Donnerstag, 13. Februar 2020

Die Bombenopfer von Dresden - Historische Archäologie gegen ihren Missbrauch

Vom 13. bis 15. Februar 1945 überzogen die Royal Air Force (RAF) und die United States Army Air Forces (USAAF) die Stadt Dresden mit mehreren Wellen von Luftangriffen. Dresden war vor dem Krieg eine der größten Städte Deutschlands und ein wichtiges Industrie- und Verkehrszentrum. Während des Krieges lag es weit von den Fronten und geriet erst in den letzten Kriegstagen in die Reichweite der Alliierten.

Die historische Innenstadt wurde fast komplett zerstört, schwere Schäden gab es an den Industrieanlagen, während die Bahnlinien nach kurzer Zeit repariert wurden. Die Straßen lagen nach Augenzeugenberichten und historischen Fotos voller Leichen. 

Dresden.- Leichenberge nach den Luftangriffen vom 13. und 14. Februar 1945, dahinter Ruinen zerstörter Gebäude
(Fo
to: Bundesarchiv, Bild 183-08778-0001 / Hahn  [CC-BY-SA 3.0] via WikimediaCommons)


Interne Dokumente der NS-Zeit wie auch die 1993 erschlossenen Akten des städtischen Bestattungs- und Marstallamtes zeigen, dass es etwa 25000 Todesopfer gab.

Lange waren weit höhere Zahlen genannt worden, denn die NS-Behörden behielten die Opferzählungen geheim und nutzten die Angriffe für Propagandazwecke. Die NS-Propaganda lancierte - als eine der wenigen Möglichkeiten, die kurz vor Kriegsende noch bestanden - Presseberichte in schwedischen Tageszeitungen, die die Zerstörung Dresdens als geplanten Massenmord mit 100.000 Toten darstellten. Sie wurden im Ausland übernommen und bildeten die Grundlage für in der Folgezeit immer weiter ansteigende Spekulationen über die Opferzahlen. 1948 übernahm das Rote Kreuz ungeprüft Zahlen der NS-Behörden und sprach von über 275.000 Toten. In der Nachkriegszeit stiegen die kolportierten Zahlen auf bis zu 500.000. In der DDR gab es kein besonderes Interesse an einer Aufarbeitung und an offiziellem Gedenken. Während des beginnenden Kalten Krieges wurden aber Motive der NS-Propaganda aufgegriffen, indem von der „unschuldigen Stadt“ und dem „anglo-amerikanischen Bombenangriff“ gesprochen wurde. Teilweise wurde den Westmächten unterstellt, die Zerstörung Dresdens hätte nur verhindern sollen, dass die Stadt der Sowjetarmee in die Hände fiele.


Instrumentalisierung der Opfer


Die Zahl der Toten wurde so von Anbeginn zum Politikum. 
Seit etwa 1998 versuchen nun Rechtsextreme das Opfergedenken zu instrumentalisieren. Sie greifen auf die widerlegten hohen Opferzahlen zurück. Die Opferzahlen werden Teil der rechten Propaganda, die die Dresdner Toten gegen die Opfer des Holocaust aufrechnet. Das Opfergedenken der Rechten soll die Geschichte vergessen machen.
Auch aktuell zum 75jährigen Jubiläum bezweifeln Vertreter der Rechten, darunter der AFD-Parteivorsitzende Chupalla, die Fakten, um so die Verbrechen der NS-Zeit zu relativieren.


Grafitti in Dresden (A.-Althus-Str.) mit Verkleinerung der Zahl der Toten am 13.2.1945 von 300000 auf 30000 durch Übersprühen
(Foto: SchiDD [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)

Als "Belege" dienen persönliche Erinnerungen,  "Plausibilitästüberlegungen und Vergleichskalkulationen" (Kommisionsbericht 2010, S. 20), sowie in der Art eines selbstreferentiellen Systems gegenseitige Zitate. Fast nie wird auf richtige Archivalien bzw. behördliche Statistiken verwiesen. Einzig der Holocaust-Leugner David Irving  bezog sich in den 1960er Jahren mit seiner Angabe von 250.000 Toten auf ein Dokument, den „Tagesbefehl 47“ vom 22. März 1945, der damals bereits als Fälschung erkannt war. 


