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Samstag, 9. Juli 2022

Kirgisistan: Pech gehabt - Pest gehabt

Nachdem eine neue aDNA-Studie den Nachweis erbracht hat, dass die mittelalterliche Pestwelle des 14. Jahrhunderts ihren Ausgangspunkt im nördlichen Kirgisistan hatte - hier also das Wuhan des Schwarzen Todes lag. Unabhängig von der historischen Bewertung des Studienergebnisses ist die Reaktion der kirgisischen Regierung bemerkenswert:

Die Studie ist demnach eine Verschwörung, um die kirgisische Tourismusindustrie zu schädigen!

Zunächst kommentierte der Wirtschafts- und Finanzminister Akylbek Japarow einen facebook-Post, der auf einen russischen Medienbericht verlinkt, knapp und vielleicht auch eher frustriert: "Warum zu Beginn der Urlaubssaison?"

Das Gesundheitsministerium äußerte sich jedoch nach einem Bericht von kg24, einer kirgisischen Online-Zeitung deutlicher: “Angesichts der Tatsache, dass der Issyk-Kul-See und Kirgisistan insgesmt von ziemlich vielen Touristen, auch aus dem Ausland besucht werden, sieht es so aus, als sei diese Publikation geschrieben worden, um das Land als beliebtes Urlaubsziel in Verruf zu bringen,” Das Ministerium legt wert darauf, dass heute in der Region kein Pestrisiko mehr bestehe:
„In der Region Issyk-Kul wurden Ausgrabungen alter Gräberfelder zum Nachweis der DNA des Pestkeims nicht durchgeführt. Das Gebiet der Chui-Region weist heute keine natürlichen Pestherde mehr auf und gilt als vollständig geheilt. Im 21. Jahrhundert hat der weltweite Fortschritt einen Höhepunkt erreicht und ermöglicht es, die Herde der Beulenpest frühzeitig zu stoppen, um das Wiederauftreten solcher großflächiger Epidemien wie im 14. Jahrhundert zu verhindern, die im veröffentlichten Artikel erwähnt werden.“

In der Region ist der Petsterreger in aktuellen Reservoirs in mehreren Studien nachgewiesen. Die WHO sieht den größten aktiven Focus des Pesterregers in der zentralasiatischen Wüste, die Teile von Kasachstan, Turkmenistan und Uzbekistan umfasst. 2013 war in Kyrgisistan jedoch ein 13jähriger Junge an der Pest verstorben, der als Hütejunge wohl mit einem flohbesetzten Murmeltier in Kontakt gekommen ist.

Rechtzeitig diagnostiziert ist die Behandlung der Pest mittels Antibiotika heute kein Problem mehr. Im asiatischen Raum ist die Geschichte der Pest stärker als in der europäischen Geschichtsschreibung mit der Überlieferung des arabischen Historikers und Geographen Ibn al-Wardi verbunden (, der noch nicht einmal einen Eintrag in der deutschen Wikipedia hat). Er berichtet über die Pest, sie sei "aus dem Land der Finsternis" gekommen, ehe sie sich nach China und über die islamische Welt ausgebreitet habe. Als Land der Finsternis wollen nur wenige gelten und noch weniger wollen dort Urlaub machen. Die fehlende Begeisterung bei der kirgisischen Regierung ist insofern nachzuvollziehen, aber eine Verschwörung braucht man nun nicht in den Raum zu stellen...

Der Issyk-Kul-See
(Foto: Thomas Depenbusch 2007 [CC BY2.0] via WikimediaCommons)



Quellen


Bearbeitungsvermerk; 16.7. mehrere Typos korrigiert
10.2.2023: Zitat der Studie Spyrou et al 2022 ergänzt

Samstag, 28. März 2020

Archäologie der Erreger

Der Corona-Virus SARS-CoV-2 verändert massiv den Alltag und betrifft natürlich auch die Archäologie - einmal konkret durch die abgesagten Tagungen, nun eher online gehaltenen Lehrveranstaltungen und geschlossenen Bibliotheken, aber auch inhaltlich.

