Archaeologik ist ein Wissenschaftsblog zu Themen der Archäologie und des Kulturgutschutzes. Er zielt auf eine kritische Archäologie, die sich mit methodisch-theoretischen, wissenschaftspolitischen und gesellschaftlichen Aspekten der Archäologie auseinandersetzt und die alltägliche Forschungspraxis reflektiert.
Archaeologik is a science blog contributing to various aspects of critical archaeology and cultural heritage including methodology, theory and daily archaeological practice.
Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit (Stuttgart: Klett-Cotta 2022) ISBN 9783608985085
inzwischen 4. Aufl., 2024 als Paperback sowie - inzwischen schon vergriffen - als Sonderausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung (Bonn 2022)
The Dawn of Everything. A New History of Humanity (London: Penguin 2022) ISBN 9780141991061
Nur wenige Prähistoriker haben sich an großen Geschichtsdeutungen versucht. Das gilt insbesondere für die deutsche Forschung, wo solche Arbeiten - wenn nicht sowieso schon national verengt - stets sehr deskriptiv und materiallastig geblieben sind (z.B. Müller-Karpe 1998) - begründet im Selbstverständnis der deutschen Forschung als Geschichtswissenschaft. Entsprechende prähistorische Weltgeschichten des englischsprachigen Raums boten da zumeist spannendere Narrative an. Erinnert sei an Gordon Childe, auf den die Vorstellung der neolithischen Revolution zurückgeht (Childe 1936).
David Graeber und David Wengrow (im folgenden nenne ich sie meist kurz G&W) präsentieren nun ein neues universal(vor)geschichtliches Narrativ. Es ist in positivem Sinne ein anarchistisches Geschichtsbild, das sich bemüht, Vorurteile alter weißer Männer zu entlarven und einer eurozentrierten Sicht ein Bild gegenüber zu stellen, das Indigene, Frauen, Wildbeuter*innen und “Primitive“ als gleichwertig begreift und Fortschrittsdenken und Überlegenheitsideen als historischen Unsinn entlarvt. Die gängige Erzählung einer Evolution egalitärer Jäger- und Sammlergesellschaften, einer neolithischen Revolution mit dem Beginn von Sesshaftigkeit und Landwirtschaft als Ausgangspunkt der Entwicklung sozialer Ungleichheit und politischer Hierarchien bis hin zu modernen, industrialisierten Gesellschaften wird dekonstruiert und durch das Bild plural strukturierter Gesellschaften ersetzt, deren Entwicklung nicht durch ökonomische oder ökologische Gesetzmäßigkeiten vorgegeben war, sondern durch kollektive Entscheidungen bestimmt wurde.
Ich halte das Gesamtbild für außerordentlich plausibel, wenn auch an einigen Punkten erhebliche Zweifel angebracht sind und eine weniger idealistische Sicht den historischen und anthropologischen Realitäten näher kommen dürfte. Ein wichtiger Knackpunkt ist, dass manche der Detailinterpretationen unter einer Dürftigkeit der Quellenbelege leidet, aber sehr bestimmt formuliert wird. Oft wird dem etablierten - häufig nur grob skizzierten - Bild der Forschung eine neue Sicht auch nur mit einer sehr verkürzten Argumentation gegenübergestellt. Das liegt im umfassenden Thema begründet, denn G&W haben so schon ein dickes Buch vorgelegt, in dem man die zahlreichen Beispiele unmöglich in aller Ausführlichkeit darstellen kann. Allerdings ist auch festzustellen, dass das Buch andererseits gerade bei der Darstellung mancher Beispiele Längen aufweist, die den Leser vom Gesamtbild eher weg führen.
Eine anarchistische Perspektive
Festzuhalten ist, dass David Graeber (1963-2020), der kurz nach Fertigstellung des Buchs verstorben ist, als Kulturanthropologe Professor an der Yale University, dann an der UCL und der London School of Economics and Political Science war und eine anarchistische Anthropologie vertrat. Schon 2004 publizierte er "Fragments of an Anarchist Anthropology" (dt.: Graeber 2023), mit der er aufzuzeigen versuchte, dass unsere Gesellschaft so nicht selbstverständlich ist, sondern dass es unzählige Möglichkeiten gäbe, Gesellschaften anders zu organisieren. Anthropologie ist in dieser Sicht nicht nur eine Inspiration für alternative Lebens- und Gesellschaftsmodelle, sondern hinterfragt auch die Grundlagen unserer eigenen Gesellschaftstheorien. In seinem Buch "debt" (dt. Schulden [Graeber 2022]) nutzte Graeber eine historische Perspektive, um beispielsweise die Theorie des Geldes, eine Grundlage der modernen Ökonomie, in Frage zu stellen. Hier griff Graeber bereits bis nach Mesopotamien aus und nahm auch archäologische Quellen in den Blick. Graebers Kritik an der modernen Gesellschaft richtet sich gegen unsere Hinnahme gegenwärtiger Missstände als alternativlos. 2011 war Graeber einer der Köpfe von “Occupy Wall Street”.
Eng verbunden mit der anarchistischen Perspektive ist auch der Freiheitsbegriff, der in dem Buch erscheint. Für G&W bedeutet Freiheit 1.) die Freizügigkeit des Reisens (“freedom of movement”), 2.) die Freiheit, nicht zu gehorchen (“freedom to disobey”) und 3.) die Freiheit, sich sozial neu zu organisieren (“freedom to shape new social realities”). Das steht im Gegensatz zu dem Freiheitsbegriff, der gerade die Oberhand gewinnt, der die Freiheit des Konsums, die Freiheit des Lügens und die Freiheit von Empathie und Verantwortung in den Mittelpunkt stellt.
Die Kernthesen
Dieser Freiheitsbegriff liegt vielen Thesen zugrunde, die G&W vertreten. Ihre Kernthesen sind:
Komplexität in menschlichen Gesellschaften benötigt und impliziert nicht zwingend Hierarchien und autoritäre Regime
indigenes Denken aus Nordamerika hatte Einfluss auf die europäische Aufklärung
Vielfalt von Wirtschaftsmodellen und sozialer Organisation
keine unumkehrbare agrarische (neolithische) Revolution
keine zwingende und unumkehrbare Staatenbildung und auch keine evolutionäre Abfolge von Gesellschaftsmodellen
G&W begründen diese Thesen aus einer Synthese archäologischer und kulturanthropologischer Einzelfälle, die vom Jungpaläolithikum bis ins 18. und teilweise gar 20. Jahrhundert reichen und prinzipiell den gesamten Globus abdecken. Der deutsche Titel „Anfänge“ mehr noch als der englische „The Dawn of civilization“ hat mich indes erwarten lassen, dass der Blick in der menschlichen Evolution noch weiter zurück reicht und die alten Themen der Sprache, der Feuernutzung und des Fleischverzehrs behandelt werden. Selbst die eiszeitlichen Anfänge menschlicher Kunstpraxis sind nicht Teil der Darstellung.
Bisherige Untersuchungen konzentrierten sich laut G&W einseitig auf die Ursprünge sozialer Ungleichheit und folgten dem Narrativ der Anfänge etwa in Bezug auf die Anfänge von Sesshaftigkeit, Landwirtschaft, städtischer Zivilisation, von Staaten oder der Herausbildung des Eigentums. Solche Versuche seien zum Scheitern verurteilt, denn die Vorstellung eines weitgehend kontinuierlichen, evolutionären Fortschritts in der Geschichte sei ein Mythos.
Als verallgemeinerndes Statement ist das sicherlich wahr, doch sei angemerkt, dass selbst in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten eine Entwicklung stattgefunden hat, hin zu einer Sozialarchäologie, die die Gesellschaft in all ihren Aspekten erforscht und sich nicht mehr auf die Frage der Sozialstrukturen - konkret bedeutete dies Hierarchien und ethnische Interpretationen - konzentriert. Allmählich werden diese Narrative in der Archäologie zunehmend reflektiert. Noch immer allerdings dominieren in der Wissenschaftskommunikation, aber auch in der Forschung Narrative des Ältesten und der Anfänge. G&W greifen das in ihrem Titel zwar auf, ihr zentrales Narrativ ist aber das der Transformation, der Diversität von Gesellschaften und der Bedeutung herrschaftsarmer Gesellschaftsorganisationen.
