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Montag, 20. November 2023

Prospektion mit alten Bildern

greift einen neuen Artikel aus Antiquity auf:
  • J. Casana/ D. Goodman/ C. Ferwerda, A wall or a road? A remote sensing-based investigation of fortifications on Rome's eastern frontier. Antiquity 2023, 1-18. - https://doi.org/10.15184/aqy.2023.153

Der methodische Ansatz ist nicht ganz neu, er hat sich gerade für römische Militärlager bewährt:

  • W.S. Hanson/ I.A. Oltean (Hrsg.), Archaeology from Historical Aerial and Satellite Archives (New York, Heidelberg 2013)

Samstag, 16. April 2022

Notgrabung als Selbstzweck: Kontroverse um das „roman quarter Eboracum“ in York

Jutta Zerres

 

Es ist ein legitimes Anliegen einer Stadt ihre Vergangenheit zu präsentieren, nicht nur aus ideellen, sondern auch aus ökonomischen Gründen und in Sachen Historie und Denkmäler hat die nordenglische Stadt York neben der berühmten Kathedrale einiges zu bieten: Der römerzeitliche Vorgänger Yorks mit Namen „Eboracum“ nahm seinen Anfang unter Kaiser Vespasian als Militärbasis am linken Ufer der Ouse; die Zivilsiedlung lag gegenüber. Am Beginn des 3. Jahrhunderts avancierte letztere zur Kolonie und wurde die Hauptstadt der neu geschaffenen Provinz Britannia inferior. Nach der Reichsreform des Diokletian im Jahre 296 behielt die colonia Eboracensium den Rang als Verwaltungszentrum der neugegründeten Provinz Britannia secunda. Römische Kaiser residierten hier zeitweise: Septimius Severus und Constantius Chlorus, der hier im Jahre 306 verstarb. Seine Truppen riefen dessen Sohn Constantin am Ort zum Kaiser aus. Reste des Legionslagers wurden unter dem York Minster freigelegt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Teile der spätrömischen Kastellmauern sind zu besichtigen und eine Therme, eine Basilika, eine Brücke sowie Gräberfelder sind ebenfalls bekannt. Das Yorkshire Museum und die Website „History of York“ zeigen einen Überblick.

Die moderne Statue des Kaisers Constantin vor der Kathedrale erinnert an die historische
Bedeutung der römischen Stadt Eboracum.
(Foto: Son of Groucho [CC BY SA 2.0] via WikimediaCommons)

Neue Pläne des Unternehmens „Rougier Street Developments“ sehen vor, den Bestand der sichtbaren römischen Denkmäler für Besucher zu erweitern und museal zu erschließen. Dafür soll das „Northern House“, ein schmuckloses Gebäude aus den 1960er Jahren in der Rougier Street, abgerissen werden. Hier befindet man sich topografisch im Herzen der antiken Zivilsiedlung. Nach den Ausgrabungen ist der Bau eines unterirdischen Besucherzentrums namens „Eboracum“ mit thematischem Fokus auf der römischen Vergangenheit geplant. So weit so gut.


Die Kontroverse entzündet sich daran, dass das Besucherzentrums durch den Ersatz des „Northern House“ finanziert werden soll. Die Pläne sehen über dem Museum ein 10-stöckiges Gebäude mit einem Hotel, 153 Wohnungen und Büroflächen vor. „Rougier Street Developments“ und das kommerzielle Archäologie-Unternehmen York Archaeology Trust (YAT), das nicht nur Grabungen durchführt, sondern auch ein Consulting für Bauherren anbietet und Vermittlungsarbeit betreibt, beziffern den Gewinn, den das Projekt über 30 Jahre hinweg generieren mit 315 Millionen Pfund. Hinzu kämen 625 neue Arbeitsplätze.


Wohlgemerkt: Die Befunde und Funde, die präsentiert werden sollen, liegen noch nicht vor, sondern sollen erst durch die Ausgrabungen erschlossen werden. Unter den Kritikern sind die Denkmalschutz-Organisation „Historic England“ und das „Council for British Archaeology“ (CBA). Dessen Geschäftsführer Neil Redfern resümiert bestürzt, dass man also ein Besucherzentrum etablieren und für eben dieses ein sehr großes Loch graben möchte, um das Material zu finden, das dann an Ort und Stelle präsentiert werden soll. Zur Finanzierung des Ganzen sei der Bau eines extrem großen Gebäudes nötig.

Redfern stellt Fragen: Normalerweise würden Archäologen erst dann hinzugezogen, wenn ein Bauprojekt geplant sei und der Bodeneingriff sei nicht größer als nötig. Lediglich ein Drittel des Geländes würde archäologisch erschlossen, was aber geschehe mit dem Rest? In ca. 6 m Tiefe werde man voraussichtlich auf römische Schichten treffen, zuvor müsse man sich jedoch durch angelsächsische und wikingerzeitliche Schichten graben - die sich anderswo im Stadtzentrum als sehr bedeutend und obendrein sehr fundreich erwiesen haben. Im 9. Jahrhundert wurde York zu einem Zentrum der skandinavischen Besiedlung Nordenglands. Das Jórvík Viking Centre ist ein 1984 gegründetes, vom YAT getragenes, sehr erfolgreiches archäologisches Museum der Stadt, das anhand der Coppergate-Grabungen 1976-81 den Alltag der Wikingerzeit präsentiert. Was also passiert, wenn in der Rougier Street herausragende Befunde nachrömischer Zeit auftreten? Kann die geplante Frist von zwei Jahren unter diesen Umständen eingehalten werden? Was soll aus dem Besucherzentrum werden, wenn die erhofften römischen Befunde ausbleiben?

Eingang zum Jórvík Viking Center, 19 Coppergate
(Foto: Jeremy Bolwell [CC BY SA 2.0] via WikimediaCommons)


David Jennings, der Geschäftsführer von YAT, entgegnet, dass die Grabungstechniken heute besser seien als vor Jahrzehnten und dass für Ausgräber das Auftreten unerwarteter Situationen zur Praxis gehöre. Die Einhaltung der zweijährigen Frist sieht er daher nicht gefährdet. Der Grund dafür, dass nur ein Drittel des Geländes ausgegraben werde, läge in dem Umstand begründet, dass das „Northern House“ zum Teil auf dem Areal einer alten Tankstelle errichtet wurde. Durch die ehemals tief in der Erde versenkten Tanks wäre bereits ein großer Teil des archäologischen Materials bereits verloren.


Das Dilemma ist klar: Einerseits belegen die Vorgänge, dass Archäologie entgegen der landläufigen Meinung nicht bloß ein notwendiges Übel und lästiger Kostenfaktor ist, sondern selber einen Umsatzfaktor darstellen kann. Andererseits ist es aus der denkmalpflegerischen Perspektive ein „No-Go“ Ausgrabungen durchzuführen mit dem Ziel etwas Vorzeigbares zu finden und kommerziellen Interessen zu dienen.
Allerdings wäre ein normales Investitionsprojekt möglicherweise gar nicht zu verhindern und Ausgrabungen wären dann ohnehin notwendig, aber mit geringerem Engagement des Investors.
Oder geht es letztlich einfach darum, in sensiblem Gelände eine Baugenehmigung zu erhalten?


Links



Montag, 4. Februar 2019

Petition zum Erhalt des Römerlagers Wilkenburg

Seit 1990 ist durch Luftbilder bei Wilkenburg im Leine-Tal südlich Hannover ein römisches Marschlager bekannt, das im Bereich einer geplanten Auskiesung liegt. Aus einer örtlichen Römer AG Leine (RAGL) ging nun eine Petition auf den Seiten des Niedersächsischen Landtags an den Start. Sie steht 6 Wochen bis zum 15.3.2019 zur Zeichnung offen und ist auf 5000 Mitzeichner angelegt, die erforderlich sind, damit sich der Petitionsausschuss des Landtages in einer mündlichen Anhörung mit dem Thema befasst.
Zum Hintergrund der Petition:
Grabungsschnitt mit ausgeschältem Spitzgraben
(Foto Axel Hindemith [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)

Das öffentliche Intersse und Engagement ist der Unterstützung wert, auch wenn die Berufung auf "unsere geschichtlichen Vorfahren, die germanischen Cherusker" etwas konstruiert und wissenschaftlich befremdlich wirkt.