Viren
Viren
(biology pop [CC BY SA 4.0] via WikimediaCommons)

Viele aktuelle Beiträge in den Medien greifen das Thema der Epidemien auf, versuchen der verunsicherten Bevölkerung Orientierung zu geben. Das ist in der Tat eine wichtige Aufgabe der Geschichtswissenschaften. Bezogen auf die Coronaepidemie stehen einzelne vergangene Epidemien im Blickfeld. Selten wird aber erläutert woher wir das Wissen über die Epidemien haben. Meist wird auch nur auf die zeitlich näher liegenden Epidemien wie die Spanische Grippe von 1918-20 oder die jüngeren Grippe- und Sars-Epidemien verwiesen.
  • vergl. Archaeologik (demnächst8.1.2021)
Was die Medien kaum abbilden, sind die langfristigen Entwicklungsstränge, die zeigen, wie sich Erreger verändern und wie die Gesellschaften langfristig davon betroffen waren. 
Krankheiten sind nämlich auch in der Vergangenheit ein wesentlicher Faktor gesellschaftlichen Wandels und eng verbunden mit der Mensch-Umwelt-Interaktion. Insofern kann und muss ein Krankheitserreger auch ein archäologisches Thema sein, auch wenn wir ihn eigentlich nicht ausgraben können und ein historisches Thema, auch wenn (jedenfalls vor dem 19./20. Jahrhundert) ihn die Schriftquellen nicht nennen. Covid-19 wird den Trend sicher bestärken, solche Themen auch in der Archäologie stärker zu verfolgen.

Lange war man allein auf die schriftliche Überlieferung angewiesen. Allerdings war und ist es hier immer schwierig, aus den Beschreibungen auf die tatsächliche Krankheit zu schließen. Bei vielen überlieferten Epidemien war und ist es teilweise noch immer unklar, welcher Erreger dahinter steckte.

Neue Methoden insbesondere der Archäogenetik haben in den vergangenen Jahren viele neue Erkenntnisse über Krankheiten und ihre Bedeutung für die historische Entwicklung gebracht. Letztlich steht die Forschung hier aber ganz an den Anfängen, denn wenn wir Näheres über Ausbreitung und Wirkungen erfahren wollen, müssen wir ganz neu auf unsere archäologischen und historischen Daten schauen. Es ergeben sich nämlich zahlreiche Fragen, denen bisher kaum Beachtung geschenkt wurde und denen das gängige Fachverständnis oft nur wenig Raum lässt.


Frühere Krankheitserreger


Vorab: Krankheitserreger gibt es viele. Krankheitserreger können Parasiten, Bakterien oder Viren, aber auch Algen, Pilze, Prionen (Proteine) oder Viroide sein. Unterschiedlich sind auch die Wirkungen dieser Mikroorganismen. Sie können das Gewebe schädigen, weil sie sich von Körperzellen ernähren, weil sie heftige Immunreaktionen wie hohes Fieber hervorrufen oder giftige Stoffe freisetzen. Bei Bakterien unterscheidet man Exotoxine und Endotoxine. Ersteres sind Giftstoffe die von lebenden Bakterien abgegeben werden. Meist handelt es sich dabei um Proteine. Das ist beispielsweise bei Cholera, Keuchhusten, Diphtherie, Tetanus und Scharlach der Fall. Endotoxine sind Teile der Zellwand von Bakterien, die freigesetzt werden, wenn diese absterben. Zu den Krankheiten, die so ausgelöst werden, gehören Typhus und Salmonellosen wie auch die Pest.

Der Nachweis früherer Krankheiten kann anhand ihrer Symptome, anhand von Antikörpern oder durch den Nachweis des Erregers selbst erfolgen. Das ist an archäologischem Material nicht einfach.
Meist sind nur noch Skelettreste vorhanden. Nicht alle Krankheiten führen dort zu Veränderungen und wenn, dann sind  sie diagnostisch oft nicht ganz eindeutig.
 
