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Sonntag, 21. September 2025

Welcher Idiot schreibt heute noch ein Germanen-Buch?


Karl Banghard



Die wahre Geschichte der Germanen 
(Berlin: Propyläen 2025)


ISBN 978-3549100905

 Taschenbuch, 272 Seiten, farbiger Bildteil

 


Karl Banghard wirft diese Frage ausgerechnet in seinem Germanen-Buch auf. Seine Begründung, warum er es dennoch tut, ist so aktuell wie einleuchtend. In einer Zeit, in der KI aus dubiosen Internetquellen jedem sein individuelles Geschichtsbild generiert und rechte Kreise ein rückwärtsgewandtes Geschichtsbild propagieren, braucht es ein Gegenbild.

„Ein überkommenes Bild kann nur mit einem Gegenbild aufgelöst werden, nicht mit einem Vakuum“ (S. 8).


Solch ein Unterfangen ist gewiss nicht idiotisch, sondern ganz dringend geboten.

Tatsächlich haben sich die Germanen wissenschaftlich in Luft aufgelöst. Ein Blick auf die Begriffsgeschichte zeigt, dass er von Anfang an ein politischer Kampfbegriff war.

Ein Kampfbegriff wurde er auch wieder im 19. Jahrhundert, in dem die Nationalidee um sich griff. Die mythische Vergangenheit sollte sich im „Volksgeist“ spiegeln und das Wesen der Nation ausmachen. Das war zunächst auch kein rechts-konservativer Gedanke, sondern war 1848 auch in der Paulskirche weit verbreitet.

Schließlich wurde auf die Germanen aber alles projiziert, was man sich im 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts für das nationale Eigenbild so wünschte: eine hierarchische Gesellschaft (erst mit Adel, dann mit Führer), schollentreue, reinrassige Bauern (Blut und Boden), starke athletische Krieger, blond und blauäugige Herrenmenschen mit dem Drang zur Eroberung neuen Lebensraums für die großen Standard-Musterfamilien.

Dieses altbackene und falsche Germanen-Bild prägt aber bis heute das Geschichtsbild der Mehrheit der Deutschen. Es ist in das kollektive Gedächtnis überführt worden und damit sehr schwer zu hinterfragen. Das ist auch für die Wissenschaft ein schwieriges Unterfangen. Wie geht man mit dem obsoleten Germanen-Begriff um? Im wesentlichen gibt es drei Möglichkeiten:

  1. ihn verdammen und der Vergessenheit anheimfallen lassen, also einfach nicht mehr verwenden.
  2. ihn als etablierten und populären Begriff weiter benutzen, aber die Klischees nicht mehr bedienen
  3. ihn offensiv aufgreifen und dekonstruieren.

Idiotisch ist am ehesten die erste Möglichkeit, denn wenn die Wissenschaft ihn nicht gebraucht, so wird er doch weiter vom unbedarften deutschen Michel, vom Nationalisten und von der KI genutzt werden. Damit gerät der Begriff in eine Bestätigungsschlaufe und macht die Wissenschaft eher unglaubwürdig.

Die zweite Möglichkeit ist durchaus gängige Praxis. Dabei reicht das Spektrum von detaillierten und durchaus kritischen, wissenschaftlich wertvollen Synthesen (z.B. Steuer 2021) bis zu populärwissenschaftlichen Arbeiten, die meist auch die Problematik darstellen, aber letztlich den Germanenbegriff dann doch bestätigen (Künzl 2021).

Ein Beispiel dafür war die große Germanen-Ausstellung in Berlin. Zwar wurde hier der Germanen-Begriff in Ausstellung und Katalog (Wemhoff / Uelsberg 2020) durchaus kritisch diskutiert, aber es ist vermessen anzunehmen, dass dies beim Publikum auch tatsächlich ankommt. Sehr viel mehr Leute dürften die auffallenden Ausstellungsplakate und die Werbung gesehen haben und bestenfalls als Botschaft mitgenommen haben, dass sich die Wissenschaft nach wie vor mit Germanen befasst. Der Punkt hinter dem Ausstellungstitel „germanen.“ verstärkt diese affirmative Wirkung.

Bemerkenswerterweise ist als Kontrapunkt zur Ausstellung 2020 bei der Bundeszentrale für politische Bildung ein Bändchen erschienen, das gezielt Möglichkeit 3 verfolgt (Langebach 2020). Die Autoren dieses Bandes reden sehr viel mehr Klartext, da sie ihr Thema sehr viel grundsätzlicher angehen. Auch Karl Banghard hat hier bereits einen Beitrag zum Germanenbild der extremen Rechten nach 1945 beigesteuert (Banghard 2020), das ihn als Leiter des Freilichtmuseums in Oerlinghausen, einst ein NS-Museum seit Jahren beschäftigt (Banghard 2016; Banghard / Raabe 2016). Die fachliche Kritik am Germanen-Begriff wird seit etwa 20 Jahren immer lauter und hat seit einigen Jahren auch die Medien erreicht. Grundsätzlich geht es um die Bedeutung von Ethnizität und um den Volksbegriff, konkret auf die Germanen bezogen, um die Methodik und Sinnhaftigkeit ethnischer Interpretation im frühen Mittelalter. Diese Diskussion hat in den vergangenen Jahren insbesondere aus Freiburg immer wieder wertvollen Input erhalten (z.B. Brather 2000; Beck et al. 2004; Rummel 2007; Fehr 2010), der zunächst, wohl auch als Ausdruck eines Generationenkonflikts auf reflexhafte Abwehr gestoßen ist (z.B. Bierbrauer 2004).

Die große Bedeutung, die die ältere Forschung der ethnischen Deutung zugebilligt hat, ist nur dann gegeben, wenn man an einen angeborenen Volkscharakter, an einen Volkstum o.ä. glaubt. Sicher entwickeln Gemeinschaften Mentalitäten und Gebräuche, die sie prägen, die aber historisch auch veränderlich sind. Daher ist es sehr viel sinnvoller, nicht nach ethnischer Identität, sondern gleich nach der jeweiligen sozialen Praxis und konkurrierenden Gruppen-Identitäten zu fragen. Die homogene Volksgemeinschaft jedenfalls ist heute ein politischer Traum der Rechten, der hervorgegangen ist aus den Nationalbewegungen des 19. Jahrhunderts. Diese haben sich lange Traditionen zurück in die Früh- oder gar Vorgeschichte geschaffen. Neben den Germanen wurden Slawen, Russen, Gallier, Daker, Albaner und Illyrer zu Ursprungsmythen moderner Gesellschaften, die allesamt daran kranken, dass sie historische Veränderungen und demographische Verschiebungen verkennen. Besorgniserregend ist, dass die moderne Archäogenetik in der populären Wahrnehmung Völker wieder als eine biologische Größe erscheinen lässt. Die wissenschaftlichen Texte sind hier in den vergangenen Jahren zwar schon sehr viel sensibler geworden, aber zahlreiche Studien setzen noch immer an der genetischen Charakterisierung von Völkern an. Aktuell gilt das etwa für eine Slawen-Studie, die auf einer letztlich doch sehr schmalen Datengrundlage eine genetische Diskontinuität in Mähren mit slawischer Migration verbindet und letztlich wieder alte Paradigmen aufgreift und bestätigt, anstatt die Chance der neuen Methode zu ergreifen, die gesellschaftliche Entwicklung ganz neu zu durchdenken (Schulz et al. 2025). Immerhin konnte kein repräsentativer Durchschnitt durch die Bevölkerung analysiert werden, sondern nur die auffallend andersartigen wenigen Körperbestattungen. Bevor man hier wieder ethnische Kategorien ins Spiel bringt, wäre zu fragen, wie homogen die Bevölkerung tatsächlich war. Für die Germanen wäre auch kritisch zu hinterfragen, inwieweit blond und blauäugig tatsächlich für die damaligen Menschen typisch war - was nur vergleichend über ganz Europa sinnvoll ist. Problematisch ist, dass die dominierende Brandbestattung während der römischen Eisenzeit genetische Analysen weitgehend unmöglich macht.

Anders als der Rückentext verspricht, beginnt das Buch nicht erst mit der Varusschlacht, sondern bereits mit Caesar. Banghard hängt seine einzelnen Kapitel an wichtigen Fundorten auf. Der erste ist Kronwinkl, eine seit den 1960er Jahren bekannte Grabgruppe in Südbayern, die eng verbunden ist mit der Frage früher Germanen in Süddeutschland. In der Öffentlichkeit ist dieser Fundort ebenso wenig bekannt, wie einige andere, die Banghard als Gerüst seines Buches ausgewählt hat. Vielfach handelt es sich um Neuentdeckungen der letzten Jahre. Da sich die Abbildungen auf einen Bildteil mit tollen Alltagsrekonstruktionen beschränken, wird dem Leser zu den angesprochenen neuen Funden leider keinerlei visuelle Unterstützung geboten. Vielleicht ist die Strategie aber durchaus richtig, an Stelle unbelebter Museumsfotos eindrucksvolle Lebensbilder zu stellen, um beim Lesepublikum in Erinnerung zu bleiben. Der Aspekt scheint mir nicht zuletzt daher interessant, da die Germanen-Propaganda der 1920er und 30er Jahre sehr geschickt mit Bildern und damals modernen Medien gespielt hat - auch und gerade mit Lebensbildern. 

Banghard geht offensiv gegen das Germanen-Bild vor. Der Titel "die wahre Geschichte der Germanen" mag da kontraproduktiv wirken, spielt aber auch mit dem Trend, das Lesepublikum mit "geheimer Geschichte" oder "Lügen" zu fangen.

