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Donnerstag, 6. Juni 2024

Hochwasser in Regensburg – was wir aus der Geschichte lernen können

ein Gastbeitrag von Iris Nießen 

Das Hochwasser in Regensburg hat am Messpunkt der Eisernen Brücke am 02. Juni 2024 die Meldestufe 4 und in den folgenden Tagen einen Wasserstand von 6 m über Pegelnull erreicht. Die Stadt Regensburg war in ihrer Geschichte häufig von Hochwasserereignissen betroffen, die das Ausmaß diesen Jahres deutlich überstiegen. Archäologische und schrifthistorische Quellen ermöglichen es, die Höhe der vergangenen Hochwasserereignisse zu rekonstruieren und zeitlich einzuordnen. Diese Daten können wichtige Anhaltpunkte bieten, um die aktuellen Ereignisse einzuordnen.

 

Regensburg hatte in der Vergangenheit Wasserstände von über 11 m über Pegelnull

Das letzte große Hochwasser in Regensburg im Juni 2013 erreichte mit 7,3 m über Pegelnull einen noch höheren Wasserstand als dieses Jahr und überschwemmte unter anderem die damals laufenden archäologischen Ausgrabungen am Regensburger Donaumarkt, dem heutigen Standort des Museums der Bayerischen Geschichte. Die Ausgrabung selbst ist eine wichtige Quelle für vergangene Überschwemmungshorizonte aus dem Mittelalter. Eine Auswertung der archäologischen Befunde und der Schriftquellen aus Regensburg zeigt, dass es während des Mittelalters Wasserstände von bis zu 11,6 m über Pegelnull gegeben hat. Hierzu gehören unter anderem eine Überspülung der Steinernen Brücke im Jahr 1284 und Hochwasser bis an die Treppen des Domes im Jahr 1235/36. Diese liegen damit höher als die überlieferten Extremhochwasser der Neuzeit, beispielsweise 1784 mit 8,4 m über Pegelnull und 1845 mit 7,5 m über Pegelnull, was einem HQ100 (einem im Schnitt alle hundert Jahre wiederkehrenden Hochwasser) entspricht. Die Analyse von archäologisch erfassten Überschwemmungsschichten zeigt im Vergleich zu der schriftlichen Überlieferung, dass die Schriftquellen sehr lückenhaft sind und offenbar nur vereinzelte Extremereignisse dokumentieren. Bei der Beurteilung der Schwere der Hochwasserereignisse und der Wasserstände muß die fachspezifische Quellenkritik jeweils beachtet werden. Bei den historischen Pegelständen sollte darüber hinaus bedacht werden, dass die Donau noch nicht begradigt war und eine niedrigere Flusssohle besaß. 

Regensburg im Juni 2013; vollständig überschwemmtes Grabungsareal am Donaumarkt
(Foto: Archaios GmbH; Nießen/Wollenberg 2019, Abb. 1).


 

 

Eigentlich sind Winterhochwasser typisch für Regensburg

Regensburg hat aufgrund seiner geografischen Lage ein starkes Risiko für schwere Winterhochwasser, da die nordbayerischen Zuflüsse Wörnitz, Altmühl, Naab und Regen ihr Niederschlagsmaximum im Winterhalbjahr haben. Damit unterscheidet sich die Situation in Regensburg stark vom Süden Bayerns. Witterungsklimatisch sind folgende Risikofaktoren für Regenburg typisch: 

  1. plötzlich einsetzendes Tauwetter mit Schneeschmelze, 
  2. Warmlufteinbruch mit Dauerregen auf Schneedecke und gefrorenem Boden, 
  3. starke Wasserführung von Naab und Regen gemeinsam mit der sommerlichen Haupthochwasserwelle der Donau. 

Tatsächlich sind durch Schriftquellen über 30 schwere Winterhochwasser in Folge von Schneeschmelze und plötzlich einsetzendem Tauwetter, teils verbunden mit Eisgang, für den Zeitraum des 12. bis 19. Jahrhunderts überliefert - wohingegen schwere Sommerhochwasser aufgrund starker Regenfälle lediglich für die Jahre 1210, 1275, 1295 und 1501 überliefert sind. Der Bau der Steinernen Brücke 1135-1146 dürfte die Hochwasserlage noch verschärft haben, da sich an der Brücke das Eis staute und so die Stadt überschwemmt wurde. Die entlang der Donau verlaufende Stadtmauer diente damals auch dem Hochwasserschutz und verhinderte das Eindringen von Schlamm und Eis in die Stadt - eine Funktion, die heute portable Spundwände übernommen haben.

 

Regensburg: Verwüstungen durch den Eisgang am 28./29. Februar 1784
(Stich von Johan Mayr, Stadtarchiv München DE-1992-HV-BS-B-11-43 via WikimediaCommons)

 

Über- und Unterspülung der Donauinseln (Wöhrde)

