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Samstag, 29. August 2026

Hitler entsorgen - Dachboden- und Kellerfunde und das Erinnern

Noch ein Jahr lang ist im vorarlberg museum in Bregenz unter dem Titel „Baustelle Erinnerung | Hitler entsorgen“ eine vom Haus der Geschichte Österreichs hdgö übernommene Ausstellung zum Umgang mit NS-Objekten zu sehen. Sie lädt den Besucher ein, sich mit Familienerbstücken bewusst auseinanderzusetzen - ausgehend von der Frage „aufbewahren, verkaufen, zerstören?“

Die Ausstellung „Hitler entsorgen. Vom Keller ins Museum“ wurde schon ab 2018 konzipiert und zunächst 2021-2023 im Hdgö in Wien, dann in Innsbruck und Klagenfurt sowie zuletzt auf der Franzensfeste präsentiert. In der Festung Franzensfeste im italienischen Südtirol wurde die Ausstellung um eine regionale Perspektive „Mussolini entsorgen“ erweitert, die Südtirols Geschichte im Kontext von Faschismus und Nationalsozialismus beleuchtet. 

In Österreich, aber auch in Deutschland hat die Ausstellung einige Aufmerksamkeit und in der Regel positive Resonanz gefunden.


Zur Ausstellung ist auch ein Katalog erschienen.


  • M. Sommer (Hrsg.), Hitler entsorgen. Vom Keller ins Museum = Disposing of Hitler : out of the cellar, into the museum (Wien 2021). ISBN 9783010000505


Mit einer Alpen-Exkursion der Bamberger AMANZ 2025, die einen Schwerpunkt auf der Neuzeitarchäologie hatte, haben wir die Ausstellung in der Franzens-Feste besucht. Zu Beginn und am Ende wurden die Besucher gebeten, auf Papierkärtchen ihre Meinung festzuhalten. Als wir da waren, hat sich das Meinungsbild zum Ende der Ausstellung sehr eindeutig zum Aufbewahren und kritischem Erinnern verschoben. Neben Computerstationen sind in der Ausstellung vor allem die analog gestalteten Informationen und Interaktionen positiv hervorzuheben. Die Besucherinnen und Besucher werden damit dazu angehalten, nicht nur passiv zu konsumieren, sondern sich aktiv mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Es geht vorrangig um die Frage nach dem Umgang mit Relikten der NS-Zeit in Privatbesitz. Vieles taucht im Nachlass von Eltern und Großeltern auf. Geht es nicht um schriftliche Zeugnisse, sondern um Objekte, fehlt oft ein Kontext. Das gilt insbesondere für die NS-Objekte, die angeblich als historische Zeugnisse im Internet gehandelt werden - vielfach, aber genau diesen Zeugniswert durch eine Entkontextualisierung verloren haben und nun doch eher als gruselige Nazi-Devotionalien erscheinen.

Hier setzt die Ausstellung an. „Was tun mit Überbleibseln des Nationalsozialismus? Bewahren, entsorgen oder verkaufen? Die vom Haus der Geschichte Österreich (hdgö) konzipierte Ausstellung beleuchtet den Umgang mit NS-Relikten und fragt nach der gesellschaftlichen Verantwortung im Umgang mit diesen Objekten.“

Die Ausstellung zeigt exemplarisch Objekte der NS-Zeit, von denen die meisten beim hdgö in Wien abgegeben wurden. Dabei präsentiert die Ausstellung auch genau diese Abgabe, indem die Verpackungen, in denen die Objekte eingeliefert wurden, ebenso präsentiert werden wie die Begleitschreiben. Sie verraten viel über den unsicheren Umgang mit diesem Erbe. Eine dieser Verpackungen ist zum Symbolbild der Ausstellung geworden: das Filmschächtelchen beschriftet mit „Nazi Dreck“

An zahlreichen Objekten wurden Leitfragen entwickelt und beantwortet.Stets wird deutlich, dass die Objekte im Kontext zu sehen sind (was bei vielen archäologischen Ausstellungen bis heute nicht passiert). Zu jedem einzelnen Objekt wird gefragt:

  • Was ist dieses Objekt?
  • Wofür steht dieses Objekt?
  • Wer verwendete dieses Objekt auf welche Art und Weise?
  • Was wird über dieses Objekt erzählt?
  • Wie kann dieses Objekt im Museum verwendet werden?

Die gezeigten Objekte sind mehr als historische Relikte - sie regen zu einer tiefgehenden Auseinandersetzung mit Ideologie, Politik und persönlichen Erinnerungen an.

In Österreich hat die Thematik noch mal eine besondere Brisanz, da seit 2023 verschärfte Bestimmungen im Verbotsgesetz zu Verharmlosung des Holocaust gelten. Sie sehen vor, dass NS-Devotionalien - Originale oder moderne Schöpfungen - eingezogen und vernichtet werden können. Sammler und Konservative beklagen diese Regelungen als Enteignung oder Geschichtsvernichtung. Sie kolportieren, der Besitz von NS-Objekten sei generell verboten und Opas Fotoalbum müsse abgegeben und vernichtet werden.

Tatsächlich reagiert die gesetzliche Regelungen “vor allem auf Fälle, in denen Personen "ganze Keller voll" an NS-Devotionalien gehortet hätten, ohne dass ihnen diese bislang entzogen werden konnte.” Es geht lediglich um solche Fälle, bei denen nicht gewährleistet ist, dass “der Verfügungsberechtigte (…) Gewähr dafür (bietet), dass die Gegenstände nicht zur Begehung strafbarer Handlungen verwendet werden.” Strafbare Handlungen sind in diesem Kontext irgendwie geartete Betätigungen “für die NSDAP oder ihre Ziele”. Das Gesetz richtet sich gegen Alt- und Neonazis, wobei eine Einziehung der Objekte auch dann möglich ist, wenn es diesbezüglich nicht zu einer Verurteilung kommt. Gerichtlich kann dann auch bei einem Freispruch eine Einziehung bestimmt werden. Sammler, die in den Verdacht geraten, rechte Positionen zu vertreten (oder die der Faszination des Bösen verfallen sind und keine Distanzierung erkennen lassen) laufen Gefahr, dass ihre Sammlung eingezogen werden könnte. 

In Deutschland geht solches derzeit nicht, wie der Fall des AfD-Landtagsabgeordneten Daniel Halemba zeigt. Die Staatsanwaltschaft hat Klage wegen Volksverhetzung, Geldwäsche, Sachbeschädigung, Nötigung und versuchter Nötigung erhoben. Eine Anklage wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger und terroristischer Organisationen wurde vom Gericht aber nicht zugelassen. In seinem Zimmer in einer Würzburger Studentenverbindung soll er einen von Heinrich Himmler aus dem Jahr 1939 stammenden SS-Befehl zur Schau gestellt haben. Da er den SS-Befehl nicht öffentlich gezeigt habe, ist keine Strafbarkeit gegeben. Mit der österreichischen Regelung wäre hier nun - trotz Unschuldsvermutung, ausbleibender Anklage und ggf. auch Freispruch in den Anklagepunkten - gerichtlich eine Einziehung des SS-Befehls möglich. Eine automatische Vernichtung scheint nicht vorgesehen, denn richtig kontextualisiert kann Nazi-Dreck eben auch wichtige Quelle oder Erinnerungsmal sein.

Die Ausstellung thematisierte jedenfalls auf der Franzensfeste diese eher juristischen Aspekte nur am Rande, beschäftigt aber die Sammler, die wir bei der Exkursion kennen gelernt haben, sehr. Sie sehen eine tatsächlich eingetretene Verunsicherung im Umgang mit historischen Dokumenten der NS-Zeit in Familienbesitz, sehen das Risiko des Verlustes, aber auch die Bildung eines Schwarzmarktes mit erhöhten Preisen,

Familienalbum aus NS-Zeit, Reichsparteitag Septt. 1935
(Privatbesitz)

 

In Bregenz ist die Ausstellung nun in eine größere Landesausstellung „Baustelle Erinnerung“ eingebettet. Sie präsentiert die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus als eine Baustelle und gemeinsame Verantwortung. Drei weitere Ausstellungsteile betreffen das Trachtenwesen, den NS-Kunst- und Ausstellungsbetrieb sowie die Südtiroler Siedlungen im Zuge des Hitler-Mussolini-Abkommens.

Mit der im Jahr 1939 gegründeten „Mittelstelle Deutsche Tracht“ in Innsbruck wurde die sogenannte Trachtenerneuerung systematisch organisiert. Tracht wurde im Nationalsozialismus zur Definition verwendet, wer dazugehören durfte - und wer nicht: Bereits ab Mitte 1938 galt ein Trachtenverbot für Juden in Vorarlberg und Tirol.

Das Erinnerung an die Verbrechen der NS-Zeit, die mit ihren Millionen Toten das normale Vorstellungsmaß so dermaßen sprengen, gestaltet sich extrem schwierig, kaum da die Zeitzeugen weitgehend weg gestorben sind. Angesichts der aktuellen Wahlergebnisse (oder bisher Prognosen) wird auch deutlich, dass man mit bisherigen Konzepten nicht zufrieden sein kann. Ohne Zeitzeugen wird das noch schwieriger und es wird nötig sein, die Objekte dazu besser heranzuziehen. Dabei gilt es, Anknüpfungspunkte zu schaffen - durch die Familiengeschichte und die Dachbodenfunde, aber auh durch archäologische Ausgrabungen, wo es eine Herausforderung für die Denkmalpflege geben wird, zu begreifen, dass die Ausgrabung hier selbst die entscheidende Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sein kann. Schützen für die Zukunft ist hier nicht sehr plausibel, wenn es jetzt heißen mus: Nie wieder!

Literatur

  • Franz-Stefan Meissel, Umgang mit einem schwierigen Erbe Österreichs NS-Zeit und das Recht (Wien 2025). - ISBN 978-3-214-26057-6
  • L. Beckershaus/ M. Fösl/ L. Langeder, “Hitler entsorgen” - oder soll das ins Museum? In: D. Döring/ M. Vöhringer (Hrsg.), Friktionen kuratieren. Für eine politische Wissensgeschichte des Ausstellens (Bielefeld 2025) 267-285. - DOI: https://doi.org/10.14361/9783839468838-018
  • Monika Sommer (Hrsg.), Hitler entsorgen. Vom Keller ins Museum. (Wien 2021). -
  • Louise Beckershaus / Stefan Benedik / Markus Fösl / Laura Langeder /Eva Meran / Monika Sommer, Aura versus Dialogue. Displaying Nazi Objects in the Exhibition. Disposing of Hitler: Out of the Cellar, Into the Museum. OeZG 34, 2023, S. 266-277. - DOI: https://doi.org/10.25365/oezg-2023-34-1-13
  • Chloe Paver, “Wartime” Ephemera from the Family Home in German and Austrian History Museums: A Counterexample to the British Case. Genealogy 2024, 8(2), 70 . - Doi: https://doi.org/10.3390/genealogy8020070

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Mittwoch, 17. Juli 2024

Das gemeinsame österreichisch-bayerische Positionspapier zu Funden aus der NS-Zeit

Eine gemeinsame AG des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege und des österreichischen Bundesdenkmalamts hat am 10.7.2024 im Dokumentationszentrum auf dem Obersalzberg ein Positionspapier zum Umgang mit Funden aus der NS-Zeit vorgestellt.

Hintergrund ist, dass sich die Archäologie der Moderne in den letzten Jahren nicht zuletzt in der Auseinandersetzung mit den Hinterlassenschaften der NS-Zeit in Deutschland und Österreich etabliert hat. Einerseits sind hier viele Maßnahmen und Projekte der Archäologischen Denkmalpflege in zahlreichen deutschen Bundesländern, andererseits aber auch eine zunehmende Bedeutung in der univeritären Forschung und Lehre zu verzeichnen, wie das insbesondere Claudia Theune an der Universität Wien voran getrieben hat.