Obwohl das Germanen-Buch von Karl Banghard populärwissenschaftlich angelegt ist, mag es dazu anregen, die Germanen neu zu durchdenken. Ein wichtiger und konsequenter Schritt ist es dabei, den Germanen-Begriff auf die Antike zu beschränken. Er wurde im 1. Jahrhundert v.Chr. durch C. Julius Caesar populär und auch Tacitus konnte noch in Anspruch nehmen, einen aktuellen Begriff zu verwenden. Danach verblasst er und wird zum literarischen Rückverweis. Banghard bricht daher recht unvermittelt im 5. Jahrhundert ab. Childerich und Theoderich müssen draußen bleiben. In der Spätantike und dem Frühmittelalter sind andere Ethnien von Bedeutung – Franken etwa, Goten, Langobarden, Alemannen und Bajuwaren. Erst viel später werden die Germanen mit der Gleichsetzung deutsch=germanisch wieder aufgegriffen.

Vor allem im 19. Jahrhundert und in der NS-Zeit wurden die Germanen zu nationalen Stammvätern. Das abschließende Kapitel geht auf diese ideologische Dimension der Germanen ein, deren Mythos als Begründung für Rassismus und Krieg herhalten musste und dazu diente, die deutsche Gesellschaft auf konservative Werte einzuschwören und festzulegen.

Sehr spannend ist es, dass Banghard diesen braunen Germanen gewissermaßen “grüne Germanen” gegenüber stellt. Er hebt auf die andersartige Wirtschaftsweise der rechtsrheinischen Stämme während der römischen Eisenzeit ab, die man mit guten Argumenten auch als nachhaltig wirtschaftend begreifen kann. Aus diesem Blick auf die Geschichte lässt sich zweifellos mehr für die Zukunft gewinnen, als aus dem traditionellen Germanenbild. Banghard dekonstruiert die Germanen nicht nur, er zeigt auch neue Perspektiven.


Kurzurteil: anregend und lesenswert!


Literatur

  • Banghard 2016
    K. Banghard, Nazis im Wolfspelz. Germanen und der Rechte Rand (Wuppertal 2016).
  • Banghard 2025
    K. Banghard, Die wahre Geschichte der Germanen (Berlin 2025).
  • Banghard / Raabe 2016
    K. Banghard / J. Raabe, Die Germanen als geschichtspolitisches Konstrukt der extremen Rechten. In: H.-P. Killguss / M. Langebach (Hrsg.), "Opa war in Ordnung!". Erinnerungspolitik der extremen Rechten. Beiträge und Materialien der Info- und Bildungsstelle gegen Rechtsextremismus 8 (Köln 2016) 131–143.
  • Banghard / Raabe 2020
    K. Banghard / J. Raabe, Das Germanenbild der extremen Rechten nach 1945. In: M. Langebach (Hrsg.), Germanenideologie. Einer völkischen Weltanschauung auf der Spur. Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung 10589 (Bonn 2020) 174–205.
  • Beck et al. 2004
    H. Beck / D. Geuenich / H. Steuer / D. Hakelberg, Zur Geschichte der Gleichung "germanisch - deutsch". Sprache und Namen, Geschichte und Institutionen. RGA Ergbd. 34 (Berlin 2004).
  • Bierbrauer 2004
    V. Bierbrauer, Zur ethnischen Interpretation in der frühgeschichtlichen Archäologie. In: W. Pohl (Hrsg.), Die Suche nach den Ursprüngen. Von der Bedeutung des frühen Mittelalters. Forschungen zur Geschichte des Mittelalters 8 (Wien 2004) 45–84.
  • Brather 2000
    S. Brather, Ethnische Identitäten als Konstrukte der frühgeschichtlichen Archäologie. Germania 78/1, 2000, 139–177.
  • Fehr 2010
    H. Fehr, Germanen und Romanen im Merowingerreich. Frühgeschichtliche Archäologie zwischen Wissenschaft und Zeitgeschehen. Reallexikon der Germanischen Altertumskunde - Ergänzungsbände 68 (Berlin 2010).
  • Haberstroh 2013/14
    J. Haberstroh, Von Germanen und anderen Erfindungen – Völkerbezeichnungen in der bayerischen Archäologie. Projekt für lebendige Archäologie des frühen Mittelalters, 2013/14, 10–50.
  • Jarnut 2004
    J. Jarnut, Germanisch. Plädoyer für die Abschaffung eines obsoleten Zentralbegriffes der Frühmittelalterforschung. In: W. Pohl (Hrsg.), Die Suche nach den Ursprüngen. Von der Bedeutung des frühen Mittelalters. Forschungen zur Geschichte des Mittelalters 8 (Wien 2004) 107–113.
  • Künzl 2021
    E. Künzl, Die Germanen (Darmstadt 2021).
  • Langebach 2020
    M. Langebach (Hrsg.), Germanenideologie. Einer völkischen Weltanschauung auf der Spur. Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung 10589 (Bonn 2020).
  • Rau 2022
    A. Rau, Ein Buch über die, die es nicht gab – Anmerkungen zu Heiko Steuers „‚Germanen‘ aus Sicht der Archäologie“. Germania 100, 2022, 313–348.
  • Reichenbach 2024
    K. Reichenbach, »Es werden Traditionen erfunden, die es nie gab«. Leibniz 23.3.2024. - https://www.leibniz-magazin.de/alle-artikel/magazindetail/newsdetails/es-werden-traditionen-erfunden-die-es-nie-gab
  • Rummel 2007
    P. von Rummel, Habitus barbarus. Kleidung und Repräsentation spätantiker Eliten im 4. und 5. Jahrhundert. RGA Ergbd. Bd. 55 (Berlin 2007).
  • Schulz et al. 2025
    I. Schulz / D. Zlámalová / C. S. Reyna-Blanco / S. Morris / G. A. Gnecchi-Ruscone / R. Eckel / R. Přichystalová / P. Ingrová / P. Dresler / L. Traverso / G. Hellenthal / J. Macháček / D. Wegmann / Z. Hofmanová, Ancient genomes provide evidence of demographic shift to Slavic-associated groups in Moravia. Genome biology 26,1, 2025, 259. - https://doi.org/10.1186/s13059-025-03700-9
  • Steuer 2021
    H. Steuer, "Germanen" aus Sicht der Archäologie. Neue Thesen zu einem alten Thema. RGA Ergbd. (Berlin, Boston 2021).
  • Wemhoff / Uelsberg 2020
    M. Wemhoff / G. Uelsberg (Hrsg.), Germanen. Eine archäologische Bestandsaufnahme (Darmstadt 2020).
  • Wiwjorra 2006
    I. Wiwjorra, Der Germanenmythos. Konstruktion einer Weltanschauung in der Altertumsforschung des 19. Jahrhunderts. Zugl: Berlin, Freie Univ., Diss., 2004 (Darmstadt 2006)


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Änderungsvermerk 7.11.2025: Lektorat mit Korrektur einiger Flüchtigkeitsfehler   

Donnerstag, 11. Mai 2023

Vom Germanenerbe zum Urkommunismus


Arne Lindemann
Vom Germanenerbe zum Urkommunismus.
Urgeschichtsbilder in Museen der SBZ und DDR


(Berlin/ Boston: de Gruyter 2022) 

405 Seiten


ISBN 978-3-11-076086-6
e-ISBN (PDF) 978-3-11-076106-1
DOI https://doi.org/10.1515/9783110761061

Zugl.: Berlin, Technische Universität, Diss., 2020

 



Arne Lindemann geht gut 35 Jahre nach dem Ende der DDR die Aufarbeitung der archäologischen Instrumentalisierung für das marxistisch-leninistische Geschichtsbild an. Nachdem in der NS-Zeit die germanische Volksgemeinschaft zur Legitimierung des rassistischen und auf Eroberung von Lebensraum ausgerichteten Weltbilds herhalten musste, erfolgte nach Kriegsende in der sowjetischen Besatzungszone sehr schnell ein Schwenk auf eine neue Meistererzählung. Alte Narrative über die Frühgeschichte mussten in Museen und überhaupt in der Vermittlung von Geschichte und Archäologie durch neue Deutungen ersetzt werden. Die archäologisch fassbare Geschichte wurde nun zur Rechtfertigung der neuen Gesellschaftsordnung herangezogen.

Was auf den ersten Blick nach einer radikalen Wende aussieht, zeigt bei einem genaueren Blick auf die historischen Interpretationen und die herangezogenen Methoden aber doch viele Gemeinsamkeiten und Interpretationsschnittmengen. Die archäologische Geschichtsschreibung der SBZ/DDR trat zwar dem völkischen Germanenbild entgegen, die ethnische Deutung aber wurde kaum in Frage gestellt - wurde diese doch auch auf sowjetischer Seite ganz ähnlich praktiziert (vgl. z.B. Archaeologik 26.6.2020).

Lindemann analysiert "die Entwicklung der in den Museen gezeigten Urgeschichtsbilder" und versucht "die für den Wandel oder die Beständigkeit der Bilder ursächlichen Aushandlungsprozesse herauszuarbeiten. Er frägt, " Welche Bedingungen und Diskurse führten dazu, dass neue Themen wie die ‚Menschwerdung‘ oder die Geschichte der Slawen in die Urgeschichtsausstellungen Einzug hielten? Warum blieben Themen, wie die von den Kommunisten verfemte Geschichte der Germanen scheinbar bruchlos in den Ausstellungen präsent? Welche Auswirkungen hatten personelle und institutionelle Kontinuitäten oder Brüche? Auf welchen museumstheoretischen Grundlagen basierte die Urgeschichtserzählung in den Museen?" (S. 10).

