Dienstag, 14. Juni 2022

Zurückgestellt: Das neue Wikingerschiffmuseum in Oslo

Seit 1926 war das berühmte Oseberg-Schiff im Wikingerschiffmuseum in Oslo ausgestellt. Seit Beginn dieses Jahres ist es geschlossen.
Schon lange ga es ein Hin und Her zur realisierung eines Neubaus, da es Befürchtungen gab, inwiefern die fragilen Funde einen Umzug unbeschadet überstehen könnten.


Grabung des Osebergschiffs 1904/05
(Foto Mus. Oslo, public domain; Wikimedia commons)


Nun war ein solcher Neubau eigentlich beschlossen und der Bau sollte demnächst beginnen. Ziel war es dort neben dem Osebergschiff auch die Wikingerschiffe von Tune und Gokstad sowie weitere Grabfunde auszustellen. Der Plan für den Neubau wurde 2016 in einem internationalen Architektenwettbewerb ausgewählt,
Aufgrund pandemiebedingter Verzögerungen und gestiegener Materialkosten sind die kalkulierten Kosten inzwischen jedoch gestiegen.
Die norwegische Regierung ist nicht bereit, die gesteigerten Kosten zu tragen und fordert im Gegenteil weitere Einsparungen.


Ein vom staatlichen Bauamt und der als Träger den Museums fungierenden Universität Oslo erstellter und unabhängig geprüfter Bericht hat Einsparmaßnahmen geprüft und kommt eindeutig zu dem Schluss, dass das Projekt nicht in einem reduzierten Rahmen durchgeführt werden kann.

Es besteht nun die Gefahr, dass das Projekt wieder auf Eis gelegt wird und die Schiffe und anderen Objekte auf unbestimmte Zeit hinter verschlossenen Türen und ohne die notwedigen Maßnahmen für verbesserte Lagerungsbedingungen liegen bleiben.

Sonntag, 12. Juni 2022

Messis? Die Notwendigkeit archäologischer Magazinierung

Raimund Karl stellt in einem Interview in der taz Archäologen als "Messis der Wissenschaft dar".

In einem Punkt hat er Recht: Es gibt hier ein Problem. Immer mehr Ausgrabungen liefern immer mehr Funde, deren Lagerung, Konservierung und Aufarbeitung Ressourcen erfordert, die nicht da sind.

Seine Forderung, auszusortieren und auch alte Magazine zu entsammeln geht aber am Problem vorbei.

In seinen Äußerungen klingt es so, als sei es noch immer die Aufgabe der Archäolog*innen, zu sammeln. Das ist es seit etwa dem 19. Jahrhundert oder etwas enger gefasst seit den 1960er/70er Jahren nicht mehr. Archäologie ist als Wissenschaft an dem Verständnis der Vergangenheit interessiert. Die Funde sind Quelle und Beleg wissenschaftlicher Aussagen. Es geht schon lange nicht mehr um die Objekte selbst, sondern um ihre Kontexte. Diese sind aber jeweils individuelle.

Eine Auswahl nach den Kriterien eines Sammlungskonzeptes geht an dieser Eigenschaft archäologischer Funde vorbei. Ein Problem der Forschung sind sehr häufig die nicht aufbewahrten, heute verlorenen Funde. Aus der Sicht eines Mittelalterarchäologen beispielsweise ist zu bedauern, dass frühere Sammlungskonzepte nur an älteren Perioden interessiert waren. Hier hat man sehr oft eher zu wenig als zu viel gesammelt. Die musealen Sammlungskriterien sind auch nicht zwingend mit den wissenschaftlichen identisch, denn vieles was wissenschaftlich grundlegend ist, ist optisch und ausstellungstechnisch leider außerordentlich unattraktiv. Man denke nur an die zahlreichen Keramikscherben, die in der Regel die Datierung einer Fundstelle begründen, aber auch viele weitere Einblicke in Alltagssituationen geben können. Dabei kommt es auf das Spektrum, nicht auf die Einzelstücke an. Das bietet theoretisch ein gewisses Potential für ein repräsentatives Aufbewahren und eine Kassation - aber es ist doch häufig, dass später im Lichte neuer Forschung beispielsweise eine typologische Revision vorgenommen werden muss, die erfordert, dass ein möglichst vollständiger Rückgriff auf das Material möglich ist.

