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Donnerstag, 4. April 2024

Neolithischer Bergbau auf der Schwäbischen Alb - neue Publikationen

Langsam aber stetig gehen die Forschungen zum neolithischen Silexabbau und der neolithischen Siedlungslandschaft bei Blaubeuren voran. Nun sind kurz nacheinander zwei neue Publikationen erschienen::

  • L. Fisher/C. Knipper/S. K. Harris u. a., Neolithic Chert Extraction and Processing on the Southeastern Swabian Alb (Asch-Borgerhau, Germany). In: F. Bostyn/J. Lech/A. Saville u. a. (Hrsg.), Prehistoric Flint Mines in Europe (Oxford 2023) 269–284. -
  •  L. Fisher/E./S. K. Harris/R. Schreg/C. Knipper, Neolithic Cultural Landscapes in Southwestern Germany: Exploring Contributions of Regional Surveys. In: E. Robinson/S. K. Harris/B. F. Codding (Hrsg.), Cultural Landscapes and Long-Term Human Ecology. Interdisciplinary contributions to archaeology1 (Cham 2023) 243–276. - https://doi.org/10.1007/978-3-031-49699-8_11

Während der erste Aufsatz die Silexabbaustelle im Wald Borgerhau bei Asch vorstellt, blickt der zweite - erschienen in der Festschrift für Michael Jochim, dessen Forschungen zum Mesolithikum im Federseegebiet wichtige Impulse gegeben hatten -  in die neolithische Siedlungslandschaft der Bkaubeurener Alb.


Asch, Borgerhau: neolithische Abbautelle:
Halden unter Wald Borgerhau
(Foto: R. Schreg)

Asch Borgerhau,
neolithische Abbaustelle: Verfüllung einer Pinge
(Foto: R. Schreg)
 

 

Die Schwäbische Alb ist seit langem als eine wichtige regionale Rohstoffquelle für die Herstellung von Steinschlagwerkzeugen bekannt. Die prähistorische Gewinnung und Nutzung der knollenförmigen Jurahornsteine aus den Kalksteinen und Verwitterungsablagerungen ist jedoch kaum untersucht worden. Unser Beitrag stellt die bisherigen Ergebnisse eines langjährigen regionalen Forschungsprojekts erstmals genauer vor. Dabei wurden sstematische Feldbegehungen und die Auswertung gut dokumentierter Privatsammlungen mit geomagnetischen Prospektionen und kleinen, gezielten Probegrabungen kombiniert, um Fundorte und Untergrundmerkmale zu identifizieren und datierbares Material für den Vergleich zwischen den Fundorten zu gewinnen. Insbesondere werden die Ergebnisse der Ausgrabungen in Asch-Borgerhau präsentiert,  einem neolithischen Silexabbau mit sichtbaren Oberflächenstrukturen in Form von Pingen und Halden. Borgerhau ist der erste dokumentierte Hornsteinabbau auf der Schwäbischen Alb. Außerdem werden Methoden und Ergebnisse der Untersuchung neolithischer Siedlungen in der unmittelbaren Umgebung des Steinbruchs kurz vorgestellt. 

Eingebettet waren diese Untersuchungen auf der Blaubeurer Alb in eine flächengreifendere Betrachtung neolithischer Fundstellen. Der zweite Beitrag zeigt das Potential regionaler archäologischer Surveys für das Verständnis neolithischer Landnutzung außerhalb und zwischen intensiv untersuchten Siedlungsgebieten. Der Artikel vergleicht dazu Survey-Daten aus zwei langjährigen regionalen Projekten im Oberschwäbischen Tiefland und auf der südöstlichen Schwäbischen Alb. Berücksichtigt werden die natürlichen Gegebenheiten, die Forschungsgeschichte und die Verteilung der Fundstellen. In beiden Gebieten gibt es intensiv untersuchte Fundstellencluster, die mit charakteristischen Landformen verbunden sind, und Gebiete, in denen Siedlungsnachweise nur spärlich oder gar nicht vorhanden sind. Auf der Schwäbischen Alb dominieren neolithische Aktivitäten wie Besiedlung und Hornsteingewinnung in geringer bis hoher Dichte. Im Tiefland sind neolithische Oberflächenfunde spärlich und verstreut, aber ihre Verteilung deutet auf Kontakte und Reisen zwischen dem Tiefland und dem Untersuchungsgebiet auf der Schwäbischen Alb hin. Insgesamt zeigen diese Ergebnisse, dass die Differenzierung  von besiedelten und "leeren" Gebieten doch recht komplex war. Obwohl sie durch chronologische Unsicherheiten eingeschränkt sind, bieten Oberflächenfunde vielversprechende Möglichkeiten für weitere Forschungen zur neolithischen Besiedlung in der Region.

Sonderbuch, Grund:
Grabungen


Die detaillierte Vorlage der Funde und Befunde ist noch in Arbeit, obgleich die Feldforschungen inzwischen schon einige Jahre zurück liegen. Die kleinen Grabungsschnitte von wenigen Quadratmetern haben überraschend viele Fund erbracht und die Auswertungsarbeiten beschränken sich auf wenige Wochen im Jahr,  

Link

weitere Literatur

Dienstag, 12. Dezember 2023

Montag, 4. Dezember 2023

Samstag, 20. August 2022

Finde den Fehler 3: Goldfund mit Wiener Flohmarktprovenienz

Die Geschichte um den Goldfund vom Flohmarkt wird in zweitrangigen Medien aufgegriffen und als Krimi oder Thriller stiliisiert

österreichisches rechtskonservative Boulevardblatt exxpress::

Die Kernaussage: "Über 381.000 Euro darf sich der anonyme österreichische Verkäufer (55) nun freuen. Bei einem einstigen Kaufpreis von 10.000 Schilling in den 1990er Jahre ein beachtlicher Gewinn."

Ähnlich das Portal vikendi (ohne Impressum): 

Der vermeintliche Krimi ist für sie, dass der Flohmarkthändler Erwin Richter zur Richter Art Gallery, Vienna wurde. Den eigentlichen Kriminalfall des illegalen Handels mit Raubgrabungsgut sehen sie jedoch nicht. Mit Beteiligung eines vordergründig renommierten Auktionshauses wäre das doch eine gute Geschichte.

Vermutlich sind beide Artikel in Nachfolge zu dem Beitrag des Standards erschienen, bei dem Olga Kronsteiner als Autorin angegeben ist, die offenbar tatsächlich selbst recherchiert hat. 

Fehler 3: Fehlendes Hintergrundwissen bei den Journalisten (bzw. fehlende einfache Informationsangebote der Archäologie?)

 

interne Links

Freitag, 19. August 2022

Finde den Fehler 2: Goldfund mit Wiener Flohmarktprovenienz

Die Geschichte des Wiener Standards zur neolithischen Goldscheibe vom Wiener Flohmarkt versäumt nicht nur die Problematik der Raubgrabung darzustellen:

Die Autorin wundert sich zwar, dass die Richter Gallery ein Flohmarktstand war und recherchiert neugierig den Anbieter von 1991. Der sagt, er  habe die Funde von "Jugos" bekommen. Goldscheibe und Tonfiguren passen in der Tat zu einem Fundort in Ex-Jugoslawien.

Dumm nur, dass Sotheby's angibt, die Scheibe sei zuvor in einer "Kranz collection" in Norddeutschland gewesen sein, die den Fund ihrerseits 1966 in Berlin erworben haben soll.

Standard hat auch mit dem jetzigen anonym bleibenden Verkäufer gesprochen, der die Flohmarktgeschichte bestätigt, auf den also die Story mit der Kranz collection eher nicht zurück geht.