Schon seit den 1990er Jahren wurde die Geschichtskultur und Geschichtspolitik der DDR thematisiert. Dabei wurde von Anbeginn mit einem Nebeneinander zentralstaatlicher Anforderungen und einem politisch oktroyierten Geschichtsbild einerseits und dezentraler, regionalgesellschaftlicher Bezugnahmen und traditioneller Erzähl- und Zeigemuster andererseits gerechnet. Das Interesse galt aber mehr der Institutionengeschichte als den Geschichtsbildern und Vermittlungsstrategien. Das war im übrigen auch bei der Forschung zur Archäologie im Nationalsozialismus nicht anders. Ging es zunächst um die Institutionen (z.B. Bollmus 1970; Kater 1974), richtete sich später der Blick auf (Täter-)Biographien. Eine inhaltliche Auseinandersetzung im Sinne einer Ideengeschichte mit der Frage, wo überall nationalistische Interpretationen griffen, mit welchen Narrativen sie im einzelnen verbunden waren und wie diese ggf. bis heute nachwirken, fand aber bis heute eher nur in Ausnahmen statt. Eine breitere Auseinandersetzung mit dem nationalistischen Germanen-Mythos wurde im wesentlichen erst seit den 2000er Jahren wirksam (Jarnut 2004; Leube/ Hegewisch 2002; Steuer 2001).



Lindemann geht mit seinen Fragestellungen zur DDR hier schon einen Schritt weiter, indem er tatsächlich auch auf die Interpretationsinhalte abzielt, die er aber in einen weiten Rahmen einbettet, der auch eine Auseinandersetzung mit Strukturen, Akteuren und den Vermittlungsstrategien umfasst.
 

Inhaltsverzeichnis

Einleitung 9
Forschungsstand 11
Methodische Ansätze und Aufbau der Studie 13
Untersuchungsgegenstand und Auswahl der Quellen 15

Die Urgeschichte im Geschichtsbild der SBZ und DDR
Voraussetzungen für ein marxistisch-leninistisches Urgeschichtsbild 19
  Reinigung und Umdeutung 19
  Urgeschichte als Vorspann zur deutschen Geschichte 25
  Im Zeichen der ‚Klassiker‘ und der ‚Sowjetarchäologie‘ 27
Urgeschichtsbilder in der kommunistischen Bildungspolitik der SBZ 30
  Entwicklungsgesetze und Revolution 30
  Von den Lehrplänen zur Ausstellung 33
  Startschwierigkeiten 39
Das Urgeschichtsbild in der DDR 42
  Konturen eines marxistischen Urgeschichtsbilds 42
  Urgeschichte als Teil der Welt- und der Nationalgeschichte der DDR 46
  Gegenerzählung zum ‚bürgerlichen‘ Urgeschichtsbild 55
  Erbe und Tradition 59

Strukturen und Netzwerke des Ausstellens
Vom Wiederaufbau bis zur staatlichen Unterstellung 1952 63
  Kriegszerstörungen und Neuanfang 63
  Zwischen Traditionen und neuen Anforderungen 67
  Verordnetes Ausstellen 76
Die Ausstellungsarbeit der Urgeschichtsmuseen in der DDR 80
  Ressourcenentwicklung 80
  Zwischen Dauer- und Schaufensterausstellung 82
Netzwerke des Ausstellens 87
  Staatssekretariat und Ministerium 87
  Beiräte und Gremien 92
  Akademie der Wissenschaften 96
  Universitäten 101
  Museum für Deutsche Geschichte 102
  Museumsorganisationen, Heimatmuseen und Kulturbund 104

Akteure und Akteurinnen des Ausstellens
Die erste Generation 113
  Unter „Einsatz aller Kräfte“ 113
  Entnazifizierung und Neubesetzungen in der SBZ 115
  Weiße Westen 124
  Der Kampf gegen die ‚bürgerliche‘ Wissenschaft 130
Die zweite Generation 135
  Generationenübergreifend 135
  Die museologische Ausbildung in der DDR 137
  Die Kaderplanung 143
  Exkurs – Konjunkturen nach 1989 146

Didaktik und Gestaltung
Sozialistische Bewusstseinsbildung und Museum 151
  Breitenwirksamkeit 151
  Faktor für die „Stabilität des sozialistischen Gesellschaftssystems“ 153
  Besuchszahlen – Strömende Massen und leere Hallen 156
Traditionen und Prinzipien der Ausstellungsgestaltung 161
  Heinz Arno Knorr und das Ausstellen im ‚sozialistischen Museum‘ 161
  Chronologie und kulturgeschichtliche Entwicklung 163
  Die Anschaulichkeit als Schlüssel zur Erkenntnis 165
  Ideologisierung und Emotionalisierung 168

Entwicklung und Fortschritt als Kernerzählung
Die Periodisierung der ‚Geschichte der Urgesellschaft‘ 177
  „Gut gemeinte Ratschläge“ 177
  Periodisierung und die ‚Klassiker‘ 178
  Perioden der ‚Urgesellschaft‘ im Museum für Deutsche Geschichte 183
Entwicklungsgeschichten 186
  Themeninseln 186
  Dioramenreihen 192
  Lebensbilderzyklen 200
  Fließende Wandgestaltung 210
  Installationen und Schemata 224
Revolution! 227
  „Lebendige Inszenierungen“ 227
  Großobjekte und Rekonstruktionen 231

Die ‚Urgesellschaft‘ im Zeichen atheistischer Propaganda
Religion, ‚Menschwerdung‘ und die marxistische Urgeschichte 241
  „Gefährliche Religion“ 241
  Arbeiterbewegung und Kirche 246
  „Ein Idyll aus Altsteinzeittagen“ 250
  Auf neuen Wegen und alten Pfaden 256
Wider den Schöpfungsmythos 266
  Weltall, Erde, Mensch 266
  Ahnen der Menschheit und Darwin 270
  Der lange Atem des naturwissenschaftlichen Materialismus 276
  ‚Menschwerdung‘ und Systemkonkurrenz 285
  Menschheitsentwicklung auf Knopfdruck 289

Germanen, Slawen, Deutsche – und die DDR als Nation
‚Germanen‘ und Patriotismus im ‚Kalten Krieg‘ 299
  Entnazifizierung des Germanenbilds 299
  „Unsere Geschichtsprofessoren schweigen […]“ 308
  Die ‚Varusschlacht‘ zwischen Oder und Elbe 315
Die Wurzeln der Deutschen 324
  Germanische Kontinuitäten 324
  Kartenbilder 329
  Die Slawen 336
  Zwei Ausstellungen – eine Botschaft 344
  Germanen – Slawen – Deutsche 352

Zusammenfassung
Nachkriegszeit bis zur Gründung der DDR 361
Die 1950er- und 1960er-Jahre 364
1970er-Jahre bis zum Ende der DDR 366

Berlin 1959: eine nicht eröffnete Ausstellung

Die Nicht-Eröffnung einer Ausstellung über "Anfänge der Religion" im Museum für Deutsche Geschichte in Berlin 1959 beruhte nicht wie gegenüber West-Medien vorgegeben auf der nicht rechtzeitigen Beendigung der Vorbereitungen oder auf "technischen Gründen", sondern darauf, dass das Sekretariat des ZK der SED "ideologische Mängel" feststellte und die Ausstellung stoppte. Der Hintergrund ist wohl das Berlin-Ultimatum von Chruschtschow vom November 1958. Im Vorfeld der Deutschlandkonferez in Genf 1959 sollten Störfaktoren vermieden werden und offenbar bestand die Befürchtung, die atheistische Perspektive der Ausstellung könnte vom Klassenfeind als Provokation aufgefasst werden. Im November 1960 wurde die Ausstellung dann auch deutlich anders eingeschätzt, indem konstatiert wude, sie verletze "in keiner Weise die Gefühle religiös gebundener Bürger“. Die Ausstellung wurde daher nicht weiter zurückgehalten und in Leipzig und weiteren Orten der DDR gezeigt (S. 241-45). Die erhaltenen Unterlagen zur Ausstellung zeigen, dass sie "keine plakative Religionskritik betrieb", sich aber dennoch in die atheistische Propaganda der SED einordnen lässt. Religion wird als Folge eingeschränkter Einsicht in die Gesetzmäßigkeiten der Natur und die Entwicklung von Ökonomie und Gesellschaft gesehen und religiöse Handlungen als Versuch, die eigenen wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Verhältnisse zu verbessern (S. 245). Klassisch ist hier die Auffassung von Karl Marx, Religion sei das Opium des Volks, weil sie von der Forderung wahren Glücks und einer Verbesserung der Lebensbedingungen ablenke. In dieser Perspektive dient Religion der Festigung und dem Erhalt der Klassengesellschaft und ist jeweils ein Machtfaktor für die herrschende Klasse.
 

Geschichtsbilder

Weitere Themenfelder besaßen ideologische Bedeutung, so die Frage der ‚Menschwerdung‘, die zeigte, dass der Mensch Teil der Natur, also der materiellen Welt und kein göttliches Wesen war. Zudem zeigte die Menschwerdung die grundsätzliche Bedeutung der Arbeit als Triebkraft der Geschichte. Schon für Friedrich Engels waren die Steinartefakte ein Zeugnis menschlicher Arbeit und Beleg für das marxistische Geschichtsverständnis.

Interessant ist auch die Rezeption der Varusschlacht, die in der NS-Zeit eine überraschend geringe Rolle spielte, nun aber mit vielfältigen Assoziationen in der DDR aufgegriffen und - basierend auf einer kurzen Erwähnung durch Friedrich Engels - in das neue Geshichtsbild eingeordnet wurde (S. 308-324).
Deutlicher als in wissenschaftlichen Arbeiten sind die Narrative in den Museen und ihren Ausstellungen zu erkennen. So verzichtete man m Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle in den 1940er Jahren „weitgehend“ auf „typologische und chronologische Gesichtspunkte“ und stellte „handwerkliche, technische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Gesichtspunkte in den Vordergrund“ (Lindemann 2022a, 165).