Schon länger arbeitet die Anthropologie auch mit Methoden der Seroarchäologie oder Paläoserologie, die auf den Nachweis der Antikörper abzielt. Das ist ein Teilgebiet der Serologie, die sich (ihrerseits als ein Teil der Immunologie) mit Antigenen und Antikörpern befasst. Hier stehen unterschiedliche Methoden zur Verfügung, die u.a. auch Blutgruppenbestimmungen ermöglichen. Haben sich die Methoden in der Forensik offenbar bewährt, so sind sie bezogen auf archäologisches Material nicht unproblematisch (Berg u.a. 1983). Für jüngere Epidemien, wie die Grippeepidemien von 1889-1893 und 1918-20 konnten so aber verschiedene Antikörper und damit indirekt verschiedene Erreger nachgewiesen werden.

  • Berg u. a. 1983
    S. Berg – Bertozzi,, B. – R. Meier – S. Mendritzki, Vergleichend-methodologischer Beitrag und kritische Bemerkungen zur Interpretation von Blutgruppenbestimmungen an Mumienrelikten und Skelettfunden. Anthropologischer Anzeiger 41, 1983, 1–19. - https://www.jstor.org/stable/29539402 
  • Worobey u. a. 2014
    M. Worobey – G.-Z. Han – A. Rambaut, Genesis and pathogenesis of the 1918 pandemic H1N1 influenza A virus, Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 111, 2014, 8107–8112 - <doi:10.1073/pnas.1324197111>

Der Nachweis der Erreger selbst ist die sicherste Möglichkeit eine Krankheit zu identifizieren. Bei Parasiten und teils auch bei Bakterien bieten mikroskopische Untersuchungen etwa von Bodenproben aus Latrinen schon  länger gewisse Möglichkeiten. Aber erst mit der Untersuchung der DNA lassen sich die nötigen Differenzierungen bei Bakterien vornehmen und Viren überhaupt erst sicher identifizieren.

Archäogenetik

Mit dieser aDNA beschäftigt sich die Archäogenetik, die in der öffentlichen, aber auch fachlichen archäologischen Wahrnehmung meist eher mit Fragen der Abstammung von Mensch und auch Tier verbunden wird. Ihre Methoden werden aber auch auf Krankheitserreger angewandt.

Die Genetik verfügt über zwei verschiedene Ansätze zur Rekonstruktion früherer Krankheitserreger. 

Der eine setzt an der Analyse heutiger Erreger an. Im Vergleich lassen sich Stammbäume rekonstruieren, die mit Hilfe der molekularen Uhr auch mehr oder weniger absolut datiert werden können. Dieser metaphorische Begriff der genetischen bzw. häufiger: molekularen Uhr bezeichnet eine Methode, die mittels der DNA-Sequenzierung die Mutationen in einer DNA-Sequenz nutzt, um relativchronologisch die Aufspaltung zweier Arten/ Subtypen/ Serotypen von einem gemeinsamen Vorfahren abzuschätzen. Bei Zellteilung und Vermehrung muss das Erbgut kopiert werden. Das geschieht häufig fehlerhaft, so dass sich an einzelnen Positionen im Erbgut Veränderungen ergeben. Mehrheitlich haben die Mutationen keine Auswirkungen auf den Gesamtorganismus, so dass kein Selektionsdruck entsteht und sich die Veränderungen im Lauf der Zeit summieren. Je mehr Unterschiede in der DNA-Sequenz vorliegen, um so weiter liegt der Zeitpunkt der Aufspaltung auseinander. Die Mutationsrate kann theoretisch dazu genutzt werden, die Veränderungen auch absolut chronologisch zu bestimmen. Schwierig ist das in der Praxis aber deshalb, weil je nach Funktion der Gene die Geschwindigkeit der Mutationen unterschiedlich sein kann und beispielsweise auch die Generationendauer und die Populationsgröße zu berücksichtigen sind. Nicht selten lässt sich aber eine Kalibration vornehmen, indem man chronologisch bekannte Differenzierungen heranzieht - oder alte DNA aus dem archäologischen Kontext datiert.

