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Freitag, 23. Oktober 2026

Sammlermotiv: "ein Gefühl von Macht und Erhabenheit"

Das Angebot eines vermeintlch frühbronzezeitlichen Dolchs auf ebay wird beworben mit:

"Erleben Sie ein Stück Geschichte mit diesem eindrucksvollen Bronze Vollgriffdolch aus der Frühbronzezeit (ca. 2000-1500 v. Chr.), ein authentisches Einzelstück für Sammler und Liebhaber. Das Dolch zeichnet sich durch seine hochwertige Verarbeitung und den Erhaltungsgrad "Sehr schön" aus, was es zu einem wertvollen Objekt für jede Sammlung macht. Das kunstvoll gefertigte Metallstück bestätigt seine Echtheit und verleiht jedem Betrachter ein Gefühl von Macht und Erhabenheit."*

Was für ein Stuß!

Generell sollte man als Käufer solcher Sachen bedenken, dass archäologische Funde auf dem Markt  (wenn's keine Fälschungen sind) meist aus Raubgrabungen stammen und statt Erhabenheit eher ein Gefühl von dumpem Kulturbanausentum vermitteln.

Montag, 28. September 2026

Archäologische Stätten in Europa leiden unter Niedrigwasser

Am 21. August 2026 feierte die Welt eine Premiere: Zum ersten Mal wurde der von der UNESCO ins Leben gerufene Internationale Tag des Kulturerbes unter Wasser (International Day for Underwater Cultural Heritage) begangen. Dieser neue Welttag soll das Bewusstsein für die Erforschung und den Schutz versunkener historischer Stätten, Schiffswracks und prähistorischer Siedlungen in Ozeanen, Meeren, Flüssen und Seen schärfen. Doch das Premierenjahr fiel mit historischen Wetterextremen zusammen, die der Diskussion eine ungeahnte Dringlichkeit verliehen.


In der klassischen Wahrnehmung wird Unterwasserkulturerbe oft mit tiefen Ozeanen und antiken Schiffswracks in der Ägäis oder der Karibik assoziiert. Im Sommer 2026 rückten jedoch kontinentale Flüsse und Binnengewässer in den Fokus der medialen Berichterstattung. Anstelle von Tauchexpeditionen reichten plötzlich Stiefel und Drohnen, um archäologische Stätten aufzufinden und zu dokumentieren.

Aktuelle Fälle

Die anhaltende Hitzewelle des Sommers 2026 führte europaweit zu dramatisch sinkenden Flusspegeln. Diese extremen Trockenperioden legten Teile von Flussbetten frei, die normalerweise völlig unzugänglich unter Wasser liegen. Was für die Binnenschifffahrt und Landwirtschaft eine Katastrophe bedeutete, bot der Archäologie für außergewöhnliche Einblicke. Die Funde illustrieren damit aber auch die Auswirkungen des Klimawandels.

Donau

Durch extreme Niedrigwasserstände floss die Donau in Bulgarien stellenweise nur noch wie ein Rinnsal und legte die Fundamente der fast 1.700 Jahre alten Konstantinsbrücke nahe dem Dorf Gigen frei. Das monumentale römische Bauwerk wurde im Jahr 328 n. Chr. unter Kaiser Konstantin dem Großen eröffnet und galt als eine der längsten Brücken der Antike. Archäologen des Regionalen Historischen Museums in Pleven nutzten die seltene Gelegenheit, um die freigelegten Pfeilerstrukturen in ihrer realen Umgebung mittels Drohnen zu vermessen und zu kartieren. 
Neben der Brücke kamen in der Region unter anderem ein Mammutstoßzahn sowie ein versunkenes Nazi-Kriegsschiff zum Vorschein.  
 
Etwa 70 Kilometer südlich von Budapest untersuchten Forscher des Intercisa-Museums Ende Juli das ausgetrocknete Bett der Donau. Auf der (vergeblichen) Suche nach den Überresten eines Klosters aus dem 12. Jahrhundert entdeckten sie bei Dunaújváros im seichten Wasser einen hervorragend erhaltenen römischen Jupiter-Altar, eine Frauenstatue und zahlreiche weitere Architekturteile.
In Ungarn veranstalteten Museen mit Freiwilligen gezielte Suchen in den Niedrigwasserzonen, so auch an der Theiss.
 
 
Als weitere Weltkriegsrelikte kamen direkt in der ungarischen Hauptstadt durch das extreme Niedrigwasser die Skelette von zwei deutschen Soldaten sowie ein Militärmotorrad aus dem Zweiten Weltkrieg ans Tageslicht. 
Nahe der serbischen Stadt Prahovo legte die Dürre Dutzende versunkene Nazi-Kriegsschiffe frei. Die Wracks stammen aus dem September 1944, als die zurückweichende deutsche Schwarzmeerflotte ihre eigenen Schiffe absichtlich versenkte. In der engen Flusspassage an der serbisch-rumänischen Grenze wurden damals angeblich rund 200 Schiffe versenkt. Durch das extreme Niedrigwasser im Juli und August 2026 traten hier mindestens 20 Wracks gleichzeitig spektakulär aus dem Wasser. Da viele dieser Wracks noch tonnenweise scharfe Munition und Sprengstoff an Bord haben, stellen sie bei Niedrigwasser eine erhebliche Gefahr für die Schifffahrt dar.  
 
Nahe der kroatischen Grenzorte Opatovac und Lovas sank der Pegel der Donau so stark, dass das Wrack des ungarischen Frachtschiffs Fulton spektakulär aus dem Wasser ragte. Das Schiff war 1937 mit einer gewaltigen Ladung Kohle auf dem Weg nach Novi Sad aus ungeklärten Gründen gesunken. Lokale Behörden und Historiker nutzten die Freilegung des Hecks im Juli 2026, um neue Daten über die Gründe des Untergangs zu sammeln.

Tiber

In Rom sank der Tiber im August so stark, dass die Fundamente der Pons Neronianus (Nero-Brücke) unweit des Petersdoms mitten im Flussbett sichtbar wurden. Die Brücke verband im antiken Rom das Stadtzentrum mit den privaten Gärten Kaises Neros.
Weitere Funde stammen beispielsweise aus einem Stausee in Tschechien.


Rhein und Maas

Am deutschen Rhein nutzten Archäologen (unter anderem mit Genehmigung der Landesarchäologie) die freigelegten Uferzonen systematisch für Begehungen und stießen dabei auf Pfeilspitzen aus der Bronzezeit. Gleichzeitig dokumentierten Experten im Rhein die freigelegten Reste einer römischen Hafenanlage, warnten jedoch direkt vor der schnellen Zerstörung der antiken Holzstrukturen durch den Sauerstoffkontakt.
 
