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Donnerstag, 16. Juli 2026

Hassberger Hafner

 Inge Lippert


Zum frühneuzeitlichen Hafnerhandwerk in der nordbayerischen Region Hassbergen. Ein Überblick anhand von Schriftquellen

 (Würzburg: Röll-Verlag 2025).

ISBN 978 3 89754 694 3

86 Seiten, 19 Abbildungen

 

Inge Lippert, die im Fränkischen schon lange mit Publikationen zum Hafnerhandwerk hervorgetreten ist, hat 2023 in den Mainfränkischen Studien einen gewichtigen Band  von 224 Seiten zum Hafnerhandwerk des Hochstifts Würzburg vorgelegt (Lippert 2023). 2025 ist nun ein wesentlich schmaleres Büchlein erschienen (Lippert 2024, im folgenden nicht im einzelnen zitiert), das hier knapp besprochen sei, weil gleich in der Einführung die aktuellen Forschungen der Bamberger AMANZ als Anknüpfungspunkt aufscheinen.

Ausgehend von den Befunden am Lußberg ist die Region zwischen Forchheim / Effeltrich im Süden und der bayerisch-thüringischen Grenze im Norden als Töpferregion ins archäologische Blickfeld geraten. Dabei zeigen sich einzigartige Potentiale in einer Synthese von archäologischen und schriftlichen Quellen aus Bamberg. Die Arbeiten von Inge Lippert  erschließen nun den reichen Würzburger Quellenbestand, der nun nochmals neue Aspekte liefert.

1455 gewährte der Würzburger Fürstbischof Johann III von Grunbach den Hafnern die Freiheiten, der handwerklichen Selbstverwaltung und Gerichtsbarkeit. Der dabei entstandene Haffnerbund organisierte die Töpfer in einer zunftähnlichen Korporation in seinem gesamten Territorium, das in den Hassbergen fast bis vor die Tore Bambergs reichte.

Die Mitgliedschaft war verpflichtend, nicht nur für die Töpfer, die auf Würzburger Gebiet ansässig waren, sondern für alle, die hier ihre Waren absetzen wollten. Das betraf auch Bamberger Töpfer, deren Handel mainabwärts aus Schriftquellen seit 1406/07 bekannt ist. Nachen, die mit „hefen, Kacheln und anderen solchen dingen“ beladen waren, mussten auf dem Weg nach Würzburg in Eltmann und Theres verzollt werden. 1466 beklagte der Bamberger, Fürstbischof Georg I. von Schaumberg, dass sich Bamberger Töpfer im Würzburgischen einzünften lassen mussten, wodurch das alte Handelsgeschäft erschwert wurde.

Die Aufsicht über den Hafnerbund übte ein Oberrichter aus, ein Amt, das der Würzburger Bischof am Ende des 15. Jahrhunderts regionalen Niederadelsfamilien als Lehen vergab. Die Oberrichter erhielten Anteile aus den Handwerksgeldern.

Deutlich wird, dass die Tone aus den Hassbergen eine wichtige Rolle spielten. In einer internen Auseinandersetzung drohte der Oberrichter Christoph Fuchs von Limbach den städtischen Töpfern in Würzburg 1479 mit einem Lieferstopp von Ton aus Ebern. Nachweisbar hatten die Hassberger Töpfer seit 1521, vielleicht aber auch schon seit dem späten 15. Jahrhundert, das Privileg zur Nutzung „weißer Erden“. Diese Vorkommen wurden teilweise auf adligem Landbesitz gegraben.

Der Vorstand des Hafnerbundes bestand aus dem Hafner-Schultheiß, den 12 Schöffen des Rügegerichts und den Viermeistern. Im 15. Jahrhundert war es üblich, sie bei der Jahresversammlung, die an Pfingsten in Haßfurt stattfand, zu wählen. Seit 1521 war eine Berufsqualifikation als Meister Voraussetzung für die Mitgliedschaft.

Im 16. Jahrhundert sind Versammlungen des Hafnerbunds auch an anderen Orten im Hochstift Würzburg nachweisbar. Auf der Jahresversammlung 1578 in Dettelbach wurde eine 3-Meilen Regelung beschlossen, wonach die Hafner ihre Produkte nur noch im Umkreis von 3 Meilen um ihren Wohnort auf den Märkten anbieten dürfen.

Hintergrund war eine starke Konkurrenz zwischen den Würzburger Hafner, denen im Bamberger Territorium sowie den Töpfern aus den kleinen Ritterschaftlichen Gebieten. Die Coburger Hafner beschwerten sich, weil Hafner des Würzburgischen Hafnerbundes aus Ebern und Seßlach Kachelöfen in der Stadt bauten.

Für die Töpfer aus dem Raum Bamberg zählten die 3 Meilen ab der Grenze des Hochstifts Würzburg. Traditionellerweise hatten sie jedoch per Floß auf dem Main ihre Produkte sehr viel weiter nach Westen, nach Eltmann, Haßfurt, Schweinfurt, Eisenheim, Volkach, Dettelbach, Kitzingen und Ochsenfurt verhandelt. Darum beschwerte sich 1580 der Bamberger Fürstbischof bei seinem Würzburger Amtskollegen. Dieser hatte selbst 1575 eine überarbeitete Handelsordnung des Hafnerbundes bestätigt, der ein verschärftes Vorgehen gegen „Störer“ angekündigt hatte. Der Bamberg-würzburgische Handelsstreit zog sich über mehrere Jahre hin, bis 1589 die Rechtmäßigkeit der Würzburgischen Handelsordnung inklusive der später zugefügten 3 Meilen-Bestimmung bestätigt wurde.

1582 wurden mehrere Stadtzünfte im Hochstift Bamberg zu einer Stiftszunft zusammengeschlossen, wohl als Gegenpol zu dem Würzburger Bund.

1592-1604 amtierte der Bamberger Hafner Michael Hilprand als Schöffe des Würzburger Hafnerbundes (Lippert 2023, 101). Seit 1596 führte der Bund ein Protokollbuch, das im Staatsarchiv Würzburg verwahrt ist. Es enthält die Aufzeichnungen der jährlichen Zusammenkünfte mit Nachträgen bereits ab 1592 und die mit einigen Unterbrechungen bis 1682 reichen. Diese Treffen fanden nun nicht mehr in Haßfurt, sondern bis 1613 an wechselnden Orten des Hochstifts statt, nach 1613 jeweils in Würzburg. Dieses Protokollbuch erlaubt es Inge Lippert, eine Liste der führenden Hafnermeister aus den Orten des heutigen Landkreises Hassberge zusammenzustellen (S. 22-34) und gewisse statistische Auswertungen vorzunehmen. Für die Zeit von 1592 bis 1682 sind rund 180 Hafnermeister aus dem heutigen Landkreis Hassberge namentlich fassbar, die meisten von Ihnen stammen aus Haßfurt, Ebern und Rudendorf.

Die Einträge zeigen, dass die Ausbildung vom Beginn der Lehrzeit bis zur Meisterprüfung 7 bis 14 Jahre dauerte. Einige Hafnergesellen gingen auf Wanderschaft, nachgewiesen ist beispielsweise ein Aufenthalt in Linz in Oberösterreich.

Der Dreißigjährige Krieg scheint einige Veränderung gebracht zu haben, denn nach einer Lücke im Protokollbuch nach 1650 sind aus manchen Orten keine Haffner mehr zu belegen.

Ein besonders ausführliches Protokoll einer Jahresversammlung liegt für das Jahr 1609 vor, als der Bund sich in Dettelbach traf. Hier sind 100 Mitglieder zu erfassen, darunter 14 neu aufgenommene Lehrlinge und 20 Jungmeister, von denen neun als Meistersöhne bezeichnet werden (Lippert 1993, 55).