Viel Potential archäologischer Ausgrabungen wird heute schon verschenk, weil auf den Ausgrabungen bereits selektiert wird. Die außerordentlich spannende Fundgruppe der Dachziegel findet meist kaum Beaxhtung und landet meist gleich im Abraum. Eigentlich stellen sie aber eine wichtige Quelle für die Rekonstruktion von Gebäuden dart - über die Fundverteilung, aber auch über ihre Typologie und sekundäre Bearbeitung könnten überdachte Areale genauer definiert oder Walm- und Gaubendächer identifiziert werrden, was für eine Rekonstruktion nicht nur ein unwichtige Details sind.

Raimund Karls Beispiel der Lübecker Nusstorte zeigt ein leider auch unter Archäolog*innen immer noch verbreitetes Unverständnis für die Rolle der Funde und insbesondere auch für eine historische Archäologie. 2019 ging der Fund einer etwa 80 Jahre alten Nusstorte durch die Medien, die bei Ausgrabungen in der Alfstraße gefunden wurde. Karl möchte sie wegschmeißen. "Nusstorten kennen wir eigentlich gut." Das ist aber gar nicht der Punkt. Ja Nusstorten kennen wir gut, aber diese eine, die Raimund Karl als überflüssiges Sammlerstück darstellt, ist auch nicht wichtig, weil wir an einem Nusstortenrezept interessiert sind. Sie ist aus verschiedenen anderen Gründen ein höchst wichtiges Objetkt: Sie stammt aus einem fixierten historischen Kontext, Das Haus in der Lübecker Alfstraße, in deren Keller die Torte nebst einem Kaffeeservice und mehreren Schallplatten gefunden wurde, war im März 1942 bei einem alliierten Bombenangriff auf Lübeck zerstört worden. Wie Karl schreibt, sind Rezepte überliefert, "Brauchen wir also ein originales Stück, das dauerhaft konserviert werden soll? Wahrscheinlich nicht." meint er. Allerdings: Es wäre durchaus interessant, zu erfahren, ob die in Kriegstagen gebackene Torte nicht auch Versorgnngsengpässe widerspiegelt. Man hat vermutet, dass die Torte vielleicht für eine Konfirmationsfeier gebacken wurde, denn der Luftangriff fand am 28./29. März 1942 in der Nacht zum Palmsonntag statt, Die Torte ist Zeugnis des Kriegsalltags und hat gerade als alltägliches Objekt die Fähigkeit, Emotionen zu wecken und so zu einer Auseinandersetzung mit der Geschichte anzuregen und Erinnerung wach zu halten. Es ist eines der Potentiale der historischen Archäologie, dass ihre Funde - wenn sie bisweilen selbst auch nur von bescheidenem eigenständigem Quellenwert sind - neue Perspektiven eröffnen und geschichtsdidaktisch außerordentlich wertvoll sein können. Gerade die Lübecker Torte hat ein großes mediales Echo gefunden - wenn vielleicht auch unterschwellig mit etwas Kopfschütteln und Amusement. Dennoch: Die Torte hat den Ausgrabungen in Lübeck emdiale Aufmerksamkeit geschenkt, national, internationla und auch von der BILD. Im März 2022 wurde die Torte zum Mittelpunkt einer Ausstellung "Bittersüß - Der Tortenfund von Lübeck 1942-2022" und regt so zu einer Auseinandersetzung mit dem Bombenkrieg an. Trotz des Kriegs in der Ukraine, ist für Viele in Deutschland solch ein Ereignis heute völlig außerhalb der Vorstellungskraft.

Das Probelm der Archäologie liegt nicht im Sammeln, sondern in der Aufarbeitung des Gesammelten und weiterhin zu Sammelnden (oder doch umfassend zu Dokumierenden). Erst im Zug einer wissenschaftlichen Auswertung kann zuverlässig entschieden werden, was Quellenpotential, was Referenzcharakter und was didaktischen Wert hat. Das ist auf der Ausgrabung nicht möglich, da gerade unter Bedingungen der kommerziellen Archäologie dafür keine Zeit und meist auch keine Fachexpertise vorliegt.