Der zweite Nachweis früherer Krankheiten erfolgt direkt über die alte DNA (aDNA). Er setzt voraus, dass geeignete Proben vorliegen. Diese können aus alten medizinischen Proben bzw. Präparaten stammen oder aber aus archäologischen Ausgrabungen.

    Archäologische Quellen für aDNA

    Archäologische Ausgrabungen bieten viele Möglichkeiten aDNA von Krankheitserregern zu gewinnen. Das sind zum einen natürlich Grabfunde. Meist liegen zwar nur Skelettreste vor, doch sind die Zähne in der Regel etwas besser erhalten - und in der Höhlung des Zahnnervs im Zahn ergibt sich so ein geschützter Raum, in dem sich häufig aDNA von Krankheitserregern finden lässt, die mit dem Blutkreislauf dorthin gelangt ist. Das gilt prinzipiell auch für die Zähne von Tieren, die man eher im Siedlungszusammenhang findet. Auch aus Bodenproben etwa aus Latrinen kann aDNA gewonnen werden. Hier ist quellenkritisch jedoch zu klären, wie sicher Datierung und Kontext jeweils sind.

    Die Erhaltungsbedingungen für aDNA sind nicht immer gegeben. Frühe Forschungen hatten mit dem Problem der modernen Kontamination zu kämpfen, doch wurden inzwischen Kriterien entwickelt, die es erlauben, aDNA von moderner DNA zu unterscheiden.

    • Bennett u. a. 2019
      R. J. Bennett/K. S. Baker/C. S. Kraft, Looking Backward To Move Forward. The Utility of Sequencing Historical Bacterial Genomes. Journal of Clinical Microbiology 57, 8, 2019, 496. - <doi: 10.1128/JCM.00100-19>
    • Krause/Trappe 2019
      J. Krause/T. Trappe, Die Reise unserer Gene. Eine Geschichte über uns und unsere Vorfahren (Berlin 2019).
    • Meller / Alt 2010
      H. Meller – K. W. Alt (Hrsg.), Anthropologie, Isotopie und DNA - biografische Annäherung an namenlose vorgeschichtliche Skelette? 2. Mitteldeutscher Archäologentag vom 08. bis 10. Oktober 2009 in Halle (Saale), Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle (Saale) 3 (Halle (Saale) 2010) 
    • Warinner u. a. 2017
      C. Warinner/A. Herbig/A. Mann u. a., A Robust Framework for Microbial Archaeology. Annu. Rev. Genom. Hum. Genet. 18, 1, 2017, 321–356. - <doi:  10.1146/annurev-genom-091416-035526>


    Neue Erkenntnisse bei ausgewählten Krankheiten

    Das Potential, das in diesen archäologischen Quellen liegt, lässt sich am besten zeigen, indem man auf einige Krankheiten schaut, die in der Vergangenheit von Bedeutung waren und bei denen die Forschung in den vergangenen Jahren neue Erkenntnisse gewonnen hat - oder im Gegenteil Fragen offen gelassen hat, deren Bedeutung uns erst angesichts der neuen Forschungen und angesichts von SARS-CoV-2 deutlich wird.

    Montag, 14. Januar 2019

    Die Archäozoologie der Pest - #ArchInf

    Ptolemaios Dimitrios Paxinos
    Die Archäozoologie der Pest. 
    Die Auswirkungen des Schwarzen Todes (1347-1350) auf Tierhaltung und Viehnutzung im Gebiet des heutigen Deutschland
    Documenta Archaeobiologiae 12
    Rahden: Leidorf 2017.