Wo also kommt die Flohmarkt-Geschichte her? Hat Sotheby's selbst die etwa erfunden? Um zu suggerieren, der Fund sei alt genug, um legal im Handel zu sein? 

 

Warum dückt der Standard diese Zweifel nicht klar aus?

 

Fehler 2: die angebliche Provenienzgeschichte ist widersprüchlich und schlicht falsch. Der eigentliche, offensichtliche Skandal - ein Auktionshaus bietet eine mit wenig Recherche als falsch identifizierbare, vielleicht aber auch selbst kosntruierte Provenienzgeschichte - bleibt im Artikel ungenannt.


interner Link

Donnerstag, 18. August 2022

Finde den Fehler: Goldfund mit Wiener Flohmarktprovenienz

Richtig: Es wird nicht erwähnt, dass die Funde ganz offenbar aus Raubgrabungen stammen und es nicht ganz unwichtig wäre, den Fundort der Objekte zu kennen.  Die ursprüngliche Provenienz solcher Objekte ist immer eine archäologische Fundstelle, keine Sammlung, kein Dachboden und auch kein Flohmarkt. Ist kein Fundort angegeben, ist eine Raubgrabung seeeeehr naheliegend.

Donnerstag, 1. Oktober 2020

Neolithikum macht Gegenwart. Warum auch archäologische Museen unsere moderne Gesellschaft erklären sollten – ein Essay

Simon Matzerath, Joachim Pechtl, Christian Peitz, Daniel Schyle, Jürgen Weiner


Wie können wir aus der Geschichte für die Zukunft lernen? Verschiedene methodische Positionen in den archäologischen Fachrichtungen haben versucht, die Mechanismen hinter gesellschaftlichen Entwicklungen zu durchschauen, um wiederkehrende Zyklen und Schemata in der Menschheitsgeschichte zu identifizieren (etwa Gronenborn/Schreg 2020; für das Neolithikum beispielsweise Peters/Zimmermann 2017). Entsprechende Forschungen sind mit der Gefahr verbunden, die individuellen, komplexen Rahmenbedingungen, in denen geschichtliche Prozesse stattfinden, zu reduzieren. Geschichte kann niemals eine Wiederholung ihrer selbst sein, ebenso ist eine Übertragung schematisierter Entwicklungen auf heutige Prozesse kaum möglich (vgl. etwa den vieldiskutierten Versuch bei Engels 2014). Die Herausforderung einer dialektischen Auseinandersetzung „Archäologie und Gegenwart“ besteht darin, nachvollziehbare und belastbare inhaltliche Verbindungen jenseits aller Abstraktionen aufzuzeigen.

Die Neolithische Revolution liefert mehr als andere Epochen der Menschheitsgeschichte ein Potential für relevante Querbezüge in die Gegenwart. Der mit dem Neolithikum vollzogene, in der Geschichte einmalige Wandel der Gesellschaft und ihrer Lebens-, Siedlungs- und Wirtschaftsweise ist nicht nur ein gewaltiger Umbruch im Sinne eines turning point, sondern vor allem ein Prozess, der bis heute andauert und nach wie vor unsere Zivilisation bestimmt. Als Hauptmotor des Paläoanthropozäns (Foley u. a. 2013; kritische Anmerkungen zum Begriff bei Hoffmann 2017) hat er die Spirale des Wachstums von Bevölkerung und Wirtschaft in Gang gesetzt, die durch die Industrielle Revolution noch einmal exponentiell so beschleunigt worden ist, dass gegenwärtig vor allem die negativen Folgen für das Ökosystem der Erde und den Fortbestand der Menschheit in den Vordergrund rücken. Die Auswirkungen der Neolithischen Revolution setzen seit rund 10.000 Jahren den fixen Rahmen für die weiteren Transformationen unserer sesshaften Gesellschaften. Eine derart langanhaltende Fortbestimmung der weiteren geschichtlichen Entwicklung entspricht einer in ihrer räumlichen und zeitlichen Dimension einmaligen „longue durée“ in Anlehnung an Fernand Braudel (Braudel 1958).


Neolithikum macht Gegenwart – Inhaltlicher Bezug

Das Thema Neolithikum eignet sich besonders, weil kaum ein anderer Umbruch der Menschheitsgeschichte das menschliche Leben einerseits so einschneidend verändert und andererseits aber auch die Wurzel so vieler neuer Probleme angelegt hat, sodass sich die gesamte Menschheit dadurch heute in ihrer eigenen Existenz bedroht. Die Neolithische Revolution machte aus dem Jäger und Sammler einen seine Umwelt immer umfassender gestaltenden Akteur. Heute hat er die Natur in weiten Teilen bereits soweit außer Kraft gesetzt, dass er ihr vielerorts sogar wieder ‚auf die Sprünge‘ helfen muss. Mit diesem Rollenwechsel einher geht ein fundamentaler Wandel des menschlichen Bewusstseins: Auch in seinem Selbstbild empfängt der Mensch nicht mehr die Früchte der Natur, sondern er erarbeitet sich seinen Lebensunterhalt selbst. ‚Man Makes Himself’ – so hat das Gordon Childe im Titel seines epochalen Werks schon 1936 unübertrefflich auf den Punkt gebracht (Childe 1936). Heute spiegelt sich diese Erkenntnis in der Diskussion darüber, ob der Mensch gegenwärtig überhaupt noch einer natürlichen Evolution unterworfen ist.

Erst die neolithischen Innovationen Sesshaftigkeit und Nahrungsmittelproduktion haben die in der Biologie beispiellose Ausbreitung der Spezies Mensch in alle, auch in die lebensfeindlichsten Habitate des Erdballs ermöglicht. Die Produktion über den eigenen Bedarf hinaus hat wiederum zu Arbeitsteilung und gesellschaftlicher Differenzierung geführt; Bevölkerungswachstum, Migrationen und Wissenstransfer haben Innovationen und technischen Fortschritt in einer Weise beschleunigt, dass keiner von uns heute in der Lage wäre, auf sich allein gestellt ein komplexes zeitgenössisches Allerweltsprodukt wie zum Beispiel ein Smartphone in all seinen Einzelheiten völlig zu verstehen oder womöglich sogar selber herzustellen.
 
Viele der Annehmlichkeiten und ebenso auch der problematischen Aspekte unseres heutigen Lebens sind letztlich auf die Innovationen des Neolithikums zurückzuführen und es ergeben sich zahllose Gelegenheiten, aus unserer Perspektive auf die Ursprünge des Neolithikums zurück zu blicken und dabei die bis heute wirksamen Folgen der Neolithischen Revolution begreiflich zu machen.
 
Allerdings treten in der Gegenwart negative Folgen der Neolithischen Revolution immer deutlicher in den Vordergrund. Unter individuellen gesundheitlichen Gesichtspunkten waren zum Beispiel Sesshaftigkeit und die Produktion von stärkehaltigen Nahrungsmitteln im Überfluss keine gute Idee, ein Ergebnis war Karies. Degenerationserscheinungen an Knochen durch einseitige körperliche Belastung damals sowie Übergewicht, Diabetes und Bluthochdruck heute sind letztlich die Folgen einer zu kohlehydratreichen Ernährung und eines die Menschen immer weniger körperlich fordernden Lebens. Auch Pandemien entstehen im engen Zusammenleben von Mensch und Tier, das im Neolithikum begann.
 