Die Regensburger Donauinseln waren schon immer von Hochwasser besonders gefährdet. Hier siedelten Fischer, Müller und Handwerker im suburbanen Bereich vor der Stadt. Heute sind die Wöhrde weitgehend überbaut und Teil der Stadt. Das überlieferte Hochwasser von 1304 zeigt wie stark die Flussinseln von Überschwemmungen betroffen sein konnten. Das Hochwasser zerstörte Teile der Donauinseln stromaufwärts der Steinernen Brücke, wodurch sich der Flusslauf veränderte. Es strömte nun mehr Wasser in das tiefer liegende Flussbett bei Stadtamhof, wodurch die Regensburger Schifflände trocken zu fallen drohte. Für die Regensburger war dies eine echte Umweltkatastrophe mit wirtschaftlichen Folgen. Aus diesem Grund errichteten die Regensburger an der Spitze des Oberen Wöhrdes ein Beschlächt (sog. Wöhrloch). Dieses sollte den Wasserfluss kontrollieren und sorgte wieder für mehr Wasser für die Mühlen und den Hafen an der Stadtseite. Dieses Wasserbauwerk war in der Folge immer wieder ein Streitpunkt zwischen Stadtamhof (Bayerisches Herzogtum) und der Freien Reichsstadt Regensburg. Allgemein waren die Regensburger durch den Bau der Steinernen Brücke schon früh dazu gezwungen, Wasserbau zu betreiben, da es für die Brücke notwendig war, den Fluss im vorgesehenen Flussbett zu halten. Die Ausgrabungen am Regensburger Donaumarkt zeigen verschiedene Uferbefestigungen bereits ab dem frühen Mittelalter.

 

Orientierungswissen für heute

Forschungen zu vergangenen Hochwassern sowie der historischen Umgestaltung von Auen und Flüssen bieten ein wichtiges Orientierungswissen für heute und sollten in hochwasserpolitische Entscheidungen einbezogen werden. Viele wasserbauliche Strukturen haben ihre Ursprünge im Spätmittelalter und der Neuzeit und zeigen Pfadabhängigkeiten zu heutigen Problemen im Wasserbau und den Nutzungskonflikten auf. 

 

Höhenangaben zu Hochwassern in Regensburg. Abkürzungen: MNW: mittlerer niedrigster Wasserstand; MW: mittlerer Wasserstand; MHW: mittlerer höchster Wasserstand
(Nießen/Wollenberg 2019, Abb. 11).

 

Ein aktuelles Projekt, das von der DFG gefördert wird, forscht derzeit zur vorindustriellen Überprägung von Flüssen und Auen im Einzugsgebiet von Rhein, Donau und Elbe. Das Schwerpunktprogramm „Auf dem Weg zur Fluvialen Anthroposphäre“ untersucht mit sieben Teilprojekten deutschlandweit die komplexen Mensch-Natur Wechselwirkungen an Fluss und Aue: https://www.physes.uni-leipzig.de/fluviale-anthroposphaere

 

Die Textinhalte und Quellennachweise (archäologischen Quellen, quantitative Erfassung der Schriftquellen zu Hochwasser in Regensburg) sind ausführlich publiziert in:

  • Iris Nießen/Doris Wollenberg, Aus Fluss wird Stadt – Die Stadtentwicklung im Osten von Regensburg im Fokus von Hochwassern und Landgewinnung. In: D. Schneller / G. Lassau (Hrsg.), Erdbeben, Feuer, Wasser und andere Katastrophen. Ihr Einfluss auf die Stadtentwicklung und Stadtgestalt im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit (Basel 2019) 1-25. Volltext unter: https://www.denkmalpflege.bs.ch/dam/jcr:14d886e5-15e9-41b1-ae90-1021ac55d298/Pub_Erdbeben_Feuer_Wasser_2019_Web.pdf ISBN 978-3-03797-597-8
  • Iris Nießen, Donau – Ufer – Regensburg. Genese einer Ufersiedlung zum mittelalterlichen Stadtquartier. Die Ausgrabungen am Regensburger Donaumarkt / „Museum der Bayerischen Geschichte" 2009-10 und 2012-15. Regensburger Studien 29 (Regensburg 2023).

 

 



Iris Nießen hat mit einer mehrfach Preis-gekrönten Dissertation über die Ausgrabungen am Donaumarkt in Regensburg an der Universität Jena promoviert und arbeitet aktuell im SPP Fluviale Anthroposphäre. Ihr Interesse gilt der Umweltarchäologie und der archäologischen Kulturlandschaftsforschung.

 

Montag, 5. Oktober 2015

Aberglaube in der archäologischen Forschung - Anmerkungen zur RURALIA XI Tagung in Clervaux, Luxemburg

von Iris Nießen

Im September 2015 fand in Luxemburg die RURALIA XI Konferenz "Religiöse Plätze, Kulte und Rituale im mittelalterlichen ländlichen Umfeld" statt. Der Tagung gelang es, einen breiten Überblick zu archäologischen Phänomenen aus ganz Europa zu bieten. Eine solch intensive Auseinandersetzung mit abergläubischen Praktiken und Ritualen ist in der archäologischen Forschung selten. 2013 fand sich das Phänomen Aberglaube als Themenjahr in volkskundlichen Museen wieder (http://www.lwl.org/pressemitteilungen/mitteilung.php?urlID=29461#.U-Zi_6N9iCk). Trotz einiger Ausnahmen ist der archäologische Beitrag jedoch auch in den jüngsten Publikationen noch gering (vgl. Apel 2013; Kreissel 2013).
Dabei besitzt gerade die Archäologie das Potential neue Einblicke in mittelalterliche und neuzeitliche Vorstellungswelten zu bieten, die durch Schriftquellen nicht überliefert sind. Zur nennen sind beispielsweise die Beigabensitte im Bestattungsbrauchtum, Sonderbestattungen, Nachgeburtsbestattungen, magische Schutzzauber, Votivgaben, Bauopfer...

