Montag, 30. März 2020

Die COVID-19 Pandemie aus einer archäologischen Langfristperspektive - Teil 1: der Schock


Von Detlef Gronenborn


Einführung: die unerwartete Bedrohung


Viren
(biology pop [CC BY SA 4.0]
via WikimediaCommons)

Die gegenwärtige, durch das neuartige Virus vom Corona-Typ ausgelöste globale Krise verunsichert die Menschen in allen Teilen der Welt, auch wegen des plötzlichen und raschen Ausbruchs. Insbesondere in den Industrienationen waren Gefahren durch Infektionen für weite Teile der Bevölkerung als reale Bedrohung in den Hintergrund geraten. Die Fortschritte der Medizin waren in den letzten Jahrzehnten gewaltig, die Pandemien des 19. und frühen 20. Jahrhunderts lagen weit zurück (Snowden 2019; Spinney 2017). Auch der globale Aufschwung seit dem Ende des 2. Weltkrieges – die „Great Acceleration“ (Steffen u. a. 2015) –, galt trotz der absehbaren Konsequenzen wie die globale Erwärmung (Figueres/Rivett-Carnac 2020), als gegebene Größe. Zudem wurden die Folgen der Erwärmung auch gerade erst spürbar, für die Bevölkerung in den Industrienationen der nördlichen Halbkugel auch nicht immer negativ.

So steht auch weiterhin hinter der Rezeption dieser Folgen letztlich ein lineares Geschichtsbild, in dem Fortschritt – Wachstum – als das treibende sozioökonomische Ziel angesehen wird. Schließlich hatte sich der Kapitalismus seit dem Verfall des Kommunismus vor 30 Jahren als die robustere Ideologie erwiesen. Im Rausche des Erfolgs und der Fortschrittsgläubigkeit bei Politik und Wirtschaft, aber auch in weiten Teilen der Gesellschaften, vernachlässigte man die Erkenntnis, dass die menschliche Geschichte auch immer wieder durch gravierende Zerfallsperioden gekennzeichnet war. Nur mit einem leichten Schaudern wandte man sich solchen Phasen zu, als wirklich real waren sie selten begriffen, es waren lediglich weit entfernt geglaubte Szenarien. Verschiedene populärwissenschaftliche Publikationen in den letzten Jahrzehnten wurden zwar so zu Bestsellern (Diamond 2005; Scheidel 2017), aber die notwendigen Versorgemaßnahmen aus solchen Szenarien wurden, wenn überhaupt, nur halbherzig unternommen. Gerade in den letzten Jahren gibt es gar einige Regierungen, die sich vollkommen einem unerschütterlichen Fortschrittsglauben verbunden mit extremer Marktliberalität verschrieben hatten, etwa in den USA oder Brasilien. Man möchte anknüpfen an die Inhalte und Werte der Mentalität, die einst den globalen Aufschwung getragen hatte („Make America Great Again“). Solche Beschwörungen sind aber bereits Anzeichen gesamtgesellschaftlicher Vorgänge, die eine Umkehr der bisherigen Dynamiken andeuten (vgl. A predictable Phenomenon: the next President of the United States of America. Archaeologik[9.11.2016]). Um diese Prozesse zu verstehen, ist es sinnvoll, bis weit in die Vergangenheit zu schauen (Scheffer 2016).


Frühe Bauerngesellschaften: ein natürliches Labor der Geschichte


Ein solcher Rückblick kann zwar die gegenwärtigen Probleme nicht lösen, aber er hilft die Lage in einer vergleichenden Perspektive zu sehen und zumindest Lösungsmuster aus vergangenen Gesellschaften zu suchen bzw. zu sehen, nach welchen Mustern vergangene Gesellschaften mit vergleichbaren Problemen umgegangen sind.



Hierbei ist es tatsächlich durchaus hilfreich, sehr weit in die Vergangenheit zurückzugehen und sich die ersten bäuerlichen Gesellschaften in Europa anzusehen. Wenngleich uns diese dörflichen Gemeinschaften mit ihrer einfachen Technologie und den geringen Bevölkerungszahlen auch sehr weit entfernt erscheinen mögen, so bergen doch gerade diese Umstände ein enormes analytisches Potential. Da es sich um anatomisch moderne Menschen handelt gehen wir davon aus, dass sich die Individuen wie auch die Gruppen in ihrem Verhalten nicht von uns heutigen Menschen unterschieden haben. Allerdings waren die frühen Gesellschaften isoliert, d.h. die Transporttechnologie zur Versorgung aus entfernten Regionen in Notzeiten war wenig entwickelt. Es waren Selbstversorger die ihre Güter für den täglichen Bedarf (Nahrung; Rohstoffe wie Holz) weitgehend im engeren Umkreis der Siedlungen produzierten. Fielen diese aus, etwa durch kurzfristige Wetter- oder Klimaanomalien, so konnte man zwar im Rahmen der in der Landschaft vorhandenen Biomasse ausweichen, eine Zufuhr aus besser gestellten Regionen war aber nicht möglich. In ihrer individuellen wie auch gesellschaftlichen Reaktion musste auf interne Ressourcen zurückgegriffen werden. Vermutlich erschließt uns daher die Analyse der Bewältigungsstrategien einfacher Bauerngesellschaften Verhaltensgrundmuster, die jeder sesshaften menschlichen Gemeinschaft mit produzierendem Wirtschaftssystem zugrunde liegen. Sie dienen sozusagen als ein „natürliches Labor der Geschichte“ (Diamond/Robinson 2010).


Ein Verhaltensgrundmuster: boom-and-bust-Zyklen


Seit einigen Jahren werden solche Untersuchungen auch im Rahmen des Forschungsschwerpunktes „Gesellschaftliche Wandlungsprozesse und Dynamiken“ - angeschlossen auch an das Forschungsprojekt "Resilienzfaktoren in diachroner und interkultureller Perspektive" - am Römisch-Germanischen Zentralmuseum unternommen. Bisheriges Resultat von Fallstudien im südwestlichen Deutschland war ein Grundmuster gesellschaftlicher Phasenabfolgen (Abb. 1), die zum einen den frühen Bauerngesellschaften unterlagen (Gronenborn u. a. 2017), zum anderen aber auch in nur wenig veränderter Form mittelalterlichen und frühen Industriegesellschaften des 19. Jahrhunderts, und die bis ins 21. Jahrhundert reichen (Gronenborn u. a. 2020; Turchin 2016; Turchin u. a. 2018). Ein wesentlicher Unterschied zu den Ergebnissen zu staatlichen Gesellschaften ist jedoch die Rolle von Eliten. Diese fallen in den frühen steinzeitlichen Gesellschaften als Faktor aus, dennoch ist das Grundmuster dasselbe. Tatsächlich scheint es so, dass gerade die Abfolge von Verhaltensmustern zur Bildung von Eliten geführt hat (Gronenborn 2016).