Der Fokus der DDR-marxistischen Forschung auf die historische Rolle der Produktivkräfte, mithin auch auf Arbeiter und Bauern hat aber prinzipiell durchaus einige Ansätze erbracht, die dem stark an Eliten orientierten westlichen Geschichtsbild als Kontrapunkt hätte dienen können. Bezogen auf die Archäologie des Mittelalters beispielsweise stellte die Auseinandersetzung mit Grundherrschaft (Gringmuth-Dallmer 1990) und ländlichen Siedlungen (Donat 1980), aber auch mit den agrarischen Produktionsweisen eine Pionierleistung dar. Zu nennen sind auch wichtige Arbeiten in Richtung einer modernen Landschafts-, wenn nicht gar Umweltarchäologie, so zur Entwicklung der frühgeschichtlichen Kulturlandschaft (Gringmuth-Dallmer 1983) oder auf pollenanalytischer Basis über die Veränderung des Naturraums (Lange 1971). Viele Arbeiten aus der DDR gingen über das deskriptive Vorlegen von Funden und Befunden hinaus, und achteten vermehrt auf Veränderungsprozesse und deren Akteure und Faktoren. Dabei wurde eine prinzipielle Gleichwertigkeit von materiellen und schriftlichen Quellen betont (Herrmann 1977). Inwiefern das methodische Vorgehen dazu im Einzelnen geeignet war, steht auf einem anderen Blatt.

Als Beispiel möchte ich hier auf die Auseinandersetzung mit ländlichen Siedlungen/ Dörfern des Mittelalters verweisen, bei denen die Frage nach ihrer Entwicklung/Genese im Westen kein Thema war, das man weiter verfolgte. Vielleicht weniger durch tatsächliche Quellenbeobachtungen sondern eher durch geschichtspolitische Ziele angestoßen. konnte die DDR-Forschung allerdings die gesellschaftlichen Veränderungsprozese in den ländlichen Siedlungen an vielen Punkten herausarbeiten (z.B. Donat 1980). Die mit einem traditionellen, aus dem Historismus des 19. Jahrhundert herrührende Geschichtsbild verbundene und in der alten BRD deutlicher nachwirkende Vorstellung von Siedlungskontinuitäten mindestens seit der Völkerwanderungszeit, wurde in der DDR stärker hinterfragt. Überlegungen zu Veränderungen in den ländlichen Siedlungen konzentrierten sich im Westen auf die Wüstungsphase des Spätmittelalters und - rein deskriptiv - auf die Frage, ob der Beginn der Reihengräber vor 500 auch eine Zäsur im Siedlungsbild darstellte. Angesichts der slawischen Besiedlung auf dem Gebiet der DDR war die Vorstellung von Kontinuitäten weit weniger selbstverständlich. Interessant ist nebenbei gesagt, dass eine aktuelle populäre Darstellungen der Archäologie des mittelalterlichen Dorfes - trotz einem Schwerpunkt in den neuen Ländern - diese Veränderungsprozesse im Dorf wieder hinten anstellt und den Prozess der Dorfgenese weitgehend übergeht (Krauskopf u.a. 2023).

Lindemanns Thema sind die Geschichtsbilder der DDR in der musealen Vermittlung, weniger die Frage, wie diese die Forschung beeinflussten. Er gibt aber einen knappen Überblick über die Entwicklung des marxistisch-leninistischen Urgeschichtsbilds in der Sowjetunion und die Konsequenzen, die sich daraus für die archäologische Interpretation ergaben, die nämlich in ein Korsett oder eine Zwangsjacke eingebunden wurde (S. 24-39). Es entwickelte sich ein dogmatischer historischer Materialismus, der in der sowjetischen Ausprägung lediglich eine unilineare Entwicklung zuließ, wo die Vorstellungen von Karl Marx und Friedrich Engels sehr viel offener und multilinear waren und damit auch Raum für wissenschaftliches Abwägen und Argumentieren boten. Wie fruchtbar das hätte sein können, zeigen die vielen spannenden Ansätze in der französischen Annales-Schule, die in der alten BRD wegen mancher marxistischer Ansichten ebenso wenig rezipiert wurden, wie Arbeiten aus der DDR. Obwohl einige wichtige Arbeiten von Autoren aus der ehemaligen DDR erst nach der Wende publiziert worden sind (z.B. Benecke 1994; Brachmann 1993; Henning 1992), blieben viele Themen aus der ehemaligen DDR wie auch der wirtschafts- und sozialgeschichtliche Blick erstmals auf der Strecke. Beispielsweise sind Fesseln als Nachweis von Sklaverei (Henning 1992) kaum noch Thema und auch die slawische Archäologie hat ihre institutionelle Basis eingebüßt.

Auf dieser inhaltlichen Ebene müsste man bei verschiedenen Themen tiefer einsteigen, um zu sehen, wo und wie politische Ideologie Wissenschaft beeinflusst hat. Welche Ergebnisse - von den reinen Grabungsbefunden abgesehen - und Perspektiven der Archäologie in der DDR sind weiterhin brauchbar? Welche Themen wurden nach der Wende fallen gelassen?

Die Trennlinie zwischen gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnis und politisch gesteuerten Perspektiven ist im übrigen kein Problem ausschließlich totalitärer Politik, sondern sie ist auch in demokratischen Gesellschaften immer vorhanden. Möglicherweise ist die Trennlinie hier noch schwerer zu erkennen, da es eben keine dogmatischen Richtlinien mit fixer Terminologie gibt, sondern subtilere Beeinflussung etwa über spezielle Förderprogramme. Diese kann durchaus fruchtbar und gesellschaftlich relevant sein, oder aber (überwiegend?) leere Worthülsen produzieren, die mal mehr, mal weniger schwer zu entlarven sind. Letztlich geht es um gesellschaftliche Relevanz und die Frage, wer diese definiert - Staat, Gesellschaft oder Wissenschaft?


Interne Links


Literaturhinweise

  • Benecke 1994: N. Benecke, Archäozoologische Studien zur Entwicklung der Haustierhaltung in Mitteleuropa und Südskandinavien von den Anfängen bis zum ausgehenden Mittelalter. Schriften zur Ur- und Frühgeschichte 46 (Berlin 1994). 
  • Brachmann 1993: H. Brachmann, Der frühmittelalterliche Befestigungsbau in Mitteleuropa. Untersuchungen zu seiner Entwicklung und Funktion im germanisch-deutschen Gebiet. Schriften zur Ur- und Frühgeschichte 45 (Berlin 1993).
  • Bollmus 1970: R. Bollmus, Das Amt Rosenberg und seine Gegner. Zum Machtkampf im nationalsozialistischen Herrschaftssystem (1970). 
  • Donat 1980: P. Donat, Haus, Hof und Dorf in Mitteleuropa vom 7. bis 12. Jahrhundert. Archäologische Beiträge zur Entwicklung und Struktur der bäuerlichen Siedlung. Schriften zur Ur- und Frühgeschichte 33 (Berlin 1980).
  • Gringmuth-Dallmer 1983: E. Gringmuth-Dallmer, Die Entwicklung der frühgeschichtlichen Kulturlandschaft auf dem Territorium der DDR unter besonderer Berücksichtigung der Siedlungsgebiete. Schriften zur Ur- und Frühgeschichte 35 (Berlin 1983). 
  • Gringmuth-Dallmer 1990: E. Gringmuth-Dallmer, Vergleichende Untersuchungen zum frühmittelalterlichen Landesausbau im westlichen Mitteleuropa Dissertation (B) (Berlin 1990).
  • Henning 1992: J. Henning, Gefangenenfesseln im slawischen Siedlungsraum und der europäische Sklavenhandel im 6. bis 12. Jahrhundert. Archäologisches zum Bedeutungswandel von "sklabos - sakäliba - sclavus". Germania 70, 1992, 403–426.
  • Herrmann 1977: J. Herrmann, Archäologie als Geschichtswissenschaft. In: J. Herrmann (Hrsg.),Archäologie als Geschichtswissenschaft. Schriften zur Ur- und Frühgeschichte 30 (Berlin 1977) 9–28.
  • Jarnut 2004:  J. Jarnut, Germanisch. Plädoyer für die Abschaffung eines obsoleten Zentralbegriffes der Frühmittelalterforschung. In: W. Pohl (Hrsg.), Die Suche nach den Ursprüngen. Von der Bedeutung des frühen Mittelalters. Forschungen zur Geschichte des Mittelalters 8 (Wien 2004) 107–113.
  • Kater 1974: M. H. Kater, Das „Ahnenerbe“ der SS. Ein Beitrag zur Kulturpolitik des Dritten Reiches (Stuttgart 1974). 
  • Krauskopf u. a. 2023: C. Krauskopf/F. Schopper/J. Wacker, Wendepflug und Webstuhl. Dörfer im Mittelalter. Archäologie in Deutschland. Sonderheft 26 (Darmstadt 2023).
  • Lange 1971: E. Lange, Botanische Beiträge zur mitteleuropäischen Siedlungsgeschichte. Ergebnisse zur Wirtschaft und Kulturlandschaft in frühgeschichtlicher Zeit. Schriften zur Ur- und Frühgeschichte 27 (Berlin 1971).
  • Leube/ Hegewisch 2002: A. Leube/M. Hegewisch (Hrsg.), Prähistorie und Nationalsozialismus. Die mittel- und osteuropäische Ur- und Frühgeschichtsforschung in den Jahren 1933-1945. Studien zur Wissenschafts- und Universitätsgeschichte (Heidelberg 2002). 
  • Lindemann 2022a: A. Lindemann, Anschauliche Religionskritik. Die inhaltliche und gestalterische Genese der archäologischen Ausstellung Anfänge der Religion im Museum für Deutsche Geschichte Berlin. In: L. Cladders/ K. Kratz-Kessemeier (Krsg.), Museen in der DDR. Akteure - Orte - Politik. Veröffentlichungen der Richard Schöne Gesellschaft für Museumsgeschichte e.V. (Köln 2022) 161–176. - ISBN 978-3-412-52532-3
  • Steuer 2001: H. Steuer (Hrsg.), Eine hervorragend nationale Wissenschaft. Deutsche Prähistoriker zwischen 1900 und 1995. Ergänzungsbände zum Reallexikon der germanischen Altertumskunde 29 (Berlin 2001). 

