplexe haben nichts mit den sehr viel kleineren ergrabenen Bauten der antiken Stadt und erst recht nicht mit der mittelalterlichen Stadt zu tun. So prunkvoll und edel war die Antike nicht - und sicher nicht zu Zeiten Vladimirs. Es geht hier nicht um Geschichtsvermittlung, sondern um Geschichtskonstruktion, die einen russischen Machtanspruch darstellen und legitimieren soll. Die Bauten erinnern mehr an neuzeitliche Herrschaftsarchitektur und Putins Prunkpalast als an byzantinische Bauten.

Die aktuellen Berichte suggerieren, dass das Gelände des Ruinengeländes der antiken Stadt durch den neuen Park überbaut und zerstört wurde. Das Zentrum des neuen Putinparks liegt jedoch südlich des antiken Stadtareals. Vor einigen Jahren befanden sich hier Militär-, Industrie- und Gewerbeflächen. In der Kartierung des UNESCO-Weltkulturerbes liegt das Areal außerhalb des eigentlichen Schutzgebietes, wohl aber in der Buffer-Zone, in die auch weit abseits gelegene Reste der antiken Flureinteilung der Halbinsel eingestuft worden sind.

 

Die antike Stadt Chersonesos westlich von Sevastopol
mit Eintrag der Flächen, die nach GoogleEarth seit 2014 umgestaltet wurden (Graphik R. Schreg)
 

 
Die Darstellung, eine “Überbauung in Chersones und dem archäologischen Park würde Präsident Putin richtige Geschichte durch Fake-Geschichte ersetzen.” (SRF) ist also nicht völlig zutreffend. Gleichwohl war das nun überbaute Gelände nicht frei von archäologischen Befunden. In der Antike lag hier vor der Befestigung die südliche Vorstadt. Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden hier eine große Nekropole entdeckt sowie ein Handerwerkerviertel der hellenistischen Zeit mit Töpfereibetrieben. Im Vorfeld der Park-Neubauten wurden 2020/21 in kürzester Zeit Notgrabungen durchgeführt, bei denen unter anderem ein Anten-Tempel des 4. Jh. v.Chr. ausgegraben wurde, dessen Fundamente nun in dem neuen Gelände konserviert sind (Erläuterungstafel erkennbar in Touristen-Video). 
Das Umfeld der antiken Stadt ist durch Militäranlagen im 19. und 20. Jahrhundert schon lange tief gestört; wie viele Befunde in dem betreffenden Areal vor den Baumaßnahmen erhalten waren, lässt sich nicht mit Sicherheit bestimmen. Allerdings sind die Ausgrabungen in Luftbildern bei Google Earth zu erkennen. Deutlich wird, dass sehr schnell und großflächig, aber in 4 x 4 m großen Grabungschnitten ausgegraben wurde, obwohl schon auf den Luftbildern zahlreiche Befunde der Vorstadtbebauung zu erkennen sind.
Angesichts der Zerstörung der Grabungsbefunde lässt sich hier durchaus von einer Ausradierung der realen Geschichte zugunsten einer Fake-Geschichte reden. Man kann gespannt sein, wie die Ausgrabungen publiziert werden. Angeblich liegen mehrere Millionen an Funden vor.  Eine seriöse Publikation wird ganz sicher und eindeutig belegen, dass Putins Rekonstruktionen völlige Fantasie sind. Ob die Publikation zensiert werden wird (oder sich die Kolleg*innen in Selbstzensur üben [müssen]), wird sich zeigen.

Grabungsflächen in der südlichen Vorstadt von Chersonesos
von Juni 2021 bis Juni 2022 nach Google Earth. 
Der Ausschnitt zeigt nur einen kleinen Teil der Grabungen
nahe des alten Zugangs zum Ruinengelände.



Nach ukrainischer Einschätzung handelt es sich jedenfalls um die “weltweit zerstörerischsten Aktivitäten an einer Stätte der antiken Archäologie. In den Jahren 2021–2023 wurden 85.000 Quadratmeter der Kulturschicht zerstört, etwa 4 Millionen Objekte und mehr als 1.500 archäologische Komplexe entfernt (nach Angaben der Besatzungsverwaltung).”
  • vgl. https://ciss.org.ua/en/map.html mit Zoom auf Chersonesos - Die Seite des Crimean Institute for Strategic Studie präsentiert eine Liste der Kulturgutzerstörungen inklusive aller Grabungen, die auf der Krim nach 2014 ohne Genehmigung der ukrainischen Behörden durchgeführt wurden. Die Beschreibungen wurden offenbar von Archäologen vorgenommen, bieten aber leider keine Quellen zu den Aussagen über die russischen Grabungen. Im Falle einiger Aussagen über die Höhensiedlung Mangup wurden offenbar die Publikationen in der Zeitschrift MAYET ausgewertet.

Zweifellos ist der Putinpark eine nicht zu rechtfertigende Zerstörung archäologischer Quellen. Wissenschaftliche Seriosität gebietet es, dem dort ptäsentierten Geschichtsbild (da ist auch mit Führungen oder seriösen Ausstellungen vor Ort nichts mehr zu retetn) vehement zu widersprechen - aber auch, dass auch ukrainische Propaganda nicht unbesehen wiederholt und verbreitet wird. Die Medienberichte blieben hier allesamt sehr unkritisch und folgen den Darstellungen der Interviewpartner, die überwiegend nicht als Wissenschaftler, sondern als Kriegsbeobachter und -kommentatoren agieren.

Anzumerken ist deshalb auch, dass bei der berechtigten Empörung auf ukrainischer Seite fragwürdige Eingriffe in die archäologische Stätte bereits vor der russischen Okkupation eingesetzt haben. Ein Vergleich der historischen Luftbilder auf Google Earth zeigt, dass bereits 2008 im Umfeld der modernen Vladimir-Kathedrale einige Gebäude in das Ruinengelände gebaut worden sind. Auch die Anlage eines Gartens und der Ausbau des Theaters ist bereits auf einem Luftbild des Jahres 2012 zu erkennen. Die Installationen im Theater scheinen nun indes größer und schwerer geworden zu sein.

GoogleEarth zeigt kein beruhigendes Bild, aber ein anderes als es in aktuellen Medienberichten wiederholt wird. Neu-Chersonesos ist ein Propagandaprojekt, das abermals die Bedeutung der Geschichtspolitik in Putins Herrschaftsdenken belegt. 

Putin als Plünderer der Antike im August 2011
(Foto: Kreml, CC BY 4.0 via WikimediaCommons)


 

Fazit: UNESCO-Welterbetitel muß aberkannt werden

Der Status als UNESCO-Welterbe muss Chersonesos aberkannt werden! Angesichts der Tatsache, dass die UNESCO dies schon bei geringeren Eingriffen getan hat, ist es zwingend geboten, dass die UNESCO in Moskau protestiert und den Welterbetitel auch entzieht. Putins-Propaganda-Geschichte darf nicht durch ein Welterbelabel aufgewertet werden.