Ein immer wiederkehrendes Grundmuster gesellschaftlichen Verhaltens als Hintergrundfaktor geschichtlicher Prozesse hat bereits die antike griechische Historiographie vermutet, die weiterführenden Hypothesen hierzu ziehen sich durch die gesamte Geschichtsschreibung und auch Archäologie. Tatsächlich scheint dieses Grundmuster einen guten Erklärungsansatz für die Dynamiken eben nicht nur steinzeitlicher sondern auch industrieller Gesellschaften zu bieten (Gronenborn u. a. 2020).
Abb. 2. Ausgewählte Zeitreihen für Mitteleuropa vom Spätmesolithikum bis in die Neuzeit. Die hellgrauen Balken markieren den Beginn von sozialer und politischer Ungleichheit, der dunkle Balken zeigt den Zeithorizont des Aufkommens überregionaler Eliten, archäologisch angezeigt durch außergewöhnliche Repräsentationsgrabanlagen.
(nach Gronenborn u. a. 2018)



Der Beitrag von Seuchen beim Kollaps früher bäuerlicher Gemeinschaften


Die frühen bäuerlichen Gemeinschaften in Europa weisen aber noch ein weiteres Charakteristikum auf, das gerade in der heutigen Zeit schmerzlich aktuell geworden ist: für die Endphasen der Zyklen (busts) werden zunehmend auch Seuchen als Mitauslöser diskutiert. Zwar ist die Datenlage für die ersten Bauerngesellschaften des 6. und 5. Jahrtausends noch unklar, aber für das 4. und 3. Jahrtausend werden Frühformen der Pest diskutiert (Andrades Valtueña u. a. 2017; Rascovan u. a. 2019). So lassen sich die immer wieder beobachteten Zusammenbrüche früher Bauerngesellschaften als eine Kombination von internen gesellschaftlichen Vorgängen und möglicherweise zusätzlichen epidemiologischen Faktoren erklären. Klimatische, also externe, Faktoren haben jedoch eine eher untergeordnete Rolle gespielt, wie verschiedene Fallbeispiele zeigen (Gronenborn u. a. 2020).
Abb. 1. Populationszyklen in Hessen mit Änderungen der soziopolitischen Komplexität und dem sozio-politisch-ökonomischen-ökologischen Zyklus (erläutert im nächsten Blogpost)
(nach Gronenborn u. a. 2018)





Fortsetzungsepisoden


  • Teil 2: Kleine Geschichte der Erforschung von gesellschaftlichen Zyklen.
    demnächst
  • Teil 3: Wie könnte sich die Archäologie entwickeln?
    demnächst
  • Teil 4: Was folgt aus alle dem für die Zeit nach der COVID-19-Krise?
    demnächst


Literaturverzeichnis


  • Andrades Valtueña u. a. 2017
    A. Andrades Valtueña/A. Mittnik/F. M. Key u. a., The Stone Age Plague and Its Persistence in Eurasia. Current biology : CB 27, 23, 2017, 3683-3691.e8.
  • Diamond 2005
    J. Diamond, Collapse. How Societies fail (London 2005).
  • Diamond/Robinson 2010
    J. M. Diamond/J. A. Robinson (Hrsg.), Natural experiments of history (Cambridge, Mass. 2010).
  • Figueres/Rivett-Carnac 2020
    C. Figueres/T. Rivett-Carnac, The Future we choose. Surviving the climate crisis (New York 2020).
  • Gronenborn 2016
    D. Gronenborn, Some thoughts on political differentiation in early to Young Neolithic societies in western central Europe. In: H. Meller/H.-P. Hahn/R. Jung u. a. (Hrsg.), Arm und Reich - Zur Ressourcenverteilung in prähistorischen Gesellschaften. 8. Mitteldeutscher Archäologentag vom 22. bis 24. Oktober 2015 in Halle1. Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle (2016) 61–76.
  • Gronenborn u. a. 2017
    D. Gronenborn/H.-C. Strien/C. Lemmen, Population dynamics, social resilience strategies, and Adaptive Cycles in early farming societies of SW Central Europe. Quaternary International 446, 2017, 54–65.
  • Gronenborn u. a. 2018
    D. Gronenborn/H.-C. Strien/R. van Dick u. a., Social diversity, social identity, and the emergence of surplus in the western central European Neolithic. In: H. Meller/D. Gronenborn/R. Risch (Hrsg.), Überschuss ohne Staat / Surplus without the State. Politische Formen in der Vorgeschichte / Political Forms in Prehistory1. Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle 18 (Halle 2018) 201–220.
  • Gronenborn u. a. 2020
    D. Gronenborn/H.-C. Strien/K. W. Wirtz u. a., Inherent Collapse? Social Dynamics and External Forcing in Early Neolithic and Modern SW Germany. In: F. Riede/P. Sheets (Hrsg.), Going Forward by Looking Back (New York, Oxford 2020) im Druck.
  • Rascovan u. a. 2019
    N. Rascovan/K.-G. Sjögren/K. Kristiansen u. a., Emergence and Spread of Basal Lineages of Yersinia pestis during the Neolithic Decline. Cell 176, 1-2, 2019, 295-305.e10.
  • Scheffer 2016
    M. Scheffer, Anticipating societal collapse. Hints from the Stone Age. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 113, 39, 2016, 10733–10735.
  • Scheidel 2017
    W. Scheidel, The Great Leveler. Violence and the History of Inequality from the Stone Age to the Twenty-First Century. The Princeton Economic History of the Western World Ser (Princeton 2017).
  • Snowden 2019
    F. M. Snowden, Epidemics and society. From the black death to the present. The open yale courses series (New Haven CT 2019).
  • Spinney 2017
    L. Spinney, Pale Rider. The Spanish Flu of 1918 and how it changed the world (New York 2017).
  • Steffen u. a. 2015
    W. Steffen/W. Broadgate/L. Deutsch u. a., The trajectory of the Anthropocene. The Great Acceleration. The Anthropocene Review 2, 1, 2015, 81–98.
  • Turchin 2016
    P. Turchin, Ages of discord. A structural-demographic analysis of American history (Chaplin, Connecticut 2016).
  • Turchin u. a. 2018
    P. Turchin/N. Witoszek/S. Thurner u. a., A History of Possible Futures: Multipath Forecasting of Social Breakdown, Recovery, and Resilience. CDN 9, 2, 2018.