In großen Mengen kam Weltkriegsmunition zum Vorschein. 

Bodensee

Der aktuelle Wasserstand des Bodensees am maßgeblichen Pegel Konstanz liegt bei 254 cm (Stand: 27. September 2026). Damit befindet er sich rund 108 Zentimeter unter dem langjährigen Mittelwert für diesen Kalendertag und bricht reihenweise historische Tiefstwerte. Nach dem extrem trockenen und heißen Sommer fehlt den alpinen Zuflüssen weiterhin das Wasser. 
Die berühmten prähistorischen Pfahlbauten am Bodensee (UNESCO-Weltkulturerbe) sind eigentlich unter Wasser im Schlamm konserviert. Durch das extreme Niedrigwasser fallen Uferbereiche trocken, wodurch der schützende Sauerstoffabschluss verloren geht. Sobald die jahrtausendealten Holzpfähle an die Luft gelangen, trocknen sie aus und werden durch Mikroorganismen unumkehrbar zerstört.  Das Risiko steigt, wenn die Uferzonen länger trocken liegen und der Schlamm tiefgründig austrocknet.
Da weite Ufer- und Strandzonen komplett trockenliegen, rücken die archäologischen Schichten in den Fokus der Wissenschaft sowie von Laien: 
Niedrigwasser bei Radolfzell, Sommer 2026
(Foto: Markus Wolter, CC BY 4.0 via WikimediaCommons)

 
Der niedrige Pegel lockt verstärkt Sondengänger mit Metalldetektoren und Raubgräber an die Ufer. Behörden weisen jedoch streng darauf hin, dass die Suche in den sensiblen archäologischen Zonen ohne Genehmigung verboten ist und den Denkmalschutzgesetzen unterliegt. 
Beim Pfahlbaumuseum Unteruhldingen sorgt das aktuelle Niedrigwasser für ein außergewöhnliches Bild: Fast die gesamte rekonstruierte Dorfanlage steht auf dem Trockenen. Wo normalerweise die Pfähle tief im Bodenseewasser versinken, laufen Besucher nun über Stege, die über freiliegendem Seeboden und Schlammflächen schweben. 

Niederlande

Auch im Rheindelta führten extreme Dürreperioden dazu, dass die Flussbetten der Waal, des Rheins (Rijn) und der Maas um mehrere Meter absanken. Wie das Magazin NL Times ausführlich berichtet, nutzten erfahrene Archäologenteams die freigelegten, sonst völlig unzugänglichen Uferzonen für gezielte Suchen. Dabei stießen sie in den freigelegten Abschnitten gezielt auf historische Relikte, darunter römische Münzen und ebenfalls ein Schiffswrack aus der NS-Zeit.
Auch bei Arnslecht wurden durch die niedrigen Pegel alte Brückenfundamente aus Holz freigelegt, die nun alte Uferlinien anzeigt .

England

In England betraf das Niedrigwasser zahlreiche Stauseen, so dass historische Anlagen, die beim Aufstauen versunken sind, nun wieder auftachten. 
Im  Rutland-Water-Reservoir, dem größten künstlichen Gewässer Englands tauchte Mitte August das  „Geisterdorf“ Nether Hambleton auf.  Die Siedlung war 1976 überflutet worden, nachem zuvor eine kleine Rettungsgrabung die Reste eines mittelalterlichen Gebäudes freilegen konnten. Nun lagen die Fundamente der verlassenen Häuser wochenlang komplett im Trockenen und wurden von Historikern vor Ort dokumentiert.
Im Llwyn-Onn Reservoir in Wales sank der Wasserspiegel so stark, dass eine alte, um 1800 errichtete Steinbrücke wieder auftauchte. Sie war 1911 im Stausee versunken und 1976 sowie bereits im vorigen Jahr 2025 aufgetaucht.
 
Aus dem Gezeitenbereich der Themse ziehen "Mudlarks" und Sondler (regulär mit Genehmigungen des London Museum) seit Jahren archäologische Funde aus dem Schlamm. Das Niedrigwasser im Spätsommer legte an den Ufern der Themse tiefe, sonst unzugängliche Sedimentschichten frei. Archäologische Organisationen veröffentlichten im September spezielle Leitfäden für das sogenannte Foreshore Archaeology. Durch die extreme Freilegung wurden vermehrt historische Holzkonstruktionen alter Hafenanlagen und Alltagsgegenstände früherer Epochen direkt aus dem freigelegten Flussbett dokumentiert.  
Im September veröffentlichte die Kent Archaeological Society Berichte über untergegangene Küstendörfer und historische Strukturen im Bereich der Swale-Mündung in Kent, die bei den diesjährigen, extremen Niedrigwasserständen im Mündungsbereich sichtbar und zugänglich wurden. 

Frankreich

Trotz auch in Frankreich dramatisch geringen Niederschlägen gab es in der französischen Presse im Sommer und Frühherbst 2026 keine konkreten Berichte über neu entdeckte oder akut beschädigte archäologische Stätten durch Niedrigwasser.
Obwohl Medien wie TF1, BFMTV und Regionalzeitungen intensiv über die historische Rekorddürre 2026 berichten – bei der im September bis zu 84 % des Landes von extremer Trockenheit betroffen sind und über 40 % der kleineren Wasserläufe versiegen –, fehlen spezifische archäologische Fundmeldungen aus französischen Gewässern. Die französische Presse verwies lediglich auf viele der oben bereits vorgestellten Beispielen aus den Nachbarländern. Einerseits scheint in Frankreich aus Schutz vor Raubgrabungen eine restriktivere Informationspolitik präsent, die Funde erst nach Abschluß der Untersuchungen mitteilt. 
 
Da der Westen Frankreichs im Frühjahr 2016 zunächst von historischen Überschwemmungen betroffen waren, führten hohe Grundwasserstände während der Dürre im Spätsommer zu einer relativ geringen Entleerung der großen, archäologisch relevanten Seenlandschaften - anders als bei extremen Niedrigwasserständen wie z.B. im Jahr 2018. 