Dort hat außerdem die übermäßige Anhäufung von Gütern in den Händen Einzelner ihren Ursprung, die so entstehende soziale Ungleichheit verursacht und ermöglicht gleichermaßen brutale Gewaltausbrüche bis zu den globalen Kriegen der jüngsten Vergangenheit. Ganz aktuell sind die Folgen der übermäßigen Ausplünderung von Rohstoffvorkommen und der Umwelt im Allgemeinen. Artensterben und das Schwinden natürlicher Ökosysteme, Verschmutzung der Umwelt und die drohende Klimakatastrophe infolge der vom Menschen verursachten globalen Erwärmung sind alles Herausforderungen, die im Neolithikum entstanden sind, aber in der Gegenwart bewältigt werden müssen.


LVR-LandesMuseum Bonn, 2015

Eine Ausformulierung der immanenten Rolle des Neolithikums im Wesen unserer modernen Gesellschaft steht noch am Anfang, ebenso die Aufarbeitung im Museum.
Das Titelmotiv der Erstausgabe der Kölner Römer Illustrierten (1/1974) mit der Darstellung des auf dem Rollfeld eines Flughafens liegenden Kopfes einer antiken Plastik lieferte für die sechste Landesausstellung Nordrhein-Westfalen die Inspiration für den Ansatz, eine Beziehung von Archäologie und Gegenwart anzudeuten (Matzerath 2015, Matzerath 2016). Hintergrund der Abbildung war vor über 45 Jahren die Eröffnung des Neubaus des Römisch-Germanischen Museums Köln und dessen von Hugo Borger betriebene Neukonzeption als „Schaufenster in die Römerzeit“. Die Objekte sollten in die Alltagswelt der Menschen geholt werden.

In der Planung der am 4. September 2015 im LVR-LandesMuseum Bonn eröffneten Landesausstellung „Revolution Jungsteinzeit“ zeigte sich, wie schwer eine sinnvolle Verknüpfung von Archäologie und Gegenwart sowohl auf der inhaltlichen Ebene als auch in der Realisierung für eine Ausstellungsinszenierung ist. Die Umsetzung reduzierte sich auf vereinzelt eingewobene, meist oberflächliche Bemerkungen in den Ausstellungstexten sowie die Einbeziehung von modernen Objekten: Einer Pflugschar, einem Rad und einer Motorsäge. Sie standen als Symbole für heute noch relevante Innovationen des Neolithikums bzw. im Fall der Motorsäge, Nachfolgerin des Steinbeils, auch für das Roden von Wald im Zuge der Umwandlung der Natur- zur Kulturlandschaft. Eine Pädagogik-Station erlaubte den Vergleich von statistisch ermittelten Tagesabläufen (Jäger/Sammler, Neolithikum und Gegenwart), eine Grafik zeigte den im Neolithikum durch die menschlichen Umwelteingriffe erstmals (minimal) gestiegenen Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre. Am Ende stand ein kurzes Mindmapping als Resümee zum Neolithikum und mit schlagwortartigen Verweisen auf in Beziehung stehende Phänomene der Gegenwart (Matzerath u. a. 2015).


Museum für Steinzeit und Gegenwart, 2019

Eine konsequentere Berücksichtigung erfuhr der gegenwartsbezogene Ansatz erstmals in der Planung des Museums für Steinzeit und Gegenwart im niederbayerischen Landau an der Isar (Matzerath u. a. 2020; Pechtl u. a. im Druck; Peitz u. a. im Druck). Das Museum verbindet auf 640 m² die aktuellen Standpunkte der europäischen Neolithikumforschung mit der Vermittlung eines modernen Steinzeitbildes und greift systematisch, aber auf Grundlage der langen zeitlichen Perspektive, Themen unserer heutigen Gesellschaft auf. In sechs Räumen werden über 500 archäologische Funde in einen internationalen Zusammenhang gestellt und inhaltlich mit der modernen Gesellschaft und ihrem Alltag in Beziehung gesetzt. Dabei aufkommende Kontroversen sind gewollt, denn nur in der argumentativen Auseinandersetzung entstehen Ideen, die den eigenen Horizont erweitern.

An 20 Stationen der Ausstellung sind Objekte des 20. und 21. Jahrhunderts eingebunden und helfen, den thematischen Zugang zum Neolithikum zu vereinfachen. Es wird an ausgewählten Beispielen deutlich, wie sehr die Gegenwart in der Tradition der Jahrtausende steht und Zustandsberichte und Zukunftsvisionen wie etwa der Vereinten Nationen (Griggs u. a. 2013; Díaz u. a. 2019), des Club of Rome (Weizsäcker/Wijkman 2017) oder von Yuval Noah Harari (Harari 2018) aus der Geschichte heraus verstanden werden können.

Zukünftige Positionierung im Museum: Wir stehen am Anfang.

Das öffentliche Interesse an einer aktiven Zukunftsgestaltung ist nicht zuletzt seit der #fridaysforfuture-Bewegung stark gewachsen. Auch die mediale und populärwissenschaftliche Berichterstattung bereitet das komplexe Themenfeld mit Einbeziehung der geschichtlich gewachsenen Entwicklung didaktisch für ein großes Publikum auf (ein Beispiel aus vielen: Bauer u. a. 2020). 
 
 
Ein neuer Museumstyp zieht die Aufmerksamkeit auf sich: Das 2019 gegründete Futurium in Berlin widmet sich den Fragen zur Zukunft unserer Gesellschaft. Archäologische Museen können und sollten sich an der Diskussion um die gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen menschlichen Lebens beteiligen.
(Foto: Boonekamp [CC BY-SA 4.0] via WikimediaCommons).

 
Besucherinnen und Besucher fordern deshalb selbstverständlich auch von solchen Museen, die keine zeitgeschichtlichen Themen aufrufen, eine gegenwartsbezogene Relevanz jenseits einer rein archäologischen bzw. historischen Betrachtungsebene. Hier gilt es, diese Aufgabenstellung zu diskutieren und konkrete inhaltliche Bezüge wissenschaftlich-interdisziplinär zu überprüfen und, wo es aussagekräftig ist, diese kritisch herauszuarbeiten. 
 
Im Ergebnis bietet sich die Möglichkeit einer völlig neuen Definition von etwa archäologischen Museen als Orte der Geschichts- UND Gegenwartsvermittlung, verbunden mit einer stärkeren Positionierung der Museen in aktuellen Diskussionen zur Zukunft unserer modernen Gesellschaft. Das Neolithikum ist mit den hier skizzierten inhaltlichen Aspekten und den Andeutungen einer musealen Umsetzung ein dankbares Beispiel. Weitere epochale Umbrüche der Menschheitsgeschichte eignen sich ebenfalls, um essentielle Einsichten für das Heute zu gewinnen und einen Erfahrungsschatz für Zukunftsplanungen beizusteuern. Ganz allgemein bleibt aber die gegenwartsbezogene Vermittlung von entsprechenden Erkenntnissen aus der Geschichte vom einzelnen Sachverhalt abhängig und darf niemals konstruiert oder banal sein.