Inhalt
Abschied von der Kindheit der Menschheit. Oder warum dies kein Buch über
die Ursprünge der Ungleichheit ist (Das Problem des Urzustands)
Sündhafte Freiheit. Indigene Kritik und Fortschrittsmythos (Die Ideen von Jean-Jacques Rousseau und ihre indigenen Wurzeln)
Die
Eiszeit auftauen. Mit oder ohne Ketten: die proteischen Möglichkeiten
menschlicher Politik (saisonal wechselnde Formen sozialer Organisation,
Ungleichheiten im Jungpaläolithikum)
Freie Menschen, der
Ursprung der Kulturen und die Entstehung des Privateigentums. Nicht
unbedingt in dieser Reihenfolge (warum setzt sich das Prinzip des Privateigentums durch?)
Vor langer Zeit. Warum kanadische Jäger und Sammler Sklaven hielten und ihre kalifornischen Nachbarn nicht – oder das Problem der Produktionsweisen“ (gegen evolutionistische Modelle, Gleichzeitigkeit von egalitären und hierarchischen Organisationsformen, oft in nachbarlichem Gegensatz)
Die Adonisgärten. Die Revolution, die niemals stattfand: wie jungsteinzeitliche Völker die Landwirtschaft umgingen (keine neolithische (agrarische) Revolution, sondern Vielfalt der Möglichkeiten)
Die Ökologie der Freiheit. Wie die Landwirtschaft erst einen Sprung nach vorn machte, dann strauchelte und sich schließlich um die ganze Welt mogelte (zahlreiche Ansätze der Neolithisierung, viele als Mangelwirtschaft und nicht von Dauer)
Imaginäre Städte. Eurasiens erste Städter - in Mesopotamien, dem Indus-Tal, der Ukraine und China - und wie sie Städte ohne Könige erbauten (frühe Städte als soziale Experimente (Trypillia-Megasites, Mesopotamien, Indus-Kultur))
Im Verborgenen schlummernd. Die indigenen Ursprünge des sozialen Wohnungsbaus und der Demokratie in Amerika (Mesoamerika: Nebeneinander demokratischer und autoritärer Organisationen)
Warum der Staat keinen Ursprung hat. Die bescheidenen Anfänge von Souveränität, Bürokratie und Politik (Aspekte sozialer Macht: Gewaltkontrolle (Souveränität), Informationskontrolle (Verwaltung) und individuelles Charisma (Heldengesellschaft))
Der Kreis schließt sich. Über die historischen Grundlagen der indigenen Kritik (Die Irrtümer des europäischen Denkens: Primat der Ökonomie, Hierarchien und Evolution)
Schluss. Anfänge – eine neue Geschichte der Menschheit (Triebkräfte der Geschichte und die Rolle der Freiheit)
Dieser Blogpost hat erst mal nichts mit Archäologie zu tun... (und doch werde ich am Ende darauf zurück kommen).
1975 wurde Faurndau (mein Heimatort im Filstal, ca 32 km östlich von Stuttgart, tiefstes Baden-Württemberg) nach Göppingen eingemeindet. Gegen den Willen der Bürger. Heute wird offiziell eher eine positive Bilanz gezogen - wie fast überall bei der Gemeindereform und Flurbereinigung. Ein genauerer Blick zeigt ein anderes Bild.
Aufkleber 1975
In Faurndau entsand 1973 eine Bürgerinitiative gegen die Eingemeindung, nachdem im März des Jahres die Landesregierung ihre Vorstellungen zur Gemeindereform vorgelegt hat und dabei die Eingemeindung Faurndaus nach Göppingen vorsah. Bereits 1971 hatte Göppingen eine Eingemeindung vorgeschlagen, das damals Ambitionen hatte, Sitz eines großen Hohenstaufenkreises zu werden.
Die Bürgerinitiative rechnete vor, dass die Eingemeidnung dem Ort keine Vorteile bringen würde, einen Verlust der Selbstverwaltung und demokratischen Mitbestimmung, eine finanziell höhere Belastung und eine fehlende Weiterentwicklung der Ortsstrukturen. Mitte der 1970er Jahre war Faundau hier mit der Erschließung des Neubaugebiets am Haier, das ein Schulzentrum und ein Hallenbad beinhaltete und der Neugestaltung des Schillerplatzes (heute Hirschplatz) auf gutem Weg.
Haierschúle mit Hallenbad nach der Eröffnung 1973 (Foto: S. Schreg)
Am 20. Mai 1973 wurde eine Bürgeranhörung durchgeführt, in der sich die Faurndauer mehrheitlich (96,5%) gegen die Eingemeindung aussprachen, die damit aber keineswegs vom Tisch war.. Darum kam es im Juli 1973 zu einer großen Demonstration gegen die Eingemeindung auf dem Schillerplatz.
Dennoch verlor Faurndau durch das Gemeindereformgesetz zum 1. Januar 1975 seine Selbständigkeit.
Flyer der Bürgerinitiative, zum rechten Flyer, datiert vor den 20.5.1973, gehört obiger Aufkleber
Man wehrte sich auch gerichtlich. Die Bürgerinitiative reichte eine
Normenkontrollklage gegen das Gemeindereformgesetz ein, das die
Eingemeindung Faurndaus nach Göppingen bestimmte. Am 11.7.1975 lehnten
die neun Richter des Staatsgerichtshofs (heute Verfassungsgericht Baden-Württemberg) die Klage einstimmig ab. Sie
gingen dabei nicht auf die demokratisch festgestellte Ablehung ein,
sondern betonten, es sei nicht Aufgabe des Gerichts der Politik die
Verantwortung abzunehmen und es habe nur festzustellen, ob die gefundene
Regelung mit Gründen des öffentlichen Wohls vertret- und vereinbar sei, ob diese offensichtlich fehlerhaft sei oder gegen die Systemgerechtigkeit verstoße. Letzteres war ein Argument der Kläger, die auf den Bürgerwillen verwiesen und auf die Tatsache, dass im Falle Eislingens, für das auch eine Eingemeindung nach Göppingen diskutiert worden war, eine andere Entscheidung gefallen sei.
Das Gericht urteilete zudem, die Landesregierung sei an
das Votum der Bürgeranhörung nicht gebunden. Karl Schiess (CDU, 1972-73 Innenminister), wird mit dem Kommentar zitiert, der Bürgerwillen sei etwas mehr als gar nichts. Die Wut im Dorf war groß.
Meine Eltern waren bei der Urteilsverkündung in Stuttgart dabei. Mein Vater hatte bei der Gemeinde Faurndau als Techniker im Bauamt gearbeitet und war von dem Urteil unmittelbar betroffen. Am Nachmittag - die Verhandlung war am Vormittag - trafen sich einige Nachbarn bei uns im Wohnzimmer und ich erinnere mich an die miese Stimmung und auch die Wut. Wahrscheinlich ist es keine Erinnerung unmittelbar von diesem Tag, aber ich erinnere mich daran, dass sich der Frust vor allem gegen Franz Steinkühler richtete, der spätere IG-Metall-Chef, der kurz vor dem Urteil als Richter in den Staatsgerichtshof gewählt wurde.
Am folgenden Samstag - wenige Tage nach einem Festzug zur 1100-Jahr-Feier - wurde Faurndaus Selbständigkeit zu Grabe getragen - genauer gesagt der "Bürgerwille" und zwar mit dem Schiess-Zitat.