Bei der Beschäftigung mit Kulten und Ritualen im Mittelalter und vor allem auch der Neuzeit erscheint der Terminus „Aberglaube“ unumgänglich. Insbesondere in der deutschsprachigen Forschung ist der Begriff allerdings sehr differenziert und kritisch zu betrachten. Zwar gibt es eine breite interdisziplinäre Debatte, diese hat jedoch noch keine allgemein gültige Definition hervorgebracht.


Abb. 1 Glücksbringende Hufeisen an der Kirchentür;
Kirche St. Georg, Rhäzüns im Kanton Graubünden (CH).
(Foto: Iris Nießen)

Was ist Aberglaube?

Der Begriff „Aberglaube“ hat durch die Zeiten verschiedene Wandlungen erfahren. Er entwickelte sich im 16. Jahrhundert aus der römischen Superstitio und wurde im Sinne von Missglaube oder Unglaube übersetzt (Apel 2013, 11). Im Christentum wurde die Superstitio schließlich allgemein für alle nicht christlichen Religionen und Glaubensansätze übernommen. Im dualistischen Weltbild des Mittelalters von Gut und Böse entwickelte sich der Gegensatz von der „vera religio“ und der „falsa superstitio“ (Harmening 1987, 262), wodurch der Begriff endgültig negativ belegt wurde. Der Aberglaube ist hier als Teil der christlichen Welt zu verstehen, während seine Ausübung jedoch von Dämonen und anderen bösen Mächten geleitet wird.
Mit der Reformation bildet sich aus dem bereits sehr negativ belegten Terminus Aberglaube ein antipapistischer Kampfbegriff, der die konfessionelle Kritik der Protestanten gegen die römische Christenheit zum Ausdruck brachte (Harmening 1987, 270-271). Die Aufklärung schaffte es erstmals den Aberglauben von einem anderen Blickwinkel als dem der Religionskritik zu betrachten. Aus der Religionskritik wurde nun eine Vernunftkritik, welche so die Weichen für eine Betrachtung des Phänomens aus historischer Perspektive stellte (Harmening 1987, 262). Jedoch nutzt die Aufklärung, und besonders auch die Wissenschaftsgläubigkeit des 19. Jahrhunderts, ebenfalls den Aberglauben als generell antireligiösen Kampfbegriff (Hemminger 2000, 17; Spamer 1950, 133-159).
Die Anfänge einer mythologischen Interpretation sind im Humanismus zu suchen, in welchem erstmals versucht wurde, Bräuche aus römischen und allgemein antiken Wurzeln herzuleiten (Harmening 1987, 271). Die romantische Reaktion stellt einen starken Gegensatz zur Aufklärung dar. Die Verdrängung des Aberglaubens durch Vernunft und Wissenschaft empfanden die Romantiker als Verlust (Harmening 1987, 263). Abergläubische Bräuche gewannen so erst als heidnisches und dann als germanisches Gut eine positive Bedeutung und wurden dankbar eingebunden in die imperialistische und nationalistische Weltanschauung (Harmening 1991, 134).
Im 19. Jahrhundert entsteht neben der allgemeinen Wissenschaftsgläubigkeit eine zunehmende Faszination an alten Bräuchen und abergläubischen Praktiken (vgl. Börner 2009, 70-73; Chielewski-Hagius 1994, 147-160; Daxelmüller 2009, 86-93). Diese wurde besonders gefördert durch das Werk Deutsche Mythologie von Jacob Grimm von 1835. Ähnlich kritisch zu betrachten ist das oft zitierte Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens, welches in der Tradition der Mythologenschulen des 19. Jahrhunderts steht und versucht, abergläubische Vorstellungen auf ein „mythisches Weltbild germanischer Urzeit“ (Moder 1992, 6-7) zurück zu projizieren (Moder 1992, 4-7). Diese „mythologische Kontinuitätsprämisse“ war noch sehr lange in der Altertumskunde und Volkskunde vertreten (vgl. Harmening 1991, 134).

Aber was versteht man unter dem Begriff Aberglauben eigentlich und welche Erklärungen gibt es für dieses Phänomen? Über die Definition von Aberglauben gibt es in der Forschung eine breite interdisziplinäre Debatte, die noch kein befriedigendes Ergebnis zu Tage brachte. Besonders schwierig ist, dass der Begriff immer abwertend verwendet wurde von „denjenigen Gruppen 'Wissender' […], die für sich die Deutungshoheit innerhalb von Wissens- und Glaubenszusammenhängen beanspruchen (Apel 2013, 11-12).“ Aus diesem Grund wurde vielfach der neutralere Terminus Volksglaube als Ersatz gefordert (Petzoldt 1990, 477). Auch hat der Begriff Aberglaube, wie bereits erläutert wurde, häufig eine starke Wandlung erfahren, sodass die Bedeutung nicht eindeutig ist. Hemminger und Harder stellen in diesem Zusammenhang fest:
„Die Schwierigkeit des Begriffs Aberglaube liegt nach alledem darin, daß der Aberglaube nicht für alle Zeiten und Kulturen als solcher definierbar ist. Das Wort Aberglaube bezeichnet vielmehr das Verhältnis, das sich mit den Zeiten und Kulturen wandelt, nämlich das Verhältnis zwischen dem jeweils gültigen, anerkannten und erprobten Denken einer Kultur einerseits und dem irrtümlichen, irreführenden, überholten oder gar verpönten Denken andererseits (Hemminger 2000, 10).“
Harmening bezeichnet Aberglauben in ähnlicher Weise als vernünftig nicht erklärbarer und weltanschaulich illegitimer Glauben (Harminger 1987, 261). Apel sieht als Grundvoraussetzung für abergläubische Praktiken die Vorstellung eines „magischen Zusammenhangs zwischen Mensch und Kosmos (Apel 2013, 17-18)“. Diese „sind kultur- und weltbezogene, aber sich stets wandelnde Ideen und Verhaltensweisen nach den jeweiligen Erfordernissen der Menschen, mit denen sie verbunden sind (ebd.).“

Aberglaube als psychologische Reaktion?