Literatur

  • Bauer u. a. 2020
    P. Bauer/R. Bocksch/B. Friedrich, 102 grüne Karten zur Rettung der Welt. (Berlin 2020).
  • Braudel 1958
    F. Braudel, Histoire et Sciences sociales: La longue durée. Annales 13/4, 1958, 725-753. - doi:10.3406/ahess.1958.2781
  • Childe 1936
    V. G. Childe, Man makes himself. (London 1936).
  • Diaz u. a. 2019
    S. Díaz/J. Settele/E. S. Brondízio/H. T. Ngo/M. Guèze/J. Agard/A. Arneth/P. Balvaner/K. A. Brauman/S. H. M. Butchart/K. M. A. Chan/L. A. Garibaldi/K. Ichii/J. Liu/S. M. Subramanian/G. F. Midgley/P. Miloslavich/Z. Molnár/D. Obura/A. Pfaff/S. Polasky/A. Purvis/J. Razzaque/B. Reyers/R. Chowdhury/Y. J. Shin/I. J. Visseren-Hamakers/K. J. Willis/C. N. Zayas, The global assessment report on biodiversity and ecosystem services. Summary for policymakers. (Bonn 2019). - https://zenodo.org/record/3553579#.Xu5a-NNlLIU [20.6.2020].
  • Engels 2014
    D. Engels, Auf dem Weg ins Imperium. Die Krise der Europäischen Union und der Untergang der Römischen Republik. Historische Parallelen. (Berlin 2014).
  • Foley u. a. 2013
    S. F.Foley/D. Gronenborn/M. O. Andreae/J. W. Kadereit/J. Esper/D. Scholz/U. Pöschl/D. E. Jacob/B. R. Schöne/R. Schreg/A. Vött/D. Jordan/J. Lelieveld/C. G. Weller/K. W. Alt/S. Gaudzinski-Windheuser/K.-C. Bruhn/H. Tost/F. Sirocko/P. J. Crutzen, The Palaeoanthropocene – The beginnings of anthropogenic environmental change. Anthropocene 3, 2013, 83-88. - doi:https://doi.org/10.1016/j.ancene.2013.11.002
  • Griggs u. a. 2013
    D. Griggs/M. Stafford-Smith/O. Gaffney/J.Rockström/M. C. Öhman/P. Shyamsundar/W. Steffen/G. Glaser/N. Kanie/I. Noble, Policy: Sustainable development goals for people and planet. Nature 495, 2013, 305-307.
  • Gronenborg/Schreg 2020
    D. Gronenborn/R. Schreg Die COVID-19 Pandemie. Teil 2: Kleine Geschichte der Erforschung von gesellschaftlichen Zyklen. Archaeologik (9.4.2020) - https://archaeologik.blogspot.com/2020/04/die-covid-19-pandemie-teil-2-kleine.html.
  • Harari 2018
    Y. N. Harari, 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert. (München 2018).
  • Hoffmann 2017
    G. Hoffmann, Warum das Anthropozän nicht als neue geochronologische Epoche taugt. Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Geowissenschaften 168,/1, 2017, 3-7. - doi:10.1127/zdgg/2017/0048
  • Matzerath 2015
    S. Matzerath, Dokumentation der Archäologischen Landesausstellung NRW "Revolution jungSteinzeit". Projektskizze, Ausstellungskonzeption und Publikation. Berichte aus dem LVR-LandesMuseum Bonn 2 (Bonn 2015) 2-11.
  • Matzerath 2016
    S. Matzerath, Guide to the Archaeological State Exhibition of North Rhine-Westphalia – The Impact of Neolithisation (5300-2000 BC). (Detmold 2016).
  • Matzerath u. a. 2015
    S. Matzerath/T. Otten/M.Schmauder, Neolithikum und Gegenwart – Anknüpfungspunkte in der Archäologischen Landesausstellung NRW "Revolution jungSteinzeit". Blickpunkt Archäologie 4, 2015, 298-306.
  • Matzerath u. a. 2020
    S. Matzerath/C. Peitz/J. Pechtl/D. Schyle/J.Weiner, Back for the future. Das erste Museum für Steinzeit und Gegenwart. Museum heute 57, 2020, 9-13.
  • Pechtl u. a. im Druck
    J. Pechtl/S. Matzerath/C. Peitz/D. Schyle/J. Weiner, Neuling in der Museumslandschaft: Kastenhof Landau – Das Museum für Steinzeit und Gegenwart, Landau a.d. Isar, Landkreis Dingolfing-Landau, Niederbayern. Das archäologische Jahr in Bayern (im Druck) 106–109.
  • Peitz u. a. im Druck
    C. Peitz/S. Matzerath/J. Pechtl/D. Schyle/J. Weiner, Vermitteln zwischen Archäologie und Gegenwart. Ein neuartiges Museumskonzept in Niederbayern. Standbein Spielbein. Museumspädagogik aktuell (im Druck).
  • Peters/Zimmermann 2017
    R. Peters/A. Zimmermann, Resilience and Cyclicity: Towards a macrohistory of the Central European Neolithic. Quaternary International 446, 2017, 43–53. doi:https://doi.org/10.1016/j.quaint.2017.03.073
  • Von Weizsäcker/Wijkman 2017
    E. U. von Weizsäcker/A. Wijkman, Wir sind dran. Club of Rome: Der große Bericht. (Gütersloh 2017).


English abstract

Neolithic makes Present. Why Archaeological Museums should explain our Modern Society – an Essay

Archaeological museums, being showcases of history, contribute to collective consciousness and the processes of knowledge in our modern society. Archaeological research and its presentation to a broad public can also be an essential enrichment to the discussion of the present and questions about the future of mankind. This requires precise references and insights from history, which must never be constructed banally and, if anything, can only be gained to a limited extent from a diachronic comparison of development processes in the sense of recurring cycles. The authors see a meaningful contemporary approach almost exclusively in turning points in human history that have decisively determined the framework conditions of further historic developments since then until today. The Neolithic Revolution is described as a corresponding, elementary change in history with far-reaching effects on the challenges and opportunities of the present. Concerning exhibitions, this potential of a comparative examination of „the past and the present“ has hardly been noticed so far. Here the authors see a challenge for museum concepts.


Key words: Archaeology and Present, Modern Society, Museums, Exhibition concept, Neolithic Revolution.

 



Die Mitglieder der Autorengruppe waren bzw. sind in unterschiedlichen Anteilen in der Lehre und Vermittlung, in der Forschung, Feldarbeit und Denkmalpflege tätig. Gemeinsam haben sie das Museum für Steinzeit und Gegenwart in Landau an der Isar konzipiert und die Realisierung begleitet. 

Simon Matzerath M.A. ist Direktor des Historischen Museums Saar in Saarbrücken, war Mit-Kurator der Landesausstellung NRW „Revolution Jungsteinzeit“ 2015/2016 im LVR-LandesMuseum Bonn und am Lippischen Landesmuseum Detmold. 

Dr. Joachim Pechtl forscht mit Schwerpunkt zum Neolithikum in Bayern und im Ostalpenraum und ist Leiter des Fachbereichs Steinzeiten am Institut für Archäologien an der Universität Innsbruck. Er war 10 Jahre im kelten römer museum Manching tätig. 

Der Geologe und Paläontologe Dr. Christian Peitz (Rheinbach) ist seit 14 Jahren (teils freiberuflicher) Kurator und Museumspädagoge mit einem Wirkungsfeld an sieben Museen im Rheinland. 

Mit Schwerpunkten im Neolithikum und Paläolithikum war Dr. Daniel Schyle (Neanderthal Museum Mettmann) an zahlreichen Forschungsprojekten in Mitteleuropa und im Orient beteiligt. Aktuell arbeitet er in einem Projekt zu den Steinzeiten im Rheinland. 

Dr. Jürgen Weiner (Pulheim-Sinthern war bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2012 im LVR-Amt für Bodendenkmalpflege beschäftigt. Unter anderem gehören Bergbau und Wasserversorgung im Neolithikum zu seinen Forschungsschwerpunkten.

Als korrespondierender Autor dieses Beitrags fungiert Simon Matzerath M.A., Historisches Museum Saar, Schlossplatz 15, 66119 Saarbrücken, s.matzerath@hismus.de

Montag, 20. April 2020

Eine neue Datierungsrevolution in der Archäologie?

