Samstag, 31. Dezember 2022

2022 - Zeitenwende für archäologisches Raubgut?

2022 hat eine sehr durchwachsene Bilanz - mit verschiedenen Ereignissen und Beschlüssen, die als Zeitenwende deklariert wurden. Die Zukunft wird weißen müssen, ob Politik und Gesellschaft die erforderliche Konsequenz dafür aufbringt. Dringend nötig  ist das.

Eine Zeitenwende, von der die Zukunft noch zeigen muss, ob sie tatsächlich eine sein wird, oder ob Gier und Sammlerleidenschaft die guten Vorsätze wieder wird scheitern lassen, ist der Umgang mit geklauten Kunstobjekten und geraubten Geschichtszeugnissen.

2022 hat einige Entwicklungen gebracht, die hoffen lassen.

 

Die Rückgabe der Beninbronzen

Doe seit langem diskutierte Rückgabe der Beninbronzen, die mehrheitlich bei britischen Plünderungen 1897 geraubt und dann global in Sammlungen und Museen verteilt wurden, kommt insofern voran, als auch Deutschland nun nachzieht. Viele Museen haben Rückgabebereinbarungen mit Nigeria unterzeichnet und Außenministerin Annalena Baerbock hat bei ihrer Nigeriareise im Dezember viele Objekte publikumswirksam zurück gegeben.

Benin, 18.2.1897
(Foto: British Museum Af,A79.13 [PD] via WikimediaCommons)


Im Kontext der Rückgabe entstanden digitale Datenbanken, die den Objektbestand für einzelne Museen, aber auch international erschließen.

Elgin-Marbles

eingerüsteter Parthenon 1991
Parthenon 1991
(Foto: R. Schreg)

Bemerkenswert ist auch die Bereitschaft Großbritanniens, über die Rückgabe der Elgin-Marbles, der Skulpturen vom Parthenon in Athen zu reden.

Auch der Vatikan will seine Fragmente vom Parthenon zurück geben, wobei Papst Franziskus von einem "Geschenk" spricht:

Eine Vielzahl an Restitutionen

2022 gab es eine Vielzahl von Restitutionen von Raubkunst in die Herkunftsländer. In vielen Fällen sind es kriminalistische Ermittlungen, die verlogene Provenienzen aufdecken und eine Rückgabe an die Herkunftsländer in die Wege leiten. Die Schäden an den archäologischen Fundstellen sind damit aber nicht wieder gut zu machen. 

Über zahlreiche Rückgaben berichtet der Blog Looting Matters. 
Bemerkenswerterweise stehen diesen internationalen Restitutionen kaum solche aus Deutschland gegenüber. Trotz der veränderten Rechtslage und der vergrößerten Aufmerksamkeit durch die Beninbronzen wird illegaler Antikenhandel in Deutschland nicht stärker thematisiert. Dabei spielt Deutschland eine wichtige Rolle als Drehscheibe im internationalen Antikenhandel. 

Darüber hinaus sind einige Schmuggler 2022 vor Gericht gestellt worden:

Ein Museum mit zurück gegebenen Raubgrabungsfunden ist in Rom eingerichtet worden:

[Änderungsvermerk 5.1.2023: Rechtschreib- und Typokorrekturen, Satzfragment entfernt]

Mittwoch, 28. Dezember 2022

Falsche Idole

Ein aktueller Artikel im International Journal of Cultural Property thematisiert die bekannten Kykladen-Idole, die sic in zahlreichen Museen finden. Mehrheitlich besitzen sie keinen Fundort, stammen sie doch überwiegend aus Raubgrabungen insbesondere aus den 1960er und 1970er Jahren in der Ägäis. Es ist schon lange bekannt, dass auch zahlreiche Fälschungen im Umlauf sind.

  • C. Tsirogiannis / D. W. Gill / C. Chippindale, The Forger’s tale: an insider’s account of corrupting the corpus of Cycladic figures. International Journal of Cultural Property 2022, 1–17. - doi:10.1017/S0940739122000352

Die Autoren haben 2009/10 einen Mann interviewt, der in den 1980er und 1990er Jahren selbst Idole gefälscht hat. Bevor er sich auf die Fälschungen eingelassen hat, betätigte er sich als Antikenhehler, wobei er den enormen Wert der Idole kennen lernte, aber auch Kontakte gewann, die ihm halfen, die nötige Expertise für die Herstellung der Idole zu entwickeln. Seine Aussage verrät nun zahlreiche Insider-Informationen über das Fälschergewerbe. Schritt für Schritt wird nachvollziehbar, wie die Fälscher gearbeitet haben, wie sie die Figuren behandelt haben, um sie alt erschienen zu lassen. 

