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Mittwoch, 14. September 2022

Wie aus der Ägyptologie vor 200 Jahren eine historische Archäologie wurde

Porträt des Jean-François Champollion (1790-1832)
Ölgemälde von
Leon Cogniet 1831
(Louvre, Paris [gemeinfei] via WikimediaCommons)

 

Die Entzifferung der Hieroglyphen war indes nur ein erster Schritt zur Entwicklung eiiner historischen Archäologie denn allzu leicht gewinnen die Texte das Übergewicht über die Archäologie, die leicht als bloßer Lieferant neuer Textfunde misverstanden werden kann. Das spannende ist , die Aussagen von Texten mt den Zeugnis des Materiellen abzugleichen. Darin steckt - auch für recht jonge Perioden - großes Potential.


Sonntag, 12. Juni 2022

Messis? Die Notwendigkeit archäologischer Magazinierung

Raimund Karl stellt in einem Interview in der taz Archäologen als "Messis der Wissenschaft dar".

In einem Punkt hat er Recht: Es gibt hier ein Problem. Immer mehr Ausgrabungen liefern immer mehr Funde, deren Lagerung, Konservierung und Aufarbeitung Ressourcen erfordert, die nicht da sind.

Seine Forderung, auszusortieren und auch alte Magazine zu entsammeln geht aber am Problem vorbei.

In seinen Äußerungen klingt es so, als sei es noch immer die Aufgabe der Archäolog*innen, zu sammeln. Das ist es seit etwa dem 19. Jahrhundert oder etwas enger gefasst seit den 1960er/70er Jahren nicht mehr. Archäologie ist als Wissenschaft an dem Verständnis der Vergangenheit interessiert. Die Funde sind Quelle und Beleg wissenschaftlicher Aussagen. Es geht schon lange nicht mehr um die Objekte selbst, sondern um ihre Kontexte. Diese sind aber jeweils individuelle.

Eine Auswahl nach den Kriterien eines Sammlungskonzeptes geht an dieser Eigenschaft archäologischer Funde vorbei. Ein Problem der Forschung sind sehr häufig die nicht aufbewahrten, heute verlorenen Funde. Aus der Sicht eines Mittelalterarchäologen beispielsweise ist zu bedauern, dass frühere Sammlungskonzepte nur an älteren Perioden interessiert waren. Hier hat man sehr oft eher zu wenig als zu viel gesammelt. Die musealen Sammlungskriterien sind auch nicht zwingend mit den wissenschaftlichen identisch, denn vieles was wissenschaftlich grundlegend ist, ist optisch und ausstellungstechnisch leider außerordentlich unattraktiv. Man denke nur an die zahlreichen Keramikscherben, die in der Regel die Datierung einer Fundstelle begründen, aber auch viele weitere Einblicke in Alltagssituationen geben können. Dabei kommt es auf das Spektrum, nicht auf die Einzelstücke an. Das bietet theoretisch ein gewisses Potential für ein repräsentatives Aufbewahren und eine Kassation - aber es ist doch häufig, dass später im Lichte neuer Forschung beispielsweise eine typologische Revision vorgenommen werden muss, die erfordert, dass ein möglichst vollständiger Rückgriff auf das Material möglich ist.

Viel Potential archäologischer Ausgrabungen wird heute schon verschenk, weil auf den Ausgrabungen bereits selektiert wird. Die außerordentlich spannende Fundgruppe der Dachziegel findet meist kaum Beaxhtung und landet meist gleich im Abraum. Eigentlich stellen sie aber eine wichtige Quelle für die Rekonstruktion von Gebäuden dart - über die Fundverteilung, aber auch über ihre Typologie und sekundäre Bearbeitung könnten überdachte Areale genauer definiert oder Walm- und Gaubendächer identifiziert werrden, was für eine Rekonstruktion nicht nur ein unwichtige Details sind.

Raimund Karls Beispiel der Lübecker Nusstorte zeigt ein leider auch unter Archäolog*innen immer noch verbreitetes Unverständnis für die Rolle der Funde und insbesondere auch für eine historische Archäologie. 2019 ging der Fund einer etwa 80 Jahre alten Nusstorte durch die Medien, die bei Ausgrabungen in der Alfstraße gefunden wurde. Karl möchte sie wegschmeißen. "Nusstorten kennen wir eigentlich gut." Das ist aber gar nicht der Punkt. Ja Nusstorten kennen wir gut, aber diese eine, die Raimund Karl als überflüssiges Sammlerstück darstellt, ist auch nicht wichtig, weil wir an einem Nusstortenrezept interessiert sind. Sie ist aus verschiedenen anderen Gründen ein höchst wichtiges Objetkt: Sie stammt aus einem fixierten historischen Kontext, Das Haus in der Lübecker Alfstraße, in deren Keller die Torte nebst einem Kaffeeservice und mehreren Schallplatten gefunden wurde, war im März 1942 bei einem alliierten Bombenangriff auf Lübeck zerstört worden. Wie Karl schreibt, sind Rezepte überliefert, "Brauchen wir also ein originales Stück, das dauerhaft konserviert werden soll? Wahrscheinlich nicht." meint er. Allerdings: Es wäre durchaus interessant, zu erfahren, ob die in Kriegstagen gebackene Torte nicht auch Versorgnngsengpässe widerspiegelt. Man hat vermutet, dass die Torte vielleicht für eine Konfirmationsfeier gebacken wurde, denn der Luftangriff fand am 28./29. März 1942 in der Nacht zum Palmsonntag statt, Die Torte ist Zeugnis des Kriegsalltags und hat gerade als alltägliches Objekt die Fähigkeit, Emotionen zu wecken und so zu einer Auseinandersetzung mit der Geschichte anzuregen und Erinnerung wach zu halten. Es ist eines der Potentiale der historischen Archäologie, dass ihre Funde - wenn sie bisweilen selbst auch nur von bescheidenem eigenständigem Quellenwert sind - neue Perspektiven eröffnen und geschichtsdidaktisch außerordentlich wertvoll sein können. Gerade die Lübecker Torte hat ein großes mediales Echo gefunden - wenn vielleicht auch unterschwellig mit etwas Kopfschütteln und Amusement. Dennoch: Die Torte hat den Ausgrabungen in Lübeck emdiale Aufmerksamkeit geschenkt, national, internationla und auch von der BILD. Im März 2022 wurde die Torte zum Mittelpunkt einer Ausstellung "Bittersüß - Der Tortenfund von Lübeck 1942-2022" und regt so zu einer Auseinandersetzung mit dem Bombenkrieg an. Trotz des Kriegs in der Ukraine, ist für Viele in Deutschland solch ein Ereignis heute völlig außerhalb der Vorstellungskraft.

Das Probelm der Archäologie liegt nicht im Sammeln, sondern in der Aufarbeitung des Gesammelten und weiterhin zu Sammelnden (oder doch umfassend zu Dokumierenden). Erst im Zug einer wissenschaftlichen Auswertung kann zuverlässig entschieden werden, was Quellenpotential, was Referenzcharakter und was didaktischen Wert hat. Das ist auf der Ausgrabung nicht möglich, da gerade unter Bedingungen der kommerziellen Archäologie dafür keine Zeit und meist auch keine Fachexpertise vorliegt.

Eine Lösung des Problems wachsender Sammlungsbestände muss bei der Auswertung ansetzen.