    Keramik ist für Archäolog*innen wertvolles Fundgut, obwohl sie oft keinen künstlerischen Wert hat. Sie hat aber einen hohen Informationsgehalt, denn sie ist eine der häufigsten Fundkategorien aus archäologischen Stätten. Vielfach ist sie, einmal zerbrochen, kaum klein zu kriegen: Scherben finden sich an fast jeder Siedlungsstelle. Nur manchmal, wenn die Menschen der Vergangenheit eher Holz- oder Lavezgefäße benutzt haben, der Boden zu sauer ist oder der Bauer sein Feld mit der Fräse bearbeitet, ist wirklich nichts mehr zu finden. Zudem haben sich Keramikformen im Lauf der Zeit verändert und sind so ein wichtiges Datierungsinstrument, aber auch eine Quelle für Wirtschaftsstrukturen, Alltagshandlungen und Kommunikation.

    Linearbandkeramik,
    Bernsfelden Gde. Igersheim, Lkr. Schwäbisch Hall
    (Foto R. Schreg, Slg. Kley)
    Trotzdem stößt man mit der typologischen Keramikdatierung und der einschlägigen Warenartbestimmung oft an Grenzen. Funde sind zu uncharakteristisch oder eben doch schon zu klein zerscherbt.
    Deshalb haben Archäologen immer wieder Hoffnungen auf naturwissenschaftliche Datierungsverfahren gesetzt - auf die Thermolumineszenzdatierung oder jüngst auf das Rehydroxylationsverfahren (Barrett 2017). Immer wieder erwiesen sich die Methoden dann doch für die üblichen Fragen als zu ungenau.

    Bessere Chancen dürfte nun eine 14C-Datierung haben. Eigentlich geht das gar nicht, denn die Methode - für die dereinst der Nobelpreis für Chemie an Willard Libby ging - benötigt organisches Material als Ausgangsmaterial. Datierbar sind also bestenfalls organische Rückstände vom Gebrauch der Gefäße und bisher waren diese Rückstände oft zu gering für eine Datierung.

    Ein aktueller Artikel, erschienen in der Zeitschrift "Nature" berichtet nun über eine Methode, die in den Scherben absorbierte Speisereste  - Lipide - zur 14C-Datierung mittels einer Beschleuniger-Massenspektrometrieanalyse heranzieht.

    • E. Casanova/T. D. J. Knowles/A. Bayliss u. a., Accurate compound-specific 14C dating of archaeological pottery vessels. Nature 31, 2020, 276. - < doi: 10.1038/s41586-020-2178-z > 
    Die Studie hat Proben aus bereits datierten neolithischen Kontexten aus verschiedenen Regionen von Nordafrika bis Skandinavien untersucht. Sie kommt zu dem Schluß, dass die Datierung von Lipidresten zuverlässig und mit 14C-Datierungen an anderen Materialien vergleichbar sind. 
    Die Autor*innen verweisen auf die Möglichkeit einer absoluten Datierung bestimmter Keramiktypen und die Häufigkeit archäologischer Funde. Desweiteren wird auf folgende Möglichkeiten genauer 14C-Datierungen an Keramikgefäßen hingewiesen:
    1. Aussagen zur Nutzungsdauer von Keramik
    2. die Nutzung bestimmter Lebensmittel
    3. die Datierung archäologischer Stätten, die kein normalerweise datierbares Fundmaterial liefern
    4. eine direkte Überprüfung von Keramiktypochronologien
    Die Autor*innen feiern sich selbst: "The importance of this advance to the archaeological community cannot be overstated." Sie haben damit gar nicht so unrecht.

    Allerdings ist aber zu beachten, dass bei der Methode die üblichen Probleme einer 14C-Datierung zu berücksichtigen sind. So ist etwa der Reservoireffekt zu beachten, wenn es sich um Rückstände mariner Lebensmittel handelt. Insofern müsste 14C hier routinemäßig mit einer umfassenderen C/N-Isotopenanalyse kombiniert werden.

    Es wird interessant werden, zu sehen, wie aufwändig und teuer solche Datierungen an Keramik in der Routine sein werden - und wie sie sich tatsächlich bewähren und akzeptiert werden. Gespannt darf man auch sein, ob auch bei mittelalterlicher Keramik, deren Scherben im Vergleich zu den neolithischen Funden wesentlich dichter  sind, genügen Fettsäuren extrahiert werden können, um auch hier eine Datierung zu erzielen.

    Die 14C-Methode hatte in Deutschland zunächst großen Widerstand gefunden, da sie im Widerspruch zum damals gültigem "Wissen" über Kulturbeziehungen stand (Milojčić 1957; 1967). Ein Kultur- und Geschichtsbild, das stark linear und normativ ausgerichtet war, hatte die Komplexität und Vielfältigkeit der kulturellen Entwicklung übersehen, dabei aber in ihrer Kritik an der noch neuen 14C-Methode auch einige tatsächliche methodische Schwächen aufgedeckt. Bis heute scheint die deutsche Forschung gegenüber 14C-Datierungen sehr viel voreingenommener. Man muss aufpassen: Bei zu viel Euphorie einer neuen Methode gegenüber können die unweigerlich auftretenden vertieften Einblicke in die komplexeren Zusammenhänge das Vertrauen in die Methode erschüttern und eine solide Weiterentwicklung und Verbesserung ausbremsen (vgl. Strien 2018).
    Verhärtete Fronten sind wenig hilfreich, wenn es darum geht, methodische Probleme auszuräumen und zu erkennen. Gerade bei  14C-Datierungen treten nach wie vor Datierungsschwierigkeiten auf, bei Schlacken oder bei Skelettresten- Sind Altholzeffekte bei Hölzern schon lange bekannt, so bedürfen bei Datierungen die Umbauraten in den Knochen und Ernährungsmuster einer weit genaueren Untersuchung, um wirklich zuverlässige Daten zu liefern. Die Messung einer Probe allein ist noch keine Datierung.

    • Barrett 2017
      G. T. Barrett, Rehydroxylation (RHX) dating: Issues due to short term elevated temperature events. Journal Arch. Science Rep. 14, 2017, 609–619. - <doi:10.1016/j.jasrep.2017.06.041>
    • Milojčić 1957
      V. Milojčić, Zur Anwendbarkeit der C14-Datierung in der Vorgeschichtsforschung. Germania 35, 1957, 102-110. 
    • Milojčić 1967
      V. Milojčić, Die absolute Chronologie der Jungsteinzeit in Südosteuropa und das Ergebnis der Radiocarbon- (C14)Methode. Jahrb. RGZM 14, 1967, 9–37.
    • Strien 2018
      H.-C. Strien, Westexpansion und Regionalisierung der ältesten Bandkeramik. Kommunikation und Wandel Band 1 (Kerpen-Loogh 2018).

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    Interner Link

      Montag, 30. März 2020

      Die COVID-19 Pandemie aus einer archäologischen Langfristperspektive - Teil 1: der Schock


      Von Detlef Gronenborn


      Einführung: die unerwartete Bedrohung


      Viren
      (biology pop [CC BY SA 4.0]
      via WikimediaCommons)

      Die gegenwärtige, durch das neuartige Virus vom Corona-Typ ausgelöste globale Krise verunsichert die Menschen in allen Teilen der Welt, auch wegen des plötzlichen und raschen Ausbruchs. Insbesondere in den Industrienationen waren Gefahren durch Infektionen für weite Teile der Bevölkerung als reale Bedrohung in den Hintergrund geraten. Die Fortschritte der Medizin waren in den letzten Jahrzehnten gewaltig, die Pandemien des 19. und frühen 20. Jahrhunderts lagen weit zurück (Snowden 2019; Spinney 2017). Auch der globale Aufschwung seit dem Ende des 2. Weltkrieges – die „Great Acceleration“ (Steffen u. a. 2015) –, galt trotz der absehbaren Konsequenzen wie die globale Erwärmung (Figueres/Rivett-Carnac 2020), als gegebene Größe. Zudem wurden die Folgen der Erwärmung auch gerade erst spürbar, für die Bevölkerung in den Industrienationen der nördlichen Halbkugel auch nicht immer negativ.