Sonntag, 29. März 2020

DAPL - Baugenehmigung war illegal

Nach heftigen Auseinandersetzung um den Bau einer Pipeline, die auch einen 'sacred land' tangierte, kam es 2016 im US-Bundesstaat North Dakota zu heftigen Protesten insbesondere der 'First Nation'.  Nachdem die Regierung Obama eingelenkt hatte, ordnete POTUS Trump am zweiten Tag seiner Präsidentschaft den Weiterbau der inzwischen fertig gestellten Pipeline an. - Gegen das Gesetz, wie nun ein Bundesgericht feststellte.
Protest gegen DAPL, 15.11.2016 in San Francisco
(Foto: Pax Ahimsa Gethen  [CC BY SA 4.0]
via WikimediaCommons [Ausschnitt])
Der Protest richtete sich letztlich gegen die Umweltrisiken, Kristallisationspunkt war aber ein kultureller Erinnerungsort.

Links

Links

Samstag, 28. März 2020

Archäologie der Erreger

Der Corona-Virus SARS-CoV-2 verändert massiv den Alltag und betrifft natürlich auch die Archäologie - einmal konkret durch die abgesagten Tagungen, nun eher online gehaltenen Lehrveranstaltungen und geschlossenen Bibliotheken (siehe auch Archaeologik 24.3.2020), aber auch inhaltlich.

Viren
Viren
(biology pop [CC BY SA 4.0] via WikimediaCommons)

Viele aktuelle Beiträge in den Medien greifen das Thema der Epidemien auf, versuchen der verunsicherten Bevölkerung Orientierung zu geben. Das ist in der Tat eine wichtige Aufgabe der Geschichtswissenschaften. Bezogen auf die Coronaepidemie stehen einzelne vergangene Epidemien im Blickfeld. Selten wird aber erläutert woher wir das Wissen über die Epidemien haben. Meist wird auch nur auf die zeitlich näher liegenden Epidemien wie die Spanische Grippe von 1918-20 oder die jüngeren Grippe- und Sars-Epidemien verwiesen.
  • vergl. Archaeologik (demnächst)
Was die Medien kaum abbilden, sind die langfristigen Entwicklungsstränge, die zeigen, wie sich Erreger verändern und wie die Gesellschaften langfristig davon betroffen waren. 
Krankheiten sind nämlich auch in der Vergangenheit ein wesentlicher Faktor gesellschaftlichen Wandels und eng verbunden mit der Mensch-Umwelt-Interaktion. Insofern kann und muss ein Krankheitserreger auch ein archäologisches Thema sein, auch wenn wir ihn eigentlich nicht ausgraben können und ein historisches Thema, auch wenn (jedenfalls vor dem 19./20. Jahrhundert) ihn die Schriftquellen nicht nennen. Covid-19 wird den Trend sicher bestärken, solche Themen auch in der Archäologie stärker zu verfolgen.

Lange war man allein auf die schriftliche Überlieferung angewiesen. Allerdings war und ist es hier immer schwierig, aus den Beschreibungen auf die tatsächliche Krankheit zu schließen. Bei vielen überlieferten Epidemien war und ist es teilweise noch immer unklar, welcher Erreger dahinter steckte.

Neue Methoden insbesondere der Archäogenetik haben in den vergangenen Jahren viele neue Erkenntnisse über Krankheiten und ihre Bedeutung für die historische Entwicklung gebracht. Letztlich steht die Forschung hier aber ganz an den Anfängen, denn wenn wir Näheres über Ausbreitung und Wirkungen erfahren wollen, müssen wir ganz neu auf unsere archäologischen und historischen Daten schauen. Es ergeben sich nämlich zahlreiche Fragen, denen bisher kaum Beachtung geschenkt wurde und denen das gängige Fachverständnis oft nur wenig Raum lässt.


Frühere Krankheitserreger


Vorab: Krankheitserreger gibt es viele. Krankheitserreger können Parasiten, Bakterien oder Viren, aber auch Algen, Pilze, Prionen (Proteine) oder Viroide sein. Unterschiedlich sind auch die Wirkungen dieser Mikroorganismen. Sie können das Gewebe schädigen, weil sie sich von Körperzellen ernähren, weil sie heftige Immunreaktionen wie hohes Fieber hervorrufen oder giftige Stoffe freisetzen. Bei Bakterien unterscheidet man Exotoxine und Endotoxine. Ersteres sind Giftstoffe die von lebenden Bakterien abgegeben werden. Meist handelt es sich dabei um Proteine. Das ist beispielsweise bei Cholera, Keuchhusten, Diphtherie, Tetanus und Scharlach der Fall. Endotoxine sind Teile der Zellwand von Bakterien, die freigesetzt werden, wenn diese absterben. Zu den Krankheiten, die so ausgelöst werden gehören Typhus und Salmonellosen wie auch die Pest.

Der Nachweis früherer Krankheiten kann anhand ihrer Symptome, anhand von Antikörpern oder durch den Nachweis des Erregers selbst erfolgen. Das ist an archäologischem Material nicht einfach.
Meist sind nur noch Skelettreste vorhanden. Nicht alle Krankheiten führen dort zu Veränderungen und wenn, dann sind  sie diagnostisch oft nicht ganz eindeutig.
 
