Samstag, 26. März 2022

Archäologie im Krieg - Sinnbild für die eigene Geschchte

Scherben werden zum Symbol der eigenen Geschichte, dafür wofür gekämpft wird.

übersetzt:
"Cernihiw ist eine Stadt mit einer erstaunlichen und alten Geschichte, deren Beweise überall zu finden sind. ... 

Vor zehn Tagen fanden Soldaten einer der Einheiten, die Cernihiw während der Abwehrkämpfe verteidigten, die Scherben von Töpfen aus dem 18. Jahrhundert. Sorgfältig gesammelt und durch .... ins Museum überführt.

Es ist unglaublich!

Wir kämpfen um unser Leben, um die Möglichkeit, in unserem Land so zu leben, wie wir leben wollen, um unsere Geschichte. Diese Geschichte wird weiterhin sorgfältig bewahrt. 

DANKE VERTEIDIGER! RUHM DER UKRAINE! RUHE DEN HELDEN!"

 

Nebenbei,  nach mitteleuropäischen Maßstäben scheint die Datierung ins 18. Jh. zu jung - aber  sicher hatte da niemand Zeit, Muse und Nerven, sich damit genauer zu beschäftigen.




Mittwoch, 23. März 2022

Raubgräber im Kanton Bern

Raubgräber haben einen vorgeschichtlichen Grabhügel auf dem Jolimont, einem Höhenrücken zwischen dem Bieler und Neuenburger See in der Schweiz getrichtert. In der Mitte gruben sie ein 2 m tiefes und 1,5 m breites Loch, um das Zentralgrab zu erwischen. Ob das gelungen ist, wie alt es war, wie gut es vielleicht erhalten war, ist unklar. (Vielleicht wurde auch gar nichts zerstört, denn bereits 1847 haben an den Grabhügeln Ausgrabungen stattgefunden, die zwar nach heutigen Maßstäben ebenfalls nicht gut waren, zu denen aber eine wenigstens rudimentäre Beschreibung vorliegt (Jahn 1850, 14).) Dem Archäologischen Dienst des Kantons Bern wurde die Raubgrabung bereits im Dezember 2021 gemeldet. Die Zerstörung wurde dokumentiert und das völig ungesicherte Loch zugeschüttet. 

Die Bildungs- und Kulturdirektion des Kantons Bern hat in einer Mitteilung vom Dienstag, den Fall zum Anlass genommen, auf die Raubgrabungsproblematik hinzuweisen.

 
Am 8. März 2022 berichteten in der Schweiz zahlreiche Medien mehr oder weniger mit dem Text der Pressemitteilung über Raubgrabungen auf dem Jolimont, der auf eine Pressemeldung des Archäologischen Diensts des Kantons Bern zurückgeht. Google findet diesen originalen Bericht übrigens nicht - jedenfalls nicht unter den obersten Treffern - wohl aber verschiedene der Medienberichte.

Ein Video greift am Folgetag die Story mit Erklärungen des Kantonsarchäologen Adriano Boschetti auf. Auch wenn das Video für Deutsche vielleicht etwas schwer vertändlich ist - hier wird einfach und schön erklärt, worin das Problem der Raubgräberei liegt.

 

Kein Einzelfall

Solche Raubgrabungen sind nun leider - auch darauf wird hingewiesen - kein Einzelfall. In Hessen beispielsweise werden dem LKA pro Jahr etwa 20 Fälle bekannt, wobei man davon ausgehen muss, dass dies nur ein Bruchteil der Fälle ist. Nicht alle Raubgrabungen fallen auf, nicht alle enden in so großen Löchern wie auf dem Jolimont. An manchen Fundstellen liegt die Kulturschicht direkt unter der Oberfläche und bereits mit einem Schaufelschurf wird ein Fund aus seinem Kontext gerissen, zumal wenn nicht einmal die Koordinaten dokumentiert werden.  

Vor ca 4 Jahren sind in Hessen nur halb so viele Raubgrabungen bekannt geworden
Die Kantnsarchäologie stellt fest, dass heimliche Raubgräberei ineben Achtlosigkeit die am häufigsten beobachtete Ursache von Schäden an archäologischen Stätten darstellt.
 