 


weitere Links

interne Links

  • Beiträge auf Archaeologik zur Krim

 

Literaturhinweise

  • J.C. Carter (Hrsg.), Crimean Chersonesos: City, Chora, Museum, and Environs (Austin 2003)
 

Änderungsvermerk 17.8.2025: 
einige Typos korrigiert 

Dienstag, 25. April 2017

Zwischen staatlicher Fürsorge und privater Vorsorge - ein neues archäologisches Forschungsprojekt

Von den Veränderungen der Spätantike waren auch die fundamentalen Lebensbedingungen in vielfältiger Weise betroffen. Die Unsicherheit wuchs, die staatlichen Strukturen wurden geschwächt.
In den Städten frühbyzantinischer Zeit war eine “Ruralisierung“, oft verbunden mit einer Verlagerung oder Auflösung des Stadtkerns, wobei vielerorts kleine Häuschen in frühere öffentliche Gebäude oder gar deren Ruinen gesetzt wurden.
Ganz grundlegend war für die Menschen jedoch die Sicherung der Nahrungsversorgung. Spielte bis dato die staatliche Getreideversorgung eine zentrale Rolle, so musste nun selbst Vorsorge getrofffen werden.
Welche Auswirkungen hatte das auf die Familien? Wie veränderte dies die Ernährungsgewohnheiten, wie die landwirtschaftliche Produktion?  Wie reagierten die Menschen auf die veränderten Lebensumstände, welche Maßnahmen ergriffen sie zur Sicherung der Nahrungsmittelgrundlage? Diesem Fragenkomplex - oder vielmehr einer konkreten Fallstudie am Beispiel der Versorgung der spätantiken Stadt Caričin Grad widmet sich ab Sommer ein neues Forschungsprojekt: "Zwischen staatlicher Fürsorge und privater Vorsorge: Eine interdisziplinäre Studie zur Versorgungssicherung im 6. Jahrhundert anhand des Getreidespeichers von Caričin Grad". Die Finanzierung dazu hat die Fritz-Thyssen-Stiftung bewilligt. Die Stadt Caričin Grad bietet eine perfekte Ausgangsbasis, um nach Antworten zu forschen. Sie wurde um 530 n. Chr. von Kaiser Justinian als Verwaltungsmittelpunkt gegründet, jedoch um 615 n. Chr., nach noch nicht einmal drei Generationen, wieder verlassen.

Aus dem aktuell auslaufenden Projekt "Das kurze Leben einer Kaiserstadt – Alltag, Umwelt und Untergang des frühbyzantinischen Caričin Grad (Iustiniana Prima?)" wissen wir um Vorräte in verschiedenen Häusern, aber auch um die Aufbereitung von Getreide für die lokale Verarbeitung. Jetzt stehen im Rahmen einer serbisch-französichen Kooperation Ausgrabungen in dem Horreum der Stadt an, die das neu bewilligte Projekt nutzen will, um diesen Privaten Versorgungsstrategien mit der staatlichen Getreideversorgung der sog. Annona zu vergleichen.

Das Horreum in der nördlichen Oberstadt von Caricin Grad ist Gegenstand neuer Forschungen.
(Foto: Archäologisches Institut Belgrad - Pressebild)


Im Kern des Projektes, das das RZM (meine Wenigkeit [Rainer Schreg]) und die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (Prof. Wiebke Kirleis) gemeinsam beantragt haben, stehen archäobotanische Untersuchungen, die Dipl.-Prähistorikerin Anna E. Reuter durchführen wird. Ergänzt werden diese Untersuchungen durch bodenkundliche Analysen, die nicht nur von erheblicher Bedeutung sind, wenn es darum geht, die Fundablagerungen einzuschätzen, sondern auch einen Betrag leisten, die Geschichte des Horreums und die dortigen Arbeitsabläufe zu verstehen. In dessen jüngster Phase sind dort eben solche kleine Einbauten entstanden, wie sie in der Sptantike vielfach zu beobachten sind.

Während der Ausgrabungen im Sommer werden systematisch Proben gesammelt, die dann in Mainz und Kiel ausgewertet werden. Die bodenkundliche Expertise liegt bei den Projektpartner vom Geographischen Institut der Johannes-Gutenberg Universität  (Prof. Sabine Fiedler, Dr. Jago Birk).

Links

Samstag, 10. Dezember 2016

Der Schatz liegt unterm Birnbaum... ein Survey-Tag in Südserbien

Meine Stimmung war nicht besonders gut - der Mietwagen kaputt und der Tag zuvor war bereits vermatscht, um das Problem in Griff zu bekommen (Untertürkheimer Modell, das in Serbien keiner reparieren will, weil es zu kompliziert ist und für eine Kleinigkeit der ganze Motorblock ausgebaut werden muss). Eigentlich war eine größere Exkursion mit Übernachtung geplant gewesen, die nun aber den Auto-Problemen zum Opfer gefallen war. Ausserdem war bei mir eine Erkältung im Anflug. Immer wieder waren wir die Tage zuvor ziemlich nass geworden...
Also nun Plan B:  Die kaiserliche Villa von Mediana bei Niš. Wir starten erst spät mit dem Privatauto eines Kollegen. Erste Zwischenstation: die Ruinen einer mittelalterlichen Kirche nur wenige Kilometer von Caričin Grad entfernt. Wie bei fast allen alten Kirchenstellen in Südserbien, findet man Zeichen lebendiger Religiosität: Kleine Opfer von Geld (Münzen und Scheine), Kerzen und Rakia (oft in alten Cola-Flaschen). Die Ruine ist heute zugewuchert, liegt aber inmitten einer offenen fruchtbaren Landschaft. Als Altar dient, wie bei vielen vergleichbaren Ruinen eine Spolie, die vielleicht aus Caričin Grad stammt. Die Mehrzahl entsprechender Kirchenruinen ist bis heute nicht dokumentiert, so dass recht unklar ist, wie alt sie denn tatsächlich sind. Die frühere Forschung hat sie meist byzantinisch datiert, doch scheinen irgendwann die byzantinischen Spolien systematisch über die umliegenden Kirchen verteilt worden zu sein. Vom Grundriß und von der Lage her gibt es klar zu unterscheidende Typen, die es Wert wären, einmal in einem Forschungsprojekt näher untersucht zu werden, da sich damit mit Sicherheit Einblicke in langfristige Veränderungen der Siedlungslandschaft gewinnen lassen.