Erste Medienresonanz

Links

Mittwoch, 18. Oktober 2017

Der Aquaedukt auf der Betonbrücke

Für die archäologische Denkmalpflege in Mainz ist die römische Wasserleitung seit langem ein Schwerpunkt. Von Westen kommend quert die im 1. Jahrhundert angelegte Wasserleitung auf Pfeilern (sog. Römersteine) das Zahlbachtal und erreicht dann das Kästrich-Plateau, auf dem das Legionslager lag. Dort wurden bereits 1928 bei der Erweiterung des Klinikums die Pfeiler freigelegt, aber schließlich im Boden belassen. Jetzt, beim Neubau der Zahnklinik wurden sie wieder freigelegt und sollen wiederum erhalten bleiben - allerdings ist dieses Mal ein Untergeschoß vorgesehen.

Dafür wurde nun für 3,5 Mio € ein Betonkasten gebaut, der die konservierten Pfeilerreste in ihrer Originalposition hält.

Die Einhausung des römischen Aquaedukts nach Mainz in der Oberen Zahlbacher Straße
In einem eng begrenzten Betonkasten werden die Pfeiler des Aquaedukts in originaler Lage erhalten.
(Foto: R. Schreg, 2017)

Die Frage, inwiefern das eine sinnvolle Maßnahme ist, drängt sich auf. Der Standpunkt der Denkmalpflege, dass die Wasserleitung als Gesamtdenkmal gesehen werden muss, die man so lange anknabbern kann, bis nur noch einzelne Belegpfeiler übrig sind, ist sicher richtig. Denn die Linienführung der Wasserleitung ist ein ganz wichtiges Kriterium, um diese insgesamt zu verstehen.

„Das Aquädukt ist in seinem gesamten Verlauf ein Kulturdenkmal. ... Der Erhalt von historischer Substanz ist sinnvoll, da sonst ein Denkmal immer stärker reduziert werden könnte - bis zum Schluss quasi nur noch ein 'Belegpfeiler' übrig bleibt. Es käme ja auch keiner auf die Idee zu sagen: Der Dom kann abgerissen werden, zwei Türme oder eine Wand genügen, um zu wissen, wie er gebaut ist.“ erklärte Dr. Marion Witteyer, Leiterin der Mainzer Dienststelle der Direktion Landesarchäologie der GDKE (Generaldirektion Kulturelles Erbe) Rheinland-Pfalz. Tatsächlich wurde die Wasserleitung in den letzten Jahren an verschiedenen Stellen bei Baumaßnahmen aufgedeckt, aber wohl in situ belassen.


 

freigelegter Abschnitt des Aquaedukts in einem Abschnitt weiter westlich
(Google Maps)


 

Römersteine in Zahlbach
(Foto: R. Schreg, 2009)


Allerdings argumentiert Witteyer weiter: „Künftige Generationen machen vielleicht etwas aus der Gesamtleitung. Wenn wir sie vorher teilweise zerstören, zerstören wir auch die Möglichkeit, etwas zu tun.“ - Das ist durchaus richtig, doch stellt sich die Frage, ob der Betonsarg genügend übrig lässt, um diese Möglichkeiten zu erhalten. Entscheidend ist, welche künftige Möglichkeiten das sein sollen, solche der bloßen Visualisierung oder auch solche der Forschung?

Die Hoffung auf künftige neue Möglichkeiten ist in der Archäologie nicht unrealistisch, wie die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnten gezeigt hat. Wir verfügen nun über früher ungeahnte neue Methoden der Erfassung und Dokumentation, etwa in der Geophysik, der digitalen 3D-Dokumentation oder auch in der Geoarchäologie, die uns wesentliche Informationen über vergangene Landschaftszustände vermittelt. Immer war es dabei jedoch Voraussetzung, dass möglichst viel von der Originalsubstanz erhalten war. Restaurierte Pfeiler von ihrem Kontext isoliert in einem Betonkasten sind nicht gerade vielversprechend, dass damit künftig viel Wissenschaft zu betreiben ist. Georeferenzierte 3D-Modelle sind hoffentlich bereits jetzt angefertigt worden.
Nun ist es allerdings so, dass es durchaus einige Fragen gibt, die man an die Wasserleitung  herantragen könnte und müsste. So wäre es nicht uninteressant, näheres über die Mikrotopographie des Aquaeduktes zu wissen.  Über was für ein Land führte die Wasserleitung hinweg? Ackerland oder Brachland? Gab es eine Nutzung unter den Brückenbögen des römischen Aquaedukts? Gab es eine begleitende Straße? Wo kreuzten Wege die Wasserleitungstrasse? Vielleicht könnte man sogar feststellen, ob das Aquaedukt dicht war, oder ob sich im Boden Feuchtigkeitsmarker oder Kalkanreicherungen lange nicht behobener Schäden finden.
Es bestehen hier tatsächlich realistische Chancen, dass man in wenigen Jahren diese Fragen mit geoarchäologisch-bodenkundlichen Fragen wird angehen können - allerdings nicht innerhalb eines kleinen Betonkastens. Vielleicht wäre es daher sinnvoller gewesen, das Geld in entsprechende Forschungen zu stecken, als in eine Einhausung, die eben diese Chancen (wenn nicht bereits die Freilegungen von 1928 die relevanten oberen Bodenschichten abgetragen haben) verbaut. Geoarchäologiche Untersuchungen könnten schon heute mit der Analyse von Bodencheme und Biomarkern  erste Erkenntnisse zu den genannten Fragen liefern und ggf. gezielt an der Methodenentwicklung arbeiten, um wenigstens nach bestem Wissen entsprechende Beprobungen vorzunehmen, die ggf. erst einmal eingelagert werden müssen, ehe sie später untersucht werden können. Untersuchungen wären hier in einem Streifen beidseits des Aquaedukts notwendig, in eben jenem Bereich, der nun durch die Baugrube zerstört ist. 

Es sscheint immer wieder ein Problem, dass wir Bodendenkmale (vielleicht aufgrund des Begriffs) als Monumente und Objekte misverstehen und dabei iihren Charakter als historische Quellen aus den Augen verlieren. Dieser Quellenwert wird maßgeblich durch den Kontext und die möglichst unberührte Originalsubstanz bestimmt.

Links

Bearbeitungsvermerk 23.1.2023: Luftbild ausgetauscht, da Einbindung von GoogleMaps veraltet, Bild der Wasserleitung am Ende zugefügt

Donnerstag, 19. November 2015

Von Menschen und Kapuzenmänteln oder Wie kommuniziert eine Gesellschaft mit Alltagsgegenständen?

Jutta Zerres


Für Menschen haben Gegenstände des Alltagslebens nicht nur eine praktische Funktion, sondern sie dienen auch als Medien der gesellschaftlichen Kommunikation. Damit lassen sich Botschaften über Selbstbild, Lebensstil und Werte der Besitzer vermitteln. Die Objekte kennzeichnen Menschen als Mitglieder sozialer Gruppen und die Botschaften, die sie transportieren werden von den Betrachtern wahrgenommen und bewertet; sie schaffen Identifikation oder Ablehnung. Was so abstrakt klingt, ist jedem aus dem Alltagsleben bekannt: Eine Frau mit Kopftuch halten wir für eine Muslima; einem Mann mit Anzug und Krawatte geben wir unbewusst das Attribut „seriös“. Er könnte Banker, Anwalt oder Politiker sein. Ohne die Personen persönlich zu kennen, ordnen wir sie bestimmten Gruppen und Wertesystemen zu.