Der Artikel gibt mit einigen Anonymisierungen den Bericht des Fälschers wörtlich wieder. Zahlreiche Details seiner Geschichte ließen sich verifizieren, so dass die Autoren prinzipiell von der Glaubwürdigkeit der Darstellung ausgehen. Viele Fragen bleiben offen, etwa die nach der Anzahl der gefälschten Objekte. 

Der Fälscher hat auf Fotografien von Figuren einige seiner eigenen Arbeiten identifiziert; Sie konnten in einer griechischen Privatsammlung identifiziert werden, deren Objekte wie gesetzlich vorgeschrieben, bei der Altertumsbehörde registriert sind. Der Fälscher war nicht der erste in diesem Metier, aber seine Darstellung gibt Kriterien an die Hand, um alte Diskussionen um gefälschte Kykladenidole neu aufzurollen. Der Artikel von Tsirogiannis, Gill und Chippindale greift als ein Beispiel das Idol eines sitzenden Harfenspielers aus dem Metropolitan Museum in New York auf. Solche Figuren standen bereits früher im Fälschungsverdacht und sie gehören auch zum Repertoire des interviewten Fälschers. Das New Yorker Stück wurde bereits 1947 erworben, doch scheint es identisch zu sein, mit einem Künstler namens Angelos Koutsoupis auf Ios gefertigt, der im Auftrag eines Athener Antikenhandlers gearbeitet und eine Skizze des Stücks hinterlassen hat.

sitzender Harfenspieler, angebl. 2800-2700 v.Chr.
(Foto: Metropolitan Museum [PD] via

Zu Beginn der Auseinandersetzung mit archäologischer Quellenkritik wurde diese oft auf die Frage echt oder falsch reduziert, was dazu geführt hat, dass die komplexen Formationsprozesse, die zu einer archäologischen Überlieferung und deren Quellenwert liefern, viel zu wenig reflektiert worden sind. Sie lassen sich nur mit den nötigen Grabungskontexten en detail rekonstruieren - und letztlich ist das heute schon eine wesentliche Voraussetzung, um ein Fundstück als echt einstufen zu können. 

Bei den derzeit in Deutschland im Hinblick auf einen Fälschungsverdacht heiß diskutierten Funden der Himmelsscheibe von Nebra einerseits wie auch bei den Funden von Bernstorf andererseits, ist es eben die Problematik, dass sie außerhalb regulärer Ausgrabungen gefunden wurden. Fälscher und Raubgräber diskreditieren möglicherweise auch echte Funde und produzieren enorme Folgekosten für Echtheitsprüfungen, die oft Interpretationsspielräume eröffnen und bestenfalls Indizien liefern können.


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Montag, 26. Dezember 2022

Akademischer Weihnachtskrimi

Ein mediävistischer Wissenschaftsblogger, Peter Kidd (London) macht am Heilig Abend einen Plagiaritätsfall auf seinem Blog bekannt. Ein Buch hat ganz offenbar Teile seine Vorarbeiten verwendet ohne ihn zu zitieren. Als er die betreffende Autorin kontaktiert hat, bekam er die Antwort, Blogs seien keine wissenschaftliche Publikation und müssten nicht zitiert werden. Außerdem kenne sie den Blog gar nicht - obwohl er früher durchaus schon zitiert wurde.  Schließlich arrogant zum Frendschämen: sinngemäß "Ich Professor - du nur Doktor!"

Einige weitere Zitate aus der Kommunikation:

"Nobody cares about your blog!"

"I regret to inform you that blogs are not scientific texts, published by academic publishers, so their value is nil!"