Münzopfer auf einem byzantinischen Kapitell in einer Kirchenruine nahe Caričin Grad
(Foto: R. Schreg/RGZM)
 
Eigentliches Ziel der Fahrt: Mediana bei Niš - die archäologischen Ausgrabungen der kaiserlichen Villa Constantins des Großen. Wenn man schon an einer Kaiserstadt in Serbien arbeitet, so muss man das auch gesehen haben - und in den Jahren zuvor hatte sich nie die Gelegenheit ergeben. Aber auch diesmal sollte es nichts werden: "wegen Rekonstruktionsarbeiten geschlossen".

Was nun? Ein kurzer Blick auf den Schädelturm in Niš, vor allem aber die Gelegenheit für einen kurzen Abstecher zu einer Höhensiedlung. nordwestlich von Caričin Grad. Eigentlich wollten wir sie schon in der ersten Woche unserer Survey-Kampagne besuchen, aber die Zeit hatte dann doch nicht gereicht. Eine halbe Stunde sollte eigentlich genügen, um einen knappen Überblick zu gewinnen, denn die Fundstelle liegt eigentlich zu weit weg von Caričin Grad, als dass sie für unsere Forschungen zum direkten Umland dieser Stadtgründung des 6. Jahrhunderts unmittelbar relevant wäre. Aber hier gab es ausnahmsweise Grabungen, die wenigstens eine vage Vorstellung über Ausgestaltung und Funktion einer kleineren spätantiken, ins 6. Jahrhundert reichenden Höhensiedlung geben. Natürlich gehört eine Kirche dazu, eventuell sogar zwei. Und trotz eines bescheidenen Forschungsstandes gibt es deutlich mehr Inschriften als aus der großen Stadt Caričin Grad. Grund genug also, den Platz im Rahmen unserer Forschungen zum Umland von Caričin Grad in Augenschein zu nehmen.
Wir waren nun freilich unvorbereitet: Weder Literatur noch Karte waren zur Hand, also wollten wir uns einfach im benachbarten Dorf durchfragen. Dieses erwies sich wie so viele andere im Süden Serbiens selbst schon als halbe archäologische Stätte. Schon auf der Anfahrt fielen die vielen aufgelassenen, teils bereits wiederbewaldeten Äcker auf. Rund 20 km weiter südlich, im näheren Umfeld von Caričin Grad hatten die Ortschaften 2002 meist nur noch ein Drittel, oft nur noch ein Fünftel der Einwohnerschaft, die in den 1950er Jahren zu verzeichnen war. Stolze Bauernhäuser der 1930er Jahre, öffentliche Bauten, wie Schulen, größere Läden, Gemeindehallen und Kriegsdenkmäler zeugen von einem gewissen Wohlstand im alten Jugoslawien. Heute steht das alles leer und verfällt. Auch viele der bäuerlichen Mehrhausgehöfte, deren Haupthaus ein meist als Stall genutztes Erdgeschoss aus Bruchsteinen sowie bescheidene Wohnräume in einem Obergeschoss aus Lehm umfasst. Daneben gibt es weitere Ställe und oft ganz ansehliche Scheunen für Heu, Getreide und Mais. Einige solche Höfe hatten wir uns immer wieder angesehen, denn die Zerfallsprozesse, die man hier beobachten kann, können wir in unseren Grabungen ganz ähnlich voraussetzen. Erst stürzt das Ziegeldach herunter, dann zerfließt die Lehmwand und zuletzt kippen dann auch noch die Steinwände des Erdgeschosses um, so dass eine Art verkehrte Stratigraphie entsteht.
 
aufgegebene Felder
(Foto: R. Schreg/RGZM)
 
 
 
Aber Menschen, die man nach dem Weg fragen können? Kaum zu finden. Erst vor dem kleinen Laden in der Ortsmitte sitzen ein paar ältere Männer im Schatten. Wir müssen noch ein Dorf weiter!
Das ist deutlich belebter: Hunde, Katzen, Hühner, Rinder und Schafe, aber auch spielende Kinder. Viele der alten Häuser wurden durch moderne Bauten aus Ziegel und Beton ersetzt, dennoch wirkt der Ort noch ärmer als der vorige. Die Straße ist hier nur noch unbefestigt. Bald haben wir den (zugewucherten) Friedhof und das letzte Haus passiert und stehen etwas ratlos da. Niemand da, den man fragen könnte. Von einer Kollegin erhalten wir per Telefon (ein moderner Sendemast steht prominent zwischen den heruntergekommenen Häusern) eine vage Beschreibung und den Tipp, nach der alten Kirche zu fragen. Wir kehren um und treffen im Dorf dann auch tatsächlich jemanden, der uns weiter helfen kann. Der Mann war uns zuvor nicht aufgefallen, denn er lag unter einem alten Auto und schraubte daran herum. Die Straße weiter, nach einem halben Kilometer gäbe es noch ein paar Häuser, dort sollten wir nochmals fragen, aber nicht beim ersten Hof, denn da würden wir gezwungen, erst mal kräftig einen zu trinken.

Wir erreichen diesen letzten Ortsteil. Er besteht aus vier einfachen Gehöften. Am letzten Hof bellt sich ein Hund heiser, ansonsten ist weit und breit niemand zu sehen. Nur im ersten Hof scheint jemand zuhause. Dort hört man zankendes Geschrei aus den Haus.
Mangels anderer Möglichkeiten gehen wir dort auf dem Hof und machen auf uns aufmerksam. Es erscheint ein alter Mann in blauem Arbeitskluft, mit roter Nase und einer mächtigen Fahne. Aber nach einem kurzen Gespräch erklärt er sich bereit, uns die Ruinenstadt zu zeigen.

Die Höhensiedlung 'Kale' im Gebüsch in Bildmitte liegt auf einem Sporn über einem Tal
(Foto: R. Schreg/ RGZM)

Wir gehen bergab, quer über ein mäßig bewachsenes Feld. Der Bauer beäugt uns misstrauisch, glaubt uns nicht, dass wir Archäologen seien, sondern hält uns für Goldsucher. Die kämen öfters hier vorbei.
Wir erreichen den Waldrand. "Wir betreten jetzt die alte Stadt" gibt uns der Bauer zu verstehen. Tatsächlich zeichnen sich beidseits des Weges Reste von Wall und Graben ab. Dahinter folgt rechter Hand eine kleine Lichtung, auf der unter einer Wiese Steinhaufen zu erkennen sind. Mehrere Löcher zeigen, dass es sich um Gebäudereste handelt. Die Löcher, erklärt uns der Mann, habe er selbst gegraben, er wollte wissen, was da zu finden sei. Gefunden hätte er aber nur Mauern. Im Aushub liegt Keramik.

Ziegelfragment mit Marke
aus einem Raubgrabungsloch
(Foto: R. Schreg/ RGZM)

Wir gehen einen Waldweg entlang. Nach 20 m braucht unser Führer eine Pause. Eine Zigarette, einen Schluck. Er erzählt ununterbrochen. Ich kann kein serbisch und mein serbischer Kollege kommt nur hin und wieder dazu, mir eine Zusammenfassung zu geben. Ganz kurz: "Das war hier einmal eine blühende Stadt und hier gab es Schätze. Gefunden habe er aber noch keine" Neben unserem Rastplatz liegt ein weiteres Loch: Ziegel im Abraum, einer mit einer Marke.
 