„Input“ aus der Soziologie für die Archäologie

Der französische Soziologe Pierre Boudieu hat das Phänomen in den 1970er Jahren anhand moderner Gesellschaften erforscht und sein sogenanntes Habitus-Konzept entwickelt. Es besagt, dass Formen des Verhaltens von Menschen in der Gesellschaft und die dabei verwendeten Gegenstände eine Bedeutung für die Identität und Repräsentation von Einzelpersonen oder Personenkreisen haben. Mit dem Begriff „Habitus“ ist das gesamte Auftreten einer Person bzw. Gruppe in der Gesellschaft gemeint. Dazu zählen die Weltanschauung, der Geschmack, die Sprache, die Kleidung usw. Welchen Habitus ein einzelner Mensch oder eine Gruppe entwickelt, wird von bestimmten Lebensbedingungen, von der sozialen Position, vom kulturellen Milieu und der Biografie bestimmt. Bourdieu fasst die Faktoren mit den Oberbegriffen "ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital" zusammen. 



Was hat das alles mit Archäologie zu tun? Viel, denn auch hier findet auch eine Beschäftigung mit Gegenständen statt und auch hier wird nach der Rolle der Objekte für die innergesellschaftliche Kommunikation gefragt. Jedoch ist das Interesse der Forschung bisher ein wenig einseitig. Der Fokus der Forschung bei der Beschreibung vergangener Gesellschaften richtete sich vielfach auf die „oberen Zehntausend“. Ein prunkvoller römischer Sarkophag oder ein prähistorischer Grabhügel mit vielfältigen Grabbeigaben wird automatisch hochrangigen Personen zugeordnet. Das Bild, dasdabei entsteht, , ist ein statisches; hier wird zu wenig berücksichtigt, dass es innerhalb von Gesellschaften keine festen, sondern veränderliche Gruppen gibt. Eine Interpretation archäologischer Quellen mit Hilfe des Habitus-Konzeptes eröffnet die Möglichkeit, zu einem differenzierteren Blickzu gelangen. In der Praxis ist die Sache nicht so einfach: Bisher wurde dieser „Input“ aus der Soziologie in der Archäologie eher zurückhaltend aufgenommen. Die Gründe dafür und Beispiele für die bisherigen Adaptionen sind in einem älteren Beitrag hier in Archaeologik zusammengefasst:
Um den Nutzen dieses theoretischen Konzepts für die Archäologie richtig bewerten zu können, auch im Hinblick auf mögliche Schwächen, ist die Durchführung verschiedener Fallstudien an Objekten und ihres sozialen Umfeldes nötig.


Die Studie

Die Studie beschäftigt sich also durch Auswertung historischer und archäologischer Quellen mit der Frage, wie ein Alltagsgegenstand in einer vergangenen Gesellschaft als Medium der innergesellschaftlichen Kommunikation gedient hat und von wem er dazu verwendet wurde.
Der Gegenstand der Untersuchung ist der Kapuzenmantel, den geographischen und historischen Rahmen bilden die Nordwestprovinzen des Römischen Reiches und Italien von der späten Republik (ca. 1. Jh. v. Chr.) bis in die Spätantike (4. Jh. n. Chr.). Nicht zufällig wurde ein Kleidungsstück zum Untersuchungsgegenstand gewählt, denn das, was Menschen direkt auf dem Leib tragen, besitzt eine hohe Bedeutung für den Ausdruck von individuellen und Gruppenidentitäten,, also von «Habitus» - damals wie heute.

Quellen

Die Schriftquellen überliefern zahlreiche Bezeichnungen für das Kleidungsstück: "cucullus/ cucullio/ cuculio/ cuculla", "Caracalla/ Caracallus", "Paenula", "Birr(h)us/ Byrr(h)us", "Casula" und "Lacerna". Wie die Mäntel, die sich hinter den Bezeichnungen verbergen, im Detail aussahen, ist aus der schriftlichen Überlieferung nur ungenau zu rekonstruieren. Auf Basis einer Sammlung von ca. 300 archäologischen Quellen wurde eine Typologie erstellt. Dabei handelt es sich um Bildquellen; originale Exemplare sind im Untersuchungsgebiet nicht erhalten. Das Formenspektrum reicht von kurzen, schulterbedeckenden oder hüftlangen Capes bis hin zu waden- oder knöchellangen Exemplaren, die sich durch Geschlossenheit bzw. unterschiedliche Öffnungsweite an der Vorderseite unterscheiden lassen. Die Bildquellen, die herangezogen wurden, umfassen die Darstellungen realer Menschen auf Grabdenkmälern, Terrakotten und hölzernen Votivstatuetten, die Pilger zeigen. Gelegentlich sind Kapuzenmantelträger auch auf Reliefs an Ehrenbögen, Weihereliefs, Mosaiken, Wandmalereien, Glas- und Keramikgefäßen dargestellt. Diese Objektgattungen sind unterschiedlich zu bewerten im Hinblick auf ihre Funktion als Medien der Selbstrepräsentation. Grabmonumente sind in diesem Sinne als erstrangige Zeugnisse anzusehen, da sie vom Dargestellten bzw. dessen Hinterbliebenen in Auftrag gegeben wurden. Sie zeigen wie der Verstorbene gesehen werden will. Alle anderen Bildträger zeigen zumeist nicht individualisierte Darstellungen. Eine Verknüpfung der verschiedenen Bezeichnungen für Kapuzenmäntel aus den Schriftquellen mit den durch Bildquellen überlieferten Exemplaren ist kaum möglich.

Fragen an die Quellen

  • Wem dienten Kapuzenmäntel zur Kommunikation?
  • Spielen dabei bestimmte Formen von Mänteln eine Rolle?
  • Welche Botschaften werden damit transportiert?
  • Wer „liest“ die Botschaften?
  • Woher kommen die Bedeutungszuweisungen an das Kleidungsstück und wie gehen die Protagonisten mit den Bedeutungen um?

Praktische Funktion

Die praktische Funktion von Kapuzenmänteln ist der Schutz vor unangenehmen Wettereinflüssen: Kälte, Wind, Regen oder Schnee. Aber auch bei starker Sonneneinstrahlung konnten sie gute Dienste leisten (man denke hier an den arabischen Burnus). Dementsprechend trugen sie vor allem Personen, die Arbeiten im Freien nachgehen oder, die man auf der Straße trifft, z. B. die Bauern/Landarbeiter, Jäger, Fischer, Maultiertreiber, Kutscher, Soldaten, Sklaven, Gaukler und ihre Affen, Bettler. Man kann diesen Personenkreis unter der Bezeichnung "einfaches Volk" zusammenfassen. Die ‚wetterfest-Funktion’ machte Kapuzenmäntel auch zur idealen Kleidung für die Reise und so kennzeichnen sie in der römischen Kunst auch das Unterwegssein. In dieser Funktion werden sie von vielen verwendet. Ebenso sind sie als Kinderkleidung beliebt. Auch verweist der Kapuzenmantel aufgrund seiner Herkunft und Funktion auf die Völker des Nordens.

Eseltreiber aus dem 1. Jh. v. Chr aus Tarent, im Louvre, Paris
(Foto: Jastrow [PD], via WikimediaCommons)

Symbolik

Der belgische Archäologe W. Deonna hatte sich in den fünfziger Jahren bereits ausführlich mit der Symbolik von Kapuzenmänteln beschäftigt und seine Bedeutungen für den antiken Menschen herausgearbeitet. Das Anziehen des Mantels und das Überstreifen der Kapuze symbolisiert die Abgrenzung einer Person von der Umwelt sowie das Tarnen, Verbergen und Verstecken. Er ist darüber hinaus ein Symbol für die Nacht. Juvenal (6, 117-118) spricht hier vom «cucullus nocturnus» - vom mitternächtlichen Kapuzenmantel, den sich Messalina, verrufene Gattin des Kaisers Claudius überstreifte, um sich nachts unerkannt durch die Gassen Roms in ein Bordell zu begeben. Auch von anderen Persönlichkeiten der römischen Oberschicht berichten die antiken Autoren, dass sie Kapuzenmäntel zur Tarnung benutzen, um sich in ihnen unangemessenen Milieus zu bewegen. Das Kleidungsstück ist aber auch ein Symbol für Tod, Trauer, Grab und Jenseits und tritt häufig auf  Grabdenkmälern, beispielsweise auf etruskischen Urnen auf. Zugleich ist er mit dem Phallus verbunden und steht damit auch für Fruchtbarkeit und neues Leben. In der Kleinkunst gibt es zahlreiche Statuetten und bronzene Lampen mit phallischen Wesen.