Eine Lösung des Problems wachsender Sammlungsbestände muss bei der Auswertung ansetzen.

  1. Die Auswertung muss mit nachvollziehbaren Kriterien eine Fundauswahl treffen, die magaziniert wird. Keine Rolle dürfen dabei auf Ausstellungen oder Schwerpunkte setzende Sammlungsstrategien einzelner Museen spielen, da gewährleistet werden sollte, dass eine gleichmäßige Überlieferung entsteht. Eine Museumsinventarisierung sollte erst nach der Auswertung vorgenommen werden.
  2. Künftige Sammlungskonzepte sollten nicht mehr allein auf die großen Landesmuseen setzen, die allzu leicht in die auch von Karl vorgeschlagene Duplettenargument verfallen könnten. Archäologie ist aber nicht immer nur große Geschichte, sondern eben auch Ortsgeschichte. Was es landesweit schon hundert- oder tausendfach gibt, kann ortsgeschichtlich von größter Bedeutung sein.
  3. Auswertungsarbeit muss angemessen bezahlt werden Sie ist Teil der Ausgrabung und sollte vom Verursacherprinzip mit abgedeckt werden. Es kann hier nicht weiter auf universitäre Abschlussarbeiten gesetzt werden. Von der Ausnutzung dahinter einmal abgesehen: Das Potential an Studierenden reicht bei weitem nicht aus und zudem setzt man strukturell die Unerfahrensten in der Wissenschaft an die wichtigste Arbeit.
  4. Wir brauchen digitale Funddatenbanken. Sie gewinnen nicht nur für die Forschung an Bedeutung die zunehmend statistisch arbeitet. Hier könnten auch kassierte Funde so dokumentiert werde, dass zumindest eine grundlegende wisenschaftliche Datenbasis erhalten bleibt (was nicht geling, wenn die Kassation auf der Grabung erfolgt, bevor zuverlässig alles begutachtet wurde). Bei einer Dezentralisierung musealer Aufbewahrung kann eine Datenbank den Überblick erhalten und übrigens auch bei Provenienzproblemen eine wichtige Rolle spielen.

Der Umgang mit Fundstellen und Funden in der aktuellen archäologie erfordert sicherlich, wie Karl das anstößt, mehr Reflektion über Strategien in Forschung und Denkmalpflege. dabei ist es wichtig, nichts zu beschönigen - in vielen archäologischen Depots ist die Welt durchaus nicht in Ordnung und auch die angemessene Auswertung der zahlreichen Grabungen ist nicht mehr gewährleistet (falls sie es jemals war). Hier muss grundsätzlich nachgedacht werden und der Handlungsbedarf anerkannt und kommuniziert werden.

Entscheidend ist, dass sich Archäolog*innen mehr als bisher Rechenschaft über ihre Fragestellungen und Ziele ablegen - in der Denkmalpflege, an den Museen, an den Universitäten, aber auch in den historischen/ arcchäologischen Vereinen und Gesellschaften.

Ein einfaches Entsammeln hilft nicht, sondern gefährdet die Wissenschaftlichkeit der Archäologie, die meines Erachtens ihren Kern ausmacht, die aber beispielsweise doch auch soziale und politische Bildungsarbeit berührt.



Depot mit archäologischen Funden
(Foto R. Schreg)

Links

  • R. Karl, My preciousssss... Zwanghaftes Horten, Epistemologie und sozial verhaltensgestörte Archäologie. In: K.P. Hofmann/ T. Meier/ D. Mölders/ S. Schreiber (Hrsg.), Massendinghaltung in der Archäologie. Der Material Turn und die Ur- und Frühgeschichte (Leiden 2016) 43-69. - https://www.sidestone.com/books/massendinghaltung-in-der-archaeologie


zur Lübecker Torte:



Montag, 6. Juni 2022

Ukrainisches Nationaldenkmal in Flammen - Kloster Sviatohirsk

Das Kloster Sviatohirsk im Gebiet Donesk ist ein Kulturdenkmal von nationaler Bedeutung für die Ukraine 2005 wurde das Kloster auf einer 10-Hriwna-Gedenkmünze dargestellt. Damit gewinnt es jetzt im Kriegsgebiet symbolische Bedeutung,