    Hardcover, 318 S., 101 Abbildungen, 81 Tabellen.
    ISBN 978-3-89646-628-0

    Rezension im Original in:
    Archäologische Informationen 42, 2019, im Early View, online publiziert 12. Jan. 2019 im Early View als PDF DOI: https://doi.org/10.11588/ai.2019.0.69504 unter CC BY 4.0


    Die Archäobiologie hat in den vergangenen Jahren wichtige neue Beiträge zur Geschichte der Pest geliefert. Genetische Studien haben das Bakterium Yersinia pestis als Erreger des Schwarzen Todes im 14. Jahrhundert bestätigt, dabei aber auch gezeigt, dass es kurz vor dem beprobten Massengrab von London-Smithfield zu einer Mutation des Erregers gekommen ist (Bos u. a., 2011; Bos u.a., 2012). Damit stellt sich die Frage nach den Voraussetzungen der Epidemie und speziell nach dem Einfluss der Kulturlandschaft. Diese war nach dem sog. Landesausbau und den regional verschiedenen Prozessen der Dorfgenese in den vorausgehenden Generationen unter den Bedingungen der beginnenden Kleinen Eiszeit im 14. Jahrhundert starkem ökologischem Stress ausgesetzt. Langfristige Veränderungen ihrer Biotope, aber auch kurzfristige Extremwetter wie die sog. Magdalenenflut kurz vor der Ernte 1342 haben sicher auch die Nager als Reservoir und Überträger von Yersinia pestis – die ja eigentlich eine Nagerkrankheit ist – betroffen.
    Das Thema der Dissertation von Ptolemaios Dimitrios Paxinos sind aber weder die archäogenetischen Nachweise von Yersinia pestis noch die Voraussetzungen oder Auswirkungen des Schwarzen Tods selbst. Ziel ist es vielmehr, mit den Methoden „konventioneller“ zooarchäologischer Forschung zur Pest herauszufinden, wie die Menschen mit der viel umfassenderen Krise umgegangen sind. Welche mittel- und langfristigen Veränderungen ergaben sich daraus für Viehwirtschaft und Ernährung? Ob man die Entwicklung des 14. Jahrhunderts tatsächlich als „Krise“ begreifen möchte oder nicht (Schreg, 2011), spielt hier eine untergeordnete Rolle.
    Paxinos gliedert seine Arbeit in vier Teile. Teil 1 umfasst die Einführung in das Thema, die Darstellung der Quellenlage und der angewandten Methoden (S. 15-46). Teil 2 (S. 47-78) präsentiert die regionale Skalenebene, für die die Untersuchungen an den Tierknochen zweier konkreter Fundplätze vorgestellt werden. Das sind zum einen der Kölner Dom und zum anderen der Fischmarkt in Konstanz, wobei Paxinos erstere auf Grundlage eigener Bestimmungen, letztere auf Basis der Publikation von Priloff (2000) sowie der zur Verfügung gestellten Primärdaten analysiert.
    Teil 3 (S. 79-118) betrifft die überregionale Ebene und vergleicht dazu die Tierknochenfunde von 173 Fundplätzen. Der abschließende Teil 4 (S. 119-138) liefert die Diskussion der Befunde und schließlich folgt ein umfangreicher Anhang mit Tabellen, aber ohne Bereitstellung weiternutzbarer digitaler Daten.
    Das methodische Vorgehen, um einen aussagekräftigen Vorher-Nachher-Vergleich zu erhalten, ist schlau ausgeklügelt. Paxinos teilt seine Fundkomplexe in vier Perioden A bis D (S. 33 ff.), die jeweils weiter in 50-Jahresblöcke unterteilt werden – außer Periode B, welche die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts, also die Zeit unmittelbar nach der großen Pestepidemie von 1347 ff. umfasst. Bei diesem Perioden-System handelt es sich nicht um relativchronologische Stufen, wie wir sie als Archäologen gewohnt sind, sondern um eine Klassifikation der Fundkomplexe nach ihrer absoluten Datierung und der Möglichkeit ihrer chronologischen Zuweisung. Periode A bezeichnet im Allgemeinen den Zeitraum vor dem Schwarzen Tod. Er ist in vier Stufen unterteilt, wobei die Perioden A2 bis A4 den besonders relevanten Zeitraum zwischen 1200 und 1350 abdecken.