  1. Die Auswertung muss mit nachvollziehbaren Kriterien eine Fundauswahl treffen, die magaziniert wird. Keine Rolle dürfen dabei auf Ausstellungen oder Schwerpunkte setzende Sammlungsstrategien einzelner Museen spielen, da gewährleistet werden sollte, dass eine gleichmäßige Überlieferung entsteht. Eine Museumsinventarisierung sollte erst nach der Auswertung vorgenommen werden.
  2. Künftige Sammlungskonzepte sollten nicht mehr allein auf die großen Landesmuseen setzen, die allzu leicht in die auch von Karl vorgeschlagene Duplettenargument verfallen könnten. Archäologie ist aber nicht immer nur große Geschichte, sondern eben auch Ortsgeschichte. Was es landesweit schon hundert- oder tausendfach gibt, kann ortsgeschichtlich von größter Bedeutung sein.
  3. Auswertungsarbeit muss angemessen bezahlt werden Sie ist Teil der Ausgrabung und sollte vom Verursacherprinzip mit abgedeckt werden. Es kann hier nicht weiter auf universitäre Abschlussarbeiten gesetzt werden. Von der Ausnutzung dahinter einmal abgesehen: Das Potential an Studierenden reicht bei weitem nicht aus und zudem setzt man strukturell die Unerfahrensten in der Wissenschaft an die wichtigste Arbeit.
  4. Wir brauchen digitale Funddatenbanken. Sie gewinnen nicht nur für die Forschung an Bedeutung die zunehmend statistisch arbeitet. Hier könnten auch kassierte Funde so dokumentiert werde, dass zumindest eine grundlegende wisenschaftliche Datenbasis erhalten bleibt (was nicht geling, wenn die Kassation auf der Grabung erfolgt, bevor zuverlässig alles begutachtet wurde). Bei einer Dezentralisierung musealer Aufbewahrung kann eine Datenbank den Überblick erhalten und übrigens auch bei Provenienzproblemen eine wichtige Rolle spielen.

Der Umgang mit Fundstellen und Funden in der aktuellen archäologie erfordert sicherlich, wie Karl das anstößt, mehr Reflektion über Strategien in Forschung und Denkmalpflege. dabei ist es wichtig, nichts zu beschönigen - in vielen archäologischen Depots ist die Welt durchaus nicht in Ordnung und auch die angemessene Auswertung der zahlreichen Grabungen ist nicht mehr gewährleistet (falls sie es jemals war). Hier muss grundsätzlich nachgedacht werden und der Handlungsbedarf anerkannt und kommuniziert werden.

Entscheidend ist, dass sich Archäolog*innen mehr als bisher Rechenschaft über ihre Fragestellungen und Ziele ablegen - in der Denkmalpflege, an den Museen, an den Universitäten, aber auch in den historischen/ arcchäologischen Vereinen und Gesellschaften.

Ein einfaches Entsammeln hilft nicht, sondern gefährdet die Wissenschaftlichkeit der Archäologie, die meines Erachtens ihren Kern ausmacht, die aber beispielsweise doch auch soziale und politische Bildungsarbeit berührt.



Depot mit archäologischen Funden
(Foto R. Schreg)

Links

  • R. Karl, My preciousssss... Zwanghaftes Horten, Epistemologie und sozial verhaltensgestörte Archäologie. In: K.P. Hofmann/ T. Meier/ D. Mölders/ S. Schreiber (Hrsg.), Massendinghaltung in der Archäologie. Der Material Turn und die Ur- und Frühgeschichte (Leiden 2016) 43-69. - https://www.sidestone.com/books/massendinghaltung-in-der-archaeologie


zur Lübecker Torte:



Samstag, 24. Oktober 2020

Guten Appetit! Experimentelle historische Archäologie in Bielefeld

Experimentelle Archäologie im eigentlichen Sinn ist das natürlich nicht.

Ob der Fund als solcher - die Kartoffeln und deren Dose - wissenschaftlich interessant ist, müsste wohl eher ein Lebensmittelchemiker als ein Historiker oder Archäologe entscheiden. Aus der historischen oder auch 'archäologischen' Perspektive ist der Befundkontext viel interessanter, denn der könnte vielleicht Aufschluss geben, wie australische Pommes auf eine Bielefelder Bühne kommen - und zumindest lokalgeschichtlich eine spannende Geschichte erzählen oder jedenfalls illustrieren. Die alten Pommes könnten aber auch dazu anregen, sich beispielsweise mit der Frage zu befassen, welche Rolle australische Truppen am Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland spielten. 

 

1945 zerstörter Bahnviadukt nordlich von Bielefeld
(Royal Air Force / IMperial War Museum [PD] via Wikimedia Commons)



Die mediale Aufmerksamkeit richtet sich aber natürlich eher auf die Fragen des Geschmacks und des Mindesthaltbarkeitsdatums und regt beispielsweise swr2 dazu an, seine Hörer*innen nach den ältesten Gerichten in Küchen fahnden zu lassen.  ;-)


Links

Donnerstag, 13. Februar 2020

Die Bombenopfer von Dresden - Historische Archäologie gegen ihren Missbrauch

Vom 13. bis 15. Februar 1945 überzogen die Royal Air Force (RAF) und die United States Army Air Forces (USAAF) die Stadt Dresden mit mehreren Wellen von Luftangriffen. Dresden war vor dem Krieg eine der größten Städte Deutschlands und ein wichtiges Industrie- und Verkehrszentrum. Während des Krieges lag es weit von den Fronten und geriet erst in den letzten Kriegstagen in die Reichweite der Alliierten.

Die historische Innenstadt wurde fast komplett zerstört, schwere Schäden gab es an den Industrieanlagen, während die Bahnlinien nach kurzer Zeit repariert wurden. Die Straßen lagen nach Augenzeugenberichten und historischen Fotos voller Leichen. 

Dresden.- Leichenberge nach den Luftangriffen vom 13. und 14. Februar 1945, dahinter Ruinen zerstörter Gebäude
(Fo
to: Bundesarchiv, Bild 183-08778-0001 / Hahn  [CC-BY-SA 3.0] via WikimediaCommons)


Interne Dokumente der NS-Zeit wie auch die 1993 erschlossenen Akten des städtischen Bestattungs- und Marstallamtes zeigen, dass es etwa 25000 Todesopfer gab.

Lange waren weit höhere Zahlen genannt worden, denn die NS-Behörden behielten die Opferzählungen geheim und nutzten die Angriffe für Propagandazwecke. Die NS-Propaganda lancierte - als eine der wenigen Möglichkeiten, die kurz vor Kriegsende noch bestanden - Presseberichte in schwedischen Tageszeitungen, die die Zerstörung Dresdens als geplanten Massenmord mit 100.000 Toten darstellten. Sie wurden im Ausland übernommen und bildeten die Grundlage für in der Folgezeit immer weiter ansteigende Spekulationen über die Opferzahlen. 1948 übernahm das Rote Kreuz ungeprüft Zahlen der NS-Behörden und sprach von über 275.000 Toten. In der Nachkriegszeit stiegen die kolportierten Zahlen auf bis zu 500.000. In der DDR gab es kein besonderes Interesse an einer Aufarbeitung und an offiziellem Gedenken. Während des beginnenden Kalten Krieges wurden aber Motive der NS-Propaganda aufgegriffen, indem von der „unschuldigen Stadt“ und dem „anglo-amerikanischen Bombenangriff“ gesprochen wurde. Teilweise wurde den Westmächten unterstellt, die Zerstörung Dresdens hätte nur verhindern sollen, dass die Stadt der Sowjetarmee in die Hände fiele.