      So steht auch weiterhin hinter der Rezeption dieser Folgen letztlich ein lineares Geschichtsbild, in dem Fortschritt – Wachstum – als das treibende sozioökonomische Ziel angesehen wird. Schließlich hatte sich der Kapitalismus seit dem Verfall des Kommunismus vor 30 Jahren als die robustere Ideologie erwiesen. Im Rausche des Erfolgs und der Fortschrittsgläubigkeit bei Politik und Wirtschaft, aber auch in weiten Teilen der Gesellschaften, vernachlässigte man die Erkenntnis, dass die menschliche Geschichte auch immer wieder durch gravierende Zerfallsperioden gekennzeichnet war. Nur mit einem leichten Schaudern wandte man sich solchen Phasen zu, als wirklich real waren sie selten begriffen, es waren lediglich weit entfernt geglaubte Szenarien. Verschiedene populärwissenschaftliche Publikationen in den letzten Jahrzehnten wurden zwar so zu Bestsellern (Diamond 2005; Scheidel 2017), aber die notwendigen Versorgemaßnahmen aus solchen Szenarien wurden, wenn überhaupt, nur halbherzig unternommen. Gerade in den letzten Jahren gibt es gar einige Regierungen, die sich vollkommen einem unerschütterlichen Fortschrittsglauben verbunden mit extremer Marktliberalität verschrieben hatten, etwa in den USA oder Brasilien. Man möchte anknüpfen an die Inhalte und Werte der Mentalität, die einst den globalen Aufschwung getragen hatte („Make America Great Again“). Solche Beschwörungen sind aber bereits Anzeichen gesamtgesellschaftlicher Vorgänge, die eine Umkehr der bisherigen Dynamiken andeuten (vgl. A predictable Phenomenon: the next President of the United States of America. Archaeologik[9.11.2016]). Um diese Prozesse zu verstehen, ist es sinnvoll, bis weit in die Vergangenheit zu schauen (Scheffer 2016).


      Frühe Bauerngesellschaften: ein natürliches Labor der Geschichte


      Ein solcher Rückblick kann zwar die gegenwärtigen Probleme nicht lösen, aber er hilft die Lage in einer vergleichenden Perspektive zu sehen und zumindest Lösungsmuster aus vergangenen Gesellschaften zu suchen bzw. zu sehen, nach welchen Mustern vergangene Gesellschaften mit vergleichbaren Problemen umgegangen sind.



      Hierbei ist es tatsächlich durchaus hilfreich, sehr weit in die Vergangenheit zurückzugehen und sich die ersten bäuerlichen Gesellschaften in Europa anzusehen. Wenngleich uns diese dörflichen Gemeinschaften mit ihrer einfachen Technologie und den geringen Bevölkerungszahlen auch sehr weit entfernt erscheinen mögen, so bergen doch gerade diese Umstände ein enormes analytisches Potential. Da es sich um anatomisch moderne Menschen handelt gehen wir davon aus, dass sich die Individuen wie auch die Gruppen in ihrem Verhalten nicht von uns heutigen Menschen unterschieden haben. Allerdings waren die frühen Gesellschaften isoliert, d.h. die Transporttechnologie zur Versorgung aus entfernten Regionen in Notzeiten war wenig entwickelt. Es waren Selbstversorger die ihre Güter für den täglichen Bedarf (Nahrung; Rohstoffe wie Holz) weitgehend im engeren Umkreis der Siedlungen produzierten. Fielen diese aus, etwa durch kurzfristige Wetter- oder Klimaanomalien, so konnte man zwar im Rahmen der in der Landschaft vorhandenen Biomasse ausweichen, eine Zufuhr aus besser gestellten Regionen war aber nicht möglich. In ihrer individuellen wie auch gesellschaftlichen Reaktion musste auf interne Ressourcen zurückgegriffen werden. Vermutlich erschließt uns daher die Analyse der Bewältigungsstrategien einfacher Bauerngesellschaften Verhaltensgrundmuster, die jeder sesshaften menschlichen Gemeinschaft mit produzierendem Wirtschaftssystem zugrunde liegen. Sie dienen sozusagen als ein „natürliches Labor der Geschichte“ (Diamond/Robinson 2010).


      Ein Verhaltensgrundmuster: boom-and-bust-Zyklen


      Seit einigen Jahren werden solche Untersuchungen auch im Rahmen des Forschungsschwerpunktes „Gesellschaftliche Wandlungsprozesse und Dynamiken“ - angeschlossen auch an das Forschungsprojekt "Resilienzfaktoren in diachroner und interkultureller Perspektive" - am Römisch-Germanischen Zentralmuseum unternommen. Bisheriges Resultat von Fallstudien im südwestlichen Deutschland war ein Grundmuster gesellschaftlicher Phasenabfolgen (Abb. 1), die zum einen den frühen Bauerngesellschaften unterlagen (Gronenborn u. a. 2017), zum anderen aber auch in nur wenig veränderter Form mittelalterlichen und frühen Industriegesellschaften des 19. Jahrhunderts, und die bis ins 21. Jahrhundert reichen (Gronenborn u. a. 2020; Turchin 2016; Turchin u. a. 2018). Ein wesentlicher Unterschied zu den Ergebnissen zu staatlichen Gesellschaften ist jedoch die Rolle von Eliten. Diese fallen in den frühen steinzeitlichen Gesellschaften als Faktor aus, dennoch ist das Grundmuster dasselbe. Tatsächlich scheint es so, dass gerade die Abfolge von Verhaltensmustern zur Bildung von Eliten geführt hat (Gronenborn 2016).

      Ein immer wiederkehrendes Grundmuster gesellschaftlichen Verhaltens als Hintergrundfaktor geschichtlicher Prozesse hat bereits die antike griechische Historiographie vermutet, die weiterführenden Hypothesen hierzu ziehen sich durch die gesamte Geschichtsschreibung und auch Archäologie. Tatsächlich scheint dieses Grundmuster einen guten Erklärungsansatz für die Dynamiken eben nicht nur steinzeitlicher sondern auch industrieller Gesellschaften zu bieten (Gronenborn u. a. 2020).
      Abb. 2. Ausgewählte Zeitreihen für Mitteleuropa vom Spätmesolithikum bis in die Neuzeit. Die hellgrauen Balken markieren den Beginn von sozialer und politischer Ungleichheit, der dunkle Balken zeigt den Zeithorizont des Aufkommens überregionaler Eliten, archäologisch angezeigt durch außergewöhnliche Repräsentationsgrabanlagen.
      (nach Gronenborn u. a. 2018)



      Der Beitrag von Seuchen beim Kollaps früher bäuerlicher Gemeinschaften


      Die frühen bäuerlichen Gemeinschaften in Europa weisen aber noch ein weiteres Charakteristikum auf, das gerade in der heutigen Zeit schmerzlich aktuell geworden ist: für die Endphasen der Zyklen (busts) werden zunehmend auch Seuchen als Mitauslöser diskutiert. Zwar ist die Datenlage für die ersten Bauerngesellschaften des 6. und 5. Jahrtausends noch unklar, aber für das 4. und 3. Jahrtausend werden Frühformen der Pest diskutiert (Andrades Valtueña u. a. 2017; Rascovan u. a. 2019). So lassen sich die immer wieder beobachteten Zusammenbrüche früher Bauerngesellschaften als eine Kombination von internen gesellschaftlichen Vorgängen und möglicherweise zusätzlichen epidemiologischen Faktoren erklären. Klimatische, also externe, Faktoren haben jedoch eine eher untergeordnete Rolle gespielt, wie verschiedene Fallbeispiele zeigen (Gronenborn u. a. 2020).
      Abb. 1. Populationszyklen in Hessen mit Änderungen der soziopolitischen Komplexität und dem sozio-politisch-ökonomischen-ökologischen Zyklus (erläutert im nächsten Blogpost)
      (nach Gronenborn u. a. 2018)