NWZ 12.7.1975
der Leichenzug an der Ecke Hirsch-/Filseckstraße (Foto: S. Schreg)
der Leichenzug in der Filseckstraße (Foto: S. Schreg)
der Leichenzug in der Filseckstraße mit MP Filbinger und OB König (Foto: S. Schreg)
der Leichenzug vor dem Friedhof (Foto: S. Schreg)
Sargverbrennung vor dem Friedhof (Foto: S. Schreg)
Sargverbrennung vor dem Friedhof - der Bürgerwillen wollte nicht so recht in lodernden Flammen aufgehen (Foto: S. Schreg)
Die Taruerrede
Die Trauerrede, die am 12.7. auf dem Schillerplatz gehalten wurde, ist aufschlußreich. Sie beklagt weniger den Verlust der Selbständigkeit als den Umgang mit dem Bürgerwillen und die Ignoranz.
Flurbereinigung und Gemeindereform
Tatsächlich ist Faurndau damit nicht untypisch für die Entwicklung in weiten Teilen der alten
Bundesrepublik während der 1960er und 70er Jahre.
Mit Flurbereinigung und Gemeindereform wollte man die landwirtschaftlichen Erträge steigern und die Verwaltung effizienter machen. Ersteres ist gelungen, indem die Industrialisierung der Landwirtschaft damit begünstigt oder gar erst ermöglicht wurde. Allerdings ist die Rechnung grundlegend falsch, denn die Landwirtschaft produziert heute keine Energie mehr, sondern verbrennt welche. Seit der Neolithisierung hat sich der Mensch die Photosynthese der Pflanzen zu nutzen gemacht, um Energie in Form von Nahrungsmitteln zu gewinnen. Mit der Modernisierung ist die Landwirtschaft zum Energieverbraucher geworden, da Kunstdünger und Kraftstoffe aus fossilen Energien stammen. Effizient ist sie also keineswegs. Heute wissen wir auch, dass die agrarische Optimierung der Landschaft für schwere ökologische Schäden verantwortlich ist und auch kein geringer Faktor für den Klimawandel ist.
Die Flurbereinigung basiert auf einem Bundesgesetz, das zunächst 1956
einfach die Regelungen der NS-Zeit aufgriff. Die Durchführung aber wurde
an die Länder delegiert.
Mit der Verwaltungsreform wollte man effektivere Strukturen schaffen, auf der Ebene der Regierungsbezirke, der Landkreise und der Kommunen. Allenthalben war man bestrebt, die kleinen
Gemeinden zu größeren Einheiten zusammen zu fassen. In
Baden-Württemberg war man dabei noch vergleichsweise zögerlicher als anderswo.
Gemeindereform und Flurbereinigung galten als ein
Projekt der Modernisierung und der effektiveren Verwaltung. Sie haben
aber auch zur Auflösung der alten Dorfgemeinschaften beigetragen, indem
die Flurbereinigung das Höfesterben maßgeblich angestoßen, damit auch
die Abwanderung aus dem ländlichen Raum begünstigt und auch die
Auto-Abhängigkeit geschaffen hat.
Diese strukturellen Veränderungen führten und führen auch heute noch oft zu einem massiven Verlust der alten Bausubstanz, die oft als Schandfleck oder unmodern gebrandmarkt wurde. Faurndau kam lange Zeit mit geringen Schäden davon - erst jetzt verliert es mit dem Abriß der alten Bauernhäuser an der Hirschstraße sein Gesicht, im Umfeld der romanischen Stiftskirche ein immenser Schaden. Die Neubauten am Schillerplatz und die mitten in den Ort geklotzte Bahnüberführung "Over-Fly" waren für die Lebensqualität am Ort kein Gewinn, markieren eher die Marginalisierung des Ortes im Vergleich zur Kernstadt. Auch das ist ein Muster: Entwicklungsprojekte zielten in der Folge auf die Zentren, weniger auf die Vororte oder gar die abgelegenen Bauerndörfer. Bestenfalls sorgte man dort mit Umgehungsstraßen für eine Verkehrsentlastung der Durchfahrtsstraßen, mit der Folge allerdings, dass es nun auch schneller war, in die Einkaufszentren auf der grünen Wiese zu gelangen, als in den etablierten Geschäften im Ortskern einzukaufen. Ein Aussterben der Orte folgte.
Zudem ist die Bürgernähe abgestorben. Dabei geht es
nicht um die Präsenz eines Bürgerbüros vor Ort, sondern um den Verlust
einer örtlichen Autonomie und eine Entfremdung von der Politik. Man
argumentierte, die Gemeinden hätten früher vor allem Ordnungsaufgaben
gehabt, im 20. Jahrhundert seien aber neue Aufgaben hinzugekommen, wie Schulen,
öffentliche Büchereien, Sportanlagen, Kindergärten, Friedhöfe und
Kläranlagen. Der damalige Innenminister Walter Krause: (SPD, Innenminister BaWü 1966-72) „Wer diesen Aufgabenkatalog sieht, weiß, dass mit der Verwaltung
von gestern die Welt von morgen nicht mehr gemeistert werden kann.“
Die Reformen stärkten die Bürokratie, denn nun wurde zunehmend anonym entschieden, was nicht unbedingt gerechter ist, sondern eher zu Härtefällen und Frust führt. Anders als erwartet, waren die größeren Ämter auch nicht unbedingt effektiver. Bürgernähe und Vertrauen in den Staat gingen verloren. Dazu trugen auch Fälle wie der in Faurndau bei, in der das Ergebnis der Abstimmung, das sch zu 96,5% gegen die Eingemeidnung aussprach, einfach arrogant übergangen wurde. In anderen Fällen - so im fränkischen Ermershausen kam es 1978 zum offenen Widerstand und zum "Polizeiüberfall".
Diese Vorgänge sind heute vielfach vergessen - in Faurndau kam es seit den 1975 auch zum Zuzug neuer Einwohner, die um die damaligen Auseinandersetzungen nicht mehr wissen. Dennoch zögerte man in Göppingen 2015 die Eingemeindung zu feiern - auch bei den aktuellen Feiern zur 1150-Jahrfeier scheint die Eingemeindung thematisch eher vermieden zu werden.
Wenn wir aktuell ein verlorenes Vertrauen in die Politik feststellen, so dürften diese Vorgänge um Flurbereinigung und Verwaltungsreform einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet haben. Sie sind in der konkreten Erinnerung kaum noch präsent, haben aber sicher vielfach die Erfahrungen mit dem Staat unterschwellig geprägt. Die historische Aufarbeitung von Diktaturen mit ihrem offenen Unrecht fällt leichter als die Aufarbeitung des damaligen Alltags, der harmlos daher kommt, aber eben doch genauso eine Grundlage der aktuellen Demokratie- und Umweltkrise darstellt. Sehr eindrücklich ist hier eine Dokumentation des NDR von 2021: Unsere Dörfer - Niedergang und Aufbruch.
In der öffentlichen Diskussion fehlt eine Ursachenanalyse und man schließt sich bequemerweise dem rechten Narrativ an, die Migration sei an allem Schuld. Flurbereinigung und Gemeindereform bedürfen dringend einer historischen Aufarbeitung, die auch der Frage nachgehen sollte, ob sich die Auseinandersetzungen um Eingemeindungen und die Flurbereinigung nicht auch mit heutigen Hochburgen extremer Parteien korrelieren und vielleicht auch ursächlich verbinden lassen. Derartige Aufarbeitungen scheinen noch weitgehend zu fehlen, für Bayern liegt eine solche Analyse mit einer Münchner Dissertation vor. Faurndau wäre hier sicherlich ein spannendes Fallbeispiel.
Die Folgen der Landesentwicklung kamen
keineswegs unerwartet, viele "Nörgler" haben genau damit argumentiert.
Vielen ging es dabei nicht um das Verhindern, sondern damals schon um
ein smartes Modernisieren und Neu-Organisieren aus den Gemeinden heraus.