Instrumentalisierung der Opfer

Die Zahl der Toten wurde so von Anbeginn zum Politikum. 
Seit etwa 1998 versuchen nun Rechtsextreme das Opfergedenken zu instrumentalisieren. Sie greifen auf die widerlegten hohen Opferzahlen zurück. Die Opferzahlen werden Teil der rechten Propaganda, die die Dresdner Toten gegen die Opfer des Holocaust aufrechnet. Das Opfergedenken der Rechten soll die Geschichte vergessen machen.
Auch aktuell zum 75jährigen Jubiläum bezweifeln Vertreter der Rechten, darunter der AFD-Parteivorsitzende Chupalla, die Fakten, um so die Verbrechen der NS-Zeit zu relativieren.


Grafitti in Dresden (A.-Althus-Str.) mit Verkleinerung der Zahl der Toten am 13.2.1945 von 300000 auf 30000 durch Übersprühen
(Foto: SchiDD [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)

 
Als "Belege" dienen persönliche Erinnerungen, "Plausibilitätsüberlegungen und Vergleichskalkulationen" (Kommissionsbericht 2010, S. 20), sowie in der Art eines selbstreferentiellen Systems gegenseitige Zitate. Fast nie wird auf richtige Archivalien bzw. behördliche Statistiken verwiesen. Einzig der Holocaust-Leugner David Irving  bezog sich in den 1960er Jahren mit seiner Angabe von 250.000 Toten auf ein Dokument, den „Tagesbefehl 47“ vom 22. März 1945, der damals bereits als Fälschung erkannt war. 


Kommissionsarbeit 2004-2010

Schon 2004 wurde darum eine Historikerkommission eingesetzt,  „um Geschichtsfälschungen zu begegnen“. Neben zahlreichen Historikern war mit Thomas Westfalen, vom sächsischen Landesamt für Archäologie in Dresden auch ein Mittelalter- und Neuzeitarchäologe Mitglied der Kommission.
Die Ergebnisse der Kommissionsarbeit wurden in einem Abschlussbericht zusammen gefasst, der am 17. März 2010 der Oberbürgermeisterin übergeben wurde. Er ist online abrufbar und wird durch eine Buchpublikation ergänzt:
In verschiedenen Teilprojekten widmete sich die Kommission drei Themen: 
  1. der Zahl der Dresdner Luftkriegstoten, 
  2. den angeblichen Tieffliegerangriffen
  3. der Erinnerung der Dresdner Erlebnisgeneration.
Die Kommission hat neben den bereits bekannten Quellen die Aktenbestände von Stadtbauamt, Marstall- und Bestattungsamt, Ernährungs-, Fürsorge- und Kriegsschädenamt sowie der Oberbauleitung Enttrümmerung ausgewertet. Dabei konnten 20 100 Opfer namentlich benannt werden, die eindeutig als Folge der Bombenangriffe zwischen dem 13. und 15. Februar 1945 gestorben sind. Hinzu kommen 2600 Nachweise für Bestattungen von nicht identifizierten Toten. Somit sind mindestens  22700 Tote zu verzeichnen. Das Projekt hat die verschiedenen Daten digital erfasst und abgeglichen. Dabei wurde anhand der Akten der Ausgabestellen für Nahrungsbezugsscheine nach Kriegsende auch die Einwohnerzahl Dresdens nach den Angriffen erstmals genauer ermittelt.Erstellt wurden auch Schadenskartierungen und eine exakte Kartierung der Bergungsorte, die im Online-Kartenwerk "Dresden 1945" abrufbar sind.



Die Rolle der Archäologie

Ein Einwand gegen die schon zeitgenössischen Schätzungen von 25.000 Toten war die mündliche Tradition von Überlebenden, wonach der Großteil der Leichen verschüttet und nicht geborgen worden sei.

Seit der Wende wurden in Dresden umfassende stadtkernarchäologische Untersuchungen notwendig. Etwa 20% des mittelalterlichen Stadtkernes wurden untersucht. Dabei wurden mehr als 450 Keller frei gelegt, die zumeist bei der Enttrümmerung gezielt mit Schutt verfüllt wurden  Es zeigte sich, dass fast alle innerstädtischen Keller nach den Luftangriffen begehbar waren und geräumt wurden. Nur bei etwa 20% der Keller wurden Spuren intensiver Brände nachgewiesen und nur in vier Kellern wurden die Überreste von insgesamt 18 getöteten Menschen gefunden. Die Archäologie kann somit ausschließen, dass eine größere Zahl von Luftkriegstoten nicht geborgen wurde.

Das Beispiel Dresden zeigt das "kritische Potential" der Archäologie, das dazu beitragen kann, Legenden und Mythen anhand der materiellen Hinterlassenschaften zu überprüfen. Dies gilt auch und gerade da, wo eine reichhaltige schriftliche oder gar mündliche Überlieferung zur Verfügung steht. Augenzeugen  stehen gerade bei solchen Ereignissen wie in Dresden unter einer besonderen psychologischen Anspannung, die auch Wahrnehmungen beeinflusst.  
Die Archäologie kann im Abgleich mit anderen Quellen besondere Wahrnehmungsverzerrungen zu erkennen geben und einen Beitrag zur Quellenkritik liefern. Dresden ist insofern ein gutes Beispiel dafür, was eine historische Archäologie leisten kann. Es liegt dabei in der Natur der 'historischen' Archäologie, dass dies nur in interdisziplinärem Kontext tatsächlich ausgeschöpft werden kann.

Grabung Dresden Neumarkt 2013: Blick in die Keller
(Foto: Norbert Kaiser [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)

PS

In der NS-Propaganda nach den Luftangriffen auf Dresden war von der "Zerstörung der Kunststadt Dresden", "einem Wallfahrtsort für alle Kunstliebhaber" die Rede, womit auch hier der propagandistische Vorwurf an den Gegner als Kulturzerstörer und -schänder erhoben wurde, der uns in zahlreichen anderen Konflikten - auch aktuell - begegnet.

Weitere Links

Sonntag, 16. Juni 2019

Das letzte Sklavenschiff

In den vergangenen Tagen hat ein Fund in Alabama/USA mediale Aufmerksamkeit gefunden. Natürlich ging es in den Berichten wieder primär um die Entdeckung an sich, aber deutlich werden hier auch die Potentiale der Neuzeitarchäologie für die politische Bildung, Erinnerungskultur und Identitätsstiftung.