Wenige Schritte weiter ist der Weg weitgehend zugewachsen. Wir folgen unserem Führer, der mit überraschend sicherem Schritt durch das zunehmende Dickicht geht. Links und rechts des Wegs sind immer wieder Unebenheiten zu erkennen. An der Hangkante zeichnet sich deutlich ein Wall ab. Ein Graben war aber nur dort vorhanden, wo wir - von der angrenzenden Hochfläche kommend - die Anlage betreten hatten. Wir kommen auf eine Lichtung. Unser Führer warnt uns vor den Schlangen, die hier häufig seien. Zwischen dem Gestrüpp ragt ein großer Mauerblock vor. Das sei die Kirche. Ich bin irritiert, erkenne erst gar nichts. Dann wird mir klar: hier ist alles restlos zerwühlt. Die Mauer ist keine Mauer, sondern der Fußboden, der 45° verkippt ist, da er unterhöhlt wurde. Der antike Betonfußboden war für die Raubgräber zu hart, also haben sie die Mauern ringsum abgetragen und von der Seite unter dem Fußboden nach Schätzen gesucht.

Die Basilika war in den Jahren 1960 und 1962 ausgegraben worden und wurde 2003 von serbischen Kollegen auch auf deutsch publiziert. Hätten wir den Grabungsplan vor Ort mit dabei gehabt, er hätte uns nichts genutzt. Außer dem Fußbodenblock sind kaum noch Mauerreste erhalten, obwohl diese nach den Grabunsgfotos Anfang der 1960er Jahre noch mindestens hüfthoch erhalten waren. Der alte Mann erklärt uns, dass man sich hier in den letzten Jahren immer wieder Baumaterial für kleinere Ausbesserungen in den etwa 400 m entfernten Höfen geholt hätte. 


Raubgräber haben den Fußboden der Kirche untergraben. Die Mauern des Kirchenraumes haben sie weitgehend eingerissen, um ihrem Geschäft nachgehen zu können.
(Foto: R. Schreg/ RGZM)
 
Es wird immer deutlicher: Die ganze Anlage ist von Raubgräbern systematisch durchwühlt. Im Zentrum befinden sich die Reste eines Gebäudes. Die Steinhäufen waren wohl mal Mauern. Unser Führer erzählt, er hätte die Raubgräber hier im letzten Jahr getroffen. Si hätten ihm eine Münze gezeigt, die sie hier gefunden hätten, einen Constantin.  Unser Führer, der keinen sonderlich gebildeten Eindruck macht, kennt die römischen Kaiser ziemlich genau. Hier hätte man schon öfters mal Münzen gefunden. Der Boden ist um die Mauern großflächig abgetragen, es sind klare, gerade Kanten zu erkennen und die Abräumhäufen liegen daneben. Offenbar wurde hier eine archäologische Grabungsfläche geplündert. Nach Publikationsstand fand die letzte Grabung jedoch in den 1960er Jahren statt

Reste eines Hauses: Die Mauern von den Raubgräbern völlig abgerissen. Die Fläche ist großräumig abgetragen.
(Foto: R. Schreg/ RGZM)

Aber erst vor wenigen Tagen waren die Raubgräber wieder da. Wir sehen frische Spuren von zahlreichen kleinen Schürfungen, wo der Detektor (oder die Wünschelrute?) angeschlagen hatte, aber auch ein großes Loch, etwa 2,5 m auf 1 m. Darin finden sich  Stellen mit viel Holzkohle, Rotlehm und einzelne Keramikscherben. Ganz offensichtlich wurde hier ein Ofen- oder Herdbefund zerstört. Es wäre spannend gewesen, zu ergraben, was hier produziert worden ist, denn die Fundstelle befindet sich in einer Art Vorbefestigung - eine kleine Terrasse unterhalb der großen Befestigungsmauer.
Unser Führer meint, hier sollten wir graben. Bis wir Gold gefunden haben, könnten wir die Ausgrabungen dadurch finanzieren, dass wir die Bäume als Brennholz verkaufen. Wem das Land hier gehört, habe ich nicht erfahren.

Unser Führer in einem der frischen Raubgrabungslöcher, das wenige Tage vor unserem Besuch ausgehoben wurde.
(Foto: R. Schreg/ RGZM)

Die Spuren der Raubgräber.
(Foto: R. Schreg/ RGZM)
 
Unser Führer steht nun nach 1 1/2 Stunden, ungezählten Zigaretten und Schlucks nicht mehr ganz sicher auf den Beinen. Er wird auch immer aggressiver. Verdächtigt uns nun, dass wir Spione seine, die von ihm nur erfahren wollten, wo der Schatz denn nun liegt. Die Deutschen wollten sich den dann holen. Details von dem, was er erzählt, bekomme ich nicht mit. Er kam offenbar schon mal durch Mainz ... "Düsseldorf" ... "Hitler" schnappe ich auf.

Längst wollen wir gehen. Wir haben einen Eindruck von der Fundstelle, haben einige GPS-Punkte genommen und Notizen gemacht. Anfangs haben wir die Aussagen unseres Führers noch aufgenommen, ehe mein Kollege dann meinte, das sei nun nur noch unzusammenhängendes Gelalle.
Aber dann erzählt er doch noch eine Geschichte, die mir mein Kollege ausführlicher übersetzt. Nämlich die Beschreibung, wo der Schatz tatsächlich liege: unterm Birnbaum!  Das scheint freilich kein ausschließliches Wissen unseres Führers zu sein. Schon vorher hat er uns immer wieder darauf hingewiesen, dass für viele Raubgrabungslöcher Bäume umgerissen wurden. In dem recht jungen Niederwald lagen tatsächlich viele der Löcher direkt bei einem der älteren, größeren Bäume. Einige waren auch  auffallend umgerissen. Ob das tatsächlich Birnbäume waren, kann ich nicht beurteilen. Der Schatz war wohl nicht dabei. Unser Führer versicherte uns auch, die hätten alle an den falschen Bäumen gesucht... Er wisse, wo man graben müsste, schließlich sei er hier aufgewachsen, hätte noch auf dem Fußboden der Kirche Murmel gespielt. Aber den genauen Ort verrate er uns erst, wenn wir wiederkommen, mit etwas Geld um hier auszugraben.