Tradition und Modernisierung werden heute als Gegensatz begriffen,
tatsächlich schließen sie sich nicht aus. Voraussetzung ist freilich,
dass man Veränderung akzeptiert, aber eben auch kommunal demokratisch
organisiert und überlegt handelt. Dazu gehört, dass man sich der historischen Entwicklung bewusst ist, sie erst zeigt die Tragweite der Entscheidungen. Hier ist die Zeitgeschichte gefragt, die Soziologie und die heimische Ethnologie in ihrer Rolle als historische Kulturwissenschaften. - Und hier kann letztlich auch die Archäologie und die Denkmalpflege dazu beitragen, diese gar nicht so weit zurückliegenden Veränderungen sichtbar zu machen, durch Konservierung, aber auch durch Forschung, indem beispielsweise die Veränderungen des Alltags seit den 1970er Jahren illustriert werden. Eine Archäologie der Moderne wäre hier etwa gefragt, verlassene Zeitkapsel-Wohnungen zu dokumentieren und vor Augen zu führen. Vielleicht gibt es so was auch in Faurndau - ein Wohnzimmer etwa, das noch aus der Zeit der Selbständigkeit stammt?
Quellen
S. Lang, Der Traum vom "Hohenstaufenkreis" . Der Landkreis Göppingen in der württembergischen Kreisreform 1970-1972. Veröff. Kreisarchiv Göppingen 20 (Göppingen 2023)
W. Ziegler, Faurndau 875-1975 (Faurndau 1975)
Faurndaus Selbständigkeit wurde zu Grabe getragen. NWZ 14.7.1975
Es gibt kein 1101. Jahr eigener Faurndauer Geschichte. NWZ 11.7.1975
Literatur
E. Frahm / W. Hoops (Hrs.), Dorfentwicklung. Aktuelle Probleme und
Weiterbildungsbedarf. Referate einer Arbeitstagung des Deutschen
Instituts für Fernstudien an der Universität Tübingen. Untersuchungen
des Ludwig-Uhland-Instituts der Universität Tübingen 71 (Tübingen
1987).
E. Frie, Ein Hof und elf Geschwister. Der stille Abschied vom bäuerlichen Leben in Deutschland (München 2023).
L. Haffert, Stadt, Land, Frust. Eine politische Vermessung.
Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung 10884 (Bonn
2022).
G. Henkel, Das Dorf. Landleben in Deutschland - gestern und heute (Darmstadt 2012).
J. Mattern, Dörfer nach der Gebietsreform. Die Auswirkungen der
kommunalen Neuordnung auf kleine Gemeinden in Bayern (1978-2008)
(Regensburg 2020). - ISBN 978-3-791-73133-9
A. Pufke (Hrsg.), Ländliche Strukturentwicklung - ein Kulturereignis? Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz 78 (Bonn 2011).
50 Jahre Gemeindereform in Baden-Württemberg. Wie wurde die Reform in den einzelnen Landesteilen umgesetzt und wie haben sich die »neuen« Kommunen seither entwickelt? Statistisches landesamt Baden-Württemberg (2024). - https://www.statistik-bw.de/Service/Veroeff/Monatshefte/20240702#ft-nr-ref3 Zur Beurteilung wird auf den Beitrag von Meinrad Schaab (1988) zum Historischen Atlas Baden-Württemberg aus den 1980er Jahren zurück gegriffen, der sicher noch keine Langfruistabschätzung der Folgen leisten konnte.
Hier geht es um ein Computerspiel, das bei Japans Samurai im 16. Jahrhundert angesiedelt
ist. Als Hauptfigur wurde Yasuke, "der schwarze Samurai" gewählt, eine historische Persönlichkeit.
Vielen passt es wieder nicht, dass ein Schwarzer die Hauptrolle spielt und reden bei einem Compiterspiel von Geschichtsverfälschung. In den Social Media ist wieder mal eine Schlacht um Hautfarbe und Bedeutung ausgebrochen, die als Quellen meist nur Wikipedia kennt, das nun, insbesondere in der englischen Variante, nach Belieben geändert wird. Ein Bewußtsein dafür, welcher Text als Quelle gelten kann, was Sekundärtext, was Fach- oder Sachtext und was nur Geschreibsel ist, fehlt - wie übrigens auch bei den meisten Studienanfängern. Eine wichtige Quelle der Bericht von François Solier von 1627 ist auch online verfügbarr, aber natürlich nirgends verlinkt.
Tatsächlich bleibt unklar, warum das Spiel Yasuke als Protagonist wählt. Bei vielen Kommentatoren wird daher der Verdacht
der "Wokeness" geäußert. Ganz von der Hand zu weißen ist das nicht, denn natürlich gibt es auch "woke"
Interpretationen, die sich als Wissenschaft tarnen, wie etwa die
NetFlix-Kleopatra-'Dokumentation' (vgl. Archaeologik 14.6.2023). Vermutet wird aber ein politisches Programm, das nur dazu diene Weiße und Asiaten herab zu setzen. Einen Schwarzen zum Helden zu machen, sei selbst Rassismus, weil man keinem Asiaten die Heldenrolle geben wolle. Letztlich entlarven sich viele Einwendungen damit selbst als Rassismus und Verschwörungsideologie (vgl. Archaeologik 7.9.2023).
In einem Spiel, Querbeziehungen zwischen
historischen Räumen und Migranten zu zeigen, ist prinzipiell nicht falsch.
Letztlich ist das die künstlerische Freiheit der Spielemacher. Was sie damit erreichen wollten, ist unklar, möglicherweie einfach werbewirksame Provokation. Aktuell kann man sich darauf verlassen, dass intensive, aber wenig fruchtbare Debatten in den
Kommentaren der Social Media entstehen. Mit den Spielen wird ein enormes Publikum erreicht und auch oder gerade weil sie kein authentisches Geschichsbild vermitteln wollen, prägen sie falsche Vorstellungen.
Für die Geschichtswissenschaften und für die ganze Gesellschaft ist das mittelfristig gefährlich. Lernen kann man bestenfalls aus reeller Geschichte, nicht aus Phantasy. Deshalb muß eine seriöse Geschichtswissenschaft und Erinnerungskultur hier gegenhalten - dazu benötigt es moderne Vermittlungsstrategien, eine Transparenz der Wissenschaft und - ganz wichtig angesichts zunehmender Sparmaßnahmen im Bereich Kultur und Wissenschaft - auch die Infrastruktur und die Personalkapaziäten.
Zwei aktuelle Fälle archäogenetischer Forschung belegen, was eigentlich schon seit ein paar Jahren bekannt ist: Die europäische Bevölkerung im Neolithikum und teils noch in der Bronzezeit war dunkelhäutig.
Schon 2019 war über "Lola" berichtet worden. Es handelt sich um eine Frau der Zeit um 3700 v.Chr., deren DNA
aus einem Birkenteerkaugummi extrahiert worden ist.
T.Z.T. Jensen, J. Niemann, K.H. Iversen u.a. A 5700 year-old human genome and oral microbiome from chewed birch pitch. Nature Communications 10, 5520 (2019). - https://doi.org/10.1038/s41467-019-13549-9
In zweiten Fall geht es um eine neue Genanalyse bei "Ötzz". Die Methoden waren in den letzten Jahren so viel weiter entwickelt worden, dass eine neue Analyse notwendig wurde. Daher ergeben sich nun weitergehende Aussagne zu seiner Abstammung und seinem Aussehen.
K.
Wang, K. Prüfer, B. Krause-Kyora, High-coverage genome of the Tyrolean
Iceman reveals unusually high Anatolian farmer ancestry. Cell Genomics
16.8.2023. - DOI: https://doi.org/10.1016/j.xgen.2023.100377
Beide Meldungen wurden über Wissenschaftsjournalismus und dann über Social Media verbreitet. und in den Kommentarspalten und in den Social Media kommentierrt.
Die
Auseinandersetzung um Lola basiert vor allem auf einer Illustration,
die sie als junges Mädchen mit dunkler Haut, schwarzen Haaren und blauen
Augen zeigt.