Ukrainische 10 Hriwna-Münze von 2005 mit Darstellung des Klosters Sviatohirsk
(Public Domain viaWikimediaCommons)


Der Komplex des Klosters Sviatohirsk am Fluß Seversky Donets
(Foto: Megamegalex 2010  [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)



Der russische Angriff auf die Ukraine hat mehrfach auch das Kloster betroffen. Es diente Flüchtlingen aus der Donesk-Region als Unterkunft. Am 12. März 2022 griff das russische Militär die Stadt Swjatohirsk nördlich des Flusses aus der Luft an. Eines der Ziele war wohl die Brücke beim Kloster.  Eine der Fliegerbomben explodierte 50 Meter vom Kloster entfernt und zerstörte alle Scheiben sowie einige der Türen. Da in dem Kloster hunderte Menschen Zuflucht gesucht hatte, kam es zu Verletzen. Zudem gab es weitere Schäden an den kirchlichen Einrichtungen. An den folgenden Tagen wurde das Kloster und seine Umgebung erneut beshossen. Am 15. März wurde dabei die Fassade der Kathedrale beschädigt.

Der Komplex des Klosters Sviatohirsk. südlich der Brücke am Fluß und der angrenzenden Anhöhe. Die abgebrannte Kirche Allerheiligen liegt auf der Hochfläche weiter südlich
(Karte: OpenTopoMap - Kartendaten: © OpenStreetMap-Mitwirkende, SRTM | Kartendarstellung: © OpenTopoMap (CC-BY-SA))

Ende Mai geriet die Stadt Sviatohirsk unter russische Kontrolle. Am 4. Juni 2022 wurde die Holzkirche „Vsikhsviatskyi Skete“/ Allerheiligen durch russischen Beschuss in Brand gesetzt. Das Kloster scheint direkt an der aktuellen Front zu liegen.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bezieht sich noch am Abend auf telegram auf den Vorfall, berichtet die Kirche sei zerstört und beschuldigt Russland der Kulturgutzerstörung. Er gab sich überzeugt, dass jede vom russischen Militär niedergebrannte Kirche, jede gesprengte Schule und jedes zerstörte Denkmal beweise, dass Russland keinen Platz in der UNESCO hat und Russland auch hier sanktioniert werden müsse.

Selenskyj schreibt, die Besatzer wüssten genau, welches Objekt beschossen wird. Sie wissen, dass es auf dem Territorium der Svjatohirsk Lawra keine militärischen Ziele gibt. Es ist bekannt, dass etwa 300 Laien vor den Feindseligkeiten fliehen, darunter 60 Kinder. Aber immer noch beschießt die russische Armee den Lorbeer, wie den ganzen Donbass. Wie jedes andere Territorium und jedes andere Objekt der Ukraine, das erreicht werden kann. Es ist ihnen egal, was sie in Ruinen verwandeln."

Selenskyj fordert den Ausschluss Russlands aus der UNESCO:  

"Am 31. Mai appellierte das ukrainische Parlament an die UNESCO, Russland die Mitgliedschaft in der Organisation zu entziehen. Daran arbeitet die ukrainische Diplomatie konsequent. Kein anderes Land als Russland hat seit dem Zweiten Weltkrieg so viele Denkmäler, kulturelle und soziale Stätten in Europa zerstört. Jede von Russland in der Ukraine niedergebrannte Kirche, jede gesprengte Schule, jedes zerstörte Denkmal beweist, dass Russland keinen Platz in der UNESCO hat. Worüber können wir mit einem barbarischen Staat, mit einem terroristischen Staat sprechen? Über welche Artilleriegeschosse ist es besser, das historische Erbe zu zerstören?