Schon länger arbeitet die Anthropologie auch mit Methoden der Seroarchäologie oder Paläoserologie, die auf den Nachweis der Antikörper abzielt. Das ist ein Teilgebiet der Serologie, die sich (ihrerseits als ein Teil der Immunologie) mit Antigenen und Antikörpern befasst. Hier stehen unterschiedliche Methoden zur Verfügung, die u.a. auch Blutgruppenbestimmungen ermöglichen. Haben sich die Methoden in der Forensik offenbar bewährt, so sind sie bezogen auf archäologisches Material nicht unproblematisch (Berg u.a. 1983). Für jüngere Epidemien, wie die Grippeepidemien von 1889-1893 und 1918-20 konnten so aber verschiedene Antikörper und damit indirekt verschiedene Erreger nachgewiesen werden.

  • Berg u. a. 1983
    S. Berg – Bertozzi,, B. – R. Meier – S. Mendritzki, Vergleichend-methodologischer Beitrag und kritische Bemerkungen zur Interpretation von Blutgruppenbestimmungen an Mumienrelikten und Skelettfunden. Anthropologischer Anzeiger 41, 1983, 1–19. - https://www.jstor.org/stable/29539402 
  • Worobey u. a. 2014
    M. Worobey – G.-Z. Han – A. Rambaut, Genesis and pathogenesis of the 1918 pandemic H1N1 influenza A virus, Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 111, 2014, 8107–8112 - <doi:10.1073/pnas.1324197111>

Der Nachweis der Erreger selbst ist die sicherste Möglichkeit eine Krankheit zu identifizieren. Bei Parasiten und teils auch bei Bakterien bieten mikroskopische Untersuchungen etwa von Bodenproben aus Latrinen schon  länger gewisse Möglichkeiten. Aber erst mit der Untersuchung der DNA lassen sich die nötigen Differenzierungen bei Bakterien vornehmen und Viren überhaupt erst sicher identifizieren.

Archäogenetik

Mit dieser aDNA beschäftigt sich die Archäogenetik, die in der öffentlichen, aber auch fachlichen archäologischen Wahrnehmung meist eher mit Fragen der Abstammung von Mensch und auch Tier verbunden wird. Ihre Methoden werden aber auch auf Krankheitserreger angewandt.

Die Genetik verfügt über zwei verschiedene Ansätze zur Rekonstruktion früherer Krankheitserreger. 

Der eine setzt an der Analyse heutiger Erreger an. Im Vergleich lassen sich Stammbäume rekonstruieren, die mit Hilfe der molekularen Uhr auch mehr oder weniger absolut datiert werden können. Dieser metaphorische Begriff der genetischen bzw. häufiger: molekularen Uhr bezeichnet eine Methode, die mittels der DNA-Sequenzierung die Mutationen in einer DNA-Sequenz nutzt, um relativchronologisch die Aufspaltung zweier Arten/ Subtypen/ Serotypen von einem gemeinsamen Vorfahren abzuschätzen. Bei Zellteilung und Vermehrung muss das Erbgut kopiert werden. Das geschieht häufig fehlerhaft, so dass sich an einzelnen Positionen im Erbgut Veränderungen ergeben. Mehrheitlich haben die Mutationen keine Auswirkungen auf den Gesamtorganismus, so dass kein Selektionsdruck entsteht und sich die Veränderungen im Lauf der Zeit summieren. Je mehr Unterschiede in der DNA-Sequenz vorliegen, um so weiter liegt der Zeitpunkt der Aufspaltung auseinander. Die Mutationsrate kann theoretisch dazu genutzt werden, die Veränderungen auch absolut chronologisch zu bestimmen. Schwierig ist das in der Praxis aber deshalb, weil je nach Funktion der Gene die Geschwindigkeit der Mutationen unterschiedlich sein kann und beispielsweise auch die Generationendauer und die Populationsgröße zu berücksichtigen sind. Nicht selten lässt sich aber eine Kalibration vornehmen, indem man chronologisch bekannte Differenzierungen heranzieht - oder alte DNA aus dem archäologischen Kontext datiert.

Der zweite Nachweis früherer Krankheiten erfolgt direkt über die alte DNA (aDNA). Er setzt voraus, dass geeignete Proben vorliegen. Diese können aus alten medizinischen Proben bzw. Präparaten stammen oder aber aus archäologischen Ausgrabungen.

    Archäologische Quellen für aDNA

    Archäologische Ausgrabungen bieten viele Möglichkeiten aDNA von Krankheitserregern zu gewinnen. Das sind zum einen natürlich Grabfunde. Meist liegen zwar nur Skelettreste vor, doch sind die Zähne in der Regel etwas besser erhalten - und in der Höhlung des Zahnnervs im Zahn ergibt sich so ein geschützter Raum, in dem sich häufig aDNA von Krankheitserregern finden lässt, die mit dem Blutkreislauf dorthin gelangt ist. Das gilt prinzipiell auch für die Zähne von Tieren, die man eher im Siedlungszusammenhang findet. Auch aus Bodenproben etwa aus Latrinen kann aDNA gewonnen werden. Hier ist quellenkritisch jedoch zu klären, wie sicher Datierung und Kontext jeweils sind.

    Die Erhaltungsbedingungen für aDNA sind nicht immer gegeben. Frühe Forschungen hatten mit dem Problem der modernen Kontamination zu kämpfen, doch wurden inzwischen Kriterien entwickelt, die es erlauben, aDNA von moderner DNA zu unterscheiden.

    • Bennett u. a. 2019
      R. J. Bennett/K. S. Baker/C. S. Kraft, Looking Backward To Move Forward. The Utility of Sequencing Historical Bacterial Genomes. Journal of Clinical Microbiology 57, 8, 2019, 496. - <doi: 10.1128/JCM.00100-19>
    • Krause/Trappe 2019
      J. Krause/T. Trappe, Die Reise unserer Gene. Eine Geschichte über uns und unsere Vorfahren (Berlin 2019).
    • Meller – Alt (Hrsg.) 2010
      H. Meller – K. W. Alt (Hrsg.), Anthropologie, Isotopie und DNA - biografische Annäherung an namenlose vorgeschichtliche Skelette? 2. Mitteldeutscher Archäologentag vom 08. bis 10. Oktober 2009 in Halle (Saale), Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle (Saale) 3 (Halle (Saale) 2010) 
    • Warinner u. a. 2017
      C. Warinner/A. Herbig/A. Mann u. a., A Robust Framework for Microbial Archaeology. Annu. Rev. Genom. Hum. Genet. 18, 1, 2017, 321–356. - <doi:  10.1146/annurev-genom-091416-035526>


    Neue Erkenntnisse bei ausgewählten Krankheiten

    Das Potential, das in diesen archäologischen Quellen liegt, lässt sich am besten zeigen, indem man auf einige Krankheiten schaut, die in der Vergangenheit von Bedeutung waren und bei denen die Forschung in den vergangenen Jahren neue Erkenntnisse gewonnen hat - oder im Gegenteil Fragen offen gelassen hat, deren Bedeutung uns erst angesichts der neuen Forschungen und angesichts von SARS-CoV-2 deutlich wird.