Once more,
”Lola” the Danish WHG girl chewing birch tar. Made it for a very
interesting article that caught a lot of attention when it was published
in Nature last December. https://t.co/Ca96hrUTvcpic.twitter.com/CtwMqLlCry
Das
Bild löste einen Shitstorm aus. Der Vorwurf auf X-Twitter lautet zur
Rekonstruktion von Lola, das sei Wokeness, bei Ötzi ist auf facebook von Blackwashing die Rede.
I
met Ötzi the other day. He was kind enough to let me paint his
portrait. Apparently he had gotten into trouble. He was restless and
said he had to leave the valley. I wished him a safe journey. pic.twitter.com/midiweGWD1
Neben viel gutem Feedback erntet er auch hier einen shitstorm ob des "verfluchten Bildes".
Ein zentraler Diskussionspunkt wird hier nun,um die Nuancen der
Hautfarbe geführt, die vielen zu dunkel ausfällt. Mit sachlichen
Argumenten kann man diese Diskussion führen, aber den Kommentatoren geht
es hier letztlich um eine "rassische" Zuordnung und je nach eigenen
Wunschvorstellungen um ein heller/dunkler.
Die
Ötzi-Rekonstruktion hat bisher seinen Weg in die deutschen Medien noch
nicht gefunden, so dass Reaktionen des deutschen Publikums darauf noch
ausstehen.
Lola
und Ötzi sind nicht die ersten Fälle, bei denen die genetische
Rekonstruktion Empörung auslöst, weil sie manchen nicht ins
Geschichts- und Menschenbild passt.
"Dokumentationen" wie auf Netflix (Archaeologik 14.6.2023),
die tatsächlich das Aussagepotential und die - gelinde formuliert
-historische Wahrscheinlichkeit hinter die Provokation stellen,
untergraben die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft.
Reaktionen und Kommentare
In den Kommentaren und in den Social Media erwecken die Meldungen teils heftigen Widerspruch - aber nicht als begründete Meinung auf Basis wissenschaftlicher Argumente, sondern aus unreflektierten Geschichtsbildern, teils rassistischen Vorurteilen und einer sonderbaren Wissenschaftsskepsis.
Eine grobe Durchsicht einiger Kommentare lässt fünf Stoßrichtungen erkennen, die nicht selten kombiniert auftreten:
1. Rassistisch
Viele Kommentare sind einfach rassistisch und brauchen dazu gar keinen Bezug zum Inhalt. Vielfach steckt die folgende "Logik" (tatsächlich Unsinn) dahinter: Dunkelhäutig = minderwertig. Die Bestimmung von Ötzi oder Lola als dunkelhäutig bedeutet demnach eine Abwertung oder Enteignung der eigenen nationalen Geschichte. Oft fällt das Wort "deutsch" (obwohl die Fundstelle in Italien liegt).
Sinn machen eigentlich gar keine der Aussagen. Bei manchen - her nicht zitierten - Aussagen ist man sich nicht sicher, ob sie die Urheber*innen für witzig oder satirisch halten. Dann mag man das als mißraten etwas milder betrachten, aber in der Regel fehlt es einfach an Anstand und/oder Hirn.
Nicht selten ist auch primitives Regierungs- oder Grünenbashing. An aktueller Regierungsarbeit mag man ja durchaus einiges zu kritisieren habnen aber mit Ötzi hat das erst mal nichts zu tun und ist daher nur unsachliche Stimmungsmache.
2. Wissenschaft ist nicht vertrauenswürdig.
Der Vorwurf, die Wissenschaft würde sich der Politik unterordnen, findet sich häufig.
In der Regel besteht kein Verständnis oder auch nur Interesse, wie Aussagen zustande kommen. In ein paar Jahren würde was anderes behauptet. Das scheintt v.a. die Kommentare zu Ötzi zu betreffen, zu dem es eben schon länger wirkmächtige Rekonstruktionen gibt und der auch bereits identitätsstiftend gewirkt hat.
Die Irrelevanz wird bisweilen wohl nur dehalb konstatiert, weil einige der Schreiber*innen merken, dass die Nachricht sehr wohl Implikationen enthält, die ihr primitives Weltbild (siehe Punkte 1 und 2) in Frage stellen. So z.B. hier.
Tatsächlich sollte die Frage der Hautfarbe erst makl irrelevant sein, Aber das ist sie grade enen, die sie für irrelevant erklären , gerade nicht. Und deshalb ist es denn doch relevant, die Hautfarbe zu themattisieren.
Als Disziplin sind wir für die Dummheit (das trifft es wohl nicht ganz, aber ein besserer Ausdruck fällt mir grade nicht ein) der Leute nicht mehr verantwortlich als der Rest der Gesellschaft.
Aber es zeigt sich, wie gerade rekonstruierte Gesichter unserer vermeintlichen "Vorfahren" die Emotionen bewegen und somit auch ein Ansatzpunkt für Bildungsarbeit sein können. Das läuft aber gründlich schief, da aktuell eher ein Vertrauensschwund in die Wissenschaft und die Medien damit einhergeht. Offenbar muss hier Grundlegendes besser vermittelt werden. Konkret machen die meisten Leute keinen Unterschied zwischen der genetisch angelegten Hautfarbe und deren Witterungseinflüsse und verstehen nicht, dass die Genuntersuchung etwas anderes darstellt, als eine optische Begutachtung der Hautfarbe (z.B. der hier) - dass diese für die Wissenschaft überhaupt nachrangig ist.
Was hier erklärt werden muss, sind die Zielsetzungen und Methoden. Ersteres ist der Wissenschaft meist so geläufig, dass es schon wieder unreflektiert wird, die Methoden werden meist explizit angesprochen, oft aber nur untr Verweis auf Routinen. in Fachartikeln werden sie nur rudimentär angesprochen und am ehesten mit verweisenden Literaturzitaten charakterisiert. Für die Belange der Forschung ist das ausreichend, aber unter dem Aspekt der Wissenschaftskommunikation kommt das zu kurz. Es stellt sich die Frage, wer dafür verantwortlich ist. Ist es der Wissenschaftler selbst, der ja mit der gängigen Praxis mit seinem Forschungsanliegen durchaus zurecht kommt? Oder ist das eine Aufgabe der Wissenschaftsvermittlung, die zum Teil ja auch von Journalist*innen getragen werden, die nicht unbedingt eine Fachausbildung besitzen?
Ötzi und Lola zeigen jedenfalls, dass es nicht nur an einer Vermittlung der genetischen Methoden mangelt, sondern grundsätzlicher eben auch an einem historischen Verständnis.
Instrumentalisierung der Vergangenheit durch die Politik ist ein
altbekanntes Phänomen. Dieser Tage führt Vladimir Putin dies mit der Begründung für seinem Krieg gegen die Ukraine vor Augen (Archaeologik 22.1.2022). Auch Trumps "Make America great again!" beschwört ein Bild der amerikanischen Geschichte, das hochgradig selektiv ist. Auch demokratische Parteien berufen sich in ihrem Wahlkampf oft auf die Vergangenheit.
Die Bilder der Vergangenheit, die hier beschworen werden, sind meist unabhängig von den Quellen und Disziplinen, die dahinterstehen, sondern sind Mythos. Zu dessen Legitimation und Propagandierung fördern populistische Regierungen gerne wissenschaftliche oder auch parawissenschaftliche "Forschung" - auch in der Archäologie, die medienwirksamere Bilder liefern kann als klassische Archivarbeit. Forchungsgeschichtlich sei nur daran erinnert, dass die ur- und frühgeschichtliche Archäologie ihren entscheidenden Ausbau an den Universitäten während der NS-Zeit erfahren hat. Auch die Archäologie des Mittelalters - wenngleich damals noch gar nicht als akademisches Fach etabliert - war hier in verschiedener Weise betroffen (vgl. Archaeologik 2.7.2020).