Wir erwarten eine logische und faire Antwort von der UNO und der UNESCO. Es sind die Vereinten Nationen, und ihre Charta sieht keine Allianzen mit Terroristen vor. Die Isolation Russlands muss vollständig sein, es muss für seine Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden. "

An seinen Telegram-Post hängt Selenskyj einen Videoschnipsel der brennenden Kirche an. Die Berichterstattung suggeriert - wahrscheinlich nicht aufgrund einer tendenziösen Berichterstattung, sondern aus mangelnder Reflektion des Denkmal- bzw. Kulturerbe-Begriffs - , hier gehe es um altes historisches Kulturerbe. Tatsächlich ist die Kirche Allerheiligen 2006 fertig gestellt worden. Die ältere Anlage war nach dem Zweiten Weltkrieg zerfallen und erst als das Kloster nach 1991 neu begründet wurde, fanden umfangreiche Neubauten statt. Allerheiligen wurde dabei als Holzkirche errichtet.

In seinem Post spricht Selenskyj diese jüngere Geschichte übrigens offen an, und zwar gleich zu Beginn: "Zerstörtes Allerheiligenkloster. 1912 wurde sie eingeweiht. Es wurde zuerst während der Sowjetzeit zerstört. Später wurde es wieder aufgebaut. Und so wurde er von der russischen Armee verbrannt."  Worauf sich das Datum 1912 beziehen soll, ist mir allerdings nach kurzer online-Recherche nicht klar geworden. Eventuell hat sich der Präsident vertippt und er wollte auf die letzte Wiederbegründung des Klosters 1992 verweisen.


Kulturgutpolitik in der Russischen Kriegsführung

Immer wieder lassen sich in ukrainischen Meldungen über Kulturgutzerstörungen kleine Ungenauigkeiten beobachten (vgl. Archaeologik 16.3.2022; Archaeologik 26.4.2022). Diese ändern nichts daran, dass sich das russische Militär ganz offenbar verbrecherisch wie die letzten "Barbaren" (ein sorry an alle oft zu unrecht so gebrandmarkten Barbaren) - oder wie Ukrainer das aktuell bezeichnen: Orks - aufführen. Es zeigt aber, wie dem Umgang mit Kulturgut eine moralische Dimension zukommt. Die Achtung des Kulturguts ist ein Zeichen der Überlegenheit und der moralisch richtigen Position. Das hat Russland mit der Inszenierung von Palmyra im Kampf gegen den IS selbst auch so praktiziert.

Mit diesem Hintergrund ist es schwer zu beurteilen, inwiefern neben zumindest billigend in Kauf genommene Kollateralschäden an Kulturgütern auch eine bewusste Zerstörung ukrainischer Kultur praktiziert wird. Immer wieder steht der Vorwurf im Raum, Putin würde auf eine Vernichtung traditionsstiftender ukrainischer Traditionen abzielen.
Eine gezielte Zerstörung der historischen Gebäude von Sviatohirsk würde im Hinblick auf eine solche imperialistische Kulturtraditionspolitik wenig Sinn machen, da die Geschichte des Klosters eng mit der russischen Expansion ist. Im 16./17. Jahrhundert nutzten die Moskauer Zaren die strategische Lage des Klosters für die militärische Überwachung der Region, die darauf abzielte, sich gegen Tatareneinfälle zu schützen. Die Mönchen von Sviatohirsk hielten enge Beziehungen zum Moskauer Staat und erhielten materielle und militärische Unterstützung (Yaisiuk 2018). Wie so viele historische Hinterlassenschaften sind sie nicht eindeutig modernen Nationen zuzuweisen, sondern stehen für die Komplexität der Geschichte, der ein nationalistisches Weltbild fast immer mit völligem Unverständnis entgegen tritt. Putin hat sein völlig verständnisfreies Geschichtsbild durchblicken lassen und zur Rechtfertigung seines Krieges benutzt (vgl. Archaeologik 25.2.2022; Archaeologik 22.1.2022).
 