Genius cucullatus: Der Priapus von Amiens (1. Jh.), aus Rivery (dép. Somme)
(Foto: Vassil [PD] via WikimediaCommons)
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mus%C3%A9e_Picardie_Arch%C3%A9o_03.jpg


Von Göttern und Kapuzen – die „Dingbedeutsamkeit“

Darüber hinaus besitzt das Kleidungsstück eine sogenannte “Dingbedeutsamkeit„. Der Begriff ist ursprünglich in der Volkskunde beheimatet und bedeutet, dass Alltagsgegenstände als Zeichen für Vorstellungen aus dem Bereich der Religion, Mythologie oder Magie fungieren können. Auch die Dingbedeutsamkeit reflektiert Mentalitäten und Wertvorstellungen einer Gesellschaft. Sie kann nur verstanden werden, wenn die Kenntnis darüber weit verbreitet war, etwa durch populäre mündlich tradierte oder schriftlich überlieferte Texte (Märchen, Mythen, Legenden).
Genii cucullati und eine Göttin, Relief
im Corinium Museum von Cirencester
(Foto: Tony Crist [PD] via WikimediaCommons)

Der Kapuzenmantel in der Römerzeit verweist auf die kapuzentragenden Götter, Genien und Dämonen aus der antiken Volksreligion („genii cucullati“). Schriftquellen, die Auskunft über die Geschichten und Vorstellungen geben könnten, die die Menschen der Antike mit ihnen verbanden, sind zwar nicht überliefert; dafür sind zahlreiche bildliche Darstellungen aus dem gesamten Römischen Reiches erhalten, die jedoch ein uneinheitliches Bild im Hinblick auf ihren Charakter und Gestalt zeigen. "Genii cucullati" treten auf dem europäischen Festland als Einzelfiguren auf; in Britannien sind sie stets in Dreiergruppen dargestellt. Es handelt sich um bärtige Zwerge oder Greise. Sie sind teilweise grotesk und karikaturenhaft dargestellt. Sie tragen lange, den Körper vollständig verhüllende Mäntel, ihre Kapuzen sind stets über den Kopf gezogen. Als Attribute halten sie Schriftrollen, Geldbeutel, Früchte, Eier oder auch Schwerter in den Händen. Die Funktion dieser übernatürlichen Wesen läßt sich aber kaum entschlüsseln. Man deutete sie als Schutzgeister und Nothelfer des kleinen Mannes, Fruchtbarkeitsbringer, Todesdämonen/Totenbegleiter oder Heilgötter. Bei den Bildquellen handelt es sich zum überwiegenden Teil um Objekte der Kleinkunst aus dem Privatbereich, z. B. Lampen, Terrakotten, Statuetten. Nur in seltenen Fällen sind Zeugnisse für Verehrung im öffentlichen Bereich vorzufinden (z. B. Inschriften).

Zwei Kapuzenmantelträger in einem Bild:
Der Soldat  Firmus trägt den typischen
militärischen Kapuzenmantel,
der auf der Brust verschlossen,
aber unten weit geöffnet ist.
Sein Sklave Fuscus (u. li.) ist mit einem
kurzen Schultercape mit Kapuze bekleidet
(Grabstein aus Andernach,
RLM Bonn, CIL XIII 07684,
Epigraph. Datenbank Heidelberg HD061374).
(Foto: Xocolatl [PD] via Wikimedia Commons)

Ergebnisse


In der Analyse ließen sich in ganze Reihe von Akteuren finden, denen Kapuzenmäntel als Kommunikationsmedien dienten. Es konnten verschiedene Botschaften und Anwendungsarten identifiziert werden. Die Verwendung im Sinne des Habitus-Konzeptes ist nur eine davon. Folgende Formen sind zu unterscheiden:
  • Verwendung von Kapuzenmänteln im Sinne des Bourdieu'schen Habitus-Konzeptes.
  • Anderweitige Nutzungen von Kapuzenmänteln in der gesellschaftlichen Kommunikation.
    Hierbei ist zu unterscheiden zwischen:
    • Selbstgewählter Nutzung und
    • Zugewiesener Nutzung

Nutzung von Kapuzenmänteln im Sinne des Bourdieu'schen Habitus-Konzeptes

Das prägnanteste Beispiel bildet eine Gruppe von wirtschaftlich erfolgreichen Männern, die sich wohl im 2. und 3. Jahrhundert im nordostgallischen Raum herausgebildet haben muß. Quellen dafür sind ihre bilderreichen Grabdenkmäler, zu denen u. a. auch der berühmte Komplex aus Neumagen-Dhron (Lkr. Bernkastel-Wittlich) zählt. Y. Freigang hat sich in ihrer Dissertation bereits ausführlich mit der Selbstdarstellung dieses Personenkreises beschäftigt. Die Männer nutzten eine besondere und nur in diesem Gebiet vertretene Variante des Kleidungsstücks zur Demonstration ihres Wohlstandes und Lebensstiles sowie ihrer regionalen Identität. Es handelt sich um eine Form von Kapuzenmantel, die sich durch eine besondere Stofffülle und Faltenreichtum auszeichnet. Daneben sind es Soldaten, die Kapuzenmäntel als Kennzeichen ihrer Gruppenzugehörigkeit einsetzten. Auch hier kam eine besondere Form,  die von anderen Personenkreisen nicht verwendet wird, zum Einsatz. Dass die Mäntel nicht nur als Berufskleidung zu verstehen sind, sondern tatsächlich als Ausdruck von Lebensstil, läßt sich daran erkennen, dass die Soldaten die Mäntel auch in der Freizeit trugen.

Anderweitige Nutzungen von Kapuzenmänteln in der gesellschaftlichen Kommunikation: Selbstgewählte und zugewiesene Nutzung

Die wetterfeste Funktionalität von kurzen Schultercapes machten sich einige Händler und ein Fischer zunutze, um auf ihren Grabmonumenten ihre Praxisnähe und berufliche Kompetenz zu demonstrieren. Das Cape gehört sicher nicht zu ihren repräsentativen Kleidungsstücken, sondern wird gezielt in Szenen eingesetzt, die die Akteure in ihrer beruflichen Praxis zeigen.
Unter den Akteuren, die Kapuzenmäntel in ihrer gesellschaftlichen Kommunikation einsetzten, finden sich nicht nur Gruppen, sondern auch Individuen, wie das Beispiel des Kaisers Marcus Aurelius Severus Antoninus (188-217) gezeigt hat. Dieser lieferte mit seinem programmatischen Einsatz des Kapuzenmantels, dem er seinen Spitznamen "Caracalla" verdankt, ein weiteres sehr beredtes Exempel für die Rolle des Kleidungsstücks bei der Selbstdarstellung. Er demonstrierte damit seine Identifikation mit "dem einfachen Volk/den einfachen Soldaten". Nach dem Mord an seinem Bruder Geta ergriff er verschiedene Maßnahmen, um das Volk und die Armee zu beruhigen und auf seine Seite zu ziehen; u. a. ließ er die thermae Antoninianae in Rom vollenden und erhöhte den Sold des Militärs. In den Rahmen dieser "PR-Maßnahmen" fällt auch seine Adaption des Kapuzenmantels »Caracalla«. Außerdem berichten die Quellen, dass er die Mäntel in großem Umfang an das Volk verschenkt habe, um die Menschen zumindest äußerlich zu seinen Anhängern zu machen. Dieses Beispiel zeigt auch, dass die Botschaften, die mit dem Gegenstand verbunden waren, nicht statisch, sondern veränderbar waren. Für Caracalla spielte die traditionelle Konnotation „Einfacher Soldat“ eine Rolle. Die Botschaft, die die Beschenkten aus dem Volk vermitteln sollten, lautete „Anhänger Caracallas“. Während der Kaiser als Mitglied der höchsten Kreise der römischen Gesellschaft mit dem öffentlichen und programmatischen Tragen des Kapuzenmantels noch Erstaunen und Empörung hervorrief, avancierte das Kleidungsstück in der Spätantike zum Allgemeingut. Es verdrängte sogar ein anderes stark mit Symbolik aufgeladenes Kleidungsstück der Römer: die Toga.