Zur berühmten Fundstelle von Colletière bei Charavines am Lac du Paladru (Département Isère) - ein um 1000 im See versunkener Herrenhof - gab es im Sommer zahlreiche Berichte, veil das dortige archäologische Museum neu eröffnet wurde. Während früherer Trockenphasen (unter anderem im Herbst 2018 und 2020) sank der Pegel so tief, dass die Überreste der Siedlung knapp unter der Wasseroberfläche sichtbar wurden und trocken zu fallen drohten. 2026 gab es entgegen dem Trend im restlichen Frankreich laut der regionalen Presse (wie Le Dauphiné Libéré) am Lac du Paladru sogar zeitweise hohe Wasserstände. Im Januar 2026 starteten zudem umfangreiche Renovierungen der   Schleusen und Wehre durch die der Wasserstand im See schon seit dem 19. Jahrhundert reguliert wird. Mit der Automatisierung der Wehre soll der Wasserstand besser stabiliisert werden, um die Tierwelt, aber eben auch die im See liegenden Funde unter Wasser zu halten. 

Verminderte Erhaltungsbedingungen und vergrößerte Plünderungsrisiken für Kulturerbe  

Es besteht kein Zweifel, dass die Trockenheit 2026 Folge des Klimawandels ist, den zu leugnen einfach nur noch dumm (oder wider besseres Wissen  Teil einer Populismusstrategie) ist. 
Ein Faktenpapier zu den Extremwettern in Deutschland trifft aktuell folgende Feststellungen:
  • Die globale Erwärmung erhöht generell die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten bestimmter Extreme und ihrer Folgen.
  • Die Zunahme von Hitzewellen ist zweifelsfrei eine Folge der globalen Erwärmung.
  • Die Häufigkeit von Trockenphasen ist gestiegen.
  • Wassertemperaturen des Rheins steigen trotz reduzierter Wärmeeinleitungen und sind zunehmend außergewöhnlich hoch im Zusammenhang mit intensiven sommerlichen Hitzewellen.
  • In den letzten Jahren häufen sich ausgeprägte Niedrigwasserphasen an den Flüssen, die nur mit klimawandelbedingten Änderungen im hydrologischen System erklärt werden können.
  • Die agrarischen und hydrologischen Dürren der letzten Jahre erzeugen Anpassungsdrücke für Wirtschaft und Habitate.
  • Die erneuerbare Wasserressource Deutschlands ist rückläufig. 
Dieser Sommer 2026 macht klar: es wird nicht einfach wärmer mit rundweg schönem Wetter, sondern vieles kommt auch im Alltag ins Rutschen: Die Landwirtschaft sieht sich mit erhöten Ausfallrisiken konfrontoert, die Kapazitäten der Binnenschiffahrt reduzieren sich mit Auswirkungen auf das Preisniveau, aber auch die Infrastruktur altert bei steigenden Temperaturen verstärkt, da Straßenbeläge und Brückenkonstruktionen nicht auf solche Hitzeperioden ausgelegt sind. Und natürlich ist die Hitze eine körperliche Belastung.
 
Zu den vielen Folgen des Klimawandels zählt aber auch die Zerstörung oder besser vielleicht Zersetzung archäologischer Stätten. 
 
Manuel Zeiler, ein Archäologe des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), warnte im WDR eindringlich vor den Folgen der Dürre. Flüsse fungieren als Sauerstoff-freie Archive. Sobald die Hitzewelle Uferbereiche trockenlegt, greift der atmosphärische Sauerstoff jahrhundertealte Holzstrukturen, Wrackteile und sogar mikroskopische Pollen (die Landschaftsgeschichte speichern) an und lässt sie rasant zerfallen.
Zudem kommt es durch steigende Gewässertemperaturen zur EInwanderung neuer Arten, die verstärkt den Grund von Flüssen und insbesondere Seen aufwühlen und auch so den archäologischen Stätten zusetzen.
Viele invasive Arten stammen aus wärmeren Regionen (z. B. dem Schwarzmeerraum). Steigende Wassertemperaturen im Rhein (die im Sommer immer häufiger kritische Marken überschreiten) führen dazu, dass: heimische Arten unter Hitzestress geraten und zurückgedrängt werden. und die Invasoren optimale Fortpflanzungsbedingungen vorfinden, da mildere Winter ihre Überlebensrate drastisch erhöhen.
Zu den für die Archäologie gefährlichen invasiven Arten zählen unter anderem Kamberkrebs und Signalkrebs: Diese Arten haben sich über den Rhein und seine Zuflüsse rasant ausgebreitet. Der Kamberkrebs, der ursprünglich aus Nordamerika stammt, ist in Europa inzwischen die dominierende Krebsart, In Deutschland ist seine Ausbreitung in südlichen Gebieten (Bodensee- und Donausystem) noch nicht vollständig abgeschlossen. Im Gegensatz zu heimischen Flusskrebsen graben sie im Schlammgrund. Durch dieses permanente Aufwühlen (Bioturbation) wird das schützende Sediment destabilisiert und abgetragen (erhöhte Erosion). Sauerstoff gelangt an die Jahrtausende alten Holzobjekte, was deren biologischen Zerfall durch Bakterien und Pilze schlagartig anstößt.
Neben den Krebsen gibt es einen noch aggressiveren Akteur, der direkt mit der Erwärmung und der Rheinschifffahrt verknüpft ist: die Quagga-Muschel (Dreissena rostriformis bugensis). Sie breitet sich seit einigen Jahren flächendeckend im Rheinsystem und im Bodensee aus. Die Quaggamuscheln heften sich mit sogenannten Byssusfäden extrem fest an die prähistorischen Holzpfähle. Wenn Wasservögel (wie Tauchenten oder Kormorane) die Muscheln fressen, reißen sie diese gewaltsam vom Holz ab. Dabei wird jedes Mal die ohnehin aufgeweichte, Jahrtausende alte Holzsubstanz reduziert.
 
Im Bodensee begünstigen die steigenden Wassertemperatren auch das Wachstum des Schweizer Laichkrauts, das die Pfahlfelder der >Seeuferrandsiedlungen flächig überwuchert und die Oberflächen der Hölzer angreift. 
Das Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg und internationale Monitoring-Projekte schlagen Alarm: Durch das Zusammenspiel aus wärmerem Wasser, grabenden Krebsen und siedelnden Quagga-Muscheln verlieren wir rasant das jahrtausendealte „Archiv unter Wasser“. Da ein mechanischer Schutz ganzer Seeböden kaum möglich ist, bleibt der Archäologie eigentlich nur noch die Notgrabung, bevor die Funde unwiederbringlich zerstört sind. 

Wissenschaftskommunikation

Zun Schluß noch eine Randbemerkung zur Berichterstattung und Wissenschaftskommunikation. Die Mehrzahl der Medienberichte überschlägt sich ob der tollen, "sensationellen" Funde. Ähnlich wie bei der Berichterstattung über immer neue Sondlerfunde, siegt die Begeisterung über Entdeckungen, während wenig über den Informationsverlust durch mangelnde Dokumentation(sgelegenheit) berichtet wird. Die zahlreichen Funde aus den europäischen Flüssen 2026 sind entgegen der dominierenden Berichterstattung keine Erfolge, sondern die Dokumentation des Verlusts und ene weitere Folge des Klimawandels. 
 