    Periode A1 ist länger als die sonst angesetzten 50-Jahresschritte, da in der Realität viele, nämlich 57 Fundkomplexe auch noch ältere, frühund hochmittelalterliche Knochen beinhalten, die eben in dieser Periode A1 zusammengefasst sind.
    Periode B beschränkt sich allein auf den kurzfristigen Zeitraum unmittelbar nach dem Schwarzen Tod, in dem sich Bevölkerungsrückgang und Wüstungsprozess fortsetzten. Daten, die in diese Periode fallen, zeigen also die kurzfristigen Auswirkungen der Pest. Nur in zwei Fundkomplexen – in dem des Kölner Doms und dem des Fischmarkts in Konstanz, die in Teil 2 detailliert ausgewertet werden – lassen sich tatsächlich Funde auf Periode B eingrenzen. Periode C ermöglicht mit insgesamt 19 Fundkomplexen die Erfassung langfristigerer Trends, da sie zweigeteilt das 15. Jahrhundert umfasst. Insgesamt 17 Komplexe sind dem 16. Jahrhundert als Periode D zuzuweisen.
    Fundstellen mit geeigneten chronologisch differenzierbaren Funden des 14. Jh. sind also nicht besonders häufig. Auch Köln und Konstanz spiegeln aufgrund der jeweiligen Sekundärablagerung in der Kirche bzw. einer Landgewinnung am Seeufer nicht unmittelbar das Konsumverhaltens eines einzelnen Haushalts. Hinzu kommt, dass Handwerkerabfälle eine besondere Rolle spielen. So ist es trotz zahlreicher stadtarchäologischer Grabungen bisher nur bedingt gelungen, eine solide Datenbasis zu schaffen, die für eine gezielte übergreifende Fragestellung, wie sie Paxinos verfolgt, wirklich ausreichend wäre. Die besonders wichtigen Funde aus ländlichen Siedlungen fallen für eine Auswertung sogar völlig aus. Paxinos stellt S. 88 fest, dass sich die Datenbasis für ländliche Siedlungen gegenüber der Synthese von Benecke (1994) vor fast 25 Jahren kaum verbessert habe. Ländliche Siedlungen sind v.a. nach 1350 noch immer unterrepräsentiert (S. 33), obgleich die Wüstungsforschung seit dem 19. Jahrhundert ein nicht ganz unwesentliches Forschungsfeld darstellt. Angesichts des immensen Zuwachses denkmalpflegerischer Maßnahmen im Rahmen der immer wichtigeren privatwirtschaftlichen Archäologie ist das sehr bedenklich, denn offenbar gelingt es nicht, die zahllosen Rettungsgrabungen effektiv als historische Quellen in Wert zu setzen. Problematisch ist auch, dass gerade Latrinen und Brunnen, die Archäologen immer als besonders spannend erachten, im Hinblick auf die Praxis der Tierhaltung kaum auszuwerten sind, da hier besondere Prozesse einer primären Formation vorliegen.
    Paxinos vergleicht auf Basis dieser chronologischen Einteilung (sowie einer regionalen Differenzierung) die Statur der Tiere, repräsentiert durch Robustheit und Widerristhöhe, die Geschlechtszusammensetzungen und die Altersspektren.
    Die Analyse der Daten zeigt vielfältige Veränderungen auf. Das Rind beispielsweise nimmt in den Perioden A1 bis A3 mehr als die Hälfte des Fundmaterials ein, sinkt in Periode A4 bis B auf 44 % und steigt im 15. Jahrhundert kurzfristig auf 46,7 %, ehe es in Periode D nur noch bei 37,5 % liegt (S. 91). Auffallend – aber noch nicht ausreichend untersucht – ist die Beobachtung, dass Katzenfunde insbesondere in Latrinen nach der Pest zunehmen, sodass es zumindest denkbar erscheint, dass man der „bösen“ Katze eine Mitschuld an der Katastrophe gab und sie in der Folge häufiger tötete und im Müll entsorgte (S. 93). Allerdings könnte es auch sein, dass die steigende Zahl von Katzen mit einem erhöhten Rattenvorkommen zu tun hat. Letzteres kann Paxinos mit seinen Fundkomplexen nicht überprüfen. Hier deutet sich aber an, wie wichtig archäo-zoologische Untersuchungen auch an Kleintieren wie Nagern, aber auch Vögeln wären, da sie für das Verständnis von Epidemien, aber auch von Landschaftswandel gerade im Spätmittelalter grundlegend sind.