Die Spannungen zwischen Würzburger und Bamberger Töpfern dauerten auch im 17. und 18. Jahrhundert an. Entsprechend kam es immer wieder zur Aushandlung von Kompromissen. Trotz einer Produktion der Hassberger Töpfer über den lokalen Bedarf hinaus, war das Hochstift Würzburg wohl durchaus auf Importe aus Bamberg, aber auch aus Lichtenfels angewiesen. Haßfurt musste Bamberger Importe auf seinen Jahrmärkten dulden, dafür durften Haßfurter Töpfer über die 3 Meilen hinaus mainabwärts, etwa mit Stadtschwarzach handeln. 1720 kam es auf dem Markt in Schweinfurt zu „mords- und todsgereichenden handtgemengmesigen Thätlichkeiten“ zwischen Würzburger und reichsritterschaftlichen Hafnern aus Baunach.

Wenig später, 1732/33, traten die Schweinfurter Hafner aus der Würzburger Hafnerkorporation aus, weil sie hofften, dadurch den Handelsbestimmungen zu entkommen. Man berief sich auf einen Reichsschluss von 1731, der doppelte Inkorporationen von Handwerkern in städtische Zünfte und regionale Korporationen abschaffte. Im Frühjahr 1733 konnte dann aber ein Schweinfurter Hafner auf dem Markt von Arnstein nur verkaufen, weil er gegen seine örtliche Hafnerkonkurrenz militärischen Schutz erhielt (Lippert 2023, 124f.).

Ende des 18. Jahrhunderts spiegelt sich eine Unzufriedenheit der Kunden mit den Hafnerprodukten PP wegen „geringhaltiger Materie und Untüchtigkeit“.

Mit der Säkularisation des Hochstifts Würzburg 1802 verloren auch die Hafnerprivilegien ihre Gültigkeit und der Hafnerbund wurde durch andere Formen der Berufsvereinigung abgelöst. Mit dem Übergang des Gebiets an das Königreich Bayern 1814 wurden eine umfassende Statistik und ein Kataster eingeführt, so dass für diese Jahre die Anzahl der Töpfereien nun genau bekannt ist. Im Gebiet des heutigen Landkreises Hassberge gab es damals 57 Hafner, 9 in Eltmann  je 5 in Memmelsdorf i.Ufr. und Stettfeld  und je 4 in Ebern, Hassfurt und Hofheim i. Ufr. In den Orten zu Füssen des Lußbergs sind nur zwei Töpfer in Kirchlauter genannt. Die früher zu beobachtende Konzentration der Hafnerwerkstätten im Umkreis des Lußbergs hatte sich offenbar aufgelöst.

Fragen und Forschungsansätze

Im Vorausgehenden wurde die von Lippert herausgearbeitete Geschichte des Würzburger Hafnerbundes recht ausführlich referiert, um im folgenden einige archäologische Fragestellungen daraus abzuleiten.

Inge Lippert liefert mit ihren beiden Studien wichtige Einblicke in Produktion und Vertrieb von Alltagsgütern, die prinzipiell auch in der archäologischen Überlieferung prominent vorhanden sind.

Aktuell ist die Quellenlage jedoch noch nicht kohärent. Die schriftliche Quellenlage zu den Töpfern auf Bamberger Seite für das Spätmittelalter in Bamberg relativ gut überschaubar, während  die Quellen für die Neuzeit noch zusammenzustellen sind. Hier gibt es nur einzelne Ansätze, etwa zur Bamberger Hafnerordnung von 1582 (J. Staudenmaier 2008).  Auf Würzburger Seite ist es genau umgekehrt.  Ab 1455 sind die Aussagen dank Inge Lippert gut zu überblicken, ob es ältere Quellen zu Töpfern im Würzburger Raum gibt, ist zumindest mir aktuell unklar. Nur das 15. Jahrhundert stellt einen Überlappungsbereich dar.

Archäologisch liegen mit den Arbeiten von Hans Losert und Luitgard Löw grundlegende Regional-Aufarbeitungen für die hoch- und spätmittelalterliche sowie frühneuzeitliche Keramik im Raum Bamberg  vor. In Unterfranken  sind zusammenfassende Bearbeitungen schon älter: Uwe Lobbedey hatte Ende der 1960er Jahre Unterfranken in sein Arbeitsgebiet einbezogen, wenig später hat es Georg Hauser auch so gehalten. Seitdem gab es eine Reihe weiterer Fundvorlagen, aber keine aktuellere Synthese (z.B. Vychiti 1991l, Hembach 2003, Michl 2015). Für die Neuzeit ist von archäologischer Seite bisher wenig geschehen, hier ist auf die Volkskunde zu verweisen.

oxidierende und reduzierende Keramiklandschaften

Der Beginn des Würzburger Hafnerbundes fällt ins 15. Jahrhundert, als archäologisch die jüngere Drehscheibenware dominierend ist. Im Raum Bamberg ist dies die oxidierend gebrannte jüngere Drehscheibenware, wie sie auf dem Lussberg, in Kipfendorf, Strullendorf und Bamberg produziert wurde. Im Würzburger Raum hingegen dominiert eine graue jüngere Drehscheibenware. Wo verläuft die Grenze zwischen diesen Keramiklandschaften? Sie spiegelt offenbar nicht die Grenze zwischen den Stiftsterritorien!? Äußert sich diese Differenzierung auch in anderen Kriterien, wie dem Formenbestand?

Können oxidierend gebrannte Gefäße im Würzburger Raum als Bamberger Importe begriffen werden? Wurde oxidierend gebrannte Keramik auch auf Würzburger Seite produziert?

Im Raum Bamberg bevorzugte man seit dem späten 13. oder frühen 14. Jahrhundert einen oxidierenden gegenüber einem reduzierenden Brand – im Unterschied zu den benachbarten Räumen Würzburg und Nürnberg. In der Wüstung Lindelach bei Gerolzhofen (Michl 2015) oder auch in der Wüstung Birkenrod bei Ebrach dominiert die oxidierend gebrannte Drehscheibenware (Schreg/ Dix/ Jakob/ Funke, in Vorber.). Auch anderswo gibt es solche Inseln oxidierend gebrannter Waren, etwa der Prebrunner Ware bei Regensburg, der Musberger Ware im Raum Esslingen oder auch der Buocher Ware im damaligen Württemberg, die aber als rotbemalte Feinware überwiegend eine spezielles Produktspektrum umfasst.

Umbruch im späten 15. Jahrhundert

In Bamberg kam es um 1474 erneut zu einem Umbruch im Hafnergewerbe. 1474 explodierten die Ausgaben des städtischen Bauhofs für die Hafner. Etwa gleichzeitig kam es auch zu einer Verlagerung der Töpfer vom Unteren Sand in Bamberg in das Gebiet am oberen Sand vor der Stadtmauer – was eine Verlagerung in die Stadt hinein bedeutet.  Weitere Archivstudien in Bamberg mögen diese Entwicklung genauer beleuchten können, doch ergibt sich die Frage, inwiefern die Einführung der Glasur bestehende Werkstätten aus dem Geschäft drängte und inwiefern sich hier ein Vorsprung der Stadt gegenüber landsässigen Töpfern ergab. Problematisch oder auch symptomatisch? –  ist, dass die glasierte Keramik bei den bisher bekannten Töpfereien zu fehlen scheint.

Gab es  in Würzburg eine ähnliche Entwicklung?

Der 1474 gewählte Oberrichter Christoph Fuchs von Limbach setzte sich damals für die Interessen der landsässigen Handwerker gegenüber den städtischen Töpfern in Würzburg ein. Wenig früher gab es Auseinandersetzungen über die beruflichen Qualifikationen, wobei von handwerklichen Fähigkeiten nicht die Rede gewesen zu sein scheint  (Lippert 2023, 20ff.).