    Sonntag, 22. März 2020

    In Krisenzeiten wurden Kirchen gestiftet

    Ich mache das heute nicht für mein Seelenheil, sondern als Beitrag zur #stayhomechallenge .

    Das DAI bietet auf twitter einen Tempel-Bastelbogen zum ausdrucken, ausschneiden und los basteln.



    Ich greife das auf und stelle hier einen Bastelbogen für eine frühmittelalterliche Kirche ein, denn wir wollen die Archäologie jüngerer Perioden ja nicht vergessen.
    Über Rückmeldungen würde ich mich freuen, denn ich habe das vor 22 Jahren zwar mal aus irgend einem Anlaß entworfen, aber selber nie gebastelt. Vielleicht hat die Kirche ja Konstruktionsfehler?





    Viren
    (biology pop [CC BY SA 4.0]
    via WikimediaCommons)


    Donnerstag, 19. März 2020

    Unter welcher Grenze ist die Bezahlung in Grabungsfirmen ethisch und sozial nicht mehr vertretbar?

    (Bild: CIfA)
    fragt das CIfA (Chartered Institute of Archaeologists), das sich als internationaler Berufsverband versteht und auch eine Regionalgruppe in Deutschland aufbaut.

    Mit einer Umfrage will das CIfA Daten als Grundlage für das Entwickeln der CIfA-Empfehlung für eine Lohnuntergrenze in der deutschen privatwirtschaftlichen Archäologie gewinnen.  Die Umfrage richtet sich an alle, die in Deutschland in der Archäologie beruflich tätig sind und den freiberuflichen Sektor, insbesondere die Grabungsarchäologie etwa aus eigener Erfahrung einschätzen können. 

    Die ca. 5 Minuten dauernde Umfrage ist bis zum 14.4. geöffnet.

    weiterer Link

    Dienstag, 17. März 2020

    Einschlägiger Lesestoff für die Corona-Entschleunigung

    Viren
    (biology pop [CC BY SA 4.0]
    via WikimediaCommons)
    wird von Oxford University Press im März 2020 bereit gestellt:
    Es handelt sich um eine Sammlung von englischen wissenschaftlichen Artikeln zur Geschichte von Seuchen. 

    Einiges ist leider nur für wenige Wochen während der Corona-Krise kostenfrei zugänglich, andere Artikel stehen ohnehin unter OpenAccess.

    Montag, 9. März 2020

    Der Abschlussbericht von ILLICID nun in den klassischen Medien

    Die Tagesschau berichtet nun über den Abschlußbericht von ILLICID. Die Aussagen sind hier nun klarer formuliert als in dem im August 2019 vorgelegten eher administrativen Bericht. 
    Die vorgeschlagenen Maßnahmen - Digitalisierung von Handelspublikationen und Objektdokumentationen - sind gut, werden aber nicht weit helfen, denn wieder sind sie für Raubgrabungsgut, das aus archäologischen Stätten geplündert wird, keine Listen und Dokumente vorhanden. Es hilft nur, den Handel mit den illegalen Objekten ohne echte Nachweise zu unterbinden.  Das benötigt vor allem mehr Personal für die Verfolgung und ein stärkeres Bewusstsein für die Schäden, die an den Fundstellen udn für unser Wissen angerichtet werden.


    Raubgräber in Isin, Irak 2003
    (Foto: United States Department of Defense [PD] via WikimediaCommons)


     Link


    Änderungsvermerk: 9.3.2020 Die erste Version startete mit Verweis auf tagesschau. Danach Nachträge zu neuen Artikeln.

    Freitag, 6. März 2020

    Pionierinnen der englischen Archäologie

    Eine schöne Darstellung von Frauen in der Archäologie, aber es fällt auf: Alle aus der Oberschicht oder mit etablierten Männern im Hintergrund. Nur ein englisches Phänomen? Für die normale Studentin von heute wirklich Vorbild-geeignet?

    Mittwoch, 4. März 2020

    Rechte Germanen

    Rechtsextremismus verfolgt nicht nur menschenunwürdige Ziele, sondern verdreht auch historische Vergangenheit und instrumentalisiert sie, versucht so, ihre "Werte" als althergebracht und natürlich zu legitimieren. Mit den zunehmenden Gewalttaten thematisieren daher auch die Medien zunehmend das rechte Geschichtsbild.
    Germane
    (aus P. Larisch/ J. Schmid:
    Die Geschichte des Kürschner-Handwerks.
    Das Kürschner-Handwerk 1/1-2, 1902, 12,
    via WikimediaCommons)
    Ein Problem, das einige der Kommentare auch benennen, ist sicher, dass die "Germanen" im schulischen Geschichtsunterricht kaum noch eine Rolle spielen, die Deutung also Einzelgruppen, wie eben den Rechten überlassen wird. Dabei wäre das Bewusstsein dafür, dass die 'Germanen' eine Erfindung der Römer waren und sie - wie auch die 'Kelten' - eben keine relevante Größe für das Verständnis eisenzeitlichen Alltags und untauglich für eine moderne Identität sind. Dass 'Germanen' und 'Kelten' freilich in den Jahrhunderten dennoch traditionsstiftend sein konnten - und in ihrer Umdeutung für manchen Nationalisten auch heute noch sind - steht auf einem anderen Blatt.
    Germanen sind vor allem Mythos, aber gerade darum sollten sie auch mehr - kritische! - Beachtung finden.
    Die Archäologie hat den Begriff in jüngerer Zeit in ihren Fachpublikationen vermieden, was wissenschaftlich tatsächlich richtig und geboten ist. Da man aber zugleich in populären Darstellungen und dem Marketing vereinfachend und oft wohl immer noch unreflektiert sehr wohl von Germanen (und Kelten) spricht, wird damit den unwissenschaftlichen Deutungen Raum gegeben.