Freitag, 13. Januar 2023

Wirres Weltbild mit einem Schuss Archäologie: Russen und Neoskythen, Hyberboräer, Arier und Slawen

Die Plünderung des Museums in Melitopol war am 3.5.2022 Thema auf Archaeologik (Skythisches Gold verschwunden). Jetzt berichtet die Neue Züricher Zeitung nochmals darüber:

Verrfasst hat den Artikel in der NZZ Konstantin Akinsha, der in Kiew, Moskau und St. Andrews Kunstgeschichte studiert hatte und seidem immer wieder mit Fragen der politischen Bedeutung von Kunstobjekten befasst war. Er verweist auf die ideologische Rolle der Skythen für das russische Selbstverständnis. Versuche, die Russen auf die Skythen zurück zu führen, reichen bis zu Katharina der Großen zurück. Im 19. Jahrhundert wurden solche Gedanken populär und mündeten im frühen 20. Jahrhundert in der Vorstellung, die Skythen (und Russen) seien so etwas wie der Puffer zwischen dem verräterischen Westen und den orientalischen Horden. So gibt es heute unter russischen Nationalisten die Auffassung, dass der "Skythianismus" die regnerative Kraft habe, Russlands seinen Platz in der Welt zurück zu geben. Teilweise werden die Skythen sowohl als Arier als auch als Vorfahren der Slawen gesehen (Laruelle 2019, 144). In diesem ideologischen Hintrgrund sieht Akinsha einen wesentlichen Grund für das große Interesse der Russen an den skythischen Funden  - was bereits im Konflikt um die in den Niederlanden verbliebenen Funde der Krim (vgl. Archaeologik 29.1.2022) sichtbar geworden sei.

Im Hintergrund des Skythianismus steht ein weiter gefasster Eurasianismus, der in post-sowjetischer Zeit große Bedeutung für einen neuen russischen Nationalismus hat, der eine Führungsrolle auch in Zentralasien beansprucht. Als Autorität steht der 1992 verstorbene Ethnograph Lew Gumilev im Hintergrund, auf den auch die Idee einer "Passionarität" zurük geht, wonach jedes Volk und vor allem ihre Führer eine Phase mit Expansionsbestrebungen durchlaufe. Diese Geschichtsideologie kreist um Ethnien und deren in gewisser Weise vorbestimmtes Schicksal. Russland hätte demnach schon verschiedene solcher Expansionsphasen durchlaufen, die ihre Stärke von den Nomaden aus dem Osten gegen den europäischen Katholizismus bezogen hätten. Nach Gumilev sind Ethnien ursprüngliche Entitäten mit alten Wurzeln, Sie durchlaufen einen historischen Zyklus, den er mit rund 1500 Jahren ansetzte, bei dem aber ihre grundlegenden Charaktereigenschaften unverändert blieben. Ethnische Gruppen könnten demnach über die Zeiten hinweg verfolgt werden (Bassin 2016, 20). 
 
Denkmal für Lew Gumilev in Bezhetsk, Tverskaya oblast', Russland
(Foto:
46yuri [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)



Ein solches Bild von Ethnie entbehrt zwar einer wissenschaftlichen Grundlage, lässt sich aber politisch sehr gut einsetzen. Vladimir Putin hat sich 2016 auch ausdrücklich zu Gumilews Ideen bekannt.

Immerhin ist die Ukraine auch ein Kerngebiet skythischer Kultur. Hier gibt es zahlreiche Kurgane mit herausragenden Goldfunden, wie eben jenen aus Melitopol.

Seit 2009 besteht in Moskau und St. Petersburg ein Lev Gumilev Zentrum für euasische Studien, das die Idee des Neo-Skythen propagandistisch verbreitet. Die Website der seit 2015 bestehenden Niederlassung in Afghanistan listet als Aktivitätsfelder des Zentrums weniger Forschung als vielmehr Propaganda auf.

Das Zentrum und die mit ihr verbundene Gruppe der Neo-Skythen ist auch in Transnistrien aktiv, wo im übrigen auch die örtlichen Archäologen für die russisch-skythische Sache aktiviert und mit Nova-Skythia-T-shirts beehrt wurden.

Sie ist außerdem Veranstalter des Kurultaj-Festivals, das die vermeintliche Zusammengehörigkeit der Steppenvölker im ehemaligen sowjetischen Einflußbereich - inklusive Victor Orbans Ungarn (vgl. Archaeologik v. 12.7.2019) - beschwört. Der Direktor des Zentrums Pavel Zarifullin ist in den ultra-nationalistischen Kreisen offenbar nicht unbedeutend (Laruelle 2019, 115).

  • Евразийцы и скифы провели на Алтае съезд-курултай (Eurasier und Skythen hielten einen Kongress-Kurultai im Altai ab). ИДЕОЛОГИЯ НОВЫХ СКИФОВ (8..10.2021). -http://newskif.su/2021/6311/
Das Kurultaj - ein angeblich traditionelles, tatsächlich erst 2007
begründetes - Festival der Steppenvölker propagiert die
wissenschaftlich nicht gedeckte These
einer Abstammung der Ungarn von Hunnen und Skythen.
(Foto: Derzsi Elekes Andor [CC BY SA 4.0]
via Wikimedia Commons)

Wenig wissenschaftlich ist auch die Auseinandersetzung mit Atlantis, das mit der Heimat der slawisch-arischen Hyperböräern unter dem Eis im Norden Sibiriens verbunden wird. Hier werden Züge von Verschwörungstheorien deutlich, denn die Entdeckungen dort würden vom russischen Militärgeheimdienst geheim gehalten (der ja seinerseits tatsächlich ein geschichtspolitischer Akteur ist, vgl. Archaeologik 9.10.2022). Deuten sich da Rivalitäten an?

  • Философия Гипербореи на театральных подмостках (Philosophie von Hyperborea auf der Bühne). ИДЕОЛОГИЯ НОВЫХ СКИФОВ (21.11.2021). - http://newskif.su/2021/6336/

Diese skythischen Städte im Norden Sibiriens werden - so dies etwas wirre Weltbild - nach dem Abtauen des Eises in Folge des Klimawandels die neuen Zentren der modernen Welt sein.

  • Города Гипербореи (Hyperboräische Städte). ИДЕОЛОГИЯ НОВЫХ СКИФОВ (17.5.2016). - http://newskif.su/2020/6140/

Literatur

interne Links

Im Kontext des russischen Ukraine-Kriegs war russische Geschichtsideologie auf Archaeologik inzwischen mehrfach ein Thema. Ich bin hier kein Spezialist und maße mir kein fachliches Urteil an. Ich sammle aktuell einfach Beobachtungen und versuche diese mit Kommentaren irgendwie provisorisch einzuordnen. Sicherlich wird es da noch mehr Posts dazu geben, die vielleicht etwas mehr Durchblick liefern. Ich befürchte aber, ein klares Theoriegebäude, das wissenschaftlich ernst zu nehmen ist, gibt es da überhaupt nicht. Politisch ernst zu nehmen ist der Quatsch aber allemal, wie der russische Krieg gegen die Ukraine zeigt.


Sonntag, 28. Juni 2020

Zwischen Nazis und Sowjets: Die Krimgoten in den 1930er und 40er Jahren

Das Interesse an den alten Stätten der Krim reicht weit zurück. Der polnische Gesandte Marcin Broniewski versuchte bei seiner Krimreise 1578/79 bei der einheimischen Bevölkerung, vor allem aber bei christlichen Priestern Informationen zu sammeln. Broniewski liefert so eine Beschreibung des Mangup-Kale und des Ėski Kermen, sein Interesse richtete sich aber vor allem auf die Identifikation der bei antiken Geographen, allen voran bei Strabon, genannten Orte.
Im Kontext der Forschungsgeschichte der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit komme ich nun noch einmal zurück auf die Krim, denn hier zeigt sich sehr 'schön', wie Archäologie und Politik zusammen hängen - während des Zweiten Weltkriegs, als hier die 'gotische' Vergangenheit auf deutscher wie auf sowjetsicher Seite politisch instrumentiert wurde. aber auch aktuell, wo die Geschichte auch ein Opfer der andauernden "Krim-Krise" ist. Letzteres war bereits mehrfach Anlaß für Blogposts auf Archaeologik, auf die hier nur kurz verlinkt sei:

 

Forschungsgeschichte der südwestlichen Krim

Etwas genauer soll hier auf die Rolle der Archäologie im Zweiten Weltkrieg geblickt werden, wobei ich im Wesentlichen auf einen 2013 publizierten Artikel zurück greife, den ich indes punktuell ergänzen kann:
  • R. Schreg, Forschungen zum Umland der frühmittelalterlichen Höhlenstädte Mangup und Eski Kermen – eine umwelthistorische Perspektive. In: S. Albrecht/F. Daim/M. Herdick (Hrsg.), Die Höhensiedlungen im Bergland der Krim. Umwelt, Kulturaustausch und Transformation am Nordrand des Byzantinischen Reiches. Monographien des Römisch-Germanischen Zentralmuseums 113 (Mainz 2013) 403–445. - auf academia.edu