Wenn also Wissenschaft auch per se unpolitisch sein sollte, so kann sie es in der Praxis gar nicht sein, gerade, weil ihre Ergebnisse eben nicht im luftleeren Raum stehen und reiner Selbstzweck sind. Davon sind wohl alle Wissenschaften betroffen. Dabei geht es in vielen Disziplinen darum, dass die wissenschaftlichen Ergebnisse auf Widerstand stoßen, weil sie nicht in bestehende Menschen- und Weltbilder passen oder Wirtschaftsinteressen stören. Beispiele sind etwa die Klimaforschung, jüngst die Virologie, aber auch die Kulturwissenschaften wenn es etwa um Sex und Gender geht. Vor allem aber im Bereich der Geschichte mit ihrer identitätsstiftenden Erinnerungskultur ist sie auch anfällig für Manipulationen, bisweilen im Rahmen wissenschaftlicher Interpretationsspielräume, oft aber auch mit para- und pseudowissenschaftlichen Argumentationen.
Wissenschaft kann ihren eigenen Ansprüchen der Seriosität, der Verpflichtung auf wissenschaftliche Methoden und einer Verantwortung der Gesellschaft gegenüber nur gerecht werden, wenn sie sich gegen solche Manipulationen wehrt. Geschichte und Archäologie dürfen sich daher nicht ausschließlich mit der Vergangenheit befassen, sondern müssen auch die Rezeption durch die moderne Gesellschaft(en) im Auge behalten und gegebenenfalls darauf reagieren.
Das Bewusstsein für die Problematik steigt - auch in der Archäologie.
Im letzten Heft des Jahrgangs 2021 des European Journal of Archaeology ist ein Meinungs-/ Diskussionsbeitrag erschienen, der das derzeit leider extrem wichtige Thema des Populismus und des Einflusses von Identitätsstiftung und Politik auf die Archäologie aufgreift. Er fasst Beiträge zusammen, die auf eine Session bei der EAA-Konferenz 2019 in Bern zurückgehen. Auf dieser Tagung wurde das EAA-Statement zu Archäologie und Demokratie verabschiedet (Archaeologik 22.9.2019).
Daniela Hofmann, Emily Hanscam, Martin Furholt, Martin Bača, Samantha S. Reiter, Alessandro Vanzetti, Kostas Kotsakis, Håkan Petersson, Elisabeth Niklasson, Herdis Hølleland, Catherine J. Frieman:
24/4, 2021, 519-555 - doi: https://doi.org/10.1017/eaa.2021.29 Open Access: direkt zum PDF
Der Artikel vereint die Beiträge vieler Kolleg*innen, die unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben und keineswegs immer einer Meinung sind. Dennoch gelingt es, einige wesentliche Aspekte des Problemfelds aufzuzeigen.
Ich möchte hier einerseits auf solche Aspekte hinweisen, die in diesem Zusammenhang auf Archaeologik bereits ein Thema waren, andererseits solche hervorheben, die mir neue Perspektiven zu bieten scheinen.
Die Agitation der Populisten
Kennzeichen des
Populismus sind nach einer Analyse des Politikwissenschaftlers
Jan-Werner Müller Elitenkritik, Antipluralismus, vermeintliche moralische
Überlegenheit und Identitätspolitik. Er ist damit zwar überwiegend, aber
nicht ausschließlich ein Phänomen rechter Parteien. Der Populismus
ist heute jedoch nicht nur einigende Ideenwelt unzufriedener oder
desillusionierter Massen, sondern wird von gut finanzierten und gut
strukturierten politischen Parteien organisiert, schreiben die Autor*innen. Moderner Populismus ist mehr als nur
Vehikel für den klassischen Wahlkampf. "Es geht um Ideologien, die sich
oft durch falsch konstruierte Narrative der Vergangenheit und der
Zukunft begründen. Während Populisten in der Vergangenheit
Pionierarbeit beim Missbrauch von Massenmedien, insbesondere von Radio
und Filmen, geleistet haben, sind die heutigen Populisten geschickte
Manipulatoren von sozialen Medien wie Facebook und Twitter" (S. 529).
Es soll an dieser Stelle nicht um die zunehmenden Relativierungen nationalsozialistischer Verbrechen gehen, die mittlerweile viele Verquertdenker-Demonstrationen auszeichnen. Es geht europaweit um Geschichtsdarstellungen, die bestimmte Werte legitimieren sollen. Der
EJA-Artikel präsentiert dazu Beispiele populistischer Kampagnen aus Tschechien, der Slowakei, Italien,
Griechenland und Skandinavien.
Als neu nehmen die Autor*innen wahr, dass "die immer lauter werdende und
allgegenwärtige populistische Auseinandersetzung die diskursiven
Grundlagen einer rationalen Argumentation bedroht (an ever more vocal
and pervasive populist debate (...) threatens the discursive
foundations on which rational argument is possible)" (S. 520). Es geht also nicht nur um die Instrumentalisierung der Geschichte durch etablierte Regierungsparteien (wie z.B. in Ungarn oder Russland), sondern um populistische, bisweilen auch nur populäre Geschichtsbilder, die für politische oder auch wirtschaftliche Partikularinteressen nicht nur ausgenutzt, sondern auch (bewusst) verbogen werden.
Mit historischen (Schein-)Begründungen werden meist konservative "Werte" propagiert, die in einer modernen liberalen Gesellschaft als restriktiv und intolerant mehrheitlich nun eher abgelehnt werden. Oft ist es die bloße Wiederholung, oft der Keim des Zweifels, der über die modernen Massenmedien des Web gesät werden. Langfristig können damit "alternative", letztlich völlig erlogene Weltbilder geschaffen werden. Wenn dies in autoritären Regimen mit einer Beschränkung der Presse- und Meinungsfreiheit einhergeht, kann dies ein wichtiges Element der Machtsicherung durch "Wahrheitsmonopol" werden.
Wie sollen wir darauf reagieren?
Wie gehen wir damit um, dass Populisten dabei auch auf archäologische
Themen schielen? Wie gehen wir damit um, wenn oft lautstarke Gruppen in
der Öffentlichkeit mit vorgefertigten Meinungen oder gar bewussten
Missdeutungen an die Geschichte herangehen, gezielt wissenschaftlichen
Ergebnissen und Überzeugungen widersprechen oder auch einfach nur
über das methodisch aus den verfügbaren Daten Erschließbare hinausgehen?
Populistische Geschichtsnarrative
Viele historische Narrative nehmen Bezug auf einzelne historische Gruppen. In gängigen Geschichtsbildern geschieht dies heute nur noch gewohnheitsmäßig. Ich habe oft den Eindruck, dass die fehlende Theoretisierung und Selbstreflektion wesentlichen Anteil daran hat, dass sich keine zeitgemäßeren und historisch realistischeren Narrative durchgesetzt haben. Anstelle nationaler Geschichte, die meist eher wenig erklärt, bieten beispielsweise eine Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, insbesondere aber eine Umweltgeschichte viele wichtige Entwicklungslinien, die es wert sind, erzählt zu werden - und die Anlass bieten, kritisch über die Gegenwart nachzudenken.
Populistische Narrative setzen den Bezug auf Völker und Nationen bewusst ein, um Ideologien zu legitimieren, die eigene Stärke und moralische Überlegenheit zu demonstrieren und eine durch gemeinsame Ahnen und Geschichte abgegrenzte Gruppe zu propagieren - und vermeintlich Fremde auszuschließen. Nationen und Völker werden hier als natürliche, weitgehend unveränderliche Größen gedacht (vgl. Archaeologik 15.11.2016).
In Norditalien wird im Umfeld der Lega
Nord die keltische Vergangenheit Norditaliens propagiert, während die
historisch hier ansässigen Bevölkerungsgruppen wie Ligurer und Veneter
oder auch Etrusker marginalisiert werden. Was die Kelten heute in Norditalien politisch
attraktiv macht, ist wohl nicht zuletzt ihr Marsch auf Rom und dessen Eroberung 390 v.Chr.
(S. 536ff.). Solche sozialen Prozesse der Selbstinszenierung durch die Erfindung von Traditionen spielten im Übrigen bereits in der Spätantike eine wesentliche Rolle, als sich viele Stämme und Völker erstmals formierten.