Nachdem der Blogpost am Heiligabend online ging, recherchierten User nach dem Research Centre for European Philological Tradition (Receptio) im schweizerischen Lugano und stellten einige Merkwürdigkeiten fest. Die Bilder der dort Beschäftigten sind Stock-Fotos (Link). Dies gilt insbesondere für die Mitarbeiterin, von der Peter Kidd angeblich die erste Antwort mit obigen Statements erhielt. Anscheinend wurden kurz darauf die Bilder gelöscht. Die verbliebenen Bilder zeigen mutmasslich im Institut mitarbeitende Familienmitglieder der Autorin. Auch die Namen im Board of Directors und  im Scientific Committee wurden über die Feiertage aktualisiert (Link). Die Adresse der Niederlassung eines Büros in London weisst v.a. Briefkastenfirmen auf, wobei die Adresse im Kontext der Paradise Papers aufgefallen ist (Link). Auch Zweifel am Professorentitel kommen auf (Link).

In einem gestern auf academia.edu publizierten Statement verteidigt die Autorin ihre Arbeit und droht den Kritikern (angeblich anonyme Mails -  aber mit Namen - ??) mit Strafanzeige. Sie betont, dass ihre Arbeit weit über die Ansätze des Blogs hinaus gingen, was so wohl auch zutrifft, aber nichts daran zu ändern scheint, dass wesentliche Vorarbeiten nicht genannt und Bilder offenbar vom Blog übernommen sind, die anderweitig so nicht zugänglich waren. 

Nach Kidd's Blogpost wurden über Weihnachten auf der Receptio-Website die Mitarbeiter verändert, das pdf des Buchs angepasst und schließlich dessen Downloadmöglichkeit deaktiviert.  Vielleicht sind die Vorgänge ja Anlass, überfällige Aktualisierungen vorzunehmen. In einer guten Krisenkommunikation wäre das im Statement durchaus erwähnenswert gewesen. So entsteht kein guter Eindruckeines Spurenverwischens.

Auf alle Fälle ist hier Aufklärung notwendig, zumal offenbar nicht wenige Forschungsgelder geflossen sind. Die Universität Zürich, bei der die Autorin bis vor kurzem beschäftigt war und über die möglicherweise auch Gelder geflossen sind, wurde bereits eingeschaltet und hat eine Klärung angekündigt (Link).

Peter Kidd stellt indes fest, dass für ihn das Plagiat zweitrangig ist, da ein Verweis auch untergegangen sein könnte. Was ihn stört, ist eben die arrogante und wenig wissenschaftlich-professionelle Reaktion.

Ein Punkt ist dabei die Abkanzelung von Blogs (ob nun von der Autorin oder einer vielleicht doch inexistenten Mitarbeiterin).

"Also, perhaps worth remembering, blog posts do not have a DOI number and it can happen that the information provided is scientifically unreliable."

Ja, Websites sind nicht immer verläßlich, aber wissenschaftliches Arbeiten hat sich insbesondere in den Geisteswissenschaften noch nie auf Publikationen mit doi (die übrigens per se keinerlei Qualitätsmerkmal ist, sondern nur der Identifizierbarkeit des Dokuments dient) beschränkt. Selbst ein fehlendes peer-review ist keine Freigabe der Inhalte für Plagiate. Zu zitieren ist alles und jeder, der die Forschung vorangebracht hat, egal ob eine Qualitätssicherung stattgefunden hat oder nicht.


Warum greife ich das auf Archaeologik auf? 

Eigentlich geht es auch mir nicht um den Fall dahinter, sondern um den wissenschaftlichen Umgang mit Blogs.

Letzte Woche hatte ich ein Interview mit einer Kollegin, die die Publikationkultur in der Archäologie thematisiert und dabei kam auch die Sprache auf die Rolle und das Ansehen von Blogs. Ich bin recht zuversichtlich, dass in der Archäologie eine gewisse Bereitschaft besteht, auch Blogs zu zitieren, sind wir es doch gewohnt, dass die Mehrzahl unserer Fachzeitschriften (noch) kein Peer-Review-Verfahren haben. Erst in den letzten Jahren haben die "großen" Zeitschriften nachgezogen, aber die üblichen Jahrbücher der Denkmalpflege, über die ein Großteil der aktuellen Ausgrabungen bekannt gemacht werden, besitzen kein peer review (und brauchen das auch nicht).

Dennoch habe ich auch schon Redaktionen erlebt, die extreme Probleme haben, eine Internetquelle zu azeptieren, aber keine Probleme damit haben, "mündliche Mitteilung"  als vollwertigen Nachweis anzuerkennen.

Ich wäre für die Archäologie optimistischer, dass Blogposts nicht als "nichts" angesehen werden, sehe aber noch immer eine große Unsicherheit im Umgang mit online-Quellen.