In der Psychologie wird abergläubisches Verhalten als eine Form der psychischen Projektion erklärt. Diese Theorie geht von der Prämisse aus, dass äußere Einflüsse, wie beispielsweise der Zerfall und Wandel allgemein anerkannter Weltanschauungen oder auch ganz individuelle Krisen, zu einem Verlust von Sicherheit und Geborgenheit führen. Dieses Vakuum wird nun durch eine Umbewertung der Wirklichkeit gefüllt und ist damit eine Abwehrrektion in Form einer psychischen Projektion (Petzoldt 1990, 467). Einfacher formuliert geht es darum, dem Gefühl der Hilflosigkeit etwas entgegenzusetzen und selbst direkt Einfluss nehmen zu können. Zur Veranschaulichung sei an dieser Stelle das Beispiel vom Glücksbringer im Auto angeführt. Zwar übt dieser Gegenstand objektiv keinen Schutz aus, dennoch wird sich zur eigenen Beruhigung dieses Hilfsmittels bedient, um dem Bedürfnis Einfluss nehmen zu können, gerecht zu werden. So können Ängste und psychische Spannungen auf „ein erträgliches Maß“ (ebd.) reduziert werden. Petzoldt sieht demnach Magie, als Teil des Aberglaubens, „als Versuch einer individuellen, allmächtigen Abwehr und Umdeutung einer ansonst nicht mehr zu bewältigenden Situation (ebd. 468)“. Weiter fährt er fort: „Magie läßt sich zunächst ganz allgemein als psychische Reaktion des Menschen auf seine Umwelterfahrung bezeichnen, die das Ziel hat, diese Umwelt in einem bestimmten Sinne zu beeinflussen (ebd. 469).“
Gegenwärtig wird Aberglaube als eine Kulturtechnik verstanden, die generell der Lebensbewältigung dient (vgl. Kreissel 2013; Apel 2013). Damit schließt dieser Forschungsansatz an die psychologische Deutung an. Dennoch fehlt es noch immer an allgemein gültigen Definitionen der Termini.

Das Bedürfnis nach Einfluss als menschliche Grundprämisse

Zusammenfassend besteht die Grundvoraussetzung für abergläubisches Verhalten darin, dass von einem „magischen“ Zusammenhang zwischen dem Mensch und seiner Umwelt ausgegangen wird (vgl. Apel 2013, 18). Nach Apel wird der Mensch sowohl beeinflusst durch das etablierte Weltbild, wie auch durch von diesem abweichenden Glaubens- und Wissenssystemen (vgl. ebd. 11-23; Kreissel 2013, 9-18). Da diese sich laufend verändern, befindet sich auch der Aberglaube im ständigen Wandel. Der Grund für abergläubische Praktiken liegt im Bedürfnis des Menschen auf sich und seine Umgebung selbst Einfluss nehmen zu können (Grafik 1). In diesem Sinne definiert auch Martin Scharf: „Aberglaube ist Symptom der Idee von der Beherrschbarkeit der Welt (Apel 2013, 20)“. Auch Kreissel fasst im Bezug auf sich verändernde Weltbilder und Wissenssysteme allgemein zusammen:
„Schon diese kleine Auswahl an einst abgesicherten Wissensbeständen, die teilweise über Jahrhunderte unumstößliche Gültigkeit besaßen, macht klar, dass es bei der Unterscheidung zwischen Wissen, Glauben und Aberglauben um nicht anderes geht als um Macht – um Definitionsmacht, um Deutungsmacht, um Durchsetzungsmacht und einst auch um die Macht über Leben und Tod (Kreissel 2013, 11).“

Graphik 1 (Graphik Iris Nießen)
 

Konsequenzen für die archäologische Praxis

In der Archäologie finden sich oft über verschiedene Zeiten ähnliche Muster wieder. So kennen wir Deponierungen in Hausstrukturen, beispielsweise von Gefäßen, seit dem Neolithikum und bis in die jüngste Neuzeit (Vgl. Clervaux 2015, Vortrag, Morten Søvsø: Buried votive offerings in rural houses – popular traditions with deep roots; Poster, Marianne Hem Eriksen: The ritualization of the Scandinavien-style longhouse in the Iron Age (ca. AD 400-1000).). Da sich die Faktoren, welche die Handlungen beeinflussen, jedoch ständig verändern, sind nicht nur das Verhalten im permanenten Wandel, sondern auch die Hintergründe.  Daher kann von einem identischen, beziehungsweise ähnlichen, Befund nicht auf die gleiche Intention geschlossen werden. Dies macht die Rückprojektion volkskundlicher Forschungen auf ältere Epochen sehr schwierig und stellt die Archäologen daher vor Interpretationsschwierigkeiten. Für das Mittelalter und die Neuzeit ist keinesfalls von einer Trennung zwischen Aberglauben und Religion auszugehen. Vielmehr sind abergläubische Praktiken haptischer Ausdruck vom Verständnis des christlichen Weltbildes.  Nicht selten wurden diese auch von Geistlichen ausgeführt (Zum christlichen Weltbild und grundlegend zum Begriff von Religion vgl. Clervaux 2015, Vortrag, Thomas Meier: Parallel worlds. Christian multiplicities of space). Da keine klare Trennung zwischen abergläubischen und religiösen Kulten und Ritualen möglich ist, führt dies auch die Definition des Aberglaubens selbst ad absurdum. Daher sollte sich die Forschung davon verabschieden, den Aberglauben im archäologischen Befund identifizieren zu wollen, sondern vielmehr wertfrei und unvoreingenommen die Hintergründe der Handlungen untersuchen.