 

Literaturverweis

  • Yaisiuk 2018: Микола Яцюк, Святогірський монастир між московською владою та українськими козацькими впливами (ХVІ−ХVІІ ст.). Історія релігій в Україні: Науковий щорічник 28, 2018, 396-413. - http://www.religio.org.ua/index.php/religio/article/download/206/204 (pdf)

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Blogposts auf Archaeologik zu Putins Krieg gegen die Ukraine

Freitag, 3. Juni 2022

Es glänzt nicht alles im Louvre: Polizeiliche Ermittlungen gegen ehemaligen Direktor

Ein Beitrag von Jutta Zerres 

Zahlreiche internationale Medien berichten in den letzten Tagen über Ermittlungen der französischen Polizei gegen Jean-Luc Martinez, der von 2013 bis 2021 das weltberühmte Pariser Museum des Louvre leitete. Es steht der Vorwurf des Betruges und der Verschleierung von Provenienzen von fünf unrechtmäßig erworbenen ägyptischen Antiken im Raum. Diese seien für das Zweigmuseum in Abu Dhabi bestimmt gewesen und sollen für den Preis von 15 Millionen Euro angekauft worden sein. Darunter befindet sich eine Stele mit der Nennung von Tutanchamun, für die alleine 8,5 Millionen über den Tisch gegangen seien. Martinez habe im Genehmigungsverfahren der Ankäufe bei den gefälschten Provenienznachweisen nicht allzu genau hingeschaut. Er bestreitet die Vorwürfe und ist mittlerweile gegen Auflagen freigelassen geworden. 

Louvre
(via Pixabay)

Die Ermittlungsverfahren gegen ihn kam 2018 nach der Verhaftung des deutsch-libanesischen Galeristen Robin Dib ins Rollen, der den Verkauf an den Louvre vermittelt hatte. Die in Rede stehenden Objekte waren in der Zeit des „arabischen Frühlings“ 2011 illegal ausgegraben und in den Handel gebracht worden. Archaeologik berichtete ausführlich über Raubgrabungsaktivitäten, die in dieser Phase staatlicher Instabilität deutlich zugenommen hatten. Nicht zum ersten Mal tauchen Objekte, die in der politischen Unruhephase von 2011 entwendet wurden, in internationalen Museen auf. Schlagzeilen machte 2019 der Fall des goldenen Sarkophages des Priesters Nedjemankh, der vom Metropolitan Museum of Art in New York erworben und später an Ägypten restituiert wurde (auf Archaeologik).


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Dienstag, 31. Mai 2022

Geschichte im Krieg

Im Unterschied zur Corona-Pandemie (vgl. Archaeologik 9.1.2021) sehen Historiker sich beim Ukraine-Krieg sehr viel mehr in der Lage, Einordnungen oder gar Erklärungen zu liefern. Die Medienbeiträge, die nun auf die ukrainische Geschichte blicken, Putins Geschichtsbild analysieren - und zurück weisen - sind recht zahlreich, aber dennoch im Vergleich zu "Militärexperten" doch eher eine Randerscheinung.

Nur exemplarisch:

Zwei Aspekte eines historischen Blicks auf den russischen Krieg gegen die Ukraine scheinen bemerkenswert. Mehrdach wird Putins Geschichtsbild analysiert, einmal in seinen historischen Aussagen etwa betreffend die Geschichte der Sowjetunion oder der Kiewer Rus, zum anderen aber auch das generelle Geschichtsverständnis Putins.

Kritik an Putins Geschichtsdarstellung (vgl. Archaeologik 22.1.2022):

Putins konservatives Geschichtsverständnis:

Russland streitet mit vorgeblich historischen Argumenten eine Existenzberechtigung  der Ukraine ab. Das machtdeutlich, wie wichtig eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit für uns ist.


In der aktuellen Kriegssituation scheint dies tatsächlich in eine bewusste Zerstörung von Museen, Gedenkstätten und Archiven zu münden:

Die UNESCO gibt auf ihrer Website eine Liste bislang bekannter zerstörter Kulturdenkmale in der Ukraine - mit Aktualisierungen:


Besonders hingewiesen sei auf einen Beitrag bei Radio Free Europe:

 

Dass Meldungen zu Kulturdenkmälern Teil von Propganda sind, hat sich bereits in Syrien gezeigt, wo sich Russland als deren Retter dargestellt hat - nun zeigt die Ukraine die russischen Zerstörungen auf, ohne freilich immer die Fakten ganz korrekt darzustellen. Das ist sicher nicht immer auf die Kriegsbedingungen zurückzuführen, die zu reduzierter Sorgfalt führen könnten, sondern eine bewusste Strategie, Russland mit eingängigen Bildern und Aussagen vorzuführen.