    Basierend auf seiner Datenanalyse eröffnet Paxinos die Diskussion (Teil 4) mit der Arbeitshypothese, dass „die spätmittelalterliche Krise im Allgemeinen und der Schwarze Tod im Besonderen [...] kurz- und/oder langfristig zu Veränderungen in der Viehnutzung des Spätmittelalters [führte]. Diese Veränderungen spiegeln sich nicht nur in einer Verschiebung der wirtschaftlichen Bedeutung der einzelnen Nutztiere, sondern auch in einer Änderung ihres Phänotyps wider.” (S. 121). Die Kapitel 12 und 13 werten die Ergebnisse der Einzeluntersuchungen bzw. der überregionalen Untersuchung aus und zeigen, dass es im 14. Jahrhundert die postulierten kurz- und langfristige Veränderungen tatsächlich gegeben hat. Die Untersuchung der Größenparameter Robustheit und Größe belegt Veränderungen bei der Haltung und Fütterung der wichtigsten Nutztiere während des Spätmittelalters. Die Rinder aus Köln und Konstanz beispielsweise sind im Zeitraum von hundert Jahren nach der Pest deutlich kleiner und zierlicher.
    Letztlich kann der Band die Frage nicht klären, inwiefern der beobachtete Wandel tatsächlich ursächlich mit der Pest zusammenhängt. Methodisch hat Paxinos hier den Weg einer Korrelation beschritten, der bestenfalls ein zeitliches und räumliches Zusammenfallen feststellen, aber keine Aussagen zu Wirk- und Kausalzusammenhängen liefern kann. Der fragestellungsorientierte Fokus auf das 14. Jahrhundert wird hier insofern problematisch, als kaum zu erfassen ist, wie stark die normale Variabilität in der Zeit ist und inwiefern dem 14. Jahrhundert tatsächlich die Qualität einer Zäsur zukommt.
    Plausible Erklärungen sind nur aus der Perspektiveder Humanökologie zu gewinnen, diedann in Hypothesen und konkrete Fragen umzusetzensind. Möchte man die tatsächlich wichtigeFrage nach der Krise des 14. Jahrhunderts klären,so muss mittels DNA-Untersuchungen die Geschichteund Verbreitung von Yersinia pestis weiter geklärt und der Wandel der mittelalterlichen Kulturlandschaft auf seine Auswirkungen auf Biotope, Biodiversität, Mikroklima und Böden untersucht werden (vgl. Schreg, 2011). Die Routinearbeit der Denkmalpflege, die allein die nötige Quantität an Daten liefern könnte, ist damit hoffnungslos überfordert, denn es müssten beispielsweise gezielt auch die Knochen von kleinen Nagern und Vögeln ausgeschlämmt werden, Proben für die Genetik bereitgestellt werden, archäobotanische Umweltrekonstruktionen realisiert und Off-site-Archive viel mehr in den Fokus der Denkmalpflege genommen werden als es derzeit denkmalpolitisch und finanziell zu leisten ist.
    Noch aber scheint auch im Fach – egal ob an den Universitäten oder der Denkmalpflege – kaum Bewusstsein für die Bedeutung dieser „theoretischen” Fragen und für die methodischen Ansätze vorhanden zu sein. Paxinos deutet die weiteren Zusammenhänge nur an, doch zeigt seine Arbeit mustergültig, welches historische Potenzial in der Archäozoologie steckt, und dass sie mehr ist als eine Artenliste der Tierknochenfunde – sofern den Knochen bei Ausgrabung und Publikation die gebührende Aufmerksamkeit und Sorgfalt geschenkt wird. Paxinos leistet einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung von Fragestellung und Methoden und es ist zu wünschen, dass die auf den ersten Blick sehr spezielle Arbeit breit rezipiert wird.