Die Fahrt der Clotilda

Es geht um das Schiff Clotilda, das 1860 im Fluß Mobile in Alabama versenkt wurde, um die Spuren eines damals bereits illegalen Sklaventransports aus Afrika in die Südstaaten der USA zu vertuschen. Nach Einschätzung einer Journalistin gehört die Geschichte der Clotilda und der  überlebenden Afrikaner zu den am besten dokumentierten Fällen des Sklaventransports von Afrika über den Atlantik: "the story of the Clotilda and its survivors eventually became one of the best-documented accounts of Africans transported through the transatlantic slave trade" (M. Thompson, PBS).
Der nur 26 m lange zweimastige Schooner erreichte die Mobile Bay am 9. Juli 1860 mit 110 Sklaven an Bord. Das Schiff, das eigentlich dem Holztransport diente, war 1856 durch den in Mobile ansässigen Schiffseigner Timothy Meaher gebaut worden. In der Hoffnung auf ein gutes Geschäft lief die Clotilda unter dem Kommando von Kapitän William Foster Anfang März 1860 über den Atlantik nach Ouidah im heutigen Benin an der westafrikanischen Küste aus. Der König von Dahomey wollte Gefangene aus seinen Kriegen verkaufen, was eine US-Zeitung damals berichtet hatte. Foster rüstete in Ouidah  das Schiff für den Transport von Sklaven um und kaufte 125 Gefangene. Als während der 'Beladung' lokale Piraten auftauchten, lief das Schiff sofort aus, obwohl 15 der gekauften Sklaven noch nicht an Bord waren.
1807 war in den USA der transatlantische Sklavenhandel - nicht die Sklaverei und der lokale Handel - durch den Act Prohibiting Importation of Slaves verboten worden. Im selben Jahr beschloß das britische Parlament den Act for the Abolition of the Slave Trade. Ouidah, eine wichtige Küstenstadt des Königreichs Dahomey verlor seine Bedeutung. Portugiesen, Niederländer, Franzosen und Engländer hatten hier Forts zum Schutz des Sklavenhandels errichtet. Aber 1860 hatten beispielsweise die Portugiesen ihr 1680 errichtetes Fortaleza de São João Batista de Ajudá verlassen.
An der afrikanischen Küste entkam die Clotilda mit ihrer illegalen Fracht nicht nur den Piraten, sondern auch einem englischen Kriegsschiff. Ende Juni erreichte sie die Bahamas und tarnte sich nun als Küstenboot. Am 9. Juli ging die Clotilda am Point of Pines in Grand Bay, Mississippi vor Anker, nahe der Grenze zu Alabama. Nachdem Foster von hier aus auf dem Landweg Meaher in Mobile aufgesucht hatte, brachte er das Schiff mit seiner Sklavenfracht nachts in den Hafen von Mobile und dann weiter flussaufwärts nach Twelve Mile Island. Die Sklaven wurden hier auf ein Flußboot umgeladen und schließlich an die Investoren der Clotilda-Fahrt verteilt. 30 der Sklaven blieben auf dem Besitz von Timothy Meaher.
Die Clotilda aber wurde angezündet und im Fluß versenkt. Tatsächlich wurde zwar gegen Meaher und Foster ermittelt, doch mangels Beweisen kam es gar nicht erst zu einer Anklage.
Cudjoe Kazoola Lewis und Abache kamen 1860 auf der
Clotilda unfreiwillig in die USA.
Jahre später schilderten sie die Reise.
(Foto aus E. Langdon Roche, Historic Sketches of the South
[New York: The Knickerbocker Press, 1914]
via WikimediaCommons [PD])

Augenzeugenberichte

Die letzten Überlebenden der auf der Clotilda in die USA verfrachteten Gefangenen starben erst in den 1930er Jahren. Oluale Kossoula/ Cudjo Lewis, wohl 1841 in Westafrika geboren, kam nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg frei und beteiligte sich mit anderen West-Afrikanern am Aufbau einer Gemeinschaft  nördlich Mobile, die als Africatown bekannt wurde. Eine Rückkehr nach Afrika scheiterte aus finanziellen Gründen. Kossoula erzählte die Geschichte der Clotilda unter anderen der Schriftstellerin Emma Langdon Roche, die sie 1914 publizierte.
Aus dem Nachlass der Anthropologin Zora Neale Hurston (1891-1960) wurde erst 2018 ein Buch publiziert, das Kossoulas Lebensgeschichte und die Fahrt der Clotilda nach Interviews aus dem Jahr 1927 beschreibt.

Archäologische Forschungen

Trotz der detaillierten Beschreibung der Reise bestand schon lange ein Interesse, die Clotilda zu finden. Viele Schiffswracks am Mobile river wurden im Lauf der Zeit für die Clotilda gehalten. Erst 2018 war die Entdeckung der Clotilda vermeldet worden, die sich dann aber als verfrüht heraus stellte: Das entdeckte Wrack war zu groß  und nach dem Befund der Hölzer an der Westküste und nicht in Alabama gebaut.
Obgleich dieser Fund sich nicht als Clotilda erwies, ermutigte er systematischere Forschungen, die in den Gewässern um Mobile gar nicht einfach sind, da hier sehr viele Wracks liegen, viele aus der Seeschlacht von Mobile, die im amerikanischen Bürgerkrieg 1864 stattfand.
Die Alabama Historical Commission sowie die auf historische Schiffswracks spezialisierte Firma SEARCH Inc., die Meeresarchäologen und Taucher umfasst, begannen weiter nachzuforschen, bald unterstützt durch das Smithsonian’s National Museum of African American History and Culture, an dem derzeit ein großes Forschungsprojekt zu Sklavenschiffen durchgeführt wird.

Im Mai 2019 wurde nun im Mobile River ein Schiff identifiziert, das von der Größe und überlieferten Details wie auch Spuren eines Brandes zur Clotilda passt. Die Kollegen sind sich sicher, dieses Mal das richtige Wrack gefunden zu haben.

Entgegen der Darstellung in den Medien ist die Clotilda aber wohl nicht das letzte Sklavenschiff, das illegal in Afrika gefangene Menschen über den Atlantik verfrachtete. Im Juli 2012 wurde an der Küste der Bahamas das Wrack der Peter Mowell identifiziert. Das Schiff, ursprünglich aus Louisiana stammend, war etwa zur selben Zeit über den Atlantik unterwegs. Schon am 8. Februar war es in New Orleans nach Monrovia in Liberia ausgelaufen. Vor der westafrikanischen Küste übernahm sie von einem größeren Sklavenschiff 400 Sklaven und fuhr zurück über den Atlantik. Am 25. Juli befand sich das Schiff mit den Verschleppten an Bord in den Gewässern der Bahamas und versuchte einem vermeintlichen britischen Kriegsschiff (in Wahrheit war es der Dampfer Karnak) zu entkommen und lief dabei auf Grund. Vom Wrack ist wenig erhalten, nur die Ballaststeine geben die Wracksituation wieder.
Die Peter Mowell ist somit wenige Tage später gesunken als die Clotilda. Die Sklaven waren allerdings nicht für die USA, sondern für Kuba bestimmt. Die geretteten Sklaven erhielten auf den Bahamas Freiheit und Bürgerrechte. Ende des Jahres 1860 berichtet die New York Times von einem weiteren Sklaventransport. Das Schiff America sank im Dezember ebenfalls vor den Bahamas. Der Besatzung gelang es indes, ihre Sklaven-Fracht mit einem anderen Schiff nach Kuba zu bringen (https://www.nytimes.com/1860/12/31/archives/fr0m-havana-arrival-of-the-steamship-karnakactivity-of-the.html).

Bereits in den 1970er Jahren war vor Florida das Wrack der 1700 gesunkenen Henrietta Marie geborgen werden, deren Funde heute im Mel Fisher Maritime Museum gezeigt werden. Neben der Schiffsglocke wurden zahlreiche Fesseln, Glasperlen, Metallgefäße und eine Dentistenzange gefunden. 
Die Fredensborg im Jahr 1765, eine auch für Sklaventransporte
eingesetzte Fregatte der Dänisch-Asiatischen Kompagnie
Gemälde wohl von Clement Mogensen Clementsen
(Museet for Søfart, Kopenhagen [PD] via WikimediaCommons)
Das Schiffswrack der Fredensborg wurde im September 1974 als Ergebnis einer gezielten Suche von einem Taucher vor der südnorwegischen Küste in der Nähe von Arendal entdeckt und in den folgenden Jahren erforscht und 2000 auch publiziert (Svalesen 2000).  Das Schiff 1752 oder 1753 gebaut, lief hier am 1. Dezember 1768 aus der Karibik kommend auf Grund und sank.  Unter den geborgenen Funden war Elfenbein von Elefant und Flußpferd von der westafrikanischen Goldküste. Zum Zeitpunkt des Untergangs waren zwar keine Sklaven an Bord, aber der Fund eines afrikanischen Mahlsteins sowie eine große Zahl an Tabakpfeifen lassen sich mit der Praxis des Gefangenen-Transports verbinden. Die Lebensbedingungen der menschlichen Fracht waren menschenunwürdig, aber die Schiffseigner versuchten durch einheimische afrikanische Kost und das Austeilen von Tabak und Pfeifen gesundheitliche Probleme und Unruhen zu vermeiden.