 

Übrigens noch ein Aspekt, der hinter dem Skandal leicht untergeht. In dem ursprünglichen Blogpost wie auch in dem Plagiats-verdächtigten Buch geht es um die Rekonstruktion eines Stundenbuchs des 15. Jahrhunderts, das 2009 nach einer Auktion zerfleddert wurde, um die Seiten einzeln verkaufen zu können (Link). Auch das ist ein Skandal, der leider weit weniger Aufregung verursacht.

Mittwoch, 14. Dezember 2022

Es geht wieder los: Wahl des Wissenschaftsblogs des Jahres 2022

Der Blog „Wissenschaft kommuniziert“ führt in diesem Jahr zum zwölften Mal die Wahl der „Wissenschafts-Blog des Jahres“ durch. Auf der Shortlist stehen 30 Blogs - darunter auch Archaeologik.

Die offene Publikumswahl im Internet geht bis zum 25. Januar 2023 (24.00 Uhr). 

Einige Gedanken von Rainer Korbmann zur Rolle von Wissenschaftsblogs möchte ich hier aufgreifen. Er weist darauf hin, dass Wissenschaftsblogs trotz TikTok-Hype und Instagramm-Fieber das ideale Medium der Wissenschaftskommunikation bleibt. Hier sei es möglich, "nicht nur kurze Informationshappen oder optisch attraktive Ausrufezeichen zu senden, sondern Sachverhalte zu schildern, selbst wenn sie umfangreich und kompliziert sind, dies mit informativen und attraktiven Bildern und Grafiken zu kombinieren, ja auch mit Videos, die ansprechen und vieles viel schneller und anschaulicher erklären können (und durchaus oft zur kleinen persönlichen Eitelkeit passen) als Texte allein." Dennoch ruft Korbmann den Krisen-Alarm in der Wissenschafts-Blogosphäre aus!

Blogs führten ein Nischen.Dasein, fielen durch das Raster der Suchmaschinen und spielten für deren Algorithmen keine Rolle. 

Das wird nun künftig noch dadurch verschärft, dass eines der großen Portale, die viele Wissenschaftsblogs in Deutschland gebündelt und leister auffindbar gemacht haben, zum 1. Januar 2023 schließt.

Neben Scilogs.de, das vom Spektrum-Verlag (Spektrum der Wissenschaft, Sterne und Weltraum, Gehirn&Geist, www.spektrum.de), zur Verlagsgruppe Springer nature gehörend betrieben wird, gibt es noch Scienceblogs.de, das vom Stuttgarter Konradin-Verlags (bild der wissenschaft, natur, damals, www.wissenschaft.de) angeboten wurde, der seine Plattform nun aber einstellen will. Die internationale Plattform scienceblogs.com hat seinen Betrieb schon Ende 2017 eingestellt, jetzt folgt auch das deutsche Scienceblogs-Portal.

Es ist hier völlig unsicher, wie es mit den dort betriebenen Blogs weiter gehen wird, was auch mit den Tausenden Blogposts geschieht. Das betrifft rund 45 aktive Blogs, aber auch etwa eben so viele inaktive. Die Archäologie scheint das nicht so sehr zu betreffen, da hier vieles über Institutionen läuft, während private Blogs meist auf blogger, wordpress oder bei hypotheses laufen. Für die Geisteswissenschaften  waren weder Scienceblogs.de noch Scilogs.de ein geeignetes Portal, hier ist eher hypotheses von Bedeutung, das gleichwohl nicht die Sichtberkeit erreicht, wie sie die kommerziellen Portale hätten vermitteln können - hätten Sie die Chance auch genutzt.

Insofern soll die Wahl des Wissenschaftsblogs des Jahres "die besten und beliebtesten Blogs herausstellen, Vorbilder schaffen und „Best Practice“ auch in der Welt der Wissenschafts-Blogs etablieren. Neben dem Ziel, die besten und populärsten Blogs zum Thema Wissenschaft herauszustellen, geht es darum, interessante Beispiele zu zeigen, wie jeder Forscher, jedes Institut, jeder Kommunikations-Verantwortliche oder auch nur jeder Wissenschafts-Fan Informationen in die Öffentlichkeit des Internets bringen, seine Perspektive darstellen kann." 