Das Positionspapier ist mit einer einzigen Seite betont kurz und stellt nur einige Thesen auf.  Die Notwendigkeit der Erhaltung, der qualifizierten Erfassung, Dokumentation und Erforschung dieser Bodendenkmale begründet das Papier mit fünf Punkten:

  • der historischen Einmaligkeit des Holocausts
  • der Bedeutung der Verbrechen gegen die Menschlichkeit der NS-Diktatur
  • der intentionellen Auswahl erhaltener schriftlicher und bildlicher Überlieferung
  • dem Ende der Generation der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen
  • der Einmaligkeit archäologischer Quellen

Der letzte Punkt verweist auf den Quellenwert der Funde und deren wissenschaftliche Aussagekraft, was aber in der Kürze des Papiers nicht weiter ausgeführt wird. Erläuternd wird nur etwas abgehoben formuliert: "Denkmalbegriff und Arbeitsweise der Bodendenkmalpflege und Archäologie bieten Grundlagen für ein im Raum skalierbares und ganzheitliches Verständnis struktureller und systemischer Zusammenhänge. Methoden der Archäologie und assoziierter Wissenschaften sind geeignet, die textliche, mündliche und bildliche Überlieferung zu objektivieren, zu vervollständigen und zu erklären. Archäologische Strukturen und Objekte erschließen neue Bedeutungen. Sie reichen über herkömmliche Interpretationen und gängige Denkmalwerte hinaus und sind bei der Beurteilung der materiellen Überlieferung einzubeziehen („forensischer Wert“, „empathischer Wert“ i.S. Alterswert nach Riegl)."

So kurz und wenig selbsterklärend das Papier ist, die Vorstellung auf dem Obersalzberg schint das Ziel erreicht zu haben. Mit der offiziellen Vorstellung des bereits in den Oktober 2023 datierten kurzen und spröden Positionspapiers in einem internationalen Rahmen, in den auch der bayerische  Wissenschaftsminister Markus Blume (CSU), der Generalkonservator Mathias Pfeil vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege beteiligt waren, sind zahlreiche Medienberichte erschienen, die das Thema dann genauer und anschaulicher darstellen.

Hervorzuheben ist vor allem ein Artikel des Standard:

Der Standard, aber auch andere Berichte verweisen auf das Beispiel archäologischer Funde von Schloß Hartheim bei Linz, wo zwischen 1941 und 1944 rund 30.000 Menschen ermordet wurden - psychisch Kranke, aber auch Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge. 2001 wurden bei Bauarbeiten für eine Fernwärmeleitung rund 8.000 Objekte gefunden, wie zum Beispiel Brillen, Broschen, Rosenkränze, Wallfahrtsanhänger, Parteiabzeichen, Zahnbürsten, Kämme, Seifen, Geschirr und auch Identifikationsmarken ermordeter KZ-Häftlinge. Sie sind vielfach der entscheidende Beleg ihrer Ermordung in Hartheim und somit wichtig, die Schicksale der Opfer des NS-Terrors zu rekonstruieren. Sie zeigen plastisch, dass NS-Morde nicht nur "die Anderen" betroffen haben, sondern, dass diese Ideologie vor Keinem Halt macht. Die archäologischen Funde illustrieren die verschiedenen Opfergruppen. Mehr als hundert Rosenkränze weisen darauf hin, dass auch Katholiken ermordet wurden, ein teurer Lippenstift macht deutlich, dass auch Frauen aus wohlhabenden Kreisen zu den Opfern gehörten.

Dass das Eigentum von Opfern eines verbrecherischen Regimes, die hier mishandelt und ermordet wurden, nicht einfach als Müll entsorgt werden können ist leicht einzusehen. Anders steht es um die Täterfunde, etwa vom Obersalzberg.  Sie werden allzu leicht zu NS-Devotionalien und sind deshalb von irren Sammlern heiß begehrt. Erst vor wenigen Tagen sind wieder Objekte aus der Gedenkstätte Flossenbürg gestohlen worden.

Zweifellos kommt auch ihnen ein Erinnerungswert zu, der jedoch eine Kontextualisierung voraussetzt. Insofern ist Jürgen Kunow zu widerprechen, der Funde der Archäologie der Moderne als Beleg sieht, dass archäologische Funde auch ohne wissenschaftliche Fragestellung ein denkmalpflegerisch bedeutender Erinnerungswert zukommen kann (Kunow/ Rind 2022, #). Das ist prinzipiell richtig, aber ohne wissenschaftliche Kontextualisierung bewirkt die Banalität des Täteralltags eine Relativierung der Verbrechen und ohne sie gewinnen die Funde in entsprechenden Kreisen einen unangemessenen Reliquien- und Devotionalienstatus. Es ist tatsächlich erst der wissenschaftliche Zugang und der Quellencharakter, der eine denkmalpflegerische Betreuung rechtfertigt. Erinnerungsarbeit ohne wissenschaftlichen Anspruch läuft Gefahr, dass sie sich vor irgendeinen politischen Karren spannen lässt.

 

"Obersalzberg.- Adolf Hitler beim Lesen im Haus Wachenfeld, 1936"
Alltagsgegenstände auf dem Obersalzberg
Foto: Bundesarchiv, Bild 146-1973-034-42 / Heinrich Hoffmann / CC-BY-SA 3.0)


Die Funde der NS-Zeit verweisen auf die Notwendigkeit der Kontextualisierung. Opfer wie Täter verwendeten Zahnbürsten. Sind  nun Täterfunde anders zu behandeln als Opferfunde?

Lohnt es sich in Täterfunde Geld zu investieren? Unter dem Bericht in den Salzburger Nachrichten findet sich ein Kommentar, der in seiner Kürze deutlich macht, dass gegenüber der Öffentlichkeit hier ein Erklärungsbedarf besteht.

Wann hört diese Devotionalienklauberei eigentlich mal auf? Der rechte Rand unserer Gesellschaft muss politisch bekämpft werden! Das schafft man nicht mit alten Scherben und Lederschuhen! (https://www.sn.at/salzburg/chronik/funde-obersalzberg-zeit-fuehrers-zahnbuersten-rosenkraenzen-161560363)

Fundstellen der Moderne sind zahlreich und liefern oft auch Massen an Funden. Lagerung, aber auch die Konservierung der Funde - oft aus irgendwelchen Kunststoffen hergestellt, deren genauen Materialeigenschaften nach Jahrzehnten der Bodenlagerung völlig unbekannt sind - bieten hier besondere Herausforderungen und verlangen nach einer klaren Strategie im Umgang mit ihnen.

In einem Interview mit dem Spiegel formuliert Stefanie Berg vom BLfD das mögliche Vorgehen plastisch:

"Wenn wir an einem Ort 1000 Gasmasken finden, dann genügt es natürlich, wenn wir das dokumentieren und eine Maske aufbewahren. Wenn es um Besitztümer von Opfern geht, tue ich mich schwer mit der Entsorgung. Oft handelt es sich ja um die letzten Habseligkeiten und Erinnerungen an diese Menschen, da tragen wir eine große ethische Verantwortung."

Claudia Theune erinnert daran, dass es in Archiven gang und gäbe ist, eine Auswahl dessen zu treffen, was aufbewahrt werden soll und anderes zu kassieren. In der Archäologie ist dieser Gedanke ungewohnt - wiewohl gängige Praxis - allerdings mit völlig unreflektierten Kriterien. Ein aktuelles Forschungsvorhaben zur spätmittelalterlichen Keramik hier in Bamberg sieht sich aktuell damit konfrontiert, dass man vermutlich glasierte Keramik als vermeintlich neuzeitlich einfach undokumentiert weggeworfen hat. Man muss sich hier an potentiellen Fragestellungen orientieren, die aber bisher nur vage bleiben, da noch kaum wissenschaftliche Arbeiten vorliegen.

Der Quellenwert

In einem Interview mit dem Spiegel stellt Stefanie Berg vom BLfD fest:

"Archäologische Funde sind objektiv, sie irren sich nicht und fügen den schriftlichen und mündlichen Überlieferungen manchmal sogar bisher Unbekanntes und Überraschendes hinzu."

Das ist natürlich nur begrenzt richtig, denn archäologische Funde können sehr wohl falsch und subjektiv sein, weil Kontexte fehlen können und Formationsprozesse (vgl. Archaeologik) selektieren. Zudem können Funde natürlich falsch oder subjektiv interpretiert werden - und archäologische Funde müssen immer interpretiert werden.

Wann und unter welchen Umständen wird der Müll zur Quelle? Wann haben archäologische Funde einen eigenen Quellenwert, wann dienen sie nur der Illustration dessen, was wir eh schon wissen?

Zunächst: Die Illustration dessen, was wir eh schon wissen (sollten), ist in Zeiten, in denen Politiker mit NS-Sprüchen auf Stimmenfang gehen, in denen Holocaustleugnung und Naziverherrlichung zunehmen, zudem aber auch die Zeitzeugen wegsterben, eine nicht zu verachtende Funktion archäologischer Funde. In der Archäologie der Moderne treten neben die wissenschaftlichen Aspekte der Forschung auch der Erinnerungskultur und der politischen Bildungsarbeit - bisweilen auch eher forensische Aspekte. Dieser Erinnerungswert entsteht allerdings nur durch die wissenschaftliche Methodik und wissenschaftliche Kontextualisierung - ansonsten werden sie bestenfalls Reliquien und Fetische.

Noch immer wird allerdings die Frage nach der Bedeutung der Archäologie in der Moderne, aber auch für das Mittelalter gestellt - und implizit unterstellt, das sei Unsinn. Das kommt nicht nur aus der Gesellschaft, sondern durchaus auch aus dem Kreis von Kolleginnen und Kollegen, deren weitgehendes Schweigen nicht bedeutet, dass sie überzeugt sind, dass die Archäologie zu diesen Perioden sinnvoll und wichtig ist. Der Wert kann der Archäologie der Moderne aber nur abgesprochen werden, wenn man es als ihr Ziel sieht, Traditionen und Identitäten zu stiften.

In der Archäologie der Moderne geht es jedoch primär um ein kritisches Narrativ, um das Hinterfragen von Mythen, von Parallelüberlieferungen und auch um die Gesellschaftskritik. In der Archäologie wurden Narrative, bisher nur mangelhaft und oft nur oberflächlich diskutiert. Die mangelnde Reflektion führt dazu, dass die Archäologie noch immer in dem alten Muster der traditionalen oder bestenfalls genetischen Meistererzählung feststeckt, das kritische Narrativ aber kaum verfolgt wird  (vgl. Schreg 2016; Archaeologik 3.12.2013).

In der Konfrontation mit der schriftlichen Überlieferung oder den Erinnerungsberichten können Funde der NS-Zeit jedoch auf Diskrepanzen hinweisen oder neue Blickwinkel eröffnen. Wichtig ist dabei aktuell vor allem auch die Konfrontation mit rechten Mythen der Verharmlosung oder gar Leugnung des Holocaust, die oft das Ziel hat, antidemokratische und menschenfeindliche Ideen zu legitimieren. Erinnert sei hier an den Beitrag der Archäologie bei der Widerlegung der hohen Opferschätzungen der Todesopfer bei den Luftangriffen auf Dresden, die rechter Propaganda entstammen (vgl. Archaeologik 13.2.2020). Ein genuiner eigener Quellenwert archäologischer Funde der NS-Zeit ergibt sich vor allem aus deren 'kritischem Potential', aber auch in deren Bedeutung für die chronologische Einordnung und vielfach auch für die Erkenntnis größerer kulturgeschichtlicher Zusammenhänge.