Identifikation von gelbem und weißem Geschirr

Im 18. Jahrhundert wurden in den Würzburger Schriftquellen innen glasiertes gelbes Geschirr und „weißes Geschirr“,” hergestellt aus weißer Tonerde“ genannt. 1791 ist von Keramik die Rede, das „außen weiß sei. Gemeint ist damit wohl eine Ware mit weiß-beigem Scherben, die innen häufig schwarz glasiert ist. Die gelbe Ware, die  „nach unterländischer Art und Handwerksordnung“ hergestellt sei, ist wohl als die regional gängige oxidierend gebrannte gelb glasierte Hafnerware zu klassifizieren.

Archäologisch ist aus dieser Zeit wenig bearbeitet, aber der regionale Museumsbestand, etwa aus Ebern, umfasst zahlreiche Gefässe. Der Bestand wäre darauf zu sichten, ob sich diese Differenzierung nachvollziehen lässt. Auf den ersten Blick fällt ein großer Bestand an grün glasierten Keramik auf, der sich in den Würzburger Quellen nicht widerzuspiegeln scheint.

Westerwälder Einwanderer

Seit dem 17. Jahrhundert wurde in der nördlichen Oberpfalz insbesondere in Creußen Steinzeug nach Westerwälder Vorbild produziert. Archäologische Funde und schriftliche Quellen belegen eine Steinzeugproduktion seit dem späten 18. Jahrhundert auch im ritterschaftlichen Rentweinsdorf.  Obwohl in den Museumsbeständen der Region Steinzeug eine große Rolle spielt, scheint es in den Auseinandersetzungen um Marktzugänge, die im späteren 18. Jahrhundert wieder verstärkt aufleben, keine Rolle gespielt zu haben.

Fazit

Die Bearbeitungen der Geschichte der Hafner in den Hassbergen von Inge Lippert und zuvor schon der Hafner im Hochstift Würzburg  sind wichtige Arbeiten zur Wirtschaftsgeschichte des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit und bieten aktuellen Forschungen in der Region wichtige Ansatzpunkte. Sie lassen zudem den Wunsch entstehen, auch die Bamberger Überlieferung zu Hafnerinnen und Hafner systematischer aufzuarbeiten, als uns dies von archäologischer Seite aktuell möglich erscheint.

Literatur

  • Hauser 1984: G. Hauser, Beiträge zur Erforschung hoch- und spätmittelalterlicher Irdenware aus Franken. Beih. ZAM 3 (Köln, Bonn 1984)
  • Hembach 2003: T. Hembach, Die Ausgrabung in der Domerschulstraße in Würzburg – 1300 Jahre Stadtgeschichte (Diss. Bamberg 2003)
  • Lippert 2023: I. Lippert, das Hochstift Würzburger Hafnerhandwerk 1455-1802. Mainfränkische Studien 92 (Neustadt a.d. Aisch 2023).
  • Lippert 2025: I. Lippert, Zum frühneuzeitlichen Hafnerhandwerk in der nordbayerischen Region Hassbergen. Ein Überblick anhand von Schriftquellen (Würzburg 2025)
  • Lobbedey 1968: U. Lobbedey, Untersuchungen mittelalterlicher Keramik vornehmlich in Südwestdeutschland. Arbeiten zur Frühmittelalterforschung 3 (Berlin 1968).
  • Losert 1993: H. Losert, Die früh- bis hochmittelalterliche Keramik in Oberfranken. Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters, Beiheft 8 (Köln 1993).
  • Löw 1993: L. Löw-Kopf, Funde aus einem Töpferofen um 1500 in Bamberg. NEARCHOS 1, 1993, 143–154.
  • Löw 2005: L. Löw, Keramik des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit aus dem westlichen Oberfranken (Bamberg 2005). – https://fis.uni-bamberg.de/handle/uniba/63
  • Michl 2015: E. Michl, Castellum, Curia, Palatium?! Die mittelalterliche Besiedlungsgeschichte eines mainfränkischen Zentralortes auf dem Kapellberg bei Gerolzhofen. Bamberger Schriften zur Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit 5 (Bonn 2015).
  • Staudenmaier 2008: J. Staudenmaier, Zur Implementation frühneuzeitlicher Handwerksordnungen : Das Beispiel der Bamberger Hafnerordnung von 1582. In: M. Häberlein (Hrsg.), Bamberg in der frühen Neuzeit. Neue Beiträge zur Geschichte von Stadt und Hochstift. Veröffentlichungen des Stadtarchivs Bamberg Bd. 11 (Bamberg 2008) 49–76.
  • Schreg 1997: R. Schreg, Keramik aus Südwestdeutschland. Eine Hilfe zur Beschreibung, Bestimmung und Datierung archäologischer Funde vom Neolithikum bis zur Neuzeit. Lehr- und Arbeitsmaterialien zur Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit (Tübingen 1997).
  • Schreg 2012: R. Schreg, Keramik des 9. bis 12. Jahrhunderts am Rhein. Forschungsperspektiven auf Produktion und Alltag. In: H. Pantermehl/L. Grunwald/R. Schreg (Hrsg.), Hochmittelalterliche Keramik am Rhein. Eine Quelle für Produktion und Alltag des 9. bis 12. Jahrhunderts. RGZM-Tagungen 13 (Mainz 2012) 1–19.
  • Dix/ Jakob/ Funke/ Schreg, in Vorber.: Birkenrod und Rambach. Beobachtungen an zwei Wüstungen im Steigerwald. AMANZdokumente (Bamberg 2026). – https://fis.uni-bamberg.de
  • Vychitil 1991: P. Vychitil, Keramik des 8. bis 13. Jahrhunderts aus Siedlungen am Maindreieck. Beiträge zur Anwendung quantitativer Methoden. Antiquitas, Reihe 3, Abhandlungen zur Vor- und Frühgeschichte, zur klassischen und provinzial-römischen Archäologie und zur Geschichte des Altertums 31 (Bonn 1991).

 

Der Blogpost ist ursprünglich auf AMANZnotozblog erschienen: https://amanzblog.hypotheses.org/1556 

 

Samstag, 26. Oktober 2024

Hilfe erbeten! Wer kennt Töpfer- bzw. Hafnerschienen oder deren Abbildungen?

Töpfer- oder Hafnerschienen dienen dem Töpfer dazu, aus dem  noch feuchten Ton Formen zu präparieren oder Oberflächen zu gestalten. Heute dienen Spatel, Messer oder Schlaufen dazu.

Bis ins 19. Jahrhundert hatten sie aber häufig eine spezifische Form, die geradezu zum Symbol des Töpferhandwerks wurde. Hergestellt waren Töpferschienen aus Holz oder Kupfer - was erklärt, warum sie so selten überliefert sind: sie sind verrottet, verbrannt oder als Altmetall recycelt. Originale gibt es nur wenige, einige wenige Stücke sind museal überliefert, noch weniger sind als archäologische Funde bekannt.

Eine Bezeichnung, mit der Töpferschienen in schriftlichen Quellen identifizierbar wären, scheint nicht bekannt zu sein. Daher kommt Bildquellen eine besondere Bedeutung zu. Aber auch diese sind rar.  Wir kennen nur wenige frühneuzeitliche Töpfereidarstellungen, auf denen Töpferschienen dargestellt sind. In Prag und in Brünn sind die Hafnerschienen als Zunftzeichen zu verstehen. Sie waren wohl auch auf der Zunftlade in Brünn dargestellt, wie eine Abbildung derselben von 1777 nahe legt.