Den Anspruch Vorbild zu sein, habe ich mit Archaeologik im Prinzip immer noch. Eine Stimme für Archaeologik würde mich also freuen. Ich weiß allerdings auch, dass man heute mehr daraus machen könnte, etwa mit einem mehr an Graphik, Video und podcast sowie einer besseren Integration von Social Media mit verbesserten Interaktionsmöglichkeiten. Gleichwohl sehe ich als mein Publikum nicht die "breite Öffentlichkeit", sondern all jene, die schon ein gewisses Interesse und Grundverständnis von Archäologie mitbringen und auch gern darüber nachdenken, wo sich Akteure, Dinge und Strukturen im Sinne der Wissenschaft weiter oder anders entwickeln müssten - und welche Perspektiven sich da für auch ergeben. Die Präsentation neuer Funde und archäologischer Methoden ist bei vielen anderen Blogs gut aufgehoben.

Ich füge hier noch einmal meine Liste archäologischer Blogs ein, die im Kern jedoch schon 2014 entstanden ist und in vielem nicht mehr aktuell ist, da ich meist nur auf Hinweise hin ergänzt habe. Ich bitte aber nach wie vor um Ergänzungen und Korrekturen.




Blogs sind für die Wissenschaftskommunikation noch immer aktuell, sie haben in den vergangenen Jahren jedoch an Aufmerksamkeit und Reichweite verloren, da sie in der schnellen Welt des Internets schon nicht mehr so hipp sind und sich Konsumgewohnheiten von längeren Texten eher hin zu raschen, seichten Inhalten entwickelt haben. Man wird hier wohl mehr darauf zu achten haben, wie man sich mit anderen sozialen Medien besser vernetzt und Interessenten dort abholt. Suchmaschinen, Bloglisten und Blogportale scheinen nicht mehr auszureichen. Die Kommerzialisierung der Blogs hat nicht ausgereicht und hat - wie sich nun zeigt - immer auch das Risiko des Abschaltens.

Und hier lässt sich für den Wissenschaftsblog des Jahres 2022 abstimmen:


2015 war Archaeologik der Gewinner der Auszeichnung in Gold.

 


Sonntag, 11. Dezember 2022

Antikenverkauf für Museen zahlt sich aus

Antikenverkauf für Museen zahlt sich aus - Das lehrt der Fall der Sekhemka-Statue, die das Northampton Museum and Arts Gallery 2014 für 15,8 Mio £. Trotz internationaler Proteste war die Statue im Londoner Auktionshaus Christie’s die Statue des Sekhemka, die sich seit dem Ende des 19. Jahrhundets im Besitz des Museums befunden hatte, in eine anonyme private Sammlung versteigert worden.

Statue of Sekhemka
Statue des Sekhemka, vom Museum Northampton bei Christie's verhökert
(Foto: Bibilovski (Own work) [CC-BY-SA-4.0], via Wikimedia Commons)

Zerknirscht hatte der Museumsvorstand danach Fehler eingestanden und versprochen, dass so etwas nicht wieder passiere. Inzwischen wurde das Museum für 6,7 Mio £ renoviert. Diese notwendigen Renovierungsarbeiten dienten als Rechtfertigung für den Verkauf. Jetzt hat das Museum seine Akkreditierung durch Arts Council England zurück erhalten, die ihm nach dem Vorfall aberkannt worden ist. Zugleich wurde dem Museum ein Projekt mit 450.000 £ bewilligt, das unter anderem eine Ausstellung "A History of Northamptonshire in 100 Objects" ermöglichen wird. Ein Regionalpolitiker äußerte dazu, dass mit dieser Finanzierung das Kulturviertel wachsen könne und das Profil von  Northamptonshire’s reicher Geschichte mit einer einzigartigen Sammlung von Exponaten geschärft werden könne.

Da stellen sich doch zumindest vier Fragen: 

  • Wo wurden die 9,1 Mio £ eigentlich eingesetzt, die nach der Renovierung aus der Verkaufssumme noch übrig sein müssten? Offenbar ja nicht für eine ganz grundlegende Ausstellung zur Stadtgeschichte - und angesichts von zwei größeren Verlusten und einem Feuer offenbar auch nicht in die Sicherheit. 
  • Was macht die einzigartige Sammlung eigentlich noch aus, wenn man ein Stück von Weltrang verkauft hat? 
  • Warum ging man so rasch dazu über, das Museum wieder mit Geld und Prestige zu überhäufen? 
  • Welche Rolle spielen dabei das neue Archaeological Resources Centre (ARC), das dieses Jahr eröffnet wurde sowie andere mit dem Museum verbundene Restaurierungsprojekte? Hier werden stets nur öffentliche Mittel, etwa aus dem National Lottery Heritage Fund erwähnt, aber es bleibt unklar, ob hier auch Sekhemka-Mittel eingeflossen sind.