Die Hand von Prêles

Auch im Kanton Bern ist das Probem nicht neu. 2017 waren Sondengänger nur etwa 10 km entfernt bei Prêles auf einen Fund gestoßen, der sehr "schön" die Problematik zeigt. Gefunden wurde von Sondengängern eine aus Bronze gegossene Hand mit einem goldenen Armband. Sie waren indes nicht auf Gewinn aus und haben den Fund dem Archäologischen Dienst des Kantons Bern dann gemeldet. Der Schaden war jedoch schon erfolgt. Der Fund ist recht einzigartig. Eine Datierung kann also nicht über Vergleiche erfolgen. Glücklicherweise gibt  die Verzierung der Goldapplikation einen Hinweise, ebenso die Zusammensetzung der Bronze, die beide in die Bronzezeit passen. An den organischen Materialien, die der Befestigung der Golfolie auf der gegossenen Bronzehand dienten , konnte ein 14C-Datum gewonnen werden, das auf den Zeitraum zwischen 1507 und 1430 v. Chr. verweist. Mit der Hand wurde ein Bronzedolch abgeliefert, der zu dieser Datierung passt. Mit den Funden der Raubgrabung bleibt aber völlig unklar, was der Hintergrund dieser Funde darstellt, eine weitergehende Interpretation außer, dass es dort irgendetwas bronzezeitliches gab, ist nicht möglich. 
2018 wurde angesichts weiterer Raubgrabungen im Gelände eine Nachuntersuchung durchgeführt, bei der eine recht große Fläche geöffnet werden musst, um die eigentliche Fundstelle zu identifizieren. Dabei wurde ein von den Raubgräbern - trotz einer mit abgelieferten menschlichen Rippe - nicht erkanntes und gestörtes Grab entdeckt. Ein zur Hand gehörender Finger bestätigt den Fundort. Zwei Störungen  deuten an, wo Hand und Dolch gelegen haben könnten. Sie wären demnach Beigaben einer einzigen Bestattung, obgleich der Dolch wohl etwas später zu datieren ist. Nun gab es bei dem Befund jedoch noch ein drittes Raubgrabungsloch, in deren Boden Reste von Bronzepatina gefunden wurden, die darauf hindeuten dass hier eine weitere Grabbeigabe vorhanden war, die von irgendwelchen Raubgräbern geraubt wurde und nun verschollen ist. 
Das insgesamt schlecht erhaltene Grab war nur aufgefallen, weil in der Steinschüttung des ehemaligen Grabhügels "ein weniger dicht mit Steinen besetzter Bereich erkennbar" war, "der sich aber farblich nicht vom umgebenden Erdreich unterschied" (Schaer u.a. 2019, 62). Die Wühlereien der Raubgräber hätten dieses Indiz wahrscheinlich auch bald zerstört. Ob die Hand Teil eines Zepters oder einer Statue war, hätte sich ohne die Raubgrabungslöcher vielleicht klären lassen. Informationen, wie die Hand genau im Grab lag, waren nicht mehr zu gewinnen. Offen bleibt daher, ob die Hand im Alltag als medizinische Prothese diente. Es war bei der Nachgrabungen auch nicht mehr möglich, festzustellen, ob dem Bestatteten tatsächlich die rechte Hand fehlte. 
Obwohl der Sondengänger die Funde abgeliefert hat, wurde er zu einer Strafe von 2500 Franken verurteilt. Die Suche nach archäologischen Funden mit Hilfsmitteln ist in der Schweiz genehmigungspflichtig. Der Sondengänger hatte aber keine Genehmigung und hat wichtige Erkenntnismöglichkeiten zerstört. 
 