Hier ist nicht zuletzt die Öffentlichkeitsarbeit der Denkmalämter gefordert, die mit wenigen positiv zu vermerkenden Ausnahmen (datunter aber auch die RGK). Bislang ist aus Deutschland nur wenig über die Funde insbesondere aus dem Rheinberichtet worden. Eine Zurückhaltung angesichts vonSondlerscharen ist hier durchaus angemessen, doch bestimmen dadurch die Medien das Sensationsfundnarrativ, wo es angemessener wäre über Erkenntnisse und Verluste zu berichten.
Interessant ist, dass in England und Ungarn, zwei Ländern mit starker Sóndlerszene verstärkt 
 

Interne Links

Archäologie und Klimawandel
 
 
Hinweis:
Bei der Zusammenstellung der Informationen wurde KI eingesetzt. Angaben und Links wurden geprüft.

Dienstag, 16. Juni 2026

„Irgend‘n Pisser hat hier locker zwei Euro verloren!“ – Marcants problematische Schatzsuche

 Jutta Zerres


Einen launiger Samstagsausflug unternahm Politik-Influencer Marcant mit seinem Kumpel Vincent. Man wollte sich auf die Spuren der Vorfahren begeben und als echte Youtuber dokumentierte man die Aktion mit der Kamera.


Für alle, die sich jetzt fragen, wer Marcant und Vincent sind: Erstgenannter ist ein 24jähriger Jura-Student aus Frankfurt, der mehrere Socialmedia-Kanäle betreibt. Zunächst setzte er sich kritisch mit rechtsextremen Inhalten auf Tiktok und Youtube auseinander. Die große Resonanz im Netz begann, als er ab Anfang 2025 mit Kamera und Mikrofon bei Veranstaltungen der rechtsextremen Szene auftauchte, um Interviews mit Akteur*innen und Teilnehmer*innen zu führen. Er befragt sie nach ihren Motiven und Meinungen zu gesellschaftspolitischen Themen. Dabei bewahrt er stets eine freundlich-sachliche Haltung, hört zu, lässt ausreden, enthält sich jeder Belehrung, macht aber auch keinen Hehl aus seinem demokratischen Standpunkt. Die Zuschauer der teilweise millionenfach geklickten Videos erhalten einen ungefilterten Einblick in die Denkwelt der Protagonist*innen. Sie werden Zeugen wie sich so manche/r Gesprächspartner*in in Widersprüche verwickelt, bei der rationalen Begründung der eigenen Weltsicht ins Trudeln gerät und zuweilen sogar ins Nachdenken kommt. Ergänzt werden die Interviews mit nachträglich hereingeschnittenen Faktenchecks und humorigen Randbemerkungen. Vincent betreibt ebenfalls zwei YT-Kanäle und ist Marcants gelegentlicher Begleiter. 


Mit zunehmender Bekanntheit steigt der Argwohn gegenüber dem jungen Mann in der Szene. Veranstalter versuchen Gespräche zu unterbinden, Pöbeleien, Drohungen und auch tätliche Angriffe sind nicht selten. Die Abwehr zeigt deutlich, dass er einen Punkt trifft. Der junge Typ mit „credibility“ in der Altersgruppe transportiert demokratische Standpunkte genau dorthin, wo andere Akteure der Zivilgesellschaft schon längst nicht mehr angehört werden: In die rechtsextremen Bubbles der sozialen Medien. Marcants Engagement wurde jüngst von der Theodor-Heuss-Stiftung ausgezeichnet.


Umso bestürzender ist diese Aktion, die als „Saturday Sidequest“ auf einem YT-Nebenkanal veröffentlicht wurde. Ausgestattet mit einem Metalldetektor, einem Bauhelm (wozu?), Handschuhen, einer Kinderschaufel (!) und einer kleinen Spitzhacke kurven die beiden durch den ländlichen Raum südlich der oberfränkischen Stadt Hof (Eppenreuth, Oberkotzau) und suchen zunächst in einem Wald, später auf einem Spielplatz am Ufer des Untreusees.

Soweit die Ortsangaben aus dem Video Recherchen im Denkmalatlas Bayern erlauben, bewegten sich die beiden zwar nicht auf oder in der Nähe von ausgewiesenen Bodendenkmälern. Ihre Suche war daher nicht erlaubnispflichtig. Die Ausbeute an Fundmaterial aus der nicht besonders ernst betriebenen „Schatzsuche“ überrascht daher nicht: Metallschrott, Kronkorken, ein rostiger Nagel. Die Vorgehensweise hat zwar erkennbar (?) satirische Züge und ist gewollt dilettantisch, aber trotzdem macht mich die Sache sauer!

Spielplatz am Untreusee, einer der Schauplätze von Marcants  "Schatzsuche"
(
Foto: PantheraLeo1359531, CC BY-4.0 via WikimediaCommons) 


Der reichweitenstarke Influencer, der für viele besonders junge Menschen ein Vorbild ist, macht sich als Wochenendbelustigung auf die Suche mit einem Metalldetektor, um „Schätze auszugraben“. Der Jurastudent hat es versäumt, sich wenigstens grob mit dem Standpunkt der professionellen Archäologie zur Suche mit Metalldetektoren durch Laien zu befassen oder sogar einen Blick in das Bayerische Denkmalschutzgesetz zu werfen. Zumindest sagt er nichts dazu…

Auch der telefonisch kontaktierte Fachmann, Dr. Joachim Rother, ist in puncto Denkmalschutz ein Totalausfall (ab Min. 3:19). Der Historiker befasst sich im Schwerpunkt mit Kreuzzügen und Ritterorden und teilt sein Wissen ebenfalls auf Youtube (@mdval). Dieser habe recherchiert und könne erzählen, was man ausgraben könne.
Hätte er sich mal lieber mit dem Thema Denkmalschutz befasst und die beiden Suchtouristen informiert. Dabei muss er den Gesetzestext nicht auswendig aufsagen können, aber von einem Historiker kann man das bare Minimum erwarten: Das Wissen, dass archäologische Stätten keine Spielplätze für Schatzsucher sind und unsachgemäße Buddelei zum Verlust von wissenschaftlichen Erkenntnissen führt. Verstöße gegen das Denkmalschutzgesetz können als Ordnungswidrigkeiten geahndet werden und auch strafrechtliche Belange berühren.