    Interne Links

    Montag, 2. März 2020

    Stelle zu besetzen: 50% Assistenz an der AMaNz in Bamberg

    So soll es eigentlich laufen: Noch von der befristeten Qualifikationsstelle an der Uni direkt auf eine  Stelle mit Langzeit- und Karriereperspektive draußen in der Berufswelt. Ich freue mich (und bedaure es eigennützlerisch zugleich),  dass genau das einer meiner Mitarbeiterinnen nun passiert ist.
    Deshalb ist nun zum nächst möglichen Termin am Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg eine Stelle zu besetzen:

    Wissenschaftliche Mitarbeiterin / Wissenschaftlicher Mitarbeiter (m/w/d)
    50% der regelmäßigen Arbeitszeit; Entgeltgruppe 13 TV-L)

    Es handelt sich um eine Qualifikationsstelle zur Promotion mit Aufgaben in Lehre und akademischer Verwaltung. Sie ist befristet auf 3 Jahre, jedoch mit Option auf Verlängerung. Bewerbungsfrist ist der 31.3.2020.
    Der genaue Ausschreibungstext mit den Bewerbungsmodalitäten:

    Weitere Infos zur Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit (AMaNz) in Bamberg:


    Bamberg, Am Kranen 14,
    Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit
    (Foto R. Schreg)

    Samstag, 29. Februar 2020

    Gene lügen nicht - sie sagen aber auch nichts bevor man sie interpretiert...

    Aktuell ist die Archäogenetik in den Medien aufgrund eines neuen ERC-Projektes "HistoGenes", das jüngst mit einem Treffen in Wien gestartet wurde:

    Gegenüber den Anfängen der archäogenetischen Forschungen sind sie nun deutlich reflektierter und selbstkritischer...

    Interne Links zur Archäogenetik

    Digitale Grabungsfotos - 15 Jahre später

    Eine Sichtung älterer digitaler Grabungsfotos erbrachte jüngst einige bemerkenswerte Schadensbilder.

    Die erste Serie beschädigter Bilder betrifft Grabungsfotos der Grabungskampagne 2005 des Panama-Projektes (DFG, 2001-2005). Die Bilder wurden auf DVD sowie einer externen Arbeitsfestplatte gespeichert. Dank der Sicherungskopien ist hier kein reeller Datenverlust entstanden, so dass sich hier auch die beschädigten und die originalen Bilder (hier auf dem Blog in reduzierter Größe) vergleichen lassen. Die Fotos wurden damals als jpg aufgenommen, was nicht den heute gültigen Standards entspricht, die raw oder tif vorsehen. Die eigentlichen Dokumentationsfotos sind durch die Dateischäden nicht betroffen. Parallel wurden dazu damals noch in kleinerer Serie Dias gemacht.











    Weitere Beispiele (ohne die Vergleiche):









    Diesselben Schadensbilder musste in einem weiteren Ordner feststellen, der ebenfalls 2005 aufgenommene Fundfotos einer Grabung in einer völkerwanderungszeitlichen Siedlung bei Oberstetten (Lkr. Reutlingen) enthielt. Ich erinnere mich, dass ich vor Jahren in diesem Ordner beschädigte Bilder bereits durch Sicherungskopien ersetzt hatte - dennoch traten die Schadensbilder jetzt erneut und in weit größerem Ausmaß auf. 
    Hier handelt es sich nicht um die eigentliche Grabungsdokumentation, die als Dias beim Landesamt für Denkmalpflege liegt, sondern lediglich um Arbeitsfotos der Funde, die prinzipiell wiederholt werden können. Die Bilder waren auf mehreren Festplatten gesichert, indes wurde vermutlich eine frühere Sicherung irgendwann bei einem abgleichenden Backup mit den schadhaften Bildern überschrieben.














    Ich spekuliere hier nicht über die Ursachen. Das ganze möge nur noch einmal ein Appell sein, Datensicherung die nötige Aufmerksamkeit und Planung zu geben...

    Dienstag, 25. Februar 2020

    "nach der Hinrichtung haben die Deutschen den Gürtel mitgenommen" - Ein Gürtel und die deutsche Kolonialgeschichte

    Es geht hier nicht um einen archäologischen Fund, sondern um eine lehrreiche Geschichte um einen auf den ersten Blick unscheinbaren Patronengürtel.
    Sie zeigt die Wunden und Probleme aus der hier weitgehend vergessenen deutschen Kolonialgeschichte, sie zeigt die Bedeutungszuschreibungen an materielle Kultur und deren große Bedeutung für Erinnerung - auf beiden Seiten.


    Moralisch gehört der Gürtel den Nachkommen von Kahimemua Nguvauva, der 1896 von der deutschen Kolonialmacht als Aufständiger hingerichtet wurde. Jurisisch  hingegen gehört er wahrscheinlich den Nachkommen des Soldaten, der den Gürtel dem Hingerichteten abgenommen und dem Städtischen Museum in Braunschweig als Leihgabe überlassen hat.  Er ist aber auch für die deutsche Gesellschaft von Bedeutung, als Mahnmal und Anlass, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Dazu muss/ darf er aber nicht im Depot eines Museums verbleiben bzw.  dort auch noch verkramt sein.

    Sonntag, 23. Februar 2020

    Eine Mauer gegen Kultur: Für die Trump Wall wird Kultur zerstört

      Für den Bau von Trumps Mauer gegen Mexiko wurden mehrere archäologische Fundstellen bzw. 'sacred sites' zerstört. Die Society for American Archaeology (SAA) fordert die sofortige Einstellung der Bauarbeiten bis eine Umplanung vorliegt.
         