Zugewiesene Nutzung
Sowohl die historischen als auch die archäologischen Quellen bezeugen, dass es stets Angehörige des niederen Volk waren, die Kapuzenmäntel getragen haben. Im Einzelfall ist allerdings schwer zwischen Klischée und Alltagsrealismus zu unterscheiden.

Ein Einfluss der Dingbedeutsamkeit auf den Einsatz in der gesellschaftlichen Kommunikation ließ sich nicht nachweisen. Vielmehr zeichnete sich sogar eine Diskrepanz zwischen der Charakterisierung der Kapuzengötter als Zwerge oder groteske Figuren und den verschiedenen Botschaften ab, die die genannten »sterblichen« Akteure (Männer des nordostgallischen Raumes, Kaiser Caracalla) mit dem Kleidungsstück verbanden.
Die Bedeutungsinhalte, die einzelnen Akteure dem Kleidungsstück zuwiesen, sind letztlich mit archäologischen Quellen nur schwer zu fassen. Die schriftliche Überlieferung lässt hier eindeutigere Aussagen zu.

Ausblick


Diese Fallstudie konnte das Phänomen der Verwendung von Alltagsgegenständen als Kommunikationsmedien in einer vergangenen Gesellschaft nur schlaglichtartig beleuchten. Es bedarf weiterer Analysen anderer Objekte. Dabei muss es sich nicht nur um Kleidung handeln. Hier kommen beispielsweise Haushaltsaustattungen oder Grabinventare in Frage. In einem weiteren Forschungsansatz könnte man auch nach der Entwicklung der sozialen Symbolik des Kapuzenmantels vor dem Hintergrund des kulturellen Wandels zum Mittelalter hin fragen (vergl. Rummel 2007).

Ausgewählte Literaturhinweise

  • W. Deonna, De Télesphore au «moine bourru». Dieux, génies et démons encapuchonnés. Collèction Latomus Band 21 (Brüssel 1955).
  • Y. Freigang, Die Grabmäler der gallo-römischen Kultur im Moselland. Studien zur Selbstdarstellung einer Gesellschaft. Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz 44, 1, 1997, 277-440.
  • P. von Rummel, Habitus barbarus. Kleidung und Repräsentation spätantiker Eliten im 4. und 5. Jahrhundert. RGA Ergbd. 55 (Berlin 2007).
  • R. Schreg, J. Zerres, H. Pantermehl, S. Wefers, L. Grunwald, D. Gronenborn, Habitus - ein soziologisches Konzept in der Archäologie. Arch. Inf 36, 2013, 101-112 (pdf). - Vorab-Version: Rainer Schreg/ Jutta Zerres/ Heidi Pantermehl/ Steffi Wefers/ Lutz Grunwald, Habitus - ein soziologisches Konzept in der Archäologie. Archaeologik (14.12.2015).

     

Freitag, 30. Oktober 2015

Raubgräber nehmen mit Bagger thrakischen Grabhügel auseinander und werden von der Polizei gefasst

Welche Chance es darstellt, wenn Archäologen solch einen Hügel richtig untersuchen können, zeigt ein Gemeinschaftsprojekt des Historischen Museum in Nova Zagora und des RGZM:
Sorgfältige Grabung und Fundbergung ermöglichen eine Rekonstruktion der Bestattungszeremonien und geben damit Einblicke in die politische Stilisierung eines thrakischen Häuptlings angesichts zunehmenden römischen Einflusses in der Region. Diese Forschungen stehen am RGZM in einem größeren Kontext der Auseinandersetzung über die Abläufe und Auswirkungen von 'Kulturkontakten'. Raubgräber reissen die nötigen Zusammenhänge auseinander und vernichten die grundlegenden historischen Quellen.
Treasure hunters busted bulldozing Thracian burial mound

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Treasure hunters busted bulldozing Thracian burial mound

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Montag, 3. August 2015

Varus verstummt

Gastbeitrag von
Johann Friedrich Tolksdorf


Wenn der Fundzusammenhang zerstört wird, verlieren wir für immer die Chance, Münzfunde als archäologische Zeugnisse zum Sprechen zu bringen.


Was ist "ein Stück Geschichte" wert?
Wie auf jedem anderen Markt, so bestimmen auch im Münzhandel Angebot und Nachfrage den Preis eines Objektes. Daher verwundert es auch nicht, wenn Münzen, die mit einer historisch bedeutenden Person verbunden sind, auf einschlägigen Auktionen Spitzenpreise erzielen und den Handel mit diesen Objekten besonders lukrativ machen. Eine solche herausragende historische Persönlichkeit stellt unbestritten Publius Quinctilius Varus dar, der auch der breiten Öffentlichkeit als tragischer Besiegter der Schlacht im „Teutoburger Wald“ aus dem Geschichtsunterreicht bekannt ist. Entsprechend erfreuen sich römische Münzen mit dem Gegenstempel »VAR« des Varus in Sammlerkreisen einer außerordentlichen Beliebtheit. Das hat verheerenden Folgen für die archäologische Forschung, da hierbei die Objekte aus ihrem Fundkontext herausgelöst und ihrer wichtigsten Aussagekraft beraubt werden.
Münze des Varus mit Gegenstempel VAR:
As Lugdunum I (RIC 230), Vorderseite, Augustus nach rechts mit Gegenstempel des Varus ("VAR" = Werz Typ 1)
(Foto: Fotografie für das Bildarchiv der Abteilung. - Fotobestand der Goethe-Universität Frankfurt, Institut für Archäologische Wissenschaften, Abteilung II [PD, CC0 1.0] via Wikimedia Commons)

Wie Münzen mit bekanntem Fundort uns helfen können, die Geschichte zu rekonstruieren
Bei den begehrten »VAR« Gegenstempeln (auch als Kontermarken bezeichnet) handelt es sich um sekundäre Einprägungen auf Münzen, die höchstwahrscheinlich im Rahmen von Sonderzahlungen an die Truppen eingestempelt wurden. Ihr außergewöhnlicher archäologischer Wert liegt darin, dass sich in einem Objekt unmittelbar zwei Aktivitäten wiederspiegeln: Die Prägung der Münze selbst und das nachträgliche Anbringen des Gegenstempels. Wird eine solche Münze im Rahmen einer archäologischen Untersuchung dokumentiert, kann sie uns wertvolle Hinweise zur Datierung eines Befundes und zum historischen Münzumlauf liefern.
Dass es sicher hierbei nicht um rein akademisches Wunschdenken handelt, sondern vielmehr überregional von der Öffentlichkeit mit Interesse wahrgenommene Ergebnisse erzielt werden können, haben gerade die Münzen mit VAR-Gegenstempel bewiesen: Ihr verstärktes Auftreten unter den in archäologisch dokumentierten Funden in der Kalkriese-Niewedder Senke hat dazu beigetragen, ein römisches Schlachtfeld des frühen 1. Jahrhunderts n. Chr. zu entdecken. Auch hätte einer Debatte zur möglichen Identifikation dieser Fundstelle als Ort der Varusschlacht ohne Auffindungszusammenhang der Münzen jegliche Grundlage gefehlt.