Wie Stefanie Berg sagt, zeigen die Funde in der Tat häufig "bisher Unbekanntes und Überraschendes", was  es aber schwierig macht, den Quellenwert im Voraus exakt zu bestimmen. Das Unbekannte und Überraschende ergibt sich aus dem, was andere Quellen nicht spiegeln oder wo erst eine Kombination Zusammenhänge erkennen lässt. Die wissenschaftliche Kontextualisierung erfolgt aus dem archäologischen Kontext und - wie das in der historischen Archäologie Standard sein sollte - aus der Kombination mit Schriftquellen und Baubefunden. Erst, wenn man diese Quellen erforscht und sie kontextualisiert, ergibt sich ein Quellenwert. Bisweilen sind die Funde Illustration, bisweilen Bestätigung, vielfach aber auch Augenöffner für neue Perspektiven.  


Links

In der Einschätzung unberücksichtigt blieben einige weitere Artikel, die hinter einer PayWall stehen:

Zu Schloß Hartheim:

Diebstahl in Flossenbürg

Literaturhinweise

  • Eigelsberger et al. 2023: P. Eigelsberger / S. Loistl / F. Schwanninger (Hrsg.), Fundstücke 1 (Alkoven 2023).
  • Haubold-Stolle 2020: J. Haubold-Stolle (Hrsg.), Ausgeschlossen - Archäologie der NS-Zwangslager. Stiftung Topographie des Terrors / Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin-Schöneweide [Gastgebende Institution] (Berlin / Berlin 2020).
  • Kunow / Rind 2022: J. Kunow / M. M. Rind, Archäologische Denkmalpflege. Theorie - Praxis - Berufsfelder. Uni-Taschenbücher nr. 5705 (Tübingen 2022). 
  • Schreg 2016: R. Schreg, Narrative und Rezeption. In: B. Scholkmann / H. Kenzler / R. Schreg (Hrsg.), Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit. Grundwissen (Darmstadt 2016) 146–148.

Donnerstag, 14. Dezember 2023

Der Diskobol des Myron - Begierden zwischen Klassik und NS-Propaganda

Myron (ca. 480–440 v.Chr.) war neben Phidias und Polyklet einer der berühmten Künstler der griechischen klassischen Periode. Die Statue zeigt einen "Diskuswerfer, der sich in der Haltung des Abwurfs gebückt hat, seinen Kopf zu der Hand gewendet, die den Diskos hält, ein Knie leicht gebeugt, wobei er den Eindruck erweckt, dass er sich gleichzeitig mit dem Wurf wiederaufrichten wird" (Lukian, Philopseudes 18). Das Original war aus Bronze, doch wurden insbesondere in römischer Zeit Marmorkopien. Eine davon wurde 1781 auf dem Esquilin in Rom gefunden und gelangte in den Besitz der Adelsfamile Lancelotti, nach der das Exemplar heute benannt wird.
Diskobolos Lancelloti: Römische Marmorkopie (2. Jh. n.Chr.),
gefunden 1781 auf dem Esquilin in Rom, heute im Nationalmuseum Palazzo Massimo
(Foto: Rabax [CC BY SA 4.0 DEED] via WikimediaCommons)

 
 
Im 19. Jahrhundert wurde der Diskobol zu einem Symbol der Olympischen Spiele - und auch 1938 spielte er in dem  NS-Propagandafilm Olympia der Regisseurin Leni Riefenstahl eine besondere Rolle. Die Statue war in Rom auch Adolf Hitler aufgefallen, der sie unbedingt kaufen wollte, obwohl die Oberste Altertumsbehörde in Italien die damals noch im Besitz der Familie Lancelotti befindlichen Statue für unverkäuflich hielt. Im Mai 1938 wurde die Statue mit Genehmigung des italienischen Außenministers für  6 485 000.- Lire an die deutsche Reichsregierung verkauft, woraufhin sie als Leihgabe in die Glyptothek in München gelangte.
 
Im Novemberg 1948 wurde die Statue an Italien restituiert. Sie ist heute im Museo Nazionale Romano ausgestellt.
 
Und jetzt kam die Glyptothek daher und fordert die Statue zurück nach München. Die Restitution sei illegal gewesen, Adolf Hitler hätte die Statue rechtmäßig erworben. Eine offizielle Forderung der Bundesrepublik Deutschland ist das indes nicht.
 

Wenn die Darstellung der Berliner Morgenpost den Sachverhalt richtig wieder gibt, ist die Forderung der Rückgabe einer ehemals von Adolf Hitler angekauften Satatue ein reichlich unverständlicher Vorgang, der der Glaubwürdigkeit der Archäologie und allen Bemühungen im Umgang mit NS-Raubkunst schadet.

Anlaß für die Rückforderung war nach den Berichten zu urteilen jedoch eine eher kindische Retourkutsche für Forderungen aus Italien, nun auch den noch immer in München befndlichen Sockel zur Statue an Italien zurück zu geben. Warum München den neuzeitlichen Sockel zur Statue überhaupt behalten hat, ist mir nicht verständlich.


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Freitag, 23. Juni 2023

Die Suche nach Opfern der deutschen Besatzung in Griechenland

am 18.6.2023 zunächst auf AMANZ-notiz-blog erschienen
 
Es sind Zeithistoriker der Universität Osnabrück, die in Nordgriechenland auf archäologische Methoden der Prospektion mittels klassischer Begehungen, aber auch mit Georadar und -magnetik zurückgreifen, um ein Arbeitslager aus der Zeit der deutschen Besatzung zu erforschen. Sie werfen damit ein Schlaglicht auf das Schicksal der Juden aus Thessaloniki.
Ausgangspunkt des archäologischen Projektes in Nordgriechenland war ein privates Fotoalbum, das zufällig auf einem Münchner Flohmarkt entdeckt wurde. Es stammt aus dem Jahr 1943 und zeigte neben Aufnahmen aus Thessaloniki auch Bilder von Zwangsarbeitern mit Judensternen an der Kleidung. die unter deutscher militärischer Bewachung an einem Ort namens Karya arbeiteten. Da Griechenland im Anschluß an die deutsche Besatzung von einem Bürgerkrieg heimgesucht wurde und zudem weiterhin eine antisemitische Stimmung herrschte, hat die Zeit der deutschen Besatzung und das Schicksal der jüdischen Gemeinden in Griechenland kaum wissenschaftliches Interesse gefunden.
 
Inzwischen gibt es schon keine lebenden Zeitzeugen mehr, die von den Vorgängen in Karya berichten konnten. Vorhanden sind vor allem Erinnerungen der Nachfahren der wenigen überlebenden Opfer sowie der örtlichen Bevölkerung und wenige zeitgenössische Berichte. Verwaltungsakten zum Bahnbau, vor allem aber ein Vergleich der topographischen Situation mit Altkarten hilft die Vorgänge genauer zu erfassen.
So ist es gelungen, die Lokalität des Arbeitslagers in Karya zu identifizieren, wo die Organisation Todt mit jüdischen Zwangsarbeitern eine Bahntrasse baute. Die örtliche Überlieferung verweist auf ein Massengrab, das nun in schwierigem Gelände mit geophysikalischen Methoden gesucht wird - bislang allerdings erfolglos. Die Lokalisierung des Massengrabs soll helfen einen Ort würdigen und mahnnenden Gedenkens zu schaffen.



Mittwoch, 26. April 2023

Archäologie im Warschauer Ghetto

Anläßlich des 80. Jahrestags des Aufstands im Warschauer Ghetto wird erinnert. Deutlich wird, dass die Erzählungen oder auch nur das Wort der Zeitzeugen sehr viel gewichtiger ist als jede Rede von Politikerinnen oder Politikern, aus deren Mund vieles als Plattitude rüber kommt (siehe manchen Kommentar zur Rede von Bundespräsident Steinmeier. Süddeutsche Zeitung 19.4.2023; Berliner Zeitung 19.4.2023). Die Zeitzeugen aber werden rar.

Tatsächlich kommt der Archäologie im Warschauer Gehtto in den letzten Jahren zunehmende Bedeutung zu. Ging es zunächst um das Auffinden schriftlicher Quellen, so erweisen sich die Grabungen selbst, wie auch die Funde als wesentlicher Teil der Erinnerungsarbeit. Die polnische Archäologie kann hier inzwischen auf eine recht lange Tradition zurück blicken, die mit Exhumationen in der Nachkriegszeit begann, aber bereits 1967 zu regulären archäologischen Ausgrabungen in Auschwitz führten (vgl. Adamek 2019).

Milchkanne aus dem Warschauer Ghetto, in der Archivalien versteckt waren.
(Foto: PublicDomain via WikimediaCommons) .
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Seit wenigen Jahren gibt es aber umfangreichere archäologische Arbeiten im ehemaligen Gehtto. Zum einen wurden seit 2019 geophysikalische Prospektionen und 2021/22 auch Ausgrabungen durchgeführt. Die Funde sind Teil eines neuen Museums, doch gibt es auch archäologische Schaufenster, so auf einen Keller, in dem das Ringelblum-Archiv in Boxen und Kannen versteckt war. Dieses Archiv beleuchtet den Alltag des Ghettos wie auch die deutschen Verbrechen, so dass die Behältnisse symbolisch für das Leben der Zeitzeugen stehen. Andere Funde sind unmittelbare Zeugen des Alltags, aber sie unterscheiden sich nicht von anderen Funden, sie bezeugen das Schicksal der Ghettobewohner also nur bedingt.
 
Die archäologischen Funde sind hier weniger Quellen, als vielmehr bewegliche Erinnerungsorte, die ihren Wert erst in der emotionalen Auseinandersetzung mit ihnen gewinnen.

Literatur

  • Adamek 2019: Johana Adamek, Archaeology of Graves: a Contribution to Contemporary Archaeology in Poland. Archaeologia Polona 50, 2012 (2019), 171-183. - https://rcin.org.pl//dlibra/metadatasearch?action=AdvancedSearchAction&type=-3&val1=Identifier:%220066%5C-5924%22
  • Dembrek 2020: Maria Magdalena Dembek, Archaeological fever: situating participatory art in the rubble of the Warsaw ghetto, Holocaust Studies, 26:2, 2020. - 198-220, DOI: 10.1080/17504902.2019.1578458
  • Hall u.a. 2022: Noah Hall/ Abigail Fischer/ Grace Uchytil/ Harry Jol/ Colin Miazga/ Alistair McClymont/ Paul Bauman/ Richard Freund/ Connor Jol/ Jacek Konik/ Philip Reeder/ Mikayla Dettinge/ Kayla Singleton/ Joseph Beck, Holocaust archaeology: GPR subsurface imaging of the Mila 18 Memorial in Warsaw, Poland. In: J. Bradford/ X. Comas (Hrsg.), 19th International Conference on Ground Penetrating Radar (Houston 2022). - https://doi.org/10.1190/gpr2022-055.1
  • Konik 2021: J. Konik. Holokaust i archeologia na przykładzie badań wykopaliskowych w Ogrodzie Krasińskich w Warszawie. Studia Żydowskie. Almanach, 11(11), 2021, 153–158. - doi:https://doi.org/10.56583/sz.675
  • Mizga u.a. 2021: C. Miazga/ P. Bauman/ A. McClymont/ Ch. Slater/ R. Freund. Geophysical investigation of the Mila 18 resistance bunker in Warsaw, Poland. In: Paper presented at the SEG/AAPG/SEPM First International Meeting for Applied Geoscience & Energy, Denver, Colorado, USA and online, September 2021. - doi: https://doi.org/10.1190/segam2021-3594939.1
  • Uchytil u.a. 2022: Grace Uchytil/ Harry M. Jol/ Abigail Fischer/ Noah Hall/ Richard Freund/ Paul Bauman/ Alastair McClymont/ Colin Miazga/ Philip Reeder/ Jacek Konik/ Joe Beck/ Connor Jol/ Kayla Singleton/ Mikayla Martinez Dettinger, Archaeological GPR investigation of the Bersohn and Bauman Jewish Children’s Hospital in Warsaw, Poland: Locating potential Holocaust artifacts. In: J. Bradford/ X. Comas (Hrsg.), 19th International Conference on Ground Penetrating Radar (Houston 2022). - https://doi.org/10.1190/gpr2022-163.1

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Dienstag, 11. Oktober 2022

Zu spät! Abbruch in Sachsenburg spricht für Verbandsklagerecht

 Der Abbruch der Kommandantenvilla des KZ Sachsenburg hat begonnen.