      Organ Pipe National Monument nahe der  neuen Trump-Mauer
      (Foto:  kangotraveler [CC BY SA 2.0] via WikimediaCommons)

      SAA benennt mehrere Fundstellen, die zerstört worden sind:
      Monument Hill westlich von Lukeville ist ein Bestattungsplatz von Kriegern der Apachen und für die native Americans ein wichtiger Erinnerungsort. Für den Mauerbau wurde das Gelände durch Sprengungen eingeebnet. Es gehört zum "Organ Pipe Cactus National Monument", das 1937 als Naturschutzgebiet der Sonoran-Wüste ausgewiesen wurden. Es steht auf der Anwärterliste als  UNESCO Biosphärenreservat.
      An den Quitobaquito Quellen, die in der Wüstenlandschaft in weitem Umkreis die einzige Wasserstelle sind, wurden im Oktober Gräber entdeckt. Die hier ansässigen Natives der Tohono O'odham reklamieren die Toten als ihre Vorfahren, die Quellen sind ein wichtiger Teil ihrer Kultur, denn sie sind auch Teil einer "Salz-Wallahrt". Zufahrtsstraßen für die Mauer-Baustellen haben das Gelände bei den Quellen nun massiv gestört und die genannten Bestattungen angesschnitten. Der Wasserverbrauch auf der Baustelle senkt den Grundwasserspiegel.





      Eigentlich sieht ein Bundesgesetz vor, dass die  Tohono O'odham Nation informiert und beteiligt werden muss, wenn archäologische Zeugnisse tangiert werden.  Der Sprecher der  Natives, Ned Norris wirft dem U.S. Department of Homeland Security vor, schon seit Mai in Organ Pipe und Cabeza Prieta mindestens drei Dutzend gesetzlicher Vorschriften des Umwelt- und Kulurgutschutzes gebrochen zu haben, darunter auch den  Native American Graves Protection and Repatriation Act.
      US Border Patrol streitet die Funde ab. "Based on the environmental surveys and stakeholder coordination completed, no biological, cultural, or historical sites were identified within the project area, which consists of the 60 foot wide swath of land that extends from the international border north and is known as the Roosevelt Reservation." Dies widerspricht den Berichten des National Park Service, die auf mindestens 17 archäologische Areale verweisen. Allerdings: Die in einigen Atikeln zitierten Grabfunde, die im Oktober 2019 gemacht worden sein sollen, spiegeln sich nicht in früheren separaten Pressemeldungen wieder, so dass unklar bleibt, welcher Art diese Funde tatsächlich sind.

      Interne Links

          Donnerstag, 13. Februar 2020

          Die Bombenopfer von Dresden - Historische Archäologie gegen ihren Missbrauch

          Vom 13. bis 15. Februar 1945 überzogen die Royal Air Force (RAF) und die United States Army Air Forces (USAAF) die Stadt Dresden mit mehreren Wellen von Luftangriffen. Dresden war vor dem Krieg eine der größten Städte Deutschlands und ein wichtiges Industrie- und Verkehrszentrum. Während des Krieges lag es weit von den Fronten und geriet erst in den letzten Kriegstagen in die Reichweite der Alliierten.

          Die historische Innenstadt wurde fast komplett zerstört, schwere Schäden gab es an den Industrieanlagen, während die Bahnlinien nach kurzer Zeit repariert wurden. Die Straßen lagen nach Augenzeugenberichten und historischen Fotos voller Leichen. 

          Dresden.- Leichenberge nach den Luftangriffen vom 13. und 14. Februar 1945, dahinter Ruinen zerstörter Gebäude
          (Fo
          to: Bundesarchiv, Bild 183-08778-0001 / Hahn  [CC-BY-SA 3.0] via WikimediaCommons)


          Interne Dokumente der NS-Zeit wie auch die 1993 erschlossenen Akten des städtischen Bestattungs- und Marstallamtes zeigen, dass es etwa 25000 Todesopfer gab.

          Lange waren weit höhere Zahlen genannt worden, denn die NS-Behörden behielten die Opferzählungen geheim und nutzten die Angriffe für Propagandazwecke. Die NS-Propaganda lancierte - als eine der wenigen Möglichkeiten, die kurz vor Kriegsende noch bestanden - Presseberichte in schwedischen Tageszeitungen, die die Zerstörung Dresdens als geplanten Massenmord mit 100.000 Toten darstellten. Sie wurden im Ausland übernommen und bildeten die Grundlage für in der Folgezeit immer weiter ansteigende Spekulationen über die Opferzahlen. 1948 übernahm das Rote Kreuz ungeprüft Zahlen der NS-Behörden und sprach von über 275.000 Toten. In der Nachkriegszeit stiegen die kolportierten Zahlen auf bis zu 500.000. In der DDR gab es kein besonderes Interesse an einer Aufarbeitung und an offiziellem Gedenken. Während des beginnenden Kalten Krieges wurden aber Motive der NS-Propaganda aufgegriffen, indem von der „unschuldigen Stadt“ und dem „anglo-amerikanischen Bombenangriff“ gesprochen wurde. Teilweise wurde den Westmächten unterstellt, die Zerstörung Dresdens hätte nur verhindern sollen, dass die Stadt der Sowjetarmee in die Hände fiele.


          Instrumentalisierung der Opfer


          Die Zahl der Toten wurde so von Anbeginn zum Politikum. 
          Seit etwa 1998 versuchen nun Rechtsextreme das Opfergedenken zu instrumentalisieren. Sie greifen auf die widerlegten hohen Opferzahlen zurück. Die Opferzahlen werden Teil der rechten Propaganda, die die Dresdner Toten gegen die Opfer des Holocaust aufrechnet. Das Opfergedenken der Rechten soll die Geschichte vergessen machen.
          Auch aktuell zum 75jährigen Jubiläum bezweifeln Vertreter der Rechten, darunter der AFD-Parteivorsitzende Chupalla, die Fakten, um so die Verbrechen der NS-Zeit zu relativieren.


          Grafitti in Dresden (A.-Althus-Str.) mit Verkleinerung der Zahl der Toten am 13.2.1945 von 300000 auf 30000 durch Übersprühen
          (Foto: SchiDD [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)

          Als "Belege" dienen persönliche Erinnerungen,  "Plausibilitästüberlegungen und Vergleichskalkulationen" (Kommisionsbericht 2010, S. 20), sowie in der Art eines selbstreferentiellen Systems gegenseitige Zitate. Fast nie wird auf richtige Archivalien bzw. behördliche Statistiken verwiesen. Einzig der Holocaust-Leugner David Irving  bezog sich in den 1960er Jahren mit seiner Angabe von 250.000 Toten auf ein Dokument, den „Tagesbefehl 47“ vom 22. März 1945, der damals bereits als Fälschung erkannt war. 