Auf seiner Homepage mdval.de wirbt Rother folgendermaßen: „Wissenschaft? Aber bitte richtig. Keine TikTok-Verschwörungen, kein Esoterik-Müll. MDVAL steht für historische Genauigkeit, Quellenkritik und eine Prise ironische Bodenhaftung. Ich arbeite mit aktuellen Forschungsergebnissen, kooperiere mit Unis, schreibe Fachartikel – und zerlege Desinformation mit Quellenstellen, nicht mit Gefühlen.“ Nun ja…

Die beiden Schatzsucher machen sich immer wieder über die rechte Szene und deren Germanen-Affinität lustig – versäumen es aber, das Problem auch deutlich anzusprechen. Die nicht zu verallgemeinernde, aber immer wieder festzustellende Affinität rechter Esoterik mit eigener Sondel-„Forschung“.


Links

 Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege: https://www.blfd.bayern.de/Über Marcant:Einige der Interviews:

Update vom 25.06.2026

Herr Rother kontaktierte mich am 21.06.2026 telefonisch und stellte in dem persönlichen Kontakt klar, dass im Video nur ein Auschnitt aus dem Telefonat zu sehen sei. Er betonte, dass er die beiden Schatzsucher sehr wohl über die denkmalschutzrechtlichen Gegebenheiten informiert habe; dieser Teil des Telefonats ist dann beim finalen Schnitt unter den Tisch gefallen. Vor diesem Hintergrund erscheint mir nun die Wortwahl "Totalausfall" ein wenig zu harsch.

Dienstag, 12. Mai 2026

Zur Plünderung freigegeben - die Katastrophe wiederholt sich jeden Tag

Sehr grundlegend und mal nicht beschönigend oder paragraphenwedelnd...

Wolfgang Bauer schildert die Resignation und Ratlosigkeit von Archäolog*innen und Denkmalpfleger*innen ob einer Lobby von Sondlern, Händlern und Detektoranbietern bei gleichzeitiger Ignoranz von Polizei und Justiz. Seit Corona hat sich das Hobby des Sondelns weiter verbreitet und führt dazu, dass archäologische Fundstellen in größtem Ausmaß vernichtet werden. 

Bauer berichtet von der Option eines Verbots leistungsstarker Metalldetektoren bzw. der Pflicht zu einem Detektorschein. Da die Suche auf Bodendenkmälern längst verboten ist, scheint das die einzige Chance, wenn auch die Möglichkeit dies bundesweit durchzusetzen ob der Kulturhoheit der Länder und der Lobbyarbeit der Sondler nicht einfach sein wird.

Der ZEIT-Artikel hebt sich wohltuend von all den Berichten ab,  die wieder mal einen Sondlerfund feiern, bestenfalls auf die Gesetzeslage hinweisen, aber nicht registrieren, dass solche Funde meist aus dem Kontext gerissen sind.

Was also tun? Ein kleiner Schritt, für den einige Kollegen plädieren, wäre es, so viele Anzeigen auf den Weg zu bringen, dass die Polizeistatistik die Ausmaße des Problems deutlich macht und die nötige Aufmerksamkeit schafft. Man muss sich das aber trauen. Bauer berichtet von zunehmenden „körperlichen Auseinandersetzungen“.

Gleichwohl: Die Archäologie muss den wirklich Geschichtsinteressierten Angebote machen, mitzuforschen. Citizen Science - wo es Sinn macht auch mit Sonde - ist kein Luxus, sondern gehört eigentlich zur disziplinären Matrix der Archäologie. Sie hat sich erst aus bürgerschaftlichem Engagement über die adligen Schatzkammern hinaus zur Wissenschaft weiter entwickelt. Es sind Steuerzahler*innen und demokratische Gesetze, die unsere moderne archäologische Praxis ermöglichen. 

Falsch wären Modelle jedoch wie das britische PAS oder eine Fundprämie, da das nur Anreize zur weiteren Zerstörung von Bodendenkmälern bietet. Sondler (man verzeihe die Pauschalisierung) sind stolz auf ihre Funde, werfen der Archäologie vor, zu versagen, weil sie ihre Funde nicht anerkenne, aber selber unfähig sei, zu finden. Es ist ein grundlegendes Misverständnis, dass Funde per se ein Gewinn sind.  Ja, die Archäologie ist auf Neufunde angewiesen - aber nur auf gut dokumentierte, der Rest ist ineffektiv, Zeit und Personalverschwendung. "Funde" sollten so lange als möglich im Boden verbleiben (wobei man wohl mehr als bisher über Notgrabungen im Ackergelände nachdenken muss). Dass man auch im Fach immer wieder von Funden redet, ist da kontraproduktiv. Es sind zunächst Quellen der Vergangenheit, die adäquat erschlossen werden müssen - dazu gehört zunächst deren Lokalisierung. Eine anständige Geomagnetik bringt dabei viel mehr als eine noch so gut ausgestattete Sonde. Vor allem müssen Kontexte dokumentiert werden - wenn das am Ende die Bergung von Objekten beinhaltet, ist das auch okay. Funde haben auch Folgekosten in den Bereichen Dokumentation, Restaurierung, Lagerung und auch wissenschaftlicher Bearbeitung. Anstatt einer Fundprämie wäre theoretisch eine Fundgebühr volkswirtschaftlich sehr viel konsequenter - aber natürlich auch nicht im Interesse der Wissenschaft.

 

Sondler auf einer Wüstung (Foto R. Schreg, 2026)

Man muss hier mit ernsthaft archäologisch Interessierten zu Kooperationen kommen - die, wenn man gut miteinander kommuniziert, auch außerordentlich fruchtbar sein können - unter den Schlagwort "public archaeology" oder "citizen science" gibt es eine wachsende Zahl guter Beispiele. Gute Geländekenntnis, oft gute Materialkenntnis, flexiblere und kontinuierlichere Feldarbeit und bisweilen gute örtliche Vernetzung können wertvolle Beiträge sein, die Amateurforscher einbringen und die mit wissenschaftlicher Expertise und Dokumentation (was man ggf. auch lernen kann) ein neues Bild der Vergangenheit ergeben können. Sondelfunde bedeuten bestenfalls eingeschränkte Erkenntnis, immer begleitet vom Schmerz des Informationsverlustes.
Das muss erklärt werden - der durchaus richtige Verweis auf die Gesetzeslage ist dabei wenig hilfreich.


Montag, 29. Dezember 2025

Faltblatt Raubgräber (2)

In einem Blogpost hatte ich ganz früh in der Archaeologikgeschichte in einem Blogpost auf einen Flyer des Landesamts für Denkmalpflege in Baden-Württemberg hingewiesen.