Gefahr einer Degradierung historischer Quellen zu kontextlosen Sammlerobjekten
Dass jedoch der Handel mit begehrten Gegenstempeln wie dem »VAR« des Varus nicht nur zu einem Verlust der wissenschaftlichen Aussagekraft führt, sondern sogar die Forschung durch die Entstehung von „Mischinventaren“ zusätzlich erschwert, hat U. Werz bereits am Beispiel eines vermeintlichen Münzkonvolutes aus Xanten dargelegt (Werz 2007). Zugleich führte er in seiner akribischen und umfassenden Zusammenstellung der römischen Gegenstempel aus dem Rheinland (Werz 2009) die Aussagekraft dieser Quellengattung vor Augen, die sich insbesondere durch die räumliche Auswertung ihrer Auffindungsorte ergibt.

Wie können wir als Archäologen die Öffentlichkeit mit diesem Anliegen erreichen?
Das Verständnis der breiten Öffentlichkeit (und damit auch der politischen Akteure) für die Problematik der „verstummenden Quellen“ muss daher verbessert werden, zumal durch die illegalen Aktivtäten von Raubgräbern mit Metallsuchgeräten besonders Münzen von einer Degradierung zu kontextlosen Sammlerobjekten bedroht sind. Gerade die Archäologie muss daher nachdrücklich zeigen, dass es sich bei Münzen - wie beispielhaft denen mit VAR-Gegenstempeln - um historische Quellen handelt, die, wie die Urkunden in einem schriftlichen Archiv, immer wieder mit neuen Methoden und Blickwinkeln befragt werden müssen. Nur wenn es der Archäologie gelingt, den Mehrwert einer gut vernetzen Museumslandschaft und der von ihr immer wieder neu für die Forschung zur Verfügung gestellten Objekten mit gesichertem Kontext aufzuzeigen, können die hiermit verbundenen Anliegen gegenüber den politischen Akteuren hervorgehoben werden.

Forschungsperspektive durch Kontext
Zu diesem Zweck ist es auch notwendig, wissenschaftliche Projekte öffentlichkeitswirksam zu begleiten. Im Rahmen unseres Projektes »Charonspfennige: Kann HR-3D-Scanning von Gegenstempeln auf römischen Münzen helfen, ein »Bewegungsprofil« der Legionen des Varus in den letzten Monaten vor der Varusschlacht (9 n. Chr.) zu rekonstruieren?« werden wir die Gegenstempel des Varus in unterschiedlichen Museen in der Schweiz, Deutschland, Luxemburg und den Niederlanden mit einem hochauflösenden 3D-Scanner erfassen und versuchen, aus den im Abdruck erkennbaren Abnutzungsspuren des Stempeleisens eine relative Abfolge der Stempelabdrücke zu rekonstruieren. Erst durch die Einbeziehung der Fundorte der Münzen kann in einem zweiten Schritt versucht werden, die historischen räumlichen Beziehungen zu erschließen und vielleicht neue historische Ergebnisse zu möglichen Aufenthaltsorten des Varus zwischen 7 -9 n.Chr. zu erzielen. Dieses wäre bei Münzen mit ungeklärtem Auffindungsort unmöglich und muss als Botschaft in die öffentlichkeitswirksame Präsentation einfließen. Sie bleiben stumm und ihr wissenschaftlicher Wert ist bei allem technischen Fortschritt für immer verloren.
 
zitierte Literatur
Werz 2007
U. Werz, Besuch des Vetters aus Dingsda? Bemerkungen zu einigen Fundmünzen aus Xanten. Numismatisches Nachrichtenblatt 26/3, 2007, 1-7 - http://www.fan-niedersachsen.de/attachments/article/72/vetterausdingsdaneu.pdf

Werz 2009
U. Werz, Gegenstempel auf Aesprägungen der frühen römischen Kaiserzeit im Rheingebiet: Grundlagen, Systematik, Typologie (Diss. Frankfurt 2009) - urn:nbn:de:hebis:30-68931
 
Interner Link





Dr. Johann Friedrich Tolksdorf ist Archäologe mit einer Spezialisierung im Bereich der Geoarchäologie und am Landesamt für Archäologie Sachsen in der Bodendenkmalpflege tätig. Die Äußerungen in diesem Blogbeitrag sind seine private Meinung. https://sachsen.academia.edu/JohannFriedrichTolksdorf

Freitag, 6. Februar 2015

Die Erfindung einer Tradition – Kaiser Galerius und die serbische Nationalidentität

Jutta Zerres
 
Archäologie findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern steht immer auch in Abhängigkeit von zeitgenössischen Gegebenheiten in Politik und Gesellschaft. Eine Geschichte aus der Zeit des Balkan-Krieges hat Prof. Filippo Carlá (Uni Mainz/WissenschaftsCampus Byzanz zwischen Orient und Okzident, jetzt University of Exeter) aufgearbeitet.

Porträt des Kaisers Galerius aus Romuliana (Gamzigrad).
(Foto: Shinrjiod [CC BY 3.0] via Wikimedia Commons)

Es geht um den römischen Kaiser Galerius (reg. 293-305) und seinen Palastkomplex „Romuliana“ in Ostserbien. Der Kaiser kam um 250 in der Nähe des heutigen serbischen Ortes Zaječar zur Welt und beherrschte im Verbund mit Constantius Chlorus, Maximian und Diokletian als Tetrarch das Römische Reich. An seinem Geburtsort ließ er zu Ehren seiner Mutter Romula eine prunkvolle Residenz mit Namen „Romuliana“ errichten. Die systematischen Grabungen ab 1953 enthüllten das gesamte Ausmaß des beeindruckenden Komplexes bestehend aus Palast, Mausoleen, Tempeln und Festungen, der sich auf einem Areal von ca. 40.000 m² erstreckt. 2007 erlangte die Anlage den Status einer UNESCO-Weltkulturerbestätte.
Als der Vielvölkerstaat Jugoslawien in den neunziger Jahren in einem Bürgerkrieg auseinander fiel und sich auf seinem Territorium neue Staaten formierten, wurden Galerius und Romuliana auf bisher ungekannte Weise vom serbischen Nationalismus in den Fokus gerückt. Der Ausgräber Dragoslav Srejovic sorgte nämlich dafür, dass dem Kaiser und dem Fundplatz noch höhere Weihen zuteil wurden. Er veranstaltete in Belgrad eine wissenschaftliche Tagung sowie eine Ausstellung. Dabei wurde Galerius als Retter des Imperium Romanum und Serbien mitsamt der Palastanlage als das Zentrum der damaligen „zivilisierten Welt“ inszeniert. Die Grandezza des Römischen Reiches, repräsentiert in dem „serbischen Landsmann“ Galerius und seiner Palastanlage diente als Abziehbild für den jungen Staat.
Die Geschichte zeigt exemplarisch ein Phänomen, dass sich durch alle Zeiten hindurch beobachten lässt. Wenn Staatsgefüge zerbrechen und neue entstehen, begibt man sich gerne auf die Suche nach Anknüpfungspunkten zur Schaffung von neuen Identitäten, die eine Abgrenzung von den Nachbarn ermöglichen. Parallelen dafür lassen sich beispielsweise beim Zerfall der Sowjetunion, des Römischen Reich oder beim Aufbau des Staates Israel finden - oder eben auch in der deutschen Forschungsgeschichte. Auch den Kriegsparteien des syrischen Bürgerkriegs ist das Phänomen bekannt. Durch gezielte Zerstörung von historischen Monumenten gegnerischer Gruppen wird präventiv schon mal dafür gesorgt, dass diese nicht mehr als Bezugspunkte der Identität der feindlichen Gruppen dienen können (siehe die Beiträge hier auf Archaeologik).
Die Geschichte zeigt weiterhin, dass historische Fakten im Zuge eines solchen Vorganges von Identitätsneubildung gelegentlich auch zurechtgebogen oder verschwiegen werden. Der Historiker Filippo Carlá hat sich genauer mit der Vereinnahmung des Kaisers durch den serbischen Nationalismus befasst. Er verweist darauf, dass zur Zeit der Römer keine Slawen, zu denen auch die Serben gehören, in Serbien lebten. Diese wanderten erst im 7. Jahrhundert ein. Auch schien sich Srejovic nicht an der Tatsache zu stören, dass Galerius ein Initiator von Christenverfolgungen war. Erst spät erließ er ein Toleranzedikt. Der serbische Nationalismus bezieht sich hingegen gerne auf die zentrale Rolle des orthodoxen Christentums für den Staat.