Meist handelt es sich um schematische Abbildungen von Töpferschienen als Symbol des Handwerks. etwa auf Grabsteinen, als Hauszeichen möglicherweise von Töpfereien. Sie kommen aber auch an Orten die man eher als "Kraftorte" bezeichnen möchte, also beispielsweise an Wetterkreuzen oder, exponierten Felsformationen. Die bisher bekannten Beispiele fallen in den Zeitraum von frühen 16. bis frühes 19. Jahrhundert.

Buchen, Bildstock auf der Walldürner Höhe
Screenshot 3DScan




Neustadt an der Weinstraße, Bergstein
(Foto: R. Schreg 2024)


 
Dieburg, St. Maria/Gnadenkapelle
(Foto: R. Schreg 2023)


Der Forschungsstand hierzu ist allerdings nicht besonders gut, da es im Wesentlichen der Chemiker und Experte für Handwerkszeichen und Kleindenkmale Karl Friedrich Azzola war, der sich mit dieser Thematik befasst hat. Aus seiner Feder gibt es zahlreiche Publikationen, meist in lokalen Geschichtsblättern publiziert, die einzelne solcher Darstellungen in den Mittelpunkt stellen. Da er im Rhein-Main-Gebiet ansässig war, decken die bekannten Beispiele die Weinstraße, Rheinhessen, den Odenwald und den mittleren Main ab. Vereinzelte Belege darüber hinaus deuten an, dass dieses Verbreitungsbild ein Artefakt der Forschung ist.

 

provisorische Kartierung der Hafnerschienen
(Graphik R. Schreg, Kartenbasis: SRTM)


Da wir jüngst nahe einer spätmittelalterlichen Töpferei eine weitere Darstellung einer Hafnerschiene identifiziert haben, suche ich nun nach weiteren Beispiele, um den Neufund besser einordnen zu können. Wichtig sind mir Anhaltspunkte, die die bisherige Datierungsspanne von 16.-18. Jh. verifizieren oder auch falsifizieren können. Insbesondere stellt sich die Frage, ob eine Datierung vor 1500 möglich wäre. Zudem gilt es aber, die Verbreitung breiter abzusichern.

Wer kann mir Hinweise geben? Wer hat so eine Töpferschiene oder eben eine Abbildung gesehen?

Hinweise bitte an rainer.schreg[at]uni-bamberg.de oder hier in die Kommentare

Literaturhinweise

  • Azzola 1984: F. K. Azzola, Die Schere als Handwerkszeichen auf Grabsteinen und Steinkreuzen in Hessen. Das Kleindenkmal 8/12, 1984, 160–168.
  • Heege 2021: A. Heege Winterthurer Schätze der Hafner Graf und Pfau (Andreas Heege) Revue. Keramikfreunde der Schweiz 135, 2021, 7-36
  • Stadler 1992: H. Stadler, Neufunde aus der Lienzer Hafnerei Zimmermann -Troger -Ganzer. Osttiroler Heimatblätter 60/3, 1992, 1-3. - https://www.osttirol-online.at/4eb3c0c09b5b8/1992-60-3.pdf


Link

 

Nachtrag 4.8.2025

Inzwischen sind tatsächlich einige  Hinweise eingegangen, die die Verbreitungskarte in der Schweiz und in Südbayern noch etwas ergänzt haben - aber ich bin weiterhin an Ergänzungen interessiert.

Freitag, 22. Dezember 2023

Donnerstag, 21. Dezember 2023

Mittwoch, 20. Dezember 2023

Dienstag, 19. Dezember 2023

Montag, 18. Dezember 2023

Sonntag, 17. Dezember 2023

Samstag, 16. Dezember 2023

Sonntag, 10. Dezember 2023

Samstag, 9. Dezember 2023

Donnerstag, 7. Dezember 2023

Mittwoch, 29. Juli 2020

Superspreader älter als gedacht? Neue Pocken-Belege aus Nordeuropa

Zu Beginn der Corona-Epidemie habe ich hier eine "Archäologie der Erreger" skizziert und dabei auch die Pocken knapp dargestellt:
Und schon gibt es Neues - nämlich Älteres:
  • Mühlemann, Barbara; Vinner, Lasse; Margaryan, Ashot; Wilhelmson, Helene; La Fuente Castro, Constanza de; Allentoft, Morten E. et al. (2020): Diverse variola virus (smallpox) strains were widespread in northern Europe in the Viking Age. In: Science (New York, N.Y.) 369 (6502). - <doi: 10.1126/science.aaw8977>.
Viren
(biology pop [CC BY SA 4.0] via WikimediaCommons)
War bislang ein Fund aus dem 17. Jahrhundert der älteste DNA-Beleg, so ist es nun gelungen, bei 11 Bestattungen aus Nordeuropa, unter anderem von der Insel Öland Variola-DNA zu identifizieren. Die Gräber datieren zwischen 600 und 1050 n.Chr. Es handelt sich nicht um einen direkten Vorfahren der modernen Pocken, sondern um eine wahrscheinlich weniger tödliche Variante. Aus zwei weiteren neuzeitlichen Gräbern wurde DNA des modernen Variola-Virus gefunden. Der gemeinsame Vorfahr wird auf etwa 1700 Jahre vor heute geschätzt. 
Die Publikation verrät leider keine Details über die archäologischen Kontexte.

Die Forschungen haben viel Medienecho gefunden - allerdings mit einigen nicht ganz zutreffenden Sensationalisierungen.  
"Die Pocken kamen in Europa schon viel früher vor als bisher angenommen." meint die Süddeutsche Zeitung. Tatsächlich kann angesichts der Schriftquellen der neue Befund nicht überraschen.  Der Fortschritt liegt in der Möglichkeit, die Virenevolution genauer zu verstehen. Die nachgewiesenen Erreger weisen nämlich große Ähnlichkeit zu Pockenviren auf, die man heute bei Kamelen und Mäusen nachweisen kann.
"Wikinger waren "Superspreader" von Pocken" titelt mdr Wissen, obwohl die Befunde dazu gar keine Aussagen machen können. Die Befunde betreffen auch nicht ausschließlich Wikinger, sondern datieren zum Teil früher.



Links

Samstag, 16. November 2019

Wikinger und Walrösser - eine Geschichte der Ausrottung

Basierend auf der Open-Access-Publikation:
  • Xénia Keighley, Snæbjörn Pálsson, Bjarni F Einarsson, Aevar Petersen, Meritxell Fernández-Coll, Peter Jordan, Morten Tange Olsen, Hilmar J Malmquist: Disappearance of Icelandic Walruses Coincided with Norse Settlemen. Molecular Biology and Evolution 2019, msz196  - < https://doi.org/10.1093/molbev/msz196> 
Die Studie verweist auf die zunehmenden Einsichten, die sich in den vergangenen Jahren zu die menschlichen Auswirkungen (human impact) auf die Umwelt ergeben haben. Dazu gehören massive Landschaftsveränderungen und auch das Ausrotten von Tierarten. Unklar blieben dabei bisher die Folgen der Nutzung mariner Ressourcen vor  dem industrialisierten Walfang.
Die Studie nutzte daher die Funde von Walrossknochen aus Island. Sie stammen nicht aus archäologischen Fundstellen sondern aus Ablagerungen an der Küste. das Forschungsteam untersuchte die Datierung, Verbreitung und Genetik der Funde, berücksichtigte dabei aber auch die Belege, die sich etwa aus Ortsnamen ergeben.

Datierung isländischer Walrossknochen
(nach X. Keighley u.a.: Disappearance of Icelandic Walruses Coincided with Norse Settlemen. Molecular Biology and Evolution 2019, msz196 [ Creative Commons CC-BY-NC])



Heute gibt es auf Island keine Walross-Population mehr und die Analysen zeigten, dass sie bald nach Ankunft der Wikinger 873 verschwunden sein müssen. Die genetischen Analysen offenbaren, dass die DNA der untersuchten isländischen Walrösser heute nirgendwo mehr in lebenden Populationen vorhanden ist, die Tiere also ausgerottet worden sein müssen.
Die Nachfrage und der Handel der Wikingerzeit waren offenbar ausreichend, um die Walrösser auszurotten. der Studie zufolge ist dies eines der frühesten Beispiele, bei denen die lokale Ausrottung einer Tierart nachgewiesen werden kann.