 

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The benefits of selling museum objects to anonymous private collectors

Antiquities sale for museums pays off - this is the lesson of the case of the Sekhemka statue, that was sold by the Northampton Museum and Arts Gallery in 2014 for £15.8m. Despite international protests, the statue of Sekhemka, which had been in the museum's possession since the late 19th century, was auctioned off at Christie's London auction house to an anonymous private collection.

Statue of Sekhemka
Statue des Sekhemka, vom Museum Northampton bei Christie's verhökert
(Foto: Bibilovski (Own work) [CC-BY-SA-4.0], via Wikimedia Commons)

Contritely, the museum board admitted mistakes and promised that something like this would not happen again. The museum has since undergone a £6.7m revamp. These necessary renovations served as justification for the sale. The museum has now regained its Arts Council England accreditation, that was lost after the sale. Furthermore, the museum was granted a £450,000 project which will, among other things, enable an exhibition "A History of Northamptonshire in 100 Objects". A regional politician commented: "This funding will enable us to grow Northampton’s Cultural Quarter and raise the profile of Northamptonshire’s rich history through a unique collection of exhibits."

This raises at least four questions: 

  • Where did the £9.1m that should be left over from the sale after the refurbishment actually go? Apparently not for a very basic exhibition on the history of the city - and in view of two major losses and a fire, apparently not for safety either.  
  • What makes a unique collection when you've sold a world-class piece?  
  • Why was it so quick to start heaping money and prestige on the museum again?
  • What is the role of the new Archaeological Resources Center (ARC), which opened this year, and other restoration projects associated with the museum? Reports only mention public funds, such as from the National Lottery Heritage Fund. It remains unclear whether Sekhemka funds were also used here.

 

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Donnerstag, 1. Dezember 2022

Archäologie, Wissenschaft und politische Ideologie - aktuell

Ob wir wollen, oder nicht: Archäologie ist zwangsläufig immer politisch, da sie sich mit Menschen und Gesellschaften befasst und bestenfalls auch Gegenwartsbezüge der Vergangenheit darstellt.

Ich thematisiere hier auf Archaeologik des öfteren die politische Instrumentalisierung von Vergangenheit und Archäologie. Es geht um die ideologischen Einflüsse auf Forschungsergebnisse, bisweilen ganz unbewusst, immer wieder aber auch manipulativ. Geschichtsbilder sind auch heute noch mächtige Instrumente, um Menschen für eine politische Idee zu begeistern oder diese subtil zu verankern - im Guten wie im Schlechten. Sie sind geeignet, Menschen zu erniedrigen, Verfolgung, Mord oder gar zerstörerische Kriege vermeintlich zu rechtfertigen und überhaupt, Menschenrechte auszuhebeln.

Archäologie hat daher eine ethische Seite. Wir müssen einschreiten, wenn Wissenschaft missbraucht wird. Einerseits müssen wir dazu immer wieder selbstkritisch prüfen, ob und wie wir selbst Ideologien erliegen. Andererseits müssen wir beobachten, wie und wo möglicherweise eine politische Agenda Forschungsergebnisse (oder Forscher*innen) manipuliert. Das gilt - nicht nur aufgrund unserer deutschen Forschungsgeschichte - in ganz besonderem Maß in Bezug auf Rassismus, Nationalismus und diverse Rechtsideologien.

Das ist leider nicht allein eine forschungsgeschichtliche Thematik etwa zur Archäologie im Nationalsozialismus, sondern beispielsweise mit dem Russischen Angriff auf die Ukraine und Putins historischen Rechtfertigungsversuchen auch eine ganz aktuelle.

Es ist wichtig, klar anzusprechen, wenn es im Fach problematische Argumentationen gibt - und ebenso, wenn Archäolog*innen sich zu Ideologien bekennen, die Geschichte instrumentalisieren.

Aktuell hat die Plattform Anarchäologie auf den “Fall” Markus Sanke aufmerksam gemacht.