Literatur
F. Carlá, La Tetrarchia di Slobodan Milošević. Imperatori tardoantichi nella Serbia degli anni Novanta. In: J. Bassi/G. Canè (Hrsg.), Sulle Spalle degli Antichi. Eredità classica e costruzione delle identità nazionali nel Novecento (Milano 2014) 69–81.

Link

Donnerstag, 20. Juni 2013

Ratiaria – Die geschredderte Römersiedlung

ein Gastbeitrag
von Jutta Zerres

„Wozu treibst du nicht die Herzen der Menschen, verfluchter Hunger nach Gold!“ („Quid non mortalia pectora cogis, auri sacra fames„) heißt es in Vergils „Aeneis“ (3, 56-57). Dieses Zitat mag so manchem Archäologen ins Gedächtnis kommen beim Anblick der Kraterlandschaft, die sich heute östlich der modernen Stadt Arçar im Gebiet der antiken Siedlung Ratiaria in Nordwestbulgarien erstreckt.
Blick auf das Gelände von Ratiaria nach den Raubgrabungen.
Nur an einer Stelle sind Reste von Bauten stehen geblieben.
(Foto: Widintourist [CC BY-SA 3.0] via WikimediaCommons)

Die Trägödie begann mit dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems in Bulgarien und der darauf folgenden Wirtschaftskrise. Nachdem der Staat 1992 die finanzielle Förderung der Ausgrabungstätigkeit eingestellt hatte, machten sich die Anwohner von Arçar angelockt von der Möglichkeit Goldmünzen und andere wertvolle Dinge zu finden über die römische Siedlung her. Schon seit langer Zeit wurde erzählt, dass die Felder in der Gegend von Ratiaria nach starken Regengüssen von den freigespülten Goldmünzen regelrecht blinkten und funkelten.

Einer von zahlreichen Raubgrabungskratern im Gelände von Ratiaria
(Foto: Widintourist [CC BY-SA 3.0] via WikimediaCommons)

Zu den plündernden Anwohnern gesellten sich organisierte Banden; Korruption verhinderte ein effektives Vorgehen der Behörden. Das Areal wurde metertief mit schwerem Gerät umgegraben. Um keine Goldmünze und andere Preziosen zu übersehen schredderten die Raubgräber das gesamte Erdreich mit allen enthaltenen Kleinfunden, den Steinen und den Baumaterialien klein. Ratiaria ist das prägnanteste Beispiel für die Plünderungen und Zerstörungen an Kulturstätten in Bulgarien seit den politischen Umwälzungen im Ostblock am Beginn der neunziger Jahre.


Ratiaria auf einer größeren Karte anzeigen


Mittwoch, 22. Mai 2013

Antinoopolis: Papyrologe schlägt Alarm


ein Gastbeitrag von Jutta Zerres

Eine reich illustrierte Dokumentation von Guido Bastianini zu den Zerstörungen in der römischen Stadt Antinoopolis (Mittelägypten) verdient unter der Vielzahl der Presse- und Blogberichte zur Lage der archäologischen Stätten Ägyptens besondere Beachtung:
Kaiser Hadrian, Gründer von Antinoopolis,
Portätbüste in den Kapitolinischen Museen
(Foto: Marie-Lan Nguyen [PD]
via WikimediaCommons)
Der Bericht in englischer Sprache verdeutlicht die illegale Ausweitung von Bautätigkeiten und von landwirtschaftlicher Nutzung  in das denkmalgeschüzte Areal innerhalb der letzten zwei Jahre durch die Anwohner des benachbarten Dorfes Sheikh Abada. 
Plünderungen werden sogar während der Anwesenheit von Grabungsteams durchgeführt. Die Dokumentation enthält kommentierte Luftbilder sowie viele Fotos, die den Zustand vor und nach den Zerstörungsaktivitäten zeigen.   
Der Autor ist als Professor für Papyrologie am Istituto Papirologico „Vitelli“ in Florenz tätig. Die Forschungseinrichtung führte erstmals in den dreißiger Jahren Ausgrabungen in Antinoopolis durch und förderte dabei zahlreiche Papyri und Ostraka in koptischer und griechischer Sprache zutage. Seit den sechziger Jahren ist es regelmäßig hier tätig.


Die Stadt Antinoopolis wurde 130 von Kaiser Hadrian an der Stelle einer älteren Siedlung in Erinnerung an seinen verstorbenen Liebhaber Antinoos gegründet. Sie avancierte zu einer bedeutenden Stadt in Oberägypten, besaß ein rechtwinkliges Straßennetz und zahlreiche Prachtbauten.

Links


Ältere Blogbeiträge zu Antinoopolis: 

Nachtrag (24.5.2013)



Jutta Zerres ist promovierte provinzialrömische Archäologin mit einem Faible für Ägypten. Sie beobachtet erschrocken die laufenden Meldungen über die Situation in Ägypten.

 

Montag, 13. August 2012

Gebrauchsspuren an Keramik

Es gibt auffallend wenige Studien zu Gebrauchsspuren an Keramikfunden. Inhaltsreste werden in der Literatur selten genannt, obwohl sie erfahrungsgemäß gar nicht so selten sind. Auch die meisten Leitfäden zur Beschreibung von Keramik übergehen diesen Punkt.

Kesselstein an hochmittelalterlicher Keramik aus Merdingen
(Foto R. Schreg)
Häufig sind
  • Schwarze anhaftende Krusten. Sie finden sich häufig auf der Innenseite, bisweilen aber auch außen am Rand.
  • Verrußung. Häufig auf der Außenwand.
  • Kesselstein. Kalkablagerungen im Innern, bisweilen ist ein geschichteter Aufbau zu erkennen.
  • Abschabungen und Ritzungen.

Problematisch bei diesen Gebrauchsspuren ist es, dass sie beim Waschen der Scherben verloren gehen können. Beanspruchungen der Oberfläche sind häufig durch "Bürstenstrich" vom Sauberschrubben überprägt.


Hochmittelalterliche Keramik aus
Merdingen FR (1-2) und Altdorf BB (3-5)
(Graphik R. Schreg, aus Schreg 2012)
Sehr häufig weisen die Gefäße der hochmittelalterlichen nachgedrehten Waren (Abb. Nr. 1-2)  in Südwestdeutschland Gebrauchsspuren auf. In der beistehenden Abbildung finden sich auf der Innenseite der Scherbe Nr. 1 anhaftende Kalkreste. Auf Nr. 2 sind im Randknick schwarze organische Reste erkennbar.
Nach meinen empirischen Beobachtungen sind Kesselstein wie auch anhaftende organische Reste bei der nachgedrehten Keramik weit häufiger als bei der Älteren gelben Drehscheibenware (Nr. 3-5). Derzeit kann allerdings wohl nicht ausgeschlossen werden, dass dies damit zusammenhängt, dass die nachgedrehte Keramik vorsichtiger gewaschen wird, während die härter gebrannte, helle gelbe Drehscheibenware zu stärkerem Schrubben animiert.
Ausgesprochen häufig treten bei der nachgedrehten Ware auch Reparaturlöcher auf (Nr. 2).

