Dienstag, 3. Mai 2022

Skythisches Gold verschwunden

Im städtischen Museum von Melitopol wurden Funde aus einem 1954 im Stadtgebiet ausgegrabenen skythischen Grabhügel des 4. Jahrhunderts v.Chr. aufbewahrt.  Damals wurden zwei Gräber aufgedeckt, ein Frauengrab mit Wagen und Goldapplikationen sowie ein Kriegergrab mit Pferdebestattungen. Aus dem Kriegergrab stammt - aus einem Versteckgrube in der ansonsten beraubten Grabkammer - der goldene Beschlag eines Goryt, das ist ein Pfeilköcher (Abb.). Dieses Stück ist international bekannt und wurde als Briefmarkenmotiv gewählt, aber auch als besonderes Prachtstück schon vor Jahren für eine Ausstelllung nationaler Schätze nach Kyiv gebracht.

Ukrainische Briefmarke von 1999 mit der Darstellung
des goldenen Beschlags eines Köchers ("Goryt")



Der goldene skythische Goryt aus einem Kurgan bei Melitopol,
Museum of Historical Treasures of Ukraine
(Foto: VoidWanderer [CC BY-SA 4.0] via WikimediaCommons)


Einige wichtige Objekte des Museums in Melitopol waren laut aktuellen Meldungen rechtzeitig in einen Tresor in Kyiv gebracht worden (was sich auch auf die frühere Verlagerung des Goryt beziehen könnte), anderes konnte aber nur noch schnell in einem Keller versteckt werden. Laut Zeitungsberichten, die sich auf den im Exil befindlichen Bürgermeister Iwan Feodorov und die Museumsdirektorin Leila Ibragimova berufen, holten ein Mann "in weißem Kittel" in Begleitung eines Trupps Soldaten "mindestens 198 Goldgegenstände, darunter blumenförmige Ornamente, Goldplatten, seltene alte Waffen, Silbermünzen und besondere Medaillen" gezielt aus dem Keller. In prorussischen Medien soll es ein Video geben, das diesen (?) Vorfall zeigt.

Es scheint, als wäre hier nicht eine plündernde Soldateska über das Gold hergefallen - oder ein dreister Museumsraub vorliegen. Vielmehr dürfte es sich um eine offizielle russische Maßnahme handeln, die man beschönigend als Sicherstellung (wie das auch die echten Nazis in Kyiv getan haben), zutreffender aber wohl als Diebstahl zu bezeichnen hat. Möglicherweise wird man die Funde eines Tages in St. Petersburg wieder entdecken. Aktuell ist ihr Verbleib unbekannt.

Melitopol wurde bereits Ende Februar von russischen Truppen eingenommen. Viele Offizielle, Politiker und Journalisten, wurden festgenommen, darunter am 10. März auch die Museumsdirektorin Leila Ibragimova, die auch als Vertreterin der Krimtataren und als Abgeordnete im Bezirksbeirat fungiert. Näheres über das Datum der russischen "Beschlagnahme" und due genaue Benennung der abhanden gekommenen Objekte, scheint bislang  nicht bekannt.




Das städtische Museum in Melitopol, 2016
(Foto: Сарапулов [CC BY-SA 4.0] via WikimediaCommons)

Links


Literatur

  • А.И. Тереножкин,  Скифский курган в Мелитополе [Skythischer Kurgan von Melitopol]. Краткие сообщения Института археологии (Киев) 5, 1955, 23-34. Kiev, 1955. - http://www.vgosau.kiev.ua/load_period-sb/ksiau_05.pdf
  • K. Stähler / H.H Nieswandt. Der Skythische Goryt aus dem Melitopol-Kurgan. Boreas. Münstersche Beiträge zur Archäologie 14, 1991-92, 85-108.
  • R. Rolle, Totenkult der Skythen, Tl I, Das Steppengebiet. Vorgeschichtliche Forschungen2019 (Berlin, Boston 1979). S. 79ff.

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