          Kommissionsarbeit 2004-2010

          Schon 2004 wurde darum eine Historikerkommission eingesetzt,  „um Geschichtsfälschungen zu begegnen“. Neben zahlreichen Historikern war mit Thomas Westfalen, vom sächsischen Landesamt für Archäologie in Dresden auch ein Mittelalter- und Neuzeitarchäologe Mitglied der Kommission.
          Die Ergebnisse der Kommissionsarbeit wurden in einem Abschlussbericht zusammen gefasst, der am 17. März 2010 der Oberbürgermeisterin übergeben wurde. Er ist online abrufbar und wird durch eine Buchpublikation ergänzt:
          In verschiedenen Teilprojekten widmete sich die Kommission drei Themen: 
          1. der Zahl der Dresdner Luftkriegstoten, 
          2. den angeblichen Tieffliegerangriffen
          3. der Erinnerung der Dresdner Erlebnisgeneration.
          Die Kommission hat neben den bereits bekannten Quellen die Aktenbestände von Stadtbauamt, Marstall- und Bestattungsamt, Ernährungs-, Fürsorge- und Kriegsschädenamt sowie der Oberbauleitung Enttrümmerung ausgewertet. Dabei konnten 20 100 Opfer namentlich benannt werden, die eindeutig als Folge der Bombenangriffe zwischen dem 13. und 15. Februar 1945 gestorben sind. Hinzu kommen 2600 Nachweise für Bestattungen von nicht identifizierten Toten. Somit sind mindestens  22700 Tote zu verzeichnen. Das Projekt hat die verschiedenen Daten digital erfasst und abgeglichen. Dabei wurde anhand der Akten der Ausgabestellen für Nahrungsbezugsscheine nach Kriegsende auch die Einwohnerzahl Dresdens nach den Angriffen erstmals genauer ermittelt.Erstellt wurden auch Schadenskartierungen und eine exakte Kartierung der Bergungsorte, die im Online-Kartenwerk "Dresden 1945" abrufbar sind.



          Die Rolle der Archäologie

          Ein Einwand gegen die schon zeitgenössischen Schätzungen von 25.000 Toten war die mündliche Tradition von Überlebenden, wonach der Großteil der Leichen verschüttet und nicht geborgen worden sei.

          Seit der Wende wurden in Dresden umfassende stadtkernarchäologische Untersuchungen notwendig. Etwa 20% des mittelalterlichen Stadtkernes wurden untersucht. Dabei wurden mehr als 450 Keller frei gelegt, die zumeist bei der Enttrümmerung gezielt mit Schutt verfüllt wurden  Es zeigte sich, dass fast alle innerstädtischen Keller nach den Luftangriffen begehbar waren und geräumt wurden. Nur bei etwa 20% der Keller wurden Spuren intensiver Brände nachgewiesen und nur in vier Kellern wurden die Überreste von insgesamt 18 getöteten Menschen gefunden. Die Archäologie kann somit ausschließen, dass eine größere Zahl von Luftkriegstoten nicht geborgen wurde.


          Das Beispiel Dresden zeigt das "kritische Potential" der Archäologie, das dazu beitragen kann, Legenden und Mythen anhand der materiellen Hinterlassenschaften zu überprüfen. Dies gilt auch und gerade da, wo eine reichhaltige schriftliche oder gar mündliche Überlieferung zur Verfügung steht. Augenzeugen  stehen gerade bei solchen Ereignissen wie in Dresden unter einer besonderen psychologischen Anspannung, die auch Wahrnehmungen beeinflusst.  
          Die Archäologie kann im Abgleich mit anderen Quellen besondere Wahrnehmungsverzerrungen zu erkennen geben und einen Beitrag zur Quellenkritik liefern. Dresden ist insofern ein gutes Beispiel dafür, was eine historische Archäologie leisten kann. Es liegt dabei in der Natur der 'historischen' Archäologie, dass dies nur in interdisziplinärem Kontext tatsächlich ausgeschöpft werden kann.

          Grabung Dresden Neumarkt 2013: Blick in die Keller
          (Foto: Norbert Kaiser [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)

          PS

          In der NS-Propaganda nach den Luftangriffen auf Dresden war von der "Zerstörung der Kunststadt Dresden", "einem Wallfahrtsort für alle Kunstliebhaber" die Rede, womit auch hier der propagandistische Vorwurf an den Gegner als Kulturzerstörer und -schänder erhoben wurde, der uns in zahlreichen anderen Konflikten - auch aktuell - begegnet.

          Weitere Links

          Donnerstag, 6. Februar 2020

          Eine Wunschvorstellung wird zum Fakt - und von der Wissenschaft nach Generationen entlarvt

          Solche Situationen kommen öfters vor. Sie zu entdecken und wieder aus den Köpfen zu schaffen, ist eine wichtige Aufgabe der Kulturwissenschaft. Das kann auch mal länger dauern, denn betroffen sind oft kleine Fächer mit nur geringem Personalbestand.
          Ein aktueller Fall: Die angebliche ägyptische Ärztin aus dem 3. Jahrtausend v.Chr. geboren in den 1930er Jahren in einer Frauengeschichte einer britischen Autorin, wohl durch flüchtigen Umgang mit den Quellen. Ein kurzer Wikipedia-Artikel von 2006 (engl. Wikipedia, Stand Ende 2006) hat dem Bild weitere Popularität gegeben. Nun entlarvt eine Studie die Entstehung des modernen Mythos. Zitat Volker Roelcke, Medizinhistoriker an der Universität Giessen in der Bernischen Zeitung Der Bund: "Merit Ptah ist wohl eine besonders markante Variante eines verbreiteten Phänomens, nämlich dass Menschen als Indi­viduen und als Gruppen das Bedürfnis haben, ihre Überzeugungen und ihr Selbstbild plausibel und glaubhaft zu machen, indem sie ihnen eine möglichst lange Vorgeschichte geben, die sich idealerweise mit einer prominenten Person verbinden lässt."

          Der originale wissenschaftliche Artikel hat mit Sicherheit ein deutlich eingeschränkteres Publikum:
          • Jakub M Kwiecinski, Merit Ptah, “The First Woman Physician”: Crafting of a Feminist History with an Ancient Egyptian Setting, Journal of the History of Medicine and Allied Sciences 75/1, 2020, 83–106 < https://doi.org/10.1093/jhmas/jrz058 >