Dienstag, 16. April 2019

Das Großfeuer in Nôtre Dame: Wikipedia hat die besten Berichte

natürlich mehr noch die französische Wikipedia als die deutsche:
Paris, Notre Dame, Brand 15.4.2019
(Foto: LeLaisserPasserA38 [CC BY SA 4.0]
via WikimediaCommons)
Zwar ist es zu früh, um Schäden im Detail zu beurteilen, aber während die Medien sich sonst auf Tweets von A- und B-Prominenz (z.B. VIP.de (RTL); Tagesschau; Stern; t-online)  und ihre absonderlichen Vorschläge (z.B. @realDonaldTrump) konzentrieren, findet sich hier eine erste Einschätzung, was genau abgebrannt sein dürfte. Natürlich gibt es hier auch weiter verwendbare Bilder (verbunden freilich mit dem Risiko, dass hier Gaffer ihre Beute präsentieren).
Insgesamt scheint es mir spannend zu sein, die Berichterstattung genauer zu analysieren, da sie viel über die Bedeutung aussagt, die die moderne Gesellschaft einem so hochkarätigen Kulturdenkmal zubiligt. Hier aber auf die Schnelle nur ein paar subjektive Impressionen, die sich aus den via GoogleNews gewichteten Berichten ergeben.
Zwar gehen viele Medien kurz auf Geschichte und Kunstgeschichte des Baus ein, bemühen sich aber kaum, jenseits der Bedeutung für Touristenströme und die Pariser die historische und kunsthistorische Bedeutung aufzuzeigen. Vielleicht kommt da ja noch etwas nach. Was ohne lange Recherche passieren kann, hat BILD gezeigt: https://bildblog.de/109772/falsche-dame/. ZDF und ARD wurden kritisiert, dass sie statt dem Brand nur Tierfilme gezeigt hätten (Tierdoku statt Notre-Dame-Brand: Laschet knüpft sich ARD und ZDF vor. Focus 15.4.2019). Noch mehr Live-Übertragungen waren aber sicher nicht nötig - eher eine gehaltvolle Information, was denn eigentlich gebrannt hat. CNN immerhin hat das Interview mit einem Kunsthistoriker der Live-Schalte zu Präsident Macron vorgezogen (weil keine Übersetzung parat war). 
Und natürlich kommen auch schon diejenigen um die Ecke, denen ein Attentat lieber gewesen wäre oder die zumindest darauf hoffen, dass die Untersuchung der Brandursachen noch auf etwas anderes weise als auf einen Unfall bei der eben begonnenen Restaurierung. Im „katholischen Journalismus, der alles Vorübergehende und Unmittelbare im Licht ewiger Prinzipien betrachtet“ gerät das fast schon zu Verfolgungswahn und Hetze: https://katholisches.info/2019/04/15/der-symboltraechtige-brand-von-notre-dame-de-paris/
Dachstuhl
(Foto: Harmonia Amanda, 2005
[CC BY SA 3.0]
via WikimediaCommons)
Dass der abgebrannte Dachstuhl tatsächlich zu guten Teilen aus dem 12. Jahrhundert stammte, wurde kaum irgendwo gesagt. CNN hat dazu einen Bericht: https://edition.cnn.com/style/article/nortre-dame-fire-oak-wood-trnd/index.html, der auch auf die Zimmermannsleistung und die Menge Wald verweist, die nötig war, um das Bauholz zu gewinnen.

Weitere Links


Freitag, 22. Dezember 2017

Ritterspiele

Werner Meyer

Ritterturniere im Mittelalter
Lanzenstechen, Prunkgewänder, Festgelage

(Mainz am Rhein: Nünnerich-Asmus-Verlag 2017)

184 Seiten, 93 Abbildungen

ISBN 978-3-961760-08-4

24,90 €



Werner Meyer, der Altmeister der deutschsprachigen Burgenforschung, nimmt sich in dem schön ausgestatteten Band ein Thema vor, das eng mit unserem Bild des Mittelalters verbunden ist. Während Pest, Aberglaube und Raubrittertum in der Wahrnehmung für die dunkle Seite des Mittelalters stehen, so vertreten Ritter, Burg und Turnier die positive, jedenfalls romantische Sicht auf das Mittelalter. Meyer stellt die ganze Breite des Turnierwesens vor, untersucht seine Anfänge, seine soziale Bedeutung und die verschiedenen Ausprägungen. Eingangs stellt er klar, dass Ritter, Burg und Turnier keineswegs so eng aufeinander bezogen werden können, wie das unsere Idealvorstellung annimmt. Nicht alle Burgherren waren Ritter und nicht alle Ritter verfügten über eine Burg. Nicht alle Ritter durften an Turnieren teilnehmen, aber durchaus Adlige, die nie formal zum Ritter geschlagen wurden. Und schließlich fanden Turniere meist nicht in der Burg statt, sondern eher im Umfeld der Städte. “Als im 10./11. Jahrhundert die ersten Adelsburgen errichtet wurden, gibt es den ‘Ritterstand' mit seiner Standeskultur noch gar nicht“ (S. 13).

Insgesamt vermittelt Werner Meyer ein lebendiges Bild einer uns heute fremden Lebenswelt. Er zeigt das Turnier als Element der sozialen Praxis, das sowohl im Alltag als auch in den sozialen Netzwerken des Adels eine wichtige Rolle spielt. Dargestellt wird beispielsweise “die Gewaltbereitschaft im Mittelalter“ bei einer fehlenden effektiven staatlichen Kontrolle, das Verhältnis von “Turnier und Fehde“  und schließlich das Turnier im Rahmen der mittelalterlichen Spielkultur. Desweiteren behandelt Meyer Bedeutung und Symbolik des Turnierwesens, gibt einen Überblick über die Anlässe und die verschiedenen Formen des Turniers. Immer wieder wird deutlich, wie sich das Turnier in Abhängigkeit etwa von veränderten Kriegstechniken aber auch sozialen Entwicklungen verändert hat. Beispielsweise wurde eine immer wieder vorkommende Gewalteskalation im Umfeld von Turnieren im Lauf der Zeit immer stärker sanktioniert. Gleich im ersten Kapitel schildert der Autor die Entwicklung des Turniers von seinen Anfängen hin zur Standesrepräsentation im 13. Jahrhundert und weiter bis zum Niedergang im 14./15.Jahrhundert, als sich immer weniger Ritter das Turnieren leisten konnten und es in der Folge immer mehr an die Fürstenhöfe gezogen wurde.