 

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Montag, 30. Mai 2022

Archäologie im Krieg - Schützengrabengrabungen

Ein ukrainischer Parlamentsabgeordneter berichtet über Funde in einem Schützengraben in der Südukraine.

Dank an F. Preisß für den Hinweis. 

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Donnerstag, 26. Mai 2022

Marienthaler Nonnen ohne Gewissen

Anfang Mai wurde bekannt, dass das Kloster Marienthal in der Oberlausitz wertvolle Bestände seiner angestammten Bibliothek und auch seines Archivs über einen Schweizer Antiquariat auf dem Kunstmarkt zu Geld machen möchte.


Zum Verkauf steht unter anderem der in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts, im fränkischen Raum der Bistümer Eichstätt, Würzburg oder Bamberg entstandene St. Marienthaler Psalter - angeblich für rund 4 Mio Euro . Der genannte Blogpost von Klaus Graf dokumentiert die historische Bedeutung des Psalters, der mit DFG-Mitteln inzwischen auch online digital vorliegt. Im Rahmen dieser Digitalisierung wurde ein Verbleib der betreffenden Handschriften im Kloster vertraglich vereinbart - nun wird das Kloster vertragsbrüchig und nutzt das Kloster die Expertise für den Verkauf.  

 

Marienthaler Psalter
(PD] - via Sachsen digital
urn:nbn:de:bsz:14-db-id18010400796 )


 

Ebenfalls zum Verkauf steht das Kapiteloffiziumsbuch des Zisterzienserklosters Altzelle, aus dem letzten Drittel des 12. Jahrhunderts, ebenfalls mit öffentlichen Forschungsmitteln digitalisiert.


Kapiteloffiziumsbuch des Zisterzienserklosters Altzelle
(PublicDomain via Sachsendigital -  urn:nbn:de:bsz:14-db-id18010435317)


Das Kloster verweist auf seine wirtschaftlichen Nöte. Nach Flutschäden 2010, Sanierungsarvbeiten und den Folgen der Corona-Pandemie, die den Besucherbetrieb im Kloster zeitweise zum Erliegen brachte, habe man längst die Altersrücklagen der derzeit acht, meist alten Schwestern schon zur Kostendeckung und Abgeltung von Krediten in Anspruch genommen.

Das Bistum Dresden-Meißen, das eigentlich solche Verkäufe untersagt hat, sieht sich wegen der Eigenständigkeit des Klosters nicht verpflichtet und im Übrigen selbst nicht in der Lage, weitere finanzielle Hilfe zu leisten. Historiker und das Sächsische Kultusministerium protestierten gegen einen Verkauf vor allem des Psalters als einem Werk von europäischem Rang.

Die Äbtissin erklärte am 12. Mai, die Schwesterngemeinschaft sei bereit, gemeinsam mit weiteren Akteuren, die sich in der Frage zu Wort gemeldet hätten, nach einer Lösung zu suchen, um den Psalter - auf den sich die Diskussion zu verengen scheint -  in Sachsen zu halten. Allerdings hat das Kloster die Schriften bereits an einen hochpreisigen Antiquar gegeben, der nun sicher auch auf einer Provision besteht. Eine Frist, die dem Freistaat zugesichert wurd, um bis Ende Juni eine Lösung zu finden, war vom Kloster bzw. seiner Äbtissin nicht eingehalten worden.

Angeblich befinden sich die angebotenen Handschriften noch in Sachsen. Eine Ausfuhr kann mit Hilfe des Kulturgutschutzgesetzes indes nicht verhindert werden, da hier §9 die Kirche insofern privilegiert, als dass sie die Unterschutzstellung selbst benatragen müsste. Das Sächsische Denkmalschutzgesetz bezieht sich indes auch auf Werke der bildenden Kunst und des Kunsthandwerks sowie Sammlungen, so dass hier eine Eintragung in das Verzeichnis der Kulturdenkmale vorliegen oder vorgenommen werden müsste (bei beweglichen Kulturdenkmalen ist das Verzeichnis nicht öffentlich einsehbar).