Insgesamt ist bei abergläubischen Verhalten der Neuzeit keinesfalls von überlebten Bräuchen aus grauer Urzeit zu sprechen, sondern von sich ständig ändernden Verhalten und wandelnden Traditionen, die immer eingebunden in das jeweils etablierte Weltbild funktionieren.

Ausgewählte Literatur

  • Gefion APEL/Jan CARSTENSEN (Hrsg.) 2013: „Verflixt!“ – Geister, Hexen und Dämonen, Schriften des LWL-Freilichtmuseums Detmold, Westfälisches Landesmuseum für Volkskunde 35 (Hamm).
  • Hermann BAUSINGER 1992: Aufklärung und Aberglaube, in: Dietz-Rüdiger MOSER (Hrsg.), Glaube im Abseits. Beiträge zur Erforschung des Aberglaubens (Darmstadt) 269-290.
  • Ines BEILKE-VOIGT 2007: Das „Opfer“ im archäologischen Befund. Studien zu sog. Bauopfern, kultischen Niederlegungen und Bestattungen in ur- und frühgeschichtlichen Siedlungen Norddeutschlands und Dänemarks, Berliner Archäologische Forschungen 4 (Rahden/Westf.).
  • Helmut BIRKHAN 2010: Magie im Mittelalter, Becksche Reihe (München).
  • Lars BÖRNER 2009: Krisen der Frühen Neuzeit – Seuchen, Hungersnot und Armut, in: Historisches Museum der Pfalz Speyer (Hrsg.), Hexen. Mythos und Wirklichkeit (Speyer) 70-73.
  • Anita CHMIELEWSKI-HAGIUS 1994: ‹‹Wider alle Hexerey und Teufelswerk››. Vom alltagsmagischen Umgang mit Hexen, Geistern und Dämonen, in: Sönke LORENZ (Hrsg.), Hexen und Hexenverfolgung im deutschen Südwesten, Aufsatzband, Volkskundliche Veröffentlichungen des Badischen Landesmuseums Karlsruhe Band 2/2 (Karlsruhe) 147-160.
  • Christoph DAXELMÜLLER (1993) Zauberpraktiken. Eine Ideengeschichte der Magie (Zürich).
  • Jacob GRIMM 1968: Deutsche Mythologie, Bd. I-III (1875-78) (Graz).
  • Dieter HARMENING 1987: Superstition – ‚Aberglaube‘, in: Edgar HARVOLK (Hrsg.), Wege der Volkskunde in Bayern. Ein Handbuch (München/Würzburg) 261-292.
  • Dieter HARMENING 1991: Zauberei im Abendland. Vom Anteil der Gelehrten am Wahn der Leute, Skizzen zur Geschichte des Aberglaubens, Quellen und Forschungen zur Europäischen Ethnologie Bd. 10 (Würzburg).
  • Gustav Friedrich HARTLAUB 1992: Problematik des Begriffs „Aberglauben“, in: Dietz-Rüdiger MOSER (Hrsg.), Glaube im Abseits. Beiträge zur Erforschung des Aberglaubens (Darmstadt) 13-22.
  • Hansjörg HEMMINGER 2000: Was ist Aberglaube? Bedeutung - Erscheinungsformen - Beratungshilfen (Gütersloh).
  • Patrick HERSPERGER 2010: Kirche, Magie und >Aberglaube<. Superstitio in der Kanonistik des 12. und 13. Jahrhunderts, Forschungen zur kirchlichen Rechtsgeschichte und zum Kirchenrecht 31 (Mörlenbach).
  • Richard KIECKHEFER 1992: Magie im Mittelalter (München).
  • Eva KREISSL 2013: Zum Geleit, in: Eva KREISSL (Hrsg.), Kulturtechnik Aberglaube. Zwischen Aufklärung und Spiritualität. Strategien zur Rationalisierung des Zufalls (Bielefeld) 9-18.
  • Ralph MERRIFIELD 1987: The Archaeology of Ritual and Magic (London).
  • Iris NIESSEN 2015: Magie und Zauber in der Kirche? Bauopfer aus der Churer Kathedrale, in: Archäologie Graubünden 2 (Chur) 23-52.
  • Leander PETZOLDT 1990: Magie und Religion, in: Peter DINZELBACHER (Hrsg.), Volksreligion im hohen und späten Mittelalter. Dokumentation der Wissenschaftlichen Studientage „Glaube und Aberglaube, Aspekte der Frömmigkeit im hohen und späten Mittelalter 27.-30. März 1985 in Weingarten, Oberschwaben (Paderborn/München/Schöning) 467-485.
  • Adolf SPAMER 1950: Zur Aberglaubensbekämpfung des Barock. Ein Handwörterbuch deutschen Aberglaubens von 1721 und sein Verfasser, in: MISCELLANEA ACADEMICA BEROLINENSIA, Gesammelte Abhandlung zur Feier des 250jährigen Bestehens der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin II/1 (Berlin) 133-159.
  • Adolf WUTTKE 1925: Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart (Leipzig).