Der Blick in die Statistiken zeigt mir, dass der uralte Blogpost sehr häufig angesteuert wird. Darum hier einige Aktualisierungen. 

Der Flyer des LAD Baden-Württemberg steht aktuell unter https://www.denkmalpflege-bw.de/fileadmin/media/denkmalpflege-bw/denkmale/projekte/archaeologie/interdisziplinaere_projekte/metallsondenprospektion/raubgraeber_sondengaenger.pdf (Ausgabe 2019). Weitere Informationen unter https://www.denkmalpflege-bw.de/denkmale/projekte/archaeologische-denkmalpflege/raubgraeber-und-sondengaenger/

 Der Flyer des LKA Hessen ist nicht mehr online.

 Ich darf hier aber noch verlinken

  • M. Heinzlmeier, Raubgrabungen in Deutschland. Eine Deliktsanalyse: Recht, Formen, Umfang, Ursachen und Bekämpfungsstrategien. In: E. Seidl / F. Steinheimer / C. Weber (Hrsg.), Ein kritischer Blick zurück. Provenienzforschung in Sammlungen und Museen : Beiträge zum Workshop der Justus-Liebig-Universität Gießen : Gießen, 13. - 15. Oktober 2022, Justus-Liebig-Universität Gießen. Junges Forum für Sammlungs- und Objektforschung 7 (Berlin 2023) 85–98. https://doi.org/10.18452/28192

Der Artikel ist teilweise bereits überholt, da inzwischen auch in Bayern ein Schatzregal eingeführt wurde. Das gilt leider auch für einen eigene Beitrag zusammen mit Andreas Büttner vom BLfD zur Thematik verfasst, da der entsprechende Sammelband, der einen Überblick über die Raubgräberthematik in Europa vermitteln sollte, leider noch immer nicht erschienen ist.


Samstag, 11. Oktober 2025

Neuer Hildesheimer Silberschatz: eine neue Raubgräberstory

Ein erster Bericht zu einem "senstaionellen" Fund ist heute in der HAZ erschienen. 

Ein Sondengänger hat vor acht Jahren einen römischen SIlberschatz bei Hildesheim ausgebuddelt. Nachdem er aus Angst vor Sanktionen den Fund nun der Polizei gemekdet hatte, hat das NLfD Nachgrabungen durchgeführt und noch ein paar Münzen gefunden und damit wenigstens die Fundstellenangabe verifiziert.

Als Frage der anstehenden Auswertung der Funde verweist der Artikel auf "Aufschlüsse über Leben und Infrastruktur in der Region Hildesheim zu Zeiten kurz nach Christi Geburt.", wie sie sich die Kollegen vom NLfD versprechen.

Hier wäre ganz dringend zu erwähnen gewesen, dass es dafür sehr wichtig gewesen wäre, zu wissen, wie genau der Hort deponiert worden ist. Lag er in einer Kiste? Lag er in einer planmäßig angelegten Grube oder wurde er rasch verscharrft? Lag er in einem Holzgebäude oder in freinem Feld? Der Sondengänger dürfte diese Hoffnungen wohl alle bereits zertsört haben. Ob die Nachgrabung diesbezüglich noch irgend etwas feststellen konnte oder eben nur noch das Raubgrabungsloch angetroffen hat, wäre eine niht unwichtige Information - auch damit der in den nächsten Tagen folgende Mediensturm nicht wieder nur den Geldwert des Fundes bejubelt, sondern auch vermittelt, dass der Sondler den Erkenntniswert minimiert geschädigt hat.

Eine Top 5 oder Top 3 der niedersächsischen Funde aufzumachen, scheint mir da auch kontraproduktiv...

 

Das Prinzip der Raubgrabungslöcher: Mona Lisa durchlöchert
(verändert nach Leonardo da Vinci via WikimediaCommons)


Mittwoch, 29. November 2023

Kunstverbrechen: Anderthalb Stunden Raubgräber

Unter dem Schlagwort "True Crime" widmet NDR-Kultur der Geschichte rund um die Himmelsscheibe von Nebra gleich zwei Podcast-Folgen von zusammen fast anderthalb Stunden nicht gefühlter Länge, die auch Einblicke in die Raubgräberszene geben. Wohltuend ist dabei, dass die Sucherei der Sondengänger nicht wie so häufig mit der Pauschal-Anssage "es ist verboten" abgetan wird, sondern durchaus erklärt wird, welchen Schaden sie mit ihrem eher kontraproduktiven "Geschichtsinteresse" anrichten. Letzteres hätte allerdings noch stärker thematisiert werden dürfen. Hervorzuheben ist auch, dass Sondengänger angehört und interviewt werden, was vor allem deutlich macht, dass sie eine seriöse Wissenschaftskommunikation de facto nicht erreicht.


leider wieder kein Bild der Himmelsscheibe


Links

Samstag, 6. Mai 2023

Crowdfunding für ein Prospektionshandbuch

Auf der schweizerischen Crowdfunding-Plattform lokalhelden.ch, die von der Schweizer Raiffeisen-Bank unterstützt wird, werben Schweizer Kollegen für das Projekt eines Handbuchs zur archäologischen Prospektion.


 

Die Initiatoren - Mitglieder einer "Arbeitsgemeinschaft Prospektion", für die Fabio Wegmüller genannt wird, zu der man aber sonst nichts erfährt - begründen ihr Projekt mit der Bedeutung frühzeitiger Erkennung und Erfassung archäologischer Denkmäler für die Bodendenkmalpflege und der Bedeutung eines Ausbaus archäologischer Inventare. Im Handbuch sollen die archäologischen Prospektions- und Dokumentationsmethoden, ihre Vorbereitung, ihr Ablauf und ihre Dokumentation vorgestellt werden.

Das Manuskript scheint bereits zu existieren, gesammelt wird für die Publikation als gedrucktes Buch. Die eingeworbene Summe soll "für ein professionelles Layout, Redaktion, Lektorat und Druck der Bücher verwendet" werden. 

"Das Handbuch richtet sich an Personen, die an der archäologischen Prospektion interessiert sind. Es soll Laien, wie auch Archäologen und Archäologinnen eine schnelle und umfassende Orientierung zu den Methoden der Prospektion geben. Checklisten erleichtern den Einsatz und die Planung der Methoden im Feld. Dank dem handlichen Format kann es bei Feldeinsätzen gut mitgenommen werden."

Spender, die 25 CHF beitragen erhalten als Dank ein Buch.