Der Erkenntnisgewinn


Die Schiffsfunde wie die Henrietta Marie, die  São José Paquete Africa, die Fredensborg und künftig wohl auch die Clotilda lassen Aussagen über die konkret eingesetzten Schiffe und ihre Ausstattung, über das Leben und Leiden an Bord zu. Im Falle der São José Paquete Africa haben wir sogar einen Katastrophenfund vor uns, der mitten aus dem 'Alltag' herausgerissen wurde und für 200 ertrunkene Sklaven zum Grab wurde. Die Henrietta Marie sank auf einer Fahrt, als keine Sklaven an Bord waren, dennoch war sie mit Fesseln und einem Ofenkessel ausgerüstet, der es möglich machte, für eine große Zahl von Personen zumindest einen Brei zu kochen. Die Clotilda hingegen wurde entladen und dann bewusst versenkt.
Die Clotilda ist einer von ganz wenigen Funden von Sklavenschiffen. Das ist insofern bemerkenswert, als 825 Schiffsverluste aus schriftlichen Quellen bekannt sind. Häufig ist es allerdings schwierig, sie von normalen Handelsschiffen zu unterscheiden, denn im Atlantischen Dreieckshandel transportierten sie nur auf einer Teilstrecke auch Sklaven. Für diese Passage wurden die Schiffe mit temporären Einbauten ausgestattet. Fesseln und große Kapazitäten von Kochmöglichkeiten wie auf der Henrietta Marie können dennoch einen Anhaltspunkt für ihre Rolle als Sklavenschiff geben. Problematischer ist, dass die Unterwasserarchäologie ein Feld ist, in dem vor allem kommerzielle Bergungs- und Schatzsucherfirmen unterwegs sind. Die Fracht von Sklavenschiffe hat für sie keinen Wert. Es ist sicher kein Zufall, dass die Entdeckungen der Henrietta Marie und der Peter Mowell der Beifang von Schatzsuchern sind.

Das Interesse an den Sklavenschiffen setzt sich deutlich von dem dieser Schatzjäger ab und hat demgegenüber eine wissenschaftliche oder soziale Motivation.
Zwar waren die ersten Entdeckungen von Sklavenschiffen wie die Henrietta Marie und die Fredensborg bereits in den 1970er Jahren gemacht worden, aber erst  das 200jährige Jubiläum des offiziellen Verbots des Sklavenhandels 1808 in den USA und in Großbritannien gab Anlass für systematischere Forschungen. 2008 erschien im International Journal of Historical Archaeology der erste archäologische Überblick über die Sklavenschiffe, der Beobachtungen der Unterwasserarchäologie und der Archaeology of the African Diaspora zusammen brachte (Webster 2008 und weitere Beiträge im selben Heft des JHA).

Im Rahmen des oben genannten SWP-Projektes war es 2015 gelungen, ein weiteres  Schiff aufzufinden und zu dokumentieren, auf dem gefangene Afrikaner über den Atlantik auf eine Reise ohne Rückkehr verfrachtet wurden. Die São José Paquete Africa sank 1794 auf der Fahrt von Mozambique nach Brasilien vor der Küste von Kapstadt in Südafrika. Dabei kamen 212 der 400 bis 500 Gefangenen ums Leben.

Bislang liegen also nur wenige Sklavenschiffe vor, zudem ist der Publikationsstand sehr schlecht. Abgesehen von der Fredensborg sind oft nur kurze Berichte publiziert, meist nicht in wissenschaftlichen Zeitschriften, sondern nur über Museums-Websites oder Medienberichte. Mangels aussagekräftiger wissenschaftlicher Publikationen der Sklavenschiffe sind die  Erkenntnisse bisher recht oberflächlich. Die Clotilda ist bislang nur lokalisiert, im trüben Wasser bisher aber nicht wirklich dokumentiert, geschweige denn geborgen.

Bislang liegt der Gewinn der Forschungen also nicht in den Erkenntnissen aus den Funden als materiellen Quellen, sondern in deren Fähigkeit, Emotionen zu wecken, Vorstellungen zu liefern und Geschichten zu beglaubigen.

Vergangenheitsbewältigung

Eine wesentliche Motivation des SWP-Projektes, das seinen Ausgang in der Erforschung der Sklavenschiffe in Südafrika hatte, war von Anfang an, ein Bewusstsein für den Sklavenhandel zu schaffen, Bildungs- und Versöhnungsarbeit zu leisten und soziale Gerechtigkeit zu fördern. Das Projekt arbeitete mit den Nachkommen der Sklaven, um die lokale Geschichte  mit der globalen Geschichte des Sklavenhandels zu verbinden.
So vermerkte auch die angeführte erste Überblicksarbeit von 2008, dass das Studium der Sklavenschiffe nicht allein eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, sondern ebenso mit der Gegenwart ist: "To study slaver wrecks is to engage with the present, as well as the past" (Webster 2008, 17). Bis heute ist die Verschleppung von Afrika über den Atlantik für viele Afro-Amerikaner identitätsstiftend und ein kritischer Teil ihrer Geschichte. Noch immer wird die Schwarze Bevölkerung in den USA benachteiligt und so ist ihre Geschichte auch kein Teil der Meistererzählung der amerikanischen Geschichte als Land der unbegrenzten Möglichkeiten und der Zivilisierung der Wildnis.

Die 'Black History' ist seit langem ein wichtiges Forschungsfeld nicht zuletzt schwarzer Historiker und Archäologen. Sie ist geradezu ein Motor auch für die Entwicklung der Historical Archaeology geworden, die schon lange nicht mehr eine Archäologie der europäischen Kolonisten ist.
Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Afro-Amerikaner wird dabei als identitätsstiftend begriffen, da sie ein Selbstbewusstsein schafft, aber auch mit der Hoffnung verbunden ist, mit der Darstellung der Geschichte Aufmerksamkeit und Gerechtigkeit zu erfahren.