    Literatur

    • Benecke, N. (1994). Archäozoologische Studien zur Entwicklung der Haustierhaltung in Mitteleuropa und Südskandinavien von den Anfängen bis zum ausgehenden Mittelalter. (Schriften zur Ur- und Frühgeschichte 46). Berlin: Akademie-Verlag.
    • Bos, K. I., Schuenemann, V. J., Golding, G. B. u. a. (2011). A draft genome of Yersinia pestis from victims of the Black Death. Nature 478, 7370, 2011, 506–510.
      https://doi.org/10.1038/nature10549
    • Bos, K. I., Stevens, P., Nieselt, K., Poinar, H. N., DeWitte, S. N., Krause, J., Gilbert, M. T. P. (2012). Yersinia pestis: New Evidence for an Old Infection. PLoS ONE 7,11, 2012, e49803.
      https://doi.org/10.1371/journal.pone.0049803
    • Prillof, R.-J. (2000). Tierknochen aus dem mittelalterlichen Konstanz. Eine archäozoologische Studie zur Ernährungswirtschaft und zum Handwerk im Hoch- und Spätmittelalter. (Materialhefte zur Archäologie in Baden-Württemberg 50). Stuttgart: Theiss.
    • Schreg, R. (2011). Die Krisen des Späten Mittelalter - Perspektiven, Probleme, Potentiale. In F. Daim, D. Gronenborn & R. Schreg (Hrsg.), Strategien zum Überleben. Umweltkrisen und ihre Bewältigung. (RGZMTagungen 11). (S. 195-214). Mainz: RGZM.

     Rainer Schreg

     

     

    Bearbeitungsvermerk 24.11.2025: doi ergänzt 

    Samstag, 27. September 2014

    Kopfjäger auf Grabung in Toulouse

    Laufende Notgrabungen in Toulouse werden wiederholt von Raubgräbern heimgesucht, die insbesondere Schädel entwenden. Gegraben wird ein Massengrab, das mit einem Pestausbruch 1378 in Verbindung gebracht wird. Etwa 150 Gräber wurden identifiziert. Bislang wurden mindestens sechs Schädel gestohlen. Der Wert der Skelettserie als Datengrundlage für Forschungen zur Demographie, Ernährungs- und Gesundheitssituation und zur Gefährlichkeit der Pest wird dadurch erheblich beeinträchtigt.   

    Montag, 19. Mai 2014

    ISSN für Black Death Network

    Auf der Plattform von hypotheses.org wird ein themenbezogenes Blog betrieben, das sich mit den Krisenphänomenen des 14. Jahrhunderts auseinandersetzt und interessierte Wissenschaftler aus verschiedenen geistes- und naturwissenschaftlichen Disziplinen zusammenführen soll:
      James le Palmer,  Omne Bonum. England (London),
      1360-1375
      (The British Library; Record Number: c6541-07;
      Shelfmark: Royal 6 E. VI; Page Folio Number: f.301.
      WikimediaCommons)
    • The Black Death Network

    In letzter Zeit war es etwas still dort, aber die Deutsche Nationalbibliothek hat dem Blog nun eine International Standard Number zugeteilt:

    ISSN 2199-0891


    Links