       

      Fortsetzungsepisoden

      Die COVID-19-Pandemie - 


      Literaturverzeichnis


      • Andrades Valtueña u. a. 2017
        A. Andrades Valtueña/A. Mittnik/F. M. Key u. a., The Stone Age Plague and Its Persistence in Eurasia. Current biology : CB 27, 23, 2017, 3683-3691.e8.
      • Diamond 2005
        J. Diamond, Collapse. How Societies fail (London 2005).
      • Diamond/Robinson 2010
        J. M. Diamond/J. A. Robinson (Hrsg.), Natural experiments of history (Cambridge, Mass. 2010).
      • Figueres/Rivett-Carnac 2020
        C. Figueres/T. Rivett-Carnac, The Future we choose. Surviving the climate crisis (New York 2020).
      • Gronenborn 2016
        D. Gronenborn, Some thoughts on political differentiation in early to Young Neolithic societies in western central Europe. In: H. Meller/H.-P. Hahn/R. Jung u. a. (Hrsg.), Arm und Reich - Zur Ressourcenverteilung in prähistorischen Gesellschaften. 8. Mitteldeutscher Archäologentag vom 22. bis 24. Oktober 2015 in Halle1. Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle (2016) 61–76.
      • Gronenborn u. a. 2017
        D. Gronenborn/H.-C. Strien/C. Lemmen, Population dynamics, social resilience strategies, and Adaptive Cycles in early farming societies of SW Central Europe. Quaternary International 446, 2017, 54–65.
      • Gronenborn u. a. 2018
        D. Gronenborn/H.-C. Strien/R. van Dick u. a., Social diversity, social identity, and the emergence of surplus in the western central European Neolithic. In: H. Meller/D. Gronenborn/R. Risch (Hrsg.), Überschuss ohne Staat / Surplus without the State. Politische Formen in der Vorgeschichte / Political Forms in Prehistory1. Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle 18 (Halle 2018) 201–220.
      • Gronenborn u. a. 2020
        D. Gronenborn/H.-C. Strien/K. W. Wirtz u. a., Inherent Collapse? Social Dynamics and External Forcing in Early Neolithic and Modern SW Germany. In: F. Riede/P. Sheets (Hrsg.), Going Forward by Looking Back (New York, Oxford 2020) im Druck.
      • Rascovan u. a. 2019
        N. Rascovan/K.-G. Sjögren/K. Kristiansen u. a., Emergence and Spread of Basal Lineages of Yersinia pestis during the Neolithic Decline. Cell 176, 1-2, 2019, 295-305.e10.
      • Scheffer 2016
        M. Scheffer, Anticipating societal collapse. Hints from the Stone Age. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 113, 39, 2016, 10733–10735.
      • Scheidel 2017
        W. Scheidel, The Great Leveler. Violence and the History of Inequality from the Stone Age to the Twenty-First Century. The Princeton Economic History of the Western World Ser (Princeton 2017).
      • Snowden 2019
        F. M. Snowden, Epidemics and society. From the black death to the present. The open yale courses series (New Haven CT 2019).
      • Spinney 2017
        L. Spinney, Pale Rider. The Spanish Flu of 1918 and how it changed the world (New York 2017).
      • Steffen u. a. 2015
        W. Steffen/W. Broadgate/L. Deutsch u. a., The trajectory of the Anthropocene. The Great Acceleration. The Anthropocene Review 2, 1, 2015, 81–98.
      • Turchin 2016
        P. Turchin, Ages of discord. A structural-demographic analysis of American history (Chaplin, Connecticut 2016).
      • Turchin u. a. 2018
        P. Turchin/N. Witoszek/S. Thurner u. a., A History of Possible Futures: Multipath Forecasting of Social Breakdown, Recovery, and Resilience. CDN 9, 2, 2018.

      Montag, 25. März 2019

      Die frühen Bauern als Dokudrama, … aber Steinzeit kann mehr

      ein Beitrag von Detlef Gronenborn



      Fernseh-Dokumentationen über die frühen Bauern in Mitteleuropa (vgl. Terberger/Gronenborn 2014)  gab es in den letzten 20 Jahre schon einige. Das ist, aus Sicht der Wissenschaft, durchaus erfreulich, rückt doch somit eine der faszinierendsten und auch menschheitsgeschichtlich bedeutendsten Umbruchsperioden in die Aufmerksamkeit einer breiteren Öffentlichkeit.
      Aktuell im Programm von ARTE und ZDF:


      Ein menschheitsgeschichtlicher Quantensprung

      Mit der, im Nahen Osten noch schrittweisen, Entwicklung von Bodenbau und Viehzucht veränderten sich die Gemeinschaften so grundlegend, dass man durchaus von einem Quantensprung in der Menschheitsgeschichte sprechen kann. Seßhaftigkeit und die veränderte Nahrung, vermehrt pflanzlichen Ursprungs, nahmen Einfluss auf die körperliche Beschaffenheit der Menschen, ja vielleicht gar auf ihre Artikulationsmöglichkeiten (Blasi u. a. 2019).

      Fundamental waren auch der Bevölkerungszuwachs, der Einfluss auf jegliche sozialen Strukturen wie auch auf die politischen Organisationsform hatte (Kohler et al. 2017): die Gruppen wurden bedeutend größer, daraus resultierte der Bedarf sich besser zu organisieren, was wiederum zur Entstehung von Führungseliten führte (Gronenborn 2016; Jeunesse 2018).

      Entstehung und Ausbreitung der Landwirtschaft im westlichen Eurasien. Dunkel- und hellgrün ist die frühe und späte Phase der Linienbanderkamischen Kultur dargestellt.
      (Graphik, Stand 2019: D. Gronenborn/ M. Ober, RGZM [CC BY 4.0])
       
      Aufgrund dieser Veränderungen kam es in vielen Fällen weltweit zu einer Expansion von Bevölkerungsgruppen aus den Kerngebieten der landwirtschaftlichen Entwicklung, für das westliche Eurasien, mithin auch Mitteleuropa, war das der Nahe Osten, die klassischerweise als „Fruchtbarer Halbmond“ bekannte Region (siehe Karte). So kommt es auch in Mitteleuropa zu einer Einwanderung doch beträchtlicher Bevölkerungsgruppen, die letztlich aus Anatolien stammen (Archaeologik [28.10.2015]).


      Neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse

      Alle diese – bis zum heutigen Tage wirksamen – Folgen des Bodenbaus wurden in den verschiedenen TV-Produktionen auch mehr oder weniger deutlich angesprochen - nun auch in der Produktion der Caligari Film, München, die in ARTE erstmals am Samstag dem 23.03.2019 in bester Sendezeit lief, wie auch im Rahmen der Reihe Terra X im ZDF gezeigt werden wird. Diese jüngste deutsche Produktion zum Thema unterscheidet sich von früheren durchaus dadurch, dass eine Reihe neuer Erkenntnisse der Naturwissenschaften in den Mittelpunkt rücken. Das ist gut und unterrichtet auch den Laien vom Fortschritt der Wissenschaft.

      Etwas zurück tritt jedoch handfestes archäologisches Hintergrundwissen, so schleichen sich in die Rekonstruktionen und Lebensdarstellungen immer wieder kleine Fehler ein. Das ist zwar nicht weiter dramatisch und wird nur den Fachleuten auffallen, hätte aber ohne Mehraufwand auch problemlos vermieden werden können.