Es geht um die Landschaft im Südwesten der Krim, zwischen Sevastopol und Simferopol. Archäologisch sind die zahlreichen frühmittelalterlichen Höh(l)ensiedlungen prominente Fundplätze. Zu nennen sind Cufut Kale bei Bachhissaraj, Bakla und vor allem Eski kermen und Manup-Kale. Hier sind jeweils aus dem anstehenden Kalkmassiv der mittleren Bergkette des Jaila-Gebirges künstliche Höhlen herausgearbeitet, Kirchen, aber auch Ställe oder Vorratsgruben und tiefe Brunnenschächte. Obenauf waren zahlreiche Gebäude und Kirchen errichtet, von denen mit wenigen Ausnahmen aber nur wenig aufgehendes Mauerwerk zu sehen ist. Im Umfeld dieser Anlagen liegen oft ausgedehnte frühmittelalterliche Gräberfelder, oft mit reicher Grabausstattung. Sie waren daher schon lange - und sind es bis heute - ein Ziel von Raubgrabungen. Da die Gräber ebenfalls aus dem anstehenden Untergrund ausgehöhlt wurden, handelt es sich um Grabkammern, deren Funde ohne zuverlässige Befundbeobachtung nicht als gleichzeitig niedergelegt gelten können. Aufgrund der Beraubung gibt es kaum geschlossene Inventare, was die Chronologie der Funde stark beeinträchtigt und möglicherweise auch ein Faktor in der starken Diskrepanz im Vergleich zur mitteleuropäischen Chronologie darstellt. Die Funde auf der Krim gelten oft als retardierende Kulturerscheinung, weil die Bevölkerung in den abgelegenen Gebieten der Krim an ihren Traditionen fest gehalten hätte.

"Gotenfestung" Eski Kermen
(Foto: RGZM/R. Schreg)


Die betreffenden Fundstellen liegen zwar weitgehend im Inland, sind aber doch nur wenige Kilometer von den zahlreichen Hafenstädten entfernt und lassen etwa bei der Kirchenarchitektur  starke byzantinische Einflüsse erkennen. Als eine völlig abgeschiedene Gegend kann die Region schwerlich gelten.

ausgewählte Höh(l)ensiedlungen auf der südwestlichen Krim zwischen Sevastopol und Simferopol
(Kartengrundlage: OSM/ srtm/ OpenTopoMap)

Die Goten-Frage

Die ethnische Interpretation dieser Gräberfelder und Höhensiedlungen war lange ein wichtiges Thema für die Forschung. Einerseits wurde die Bevölkerung als gotisch bezeichnet, andererseits (bis heute) als alano-gotisch.

Im Hintergrund stehen verschiedene Überlieferungen seit dem 13. Jahrhundert (Wilhelm von Rubruk), die auf eine Sprache hinweisen, die dem Deutschen verwandt sei.  Daraus wurde gefolgert, dass hier die sogenannten Krimgoten zu fassen seien, die nach dem Hunneneinfall im 4. Jahrhundert auf der Krim zurück geblieben seien, während die Masse der Ostgoten dann nach Westen aufgebrochen sei. Noch im 16. Jahrhundert sind 'gotische' Sprachbelege überliefert (Ogier Ghislain de Busbecq), doch hatte das Griechische größere Bedeutung. In der Mitte des 15. Jahrhunderts hatte Giosafat Barbaro, ein venezianischer Kaufmann, der 1436 auf die Krim gereist war, wo an der Küste einige italienische Niederlassungen bestanden, vermerkte. dass sich die Krimgoten mit den ortsansässigen Alanen vermischt hätte und bezeichnete diese als Gotitalani (http://www.columbia.edu/itc/mealac/pritchett/00generallinks/kerr/vol01chap19.html), ein Begriff der ähnlich auch bei Bertrandon de la Brocquière genannt wird.

Schon Ende des 19. Jahrhunderts fanden die Krimgoten daher auch in Deutschland große Aufmerksamkeit. Dies zeigen zahlreiche deutsche Publikationen zur Krim aus dieser Zeit, etwa von dem  tschechisch-österreichischen Geograph Wilhelm Tomaschek (Tomaschek 1881), oder die Philologen Richard Loewe (1863-mind. 1931) und Friedrich Braun (1862-1942) (Loewe 1896; Braun 1890). Man suchte - erfolglos - nach gotischen Lehnwörtern im lokalen Sprachgebrauch und versuchte anthropologisch 'germanische' Eigenschaften zu finden. In dieser Phase bestand ein enger Austausch zwischen der deutschen und russischen Forschung. Tomascek etwa war Mitglied der russischen Akademie der Wissenschaften und der deutschstämmige Friedrich Braun erhielt wurde von einer Professur in St. Petersburg nach Leipzig berufen.

Archäologische Grabungen setzten auf der südwestlichen Krim erst im 19. Jahrhundert ein. Die antike Stadt Cherson entwickelte sich dabei zu einem Schwerpunkt. Früh schon wurde hier auch die byzantinische Zeit erforscht. Da der ältesten russischen Chronik, der Povest’vremennych let, zufolge die Christianisierung der Rus’ mit der Taufe Vladimirs I. im Jahr 988 in Cherson ihren Ausgangspunkt nahm, wurde das byzantinische Cherson zu einer Art russischem bzw. ukrainischem Nationaldenkmal - was sich etwa auch in der Neuorganisation nach der russischen Besetzung der Krim zeigt (Archaeologik 6.8.2015). Nicht zufällig wurde nach dem Ende der Sowjetunion gerade die Vladimirkathedrale im alten Ruinengelände aufwändig wieder aufgebaut.

Sevastopol, Vladimirkathedrale auf dem Gelände des antiken Chersonesos
(Foto: R. Schreg)


Auf den Höhensiedlungen im Landesinneren begannen die Untersuchungen ebenfalls schon im späten 19. Jahrhundert. Das Gräberfeld von Suuk-Su an der Südküste wurde ab 1903 von N.I. Repnikov ausgegraben (Repnikov 1906). Einen Höhepunkt der archäologischen Forschungen stellten die Untersuchungen von Nikolaj Lvovich Ernst (1889-1956) und Evgen Volodimirovic̆ Vejmarn vor allem in den 1920er und 1930er Jahren. Es fanden Grabungen auf dem Ėski Kermen und dem Mangup-Kale statt, darüber hinaus aber auch Untersuchungen im Umfeld der beiden Höhensiedlungen. So wurden im Umfeld des Ėski Kermen Gebäudereste und Reste einer Wasserleitung freigelegt.

Immer wieder waren von der südwestlichen Krim frühmittelalterliche Grabfunde bekannt geworden, deren Adlerschnallen und Bügelfibeln rasch als "gotisch" klassifiziert wurden.  Bis heute werden diese Gräberfelder von Raubgräbern geplündert, die mit dem illegalen Handel offenbar gute Profite erzielen. Systematische Forschungen mit einer Dokumentation der Grabkammern setzen erst verhältnismäßig spät ein. Zu nennen sind hier Untersuchungen in Lučistoe, Ėski Kermen und Almalyk unterhalb des Mangup-Kale, aber auch Notgrabungen wie in Krasni Mak. Nicht selten erfolgen die Grabungen im Wettlauf mit den Raubgräbern, die vielfach jedoch besser ausgestattet sind als die Wissenschaftler. So bleibt oft nur die nachträgliche Dokumentation bereits geplünderter Gräber. Das Problem fehlender gesicherter Grabzusammenhänge wird sich so allerdings nicht lösen lassen.

Raubgrabungslöcher auf einem frühmittelalterlichen Gräberfeld bei der Höhensiedlung Bakla
(Foto RGZM/ R. Schreg)

Raubgrabungstrichter in ein frühmittelalterliches Kammergrab bei Sevastopol
(Foto: RGZM/ R. Schreg)




Zwischen Nazis und Sowjets

Die archäologische Erforschung der "krimgotischen" Hinterlassenschaften war aber immer auch eine politische "Frage". In der Sowjetunion wurde ein Interesse an den Krimgoten nicht honoriert. Zunächst war eine Goten-Forschung noch möglich und so erschien 1921-27 auch eine umfassende Studie zu den Goten der Krim von dem Byzantinisten Aleksander Vasiliev (1936).

Sowjetische Krim-Forschung

1930 wurde jedoch am Akademie-Institut für die Geschichte der materiellen Kultur (GAIMK) eine spezielle Forschungsgruppe eingesetzt, die sich mit den Krimgoten befassen sollte. Diese Forschungseinrichtung unter Vladislav Iosifovich Ravdonikas (1894-1976) diente jedoch eher der Verleugnung der Goten. Ravdonikas hatte zu frühmittelalterlichen Grabhügeln im Nordwesten Russlands gearbeitet und war später ein wichtiger Streiter in der Normannen-Frage, bei der es um die Rolle des skandinavischen Einflusses auf die Entwicklung der Kiewer Rus ging. Als Ravdonikas 1929 bei der GAIMK in Leningrad eine Stelle erhielt, war er in Fachkreisen weitgehend umbekannt, obwohl er schon mehrere Kurgane in Nordwestrussland gegraben hatte. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er in der russischen Armee, im Bürgerkrieg in der Roten Armee. Er wurde 1918 Mitglied der Partei der Bolschewiken - und trat 1922 wieder aus, da er durch eine Versetzung für ein entferntes Parteiamt seine persönliche Freiheit eingeschränkt sah und sein Studium abschließen wollte. Als Neuling im Fach hielt er einen rasch auch gedruckten Vortrag "Für eine marxistische Geschichte der materiellen Kultur", in dem er die etablierten Wissenschaftler angriff. Seine Motive sind unklar, möglicherweise wollte er seinen durchaus gefährlichen Parteiaustritt wieder wett machen (Klejn u.a. 2012, 222ff.). In der Folge kam es tatsächlich zu einer Säuberung der alten Kader.  In einer Arbeit über die ‘Die Höhlenstädte der Krim und das Gotenproblem im Zusammenhang mit der Stadienentwicklung im nördlichen Schwarzmeerraum" setzte er 1932 seine Angriffe gegen Kollegen fort, entwickelte aber auch eine Theorie, wie die Archäologie die marxistischen Gesellschaftsstadien im Fundmaterial belegen könnte. Dabei behauptete er eine Transformation der Skythen zu Goten und dann zu Slawen. Dies wurde vor allem deshalb wichtig, weil es Bestrebungen gab, die Archäologie als eine bürgerliche Wissenschaft in der Sowjetunion ganz abzuschaffen. (ebd. 224ff.)