Drei ausgewählte Turnierberichte, die Meyer in Kapitel 2/ Drei Turbierberichte (Unsinnigerweise dienen die Kapitelnummern im Band als Querverweise, obwohl sie weder in den Kapitelüberschriften noch im Inhaltsverzeichnis aufgeführt sind) heranzieht, erlauben es, den Ablauf von Turnieren sehr anschaulich nachzuvollziehen. Die Quellentexte werden indes nur auszugsweise zitiert. Im Literaturverzeichns finden sich die klassischen Druckeditionen zitiert, doch stehen die Texte in verschiedener Form auch online:

Ulrich von Liechtenstein: Codex Manesse, 1305-1315
UB Heidelberg, Cod. Pal. germ. 848, fol. 237r, Herr Ulrich von Liechtenstein
(via WikimediaCommons)

Zur Anschaulichkeit des Buches tragen die vielen Abbildungen aber auch zahlreiche Zitate aus zeitgenössischen Quellen bei. Archäologische Funde spielen dabei eine untergeordnete Rolle, mehrheitlich werden bildliche Quellen sowie obertägig erhaltene Objekte gezeigt. Nur 7 der 93 Abbildung repräsentieren archäologische Funde. So kann der Band auch dazu herangezogen werden, einmal mehr über die Rolle der Archäologie des Mittelalters nachzudenken.
In seinem Text verweist Werner Meyer ganz selbstverständlich immer wieder auch auf archäologische Funde, etwa, wenn es darum geht, zu zeigen, dass bestimmte Praktiken verbreitet waren. Die häufigen Funde von Würfeln auf Burgen sind so ein Beleg dafür, dass das Spielen Teil des Alltags auf Burgen war (S. 39). Im Falle der Armbrustbolzen konstatiert Meyer, dass "die häufigen Funde von Pfeileisen auf Burgen - die nicht von Belagerungen stammen können - (...) die große Bedeutung der Armbrust für die adlige Oberschicht (belegen)" (S. 40). Beide Aussagen beruhen auf einer Klassifikation der Funde mit einer bestimmten Funktionsgruppe (Würfel, Armbrust), die dann eine Kontextualisierung mittels der schriftlichen Quellen ermöglicht. Im Falle der Armbrust beispielsweise zeigt die Gegenüberstellung mit Schriftquellen, dass das dort immer wieder zu findende Verurteilung von Fernwaffen als unritterliche und das Ideal des Kampfes Mann gegen Mann in der Realität keine besondere Bedeutung gehabt haben kann.
Die Klassifikation von Fundobjekten erlaubt also eine Kontrastierung mit den Aussagen der Schriftquellen und gibt so nicht nur eine bessere Einschätzung der Rolle materieller Kultur im Alltag, sondern gibt aus den Widersprüchen mit der schriftlichen/ literarischen Überlieferung heraus auch Einblicke in die tatsächlichen Wertesysteme.
Nur relativ selten skann Meyer konkrete archäologische Funde für seine kulturgeschichtliche Darstellung  heranziehen. Zu nennen sind zum Beispiel die Topfhelme von der Burg Madeln bei Pratteln (Kanton Basel-Landschaft), die 1940 bei leider nicht ganz sachgemäßen Ausgrabungen gefunden wurden: http://www.archaeologie.bl.ch/Pages/Funde/topfhelme_pratteln.html. Die Burg war bei dem großen Basler Erdbeben von 1356 zerstört worden und die Helme fandn sich unter dem Versturz einer Mauer. Nur dieser außergewöhnliche Umstand habe dazu geführt, dass die beiden Helme erhalten geblieben sind. So kennen wir die Austattung der Ritter des 14. Jahrhunderts vor allem aus bildlichen Quellen. Rüstungen und Waffen, die sich in Rüstkammern erhalten haben, sind in der Regel deutlich jünger. Wichtig an den Helmen aus Pratteln sind jedoch die Gebrauchs- und Reparatuspuren, die zeigen, dass und sogar wie sie im Kampf eingesetzt wurden. Einer der Helme weist an der Schläfe den Abdruck einer dreispitzigen Turnierlanze auf (Abb. S. 89).

Ein wesentlicher Beitrag der Archäologie scheint indes an anderer Stelle präsent zu sein. Hier geht es nicht um konkrete Funde, sondern um Fragestellungen und Betrachtungsweisen, die typisch archäologisch sind. In Kapitel 9 "Jenseitsvorstellungen und Ahnenverehrung im Turnierbrauchtum" skizziert Meyer mögliche Hintergründe des Turnierwesens in frühmittelalterlichem Begräbnisritualen und Jenseitsvorstellungen. Er argumentiert damit, das einzelne Elemente des Turniers in ähnlcher Form in den Schriftquellen im Kontext von Begräbnisritualen genannt werden - so z. B. der buhurt , der im 13. Jahrhundert allgemein Kampfspiele bedeutet, ursprünglich aber als Kreisreiten aufzufassen ist, wie es literarisch für die Begräbnisse des Beowulf und des Attila geschildert wird. Ergänzt sei hier, dass die rund um das Grab des Chlodwig in Tournai nachgewiesenen Pferdekörper vielleicht auch mit solch einem Ritual zusammen hängen. Desweiteren betrachtet Meyer die Lokalität von Turnieren und vermerkt dabei, dass sich oft ein Bezug von Turnierplatz und Begräbnistätte erkennen lässst. Auch die große Bedeutung der Wappen bei den Turnieren deutet nach Meyer in Richtung Jenseitsvorstellungen. Mit seiner heraldischen Maskierung werde nicht die Identität des Kämpfers dargestellt, sondern die seiner Familie. Der Kämpfer verliere vielmehr seine individuelle Identität und werde zum Vertreter seiner Ahnen. Meyer bietet mit diesen Anmerkungen eine Grundlage für einen interdisziplinären Diskurs. Wenn er dabei auch kaum mit archäologischen Funden argumentiert, so dürfte doch sein langjähriger archäologischer Hintergrund entscheidenden Anteil an dieser Perspektive haben:        

Der Band bietet so einen bemerkenswerten interdisziplinären Blick auf das Phänomen der Ritterturniere. Er wird zu Recht großes Interesse bei Fachleuten und Mittelalter-Fans finden. Dass der Band ohne Fotos von modernen Ritterspektakeln und ohne Reenactment auskommt, sei besoders angemerkt.Obgleich der Band sehr anschaulich ist, geht es ihm nicht um die oberflächliche Rekonstruktion der Ritterrüstungen, sondern sehr viel tiefer gehender und Gewinn bringender um die Ritterturniere als ein soziales Phänomen.


Inhaltsverzeichnis

    • Glossar
    1. Ritter, Burgen und Turniere - ein Überblick
    2. Drei Turnierberichte
    3. die Gewaltbereitschaft im Mittelalter
    4. Turnier und Fehde
    5.  Bemerkungen zur spätmittelalterlichen Spielkultur
    6. Turniere im Jahresablauf
    7. Schwertleite, cirocinium und Ritterschlag
    8. Ursprünge und Anfänge
    9. Jenseitsvorstellungen und Ahnenverehrung im Turnierbrauchtum
    10. König Artus und seine Tafelritter an Turnieren
    11. Frauen an Turnieren
    12. Waffen - Bedeutung, Gebrauch und Entwicklung
    13. Turnei, Turniere und cornecimentum
    14. Tjost, hastiludium, stechen und rennen
    15. Der buhurt
    16. Quintanreiten und Ringstechen
    17. Sonderformen, vom Fotrstspiel zum Gralsturnier
    18. Das Turnier als Fest
    19. Helfer, Diener und Begleiter
    20. Verletzungen und Todesfälle
    21. Turnierkritik und Turnierverbote
    22. Kinderspiel und Waffentraining
    23. Der Zweikampf
    24. Der Schaukampf von 1428 in Basel
    25. Turniergesellschaften im Spätmittelalter
    26. Ausklang und Weiterentwicklung

    Dienstag, 30. Mai 2017

    Kloster Cluny in der regionalen Siedlungsgeschichte

    Das Kloster von Cluny in Burgund ist als Zentrum der cluniazensischen Klosterreform des 10. Jahrhunderts von überregionaler Bedeutung. Um 910 gegründet, wurde es durch seine gut mit dem Hochadel und dem Königsfamilie vernetzten Äbte rasch außerordentlich wohlhabend. Das Kloster erhielt zahlreiche Schenkungen und konnte Besitztümer in der Umgebung hinzu kaufen.