 

Ein solches Handbuch scheint mir in der Tat ein gutes Unterfangen, insbesondere, wenn es sich auch an Laien richtet und beispielsweise erklärt, warum bloßes Sondeln wissenschaftlich unsinnig und kontraproduktiv ist, dabei aber auch aufzeigt, wie man es besser macht. Schulungen für Sondengänger fehlen und können von den amtlichen Archäolog*innen schon aus Kapazitätsgründen nicht geleistet werden. Insofern ist ein Handbuch, das auch Laien als Zielpublikum im Auge hat, ein guter Ansatz.

Allerdings stellt sich die Frage, ob es dann nicht sinnvoller wäre auf ein online-Format im OpenAccess und mit Mobilversion fürs Handy zu setzen. Hier fallen allerdings nicht weniger Kosten an, da Lektorat und Redaktion hier genau so notwendig sind und anstelle der Druckkosten entsteht ein Aufwand zur Konzeption der online-Version, die in diesem Fall mehr sein sollte als ein pdf. Sie sollte mobil lesbar sein und die Chance nutzen, (Video-)Anleitungen und Dokumentationsformulare anzubieten. 

Für ein Crowdfunding ergibt sich dann freilich das Problem, dass ein gedrucktes Freiexemplar weniger attraktiv ist und  Unterstützer wohl deutlich schwerer zu gewinnen sind.

Trotz meiner Bedenken mag vielleicht der eine oder die andere Archaeologik-Leser*in das Projekt unterstützen! Einige Fachollegen sind in der Untersützerliste jedenfalls schon zu finden.


Dank für den Hinweis auf das spannende Projekt geht an Andreas Dix.

Mittwoch, 22. Februar 2023

Neue Schatzdefinition in UK

In England wird eine Novellierung des Treasure Act diskutiert. 

Das Problem ist, dass viele Sondengängerfunde der Wissenschaft verloren gehen, da nur für Funde mit Edelmetallanteil eine Meldepflicht und eine Möglichkeit besteht, die Funde für die Wissenschaft zu sichern. Trotz Portable Antiquities Scheme, einer Meldeplattform, die zwar zu einer enormen Steigerung der Fundmeldungen geführt hat, gehen viele Funde an der Wissenschaft vorbei und landen in Privatbesitz. Einer der auslösenden Fälle ist der Fund des Crosby Garret-Helms, der in Privatbesitz verschwunden ist. Er bestand lediglich aus einer Kupferlegierung. 

Crosby Garrett Helm, römischer Kavallerie Helm des späten 2. oder frühen 3. Jh. n.Chr., aus einer Kuperlegierung
(Foto: Portable Antiquities Scheme [CC BY 2.0] via WikimediaCommons)

 

Anstelle der alten Formulierung, wonach ein Fund als treasure gilt, wenn er mindestens 300 Jahre alt ist und wenigstens teilweise aus Edelmetallen, wie Gold oder Silber besteht, oder Teil eines Horts mit Edelmetallobjekten ist, sehen die Änderungen nun vor, dass es sich um außergewöhnliche mindestens 200 Jahre alte Funde handeln soll, unabhängig von der Art von Metall aus der sie bestehen. Das ist eben so unsinnig wie die bisherige Regelung und birgt auch gewisse Risiken. 

Hintergrund ist die Rechtstradition in England, die grundlegend anders ist als in Deutschland (vgl. Schreg 2015). Der englische Treasure Act hat von seiner Herleitung her wenig mit den deutschen Denkmalschutzgesetzen zu tun. Der Treasure Act löste 1996 das alte Gewohnheitsrecht des Treasure Trove ab, das die Ansprüche des Königs auf herrenlose und bewusst deponierte Schätze regelte. Bewusst deponierte Gold- und Silberschätze, deren Eigentümer nicht mehr ermittelt werden kann, fallen demnach in den Besitz des Königs. Es handelt sich also um ein echtes Schatzregal mit einem vermögensrechtlichen Hintergrund, das zunächst keinerlei Zielsetzungen im Bereich der Denkmalpflege hatte. Erst mit der Neuregelung durch den Treasure Act 1996 und einer Novellierung von 2003 wurde das Gesetz so gefasst, dass in England und Wales dadurch auch archäologische Funde in größerem Ausmaß für die Krone respektive für den Staat eingefordert werden können. Nach wie vor wird dies nur bedingt erreicht, da nicht-metallische Funde nur dann unter die Regelung des Treasure Act fallen, wenn sie in einem Kontext mit einem metallischen Schatz (treasure) stehen, also beispielsweise ein Keramikgefäß als Schatzbehälter dient. Bislang war die Definition eines treasure sogar auf Objekte mit Edelmetallanteil beschränkt. Mögliche Schätze sind innerhalb von 14 Tagen nach dem Fund beim zuständigen Coroner anzuzeigen, der prüfen lässt, inwieweit der Fund als Treasure im Sinne des Gesetzes zu gelten hat. Liegt dieser Fall vor, ist dem Finder und Grundeigentümer der von der Kommission festgelegte Verkehrswert des Fundes zu zahlen, ansonsten verbleibt er in Privatbesitz und kann z.B. auch legal auf den Markt gebracht werden. Solche Schatzfunde stellen die betroffenen Museen regelmäßig vor das Problem, dass Geldsummen eingeworben werden müssen, die weit über ihr normales Budget hinausgehen. Oft gelingt dies nicht, und die Spur der Funde verliert sich. Immerhin sind die Treasures jedoch beim Coroner registriert, so dass wenigstens eine rudimentäre Dokumentation sichergestellt ist. Aufgrund dieser Regelungen sind es meist vor allem die hohen finanziellen Werte der Schatzfunde, die in Medienberichten im Mittelpunkt stehen und die Funde unisono bejubeln. 

Die Regelungen des Treasure Act unterscheiden sich grundlegend vom deutschen Schatzregal, das hier ein Teil der Denkmalschutzgesetze der Länder, aber kein eigenständiges Gesetz ist. Das deutsche Schatzregal hat keine feudale Tradition, sondern ist erst mit der Denkmalschutzgesetzgebung im Wesentlichen seit den 1970er Jahren entstanden, so dass der Begriff des Schatzregals eigentlich irrefuhrend ist, da er Sondengänger vermuten lasst, es ginge darum, dem Staat Vermögenswerte zu sichern. Tatsächlich sollen alle wissenschaftlich bedeutenden Funde – nicht nur Schätze, sondern gegebenenfalls z.B. auch Silex- oder Keramikfunde – der öffentlichen Hand gesichert werden. Zudem soll Schatzgräbern, dadurch dass sie kein rechtmäßiges Eigentum an wissenschaftlich bedeutenden Funden erwerben können, der Anreiz zu Raubgrabungen genommen werden. In der Praxis wird ein Verstoß gegen das Schatzregal juristisch als Unterschlagung betrachtet und Gerichte werden in Deutschland erfahrungsgemäß nur dann aktiv, wenn der materielle Wert des Fundes hoch eingeschätzt wird, wie das beispielsweise die Anklage im Falle des Barbarenschatzes von Rülzheim gezeigt hat. Die genauen Bestimmungen – ggf. auch über eine Entschädigungsregelung – sind in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich; man unterscheidet ein großes und ein kleines Schatzregal, je nachdem, ob es sich auf alle Funde oder nur auf jene aus staatlichen Nachforschungen (Grabungen, Begehungen) bezieht.