1934 war in der Sowjetunion das Jahr, in Stalins Terror und Säuberungen  dramatische Ausmaße annahmen. Die gesamte Führungsriege des GAIMK  fiel aus. Ravdonikas aber überstand diese Jahre, vielleicht, weil er kein Parteimitglied war. 1934 wurde er formlos promoviert, erhielt eine Professur in Leningrad  (Klejn u.a. 2012, 225ff.).

Viele Gotenforscher wurden Opfer der Stalin‘schen Säuberungen oder Repressionen.. So wurde N. L. Ernst 1936 für viele Jahre in Straflager in Sibirien geschickt. Ihm wurde sein Interesse für die Goten zum Verhängnis: man warf ihm vor, "Agent der deutschen Aufklärung" zu sein und germanophile Propaganda betrieben zu haben.  Die 'Goten' waren politisch nun hoch brisant, begründete doch das nationalsozialistische Deutschland damit seine Ansprüche auf die Krim.
Dennoch wurden noch 1938 Grabungen auf dem Mangup durchgeführt und wissenschaftliche Arbeiten zur Krim publiziert (z.B. Jakobson 1940) - allerdings mit einem besonderen Blick auf die byzantinische Zeit.
Ravdonikas - den Leo Klejn als den "roten Teufel" der sowjetischen Archäologie bezeichnete, zog sich Ende der 1940er Jahre aus der Archäologie zurück, nachdem er damit gescheitert war, die angeblich modernen Archäologen aus Leningrad gegen jene aus Moskau auszuspielen.

Deutsch-nationalsozialistische Krim-Forschung

Als die Krim im November 1941 von deutschen Truppen besetzt wurde, ergab sich ein direkter Zugriff deutscher Archäologen. Dabei machten sich zwei Institutionen gegenseitig Konkurrenz: Auf der einen Seite stand das Amt Rosenberg mit Hans Reinerth, der über den Reichsbund für deutsche Vorgeschichte in den Jahren vor dem Krieg vergeblich versucht hatte, durch die Gründung eines "Reichsinstitutes" die deutsche Vor- und Frühgeschichtsforschung unter seine Kontrolle zu bekommen. Da Alfred Rosenberg 1941 Reichsminister für die besetzten Ostgebiete wurde, sah Reinerth die Chance für ein archäologisches "Ostinstitut" gekommen. Der Einsatzstab "Reichsleiter Rosenberg" (ERR) zeigte besonderes Interesse an Forschungen auf der Krim und hatte Ėski Kermen beschlagnahmen und mit entsprechenden Hinweisschildern versehen lassen. Rosenberg war selbst im Revolutionsjahr 1917 auf der Krim gewesen und zeigte sich von den Gotenhöhlen am Mangup beeindruckt (Kunz 2005, 29).

Hans Reinerth besuchte selbst die Höhlenstädte, die er bereits 1940 in seinem Werk "Vorgeschichte der deutschen Stämme breiten Raum eingenommen hatten. Rudolf Stampfuß wurde Leiter des "Sonderstabes Vorgeschichte" im Reichskommissariat Ukraine. Stampfuß war für Museen und Ausgrabungen zuständig. In dieser Funktion ließ er deutsche Übersetzungen der Grabungstagebücher von Vejmarn und Repnikov anfertigen. Sie wurden auf der Rückseite ausgemusterter Militärkarten niedergeschrieben. Wahrscheinlich gehen auch Vermessungsarbeiten auf dem Ėski Kermen und Mangup-Kale auf seine Initiative zurück. Noch während der Schlacht um Sevastopol im Juni 1942 begann ein Vermessungs- und Kartographietrupp der Wehrmacht detaillierte Vermessungen der Höhensiedlung Ėski Kermen (19. bis zum 25. Juni 1942) und Mangup-Kale (23., 24. Juni und 7. Juli 1942). Dazu wurden fotogrammetrische Aufnahmen durchgeführt und Luftbilder der deutschen Aufklärung herangezogen. Erhalten scheint nur das Vermessungsprotokoll, das sich im Nachlaß von Rudolph Stampfuss fand.

Eski Kermen, aufgenommen im Juni 1942 von der Vermessungs- und Kartenabt. [mot] 617
(Archiv RGZM)


Spuren des Zweiten Weltkrieges sind in der Landschaft bis heute massiv präsent.   Bei den Surveys, die das RGZM 2006 bis 2009 mit Kollegen vor Ort durchführte, wurden unweit südlich des Eski Kermen an der dortgen Steilkante, die den Blick auf das Chornaya-Tal ermöglicht, die Spuren einer wohl deutschen Schützenstellung gefunden, in der Reste von Militärgeschirr sowie ein Sprengkopf lag. Vermutlich fanden die Vermessungsarbeiten am Eski Kermen direkt am Rand des Schlachtfeldes statt. Auf wessen Befehl die archäologischen Arbeiten gerade in dieser Situation durchgeführt wurden, ist bisher nicht bekannt.

Deutsche Wochenschau 592 , Feb 1942: deutsche Truppen vor Sevastopol
(via https://archive.org/details/1942-01-07-Die-Deutsche-Wochenschau-592)
Lesesteinhaufen mit byzantinischer Keramik und Stellung des Zweiten Weltkriegs
(Foto: RGZM/ R. Schreg)


In verschiedenen Publikationen schlachteten Stampfuß (1942; 1943), aber auch andere Archäologen (z.B. Toepfer 1942) die Krimgoten und die Gotenburgen propagandistisch aus.
 
EskiKermen auf dem Titelblatt der Zeitschrift Germanen-Erbe des Reichsbund nfür Deutsche Vorzeit, 1942

Auf der anderen Seite standen das SS-Ahnenerbe und das "Sonderkommando Jankuhn". Herbert Jankuhn bemühte sich insbesondere um die "Sicherstellung" des Schatzes von Kerč, einem Komplex herausragender "gotischer" Objekte aus den dortigen zahlreichen völkerwanderungszeitlichen Prunkgräbern. Da die Sowjets das Museum in Kerč jedoch evakuiert hatten, schloss sich Jankuhn der berüchtigten SS-Panzerdivision Viking an, in deren Begleitung auch ein Kommando der SD-Einsatzgruppe D operierte, die mit einem mobilen Gaswagen die Judenvernichtung vor Ort betrieb. Als Heinrich Himmler auf Forschungen zu den Krimgoten drängte und im September 1942 schließlich ankündigte, selbst die Höhlenstädte zu besuchen, war Jankuhn in Maikop im nördlichen Kaukasus immer noch mit der Suche nach den Museumsbeständen aus Kerč beschäftigt. Er schickte daher Karl Kersten, der sich in seinem Kommando aufhielt, auf die südwestliche Krim. Kersten besuchte Čufut Kale, Bakla und Ėski Kermen, nicht aber den Mangup-Kale, da hier kurz zuvor Partisanenaktivitäten gemeldet wurden. Auch als Himmler im Oktober 1942 die Gotenstädte besuchen wollte, war dies zu gefährlich. Eine deutsche Operation gegen die Partisanen war eben gescheitert. Angesichts der Beschlagnahmung des Ėski Kermen durch den Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg wurde im Oktober 1942 eine Gegenstrategie entwickelt. Wolfram Sievers, Geschäftsführer des SS-Ahnenerbe, hatte  Kersten am 5. Oktober mittels Funkspruch angewiesen, "alles Erfassbare beschlagnahmen zu lassen". Die zuvor durch Rosenberg veranlassten Beschlagnahmungen sah man als ungültig an. Dabei berief man sich darauf, dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft schon 1929 Grabungsrechte am Ėski Kermen erworben habe, die auf das Ahnenerbe übertragen worden wären.
Josef Sauer, Professor für christliche Archäologie an der Universität Freiburg, publizierte 1932 einen Überblicksartikel, der sich mit den christlichen Denkmäler "im Gotengebiet" der Krim befasste. Im Sommer 1929 hatte die DFG ihm eine Forschungsreise zu den Grabungen am Ėski Kermen finanziert und dabei angeblich auch besagte Grabungsrechte erhalten. Soweit bekannt, erfolgten die Grabungen 1929-1935 jedoch ohne deutsche Beteiligung.

Das Germanentum der Krimgoten wurde massiv propagiert, um deutsche Gebietsansprüche zu begründen. Es sollte auf der Krim ein "Gotenland" bzw. ein "Gotengau" gegründet werden, der unter anderem dazu dienen sollte, den aus dem verbündeten Italien ausgesiedelten Südtirolern eine neue Heimstatt zu geben. Der Streit um die ethnische Interpretation der frühmittelalterlichen Grabfunde der südwestlichen Krim drehte sich häufig mehr um politische Ansprüche als um objektive archäologisch-historische Forschung. Auf beiden Seiten wurde mit dem gleichen methodischen Instrumentarium argumentiert: der Siedlungsarchäologie im Sinne von Gustaf Kossinna. Sein Werk stand in der damaligen archäologischen Forschungslandschaft nicht isoliert und hatte enormen Einfluss über Deutschland hinaus, auch in Osteuropa. In der Sowjetunion setzte man sich mit seinen Ansätzen intensiv auseinander. Zunächst erfolgte dies eher in Abgrenzung, nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch in einer langsamen Annäherung.