Das vermelden die Neuigkeiten zur Petition, die eigentlich den Abriß verhindern wollte.

 

Es ist ein Skandal, dass überhaupt eine Abbruchgenehmigung erteilt wurde - und gleich noch ein zweiter, dass die Auflagen zum denkmalgerechten Abbruch mit Dokumentation und Bergung von Teilen anscheinend misachtet werden.

Der Fall ist ein gutes Argument für die Einführung eines Verbandsklagerechts im Denkmalschutz.


Interner Link

Montag, 10. Oktober 2022

"Rückbau" nur zur Kelleroberkante - Petition für Archäologen trotzdem interessant!

Schon 2015 hat der Stadtrat von Frankenberg in Sachsen beschlossen, die in kommunalem Eigentum befindliche  Kommandantenvilla des KZ Sachsenburg abzureißen. 

Eine Rechtfertigung wurde erst 2019 mit statischem Gutachten nachgereicht. Jetzt steht der Abbruch unmittelbar bevor, Viele Fachleute hatten sich damals schon gegen den Abbruch ausgesprochen - leider nicht die zuständige Denkmalschutzbehörde (wobei in der Diskussion auf die nicht vorhandenen spezifischen fachlichen Kompetenzen im Denkmalamt hingewiesen wird) und auch nicht das Bundesministerium für Kultur und Medien (BKM). Geplant wurde nun mit staatlicher Förderung eine Gedenkstätte, die gleichwohl den Abriß bis auf Kelleroberkante vorsieht. Das archäologicshe Denkmal im engeren Sinne bliebe also erhalten.

Wiederum gibt es eine Petition:

Sie kommt sehr spät. Der Abbruch ist beauftragt und soll zum 31.12.2022 abgeschlossen sein.

Zur hsitorischen Einordnung führt die Petition aus:

"Das im Mai 1933 eingerichtete KZ Sachsenburg war ab 1934 das einzige KZ in Sachsen und zwischen Ende 1934 und Mitte 1936 eines von nur wenigen KZs in ganz Deutschland. Es war Ausbildungsstätte für die SS-Wachtruppe der KZ, aus denen später die SS-Totenkopfverbände hervorgingen, die ihrerseits eine der Keimzellen der späteren Waffen-SS waren. Damit stellt das KZ Sachsenburg eine „Brücke“ zu den nach 1936 errichteten Großlagern wie Buchenwald und Sachsenhausen dar. 

Die Kommandantenvilla war der zentrale Täterort in Sachsenburg. SS-Männer wie Karl Otto Koch, der spätere Kommandant des KZ Buchenwald und des KZ Majdanek, oder Arthur Rödl, später Kommandant des KZ Groß-Rosen, begannen hier ihre „Karrieren“. Die Kommandantenvilla stellt dabei einen der wenigen noch erhaltenen Täterorte in einem frühen KZ in Deutschland dar."

 

Kommandantenvilla des KZ Sachsenburg
(Foto: Selbstauslöser [CC BY SA 4.0] via WikimediaCommons)


Sehr viel fachliche Einwände gegen einen Abbruch gab es seit 2019:

Zu den Plänen

 

Nach den Plänen bleiben die archäologischen Befunde unter dem Boden unberührt. Gerade bei der Archäologie der Moderne wird jedoch deutlich, dass wir hier nicht disziplinär denken dürfen. Ohne das Aufgehende hat auch die Archäologie viel zu verlieren. Gerade aktuell zeigen viele Untersuchungen die Bedeutung einer Auseinandersetzung mit den materfiellen Relikten der NS-Zeit, die vielfach eher in der Erinnerungsarbeit als in neuen - unbestreitbar möglichen und gar erwartbaren - Erkenntnissen liegt. Ein Bodendenkmal hat selbst bei der Errichtung von Silhouettenrahmen nicht denselben Erinnerungswert wie ein Gebäude. Die historische Archäologie zeigt auch, wie widersinniog es ist, ein Gebäude abzureissen, um es später vielleicht mal ausgraben zu können... Darum ist die Petition auch für alle Archäologie-Interessierten durchaus relevant.


Weitere Links

Literaturhinweis

  •  C. Theue, Archäologie an Tatorten des 20. Jahrhunderts (Darmstadt 2016). - ISBN 978-3-8062-3379-7

Mittwoch, 7. September 2022

Archäologie und Ethik

Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege 76/2, 2022
ISSN: 0029-9626
 

Archäologie und Ethik ist in der deutschsprachigen Archäologie ein lange vernachlässigtes Thema - obgleich es gerade in der deutschen Forschungsgeschichte (z.B. unter dem Label Archäologie und Nationalsozialismus) genügend Anlässe gegeben hätte, darüber zu reflektieren oder gar zu diskutieren.

Auf Archäologik gibt es schon lange das Label Ethik in der Archäologie, unter dem im Lauf der Zeit ganz unterschiedliche Aspekte angesprochen wurden: der Umgang mit menschlichen Überresten, der Umgang mit Ansprüchen und Ansichten indigener Gruppen, aber auch die Frage von Raubgrabungen und Antikenhehlerei, oder der politische Misbrauch der Geschichte (Archäologie und Politik sowie Archäologie und Gesellschaft), wobei die letzteren  unter jeweils eigenen Labeln geführt sind.

In einer Rezension zu Gnecco/Lippert 2015 (https://archaeologik.blogspot.com/2015/07/ethische-fragen-in-der-archaologischen.html) waren schon einmal auf Archaeologik die Themen archäologischer Ethik aufgelistet, die sich gegenüber Individuen, gegenüber Minderheiten, gegenüber der gesamten Gesellschaft, aber auch gegenüber unseren archäologischen Quellen selbst ergeben:. Ich möchte das inzwischen geringfügig erweiterm und modifizieren:

  • Ansprüche der Gesellschaft/Öffentlichkeit (Wem gehört die Vergangenheit?)
    • Information / Öffentlichkeitsarbeit - Transparenz
    • Eigentumsfragen
    • Einbindung von Laien
    • Umgang mit nicht-wissenschaftlichen Interessen
  • Instrumentalisierung und Kommerzialisierung: Der Missbrauch der Vergangenheit für Partikularinteressen und politische Propaganda
    • z.B. Umgang mit der Propaganda des Daesh ('IS') 
    • z.B. Geschichte als russische Kriegsrechtfertigung 
  • Wissenschaft als Methode
    • gute wissenschaftliche Praxis im Fach
    • Umgang mit Parawissenschaften 
    • Selbstkritik
  • Konservierung, Schutz und Präsentation der Fundstellen
    • Erhaltung der Authentizität
    • Privilegien für Großkonzerne (z.B. Befreiung vom Verursacherprinzip für Braunkohleabbau) 
    • Bevorzugung einzelner Perioden
    • Umgang mit Funden (Probleme der Selektion, der praktischen Konservierung, Archivierung, Ausstellung)
    • Umgang mit jüngeren Befunden (die häufig die Untersuchung älterer Befunde stören und oft genug entsorgt werden) 
    • Problem der 'Lustgrabung'
  • Antikenhandel und Schutz vor Raubgrabungen 
    • Publikation und Begutachtung von Funden fraglicher Provenienz
    • Erwerb aus fraglichen Quellen
    • Waffeneinsatz gegen Kulturzerstörer?
  • Umgang mit fremden Traditionen und Kulturen
    • Minderheiten
    • benachbarte Gesellschaften
    • Einheimische
    • kolonialistische Interpretationsmuster
  • Der Umgang mit menschlichen Resten
    • pietätvoller Umgang
    • wissenschaftliche Bearbeitung mittels invasiver Methoden
    • Verdin
    • Lagerung/Wiederbestattung
    • Identifizierung

Deshalb ist eine neue Publikation wichtig, wenngleich diese etwas unscheinbar in Heft 2/2022 der Österreichischen Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege erfolgt ist und im Wesentlichen auch nur einen - aber einen wichtigen - der vielen Aspekte herausgreift. Auf über 80 Seiten ist hier ein internationales Fachgespräch vom 19. August 2021 in der Kartause Mauerbach dokumentiert. Schwerpunktmäßig geht es um menschliche Überreste als archäologische Forschungsgegenstände, wobei unterschiedliche Aspekte beleuchtet werden, nämlich Ethik und Denkmalschutzrecht, die Perspektive von Nachfahren und von Religion, aber auch die Rolle der Forensischen Archäologie für die Aufarbeitung von Gewaltverbrechen. Die meisten Beispiele haben einen Österreich-Bezug, zeigen also, dass es kein fernliegendes Thema ist, das nur Staaten mit indigenen Völkern angeht,

Inhalt

  • Claudia Theune - Archäologie und Ethik 
  • Kurt Remele - Kinderleichen, Schrumpfköpfe und Respekt vor den Toten. Zur ethischen Dimension der Archäologie 
  • Reinhard Bernbeck / Susan Pollock - Menschen als archäologische Forschungsgegenstände? Von der Ethisierung zur Sensibilisierung der Wissenschaften 
  • Thomas Kersting - Ethik und Denkmalschutzrecht im deutschsprachigen Raum – Theorie und Praxis 
  • Cyrill von Planta - Die Ethischen Prinzipien von ICOMOS: Anleitung zu moralischem Handeln auf internationalem Parkett? 
  • Christoph Bazil - Handel mit Kulturgütern, Restitution, Provenienzforschung – ein österreichisches Anliegen zwischen Recht und Ethik? 
  • Sarah Heer - Forensische Archäologie und die Aufarbeitung von Gewaltverbrechen durch internationale und nationale Gerichtshöfe 
  • Margit Berner - Ethische Fragen an die anthropologischen Sammlungen des Naturhistorischen Museums (NHM) Wien 
  • Barbara Hausmair - Kann un/moralisches Handeln in der Vormoderne archäologisch erforscht werden? Ein Votum für eine kritische Archäologie 
  • Georg Spiegelfeld-Schneeburg - Ein Diskussionsbeitrag eines Nachfahren 
  • Astrid Steinegger - Ein Exkurs: Ist alles was bleibt, ein Wams? Überlegungen zur Öffnung der Stubenberggruft in der Pfarrkirche hl. Jakobus der Ältere auf der Frauenburg im Jahr 1971 
  • Shmuel Yechiel Shapira - Archäologie aus der Perspektive des jüdischen Gesetzes der orthodoxen Auslegung 
  • Bernhard Hebert - Ein kurzes Nachwort 

 

Der Artikel von Susan Pollock und Reinhard Bernbeck beschreibt am Beispiel der Knochenfunde vom Areal des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik in Berlin-Dahlem das Dilemma, das sich aus wissenschaftlicher und ethischer Perspektive ergeben kann. 2014 war bei Bauarbeiten eine Grube mit menschlichen Knochen entdeckt worden. Die nachfolgenden Ausgrabungen erbrachten etwa 16.000 Fragmente sterblicher Überreste. Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie war zutiefst in die Menschenversuche der NS-Zeit verwickelt, für die Versuchsopfer aus KZs herangezogen wurden. Daraus ergab sich der Verdacht, in der Grube könnten sich Reste von NS-Opfern befinden. 

"Einerseits möchte man wissen, ob die Funde aus Auschwitz sind. Auf der anderen Seite würden, wenn dies stimmte, die jüdischen Halacha-Regeln gelten, die genau diese Analyse verbieten. Aus diesem Dilemma gibt es keinen Ausweg."  