Skizze der Hand von Prêles
(Graphik: Rommy Ueckermann [CC BY SA 4.0]
via Wikimedia Commons)

 
 
Es ist ein nicht auflösbares Paradox, dass Sondengänger ihre Funde beim Auffinden zerstören. Ohne den Funde wüsste man nichts über die Fundstelle, aber die Nachuntersuchung kann nur noch retten, was zu retten ist und m´die entscheidenden Fragen zur genauen Fundsituation nicht mehr zweifelsfrei klären. Übrigens zerstört auch jede Grabzng den archäologischen Befund, doch wird hier durch ein schrittweises kontrolliertes Vorgehen die Befundsituation dokumentiert und zwar möglichst mit den Möglichkeiten der Zeit. Und diese Möglichkeiten werden immer besser, durch geophysikalische Metoden, neuen archäometrischen Analyseverfahren oder eben einfach auch durch die Digitalisierung die heute auch 3D-Modelle eines Befundes ermöglicht.
Die Genehmigungspflicht rührt eben daher, dass beim Sondeln allzu leicht wesentliche Befundsituationen zerstört werden.

Dieser Fall spielt in der aktuellen Kommunikation der Raubgrabungen vom Jolimont eine Rolle, obwohl hier besonders auf die Zerstörumgen der archäologischen  Befunde hingewiesen wird und - anders als sonst üblich - nicht nur auf die einschlägigen Paragraphen verwiesen wird, sondern vorrangig der Verlust an Geschichte in den Mittelpunkt gestellt wird

Literatur

Montag, 21. März 2022

Auch das gibt es! - eine empfehlenswerte Auktion

Sonst sind Auktionen in Bezug zur Archäologie wegen fehlender (oder nichtssagender oder unglaubwürdiger) Provenienzen ja eine sehr problematische Sache, aber heute sei ausdrücklich positiv auf eine Auktion hingewiesen. Versteigert werden aus einer Sonderausstellung des Archäologischen Landesmuseums Baden-Württemberg in Konstanz neun lebensgroße Skulpturen keltischer Leute .

Der Erlös geht an die Ukraine-Hilfe.


 

Im Unterschied zu den üblichen archäologischen Sammlerstücken, die in der Regel eher Kulturzerstörung symbolisieren, kann der künftige Besitzer (oder vielleicht auch Besitzerin!) hier durchaus stolz sein und darf gern damit angeben. 

Link

Samstag, 19. März 2022

Ukrainische Geschichte retten! - ein Spendenaufruf aus Berlin


 

ALIPH - von Syrien in die Ukraine

2015 wurde als Reaktion auf die zahlreichen Krisen vor allem im Nahen Osten und in der Sahelzone ALIPH (Alliance internationale pour la protection du patrimoine dans les zones en conflict) gegründet. 

ALIPH ist eine Stiftung mit Sitz in Genf, die in öffentlich-privater Partnerschaft mehrere Länder und private Spender zusammenbringt. Sie hat heute ein Budget von über 45 Mio$ und fördert über 150 Projekte des Kulturgutschutzes in 30 Ländern weltweit.
"ALIPH finanziert konkrete Projekte vor Ort, Hand in Hand mit lokalen Partnern, Behörden und Gemeinden. Oberstes Ziel ist, dass der Schutz des kulturellen Erbes zu Frieden und nachhaltiger Entwicklung beiträgt ."

2015 war es vor allem der Daesh/IS, der mit systematischer Zerstörung von Kulturgütern Politik und Geld machte und so seinen Terrorismus finanzierte. Gefördert werden hier beispielsweise Projekte zur Retro-Inventarisierung der Bestände des zerstörten Museums in Rakka, aber auch Restaurierungsarbeiten und das Bemühen, die Funde wieder zusammen zu führen.


ALIPH engagiert sich nun in der Ukraine und hat 2 Mio $ für erste Notfallprojekte zum Schutz des kulturellen Erbes bereit gestellt.  In einer Pressemitteilung äußert ALIPH "ernsthafte Besorgnis über die Folgen des Kriegs in der Ukraine für das gesamte kulturelle Erbe der Ukraine."

"Während sich die Situation rasant entwickelt und die Kämpfe sich verschärfen, unterstützt ALIPH bereits ein Dutzend Museen und deren Sammlungen, unter anderem durch die Finanzierung von Inventaren, den Kauf von Schutzausrüstung oder die Verstärkung der Lagersicherheit, und wird dies auch weiterhin tun."