Der Weg zurück
(Foto: R. Schreg/ RGZM)
 
Wir führen unseren Führer wieder nach hause, mit vielen Pausen. Seine Flasche ist leer. Wir nähern uns seinem Hof; plötzlich besteht er aber darauf, er müsse uns noch etwas zeigen, läuft zielstrebig seitlich an seinem Hof vorbei, führt uns auf die Rückseite des wohl verlassenen Hofes seines Nachbarn und zeigt uns dort im Hinterhof ein Kapitell, das als Unterlage eines sekundär als Blumenkübel genutzten Waschbeckens dient. Ohne über den Zaun zu klettern, kommen wir nicht näher ran. Ein ähnliches Kapitell wurde laut Grabungsbericht in der Basilika in der Befestigung gefunden. Sie wurden dort einer über dem nördlichen Seitenschiff rekonstruierten Galerie zugeschrieben.


Ein ionisches Kämpferkapitell im Hinterhof eines verlassenene (?) Hofs
(Foto: R. Schreg/ RGZM)


Wir bedanken uns bei unserem Führer, der uns drängt, mit ihm noch Rakia zu drinken. Uns ist beiden nicht danach. Es ist noch eine weite Strecke bis Caričin Grad zu fahren, wo die übrigen Kollegen, die den Tag mit der Aufnahmen von Bodenprofilen im Umfeld der Stadt verbracht haben schon längst auf uns warten. Ich habe mittlerweile den Eindruck, dass ich Fieber habe (was mich am nächsten Tag auch tatsächlich weitgehend außer Gefecht gesetzt hat). Unser Führer möchte von uns nichts annehmen, aber er bittet uns, dass wir ihn ins Dorf mitnehmen. Nach fünf Kilometern setzen wir ihn im Dorf ab. Die Männer, die wir Stunden zuvor nach dem Weg gefragt haben, sitzen immer noch da. Unser Führer stürmt in den Laden.

Ein Abgleich unserer Ergebnisse mit der Publikation fällt nach dem Abendessen sehr kurz aus: Nichts von dem, was wir gesehen haben - von der Kirche abgesehen - ist in dem publizierten Plan enthalten. Wir waren aber definitiv an der richtigen Stelle, auch wenn die Fotos in der Publikation eine ganz andere Landschaft erkennen lassen. Die Fotos aus den 19050er oder 60er Jahren lassen einen unbewaldeten Hügel erkennen, mit einigen wenigen Bäumen.

Anlagen, wie dieses Kale, einige Kilometer von  Caričin Grad entfernt gibt es viele: Kaum beachtet, durch aufkommenden Wald, Steinraub und Raubgräber heimgesucht und kaum erforscht. Wir wissen kaum etwas über das Leben in diesen Anlagen. Waren sie befestigte Bauerndörfer oder Militärstationen zur Kontrolle des in der Region bedeutenden Bergbaus (die Woche zuvor waren Kollegen vom Deutschen Bergbaumuseum in Bochum Teil unserer Mannschaft und wir haben einige Bergwerke aufgesucht, die wohl prähistorisch oder römisch zu datieren sind)? Unter welchen Bedingungen wurde die Siedlung verlassen? Im Unterschied zu Caričin Grad sollen von dieser Höhensiedlung auch slawische Siedlungsfunde des 9./10. Jahrhundert vorliegen. Wie wurden da die alten Gebäude genutzt? Antworten auf diese Fragen wird es in der Höhensiedlung 'Kale' kaum mehr geben. Die Raubgräber haben sie vernichtet.

Viele neue Eindrücke und doch irgendwie frustrierend...

Montag, 31. Oktober 2016

Wirtschaftliche Ressourcen und soziales Kapital. Gründung und Unterhalt der Kaiserstadt Iustiniana Prima

Soeben erschienen:


R. Schreg, J. Birk, S. Fiedler, H. Kroll, N. Marković, A.E. Reuter, C. Röhl, M. Steinborn: Wirtschaftliche Ressourcen und soziales Kapital. Gründung und Unterhalt der Kaiserstadt Iustiniana Prima.
Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit 29,2016, 9-20


open Access unter: http://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/mitt-dgamn/article/view/33655/27356 (sowie academia.edu)


Die neue Publikation geht auf einen Vortrag zurück, der bei der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit zurück, die vom 15. bis 17. Juni 2015 in Erfurt stattfand. Er war dabei konzipiert als eine einführende Fallstudie, die konkret an einem Beispiel darstellen sollte, wie der Ressourcenbegriff gefasst werden kann und wie interdisziplinäre Forschungen zum Verständnis von Ressourcen als ein Faktor gesellschaftlicher Wandlungsprozesse beitragen können.
Caričin Grad / Iustiniana Prima von Osten. Im Tal im Vordergrund bestand ein großer Stausee.
(Foto: R. Schreg, 2013)
Die laufenden Forschungen in Caričin Grad bieten dazu ein gutes Beispiel, spielt bei ihnen doch die Frage nach der Rolle der Ressource eine entscheidende Rolle. Sie versuchen, die relativ kurze Existenz der im 6. Jahrhundert gegründeten und nur wenige Generationen bestehenden Stadt in Südserbien aus umwelt- und sozial-historischer Perspektive zu betrachten. Dabei spielen Fragen nach den wirtschaftlichen Ressourcen wie auch nach dem sozialen Kapital der beteiligten Personengruppen eine wesentliche Rolle. Das Beispiel Caricin Grad wird genutzt, um auch einige Aspekte des Themas Ressourcen zu skizzieren, die weit über dessen wirtschaftliche Aspekte hinaus reichen.
Das Beispiel führt in das Arbeitsfeld der Stadtarchäologie, das in der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit große Bedeutung hat. Die Forschungsfragen gelten dabei insbesondere der Stadtgründung oder -genese, so dass das zentrale Interesse meist der Planung und der Entwicklung der Stadt gilt. Eine explizit umwelt-und sozialhistorische Perspektive, welche die materiellen Grundlagen der Stadt und die Bedürfnisse ihrer Bewohner in den Mittelpunkt stellt, wird hingegen weit seltener verfolgt.  Das Fallbeispiel zeigt dazu eine methodische Perspektive auf.