    Cluny
    (Foto: R.Schreg)


    Die Lage des Klosters in einem sanften, fruchtbaren Nebental der Sâone repräsentierte möglicherweise einen idealen "locus amoenus". Schriftliche wie archäologische Quellen lassen bei einer näheren Betrachtung erkennen, dass Cluny tatsächlich in einer eher abgelegenen, marginalen Landschaft gegründet wurde.





    Eine Kartierung der frühmittelalterlichen Gräberfelder, wie sie sich aus der Carte archéologique de la Gaule (Rebourg 1994) gewinnen lässt, zeigt, dass das obere Tal der Grosne um Cluny im frühen Mittelalter keine Fundstellen aufweist. Entlang der Sâone und auch im unteren Talabschnitt der Grosne nördlich von Cluny liegen beigabenführende Gräberfelder im Abstand von wenigen Kilometern, und umgeben Cluny und seinen frühen Besitz im Norden und Osten. Dieses Fehlen von Gräberfeldern ist allerdings nicht zwingend ein Indiz dafür, dass der Talabschnitt unbesiedelte Wildnis war. Der Befund deutet aber doch an, dass hier keine zentralen Bauerndörfer lagen. Wie die Siedlungsgeschichte zwischen dem Ende der Beigabensitte und der Klostergründung verlief, ist zumindest mit archäologischen Funden kaum festzustellen.

    Zur Gründungsausstattung des Kloster stiftete der Herzog von Aquitanien Wilhelm I jedoch Land, das im wesentlichen zu einem Jagdrevier gehört hatte - Land also, das nicht ungenutzt war, aber einer besonderen herrschaftlichen Landnutzung unterlag.

    Stellt man den frühen Klosterbesitz (Rosenwein 1989) der Kartierung der frühmittelalterlichen Grabfunde der Region gegenüber, zeigt sich, dass das Kloster vor allem abseits der alten Siedlungszentren Besitz ansammeln konnte. Nur im Nordosten erhielt das Kloster auch Schenkungen aus Landstrichen, die nach Ausweis der Grabfunde schon früher besiedelt waren.
    Die kartierten Besitzungen, die das Kloster gekauft oder geschenkt bekommen hat, wurden wohl nicht erst durch das Kloster erschlossen. Sie liegen aber auffallend in den Lücken zwischen den durch Gräberfelder markierten alten Siedlungszonen. Insgesamt sind deutlich intensivere Erwerbungen nördlich des Klosters zu erkennen, die sich überwiegend an den Tälern orientieren. Hierbei ist jedoch zu berücksichtigen, dass die Ortsbezeichung sich auf die Gemarkungen bzw. das Wirtschaftsland der in den Tälern liegenden Siedlungen liegt, sich die konkreten Grundstücke aber durchaus auch in entfernteren, evtl. höheren Lagen befunden haben können. Das ist eine Frage der räumlichen Auflösung, die eine Ortsangabe nach Bezug auf die Siedlung, leisten kann.


    Frühmittelalerliche Bestattungen und hochmitterliche Besitzerwerbungen
    (Graphik R.Schreg)
    Gleichwohl stellt sich die Frage, weshab die Erwerbungen des Klosters Cluny vor allem jene Gebiete betreffen, die im frühen Mittelalter keine Bestattungsplätze aufweisen. Fassen wir damit das Ideal des Klosters, in der Abgeschiedenheit zu leben? Oder handelt es sich um spät aufgesiedelte Gebiete, in denen die Besitzstrukturen flexibler und unsicherer waren? Gerade im Umland von Cluny lässt sich zeigen, dass Schenkungen an das Kloster oft durch die Intention der Schenker motiviert waren, den Besitz nicht aus der Hand zu geben.  Guy Bois hat beispielsweise die Entstehung eines Immobilienmaktes postuliert, der dazu geführt hat, dass verschuldte Höfe Gefahr liefen, ihr Land verkaufen zu müssen. Eine rechtzeitige Stiftung an das Kloster mit einem Nutzungsrecht für sich und die kommenden Generationen, konnte dieses Risiko abwehren.  Waren also entweder in diesen Gebieten die Besitzansprüche weniger gefestigt als im Altsiedelland oder waren diese Gebiete wirtschaftlich riskanter und die Höfe eher verschuldet?

    Die Archäologie kann dazu im Augenblick wenig beitragen. Sie muss sich darauf beschränken, die besondere Lage der Besitzerwerbungen des Klosters in der Siedlungslandschaft zu konstatieren. Genauere Untersuchungen zu den wirtschaftlichen Verhältnissen der regionalen Siedlungen von archäologischer Seite liegen m.W. derzeit nicht vor. Die relativ detaillierte schriftliche Überlieferung zu Lournand lässt aber Mitte des 10. Jahrhunderts eine stattliche Siedlung mit 75 Gütern erkennen, die überwiegend auf Ackerbau beruhte, aber auch über Weinberge verfügte. Im Ort spielten wohl Kleinbauern eine wichtige Rolle. Das sind wesentliche Charakteristika der Siedlungen im Altsiedelland, die zeigen, dass die Erwerbungen des Klosters in dieser Region nicht etwa ärmliche, erst jüngst gegründete Ausbausiedlungen betrafen.

    Literaturverweise

    • G. Bois, Umbruch im Jahr 1000. Lournand bei Cluny - ein Dorf in Frankreich zwischen Spätantike und Feudalherrschaft (München 1999). 
    •  A. Rebourg, Saône-et-Loire, Carte archéologique de la Gaule 71/4 (Paris 1994)
    •  B. H. Rosenwein, To be the neighbour of Saint Peter. The social meaning of Cluny's property 909-1049 (Ithaca 1989)
    •  R. Schreg, Mönche als Pioniere in der Wildnis? Aspekte des mittelalterlichen Landesausbaus. In: M. Krätschmer, Marco/ K. Thode/ C. Vossler-Wolf, Christina (Hrsg.), Klöster und ihre Ressourcen. Räume und Reformen monastischer Gemeinschaften im Mittelalter. RessourcenKulturen (Tübingen 2017 in Vorber.)

    Montag, 8. Mai 2017

    Klimawandel und Nahrungsmittelpreise - ein interdisziplinärer Blick zurück


    J. Esper/ U. Büntgen/ S. Denzer/ P.J. Krusic/ R. Schäfer/ R. Schreg/ J. Werner: Environmental drivers of historical grain price variations in Europe.
    Climate Research 72, 2017, 39–52



    In der Diskussion um die Bedeutung des Klimas für die Geschichte werden sehr oft und pauschal Zusammenhänge postuliert, indem etwa "Klimaverschlechterung" für wirtschaftliche Schwierigkeiten verantwortlich gemacht wird. Tatsächlich ist dies viel zu simpel. Die Zusammenhänge von Klima und Geschichte sind höchst komplex, da Gesellschaften unterschiedlich vulnerabel oder resilient gegen Krisen sein können. Was für die einen schlecht ist, kann für andere eher vorteilhaft sein. So sind beispielsweise die Anlage und Verteilung der Felder, aber auch Systeme der Vorratshaltung oder der Solidarität historisch-kulturell bedingte Rahmenbedingungen, die die Folgen des Klimawandels in einem gewissen Rahmen puffern können.  Problematsch sind das Zusammenwirken unterschiedlicher Faktoren sowie die Auswirkungen von Schwellenwerten aber auch die handlungsleitenden Weltbilder der Menschen. Reaktionen auf Klimawandel sind - wie heute die Trump-Administration demonstriert - nicht immer rational und möglicherweise sogar eher kontraproduktiv.
    Um die Zusammenhänge zwischen Klima und Geschichte zu erfassen, bedarf es also einer Überprüfung, wie Klimawandel und historische Entwicklungen konkret zusammenhängen. Ein wichtiger Mittler dazu können Nahrungsmittelpreise sein, da sie prinzipiell Ernteschwankungen abbilden können. Solche Überlegungen waren der Anlass, für eine Studie auf Preisreihen zurück zu greifen, wie sie die Wirtschaftsgeschichte schon seit langem zusammen gestellt hat.