 

Links

Mittwoch, 16. März 2022

Falsche Nachricht zur Zerstörung des Antikenmuseum in Chernihiv

Nach einer Meldung auf Telegram, verifiziert in der Russia-Ukraine Monitor Map, wurde das Altertumsmuseum in Chernihiv zerstört: 

Russische Orks zerstörten das Museum der Altertümer in Tschernihiw - ein historisches Denkmal des 19. Jahrhunderts. Das Tschernihiw-Museum wurde 1902 mit Artefakten aus der Sammlung des Mäzens Vasyl Tarnovsky aufgefüllt. Dies sind Haushaltsgegenstände, Funde aus der primitiven Gesellschaft und der Kiewer Rus.  

 

Die Situation in Google StrretView an einem sonnigen, friedlichem Tag:

 

Google Maps und die dortigen Rezensionen beschreiben das Gebäude jedoch als "Biblioteka Dlya Molodi" - das besagte angeblich zerstörte Museum befindet sich laut GoogleMaps jedoch näher am Stadtzentrum, etwa 1,8 km südwestlich.


 


Ob das tatsächliche Museumsgebäude inzwischen zerstört ist, lässt sich nicht sagen. Die Russia-Ukraine Monitor Map, deren Verifikation sich nur auf die Geolokalisation, aber offensichtlich nicht auf die Nutzung der Gebäude bezieht, zeigt dort jedenalls noch keine Einträge. Aus Chernihiv wurde bereits die Zerstörung eines Archivs gemeldet (https://archaeologik.blogspot.com/2022/03/propagandakrieg-im-kleinen-die.html), was aber unter dieser Adresse online nicht zu belegen ist

Egal übrigens, ob Museum oder Bibliothek, diese Zerstörungen und Morde sind ein Verbrechen.



imterner Linkk


Sonntag, 13. März 2022

Okhtyrka: Museum mit archäologischer Sammlung zerstört

Bilder in telegram zeigen die Zerstörung des lokalhistorischen Museums in Okhtyrka, verifiziert in der Russia-Ukraine Monitor Map.

 

Die Bilder auf Google zeigen eine bunte heimatgeschichtliche Ausstellung, darunter aber auch archäologische Funde.


 

Dienstag, 8. März 2022

SUCHO - Saving Ukrainian Cultural Heritage Online

 Sicherung des digitalen Kulturerbes der Ukraine

Im Archiv sind auch archäologische Publikationen und Datenbanken, z.T. zur Krim enthalten. Bisher scheint es aber kein Repositorium für 3D-Daten oder einfach Fotos aus Museen zu geben, die künftig helfen könnten, sollte es zu Museumszerstörungen und -plünderungen kommen.


Link



Montag, 7. März 2022

Propagandakrieg im Kleinen: Die Zerstörung eines Archivs in Chernihiv in den Social Media

In Chernihiv, ca 120 km nordnordöstlich von Kyiv ging am 25.2.2022 nach einem russischen Angriff das ehemalige Gerichtsgebäude und zwischenzeitlicher Regierungssitz der Sowjetrepublik der Ukraine in Flammen auf. 

 

Das ehemalige Bezirksgericht und SBU-Archiv in Chernihiv 2018
(Foto: Stern61 [CC BY SA 4.0] via WikimediaCommons)

 

Auf Russia-Ukraine Monitor Map ist der Angriff verzeichnet und auf ein Video auf Twitter verlinkt, das den Brand des Gebäudes zeigt.



Das Gebäude wurde nach Angaben in den Social Madia zuletzt auch für das SBU-Archiv  (Галузевий державний архів Служби безпеки України) genutzt. Hier sollen Unterlagen des KGB aufbewahrt worden sein, die unter anderem auch eine wichtige Quelle für die NS-Verbrechen in der Region, aber auch die sowjetischen Repressalien darstellen. Archivalien sollen demnach allenfalls für einzelne Forschungsprojekte digitalisiert worden, größtenteils aber nicht gescannt gewesen sein.

Ein Foto bei Instagram zeigt das völlig ausgebrannte Gebäude. Ein Video bei facebook zeigt den Brand in einem frühen Stadium.