Link




Iris Nießen M.A. studierte Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit an der Universität Bamberg. 2014 schloss sie das Studium mit einer Arbeit über Funde aus der Kathedrale in Chur ab, die mit "abergläubischen" Bräuchen in Verbindung zu bringen sind.

    Mittwoch, 13. November 2013

    gebaut / gejagt / vergessen – Wolfsgruben als archäologisches Denkmal

    ein Gastbeitrag von Iris Nießen

    Rotkäppchen und der böse Wolf, Isegrim oder die Bestie von Gévaudan – auf vielfältige Weise werden wir mit dem Bild des bösen Wolfes konfrontiert. Diese über Jahrhunderte geschürte Angst macht auch vor dem modernen Menschen nicht halt. Deutlich wird dies in den aktuellen Diskussionen über die Rückkehr des Wolfes, die neben finanziellen Gesichtspunkten oft durch tiefsitzende Ängste bestimmt werden. Mit Schlagzeilen wie Wer hat Angst vorm bösen Wolf? ist der Konflikt um die Rückkehr der Wölfe in heimische Wälder längst in den Massenmedien angekommen. 
    Wolfsgruben stellen nur einen Ausschnitt der vielfältigen Geschichte zwischen Mensch und Wolf dar. Und dennoch trägt die Erforschung dieser besonderen Denkmäler zur aktuellen gesellschaftlichen Diskussion bei, indem die unterschiedlichen Formen der Jagd und damit auch die Gründe für die Ausrottung des Wolfes untersucht werden.

    Wolfsgruben – Vergessene Zeugnisse der Umweltgeschichte
    Wolfsgruben waren ab dem frühen Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert üblich. Bereits Karl der Große befahl, dass Wölfe mittels Wolfsgruben gejagt werden sollten. Interessanterweise ist das Wissen um diese Jagdmethode heute nahezu vollständig in Vergessenheit geraten, obwohl erst 1882 der letzte Wolf im Fichtelgebirge erschossen wurde. Die Jagdmethode selbst war jedoch sehr verbreitet. Bisher sind allein aus Süddeutschland über 40 Standorte mit häufig mehreren Fanggruben bekannt. Flurnamen wie Wolfsgrube, Wolfsgrubenacker, Wolfsgarten, Wolfsluder, Wolfsgraben, Grubenholz sowie Wolfsloch sind sehr häufig und lassen erahnen, wie verbreitet diese Form der Wolfsjagd ursprünglich war. (Nießen 2012, 48, 88-93).

    Konstruktionsweisen
    Abb.1: Rekonstruktion der Wolfsgrube im Steinwald als quadratische Grube (Seitenlänge 2,4 x 2,4 m, Tiefe 3,5 m), welche aus dem anstehenden Granit geschlagen wurde und im oberen Bereich möglicherweise ein Trockenmauerwerk aufwies. In der Mitte wurde ein Posten in den Fels eingetieft, auf welchem die Abdeckung der Falle aus Ästen, Reisig und Laub ruhte. Der Köder war entweder ebenfalls auf dem Pfosten befestigt oder befand sich innerhalb einer Umzäunung der Falle.
    (m. freundl. Genehmigung, I. Niessen, Gesellschaft Steinwaldia e.V., Zeichnung H. Losert, nach Niessen 2012, 27)
    Bei Wolfsgruben handelt es sich um 3,5 bis 4 m tiefe Fanggruben. Sie waren je nach örtlichen Voraussetzungen entweder mit Holzbrettern verschalt oder aus dem anstehenden Gestein gehauen. Oft weisen sie auch ein Trockenmauerwerk aus Bruchsteinen auf. Da Wolfsgruben in der Regel einen Durchmesser von 2,5 m haben, sehen sie gemauert oft Brunnen zum Verwechseln ähnlich (Nießen 2012, 50-62). Meist sind sie im Gelände jedoch nur noch als flache Mulden erkennbar und werden als Bombentrichter, Bergbaurelikte oder als Grubenmeiler zur Holzkohleherstellung interpretiert. Wolfsgruben lassen sich jedoch meist sehr gut über den entsprechenden Flurnamen identifizieren.
    Die obere Fallenkonstruktion konnte entweder eine einfache Abdeckung aus Reisig, dünnen Ästen und Stroh, wie es für die archäologisch untersuchte Wolfsgrube im Naturpark Steinwald (Nießen 2012, 27) (Abb. 1) wahrscheinlich ist, oder aber ein Drehdeckel (Abb. 2) oder eine Klappfalle sein (Nießen 2012, 55-57). Als Köder zum Anlocken des Wolfes wurden sowohl lebende wie tote Tiere und Schlachtabfälle verwendet.


    Abb. 2: Darstellung einer Wolfsfalle,
    aus J. Clamorgan, La chasse du loup, 1640
    (PD, nach Bernard 1983, 81).