Um zu wissen, welcher Umgang genau mit den Skelettresten richtig ist,  sind Untersuchungen notwendig, die möglicherweise genau diesem korrekten Umgang widersprechen. Durch eine optische, also nicht-invasive Untersuchung der Knochen wurde deutlich, dass die geborgenen menschlichen Reste aus Kontexten rund um die Welt und von prähistorischen Zeiten bis zum 20. Jahrhundert u. Z. stammen können, da das Institut auch über Skelettsammlungen kolonialer wie archäologischer Herkunft verfügte.

Wissenschaftliche Untersuchungen führen unweigerlich zu einer problematischen Verdinglichung der menschlichen Reste. Bisweilen wird dies durch das wissenschaftliche Selbstverständnis nicht begünstigt. Bernbeck & Pollock zitieren hierzu den amerikanischen Archäologen Kent Flannery, der betont, ihm ginge es nicht um die einzelnen Menschen, sondern um die historischen Strukturen hinter Menschen und ihren Objekten. 

Der Wille derjenigen, deren Überreste in der Knochengrube in Berlin-Dahlem gefunden wurden, bleibt uns unbekannt. Sie könnten Wert auf einen Umgang mit ihren sterblichen Überresten nach ihren religiösen Regeln gelegt haben, andererseits aber vielleicht selbst Interesse daran gehabt haben, dass sie identifiziert und namentlich erinnert werden können.  Möglich ist hier nur das Gespräch mit den Nachfahren und den Mitgliedern potentiell betroffener Gruppen zu suchen.

In der ÖZKD kommen daher auch Angehörige zu Wort, deren Vorfahren bei archäologischen Ausgrabungen  geborgen wurden, wobei sich ein Kommunikations- und Sensibilitätsdefizit zeigt.

Barbara Hausmair plädiert für eine kritische Archäologie. "(Selbst)kritische Reflexionen über archäologische Wissensproduktion ist ein erster wesentlicher Schritt zu einer ethisch verantwortungsvollen Erforschung der Vergangenheit (S. 76). Als kritische Archäologie versteht sie offenbar, dass Archäolog*innen "darüber diskutieren, welche Fragen sie generell an materielle Hinterlassenschaften stellen, ob sich diese kritisch mit vergangenen Verhältnissen und der Produktion von Ungleichheiten und Machtgefügen auseinandersetzen und in welchem Verhältnis diese Fragen zu den eigenen Wertesystemen und Gesellschaftsdiskursen stehen" (S. 76). Dazu gehört etwa jeweils auch die Reflektion darüber, welche Gruppen der Vergangenheit man mit seinen Forschungen im Auge hat: Nur die Eliten oder eben auch das Leben und Schicksal von Randgruppen? Ein seriöses Geschichtsbild muss alle Akteure einbeziehen.

Bislang sind ethische Fragen in den deutschen Denkmalschutzgesetzen nicht geregelt und fehlen beispielsweise auch in den rein technisch gehaltenen Grabungsrichtlinien Baden-Württembergs (Landesamt Bad.-Württ. 2019) und Bayerns (Bayer. Landesamt 2020). In Österreich ist nun immerhin eine Passage in den Richtlinien zur Durchführung archäologischer Maßnahmen aufgenommen worden (Bundesdenkmalamt 2022).

Die prinzipielle Ablehnung naturwissenschaftlicher Analysen scheint mir persönlich ebenso unethisch, wie deren bedenkenloser Einsatz. Es gibt viele Fälle, in denen es erst solche Analysen ermöglichen, angemessen mit den menschlichen Überresten umzugehen, indem erst dadurch über den kulturell adäquaten Umgang entscheiden werden kann. Zudem sind gerade im Bereich der Archäogenetik viele Erkenntnisse für die Gegenwart von teils gar lebenswichtiger Bedeutung. Dies gilt beispielsweise für die Erforschung von Krankheiten und das Verständnis von Epidemien (vgl. Archäologie der Erreger; Möglicherweise ist der Kot sprichwörtlich Gold).

Literaturhinweise

Donnerstag, 2. Juli 2020

Mittelalterarchäologie im Nationalsozialismus

Während die Vor- und Frühgeschichte im Nationalsozialismus dazu diente, die Überlegenheit der Germanen zu demonstrieren und Gebietsansprüche zu legitimieren, liegt der Fall bei der Archäologie des Mittelalters etwas anders. Sie war nicht die "hervorragend nationale Wissenschaft", denn aufgrund des späten chronologischen Schwerpunktes konnte sie wesentliche Narrative der Germanophilie nicht mit bedienen. Die Ursprünge der Germanen verortete man in der Bronzezeit oder gar in der Jungsteinzeit, die ideale germanische Vergangenheit sah man in der römischen Eisenzeit und der Völkerwanderungszeit. Hierhin projizierte man Rollenbilder, kriegerische Gesinnung, die Liebe zu Heimat und Boden, die Ideale der Erbbauernhöfe wie des Dorfes.

Dennoch sah auch die Archäologie des Mittelalters während der NS-Zeit einige Projekte, die eine klare ideologische Komponente aufwiesen und bei denen Ausgrabungen mit nicht-wissenschaftlichen Intentionen durchgeführt wurden.

Externsteine

Als erstes seien hier die Arbeiten an den Externsteinen genannt, die indes nur bedingt in die Reihe der mittelalterarchäologischen Projekte zu stellen ist. Die aus dem Fels geschlagenen Räume und Reliefs datieren in den Zeitraum vom Hochmittelalter bis in die frühe Neuzeit. Es handelt sich zunächst um eine wohl im 10. Jahrhundert entstandene monastische Niederlassung, die in der Neuzeit im Besitz der nahen Stadt Horn als Gefängnis genutzt wurde.

Die Ausgrabungen während der NS-Zeit wurden jedoch mit der Prämisse durchgeführt, dass man es bei den Externsteine mit einer germanischen Kultstätte zu tun hätte. Wilhelm Teudt (1860-1942) identifizierte den Platz gar als Irminsul, das sächsische Heiligtum, das Karl der Große zerstört habe. Teudt gründete 1928 die Vereinigung der Freunde der germanischen Vorgeschichte, mit der er die Zeitschrift 'Germanien' herausgab. 1933 schloss er sich dem "Reichsbund für Volkstum und Heimat" an, 1936 gliederte er seinen Verein und seine Zeitschrift dem SS-Ahnenerbe an, wo er bis zu einem Zerwürfnis mit Heinrich Himmler 1938 als Abteilungsleiter fungierte. Danach gründete er einen neuen Verein, der sich nun an Hans Reinerths Reichsbund für Deutsche Vorzeit anlehnte.
1934/35 führte Julius Andrée, Professor für Urgeschichte in Münster (ab 1938 in Halle für rassische Vorgeschichte) Ausgrabungen an den Externsteinen durch, mit dem erklärten Ziel, hier ein germanisches Heiligtum zu finden. Andrée vertrat auch die Hypothese einer altsteinzeitlichen germanischen Hochkultur, was schon damals mehr Glaube als Wissenschaft war. Gefunden wurden unter anderem Trockenmauern sowie ein Schacht, außerdem einige Keramikfunde, angeblich auch der Standort der Irminsul.
Bis heute liegen keinerlei stichhaltigen Beweise für eine vor-mittelalterliche Datierung der Baubefunde und Reliefs an den Externsteinen vor. Dennoch ist die Archäologie der NS-Zeit im Kontext der prähistorischen Archäologie zu sehen, die hier einer parawissenschaftlichen Germanophilie frönte.

Das Grab von Heinrich dem Löwen in Braunschweig

Eindeutig mittelalterarchäologisch sind hingegen die Ausgrabungen, die 1935 auf Betreiben des Braunschweigischen Ministerpräsidenten Dietrich Klagges (1891-1971) in Braunschweig durchgeführt wurden. Klagges war schon 1925 in die NSDAP eingetreten und wurde 1930 für die NSDAP Innenminister des Freistaats Braunschweig. In dieser Position verhalf Klagges dem staatenlosen Adolf Hitler zur braunschweigischen und deutschen Staatsbürgerschaft, so dass dieser 1932 bei den Wahlen zum Reichspräsidenten antreten konnte. 1933 wurde Klagges zum Ministerpräsidenten des Freistaats Braunschweig ernannt, das er in ein nationalsozialistisches Musterland umwandeln wollte. Klagges Machtposition als Ministerpräsident war dadurch beschränkt, dass der Staat Braunschweig dem Reichsstatthalter in Dessau unterstellt und gemeinsam mit Hannover einen NS-Gau bildete. Klagges Ziel war es, einen eigenen Gau Ostfalen zu schaffen, den er historisch zu legitimieren suchte.
Daher wurde 1935 das Grab Heinrichs des Löwen und seiner Gemahlin Mathilde im Braunschweiger Dom geöffnet.

Braunschweiger Dom
(Foto: Magnus Manske [CC BY SA 3.0] via Wikimediacommons)


Der Welfe Heinrich der Löwe (ca. 1129/30 -1195) war seit 1142 Herzog von Sachsen und seit 1156 auch Herzog von Bayern. Die ältere historische Forschung hat ihn als eine Schlüsselperson in einem staufisch-welfischen Gegensatz gesehen, der gerade für die Bewertung Heinrich des Löwen in der NS-Zeit eine zentrale Rolle gespielt hat. Den auf Italien fokussierten Staufern und insbesondere Kaiser Friedrich Barbarossa mit ihrem Interesse an Italien wurden die Welfen mit Heinrich dem Löwen gegenüber gestellt, die sehr viel mehr als Vorläufer deutscher Nationalpolitik gelten konnten. Besonders ihre "Ostpolitik" insbesondere in den slawischen Gebieten nördlich der Elbe bot den Nationalsozialisten einen propagandistischen Anknüpfungspunkt. Heinrich dem Löwen wurde auch eine gezielte Städtepolitik zugeschrieben, vor allem mit Verweis auf Lübeck, Schwerin und München. Viele dieser Interpretationen beruhen auf einer ahistorischen Vorstellung von Familien- und Machtstrukturen, so dass beispielsweise auch der staufisch-welfische Gegensatz als reines Forschungskonstrukt zu beurteilen ist. 1195 ist Heinrich der Löwe gestorben und wurde in dem von ihm gestifteten Braunschweiger Dom bestattet.


Das Grabmal mit dem Relief von Heinrich und seiner Frau Mathilde gehört ins 13. Jahrhundert und ist erst einige Zeit nach Heinrichs Tod 1195 entstanden. Am 24. Juni 1935 fand die Graböffnung, die als archäologische Untersuchung deklariert war, statt. Der zuständige Landesarchäologe Herrmann Hofmeister wurde erst nachträglich zu dem Team hinzugezogen, das primär aus einem Oberforstmeister, einem Baurat und Fachschülern bestand. Es gab zunächst keine wissenschaftlichen Fragestellungen und auch keine Forschungsstrategie, jedenfalls beschreibt ein Zeitzeuge die Beteiligten als "ratlos".