1922: Faschisten unter Mussolini auf dem Marsch auf Rom - Heute haben die norditalienischen Kelten, die 390 v.Chr. gegen Rom marschiert sind, unter den norditalienischen, separatistischen Rechten der Lega Nord Konjunktur (Foto: unbek. Fotograf [PD] via WikimediaCommons)
Der Kulturbegriff
Der EJA-Beitrag weist darauf hin, dass das Festhalten an im Fach althergebrachten Kategorien, wie dem Kulturbegriff ein veraltetes und im Kern längst als zu simpel erkanntes Geschichts- und Gesellschaftsbild für die Öffentlichkeit bekräftigt. Es geht um die Vorstellung von Kulturen und Völkern als einer natürlichen, unveränderlichen Gemeinschaft, die primär auf eine gemeinsame Abstammung zurückgeht.
Deutlich wird das Problem insbesondere bei so etablierten Kategorien wie "Germanen", "Kelten" oder - wie in vorliegendem Artikel auch von skandinavischen Kollegen thematisiert - "Wikinger". Noch immer bedienen sich ihrer Museen, um Publikum in Ausstellungen zu locken. Baden-Württemberg verwendet die "Kelten" bedenkenlos für touristische Werbung.
Bei den Wikingern ist festzustellen, dass sie in der Mehrheit der Bevölkerung ihre nationalistische Bedeutung verloren haben, wirtschaftlicher Opportunismus aber dennoch ihre Fahnen hochhält und dieselben Narrative bedient. HåkanPetersson konstatiert (S. 540ff.), die Museen seien auf diese Situation völlig unvorbereitet. Auf der einen Seite sehen sie die Probleme und widersetzen sich auch, konkurrieren aber zugleich kommerziell um die Gunst des Publikums und lassen sich auf die überholten Stereotype und Narrative ein. Frustriert stellt Petersson fest, fünfzig Jahre moderner Forschung und archäologischer Funde hätten das traditionelle Bild kaum verändert. Die Fachleute haben ihre
Deutungshoheit und ihre Rolle als Übersetzer und Präsentatoren der
Geschichte an wirtschaftliche Interessen verloren.
Seit langem als Problem sind auch die zu vereinfachenden Labels erkannt, die die moderne Archäogenetik oft zur Bezeichnung ihrer aus der DNA definierten Gruppen verwendet, die eben keineswegs Völker im traditionellen Verständnis darstellen. Martin Furholt greift diese Thematik S. 526ff. auf.
Völker oder Gruppen mit auch heute noch auftretenden genetischen Eigenschaften wirken fast zwangsläufig identitätsstiftend. Kontinuitäten weit in die Vergangenheit wirken legitimierend aber auch ausgrenzend und sind daher ein beliebtes Narrativ insbesondere für rechte Kreise.
Da auch das traditionelle, aus dem 19. Jahrhundert herrührende Geschichtsbild an solchen Kontinuitäten ausgerichtet ist, fehlt oft das Gespür für die Diskontinuitäten und Brüche. Es scheint mir kein Zufall, dass das wissenschaftliche Geschichtsverständnis in den USA (anders als das von ExPotUS D.Trump), sehr viel eher auch Kollapssituationen und soziale Interaktion thematisiert, da die moderne amerikanische Geschichte für fast alle Gruppen mit einer Zäsur (Auswanderung, Deportation, Vertreibung, Krieg, Seuchen) beginnt. Geschichte bedeutet Veränderung und kennt nur ausnahmsweise Kontinuitäten. Die wichtigste Kontinuität ist meist der andauernde Wandel.
Der
EJA-Artikel zieht in diesem Zusammenhang die Chronologiediskussion
zur Linearbandkeramik heran, wo ebenfalls klassische typochronologische
Gruppen die alte Vorstellung von einheitlichen Gruppen verfestigen
würden. Gerade dieses Beispiel zeigt aber m.E. dass es hier nicht um die
Einforderung einer generellen Aufgabe der Suche nach kulturellen
Gruppen gehen kann und gehen darf. Denn in einzelnen historischen
Perioden und Räumen kann sich durchaus eine Gruppenidentität entwickeln,
die exklusiv und auf Abstammung orientiert ist. Dies darf nur nicht
paradigmatisch vorausgesetzt werden. Dieses Problem mit dem der
mangelnden Akzeptanz der 14C-Chronologie in Deutschland zu vermengen (S.
520f.), erscheint mir nicht korrekt. Ihr einen unbedingten Vorrang
gegenüber Argumenten aus archäologischen Vergesellschaftungen und
Gruppen einzuräumen, scheint mir verfehlt, ist es doch nicht der Einsatz
moderner Methoden, sondern erst die Fähigkeit, Widersprüche in den
Aussagen verschiedener Quellen und Daten zu finden und durch eine
umfassende Kritik auf allen Seiten aufzuklären, was moderne
Interdisziplinarität ausmacht.
Verfestigung von konservativen Welt- und Menschenbildern
Die
permanente Wiederholung nationaler Narrative verfestigt die Idee einer
historisch legitimierten Gemeinschaft mit konservativen Werten. Das
führt zum Beispiel dazu, dass quellenkritisch erforderliche
Diskussionen um frühere Rollenverhältnisse als unseriös abgelehnt
werden. Genderdebatten in der Geschichte bedeuten nicht, dass moderne Gender-Ideale in die Vergangenheit übertragen werden, sondern, dass erst mal überlegt wird, wie stichhaltig eine Verallgemeinerung traditioneller Sichtweisen ist. Sehr oft zeigt sich, dass andere Modelle zumindest denkbar sind - und hergebrachte Begriffe zu überdenken sind.
Es scheint auch weder zukunftsweisend noch vergangenheitserklärend, den alten Germanen-Begriff weiter zu verwenden, In
Berlin und Bonn wurde 2020/21 eine große Ausstellung "Germanen" präsentiert,
die zwar auch die Problematik des Germanen-Begriffs angesprochen hat, ihn aber dennoch verwendet hat, weil sich "bestimmte Begriffe nicht aus
dem allgemeinen Sprachgebrauch und Bewusstsein wegdenken lassen“. Ist es aber nicht die Aufgabe von Historikern und Archäologen, Geschichte zu erzählen, wie sie war, nicht wie wir sie uns vorstellen wollen? Man hat stattdessen den Germanen-Begriff groß in die Medien gebracht, was bei der großen Masse der Rezipienten wohl eher affirmativ wirkt, wenn auch durch die Pressearbeit zahlreiche Medienberichte das Problem aufgegriffen und damit sogar getitelt haben, wie etwa Spektrum der Wissenschaft, das titelte "Germanen - gab's die wirklich?" oder auch die Welt "Die Germanen hat es nie gegeben". Es scheint sinnvoll, hier eine eingängige Terminologie zu entwickeln, die "Germanen" vermeidet, aber eben auch nicht ungelenk von der "eisenzeitlichen und römisch-kaiserzeitlichen Bevölkerung der Gebiete rechts des Rheins" spricht. Von Germanen sollte eben nur dort gesprochen werden, wo die zeitgenössischen schriftlichen Quellen diesen Terminus auch verwenden.
T. Valk/M. Wemhoff (Hrsg.), Germanen: eine archäologische Bestandsaufnahme (Darmstadt 2021)
Verschiebung des Sagbaren
Durch
andauernde Provokationen und Grenzüberschreitungen erreichen viele
rechtspopulistische Parteien aber auch eine Verschiebung des Sag- und Denkbaren.
Was einst ein Skandal war, wird allmählich normal und auch von Parteien
der Mitte aufgenommen. Was wichtige neue Perspektiven auf Vergangenheit und Heute werfen könnte, wird von vorn herein diskreditiert. Die permanente Darstellung
kulturellen Erbes als ein nationales Erbe lässt mittel- bis langfristig
Migration in einem anderen Licht erscheinen - völlig unabhängig von
Fakten oder humanitären Werten. Der Artikel verweist hier nicht auf das
deutsche Beispiel der AfD mit ihrem "Vogelschiß", sondern auf
verschiedene skandinavische Rechtspopulisten. In diesem Kontext darf man
aber sicherlich auch die überbordende Verwendung von Hakenkreuzen und
anderen rechten Symbolen sehen.