 

Eine Website zum Archiv in Chernihiv konnte ich nicht ausfindig machen, sondern nur Angaben zum Archiv in Kyiv. Unter der Adresse verzeichnet Google Maps nur allgemein die Abteilung des Sicherheitsdienstes der Ukraine im Oblast Chernihiv.

In den Social Media findet sich viele Spekulationen darüber, ob das Archiv nicht gezielt angegriffen worden sei. Es wird über einen Angriff aus einem Auto heraus spekuliert und teilweise auch geleugnet, dass - was durchaus naheliegend und plausibel ist - der Brand Folge eines russischen Angriffs gewesen sei. Es zeigt sich hier im Kleinen ein Propagandakrieg, der deutlich macht, wie sehr gerade eine Putin-treue Rechte versucht, nicht nur Präsident Selenskyj, sondern auch den westlichen Demokratien Nazi-Traditionen und Verbindungen unterzuschieben. Dreist wird etwa behauptet, nur "das nazistische Kiewer Regime" könne Interesse daran haben, Naziverbrechen zu vertuschen.


 

Die Informationen, die sich auch den Social-Media gewinnen lassen, bestätigen ein Feuer in dem Gebäude, lassen aber mit dem Anspruch beweiskräftiger Aussagen aktuell keine eindeutige Bewertung zu, da sich insbesondere die Zerstörung von Archivgut bzw. überhaupt die Existenz eines Archivs für mich nicht anhand anderer Quellen verifizieren lässt.


Link

Sonntag, 6. März 2022

Das Statement der RURALIA - European Association of Medieval and Post-Medieval Rural Archaeology: Wissenschaftsbeziehungen in Kriegszeiten

Nach der Invasion der Ukraine und in Reaktion auf den immer wüster werdenden und unentschuldbaren Krieg Putins vor allem auch gegen Zivilisten hat der Westen mit Sanktionen und Boykotten reagiert. Das betrifft auch die gemeinsame deutsch-russische Forschung, insbesondere was technische Entwicklungen wie z.B. die Raumfahrt angeht. 

Aber auch für die Geisteswissenschaften und für die Archäologie stellt sich die Frage, wie die Beziehungen zu Russland künftig aussehen sollen. 

Das betrifft grosse Forschungseinrichtungen, Universitäten, aber auch eher kleine Vereinigungen wie die RURALIA – European Association of Medieval and Post-Medieval Rural Archaeology: 

 

 

Persönliche Kontakte sollen nicht abgebrochen werden, wohl aber demonstrativ die Kooperation mit staatlichen russischen Organisationen. Es ist der Wiedergewinnung eines,Friedens sicher nicht zuträglich, wenn alle Kontakte abgebrochen und alle russischen Bürger für die Verbrechen ihres sog. Präsidenten abgestraft werden. Für Putins,Krieg stellt die durch Propaganda geschaffene alternative Wahrheit eine wichtige Grundlage dar, der nur durch persönliche Kontakte entgegen zu wirken ist. Die freiwillige Beschränkung der Kontakte hilft Putin nur die Meinungsfreiheit weiter zu kontrollieren und seine Kriegslügen aufrecht zu erhalten. So verständlich also die Forderung des ukrainischen Archäologenverbands ist, alle Kontakte abzubrechen, so wenig hilft sie der Ukraine. 


Stellungnahmen anderer archäologischer Fachgesellschaften

Einige - auch größere - archäologische Fachgesellschaften haben mit Stellungnahmen auf Putins Krieg reagiert.  Es wäre wünschenswert, weitere würden folgen.
Die EAA listet auch konkrete Hilfestellungen auf.
Auch das Deutsche Archäologische Institut führt neben dem Statement zu dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Hilfsangebote für ukrainische Wissenschaftler auf.
Die Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen, die u.a. auch die Leibniz-Gemeinschaft einschliesst (deshalb findet sich die Erklärung auch auf den Seiten des RGZM), erklärt ihre nachdrückliche Unterstützung für "das konsequente Vorgehen der Bundesregierung gegen den kriegerischen und völkerrechtswidrigen Angriff Russlands auf die Ukraine." Weiter heißt es:
"Die Allianz sieht in der russischen Invasion einen Angriff auf elementare Werte der Freiheit, Demokratie und Selbstbestimmung, auf denen Wissenschaftsfreiheit und wissenschaftliche Kooperationsmöglichkeiten basieren."