Verlassenes Haus in Africatown
(Foto: Leigh T Harrell [CC BY SA 3.0]
via Wikimedia Commons)
Auch im aktuellen Fall der Clotilda geht es in hohem Grad auch um Aufmerksamkeit, speziell für Africatown, der Siedlung vieler Überlebender der Clotilda. Sie liegt nur wenig nördlich des Stadtzentrums von Mobile und ist heute umgeben von Industrieanlagen. Seit Jahrzehnten leidet Africatown an politischer und wirtschaftlicher Vernachlässigung. Von ehemals 10000 Einwohnern sind  etwa 300 übrig geblieben. Viele Parzellen sind beräumt, anderwo finden sich noch Holzhäuser, die noch ins 19. Jahrhundert zurück reichen dürften. Eines steht auch unter Denkmalschutz.
In direkter Nachbarschaft zur Siedlung wurde über Jahrzehnte eine Papierfabrik betrieben. Sie war im Besitz der Familie Meaher, den Nachfahren jenes Mannes, der die Vorfahren der heutigen Einwohner von Africatown aus Westafrika verschleppt hatte. 2017 verklagten nun 1200 Einwohner von Africatown die Eigentümer der inzwischen geschlossenen Fabrik wegen schwerwiegender Umweltverschmutzung und Gesundheitsrisiken. Eine hohe Krebsrate und kurze Lebenserwartung seien auf die Fabrik zurückzuführen, deren Folgelasten nach der Schließung nicht beseitigt worden seien.
Der Artikel über die aktuellen Umwelt- und Gesundheitsprobleme zeigt deutlich, wie wichtig die Geschichte der Clotilda für das Selbstverständnis der heutigen Bewohner ist. Der Fund des Schiffes lässt sie hoffen, dass ihrem Schicksal und dem ihrer Vorfahren mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird.
So sehen es sowohl das Smithsonian Museum wie das Ship Wreck Project auch als ihre Aufgabe an, sowohl  archäologisch zu arbeiten, als auch  Möglichkeiten zu schaffen, wie die Gemeinschaft von Africatown darin eingebunden werden kann, die Erinnerung an die  Clotilda wie auch an die Folgen von Sklaverei und Befreiung zu pflegen.
Besonders verwiesen sei hier auf ein Video von NG: 
Eine Neuzeitarchäologie hat es  oft mit Themen zu tun, die auch heute noch persönliche Betroffenheit auslösen können und die aktuelle politische Debatten unmittelbar betreffen können. Dies auszuklammern ist nicht möglich, denn daraus erfährt die Auseinandersetzung eine wesentliche Legitimation. Archäologie vermag hier meist gerade jenen Gruppen eine Stimme zu verleihen, die sonst eher unbeachtet am Rande stehen. 



Links


Literatur

  • Emma Langdon Roche, Historic Sketches of the South (New York 1914). - https://archive.org/details/historicsketches01roch/page/28
  • Z. N. Hurston/D. G. Plant/A. Walker, Barracoon. The story of the last "black cargo" (New York 2018).  
  • Moore/Malcom 2008
    D. D. Moore/C. Malcom, Seventeenth-Century Vehicle of the Middle Passage. Archaeological and Historical Investigations on the Henrietta Marie Shipwreck Site. Internat. Journ. Hist. Arch. 12, 1, 2008, 20–38. 
  • Svalesen 2000
    L. Svalesen, The slave ship Fredensborg (Kingston, Jamaica 2000).
  • Webster 2008
    J. Webster, Historical Archaeology and the Slave Ship. Internat. Journ. Hist. Arch. 12, 1, 2008, 1–5. - DOI: 10.1007/s10761-007-0038-2

Samstag, 5. Januar 2019

Bäuerliche Lebenswelten - eine Perspektive aus Massachusetts

Quentin P. Lewis

An Archaeology of Improvements in Rural Masachusetts.

Landscapes of Profit and Betterment at the Dawn of the 19th century
Contributions to Global Historical Archaeology


Cham, Heidelberg: Springer 2016


ISBN 978-3-319-36328-8 (Softcover)
ISBN 978-3-319-22104-5 (Hardcover)
ISBN 978-3-319-22105-2 (e-book)

236 Seiten

90,94 €, e-book: 71,39 €


Einen interessanten Kontrapunkt zur archäologischen Erforschung bäuerlicher Gesellschaften in Mitteleuropa setzt die Arbeit von Quentin Lewis. Er verfolgt die ländliche Siedlungsgeschichte am Beispiel von Deerfield im Nordwesten des US-Bundesstaates Massachusetts, etwa 130 km westlich von Boston nahe des Connecticut river gelegen. Ein zentraler Begriff der Arbeit ist das "improvement", was sich schwer ins Deutsche übersetzen lässt, da "Meliorisation", das eine ähnliche Zweideutigkeit hat, heute kaum noch gebräuchlich ist. Einerseits bezieht sich der Begriff auf eine Vervollkommnung der Kulturlandschaft in ästhetischer Hinsicht oder in Bezug auf andere idelle Werte, wie einem gestalteten Ortsmittelpunkt oder einer Klärung der Besitzverhältnisse, andererseits aber auf eine wirtschaftliche Ertragssteigerung.  


Deerfield, Massachusetts
(Foto: davidpinter [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)
Deerfield wurde im 17. Jahrhundert gegründet. Kapitel II schildert  seine Geschichte. Es  beginnt mit dem Naturraum und geht auch auf die Situation vor der europäischen Kolonisierung ein, als hier Algonkin-sprachige einheimische Stämme ansässig waren, die die Landschaft im Rahmen eines "mobile farming" mit dem Anbau von Bohnen und Kürbis nutzten und dazu kontrolliert den Wald brannten. 
Anders als etwa beim mittelalterlichen Landesausbau in Europa besitzen wir hier mit den um 1628 verfassten "Reasons for the Plantation in New England" ein ideologisches Manifest, das die Motive der Siedler und auch deren Landschaftsverständnis erkennen lässt. New England wurde als Wildnis gesehen, die Gott den von der Kirche verfolgten Puritanern als Rückzugsgebiet vorgesehen hätte. Der Verfasser, möglicherweise John Winthrop, verweist auf den sogenannten "Herrschaftsauftrag" (1. Mos., 28), auf den sich das Konzept des Improvement zurück führen lässt. Bemerkenswerterweise sieht das Manifest zwar eine Missionierung als Auftrag, angesprochen werden dabei aber nicht die - überhaupt weitgehend ausgeblendeten - Einheimischen, sondern die Jesuiten. Erst in der Entgegnung möglicher Einwände gegen die Besiedlung werden die Einheimischen erwähnt, deren Ansprüche aber abgewiesen werden, da sie das Land nicht ackerbaulich nutzten ("sowing and feeding").
Deerfield selbst wurde offiziell 1671 gegründet, seine Anfänge gehen aber auf eine Missionskirche zurück, die hier seit den 1650er Jahren bestand.


Kapitel II und IV gehen auf das Williams House ein, heute Teil des Freilandmuseums "Historic Deefield", erst das Innere, dann das Grundstück. Um das Gebäude wurden zwischen 1983 und 2001 zahlreiche kleine Sndagen durchgeführt, um das alte Geländerelief  vor Anlage des Gartens zu erfassen (S. 147ff.).
Auf der modernen Gebäudezufahrt  nördlich des Hauptgebäudes wurden etwa 35 m² in kleinen Quadratmater (oder sogar 1/4-Quadratmeter schnitten) untersucht, wo nach schriftlichen Quellen teilweise ein älteres Nebengebäude getsanden haben müsste, von dem ein möglicher Schwellstein erfasst wurde. Nach unseren  Maßstäben ist die Auswertung mittels Fundverteilungen etwas überzogen, da es sich nicht gerade um eine statistisch auswertbaren Datenbestand handelt. Eine Funddokumentation, die über Tabellen hinaus geht fehlt - selbstverständlich möchte man sagen.

Viel interessanter an dem Band ist daher auch das Verständnis bäuerlicher Lebenswelt, wie es in Kapitel 1 dargetsellt wird. Deutlich wird, dass die bäuerliche Lebenswelt mehr ist als die Analyse der Siedlungstopographie, der Höfe und Siedlungen oder der Stadt-Land-Kontrast. Vielmehr rückt das Soziale, nämlich das Symbolische oder die Formation von Traditionen in den Mittelpunkt (S. 8). Angesichts der auch für die USA zu konstatierende Sicht auf das alltägliche bäuerliche Leben als zeitlos traditionell und geschichtslos bietet die Archäologie ein Korrektiv, das "Improvement" auch dort zeigt, wo es die Schriftquellen ausblenden, beispielsweise in der individuellen Ausgestaltung des Hauses.