    Roggen
    (Foto: Alupus [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)
    Schwankungen der Getreidepreise waren ein Charakteristikum der europäischen Wirtschaftsgeschichte. Schon lange hat die Forschung daher Preisangaben für Gerste, Roggen und Weizen gesammelt. Trotzdem fehlt es an einem tieferen Verständnis der Zusammenhänge zwischen der Preisentwicklung und klimatischen oder umweltbedingten Faktoren. Immer wieder war von Historikern gewarnt worden, solche Preisserien als Ausdruck genereller Konjunkturen heranzuiziehen, da sie oft lokalen politischen Einflüssen unterworfen waren und so hochgradig regional beeinflusst sein können. Mit der Betrachtung der Preise erfassen wir dennoch einen Faktor, der sehr direkt von den Ernteerträgen und der jährlichen Witterung abhängt. Die Notwendigkeit, regionale politische Faktoren auszufiltern und langfristige Trends im Vergleich mit den klimatischen Entwicklungen zu erfassen, führt zu einer primär statistischen Analyse der Datenserie.

    Korrelation historischer Getreidepreise und klimatischen Entwicklungen

    Jahrringe spiegeln die klimatische Entwicklung
    (Foto: R. Schreg)
    Ausgangspunkt war also das Problem, die beobachtbaren Korrelationen von Umweltfaktoren und langfristigen sozialen Prozesse enger aufeinander zu beziehen. Getreidepreise erweisen sich hier als guter Proxy. Der neu erschienene Artikel nutzt historische Preisreihen aus 19 Städten aus Mittel- und Südeuropa aus dem Zeitraum vom 14. bis zum 18. Jahrhundert.  Wir haben dazu alte Sammlungen spätmittelalterlicher und frühneuzeitlicher Getreidepreise digitalisiert und mit den dendrologisch gewonnenen Klimakurven abgeglichen. Mittels GIS lassen sich regionale, politisch bedingte "Anomalien" ausfiltern.

    Die darin auf einer zeitlichen Auflösung von einem Jahr bis zu mehreren Jahrzehnten erkennbare räumliche Variabilität wurde mit der Rekonstruktion der Sommertemperatur und hydroklimatischen Bedingungen verglichen, wie sie sich anhand dendrologischer Untersuchungen in Finnland ergeben. Diese Serie spiegelt sehr gut die Großwetterlagen in West-, Mittel- und Südeuropa wieder.
     

    Kriege überlagern Umweltfaktoren

    Direkte Korrelationen zwischen historischen Getreidepreisen und rekonstruierten Trockenheitsindices sind zwar gering; konzentriert man sich aber auf Extremereignisse ergeben sich deutliche Hinweise auf eine klimatische Beeinflussung großer Preisschwankungen. Unter Normalbedingungen sind also in der Tat politische Entwicklungen wichtiger als klimatische Einflüsse. Während ausgeprägter Trockenperioden erweisen sich Getreidepreise aber als extrem hoch und während Feuchtphasen extrem niedrig.  Die Getreidepreise in Europa sind eng mit Hungersnöten und Ernährungsengpässen verbunden, die zudem mit regionalen Sommerdürren zusammen.  Der normale Witterungsverlauf zeigt hingegen kaum eine Korrelation mit Preisen, nur größere Witterungsevents wirken sich auf Ernten und Getreidepreise aus. Zudem zeigt sich aber, dass Schwankungen der Getreidepreise durch mittelfristige Temperaturtrends beeinflusst werden.

    Ein Ergebnis, das in dem Artikel besonders hervorgehoben wird: In Kriegszeiten schaft sich der Mensch so viel eigene Probleme, dass diese dann den klimabedingten Stress überlagern. Der Einfluß der Sommertemperaturen ist nach dem 30jährigen Krieg im Zeitraum von 1650 bis 1750 besonders stark. Während Kriegsperioden sind die Korrelationen zwischen den verschiedenen Regionen relativ gering, während sie danach immer wieder zunimmt. Während der Unruheperioden werden klimatische Faktoren von soziokulturellen zurück gedrängt und zeigen größere regionale Variabilität.
    So zeigt sich gesellschaftlich/politische Faktoren und Umweltfaktoren komplex ineinandergreifen. In Friedenszeiten kommen Umweltfaktoren stärker zum Tragen als während Kriegen.
     

    Archäologie als Mittler zwischen Historikern und Geowissenschaftlern

    Auf den ersten (und wohl auch auf den zweiten) Blick hat das wenig mit Archäologie zu tun. Und dennoch war hier die Archäologie hier als Mittler zwischen Klimaforschern und Historikern ganz grundlegend. Letztlich war es nicht möglich, wie ursprünglich beabsichtigt, einen archäologischen Datensatz zur Siedlungsentwicklung mit der nötigen chronologischen Auflösung in die Überlegungen mit einzubeziehen, aber die traditionell engen Beziehungen der Archäologie sowohl zu den Natur- wie zu den Geschichtswissenschaften waren für die interdisziplinäre Verständigung außerordentlich hilfreich.
    Der verfolgte methodische Ansatz hat weitere vertiefende Forschungspotentiale. Man wird nicht nur den Datensatz durch die Aufnahme weiterre Preisreihen noch ausbauen und regional differenzieren können, sondern auch versuchen können, weitere Faktoren ins Spiel zu bringen. Sind die Preisschwankungen in primär auf Getreidebau orientierten Landschaften anders als in Regionen mit stärkerer Viehwirtschaft? Lässt sich vielleicht eine Resilienz bestimmter Anbaupraktiken und Siedlungssysteme nachweisen? 
    Hier kommen die historische Geographie sowie die Archäologie wieder stärker ins Spiel. Aufgrund der relativ schlechten chronologischen Auflösung, die man beispielsweise für die Datierung für Wüstungen erreichen kann, dürfte hier den räumlichen Korrelationen eine größere Bedeutung zukommen als den chronologischen.

    Kurz: Schon allein das Nachdenken über Zeitreihen und langfristige Prozesse, wie es sich aus der Landschafts- und Umweltarchäologie ergibt, hat insofern einen Mehrwert, als es auch über das Fach hinaus Forschung anregen kann.

    Links

    Mittwoch, 15. Februar 2017

    Jetzt in Public Domain: Die Olifanten des Met

    Am 7.2.2017 hat das Metropolitan Museum in New York alle seine Bilder in Public Domain gestellt.
    Beispielsweise sind nun auch Bilder der früh- und hochmittelalterlichen Olifanten frei online, die das Met besitzt (vergl. Träumende Wächter - Lärmende Pilger).

    Olifant, wohl aus Süditalien, um 1200, Länge 43 cm
    (Foto: The Met [PD / CC 0 1.0] via The Met)


    Bruchstück eines Olifanten, Ägypten oder Palästina, 720-970 [14C], Höhe noch 19,7 cm
    (Foto: The Met [PD / CC 0 1.0] via The Met)

    Bruchstück eines Olifanten, Sizilien, 11./12. Jh., Höhe noch 22,2 cm
    (Foto: The Met [PD / CC 0 1.0] via The Met)



    Olifanten, Süditalien, 11./12. Jh., Länge 58,6 cm mit Behältnis des 16. Jh.
    (Foto: The Met [PD / CC 0 1.0] via The Met)

    Olifant, Amalfi in Süditalien, 13. Jh., Länge 43 cm
    (Foto: The Met [PD / CC 0 1.0] via The Met)

    Olifant, Süditalien, 12./13.  Jh., Länge 43.5 cm
    (Foto: The Met [PD / CC 0 1.0] via The Met)