Die Änderung der Schatzdefinition in England ändert nichts daran, dass andere archäologische Funde aus Silex oder Keramik keinen Schutz durch den Treasure Act haben. Vielleicht ist das aber auch ganz gut so, denn der Treasure Act hebt ja den finanziellen Aspekt der archäologischen Funde hervor und macht so aus der archäologischen Wissenschaft eine pure Schatzgräberei. Für geldgierige Sondengänger ist der Treasure Act übrigens auch eine Preisgarantie. Kann die öffentliche Hand das Geld nicht aufbringen, kann er sein Glück auf dem freien Markt versuchen, mit einer Expertise und einer Preisschätzung. Ein Fund könnte auf dem freien Markt zwar unter Umständen einen deutlich höheren Preis erzielen, aber das ist letztlich doch recht unwahrscheinlich. Mit einer Ausdehnung des Treasure Acts gibt es für Sondlerfunde in England nun ein noch weitergehendes Abnahmeversprechen. Da allerdings nicht davon berichtet wird, dass den Museen künftig auch mehr Geld zur Verfügung stehen wird, werden Museen letztlich auch nicht mehr erwerben können. 

Mit der Ausdehnung der Treasure-Definition werden noch mehr Sondler ermutigt, Löcher in archäologische Fundstellen zu graben. PAS ist für die Archäologie keine Erfolgsgeschichte, es werden zwar mehr Funde gemeldet, aber auch mehr Löcher gemacht...


Das Prinzip der Raubgrabungslöcher: Mona Lisa durchlöchert
(verändert nach Leonardo da Vinci via WikimediaCommons)

Links


Literatur


 

Sonntag, 19. Februar 2023

Sondengänger überfällt römischen Gutshof

In der Schweiz gibt es wieder mal einen Fall, der die Zerstörungen publik macht, die Sondengänger (und die Mehrzahl sind leider die schwarzen Schafe) so anrichten.

Mal angenommen, die Raubgräber hätten tatsächlich einen Münzschatz gefunden: Er gäbe wichtige Auskunft nicht nur über die Geschichte des Gutshofes (villa rustica) im Umland des antiken Augst/ Augusta Raurica. Solche Schätze sind durchaus in einiger Zahl bekannt und geben in ihrer Gesamtanalyse wichtige Anhaltspunkte über Unruheregionen in der Spätantike. Die Münzen ergeben aus der Datierung ihrer letzten einen recht genauen zeitlichen Ansatzpunkt. Sie lassen Aufschluss über den Münzumlauf zu. All das sit nur möglich, wenn der Hortfund nicht in Einzelmünzen (gar als "Schrottmünzen") verhökert wird, sondern zusammen bleibt und der Wissenschaft auch mit einem Fundort bekannt wird. Ganz besonders wichtig ist es aber auch, dass der Fund genau geborgen wird, dann erlaubt er eventuell eine Zuordnung zu einer Umbauphase des Gutshofes, wir erfahren, wo er genau versteckt wurde.

Erst vor kurzem hat ein Sondengänger - ehrenamtlich im Auftrag und mit Betreuung durch die Kantonarchäologie - im nur wenig südlich gelegenen Bubendorf einen römischen Schatzfund gefunden - und nicht gleich ausgebuddelt, sondern der Archäologie gemeldet. Mit der sorgfältigen Ausgrabung konnte das Schatzgefäß im Block geborgen werden. Röntgenbilder zeigen, dass die Münzen offenbar in zwei Portionen, wohl in Leder verpackt in einem Keramikgefäß vergraben wurden. Interessant ist nun, dass eben dieser Schatz nicht in einen der bekannten Schatzfundhorizonte passt.

 
Mal angenommen, der Raubgräber von Munzach hat keinen Schatz gefunden - was sehr viel wahrscheinlicher ist.  Vielleicht hat er ein paar einzelne Münzen oder Fibeln. Die wären ebenso interessant, um etwas über die Bewohner und Bewohnerinnen der Villa zu lernen - eventuell im Vergleich zur benachbarten Stadt Augst. Sie könnten ebenso Bauphasen datieren. Nun können Sie nichts von alldem. Sie können angestaubt in einem Regal oder auf Samtkissen und angestrahlt in einer Privatvitrine liegen. Wissenschaftlich sind sie nun Schrott. Schlimmer noch: Mit seinen Löchern hat der Raubgräber aber auch in den Befund eingegriffen und ihn zerstört. So eine Münze könnte in einem Pfostenloch gelegen haben, das der Raubgräber mit seinem Loch einfach tilgt. Gerade mit Münze wäre es wichtig gewesen um eine mögliche hölzerne Bauphase zu erkennen. Münzen liegen auch nicht einfahc so herum. Eine genaue Einmessung und Kartierung könnte Aktivitätszonen zeigen und eventuell verraten, wo Geschäftsräume lagen.
Die Sonde piepst aber nicht nur einmal. Da liegen natürlich auch für Sondler unattraktive Metallbruchstücke oder Dachnägel. Ein Loch kommt ans nächste...


 
Das Prinzip der Raubgrabungslöcher: Mona Lisa durchlöchert
(verändert nach Leonardo da Vinci via WikimediaCommons)

Danke "liebe" Raubgräber für nichts!

Dienstag, 17. Januar 2023

Wann kommt die Impfung gegen Schatzfieber? Ein neuer Ausbruch in den Niederlanden

Das Nationalarchiv in den Niederlanden stellt eine Schatzkarte online und der Wahnsinn bricht aus.

Viele Sondengänger unterwegs - suchen mit Metallsonden nach steingefüllten Holzkisten... 


und zur internationalen Resonanz des Schatzfiebers: 

Die Gemeinde stellt die Regelungen fürs Sondeln online und verweist auf das Risiko der Zerstörung archäologischer Fundstellen und das Risiko durch Weltkriegsminition (weshalb in der Gemeinde das Benutzen und Kitführen eines Metalldetektors eigentlich verboten its.

Inzwischen scheinen die Horden wieder verschwunden zu sein. Wohl erfolglos.