Dienstag, 23. August 2016

Serbischer Staatspräsident Nikolić wirft dem Kosovo Vernachlässigung serbisch-byzantinischen Kulturerbes vor

Bei der Eröffnung des 23. Byzantinistenkongresses in Belgrad hat Tomislav Nikolić am 22.8.2016 im Heroensaal der Philologischen Fakultät die Bedeutung des byzantinischen Kulturerbes für die serbische Identität betont.
Der serbische Präsident Tomislav Nikolić bei seiner
Eröffnungsrede zum 23. Byzantinistenkongress am 22.8.2016
in Belgrad.
Wie sehr diese byzantinische Identität mit der serbischen Gegenwart und aktueller Politik verwoben ist, zeigte die Rede des Präsidenten, der sich darin vor allem gegen eine Aufnahme des Kosovo in die UNESCO aussprach und dem Kosovo Aneignung und Zerstörung des bedrohten serbisch-byzantinischen Kulturerbe vorwarf.
"Nicht immer sieht die Menschheit eine Entwicklung zum Besseren: So der Versuch der einseitig erklärten "Republik Kosovo", der UNESCO beizutreten, serbisches Kulturerbe in Kosovo und Metochien, das überwiegend aus dem Mittelalter, aus dem byzantinischen Erbe des serbischen Volkes stammt, einem Volk zuzuschreiben, dem es nicht gehört - entgegen der historischen Fakten und den Kulturdenkmälern - und - noch schädlicher - den Schutz dieses Erbes denen zu übertragen, die dieses für Jahrzehnte andauernd zerstört und entweiht haben. Nach dem Bericht der UNESCO stehen vier serbische Klöster in Kosovo und Metochien, die in byzantinische Zeit zurückreichen, auf der Liste des gefährdeten Weltkulturerbes: Sie werden von jenen bedroht, die sich erhoffen, zu ihren Hütern bestellt zu werden."
(Übersetzung des engl. Text, der im Publikum verteilt wurde. Die auszughaften Übersetzungen in den englischsprachigen serbischen Medien präsentieren teilweise noch pointiertere Aussagen).
Englisch: "...humanity does not always witness changes for better. Such is the attempt of the unilaterally declared "Republic of Kosovo" to join UNESCO, and to ascribe the Serbian heritage in Kosovo and Metohija, largely originating from the Middle Ages, from the Byzantine heritage of the Serbian people, to the people which ist does not belong to [b92 übersetzt: "to a nation that does not exist"], despite all the scientific facts and the tangible cultural heritage, and, even more detrimentally, to entrust the safeguarding of the sanctities to those who have been destroying and desecrating them continuously, for decades. According to very UNESCO's report, four Serbian monasteries in Kosovo and Metohija, dating back to the Byzantine period, are incribed on the List of World Heritage in Danger. They are threatened by those aspiring to be their custodians!"
Angesicht des aktuell laufenden Prozesses in den Haag, der Kulturgutvernichtung als Kriegsverbrechen verfolgt, sind die Vorwürfe des serbischen Präsidenten eine klare politische Botschaft. 
Nikolić betonte den Vertretungsanspruch Serbiens für sein byzantinisches Kulturerbe im Kosovo, da dieses nicht einer Nation gehöre, sondern europäisches und Welt-Kulturerbe sei. ("Not only Serbian, but also European culture and the memory of the world are being preserved in Kosovo, including an important part of the mankind's Byzantine heritage. This means, inter alia, that Serbia has the right, as a full member of UNESCO, to preserve its heritage, created according to the Byzantine model and its fundamental principles"). Gegenüber der Presse erläuterte der Präsident, dass Serbien sich gegenüber Brüssel verpflichtet hätte, die regionale Integration des Kosovo nicht zu behindern, aber eben auch nicht mehr. Serbien würde weiterhin rechtmäßig gegen die Aufnahme des Kosovo in internationale Organisationen vorgehen.
"Wir erleben vielfältige Angriffe auf die Grundlagen der Bewahrung einer byzantinischen und christlichen Identität, die wichtige kulturelle Werte des Mittelmeerraums und des Mittleren Osten umfasst. (We are witnessing manifold attacks targeting the very foundations of the Byzantine and Christian identity's preservation, including some of the major cultural values of the Mediterranean and the Middle East.")
Der Präsident rief die Wissenschaftler auf, den Gefährdungen des serbisch-byzantinischen Erbes im Kosovo durch "Versuche der Fälschung historischer Fakten" und physische Zerstörung zu begegnen. An den Kongress formulierte er die Erwartung, dass er die entscheidenden Fragen formuliere und die Probleme hervorhebe, die sich aus der Sorge um das gefährdete byzantinische Erbe ergeben.
Dem Institut für Byzantinistik an der Serbischen Akademie der Wissenschaften verlieh er den Serbischen Verdienstorden 2. Grades für die außerordentlichen Verdienste um die Förderung des byzantinischen Kulturerbes in Serbien und seinen Beitrag für Byzanzstudien weltweit.


Archäologie und Geschichte sind eben auch Teil der Politik und nationaler Interessen!


Links

interner Link


Änderungsvermerk
20.1.2017: toter Link zu Byzantinistenkongress 2016 entfernt


Freitag, 12. Juli 2013

Bulldozer und Proteste auf Istanbuler Plätzen - Gärten am UNESCO-Welterbe einplaniert

Wenige Wochen nach den Protesten am Gezi-Park planiert die türkische AKP-Verwaltung in Istanbul Gärten an der byzantinischen, Theodosianischen Stadtmauer ein - um angrenzende Immobilien im Besitz von AKP-Politikern aufzuwerten. Überraschte Anwohner protestieren, Reporter vor Ort wurden drangsaliert.
Istanbul: Gärten hinter der Theodosianischen Mauer bei Yedikule
(Foto: Elisa atene [CC BY SA 2.0] via flickr)
Zahlreiche Bilder der laufenden Planierungsarbeiten und Informationen waren zunächst öffentlich auf der persönlichen facebook-Seite von Aleksandar Sopov, der sich als Archäologe mit der Stadtmauer befasst:
Die Seite der Bürgerinitiative:
und zu den Plänen
Als Hintergrund:
Nachtrag (19.8.2013):

Nachtrag (20.8.2013):

    Mittwoch, 17. Oktober 2012

    Die letzte antike Stadt

    Caričin Grad. Blick von der Akropolis nach Süden
    über die Ober- und Unterstadt
    (Foto R. Schreg, 2012)
    Etwa 30 km westlich von Leskovac in Südserbien liegen die seit dem späten 19. Jahrhundert bekannten Ruinen von Caričin Grad. 1912 begannen dort Ausgrabungen, die inzwischen das Bild einer mehrgliedrigen frühbyzantinischen Stadtanlage erbracht haben. Einige Argumente sprechen dafür, in Caričin Grad die von Iustinian gegründete neue Hauptstadt Iustiniana Prima zu sehen, obgleich ein epigraphischer Beleg noch aussteht.

    Die Tagung "Early Byzantine City and Society” - Conference dedicated to the centenary of archaeological research in Caričin Grad, 3.-7. Oktober 2012 - Leskovac, Serbien hat nun eine Bilanz der 100jährigen Forschung gezogen, neue Ergebnisse vorgestellt und in den größeren Kontext von Forschungen zu frühbyzantinischen Städten gestellt.

    Die Stadt gilt als die letzte Stadtgründung in antiken Traditionen. An die Stelle der klassischen Akropolis mit ihren Tempeln tritt hier die Kathedrale und der angrenzende Bischofssitz. Die Oberstadt ist durch ein Straßenkreuz klassisch gegliedert. Ein Forum fehlt jedoch. 