Grabplatte mit Heinrich dem Löwen und Mathilde
(aus M. Sauerland, Deutsche Plastik des Mittelalters (Düsseldorf, Leipzig 1909).
 [PD] via WikimediaCommons)


In der Gruft wurden drei Särge entdeckt. Im ersten Steinsarg - unter der Grabplatte Mathildes - wurden die Skelettreste eines geschätzt nur 1,62 m großen Individuums gefunden. Beim zweiten Steinsarg handelt es sich um ein Kindergrab. Der dritte Sarg bestand aus Holz und enthielt ein in einen über 2 m langen Lederbeutel eingenähtes Skelett.
Zuerst wurde jedoch nur die Bestattung im Steinsarkophag entdeckt und die erste Begutachtung ließ auf eine Frau schließen, die von Geburt an behindert war., da ein Bein etwa 10 cm verkürzt war. Das war ein unliebsames Ergebnis, denn Heinrich fehlte und die Frau - plausiblerweise Mathilde - hätte nach den Maßstäben des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ von 1933 sterilisiert werden müssen. Man ließ die Sache indes nicht auf sich beruhen, vielleicht weil doch Erwartungen von Himmler und Rosenberg im Hintergrund standen, bestellte man ein neues Gutachten und führte die Grabungen weiter. Als Gutachter wurde der Berliner Rassenanthropologe Eugen Fischer angefragt, der zugleich Richter am Berliner Erbgesundheitsgericht und damit oberste Instanz für Fragen der Erbkrankheiten war. Fischer kam sofort nach Braunschweig.
Man identifizierte das Skelett aus dem Steinsarg gegen die sachlichen Bedenken mit Heinrich dem Löwen und bezog die Behinderung auf einen Unfall, da Heinrich nicht als 'Krüppel' erscheinen sollte. Tatsächlich war Heinrich im Februar 1194 vom Pferd gestürzt.

Wenige Tage später öffnete man den Kindersarg. An diesem Nachmittag waren Heinrich Himmler und Alfred Rosenberg zugegen. Vermutlich wurden sie nicht über die Interpretationsschwierigkeiten aufgeklärt. Himmler scheint enttäuscht gewesen zu sein und - so eine These - hätte sich deshalb in der Folge Heinrich I. in Quedlinburg zugewandt. Rosenberg hingegen ist auf Fotos in triumphierender Pose zu sehen.
Erst Anfang Juli wurde - unter dem Grabrelief Heinrichs - der Holzsarg mit dem Ledersack und spärlichen Skelettresten entdeckt. Eine naheliegende Korrektur der bisherigen Interpretation nahm man aber nicht vor. Zwar war die Öffentlichkeit bisher nicht informiert worden, aber zahlreiche Politprominenz hatte die Grabung besucht.

Es ist naheliegend, Heinrich mit den Skelettresten aus dem Holzsarg und Mathilde mit der Bestattung im Steinsarg zu identifizieren. Von Heinrichs Frau Mathilde ist bekannt, dass sie  stets in einer Sänfte getragen wurde, so dass dazu auch die Erkrankung passt.

In seinem Grabungstagebuch hielt sich Hofmeister mit Interpretationen zurück und offenbar wollte er die Gutachten abwarten. Klagges drängte indes auf die Fertigung einer Prachtausgabe, die dem Führer zum Geburtstag überreicht werden sollte, samt einer blonden Locke aus dem Grab Heinrichs. Damit war die Interpretation politisch festgelegt. Hofmeister, der Klagges seine Professur und seinen Posten als Landesarchäologe zu verdanken hatte, stellte seine Bedenken zurück, unterschrieb den von Klagges ergänzten Bericht jedoch nicht.


Am 6. Juli 1935 waren die Grabungen offiziell abgeschlossen. Am 17. Juli traf jedoch Adolf Hitler zu einem zunächst geheim gehaltenen Besuch in Braunschweig ein. Er besichtigte das Grab und erklärte den Ausbau des Braunschweiger Doms zur nationalsozialistischen "Weihestätte" zur 'Chefsache'. Auch die Geheimhaltung der Grabungen war nun nicht mehr möglich. Hitler gegenüber erklärt Klagges, der Sachsenherzog sei eindeutig im Steinsarkophag identifiziert worden, was nach dem aktuellen Stand der Dinge gelogen war.

Karrikatur zu Hitlers Berufung als Pädagogik-Professor
Vorwärts v. 18.2.1932
(Fridrich-Ebert-Stuftung [CC BY-NC-SA 3.0 Lizenz ]
via http://fes.imageware.de/fes/web/index.html?open=VW49081)

Man beschloss die Gräber nicht original wieder herzustellen, sondern eine Gruft anzulegen und die Funde auszustellen. Möglicherweise war das von Anfang an der Plan. Klagges, der sich mit der Weihestätte selbst profilieren wollte, wurde damit ausgebootet. Vor den Grabungen hatte Klagges gegenüber Hermann Göring dargelegt, dass er den Braunschweiger Dom in eine „nationale Gedenkstätte“ umwandeln wollte und hatte bei einer Rede Hitler in eine Linie mit Heinrich dem Löwen gestellt. Es war dies eine plumpe Anbiederung, die vielleicht deshalb nötig war, weil Klagges Versuch einer Einbürgerung Hitlers durch die Berufung auf eine Professur 1932 zunächst eine Blamage war und Hitler zum Gespött der Medien gemacht hatte.  
Für solche Pläne benötigte man jedoch ein vorzeigbares Skelett, das man als Heinrich ausgeben konnte. Anstelle des Holzsarges wurde ein neuer Steinsarkophag angefertigt. Da einige der Funde, wie z.B. der Ledersack der sarglosen Bestattung nicht entsprechend konserviert werden konnten, wurden Nachbildung beauftragt. Da die Analyse der Haarreste keine Aussage zur Farbe treffen konnten, wurden sie blond gefärbt. Ein Stoffbändchen, das an der Lederhülle von Heinrich (damals als Mathilde interpretiert) gefunden wurde, wurde ebenfalls nachgebildet und wurde in der Folgezeit in einem Schmuckkästchen ausgestellt, mit den unwahren Hinweis, dass sich das Original ebenfalls - unsichtbar - in dem Kästchen befinde. 

Die folgenden Baumaßnahmen waren mit Unterfangungen und Bodeneingriffen verbunden, die das Bodendenkmal stark beschädigt haben. Die Grabungen 1935 waren indes nicht die ersten. Bereits in der frühen Neuzeit und vor allem im 19. Jahrhundert hat es mehrfach Graböffnungen oder zumindest Bodeneingriffe gegeben. Aus Pietätsgründen wurde offiziell aber beispielsweise 1880 auf Anweisung des Herzogs keine Untersuchung vorgenommen (Strauß 1993).


Nach Kriegszerstörungen wurden soweit möglich die nationalsozialistischen Umbauten rückgängig gemacht und der Dom wieder einer kirchlichen Nutzung übergeben. 1946 wurden die Särge dabei nochmals geöffnet, um einige Haarlocken, die bei der Grabung 1935 verschenkt worden waren, wieder in die Gräber zu legen. Dabei wurde festgestellt, dass der 1935 genannte Ledersack zwischenzeitlich stark zerfallen war und auch im vermeintlichen Grab Heinrichs "die ursprünglich noch vorhandene reiche Menge von Haaren entweder verfallen oder irgendwie anders verschwunden war" (Protokoll 1946, zitiert nach Strauß 1993, 163).

Quedlinburg

Während in Braunschweig die Initiative für eine nationale Weihestätte zunächst von einer regionalen Parteigröße ausging, stand Quedlinburg und das Grab Heinrichs I im Blickfeld von Heinrich Himmler persönlich. Er war von Heinrich I fasziniert und kam von 1936 bis 1944 jedes Jahr zum Todestag Heinrichs I nach Quedlinburg. Zum 1000. Todestag übernahm die SS die Stiftskirche St. Servatius, der in den folgenden Jahren zu einer SS-Weihestätte umgebaut wurde. Dabei wurde der gotische Innenraum zerstört und pseudo-romanisch neu gestaltet.

(Foto: Avda [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)


Nach den Aussagen von Himmlers Leibarzt Felix Kersten fühlte dieser sich geschmeichelt, weil er angeblich als Reinkarnation Heinrichs I bezeichnet wurde. Der Vergleich und die Parallelen waren indes bewusst inszeniert und konstruiert - und daran hatte die Archäologie einen wesentlichen Anteil.

Himmler in Quedlinburg
(Bundesarchiv, Bild 183-S16571 / [CC-BY-SA 3.0] via Bundesarchiv)


Kranzniederlegung in einer nächtlichne Feierstunde anlässlich des Todestages König Heinrichs I. in Quedlinburg 1938, u.a. mit Heinrich Himmler und Reinhard Heydrich
(Bundesarchiv, Bild 183-H08447 / [CC-BY-SA 3.0] via WikimediaCommons)





Wie in Braunschweig wurde der Dom beschlagnahmt und zu einer Weihestätte umfunktioniert und umgebaut. 1936 wollten Himmler und die SS den 1000. Todestag propagandistisch nutzen. Seit 1935 suchte man daher nach dem Grab Heinrichs I. Mit dieser Aufgabe wurde der SS-Obersturmführer Rolf Höhne betraut. Er hatte Geologie und Vorgeschichte studiert und war Leiter der Abteilung »Vorgeschichte« im Reichssicherheitshauptamt.  Bis 1936 blieb dies jedoch ohne Erfolg. Man hatte den Sarg von Heinrichs Frau, die wiederum Mathilde hieß, geöffnet. Aus einer Untersuchung des 18. Jahrhunderts hatte man vermutet, dass Heinrichs Gebeine in ihrem Sarkophag lagen, was jedoch nicht bestätigt werden konnte.  Im Juli 1937 wurde in einer SS-Zeitschrift dann verkündet: "Im Untergrund der bisher leeren Grabstätte des Königs und seiner Gemahlin Mathilde wurden Skelette freigelegt, die nach den Beigaben, der Art des Bodens und der besonderen Fundumstände zu der Vermutung berechtigen, daß es sich um die Gebeine Heinrichs handelt. Neben einer Grabbeigabe war ein auf dem Schädel befindliches Stirnband mit Schmuckbesatz ein auffallendes und wertvolles Fundergebnis."
Da ein erster Grabungsbericht von Höhne nicht gut genug ausfiel, wurde die Publikation auf die Zeit nach dem Krieg vertagt. Als nach dem Krieg der neu angefertigte Heinrichssarg geöffnet wurde, weil man Schädel und Skelettreste wieder in die originalen Gräber zurück legen wollte, fehlten die meisten Knochen und vorgeblichen Funde. Ein Bericht über die Ausgrabungen ist nicht erhalten und hat wohl nie existiert, vielleicht haben die Ausgrabungen in dieser Form nie existiert.

Die große politische Bedeutung Heinrichs I. für die NS-Politik wird deutlich an einer Publikation des Prähistorikers Werner Radig zu König Heinrich I. (Radig 1937). Radig schrieb: 
„Denken wir an einen Arminius, einen Heinrich und an unseren Führer, so vermögen wir einen tausendjährigen Rhythmus in der schicksalhaften Bahn der Geschichte zu ahnen. Noch merkwürdiger ist jenes Zahlenspiel, das sich im Vergleich mit einem ‚tausendjährigen Kalender‘ ergibt. 919 beginnt Heinrich I. seinen Heldenweg, wohl 924 erleidet er eine empfindliche Schlappe im Ostland, wird aber selbst gerettet, – und 933 schlägt er den entscheidenden Sieg gegen den Reichsfeind, die ostische Ungarngefahr, und schenkt damit dem Reiche Frieden und Freiheit (Radig 1937, 11)“
Mit den Parallelen zu 1919 (Gründung der Deutschen Arbeiterpartei, später NSDAP), 1924 (gescheiterter Hitlerputsch) und 1933 (Machtergreifung) inszeniert Radig Heinrich I als Vorläufer Hitlers. Heinrich I wurde auch als Begründer einer deutschen Ostpolitik dargestellt, der Deutschland auch von der vorgeblichen Bedrohung aus dem Osten durch seine Kriege gerettet habe. Überhaupt galt Heinrich I als Begründer des Ersten Reiches. Nebenbei: Radig hatte Heinrich I schon 1930 monographisch bearbeitet, war damals aber noch weit nüchterner an Heinrichs Feldzug und der slawischen Siedlungslandschaft interessiert.