Es geht ihr aber nicht nur um eine Solidarität mit den ukrainischen Partner, sondern auch um Konsequenzen für die Kooperation mit Russland:

Bereits zum jetzigen Zeitpunkt wird jedoch empfohlen, dass wissenschaftliche Kooperationen mit staatlichen Institutionen und Wirtschaftsunternehmen in Russland mit sofortiger Wirkung bis auf weiteres eingefroren werden, dass deutsche Forschungsgelder Russland nicht mehr zu Gute kommen und dass keine gemeinsamen wissenschaftlichen und forschungspolitischen Veranstaltungen stattfinden. Neue Kooperationsprojekte sollten aktuell nicht initiiert werden.

International sei auf weitere Erklärungen verlinkt:
"We note that the self-justification that President Putin presented for the invasion specifically includes claims about the Ukrainian past which we as archaeologists who study the past identify as false and historically untrue. We abhor the use of such claims about the past to justify any action that violates basic human rights, international law, and the sovereign independence of nations. WAC, therefore, stands in solidarity with all those who protest this aggression."

Projektabbruch

Ein wichtiges Thema ist der Umgang mit Wissenschaftskooperationen mit Russland.
Die DFG hat alle deutsch-russischen Projekte storniert. 
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) setzt mit sofortiger Wirkung alle von ihr geförderten Forschungsprojekte zwischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Deutschland und Russland aus. Zugleich werden Förderanträge für neue deutsch-russische Kooperationen und Fortsetzungsanträge für laufende Projekte bis auf Weiteres nicht angenommen. Mit diesen Maßnahmen flankiert die DFG das konsequente Vorgehen der Bundesregierung im Hinblick auf die russische Aggression. Dabei ist sie sich zugleich der einschneidenden Auswirkungen dieser Maßnahmen bewusst und bedauert diese für die Wissenschaft zutiefst.
Auch die EU hat Forschungsprojekte mit Russland - und Belarus - gestoppt
  • https://www.deutschlandfunkkultur.de/eu-kommission-stoppt-forschungsprogramme-mit-russland-und-belarus-100.html 

Unterstützung ukrainischer Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen und Studierender

Verschiedene Organisationen verbinden ihr Statement mit Hilfsangeboten für Wissenschaftler*innen auf der Flucht.
 
Die Österreichische Akademie der Wissenschaften beispielsweise, die aber den Umgang mit Kooperationen mit Russland nicht thematisiert:
Aus Sicht der Universitäten spielt das Schicksal ukrainischer Studierender eine besondere Rolle, beispielsweise für die Otto-Friedrich-Universität Bamberg.: 

Wissenschaft kann (mehr noch als Sport) nie unpolitisch sein, muss in ihren Forschungen und ihren Ergebnissen jedoch neutral und unabhängig sein. 
 
 
Unter den Reaktionen aus der Wissenschaft sei noch ganz besonders die Initiative russischer Wissenschaftler hervorgehoben, die sich unter den immer restriktiveren  Bedingungen gegen Putins Krieg aussprechen:

Links 


 

Schutzmaßnahmen in Kyiv

 

 


 

Donnerstag, 3. März 2022

#PutinsWar und das Kulturgut der Ukraine

Charkiv im Nordosten der Ukraine wird seit Tagen von russischer Artillerie beschossen, inklusive der Wohngebäude. Kyiv, die heutige Hauptstadt der Ukraine war von Beginn der russischen Invasion ein wichtiges Ziel von Putins Krieg. Eine Einnahme ist bislang gescheitert, doch nimmt das Artilleriefeuer stetig zu. Sehr eindeutig richtet sich der Angriff nicht allein gegen militärische Ziele. Sehr intensiv werden Wohngebiete beschossen. Neben Todesopfern sind auch Schäden an Denkmälern und Museen zwangsläufig. Aber auch bewusste Zerstörungen und Plünderungen sind durchaus zu erwarten.