     
    3D-Animation eines Kapitells der Hauptstraße der
    Oberstadt
    (R. Schreg, 2012 [kleiner Test])

    Die Grabungen in Caričin Grad finden seit den 1980er Jahren mit internationaler Beteiligung statt und haben zwischenzeitlich fast 50% der Kernstadt (Unter- und Oberstadt/Akropolis) erfasst. Dabei hat erst 2011 der Einsatz von LiDAR-Scans das Bild der Stadt entscheidend verändert. Erst mit diesem detaillierten Geländemodell ist es gelungen, ältere Beobachtungen aus Luftbildern, früheren geophysikalischen Prospektionen der 1980er Jahre sowie älteren Sondageschnitten in ein neues Gesamtbild einzuordnen. Demnach bestanden um die bekannte Anlage mehrere befestigte Unterstädte und bislang 'extra muros' lokalisierte Gebäude lagen tatsächlich innerhalb der Stadt. Erstmals ist es auch gelungen, den Aquaeduct der Stadt auf 20 km im Gelände zu verfolgen und mehrere Befestigungsanlagen im Umfeld zu lokalisieren.

    Dienstag, 16. Oktober 2012

    Ein byzantinisches Dorf in Israel - Chorazin

    Nördlich von Kapernaum am See Genezareth liegen die Ruinen eines byzantinischen Dorfes. Hier fanden mehrjährige Grabungen statt, die eine Datierung ins 4. bis frühe 8. Jahrhundert, aber auch eine mamelukische Siedlungsphase ergaben. Im Zentrum der ca 3 ha großen Siedlung befindet sich eine Synagoge, in deren nächster Nähe mehrere größere Wohnkomplexe, die über die normalen Gehöfte heraus ragen.



    Größere Kartenansicht




    Größere Kartenansicht

    Im Luftbild sind einzelne Flureinteilungen im Umfeld des Dorfes zu erkennen. Vor allem zeichnen sich nordwestlich des Dorfes Feld- und Siedlungsstrukturen ab, zu denen mir noch keine Referenzen und Informationen zur Datierung vorliegen.

    Literatur

    • Y. Hirschfeld, Farms and Villages in Byzantine Palestine. Dumbarton Oaks Papers 51, 1997, 33–71. bes. 42

    Freitag, 13. April 2012

    Kulturlandschaft am Rande des byzantinischen Reichs

    Abstract zu einem Vortrag „weder rau noch steinig, sondern ertragreich“ – Die mittelalterliche Siedlungslandschaft im Bergland der Krim am RGZM am 7.2.2012

    Im Bergland der Krim nahe dem modernen Sevastopol befinden sich die wildromantischen Höh(l)ensiedlungen Eski kermen und Mangup. Sie standen im Mittelpunkt eines Forschungsprojektes des RGZM, in dessen Rahmen in den Jahren 2006 bis 2008 archäologische Surveys und geoarchäologische Untersuchungen durchgeführt werden konnten. Sie zeigen Aufstieg und Niedergang einer heute weitgehend siedlungsleeren Landschaft, die die Forschung als Siedlungsland der „Krimgoten“ identifiziert hat.


    Samstag, 19. November 2011

    Ein Blog zur Merowingerzeit

    Suvia's Letters sind ein Blog von Althea L. Turner, die 2010 an der Oregon State University mit einem Thema zur Deutung materieller Kultur bei einer Reenactment-Gruppe am Design and Human Environment department promoviert hat (Honored values and valued objects: the Society for Creative Anachronism). Ihr Blog (auf Englisch, mit nur wenigen Posts) wendet sich nun der materiellen Kultur der Merowingerzeit zu, offenbar mit einem Schwerpunkt Kleidung und Textilien.

    Freitag, 18. November 2011

    Blockfluren bei Si' in Syrien

    Ein syrisch-französisches Projekt hat bei Si' südlich Qanawat in Syrien Altfluren kartiert. Es handelt sich um Blockfluren, in deren zentralem Bereich mehrere Siedlungsplätze lokalisiert wurden. Das Luftbild bei Google: (Anmerkung 5.4.2014: Seit kurzem verweisen die eingebetteten GoogleMaps auf das furchtbare neue Google Maps, das Inhalte überdeckt und im vorliegenden Fall nun auch falsche Kartenausschnitte zeigt.)
    Größere Kartenansicht


    Literaturhinweis

    • J.-P. Vallat/J. Leblanc, Archéologie du paysage et prospections: habitat rural et parcellaires du djebel al-'Arab (Si'/Qulib). In: P. Clauss-Balty/E. Bopp (Hrsg.), Hauran III. L'habitat dans les campagnes de Syrie du Sud aux époques classique et médiévale. Bibliothèque archéologique et historique 181 (Beyrouth 2008) 19–39.

    Sonntag, 13. November 2011

    Shâ'ra in Syrien


    Größere Kartenansicht

    Im Umfeld der byzantinischen Siedlung von Shâ'ra in Syrien (Forschungsprojekt des Institut français du Proche-Orient in Damaskus) finden sich ebenfalls alte Landnutzungsspuren:
    Größere Kartenansicht
    Es scheint sich um Viehkräle zu handeln, die indes vorgeschichtlich sein könnten. Literatur ist noch zu ermitteln.

    Literaturhinweis
    • Th. Fournet, Les bains romains de Shâ 'ra: interprétation et hypothèses. Annales archéologiques arabes syriennes, 47-48 (2004-2005) (2008) 159-178 
    • Clauss-Balty, Pascale (2010): Les villages et l’habitat rural à l’époque romano-byzantine : le cas de Sharah, sur le rebord nord-ouest du Leja. In: Mīšāl al Maqdisī, Frank Braemer und Jean-Marie Dentzer (Hg.): Hauran V. La Syrie du sud du néolithique á l'antiquité tardive; recherches récentes; actes du colloque de Damas 2007. Beyrouth: Inst. Français du Proche-Orient (Bibliothèque archéologique et historique, 191). Online verfügbar unter http://wikis.ifporient.org/archeologie/index.php/Sha%27rah_et_l%E2%80%99habitat_villageois_antique_en_Syrie_du_Sud.
       

    Altfluren in der Wüste

    Auf der Suche nach Beispielen byzantinischer Landnutzung in verschiedenen Landschaften diesmal wieder Beispiele aus der Wüste. Im südlichen Jordanien nahe der antiken Stadt Petra finden sich mehrfach Altfluren. An den Wadis handelt es sich um Blockwallfluren, im Bergland um Terrassierungen. Am ersten Beispiel im Wadi Faynan haben in den 1990er Jahren Forschungen des British Institute at Amman for Archaeology and History (BIAAH) stattgefunden, die diese Flurrelikte kartiert haben. Geoarchäologische Untersuchungen konnten mehrere Flutsedimente nachweisen und nabatäische, römische und byzantinische Feldnutzung belegen. Die Genese der Feldfluren wie auch ihre Funktionen erwiesen sich als komplex und außerordentlich differenziert.
    Angaben über die Hintergründe der Auflassung der Felder habe ich bisher nicht gefunden.