Werla

Mit der Pfalz Werla bleiben wir bei Heinrich I. Für das Jahr 924/26 überliefert Widukind von Corvey in seiner Sachsenchronik (I,32), dass sich König Heinrichs I. mit einem Heer vor einem Ungarneinfall in Sicherheit bringen musste.
1875 war die Pfalz wieder entdeckt und mit einer kleinen Grabung verifiziert worden. In den 1920er Jahre begann ein größeres archäologisches Interesse, in deren Folge der Landkreis Goslar 1929 das Gelände aufkaufte, um es aus der landwirtschaftlichen Nutzung herauszunehmen.
1933 begann eine neue Grabungsinitiative, zu der eine "Werla-Kommission" eingesetzt wurden. Die Grabungsleitung der ersten Kampagne 1934 übertrug man Karl Becker einem Bauforscher, der Grabungserfahrungen aus dem Ostmittelmeerraum aber auch von der Pfalz Goslar mitbrachte.  Als Becker krankheitsbedingt ausfiel wurde für die Kampagne 1936 mit Heinrich Steckeweh wiederum ein Bauforscher zum Grabungsleiter bestellt.
Teil des Teams war auch der Prähistoriker Hermann Schroller (1900-1959) vom Provinzialmuseum Hannover, der die ggf. auftretenden vorgeschichtlichen Funde bearbeiten sollte. 1937 wurde Schroller aus undurchsichtigen Überlegungen die gesamte Grabungsleitung übertragen. Für die baugeschichtliche Expertise und die Konservierung der Befunde wurde 1937 Martin Victor Rudolph (1908-1993), Mitarbeiter am Fachbereich Architektur an der TU Braunschweig hinzu gezogen. Rudolph hatte bereits Grabungserfahrung unter anderem aus Haithabu.

Blick entlang der Terrassenkante zur Oker auf die Kernburg der Pfalz Werla
(Foto: R. Schreg)
 
Die Grabungen auf der Werla galten als ein modernes Grabungsprojekt, wurde hier doch systematisch Luftbildarchäologie eingesetzt und auch eine bodenkundliche Bearbeitung der Befunde angedacht.  Hermann Schroller hatte daran sicher einen Anteil, doch darf nicht übersehen werden, dass eine Luftbildarchäologie schon zuvor angedacht, aber wegen der Bedingungen des Versailler Vertrags nicht ohne weiteres zu realisieren war. In den Jahren 1934-38 standen der Grabung ausreichend Arbeiter zur Verfügung, die vom Reichsarbeitsdienst gestellt wurden. 1939 war dies nicht mehr der Fall, da offenbar die Kriegsplanungen andere Einsätze priorisierten.
Der Einsatz des Reichsarbeitsdienstes war auf vielen Grabungen üblich. Weit problematischer ist, dass es andere Grabungen gab, auf denen Internierte oder gar KZ-Häftlinge eingesetzt wurden.  

1937 arbeiteten Schroller und Rudolph offenbar einigermaßen zusammen, doch im Vorfeld der Grabungskampagne 1939 kam es zum Eklat. Beide versuchten sich mit ihren Werlaforschungen zu profilieren und übergingen die Beiträge des jeweils anderen. Für die Kampagne 1939 forderte Rudolph die gleichrangige Grabungsleitung ein, was ihm Schroller aber verweigerte.
Prinzipiell wären solche Hahnenkämpfe und Konkurrenzen vielleicht nicht der Rede wert, wären hier nicht typische Konstellationen der NS-Archäologie sichtbar. Beide Kontrahenten waren eigentlich über das Stadium der prekären Stellen bereits hinaus gekommen und hatten dank der NS-Institutionen einen gewissen Stand gewonnen.

Hermann Schroller hatte 1926 in Tübingen mit einer Arbeit über neolithische Keramik auf dem Balkan promoviert und 1929 eine Anstellung am Landesmuseum Hannover erhalten. Dort erfuhr er von seinem Vorgesetzten K.H. Jacob-Friesen einige Förderung, der ihm die Schriftleitung der niedersächsischen Zeitschrift "die Kunde" anvertraute und ihn 1934 auch für das Grabungsprojekt Werla vorschlug. 1929 trat Schroller auch in Alfred Rosenbergs "Kampfbund für deutsche Kultur" ein, dessen archäologische Abteilung später in Hans Reinerths "Reichsbund für Deutsche Vorgeschichte" aufging. Eine enge Beziehung von Schroller zu Reinerth ist zunächst nicht nachweisbar, obgleich beide im Tübinger UFI studiert hatten und beide aus Siebenbürgen stammten. 1934 wurde Schroller zum Landesleiter des Reichsbunds in Niedersachsen und war in der Folge eng mit Reinerth verbunden.
Die Bestrebungen Reinerths die archäologischen Fachgesellschaften und historischen Vereine im Reichsbund "gleichzuschalten" betrafen auch den Nordwestdeutschen Verband für Altertumsforschung, dessen Vorsitzender Schrollers Chef Jacob-Friesen war. Schroller schlug sich auf Reinerths Seite und hinterging seinen Chef, indem er diesen offenbar auch aus dem Werlaprojekt zu drängen suchte.

M.V. Rudolph hingegen stand Herbert Jankuhn und dem 1936 gegründeten "SS-Ahnenerbe" nahe. 1938 wurde er an der TH Braunschweig Privatdozent für "vorgeschichtliche Baukunde" und leitete die "Lehr- und Forschungsstätte für Germanisches Bauwesen" im SS-Ahnenerbe. Rudolphs Interpretation der Befunde auf der Pfalz Werla bezog sich stark auf Quedlinburg, indem er versuchte, dasselbe Fußmaß nachzuweisen und so auch zu belegen, dass die Gründung der Werla Heinrich I zuzuschreiben sei.

Die Auseinandersetzung der beiden hatte keinen tieferen ideologischen Konflikt als Grundlage, wenn auch Schroller im Bericht zur Grabung 1939 die Ergebnisse seines ehemaligen Mitarbeiter zu diskreditieren versuchte, indem er ihm Befundfälschung unterstellte, um die Maße passend zu machen.  Dies scheint überzogen gewesen zu sein, wennglich man auch festhalten muss, dass an den durch Steinraub schon weitgehend ausgeplünderten Fundamentgräben kaum exakte Maße zu gewinnen sind, die methodisch sauber  für Maßanalyse herangezogen werden können.

Schroller setzte sich durch, Rudolph war an der Grabung 1939 nicht mehr beteiligt. An seiner Stelle trat C.-H. Seebach in das Pojekt ein, der es auch nach dem Krieg fortführen sollte. Rudolph war ab 1940 Leiter einer "Kulturkommission", die die Umsiedlung der deutschen Bevölkerung aus Südtirol auf die Krim vorbereiten sollte. Aus Sicht der Haus- und Bauforschung sollten germaqnische und deutsche Traditionen bestimmt werden, die mit der Bevölkerung auf die Krim zu transferieren wären.


Anders als für Quedlinburg interessierte sich die NS-Prominenz für diesen Platz allerdings relativ wenig. Erst am 23. Mai 1940 besuchte Reichsminister Bernhard Rust die inzwischen eingemottete Grabung und stellte für die Zeit nach dem Krieg Gelder für die weitere Forschung für den Ort vor, an dem sich "vor über 1000 Jahren der Aufbau des Ersten Reiches der Deutschen unter König Heinrich I. vollzogen habe" (zitiert nach Blaich in Blaich/Geschwinde 2015, 112).



Hohenstaufen

Die 'Stammburg' der Staufer steht hinter anderen Staufergedenkstätten zurück, obgleich der Berg sehr prominent die Landschaft am Nordrand der Schwäbischen Alb beherrscht. Aber schon die ersten Besucher nach der Zerstörung im Bauernkrieg zeigten sich von den Ruinen enttäuscht. Der Staufermythos hängt so eher am Kyffhäuser als am Hohenstaufen.

Im 19. Jahrhundert gewann der Berg zwar eine nationale Bedeutung, die im Lauf der Zeit allerdings changierte. War der Hohenstaufen im frühen 19.  Jahrhundert romantisches Symbol des verlorenen Reiches, so erhielt er bald eine affirmative und legitimierende Bedeutung für die zu Königen aufgestiegenen Württemberger. Nach der Reichsgründung 1871 ließen die Hohenzollern ihre eigene Stammburg historistisch aufbauen, sodass Pläne, auf dem Hohenstaufen ein letztlich konkurrierendes Nationaldenkmal zu errichten, scheiterten und der Berg seine nationale Bedeutung wieder verlor. Bereits in der NS-Zeit war das Verhältnis zum Berg gespalten, denn die NS-Propaganda bevorzugte die Welfen mit Heinrich dem Löwen vor den italienorientierten Staufern.

Dennoch begann man 1936 mit archäologischen Ausgrabungen. Entscheidend wurde die Initiative des aus der Region stammenden einflussreichen Unternehmers Paul Reusch (1886-1956), Vorstandsvorsitzender der Gutehoffnungshütte in Oberhausen. Reusch war ein großbürgerlicher Unternehmer mit rechtsextremen Ansichten und Verfechter eines autoritären Staates. Bei der Machtergreifung Hitlers spielte er als Vertreter der Industrie eine gewisse Rolle, indem dessen Aufstieg wenn nicht aktiv förderte, so doch duldete oder durch wohlwollende Neutralität unterstützte. Von politischen Motiven Reuschs bei der Förderung der Grabung scheint bislang nichts bekannt.

Der Reichstatthalter für Württemberg, Wilhelm Murr setzte die Ausgrabungen gegen die  Haltung des Kultusministers und langjährigen Konkurrenten Christian Mergenthaler und des Landeskonservators Richard Schmidt vom Landesamt für Denkmalpflege durch. Im August 1936 wurden die Ausgrabungen begonnen, deren Leitung bei Walther Veeck lag, seit 1936 Direktor der Staatlichen Altertümersammlung und ab 1938 Untersturmführer der SS. Wohl 1939 wurden durch Walter Lorch Phosphatanalysen auf dem Hohenstaufenplateau durchgeführt, die auch heute noch als Pionierarbeit in der Geoarchäologie gelten. Da Veeck 1941 verstarb und die originale Grabungsdokumentation weitgehend verschollen ist, sind die Details der Grabung nicht zu erfassen. Immerhin konnten im zentralen Bereich der Burg drei bis vier mittelalterliche Bauphasen differenziert werden. Demnach wurde zunächst eine Zisterne angelegt, die aber dann durch ein Gebäude ersetzt wurde. Als jüngste Phase wurde die Quermauer erwiesen, für die sekundäres Baumaterial verwendet wurde (Lang u.a. 1996). Das Fundmaterial blieb bescheiden und wurde zunächst vor Ort eingelagert. Damit entging es zwar dem Brand des Landesmuseums, blieb aber auf Jahrzehnte vergessen.

Die Mauerbefunde der Ausgrabung wurden moderat aufgemauert und sichtbar erhalten.

Konservierte Befunde der Grabungen 1936/37 auf dem Hohenstaufen
(Foto: R. Schreg)

Parteiprominenz zeigte sich indes hier nie. Auf regionaler Ebene diente der Hohenstaufen gleichwohl für propagandistische Zwecke. Im April 1939 beispielsweise wurde auf dem Berg eine Feierstunde inszeniert, bei der eine "Treuebotschaft des schwäbischen Volkes" an den Führer gesandt wurde.


    Speyer

    Noch einmal geht es um Königs- und Kaisergräber. Allerdings wurden die Grabungen im Speyrer Dom lange vor der NS-Zeit durchgeführt, nämlich im Sommer 1900. Schon seit dem Spätmittelalter wurde Speyer immer wieder als der Bestattungsplatz der deutschen Könige und Kaiser bezeichnet.  Hier sind beispielsweise Konrad II. († 1039), Heinrich III. († 1056), Heinrich IV. († 1106), Heinrich V. († 1125), Philipp von Schwaben († 1208), Rudolf von Habsburg († 1291), Adolf von Nassau († 1298) und Albrecht von Österreich († 1308) bestattet, so dass die Grablege nicht auf eine Dynastie beschränkt blieb - wenn auch die Saliergräber die bekanntesten sind. 