Einfluss auf Erinnerungs- und Bildungspolitik ist daher für Populisten immer wieder von Interesse. Leider fehlen im EJA-Artikel Beiträge von Kollegen aus Polen und Ungarn, wo die
Populisten längst in der Regierung sitzen, und tatkräftig durch alternative Forschungsinstitute ihre eigenen Geschichten schnitzen - oder missliebige historische Themen schlicht zu verbieten versuchen.
Aus Norwegen berichtet HerdisHølleland, wie
die populistische
Rechte danach strebt, die Macht von der Elite auf „das Volk“ zu
verlagern. Neoliberale Entbürokratisierungsmaßnahmen, wie sie
kürzlich von der derzeitigen Koalitionsregierung in Norwegen eingeführt
wurden, können dazu führen, dass fachliche Expertise aus
Entscheidungsprozessen gedrängt wird und der politische Einfluss
zunimmt. Ziel
der Kulturpolitik der norwegischen Fortschrittspartei beispielsweise
ist die
Stärkung der nationalen Identität durch Schutz und Pflege nationaler
archäologischer Stätten, die Herkunft und Macht versinnbildlichen. Um
ihre Kulturerbepolitik umzusetzen und zu
finanzieren, versuchen sie, staatliche Gelder von multikulturellen
Initiativen und Institutionen wegzulenken, die sich mit zeitgenössischer
Kunst und Weltkulturen auseinandersetzen. Bürokratieabbau ist sicher an
vielen Punkten ein wichtiges und gerechtfertigtes Anliegen, doch ist es
wichtig zu sehen, dass er auch ein Einfallstor für Populisten sein kann.
Es sind nicht nur die Narrative nationaler Größe oder einer kriegerischen Vergangenheit, sondern auch bestimmte Kommunikationsformen, die Populismus kennzeichnen. Der Artikel bietet dazu eine Tabelle, die verschiedene Formen der Kommunikation zwischen Archäologie und Öffentlichkeit sehr summarisch auflistet:
Für die akademische Wissenschaft steht hier die klassische top-down Kommunikation, die sich bei allen modernen Überlegungen zur Wissenschaftskommunikation auch nicht wird völlig ersetzen lassen. Die Archäologie muss zwar stärker die Interessen der Gesellschaft einbinden und auch die Stimmen aus der Gesellschaft wahrnehmen, aber Grabungsergebnisse werden am Ende nun mal präsentiert - selbst wenn bei den Ausgrabungen die Bürgerschaft involviert war.
Der Autor HerdisHølleland sieht aber auch eine top-down Promotion durch Politiker und einige einflussreiche Archäologen (vgl. Archaeologik), eine bottom-up-Perspektive, die sie als "revenge archaeology" (Rache-Archäologie) charakterisieren, die anti-elitär oft von Hobbyforschern vertreten wird und schließlich die Perspektive der Wissenschaftspopularisierung durch Vermittler, für die beispielsweise auf Heinrich Schliemann verwiesen wird (vgl. Archaeologik 39.4.2019). Neben den Facharchäologen sind hier noch zahlreiche weitere Akteure involviert.
Handlungsoptionen: 6 Thesen
Dass Wissenschaftler*innen hier nicht einfach zuschauen dürfen, scheint mir außer Frage. Die Vorstellung, Archäologie und generell Wissenschaft sei unpolitisch und könne sich heraushalten, ist viel zu simpel. Vergangenheit hat einen Gegenwartsbezug, der sehr vielschichtig ist. Natürlich ist Geschichte auch immer perspektivisch, aber eben auch nicht beliebig. Die sich wechselnden Perspektiven ergeben sich aus neuen Fragestellungen und Methoden, in der Archäologie oft auch aus neuen Quellen, sprich: Ausgrabungen. Aber sie ergeben sich auch aus verschiedenen theoretischen Ansätzen. Sie dürfen nie paradigmatisch sein, sondern müssen jeweils methodisch kritisch sein (was etwas Anderes ist, als viele Parawissenschaftler oder Querdenker darunter verstehen).
These 1: Eingriffe in die Wissenschaftsfreiheit beispielsweise im Rahmen der Hochschulpolitik oder die Begrenzung wissenschaftlicher Expertise in den Denkmalschutzgesetzen müssen genau beobachtet und mit den Mitteln der Demokratie aktiv verhindert werden.
These 2: Die Archäologie darf nicht nur Materialvorlagen und Ausgrabungsberichte publizieren und die Interpretation dann Laien überlassen. Sie muss auf wissenschaftlicher Basis - theoretisch fundiert und erklärt - auch historische Interpretationen anbieten.
"Die Rolle der Archäologen und der Archäologie muss und sollte jedoch nicht nur darin bestehen, die Voraussetzungen für die Interpretation unserer Forschungsergebnisse und Daten durch andere zu schaffen. Daran können und müssen wir aktiv mitwirken" (S. 533).
These 3: Die Bedeutung unterschiedlicher theoretischer Ansätze bzw. Hintergrundkonzepte für die Interpretation muss aktiv und offen vermittelt werden. Es ist zu zeigen, dass es nicht um erfundene sog. "alternative Fakten" oder "alternative Wahrheiten", sondern um zulässige - und notwendige - alternative Perspektiven auf der Ebene von Hypothesen oder auch Theorien geht. Seriöse Wissenschaftsvermittlung beinhaltet zwangsläufig auch eine Vermittlung theoretischer Grundlagen.
These 4: Wissenschaft muss den Dialog mit der Öffentlichkeit suchen und sollte die wesentlichen Stakeholders kennen lernen (vgl. S. 539). Der Umgang mit der Öffentlichkeit muss reflektiert erfolgen, um zu verhindern, dass nicht-wissenschaftliche Narrative die Oberhand gewinnen. Dieses Risiko ist im Kontext von Reenactment, Living History, aber auch von Citizen Science - die alle wichtiges Potential haben, Geschichte zu vermitteln - zu reflektieren. Leicht geraten hier falsche oder irrelevante Inhalte wie niedliche Ponys und stinkende Schweine in die Vermittlung.
These 5: Wir müssen genauer überlegen und kommunizieren, was die Archäologie denn tatsächlich an Relevantem zu vermitteln hat. Das ist m.E. nicht, wie die Gewandung um 760 im Vergleich zu 930 n.Chr. ausgesehen hat. Das Potential der Archäologie liegt in der Vermittlung der zeitlichen Dimension, dabei kann die Gewandungsfrage didaktisch interessant werden. Vor allem aber sollte die Archäologie m.E. die Bedeutung langer Zeiträume, aber auch die Möglichkeit kurzfristiger historischer Umschwünge aufzeigen und so wichtiges Orientierungswissen liefern. Ohne ein Verständnis für die Dimension der Zeit kann keine verantwortungsvolle Zukunftsplanung erfolgen. Und wir sollten es vermeiden, populäre, letztlich aber überholte Begriffe zu benutzen, da dies fasche, überholte Weltbilder zementiert. Nicht immer wird die kritische Diskussion weiter vermittelt, so dass - wie bei der oben erwähnten Germanen-Ausstellung - am Ende ein affirmativer Charakter bleibt.
These 6: Wir benötigen eine umfassende Auseinandersetzung mit archäologischer Vermittlungsarbeit, mit ihren Zielen, Methoden und Medien, ihrer Resonanz und ihren Defiziten. Das sollte auch nicht das Hobby einiger Weniger sein, da es alle betrifft, die mit Archäologie befasst sind und deswegen Kontakt zur Öffentlichkeit haben. Es ist nicht nur ein Thema für Museen, sondern auch für Universitäten, Denkmalpflege und all jene, die in diesen Bereich freiberuflich tätig sind und meistens am direktesten mit der Öffentlichkeit zu tun haben.