    Wolfsgarten im Bischofsgrüner Forst (Lkr. Bayreuth, Bayern)
    Wolfsgarten – Dies ist der klangvolle Flurname einer Abteilung im Bischofsgrüner Forst (Landkreis Bayreuth). Mitten im Wald untersuchten im Juli und August 2013 Archäologen der Universität Bamberg diesen in vielerlei Hinsicht besonderen Waldabschnitt.

    Hinter dem Flurnamen Wolfsgarten versteckt sich eine erst jüngst wieder neu entdeckte Quellengattung. Es handelt sich um eine große Anlage zur Jagd von Wölfen aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Durch die archäologische Ausgrabung konnten zwei von insgesamt mindestens drei Fanggruben untersucht sowie erstmals eine groß angelegte Umzäunung dokumentiert werden. Die Schriftquellen legen eine Beziehung zu den Bayreuther Markgrafen nahe, weshalb es sich bei dieser großen Jagdanlage wohl um eine Form herrschaftlicher Repräsentation handelt.

    Ergebnisse der Grabungskampagne 2012
    Abb. 3: Wolfsgarten bei Bischofsgrün -
    Deutlich zu sehen ist der Leichenschatten eines
    Pferdekopfes in der unteren Verfüllung der Wolfsgrube.
    Das Pferd wurde als Köder zum Anlocken der Wölfe verwendet.
    (Foto: Iris Nießen).
    Neben dem Flurnamen als Anhaltspunkt waren in der Waldabteilung lediglich drei Mulden im Gelände sichtbar. Nahezu vollständig von Blaubeeren bewachsen waren sie kaum noch als Wolfsgruben zu identifizieren.
    Zu Beginn der archäologischen Untersuchung stellte sich heraus, dass die Wolfsgrube an der alten Verbindungsstraße zwischen Bischofsgrün und Wülfersreuth bis auf 3,5 m Tiefe mit modernem Hausmüll verfüllt war. Erst in dieser beträchtlichen Tiefe konnte der archäologische Befund erfasst werden. In der zweiten Fanggrube befand sich glücklicherweise weniger Müll. Dort wurden auch die wichtigsten archäologischen Funde geborgen. Ein innen gelb glasiertes Tongefäß mit Bandhenkel und Ausguss ist in großen Teilen erhalten. Die Datierung ist allerdings schwierig, da der archäologische Forschungsstand zur neuzeitlichen Gebrauchskeramik vielfach ungenügend ist. So kann das Gefäß nur grob ins 17./18. Jahrhundert datiert werden. Möglicherweise diente es zum Transport von Schlachtabfällen, um den Wolf mit diesen anzulocken. Darüber hinaus fanden sich noch weitere Hinweise auf Köder. Neben einem Ziegenhorn konnte der Leichenschatten eines Pferdekopfes mit noch erhaltenen Zähnen dokumentiert werden (Abb. 3). Knochen vergehen in dem sauren Milieu des Waldbodens leider sehr schnell.

    Erster archäologischer Nachweis der Umzäunung
    Die Fanggruben im Wolfsgarten waren nachweislich rund, holzverschalt und knapp über 4 m tief. Zur oberen Konstruktion der Falle konnten aufgrund der Zerstörungen keine Erkenntnisse gewonnen werden. Erstmals wurde jedoch die Umzäunung archäologisch dokumentiert.
    Abb. 4: Wolfsgarten bei Bischofsgrün -
    Der 80 cm tiefe Graben zeichnet sich als braune Verfärbung ab.
    Er gehört zur weitläufigen Zaunanlage des Wolfsgartens.
    (Foto: Iris Nießen).

    Auf die Wolfsgrube am Wegrand laufen zwei Gräben im gleichen Winkel zu, die noch heute im Gelände zu erkennen sind. Die archäologische Untersuchung ergab, dass die Gräben ursprünglich 80 cm tief gegraben wurden (Abb. 4). Im unteren Bereich der Verfüllung fanden sich Eisennägel, die zur Befestigung der Zaunkonstruktion gedient haben dürften. Wie genau der Zaun ursprünglich ausgesehen hat, ist noch unklar. In Frage kommt ein einfacherer Bretterzaun mit Verstrebungen, die mit Nägeln befestigt waren. Auffällig ist jedoch weiterhin die immense Tiefe der Gräben, welche für einen einfachen Zaun nicht nötig ist. Möglicherweise spielt hier jedoch das große Verlangen nach Repräsentation bei der herrschaftlichen Jagd des 16. und 17. Jahrhunderts eine Rolle. Der Wolfsgarten diente demnach nicht nur der Lockjagd, sondern auch für groß angelegte Hetzjagden, bei denen die Wölfe in die Waldabteilung getrieben wurden. Durch die Umzäunungen mussten die Wölfe dann zwangsläufig in eine der Fallgruben stürzen.

    Ausblick
    Die archäologischen Untersuchungen sind eingebunden in ein Projekt des Fichtelgebirgsvereins (FGV) Bischofsgrün e.V., das vor allem der touristischen Erschließung und der Strukturförderung dient. Geplant ist die Rekonstruktion einer der Wolfsgruben am Wanderweg mit erklärenden Informationstafeln. Gefördert wird das Projekt durch das EU- Programm Leader, die Oberfrankenstiftung, die Naturschutzstiftung des FGV, die Gemeinde Bischofsgrün, die bayerischen Staatsforsten und viele Weitere.
    Für 2014 ist die Ausgrabung der dritten Wolfsgrube beabsichtigt. Im Gegensatz zu den bereits untersuchten Fanggruben ist diese nicht durch modernen Müll und starke Erosion gestört, weshalb Erkenntnisse zur oberen Konstruktion der Falle zu erwarten sind.