Der Fall betrifft mich persönlich, denn Sanke ist Privatdozent an 'meinem' Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit an der Universität Bamberg. Glücklicherweise besteht schon seit Jahren kein Kontakt mehr.
Ich gehe auf diesen Fall hier nicht weiter ein, da ich nicht dazu beitragen möchte, dass diesen rechten - unwissenschaftlichen - Ideen mehr Wert, Bedeutung und Aufmerksamkeit verliehen wird.
Nur so viel: Markus Sanke hat - mit einem von ihm verfassten Vorwort - das Hauptwerk des französischen rechtsextremen Publizisten Charles Maurras (1866-1953) übersetzt und mit dem laut Verfassungsschutz des Landes Sachsen-Anhalt gesichert rechtsextremen Institut für Staatspolitik herausgegeben - weil er "unbekannte oder vergessene mythologisch-historische Motive" "für unsere [= "das widerständige, patriotische Milieu im heutigen Deutschland"] Argumentation nutzbar macht" (Zitate aus dem Vorwort).

Der Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit in Bamberg distanziert sich von rechtsextremem Gedankengut ausdrücklich. Die Universität Bamberg bekennt sich explizit zu Chancengleichheit, zu Toleranz, Menschenrechten und Demokratie.

Anarchäologie fordert auf instagram nun “alle archäologischen Institutionen und Verlage auf, die Zusammenarbeit mit extrem rechten Archäolog:innen wie Markus Sanke einzustellen.” Ich stimme prinzipiell zu, dass “Rechte Ideologien in der Archäologie nichts zu suchen haben”.

Solche Fälle werfen generell Fragen auf, wie man mit ihnen als Fach umgeht. Aufgrund von Meinungsfreiheit ist es nicht illegitim, Standpunkte zu vertreten, die die Mehrheit der Gesellschaft nicht teilt oder verurteilt. Grenzen sind erreicht, wenn Menschenrechte in Frage gestellt werden und Hass geschürt wird. Hier geht es um Demokratie, für die wir uns als Bürger*innen einsetzen sollten. Hier geht es um Werte.

Die Grenzen der Wissenschaft liegen etwas anders. Hier zählt eine saubere Methode und Argumentationsweise, auch in den Geisteswissenschaften und der Archäologie. Hier geht es um Fakten bzw. darum, diese herauszuarbeiten. Wissenschaft - und gerade die Geisteswissenschaften - benötigen dazu eine Diversität der Positionen und Stimmen, weshalb es generell nicht unproblematisch ist, andere Wissenschaftler*innen aus dem Diskurs aus nicht-fachlichen Gründen auszuschließen. Ein tolerantes Weltbild, das Menschen gleiche Rechte zubilligt, Vorurteilen und Diskriminierung wo immer sie erkannt werden, entgegentritt, ist aber grundlegend für eine seriöse Wissenschaft.

Aktuell geht es im Fall von Markus Sanke nicht um den Missbrauch archäologischer Forschung. Uns sind keine Hinweise bekannt, dass seine persönliche politische Gesinnung Einfluß auf das archäologisch-wissenschaftliche Werk oder gar seine Lehre hatte. Daher gibt es aus fachwissenschaftlicher Sicht aktuell keinen Anlass, ihn deshalb, wie Anarchäologie fordert, aus dem Diskurs auszuschließen. Seine bisherigen archäologischen Publikationen scheinen mir weiterhin zitierfähig, wenn man nun wohl auch immer argwöhnig auf Subtexte achten wird.

Allerdings versucht Sankes Übersetzung von Charles Maurras, sich den Anschein von Wissenschaftlichkeit zu geben und so dessen Ideen für die Rechte zu promoten. Nicht die Archäologie, sondern die Wissenschaft im Allgemeinen wird hier agitatorisch eingesetzt, um die Seriosität eines Weltbilds voll Hass, Missgunst und Selbstbezug vorzuspiegeln.

Wissenschaftler*innen müssen deshalb noch mehr nach als alle Bürger*innen sensibel sein. In den letzten Jahren haben wir oft genug rechte Positionen hören müssen, die immer ganz bewusst an den moralischen wie wissenschaftlichen Leitplanken entlang schrammen.

Ob man als Person oder mehr noch als Bürger*in oder auch als öffentliche Institution es verantworten kann, durch Kooperationen seine rechten Positionen indirekt zu fördern und salonfähig zu machen, steht auf einem anderen Blatt. Ich schließe das persönlich aus.
 

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