    Die Grabungen wurden im August und September 1900 von einer Kommission der Bayerischen Akademie der Wissenschaften vorgeblich aus Pietätgründen untersucht (Meier 2011). Man interessierte sich für die Gräber und ihren Inhalt, wohingegen Baubefunde und die Geschichte des Doms keine Beachtung fanden. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg, als zwischen 1957 und 1971 eine umfassende Domrenovierung durchgeführt wurde, kam es durch eine Umgestaltung des Eingangsbereichs der Gruft um die Königsgräber zu weiteren Bodeneingriffen, die nur notdürftigste fachliche Begleitung fanden und somit als Zerstörungswerk zu gelten haben - obgleich der Vertrag über die Domrestau­rierung zwischen dem Domkapitel Speyer und dem Land Rheinland-Pfalz den Dom  als "Nationalhei­ligtum höchsten Ranges“ bezeichnete.
    Nach der Grabung von 1900 nahm man in München - die Rheinpfalz war damals ein Teil Bayerns - die Auswertung in Angriff, doch ist die geplante abschließende Publikation nie erschienen. Beteiligt an dem Projekt waren nebst weiteren Hermann Grauert als Historiker, Wolfgang Maria Schmid, der die Grabungen vor Ort geleitet hatte für die Darstellung der Archäologie,  die Anthropologen Johannes Ranke und Ferdinand Birkner sowie für die Baugeschichte Hugo Graf. Ein Problem entstand aus der ausufernden Länge des Beitrages von Graf, der zu einer anderen Interpretation der Baugeschichte gekommen war als der Archäologe Schmid.

    Nach dem Tod von Graf und Grauert und nach seiner Pensionierung bot sich Schmid 1924 an, das Publikationsprojekt zu Ende zu bringen. Schmid war ursprünglich am Bayerischen Nationalmuseum angestellt, nach Gründung des Bayerischen Landesamt 1908 jedoch dort angestellt gewesen. Die Bayerische Akademie der Wissenschaften akzeptierte dies gerne und stellte Schmid die Grabungsunterlagen zur Verfügung. In der Folge beanspruchte jedoch das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege, das an den bisherigen Forschungen nicht beteiligt war, das Eigentum an der Dokumentation mit dem Verweis, es handle sich um Staatseigentum, das das Amt zu verwalten habe. Schmid musste wesentliche Teile der Dokumentation ungesichtet zurückgeben und konnte erst 1929 im Hauptstaatsarchiv in München wieder Einsicht gewinnen. Nun machte auch die Pfälzische Gesellschaft zur För­derung der Wissenschaften Rechte an der Publikation geltend, da sie bislang die Finanzierung gestellt hatte. Streit gab es auch um die Rechte an den Grabungsfotos, denn der Fotograf Jakob Schröck hatte diese 1917 dem Historischen Museum der Pfalz in Speyer verkauft und dabei zur Bedingung gemacht, dass deren Publikation die Zustimmung der zuständigen Fachinstitution benötigte. Diese Rolle war nun zwischen Bayerischem Landesamt, dem Historischem Museum in Speyer und der Bayerischen Akademie der Wissenschaften strittig. Der Streit zog sich über Jahre hinweg und schwelte auch noch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933.

    Mit dem gesteigerten Interesse an den Kaisergräbern sahen fast alle Beteiligten eine Chance, sich mit der Publikation der Grabung zu profilieren. Schmid versuchte nun Reichsmittel für die Finanzierung der Grabungspublikation zu erhalten, wurde aber an die Pfälzische Gesellschaft zur För­derung der Wissenschaften zurückverwiesen, mit der er sich überworfen hatte. So entstanden Pläne, die Publikation unter Führung des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege ohne Schmid durchzuführen, der allerdings immer noch die bislang vorliegenden Manuskripte zur Publikation in seinem Besitz hatte. Der Plan wurde zunächst nicht umgesetzt, da Schmid als einziger Überlebender der ursprünglichen Kommission noch Spezialkenntnisse unmittelbar aus der Grabung hatte. Ziel sollte es  sein "sämtliche Aufzeichnungen, Pläne, Zeichnungen, Photographien von Prof. Schmid zu erhalten. Bei seinem Charakter (...) ist zu befürchten, daß er wichtige Dinge beseitigt, wenn er erfährt, daß ihm die Arbeit genommen werden soll. Es muß hier schnell und energisch zugegriffen werden" (zitiert nach Meier 2011, 49).

    Am 31. Januar 1939 bekam Schmid Besuch von der Gestapo, die „5 Pakete mit Zeichnungen, Bildern und Manuskripten“ beschlagnahmte. Wenig später wurde das Material an das Bayerische Landesamt überstellt. Zwar bekam man so viel mehr Material in die Hände als erhofft, aber die von Schmid selbst verfassten Manuskripte waren nicht darunter und müssen heute als verloren gelten. Vermutlich hatte man es bewusst darauf abgesehen, auch die Forschungsergebnisse von Schmid in die Hände zu bekommen.
    Die von Schmid geplante Publikation der Ausgrabung war damit endgültig gescheitert. Auch die Pläne des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege konnten kriegsbedingt nicht umgesetzt werden. 1949 mussten die Unterlagen nach Speyer abgegeben werden.
    Die vorliegenden Akten zeigen eine Geschichte von Finanzierungsproblemen, unklaren, teils fiktiven  Rechtsverhältnissen, Ehrgeiz, Konkurrenz und schließlich auch einer politischen Instrumentalisierung. Anders als bei den vorigen Beispielen geht es hier allerdings nicht um eine Instrumentalisierung der Geschichte bzw. Archäologie für eine Legitimierung der Rassenideen oder der NS-Herrschaft, sondern um eine Instrumentalisierung der NS-Gewalt für die Durchsetzung zumindest fraglicher Eigentumsansprüche an einer Grabungsdokumentation und wissenschaftlicher Manuskripte. Die Motive zu beurteilen, fällt schwer, eine obrigkeitliche Arroganz, überkorrekte Prinzipien, vielleicht auch der Ehrgeiz die wichtige Publikation unter dem Namen der eigenen Institution zu besorgen sind denkbar. Das Ergebnis jedenfalls war, dass jeder Überblick über die Dokumentation verloren ging, wichtige Manuskripte nicht mehr auffindbar waren und die Gesamtpublikation nie erschienen ist. Erst in den letzten Jahren ist es gelungen, die verfügbaren Informationen wieder zusammen zu führen.


      Neuwied-Gladbach

      Den Grabungsorten, die mit Königen und Kaisern zu tun haben, sei abschließend noch eine Grabung gegenüber gestellt, die eine 'ordinäre'  ländliche Siedlung zum Gegenstand hatte.
      Erste Hinweise auf fränkische Altertümer aus der Gemarkung Gladbach bei Neuwied am Mittelrhein wurden nach dem bisherigen Wissensstand 1934 bei der für die Kunststeinproduktion wichtigen Bimsgewinnung bekannt. Die damals angetroffenen Gräberfelder sind auf das 1098 erstmals urkundlich genannte Dorf Glad(e)bach zu beziehen. Die frühmittelalterliche Siedlung entdeckte man im März und April 1937 ebenfalls beim Bimsabbau etwa 1,4 km westsüdwestlich der Kirche von Gladbach. Im Verlauf des nach Süden fortschreitenden Bimsabbaus wurden 1937 und 1938 vom Rheinischen Landesmuseum in Bonn unter der Leitung von Karl Heinz Wagner eine Fläche von 4,3 ha im Rahmen einer Notgrabung untersuchtt.
      Dabei wurden 157 frühmittelalterliche Befunde dokumentiert. Aufgrund bereits abgebauter Bimsparzellen und der unter hohem Zeitdruck des fortlaufenden Bimsabbaus blieb der Gesamtbefund lückenhaft. Erstmals wurden hier aber Hausgrundrisse erfasst und Hausrekonstruktionen auf der Basis eines konkreten Befundes vorgenommen. Außerdem konnten bis 1938 weitere auf die Siedlung zu beziehende Bestattungsplätze festgestellt werden.

      Die zeitgenössischen Grabungsberichte (Stoll/Wagner 1937; Wagner u. a. 1938) enthalten sich ideologischer Interpretationen und stellen einen seriösen Bericht über die Grabungen dar. Dies gilt für viele andere Grabungen der Zeit, wenn auch bisweilen der Grabungsanlaß und -umstände bedenklich stimmen, wie etwa bei der frühmittelalterlichen Siedlung Merdingen, die 1940 beim Westwallbau untersucht wurde und teilweise unter Beschuß geriet.


        Fazit

        Während die Rolle der prähistorischen Archäologie im Nationalsozialismus inzwischen schon recht weitgehend beleuchtet worden ist, gilt dies für die Mittelalterarchäologie bislang nur eingeschränkt. Die hier aufgeführten Beispiele zeigen unterschiedliche politische Instrumentalisierungen, die in manchem von jenen der prähistorischen Archäologie abweichen.
        Die Vorgeschichte diente vor allem der Darstellung der nationalen Größe bzw. der Beschwörung des Germanentums, wohingegen  die Archäologie des Mittelalters eher der Legitimierung von Herrschaft und konkreter Politik diente.
        Ob sich die Beteiligten auf diesen Missbrauch von Wissenschaft aus ideologischer Überzeugung oder Opportunismus eingelassen haben, ist bestenfalls mittels einer detaillierten biographischen Analyse zu entscheiden. Deutlich ist allerdings, dass Konkurrenz und und falscher Ehrgeiz immer wieder ein wichtiger Faktor waren. Mehrheitlich haben wir es mit damals jungen Männern zu tun, die sich in einer Phase dem Nationalsozialismus angeschlossen haben, als sie sich in einer prekären Phase befanden und die Zukunftsperspektiven unklar waren.


        Festzuhalten ist auch, dass NS-Politiker wie Himmler und Rosenberg Archäologie nicht als Wissenschaft, sondern als Propagandainstrument ansahen. Himmler umgab sich mit vielen Pseudo-Wissenschaftlern. Ziel sei es, dass "geschichtliche Vorstellungen im Volk geweckt werden sollten, die den notwendigen Nationalstolz stärken". Zwar sah Himmler die Vorgeschichtsforschung als "die Lehre von der überragenden Bedeutung der Deutschen in der Vorzeit", aber es sei "höchst gleichgültig, ob sich die Vorgeschichte der germanischen Stämme in Wirklichkeit so oder anders abgespielt hat" (zitiert nach Halle 2005,  16).

        Uta Halle weist darauf hin, dass mit einer solchen Einstellung der Boden der Wissenschaft verlassen wurde und nicht nur willkürlicher Interpretation, sondern auch die Fälschung von Befunden gewissermaßen legitimiert wurde (Halle2005,16). In der Tat gibt es zahlreiche Verdachtsfälle solcher Fälschungen aus der NS-Zeit.

        Aber: Nicht jede Grabung und nicht jedes Forschungsprojekt aus der Zeit des Nationalsozialismus hat den Pfad der Wissenschaftlichkeit verlassen, wenn auch aus heutiger Sicht der Sprachduktus und manches theoretische Konzept im Hintergrund nicht mehr zeitgemäß ist.



        Literaturhinweise und Quellen

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        • Stoll/Wagner 1937
          H. Stoll/K.H. Wagner, Fränkische Siedlung mit Friedhof bei Gladbach, Kreis Neuwied. Nachrbl. Dt. Vorzeit 13, 1937, 119–121.  
        • Wagner u. a. 1938
          K.-H. Wagner/L. Hussong/H. Mylius, Fränkische Siedlung bei Gladbach, Kreis Neuwied. Germania 22, 1938, 180–190.
        Weiterhin wurden für einige Überblicksinformationen auch die einschlägigen Artikel der Wikipedia konsultiert.

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