Angesichts schriftlicher Quellen, die von einer "gotischen" Bevölkerung der Krim sprechen, propagierte die deutsche Seite deren reines Gotentum, während die sowjetische Forschung dies abstritt oder doch relativierte, gleichwohl aber ethnische Gruppen nachzuweisen suchte. Die von russischen Kollegen vertretene Vorstellung von "Alano-Goten" trägt der prinzipiellen Vermischung unterschiedlicher Traditionen Rechnung, hält aber gleichwohl an ethnischen Interpretationen und an der zentralen historischen Bedeutung ethnischer Entitäten fest.

Die  sowjetische Forschung setzte dem heroischen Gotenbild der Nationalsozialisten auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg ein Bild entgegen, das die Goten als einen Stamm russischer Slawen oder als Teil der indigenen Bevölkerung auffasste. Teilweise wurden die Goten auch lächerlich gemacht, indem sie als sonderbarer unbedeutender Stamm ohne eigene Kultur dargestellt wurden (Shnirelman 1995, 136). Überhaupt: Germanen waren in der sowjetischen Darstellung ein primitives Volk. Die germanische Sprache sei als Übergang zwischen  'Japhetischen" Sprachen (angebl. mit dem Semitischen verwandte Sprachen des Kaukasus) und dem Keltischen zu verstehen und die Germanen seien unter dem Einfluss von Kelten und Proto-Slawen nur oberflächlich indogermanisiert. Das deutsche Volk sei erst seit dem 10. Jahrhundert als Mischung verschiedener Rassen und Ethnien entstanden (Shnirelman 1995, 136).
Nach dem Krieg, 1948 rechnete E. V. Vejmarn mit seinen Kollegen – vor allem N. I. Repnikov und Anatolij Leopoldovič Jakobson – ab und bezichtigte sie, "bewusst oder unbewusst den deutschen Imperialisten in die Hände" zu spielen. Er verurteilte die Auseinandersetzung mit den "Goten" genauso wie die mit der Rolle von Byzanz und forderte, die Geschichte der Krim müsse "in untrennbarem Zusammenhang mit der Geschichte der Völker der UdSSR, der Geschichte des großen russischen Volkes, geschrieben" werden.


Ein neuer Altfund von 1938

Im Jahr 1938 grub die russische Archäologin Maria Tikhanova (1898-1981) die Basilika des Mangup aus und fand dabei zwei Marmorplatten, die nach ihrer Verzierung in frühbyzantinsiche Zeit gehörten und wohl der ersten Bauphase der Kirche zuzuschreiben sind, aber sekundär im angebuaten Baptisterium als Bodenplatten verwendet und mit mehreren Graffiti geritzt wurden. Eine der Platten überdeckte ein Grab.
Die  beiden Platten wurden in einer Publikation Anfang der 1950er Jahren zwar kurz beschrieben, aber erst vor wenigen Jahren in ihrer Bedeutung erkannt.  Fünf Graffiti sind in einem Alphabet ähnlich der gotischen Wulfila-Bibel geschrieben und repräsentieren tatsächlich Texte in gotischer Sprache. Es handelt sich um kurze Gebete, wie sie ähnlich auf den Steinen auch auf Griechisch zu finden sind (Vinogradov/Korobov 2018).
Die Inschriften sind bislang außer wesentlich jüngeren und im Detail disktuablen Sprachbelegen die einzigen Zeugnisse der gotischen Sprache auf der Krim, von der man bisher auch nicht wußte, dass sie geschrieben wurden. Die Graffiti werden in das späte 9. und ins 10. Jahrhundert datiert, werden zum Teil von jüngeren griechischen Inschriften überlagert.

Es scheint keine Indizien zu geben, dass diese Inschriften bewusst unterschlagen worden sind. Wahrscheinlich wurde einfach den nicht leserlichen Inschriften keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt.
Mangup, Basilika
(Foto: RGZM/ R. Schreg)

Der Unsinn ethnischer Interpretation

Die neuen Inschriften stehen bisher isoliert. Das Fundmaterial des 9. und 10. Jahrhunderts weist keine 'gotischen' Charakteristika auf. Selbst in der Völkerwanderungszeit fällt es schwer, 'gotische' Funde zu bestimmen, wenn es auch einige Funde gibt, die Parallelen in großer Distanz in Nordeuropa finden. In dieser Zeit können Fernbeziehungen aber immer wieder festgestellt werden und dürften weniger auf Wanderungen, als auf Elitennetzwerke zurück zu führen sein.

Nach dem Zweiten Weltkrieg (bzw. bereits in den letzten NS-Jahren beginnend) wurden ethnische Interpretationen in Deutschland vordergründig gemieden und die Diskussion nur nebenbei in einer Ablehnung der Kossinna-Schule (und Hans Reinerths) aufgegriffen (z.B. Wahle 1941; Goessler 1949/50). Dies geschah nicht aufgrund einer kritischen Aufarbeitung der Forschungsansätze, sondern stellt eine Verdrängung eines kritischen Themas dar, wie sie den Umgang mit dem Nationalsozialismus in den frühen Jahren der Bundesrepublik generell kennzeichnete. Erst seit den 1990er Jahren erfolgte fachintern eine intensivere Auseinandersetzung mit der Forschungsgeschichte im Nationalsozialismus und eine breitere methodisch-theoretische Reflektion über die historische Bedeutung von Ethnien und die Möglichkeiten einer archäologischen ethnischen Deutung (z.B. Brather 2004). So stellt sich heute die Frage, inwiefern Ethnien tatsächlich die historisch entscheidenden Größen der Geschichte gewesen sind, ob sie nicht ein viel zu statisches Bild der Geschichte vermitteln und ob sie nicht eher den Blick auf andere, wichtigere gesellschaftliche Prozesse verstellen. Wichtiger als die ethnische Identifikation archäologischer Funde erscheint heute die Auseinandersetzung mit Prozessen sozialen und kulturellen Wandels und die Identifikation von identitätsstiftenden Werten.

Meines Erachtens helfen ethnische Identifikationen beim Verständnis der betreffenden Gesellschaften und ihrer kulturellen Entwicklung grundsätzlich nicht weiter. Im Gegenteil: Die ethnische Deutung verstellt eher den Blick auf sehr viel wesentlichere Aspekte und sie suggeriert, die historische Entwicklung sei schicksalhaft mit einer unveränderlichen ethnischen Identität verbunden. Die ethnische Identität an sich hat kein historisches Erklärungspotential, denn hier ist sehr viel mehr auf soziale Praktiken und Traditionen, auf Öffnung oder Abschluss, auf Normierung oder Vielfalt zu achten; es ist die Wirtschaft im Hinblick auf Produktion und Konsum zu analysieren und es sind die komplexen Mensch-Umwelt-Interaktionen zu berücksichtigen. Sekundär  können all diese Faktoren sehr wohl zu einer ethnischen Identität beitragen, die aber jeweils historisch, d.h. in einem ganz spezifischen Zeithorizont zu sehen ist.


In den 1950er Jahren befasste sich Anatoly Leopoldovich Jakobson (1906-1984), der sich vor allem um die Erforschung von Cherson verdient gemacht hat, mit den ländlichen Siedlungen des Berglandes. Er grub an zahlreichen Plätzen, vor allem am Nordrand des Beidarska-Beckens, rund 10 km südlich des Mangup-Kale. Er konnte Steingebäude kleiner weilerartiger Siedlungen nachweisen und in Einzelfällen auch die angrenzende Feldflur erfassen.

Während der Nachkriegszeit kam es auf Ėski Kermen und Mangup-Kale zwar immer wieder zu Grabungskampagnen, jedoch arbeiten erst die Expeditionen von A. I. Ajbabin und A. G. Gercen seit Ende der 1980er Jahren wieder intensiv an beiden Bergen Eski Kermen und Mangup.

Seit 2014 sind die gotische Funde schon wieder zwischen den politischen Fronten, diesmal allerdings weniger ideologisch überfrachtet:


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Literaturhinweise

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    D. Mahrsarski, Herbert Jankuhn (1905 - 1990). Ein deutscher Prähistoriker zwischen nationalsozialistischer Ideologie und wissenschaftlicher Objektivität. Internationale Archäologie 114 (Rahden/Westf. 2011).
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  • Stampfuss 1942
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  • Toepfer 1942
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  • Tomascek1881
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  • Vasiliev 1936
    A. Vasiliev, The Goths in the Crimea (Cambridge, Massachusetts, 1936) [russ. original 1921-27.
  • Vinogradov/Korobov 2018
    A. Vinogradov/M. Korobov, Gothic graffiti from the Mangup basilica. Nowele 71, 2018, 223–235.
  • Wahle 1941
    E. Wahle, Zur ethnischen Deutung frühgeschichtlicher Kulturprovinzen. Grenzen der frühgeschichtlichen Erkenntnis. Sitzungsber. Heidelberger Akad. Wiss., Phil.-Hist. Kl. 2. Abh. 1 (Heidelberg 1941).
  • Виноградов/Коробов 2015
    А.Ю. Виноградов/М.И. Коробов, Готские граффити из мангупской базилики. Средние века 76, 3-4, 2015, 57–75.  - https://publications.hse.ru/articles/164572880