    Die Grundlagenforschung zu diesem Bereich der Wolfsjagd ist noch lange nicht abgeschlossen. Die vorgestellte Ausgrabung ist die erste wissenschaftliche Untersuchung eines Wolfsgartens. In den vergangenen Jahren wurden erst zwei Wolfsgruben überhaupt archäologisch dokumentiert und ausgewertet. Die Vielfalt der Konstruktionsweisen und die große Verbreitung von Wolfsgruben kann nach heutiger Quellenlage nur erahnt werden.


    Literaturhinweise

    D. Bernard, Wolf und Mensch (Saarbrücken 1983).
    B. Ergert, Die Jagd in Bayern. Von der Vorzeit bis zur Gegenwart (Donauwörth 1984).
    H. Fähnrich, Wolfsgruben – vergessene Jagddenkmäler (Landkreise Tirschenreuth und Cham), in: Beiträge zur Flur- und Kleindenkmalforschung in der Oberpfalz 15, 1992, 71-73.
    H. Fähnrich, Wolfsgruben, heute Jagddenkmäler, in: Wir am Steinwald 16, 2008, 157-159.
    J. Laursen, Faldgruber, in: Arkaeologi og renaessance 1. Hikuin 18 (Haderslev 1991) 257.
    K. Lindner, Das Jagdbuch des Petrus de Crescentiis, in deutschen Übersetzungen des 14. und 15. Jahrhunderts (Berlin 1957).
    K. Lindner, Deutsche Jagdtraktate des 15. und 16. Jahrhunderts, Teil 1 und 2 (Berlin 1959).
    K. Lindner, Geschichte und Systematik der Wolfs- und Fuchsangeln. Occasional Papers III (Uppsala 1975)..
    K. H. Mayer, Alte oberfränkische Jagdgeschichte (Bamberg 2009).
    I. Nießen, Die Wolfsgrube im Naturpark Steinwald. Archäologie, Jagdgeschichte, Waldnutzung. Wir am Steinwald, Sonderausgabe Archäologische Reihe 1/2012 (Nürnberg 2012).
    D. Müller, „die Wolff mit der wollfs Gruben zu fahen, jst überauß gemein und sehr leichlich zu machen“. Wolfsgruben – Denkmäler historischer Jagdausübung, in: Denkmalpflege in Bad Württemberg 24, 1995, 73-84.
    D. Müller, Der Schacht – eine frühneuzeitliche Wolfsgrube, in: G. Wieland, Die keltischen Viereckschanzen von Fellbach-Schmieden und Ehningen. Forschungen und Berichte zur Vor- und Frühgeschichte in Baden Württemberg, 80 (Stuttgart 1999) 180-195.
    G. Scherf, Wolfsspuren in Bayern. Kulturgeschichte eines sagenhaften Tieres (Amberg 2001).
    E. Zimen, Der Wolf. Verhalten, Ökologie und Mythos (Regensburg 1990).


    Links



    Iris Nießen studiert Archäologie des Mittelalters an der Universität Bamberg. Ihr Interesse gilt der Landschaftsarchäologie und insbesondere Jagddenkmälern. Zur Zeit arbeitet sie an ihrer Master-Arbeit über Opferfunde aus dem Dom in Chur.

    Montag, 28. Oktober 2013

    Mittelalterliche Agrartechniken - 10. Ruralia Konferenz

    Ein Gastbeitrag von Iris Nießen


    Welche Formen landwirtschaftlicher Produktion sind im mittelalterlichen Europa bekannt? Welche Quellen stehen zur Verfügung? Wo sind regionale Unterschiede und Gemeinsamkeiten feststellbar? Was sind die Gründe für Stabilität und Veränderungen in agrarischen Landschaften? Welche Bedeutung haben Feldstrukturen? Warum entstehen offene Feldlandschaften? Welchen Einfluss haben neue Technologien auf die Siedlungsformen? Wie wurde agrarische Technologie verbreitet? Wie sind einzelne Produktionsprozesse nachzuvollziehen? Welche Bedeutung hat die experimentelle Archäologie?

    Diese und viele weitere Fragen standen im Zentrum der 10. internationalen RURALIA-Tagung vom 9.-15. September 2013 zum Thema: Agrarian Technology in the Medieval Landscape. Gastgeberland in diesem Jahr war die Slowakei - Kulisse die Burg Smolenice, nahe Bratislava.

    RURALIA ist ein internationaler Verband, der zu archäologischen Themen des ländlichen Mittelalters forscht. Benannt nach ihrem ersten Präsidenten Jean-Marie Pesez, fand die erste Konferenz 1995 in Prag statt. 37 internationale Beiträge beleuchteten das Thema Agrarian Technology in the Medieval Landscape aus unterschiedlichen Perspektiven. Viele Regionalstudien machten Unterschiede in ländlichen Landschaften deutlich. Wiederkehrende Punkte waren beispielsweise die Feld- und Flurform, das in- und outfield-system sowie Veränderungen in Technologie und Landschaft.

    Das Freilichtmuseum von Modrá in Tschechien mit Rekonstruktionen des großmährischen Zentralortes rund um Staré Město (Foto I. Nießen)