Während historische Archäologie in den USA in den vergangenen Jjahrzehnten vor allem die sozialen Gruppen thematisiert hat, die in den schriftlichen Quellen keine Stimme haben - schwarze Sklaven oder zunehmend auch indigene Gruppen - thematisiert vorliegender Band die weiße Mehrheit, die prinzipiell deutlich besser in den Schriftquellen präsent ist. Der archäologosch-materielle Blick hilft jedoch die Vielfalt des "Improvement" zu erfassen, das sich nicht direkt in den Schriftquellen spiegelt. Die Archäologie füllt jedoch nicht

Literatur

Sonntag, 2. Dezember 2018

Römer sind hipper als Napoleon

... meint die Denkmalpflege in Mainz. So ähnlich jedenfalls:


"Ein Fund aus dem frühen 19. Jahrhundert werde anders behandelt als Funde aus der Römerzeit" meint Kathrin Nessel, Abteilungsleiterin für Denkmalpflege im Bauamt in Mainz. Ende Oktober ist bei Bauarbeiten ein Massengrab aus der Zeit der Napoleonischen Kriege entdeckt worden. Ein Baustopp kommt für sie nicht in Betracht. Den hat die Generaldirektion Kulturelles Erbe aber längst verhängt, um die nötigen Notgrabungen vorzunehmen. "Das ist eine ganz hochrangige stadtgeschichtliche Quelle", sagt Archäologe Jens Dolata von der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz. Das immerhin ist bemerkenswert, denn die Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit ist in Rheinland-Pflaz bis heute unbegreiflicherweise nicht institutionalisiert (Archaeologik 8.2.2014).
Aus den Medienberichten tritt uns eine deutliche Unsicherheit im Umgang mit Befunden aus dem 19. Jahrhundert entgegen. Sie sind nicht generell unwichtiger als die Römerzeit! Es hängt entscheidend von der konkreten Fragestellung ab,  die natürlich sehr viel spezieller ist, als in früheren Perioden. Allerdings ist inzwischen auch dort oft ein Forschungsstand erreicht, der die Frage aufwirft, was weitere Grabungen an neuen Erkenntnissen liefern sollen. Brauchen wir die 300. mittelalterliche Latrine, die 500. römische Villa?
Nun gibt es einige Orte, wie etwa das römische (aber eigentlich auch das mittelalterliche) Mainz, die so bedeutend sind, dass die Kenntnis der historischen Topographie eine umfassende archäologische Betreuung erfordert. Hier muss heute sehr genau abgewogen werden, welche Fragen wichtig sind. Das sind heute allerdings vielfach auch andere als noch vor 20 Jahren, einerseits weil Fragen geklärt sind, andererseits aber auch, weil neue Methoden wie auch neuere gesellschaftliche Entwicklungen ganz neue Fragen an die Geschichte stellen lassen. Dazu gehören eben auch vergleichende Analysen, die eine statistisch auswertbare Basis, also auch die 301. Latrine und die 501. Villa benötigen, um wissenschaftlich tragfähige Ergebnisse darüber zu erzielen, wie sich vormoderne Gesellschaften entwickelt haben.
So sind wir heute mit der modernen Anthropologie und genetischen Untersuchungen in der Lage sehr viel mehr zu Demographie, aber auch zum Gesundheitszustand der Menschen auszusagen. Diese Fragen erfordern oft eine langfristige Perspektive, die bis an die Gegenwart heranreicht.


An Fleckfieber ("Typhus de Mayence") erkrankte französische Soldaten in Mayence 1813. zeitgenössische Lithographie von Auguste Raffet
(PD via WikimediaCommons)

Das ist auch bei dem neuen Befund in Mainz der Fall, der eben tatsächlich einen besonderen Quellenwert hat, der auch über die Stadt hinaus reicht.

Die äußeren historischen Ereignisse sind wohl bekannt. Nach der Niederlage in der Völkerschlacht von Leipzig flohen Reste der Napoleonischen Grande Armée über den Rhein in die damals französische Festungsstadt Mayence/ Mainz. Die Stadt wurde darufhin von deutschen und russischen Truppen belagert. In der Stadt brach das Fleckfieber ("Typhus de Mayence") aus, dem etwa 17.000 Soldaten und 2.400 Einwohner zum Opfer fielen.
Um all das zu wissen, brauchen wir keine Archäologie.
Aber die Archäologie soll auch nicht Geschichte illustrieren, sondern neue Einblicke liefern. Das fällt in der Römerzeit leichter als in der Neuzeit, wo eben viele Schriftquellen oder zuletzt gar noch Zeitzeugen vorhanden sind, die man einfach befragen kann. Texte berichten aber nur selektiv oder gar falsch. Archäologische Fragestellungen in der Neuzeit ergeben sich zu Themen, bei denen es entweder keine Schriftquellen gibt oder aber gerade dort, wo eine dichte Überlieferung mit der materiellen Kultur konfrontiert werden kann und sich daraus neue Perspektiven und Einsichten ergeben, die über das Verständnis der Zeitgenossen hinausgehen oder auch deren subjektive Wahrnehmung entlarven können.

Die Gräber wurden vor der Festungsmauer angelegt. Wie viele Tote in dem nun aufgefundenen Grab liegen ist noch unklar, doch wurden die Toten hier regulär in Reihen bestattet, nicht verscharrt. Vermutlich sind sie mit der Epidemie in Verbindung zu bringen, wobei die Medienartikel bisher - soweit ich gesehen habe - nicht auf die Argumentation eingehen, die zu der Identifikation geführt hat.
Methodisch wäre übrigens interessant, inwiefern die Toten von den Strapazen des Russlandfeldzugs gezeichnet waren.  
Der Typhus von 1813 war wohl gar kein Typhus, sondern Fleckfieber - das hat man damals nicht differenziert. Die Skelettreste können diese Frage ggf. klären - genau das möchten Mediziner am Institut für Tropenmedizin der Universität Hamburg klären. Untersuchungen an alter DNA können heute klären, welche Krankheitserreger hier im Spiel waren - und können zeigen, wie diese im Lauf der Zeit mutiert sind. So etwas kann eine wichtige Information für die moderne Medizin sein.
Auch der Fundort des Grabes ist interessant. Er war vorher nicht bekannt - entweder weil niemand die vorhandenen schriftlichen Quellen beachtet bzw. richtig lokalisiert hat, oder weil sie verloren gegangen sind, oder weil sie in der Situation der Belagerung nie angelegt worden sind. So oder so ist erklärungsbedürftig, warum man die Grabstelle nicht erinnert hat - weil hier unbeliebte Franzosen bestattet wurden?

Fragestellungen, zu denen die Archäologie neue Quellen erschließen kann, gibt es auch in der Neuzeit, selbst im 20. Jahrhundert.  Funde der Neuzeit sind nicht generell unwichtiger als die Römerzeit - erforderlich ist hier ein Abwägungsprozess, der für die Denkmalpflege freilich mit der Herausforderung verbunden ist, auch solche Quellen zu erhalten, deren Quellenwert und Fragestellungspotential heute möglicherweise noch gar nicht ganz absehbar ist. Hier liegt auch eine wichtige Aufgabe für die universitäre Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit, die offiziell aber nur an fünf Orten in Deutschland auch explizit als Fach präsent ist (Portal kleine Fächer). Übrigens: Für den Schützenverein als Bauherr scheint weniger die Denkmalpflege als vielmehr der Umgang mit der Totenruhe das Problem, was angesichts der sonst eher kurzen Liegezeiten auf modernen Friedhöfen etwas kurios erscheint.