    Wadi Faynan
    Größere Kartenansicht

    Wadi westlich Petra

    Größere Kartenansicht
    Bergland östlich Petra:
     
    Literatur
    • G. W. Barker/R. Adams/O. H. Creighton/D. Crook/D. D. Gilbertson/J. P. Grattan/C. O. Hunt/D. J. Mattingly/S. J. McLaren/H. A. Mohammed/P. Newson/C. Palmer/F. B. Pyatt/T. E. G. Reynolds/R. Tomber, Environment and Land Use in the Wadi Faynan, Southern Jordan: the Third Season of Geoarchaeology and Landscape Archaeology (1998), in: Levant 31, 1999, 255–292, http://www.ingentaconnect.com/content/maney/lev/1999/00000031/00000001/art00014.   
    interne Links

      Änderungsvermerk:
      Luftbilder aktualisiert 28.6.2013

      Das Wirtschaftsland eines byzantinischen Dorfs in Syrien

      Unter den wenigen besser erforschten ländlichen Siedlungen byzantinischer Zeit ragt Sergilla in Nordwestsyrien durch die einzigartige giebelhohe Erhaltung der Steinbauten besonders heraus. Neben der Kirche gehören zum Ort auch ein Versammlungshaus sowie Thermen. Die Siedlung wird zwischen der Mitte des 4. und dem 8. Jahrhundert datiert. Eine nachbyzantinische Phase gehört in die Zeit der Ayyubiden-Dynastie (12./13. Jh.). Bereits seit dem 19. Jahrhundert hat sie die Aufmerksamkeit der Forschung auf sich gezogen. Die kunsthistorisch orientierte Archäologie hat zahlreiche Publikationen zur Architektur der Kirche und der öffentlichen Gebäude vorgelegt.
      Sergilla
      (Foto: Bernard gagnon [CC BY SA 3.0] via Wikimedia Commons)

      Die Ortslage: Größere Kartenansicht

      Ein Ausschnitt aus den Altfluren der Weidewirtschaft:
      Größere Kartenansicht

      Bei genauerer Betrachtung der Luftbilder wird deutlich, dass sich hier unterschiedlich alte Strukturen überlagern. Da einige der alten Wege auf Segilla ausgerichtet sind und sich auch dort unmittelbar auf die ruinösen Gebäude bezogene Steinriegel- und Trockenmauern finden (die im archäologischen Plan aber nicht verzeichnet sind), ist zumindest anzunehmen, dass unter den Altflurrelikten auch solche der frühbyzantinischen Zeit vertreten sind. Die Flur dürfte v.a. auf Viehwirtschaft zurückzuführen sein, wie kleine Einhegungen und die durch Steinriegel eingefassten Viehtriebe verraten. Diese Feldstrukturen befinden sich auf den wasserarmen Höhenrücken, während sich die Felder zumindest heute auf die schmalen Täler beschränken. Große Pressen für Wein- und Öl im Dorf belegen, dass diese für die Wirtschaft in byzantinischer Zeit eine wichtige Rolle spielten.

      Überlagerung unterschiedlich alter Strukturen:

      Größere Kartenansicht  

      Eine genauere GIS-basierte Analyse der Luftbilder ist in Vorbereitung.

      Literatur
      • P. L. Gatier, Les villages du Proche-Orient protobyzantin: nouvelles perspectives (1994-2004). In: C. Morrisson, J.-P. Sodini (Hrsg.), Les villages dans l'Empire byzantin (Paris 2005) 101-119. 

      Interner Link
      Bearbeitungsvermerk (18.7.2015): Bild ausgetauscht

        Freitag, 11. November 2011

        Mediterrane Terrassen - Altfluren im Libanon


        Größere Kartenansicht



        In den Bergen östlich von Byblos beim Ort Yanouhi im Libanon finden sich alte, heute nicht mehr bewirtschaftete Terrassen. Archäologische Sondagen erbrachten eine Abfolge mehrerer Phasen, deren älteste in die frühe Bronzezeit zurück reicht. Die heute sichtbaren Terrassenmauern sind demnach nach-byzantinisch, doch geht ihnen eine mittelalterliche Phase voraus, die ihrerseits einen römisch/spätantiken Ackerhorizont schneidet.

        Literatur:
        • R. Harfouche, Histoire des paysages méditerranéens terrassés. Aménagements et agriculture. British Arch. Rep., Internat. Ser. 1634 (Oxford 2007) S. 168ff.
        siehe Altflurrelikte

        Donnerstag, 20. Oktober 2011

        Kulturlandschaft an der Adria

        Auf der Insel Hvar in der Adria (Kroatien) spiegelt die Flureinteilung in der Ebene zwischen Stari Gard und Vrbroska eine antike Landvermessung wieder. Luftbilder lassen die regelmäßige Anlage der Straßen und Felder noch heute erkennen.


        Größere Kartenansicht

        Im benachbarten Karstbergland zeigen die Luftbilder eine andere Kulturlandschaft. Lesesteinriegel und Lesesteinhaufen, teils verbunden mit Terrassierungen gliedern die steinige Landschaft: Sie dienen dazu, Felder zu schaffen, die mit einem Pflug bewirtschaftet werden können, sollen aber andererseits Bodenerosion und einen schnellen Wasserabfluss verhindern. Teil der Landschaft sind sogenannte Trims, aus Lesesteinen errichtete Feldhütten, oft mit falschen Gewölben gebaut (ähnlich der Bories in Südfrankreich oder der trulli in Süditalien). Solche Landschaften sind das Produkt einer jahrtausendelangen Geschichte - erste Terrassierungen sind im Mittelmeerraum bis auf das Neolithikum zurückverfolgen. Heute sind sie auf großer Fläche wüst gefallen.


        Größere Kartenansicht


        Größere Kartenansicht


        Bislang kenne ich keine Arbeit, die näheres über Alter und Organisation dieser Fluren verrät. Wahrscheinlich sind sie im Kontext der Wüstungserscheinungen der mediterranen Bergländer zu sehen, die John R. McNeill für die Neuzeit herausgearbeitet hat. Er verweist auf den starken Einfluß neuzeitlicher Übernutzung auf die mediterranen Wälder, die weit mehr als antiker und venezianischer Holzbedarf zur Degradation mediterraner Wälder beigetragen habe. - Mein Interesse gilt derzeit mehr der Entstehung dieser Flursysteme, scheinen die Relikte in den Bergen bei Hvar den Befunden unserer Surveys auf der Krim sehr gut vergleichbar. Dort konnte eine lange Genese dieser Flursysteme seit der Bronzezeit belegt werden.

        Literaturhinweise


        Änderungsvermerk (13.7.2013)

        Kartenausschnitte ausgetauscht, Google Street View ergänzt