Als erstes Museum hat es - soweit bekannt geworden - am 26.2.2022 ein kleines Heimatmuseum nördlich von Kyiv getroffen (Das brennende Museum von Ivankov. Archaeologik (28.2.2022)). Inzwischen haben viele Medienberichte dieses Ereignis aufgegriffen.
Die Zerstörung des Museums von Ivankov ist auch Anlaß für einen Beitrag im Deutschlandfunk mit einem Interview mit Roman Lukscheiter, Generalsekretär der deutschen UNESCO-Kommission zu den Welterbestätten im Kriegsgebiet.
Die Ukraine besitzt mehrere Welterbestätten:

 

Kyiv

Auf Geheimdienstinformationen beruft sich OE24 bei einem Bericht, wonach die Russische Armee plane, die Sophienkathedrale in Kyiv anzugreifen - eines der Monumente auf der Welterbeliste. 


 
Sophienkirche in Kyiv, 2017
(Foto: Joergsen [CC BY SA 4.0] via WikimediaCommons)


Babyn Jar

Am 1.3. wurde der Fernsehturm in Kyiv beschossen, wobei auch das benachbarte Holocaust-Memorial verwüstet wurde. In der Schlucht Babyn Jar wurden Ende Selptember 1941 von deutschem Militär rund 33.000 Juden ermordet. Angesichts Putins Ziel einer "Entnazifizierung" der Ukraine ist dieser Kollateralschaden (?) sehr entlarvend.

 

 


Das Historische Museum in Kyiv 

Der Direktor des Historischen Museums in Kiew schildert die konkrete Situation seines Museums am 1.3.2022. In der Umgebung sind bereits mehrere Schäden zu verzeichnen.

Museum für Archäologie und Ethnographie der Slobidska Ukraine in Kharkiv

Das auf das frühe 19. Jahrhundert zurück gehende Museum hat wesentliche Teile seiner Altbestände bei Plünderungen während der Revolution 1917-20 und während der deutschen Besatzung im 2. Weltkrieg verloren. 

 

Das Museumsgebäude im Norden der Stadt, 2014
(Foto: Denis vitchenko [CC BY SA 4.0] via WikimediaCommons)

 

Das Museum liegt in der Nähe des Stadtzentrums. Noch sehr viel eher sind bislang das Umfeld des Kunstmuseums und des Historischen Museums im Zielgebiet russischer Geschosse. Bei beiden sind Gebäude in den benachbarten Blöcken zerstört worden.

Russia-Ukraine Monitor Map dokumentiert einige lokalisierbare Bilder und Videos aus den sozialen Medien und zeigt den den intensiven Beschuß von Kharkiv.


 

 M. F. Sumtsov Kharkiv Historical Museum 

Das Museum scheint nicht allein durch die russischen  Angriffe gefährdet, sondern auch durch Putins Idee einer "nazistischen" Durchdringung der Ukraine, die er am westlichen Einfluß festmacht und dabei Demokratie und Faschismus vertauscht. Aktuell wäre im Historischen Museum eine Ausstellung "Mit der Ukraine im Herzen. Ritter des Maidan", das sich den Ereignissen von 2013/2014 widmet. Damals hatte sich die russland-freundliche Regierung geweigert, eine lange geplante EU-Assoziierung zu unterschreiben, was zu Massenprotestengeführt hatte. Die gewaltsame Niederschlagung der Proteste scheiterte und führte zum Sturz der Regierung. Russland reagierte mit der Krim-Okkupation und den Aufständen in der Ost-Ukraine. Es geht in der erst Mitte Februar eröffneten Ausstellung also unmittelbar um die Vorgeschichte der russischen Agression.

Kyiv, 19.2.2014: Versuch der Räumung des Maidan-Platzen durch Polizeieinheiten
(Foto: Amakuha [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)

 

Das Museum
hat einen archäologischen Bestand von ca. 55.000 Objekten v.a. aus Grabungen des Museums seit den 1930er Jahren mit einem Schwerpunkt auf die Skythische Zeit und das khasarische Periode