Kommissionsarbeit 2004-2010

Schon 2004 wurde darum eine Historikerkommission eingesetzt,  „um Geschichtsfälschungen zu begegnen“. Neben zahlreichen Historikern war mit Thomas Westfalen, vom sächsischen Landesamt für Archäologie in Dresden auch ein Mittelalter- und Neuzeitarchäologe Mitglied der Kommission.
Die Ergebnisse der Kommissionsarbeit wurden in einem Abschlussbericht zusammen gefasst, der am 17. März 2010 der Oberbürgermeisterin übergeben wurde. Er ist online abrufbar und wird durch eine Buchpublikation ergänzt:
In verschiedenen Teilprojekten widmete sich die Kommission drei Themen: 
  1. der Zahl der Dresdner Luftkriegstoten, 
  2. den angeblichen Tieffliegerangriffen
  3. der Erinnerung der Dresdner Erlebnisgeneration.
Die Kommission hat neben den bereits bekannten Quellen die Aktenbestände von Stadtbauamt, Marstall- und Bestattungsamt, Ernährungs-, Fürsorge- und Kriegsschädenamt sowie der Oberbauleitung Enttrümmerung ausgewertet. Dabei konnten 20 100 Opfer namentlich benannt werden, die eindeutig als Folge der Bombenangriffe zwischen dem 13. und 15. Februar 1945 gestorben sind. Hinzu kommen 2600 Nachweise für Bestattungen von nicht identifizierten Toten. Somit sind mindestens  22700 Tote zu verzeichnen. Das Projekt hat die verschiedenen Daten digital erfasst und abgeglichen. Dabei wurde anhand der Akten der Ausgabestellen für Nahrungsbezugsscheine nach Kriegsende auch die Einwohnerzahl Dresdens nach den Angriffen erstmals genauer ermittelt.Erstellt wurden auch Schadenskartierungen und eine exakte Kartierung der Bergungsorte, die im Online-Kartenwerk "Dresden 1945" abrufbar sind.



Die Rolle der Archäologie

Ein Einwand gegen die schon zeitgenössischen Schätzungen von 25.000 Toten war die mündliche Tradition von Überlebenden, wonach der Großteil der Leichen verschüttet und nicht geborgen worden sei.

Seit der Wende wurden in Dresden umfassende stadtkernarchäologische Untersuchungen notwendig. Etwa 20% des mittelalterlichen Stadtkernes wurden untersucht. Dabei wurden mehr als 450 Keller frei gelegt, die zumeist bei der Enttrümmerung gezielt mit Schutt verfüllt wurden  Es zeigte sich, dass fast alle innerstädtischen Keller nach den Luftangriffen begehbar waren und geräumt wurden. Nur bei etwa 20% der Keller wurden Spuren intensiver Brände nachgewiesen und nur in vier Kellern wurden die Überreste von insgesamt 18 getöteten Menschen gefunden. Die Archäologie kann somit ausschließen, dass eine größere Zahl von Luftkriegstoten nicht geborgen wurde.


Das Beispiel Dresden zeigt das "kritische Potential" der Archäologie, das dazu beitragen kann, Legenden und Mythen anhand der materiellen Hinterlassenschaften zu überprüfen. Dies gilt auch und gerade da, wo eine reichhaltige schriftliche oder gar mündliche Überlieferung zur Verfügung steht. Augenzeugen  stehen gerade bei solchen Ereignissen wie in Dresden unter einer besonderen psychologischen Anspannung, die auch Wahrnehmungen beeinflusst.  
Die Archäologie kann im Abgleich mit anderen Quellen besondere Wahrnehmungsverzerrungen zu erkennen geben und einen Beitrag zur Quellenkritik liefern. Dresden ist insofern ein gutes Beispiel dafür, was eine historische Archäologie leisten kann. Es liegt dabei in der Natur der 'historischen' Archäologie, dass dies nur in interdisziplinärem Kontext tatsächlich ausgeschöpft werden kann.

Grabung Dresden Neumarkt 2013: Blick in die Keller
(Foto: Norbert Kaiser [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)

PS

In der NS-Propaganda nach den Luftangriffen auf Dresden war von der "Zerstörung der Kunststadt Dresden", "einem Wallfahrtsort für alle Kunstliebhaber" die Rede, womit auch hier der propagandistische Vorwurf an den Gegner als Kulturzerstörer und -schänder erhoben wurde, der uns in zahlreichen anderen Konflikten - auch aktuell - begegnet.

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