Entsprechend sind bei der Bearbeitung handgemachter Keramik in Panama (vgl. Archaeologik) nur an Scherben dieser Warenart dicke schwarze Krusten aufgefallen. Sie lässt sich dadurch eindeutig funktional als das Kochgeschirr gegenüber anderen Waren wie der Majolica und der Hafnerware absetzen. Bei einigen Scherben der handgemachten Keramik wurden an der Innenseite Abnutzungsspuren beobachtet, teilweise offenbar auch durch die Nutzung von Messern.

Phytolith
(Foto: H.G. Naton [CC BY-SA 3.0]
via WikimediaCommons)
Im Rahmen unserer Untersuchungen zur frühneolithischen Besiedlung der Schwäbischen Alb (siehe Archaeologik) wurden testweise in den USA einige Proben von Inhaltsresten der Grabung Sonderbuch Schaghau 2008 auf Phytolithen untersucht. Dabei zeigte sich, dass sich diese Silikatablagerungen aus Pflanzenzellen gut nachweisen lassen. Da die Phytolithen mehrheitlich kaum artspezifisch sind, sind Rückschlüsse auf den Inhalt schwierig und bedürfen einer relativ großen Probe. Trotzdem scheint es lohnend, diesen methodischen Weg weiter zu verfolgen.

Für eine nähere Bestimmung der Krusten kommen verschiedene Analyseverfahren in Frage. Am einfachsten ist der Einsatz eines digitalen Mikroskops, doch kenne ich bislang keine nutzbaren Referenzbilder, um etwa Reste von Sinterablagerungen (Kesselstein) sicher von Engoberesten zu unterscheiden oder Verrrußungen von eingekokelten 'Suppen'resten zu trennen. 
Chemische Analysen wurden häufig zur Analyse von Inhaltsresten, insbesondere von Fetten eingesetzt. Hier ist daran zu denken, dass die Ethnologie verschiedene Verfahren kennt, die normalerweise poröse Irdenware durch Fette oder das Auskochen mit Milch wasserdicht zu bekommen. Eine Möglichkeit sind Phytolithenanalysen, wie sie anderswo bereits eingesetzt wurden, im Einzelfall könnte evtl. auch C/N-Isotopie in Frage kommen.


Inhaltsreste an einem Scherben der LBK aus Sonderbuch, Schlaghau, Grabung 2008. In dieser dunklen Masse ließen sich mehrere Phytolithen nachweisen. Für die Interpretation der Mikroskopaufnahmen fehlt uns z. Zt. die nötige Expertise. Auffallend sind wiederholt die bläschenartigen Strukturen in den Randbereichen der anhaftenden schwarzen Masse.
(Foto: R. Schreg)

 Voraussetzung für eine Bearbeitung solcher Gebrauchs- und Inhaltsreste scheint mir eine systematische Serie experimenteller Archäologie. Benötigt werden Referenzproben, die mittels einer ersten optisch-mikroskopischen Vergleichs eine Eingrenzung der weiteren geeigneten Analytik ermöglicht. Dazu wird man nicht nur verschiedene Nutzungen, sondern vor allem auch verschiedene Keramik-Qualitäten zu berücksichtigen haben.
Experimentelle Archäologie ist aber vor allem für das Verständnis mechanischer Gebrauchsspuren von Bedeutung. Hier ist eine große Bandbreite zu bedenken - bis hin zum Hundefressnapf.
Vielleicht lässt sich im Idealfall anhand einer Mikrostratigraphie unterschiedlicher Einwirkungen ja die individuelle Nutzungsgeschichte eines Gefäßes rekonstruieren.

Dank

Maria Raviele für die Phytolithenanalysen aus unserem Alb-Projekt.

Literaturhinweise
Interne Links


Nachtrag (13.8.2012)
Als Reaktion auf diesen Post hat Maxi Platz Beispiele aus Marburg auf ihrem Blog vorgestellt, bei denen sich das Problem stellt, ob Engobe oder Verrußung vorliegt:

    Samstag, 21. April 2012

    Vergessene Siedlungen - Großflächige Geophysikalische Prospektion auf der Schwäbischen Alb

    Mehrere römische Villen und mittelalterliche Bauernhöfe konnten die Österreichischen Spezialisten des LBI ArchPro auf der Stubersheimer Alb orten. Die erste Messkampagne fand vor gut einem Jahr statt - jetzt wurden die ersten vorläufigen Ergebnisse vorgestellt.

    Die Auswertung der im April 2011 gesammelten Prospektionsdaten zeigt unter anderem eine überraschend dichte römische Besiedlung. Durch flächendeckende Magnetik mit über 1,2 km², sowie gezielt eingesetztes Bodenradar konnten bei Bräunisheim zwei römische Gutshöfe untersucht werden.

    Insbesondere die Radar-Prospektion zeigt zahlreiche architektonische Details. Im Hauptgebäude der östlichen kleinen Villa bei Bräunisheim lassen sich etwa die kleinen Ziegelstützen einer Fußbodenheizung im Badetrakt sowie die Fundamente eines Säulen umstandenen Innenhofes erkennen. Von einer weiteren römischen Villa weiter westlich bei Bräunisheim waren bislang lediglich zwei Nebengebäude aus Luftbildbefunden bekannt, nun konnte das Hauptgebäude sowie eine Umfassungsmauer lokalisiert werden.

    Überraschend ist ein dritter, wohl ebenfalls römischer Befund. Direkt an die Römerstraße zwischen Urspring und Heidenheim anschließend, wurden zwischen Schalkstetten und Waldhausen die Reste eines rechteckigen, mit Zaungräbchen eingefassten Gehöftes entdeckt. Dieser Bezug zur Römerstraße sowie römische Keramikfunde legen es nahe, dass es sich hier um einen nur in Holzbauweise ausgeführten Gutshof handelt. Gerade in letzter Zeit konnten Rettungsgrabungen der archäologischen Denkmalpflege ähnliche Anlagen bei Merklingen und bei Heuchlingen nachweisen. Damit zeichnet sich auf der Albhochfläche ein bislang kaum bekannter Bautyp ab. Weitere Spuren einer alten Flureinteilung nehmen im Umfeld die Ausrichtung der Römerstraße auf und zeigen möglicherweise eine römerzeitliche Feldeinteilung.

    Römisches Gehöft in Holzbauweise (Graphik LBI ArchPro, © LBI-ArchPro)



    Donnerstag, 2. Februar 2012

    Tabula Peutingeriana digital

    Ausschnitt der Tabula Peutingeriana
    (nach der Edition von K. Miller)
    Die Tabula Peutingeriana ist die einzige erhaltene Straßenkarte der Antike - überliefert allerdings in einer Abschrift des späten 12./ frühen 13. Jahrhunderts. Das Original wird in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien aufbewahrt.







    omnesviae.org setzt die Tabula Peutingeriana in eine moderne digitale Karte (auf Grundlage von Google Maps) um. Mittels der Routenplanung kann man beispielsweise den Weg von Mainz nach Urspring auf der Schwäbischen Alb kalkulieren -
    Ab 'Mogontiaco' ad 'Adlvnam'

    Summa CCLVII Milia Passuum / Leuga Gallica.
    Fere XVIII dies.


    Die Einträge in Omnesviae.org - die auf verschiedenen Sprachen angeboten werden: englisch, deutsch, griechisch, französisch und niederländisch, aber nicht auf Latein - sind indes nicht immer ganz zuverlässig. Mir ist aufgefallen, dass Sumelocenna, das in der Tabula verzeichnet ist, in der digitalen Version fehlt. Zudem scheinen die Ortsnamenseinträge nicht immer konsistent zu sein. Ist bisweilen wie in der Karte der Ablativ angegeben, wird in anderen Fällen ein Ortsname im Nominativ angegeben (im Falle von Ad Lunam in einer nicht ganz korrekten Schreibweise).
    Auch sind die Identifikationen nicht immer korrekt. Ad Lunam wird mit Lonsee, nicht mit Urspring kartiert. 


    Links