      Hier und da sind auch eigentlich recht bedeutsame historische Fragestellungen angerissen, wie etwa nach der Entwicklung von Hierarchien (unvermittelt vermutet anhand einer Kopfbedeckung mit Schmuckschnecken), aber gerade dieses Thema verläuft wieder bedauerlicherweise ohne weitere Behandlung. Erstaunlich ist die erzählerische Verlagerung der mittelneolithischen „Kreisgrabenanlagen“ des Mittelneolithikums in das Ende der Linienbandkeramische Kultur (LBK - die archäologische Bezeichnung der Kultur der frühen Bauern in Mitteleuropa), hier sind dem Drehbuchautor die Begrifflichkeiten durcheinander gegangen. Möglicherweise sind diese Unsauberkeiten allerdings auch dem enormen Zeitdruck, unter dem moderne TV-Produktionen stehen, geschuldet. Tiefgreifende, vorbereitende Recherchen sind offenbar nur selten möglich.


      Klima erklärt keine Gewalt

      Nicht ganz korrekt aus der Literatur wiedergegeben sind leider die Mechanismen, die zum Ende der LBK geführt haben sollen. Das telekopiert dargestellte Zusammenspiel von Trockenheit, Gewalt und Krise hat so historisch nicht stattgefunden, wenngleich es in seiner Dramatik sicher Verkaufswert hat.

      Näher an der Realität scheint eher zu sein, dass die Bevölkerung im Zuge allgemein trockenerer Verhältnisse zugenommen hatte, und auch bislang nicht bewirtschaftbare Regionen erschlossen werden konnten. Im Zuge dieser Boomphase kommt es vermehrt zu Errichtung von Umwehrungen oder Grabenwerken (nicht „Kreisgrabenanlagen“), vielleicht als Verteidigung, vielleicht auch als Markierung von territorialem Anspruch. Die Gesellschaften scheinen sich mithin eher in guten Zeiten in Richtung vermehrtem Konfliktpotential hin bewegt zu haben, also rein interne Prozesse sind ausschlaggebend. Die starken klimatischen Schwankungen gegen Ende der LBK mögen einzelne Prozesse verstärkt haben, hatten aber keinerlei Auslöserfunktion. Dieser Verhaltensmechanismus lässt sich über lange Zeitreihen bei einfachen bäuerlichen Gesellschaften beobachten, auch in ariden Gebieten (z. B. Gronenborn et al. 2017; 2018; Kintigh / Ingram 2018). 

      Steinzeit kann mehr: Lehren für Heute?

      Allerdings liegt in der Erkenntnis, dass sich an steinzeitlichen Gesellschaften wie in einer Petrischale immer wiederkehrende Verhaltensmechnismen beobachten lassen, die sich übrigens bis zum heutigen Tage wiederholen (Turchin 2015; 2016), ein gewaltiger Gewinn:

      Gerade in den komplexeren Gegenwartsbezügen wird die Betrachtung vermeintlich weit zurückliegender Epochen zu einem wissenschaftlich wie aber auch gesellschaftlich bedeutenden Thema, denn Steinzeit kann mehr als nur gruselige Gewaltgeschichten zu erzählen oder aber den Diätplan aufzufrischen. Nicht nur, dass sich die heutige europäische Bevölkerung weitgehend während der Jungsteinzeit entwickelt hat (Haak u. a. 2015), auch viele Grundmuster unseres gesellschaftlichen Verhaltens sind in dieser Periode entstanden (Scheffer 2016; Archaeologik [1.8.2018]).


      Literatur

      • D. E. Blasi/S. Moran/S. R. Moisik/P. Widmer/D. Dediu/B. Bickel, Human sound systems are shaped by post-Neolithic changes in bite configuration. Science 363/6432, 2019, eaav3218. -
        DOI: 10.1126/science.aav3218
      • D. Gronenborn, Some thoughts on political differentiation in early to Young Neolithic societies in western central Europe. In: H. Meller/H.-P. Hahn/R. Jung/R. Risch (Hrsg.), Arm und Reich - Zur Ressourcenverteilung in prähistorischen Gesellschaften. 8. Mitteldeutscher Archäologentag vom 22. bis 24. Oktober 2015 in Halle. Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle1 (2016) 61–76.
      • D. Gronenborn/H.-C. Strien/C. Lemmen, Population dynamics, social resilience strategies, and Adaptive Cycles in early farming societies of SW Central Europe. Quaternary International 446, 2017, 54–65. - DOI: 10.1016/j.qaint.2017.01.018.
      • D. Gronenborn/H.-C. Strien/R. van Dick/P. Turchin, Social diversity, social identity, and the emergence of surplus in the western central European Neolithic. In: H. Meller/D. Gronenborn/R. Risch (Hrsg.), Überschuss ohne Staat / Surplus without the State. Politische Formen in der Vorgeschichte / Political Forms in Prehistory. Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle 181 (Halle 2018) 201–220.
      • W. Haak/I. Lazaridis/N. Patterson/N. Rohland/S. Mallick/B. Llamas/G. Brandt/S. Nordenfelt/E. Harney/K. Stewardson/Q. Fu/A. Mittnik/E. Bánffy/C. Economou/M. Francken/S. Friederich/R. G. Pena/F. Hallgren/V. Khartanovich/A. Khokhlov/M. Kunst/P. Kuznetsov/H. Meller/O. Mochalov/V. Moiseyev/N. Nicklisch/S. L. Pichler/R. Risch/M. A. Rojo Guerra/C. Roth/A. Szécsényi-Nagy/J. Wahl/M. Meyer/J. Krause/D. Brown/D. Anthony/A. Cooper/K. W. Alt/D. Reich, Massive migration from the steppe was a source for Indo-European languages in Europe. Nature 522/7555, 2015, 207–211. - DOI: 10.1038/nature14317
      • K. W. Kintigh/S. E. Ingram, Was the drought really responsible? Assessing statistical relationships between climate extremes and cultural transitions. Journal of Archaeological Science 89, 2018, 25–31. - DOI: 10.1016/j.jas.2017.09.006
      • C. Jeunesse, « Big Men », chefferies ou démocraties primitives? Quels types de sociétés dans le Néolithique de la France. In: J. Guilaine/D. Garcia (Hrsg.), La protohistoire de la France. Histoire et archéologie (Paris 2018) 171–186.
      • T. A. Kohler/M. E. Smith/A. Bogaard/G. M. Feinman/C. E. Peterson/A. Betzenhauser/M. Pailes/E. C. Stone/A. M. Prentiss/T. J. Dennehy/L. J. Ellyson/L. M. Nicholas/R. K. Faulseit/A. Styring/J. Whitlam/M. Fochesato/T. A. Foor/S. Bowles, Greater post-Neolithic wealth disparities in Eurasia than in North America and Mesoamerica. Nature, 2017, nature24646. - DOI: 10.1038/nature24646
      • M. Scheffer, Anticipating societal collapse. Hints from the Stone Age. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 113/39, 2016, 10733–10735. -
      • T. Terberger/ D. Gronenborn, Vom Jäger und Sammler zum Bauern - Die Neolithische Revolution. Archäologie in Deutschland, Sonderheft (Stuttgart 2014). - pdf via academia.edu (Band vergriffen)
      • P. Turchin, Ultrasociety. How 10,000 Years of War Made Humans the Greatest Cooperators on Earth (2015). - ISBN: 9780996139519
      • P. Turchin, Ages of discord. A structural-demographic analysis of American history (Chaplin, Connecticut 2016).