Links

 zur Stadtgeschichte

Dienstag, 21. November 2017

Erstmals Tübinger Förderpreis für Historische Archäologie ausgeschrieben

In diesem Semester wird zum ersten Mal der Tübinger Förderpreis für Historische Archäologie ausgeschrieben. Durch den Preis soll der wissenschaftliche Nachwuchs insbesondere in der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit gefördert werden.

(Foto: R. Schreg/RGZM)

Er wurde gestiftet von Prof. Dr. Dr. h. c. Barbara Scholkmann, bis 2007 Inhaberin der Professur für Archäologie des Mittelalters an der Universität Tübingen. Verliehen wird er von der Abteilung Archäologie des Mittelalters des Instituts für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters zusammen mit dem Verein zur Förderung der Archäologie des Mittelalters Schloss Hohentübingen.



Der
Verein zur Förderung der Archäologie des Mittelalters Schloss Hohentübingen und
 die Abteilung Archäologie des Mittelalters des Instituts für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters der Universität Tübingen 
verleihen zum ersten Mal den *Tübinger Nachwuchsförderpreis für Historische Archäologie.
Ausgezeichnet werden herausragende und innovative Arbeiten von Nachwuchswissenschaftlern und Nachwuchswissenschaftlerinnen auf dem Gebiet der Historischen Archäologie, die einen erkennbaren Forschungsfortschritt angestoßen haben. Eingereicht werden können Studienabschlussarbeiten (Dissertationen und Masterarbeiten, ggf. Bachelorarbeiten) mit einer Bewertung von mindestens magna cum laude, bzw. Abschlussnote 1,3 sowie Publikationen der letzten 5 Jahre. 
Vorschläge können von Hochschullehrern und promovierten Fachwissenschaftlern eingereicht werden, im Falle von Studienabschlussarbeiten sind auch Selbstbewerbungen möglich.
Die Preissumme beträgt 2 000 Euro. Der Preis kann geteilt werden. 
Die Bewerbungsfrist endet am 28.02. 2018. 
Die Bewerbungsunterlagen müssen enthalten: 
- Begründung des Vorschlags für den Preis bzw. Begründung des Bewerbers/der Bewerberin, warum er/sie seine/ihre Arbeit für preiswürdig hält. 
- Masterzeugnis bzw. Promotionsurkunde 
- Curriculum Vitae 
- Zusammenfassung der Arbeit von max. 20 Seiten 
 - Nachweise über den Impact der Arbeit auf die Forschung (bei Nicht-Abschlussarbeiten) 
Bewerbungen müssen in digitaler Form an die folgende Adresse eingereicht werden: archmatue@gmx.de


Link (Nachtrag 29.11.2017)




Dienstag, 29. November 2016

Definitionen der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit


Die Archäologie des Mittelalters hat sich im deutschen Sprachraum im wesentlichen seit den 1960er Jahren entwickelt. Bereits 1852 war auf der Versammlung deutscher Geschichts- und Alterthums-Vereine in Mainz von einer "mittelalterlichen Archäologie" die Rede, die sich jedoch auf die Monumente und noch nicht auf Bodenfunde bezog.
Die im Lauf der Zeit formulierten Definitionen lassen das sich verändernde Selbstverständnis des Faches erkennen.

H. v. Petrikovits 1962:
‚archäologische Landeskunde des Mittelalters‘

P. Grimm 1966:
‚archäologische Frühgeschichtsforschung‘

H. Jankuhn 1973:
‚direkte Fortsetzung der vor- und frühgeschichtlichen Archäologie, und zwar sowohl nach Problemstellung wie nach methodischem Ansatz‘

H. Hinz 1982:
‚Erforschung der Gesamtheit der Erscheinungen mittelalterlichen Lebens‘

G.P. Fehring 1987:
‚nach Fragestellung und Arbeitsziel eine historische Wissenschaft; aufgrund der in den Boden eingebetteten Sachquellen und ihrer Methoden eine archäologische Disziplin‘

B. Scholkmann 1998:
‚eine Geschichtswissenschaft, deren Forschungsgegenstand die gegenständlichen Quellen sind. Die Fragestellungen zielen auf kulturelle Erscheinungen und Entwicklungen, sie arbeitet mit einem breiten Methodenspektrum, dessen Kern die archäologischen Methoden bilden‘ 

Der Bezug auf die Geschichtswissenschaften tritt immer wieder auf, wobei die Formulierungen von v. Petrikovits und H. Hinz zeigen, dass es hier durchaus Spielraum für andere zugänge gibt. Ihnen alle ist gemeinsam, dass diese Referenzpunkte kaum genauer reflektiert wurden.

In der 2016 erschienenen neuen Einführung geben wir nun selbst die folgende Definition:
Scholkmann – Kenzler - Schreg 2016:
'Die Archäologie des Mittelalters (und der Neuzeit) ist  eine historische Kulturwissenschaft.
Sie analysiert die materiellen Hinterlassenschaften mit geistes- und naturwissenschaftlichen Methoden.
Sie ist eine historische Archäologie, die die materiellen Quellen in den Kontext einer überwiegend schriftlichen und bildlichen Parallelüberlieferung stellt und so zum Verständnis vergangener Gesellschaften beiträgt.' 

Begründung der Neudefinition

In diese neue Definition sind einige grundsätzliche Überlegungen eingeflossen:

Samstag, 26. März 2016

Stanley South (1928-2016) - “Father of American Historical Archaeology”

In Deutschland war Stanley South nur wenig präsent, aber in den USA galt er als einer der Väter der Historischen Archäologie. 1960 organisierte er die "conference on historic site archaeology", die u.a. die von Anfang an engen Beziehungen der amerikanischen Historical Archaeology zur Denkmalpflege bzw. zum 'site management' aufzeigt. 1977 erschien sein Buch "Method and Theory in Historical Archaeology", das basierend vor allem auf Grabungen in Brunswick Town die archäologische Forschung als einen Prozess zwischen Feldbeobachtungen, Theorie und Hypothesenbildung skizzierte. South war damit ein Vertreter der New Archaeology bzw. Processual Archaeology, die auch in der Historischen Archäologie bald durch strukturalistische, symbolische und schließlich poststrukturalistische Ansätze ergänzt wurde.

Grabungsbefunde in Brunswick Town
(Foto: Flikr user found_drama [CC BY SA 2.0]
via Wikimedia Commons)
Brunswick Town in North Carolina (http://www.nchistoricsites.org/brunswic/brunswic.htm) war eine 1736 von englischen Kolonisten gegründete  Hafenstadt, die Sitz des königlichen Gouverneurs von North Carolina wurde, dann aber während der amerikanischen Unabhängigkeitskriege allmählich verlassen wurde. South nutzte die Grabungen, die er in den 1950er und 60er Jahren durchführte, für grundlegende methodische Studien zu Formationsprozessen und statistischen Auswertungen von Fundinventaren.

1994 reflektierte South die Anfänge einer historischen Archäologie in den 1920er Jahren, indem er in einem Band "Pioneers in Historical Archaeology: Breaking New Ground" die Erinnerungen mehrerer dieser Pioniere herausgab.

South war zwar eine Generation jünger, aber er war mit seinen grundlegenden Überlegungen selbst ein Pionier der Historischen Archäologie. Er war zunächst als State Archaeologist in North Carolina und dann von 1969 bis zu seiner Pensionierung 2001 als Professor am South Carolina Institute of Archaeology and Anthropology der University of South Carolina tätig. 

Im Alter von 88 Jahren ist Stanley South am 20.3.2016 in Columbia, South Carolina verstorben.

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