Klaus Graf weist daraufhin, dass der Fall Marienthal kein Einzelfall ist - das Verscherbeln von Klosterbibliotheken ist man schon gewohnt, wie zahlreiche Posts auf Archivalia dokumentieren (nur zwei Beispiele aus Fulda und der Eifel: https://archivalia.hypotheses.org/128655, https://archivalia.hypotheses.org/886). Dass das Kloster Marienthal aber auch Archivbestände auf den Markt wirft, scheint neu.

Das dahinter stehende Problem - das Aussterben von Klöstern - ist es aber nicht.  Es ist strukturell und so müsste hier eben auch ein Lösungsansatz gefunden werden, der nicht immer wieder dazu zwingt, wertvolle Bücher aus dem Kunsthandel teuer zurück zu kaufen und dabei zuzusehen, wie historisch bedeutende Bibliothelskontexte dennoch - oft undokumentiert - zerstört werden.

"Es bedarf einer bundesweiten Task force, die auf der Basis einer flächendeckenden Inventarisierung notfalls auch gegen die kirchlichen Eigentümer Rettung und/oder Dokumentation veranlasst. Es ist ein Unding, dass virtuelle Rekonstruktionen von Klosterbibliotheken sich noch nicht mit solchen hochgradig gefährdeten Ensembles befassen. Diese Task force muss mit einem stattlichen Stiftungsetat ausgestattet werden. Wird das Problem nicht langfristig und systematisch angegangen, bleibt es bei hektischen Rettungsversuchen, und der Antiquariatshandel lacht sich ins Fäustchen." - https://archivalia.hypotheses.org/145746

Kloster Marienthal im Tal der Neiße
(Foto: Derbrauni [CC BY SA 4.0] via WikimediaCommons)
 


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Freitag, 20. Mai 2022

Backblech und BaLISminK - Perspektiven der Keramikforschung

Nach Coronapause fand am 12. und 13. Mai in Tübingen ein Treffen von Archäologinnen und Archäologen statt, die im süddeutschen Raum (historisch breit von Niederösterreich bis ins Elsass und von Kärnten bis ins Rheinland) mit Keramik arbeiten. Impulsreferate zeigten den regionalen Stand der Forschung, Tische mit ausgebreiteten Scherben boten Gelegenheit zum Fachsimpeln und vor allem zum genauen Betrachten und Betasten. 

 

Internationaler Workshop zur mittelalterlichen und neuzeitlichen Keramik in Süddeutschland und angrenzenden Regionen

Tübingen, 12./13. Mai 2022 
Organisationsteam Dorothee Ade, Natascha Mehler, Jonathan Scheschkewitz und Lukas
Werther, unterstützt durch Amelie Alterauge

Impulsvorträge:

  • Dorothee Ade, Von der Schwäbischen Alb bis zum Bodensee - Keramikforschung im südlichen Baden-Württemberg
  • Andreas Heege/Valentin Homberger/Jonathan Frey/Eva Roth-Heege/Michelle Joguin/Maria Isabella Angelino/Gilles Bourgarel, Schweiz/Fürstentum Liechtenstein 1350-1900: Stand der Forschung, Defizite, Perspektiven
  • Madeleine Châtelet/Heidi Cicutta/Elise Arnold, Mittelalterliche und moderne Keramik im Elsass (6.-17. Jh.). Der heutige Stand nach zwanzig Jahren Forschungen
  • Christoph Keller/Christian Röser, Keramikforschung im Rheinland
  • Rainer Schreg, BaLISminK - Eine kooperative Arbeitsplattform zur Dokumentation und Auswertung archäologischer Keramikfunde
  • Martin Rogier, Experimentalarchäologische Keramikherstellung
  • Harald Rosmanitz, Reliefierte Ofenkeramik in Süddeutschland
  • Eleonore Wintergerst/Christian Later, Zum Forschungsstand in Süd- und Ostbayern
  • Harald Stadler, 35 Jahre mittelalterliche Keramikforschung in Tirol. Ziele-Erfolge und Misserfolge-Zukunft
  • Gabriele Scharrer-Liska/Levente Horváth, Forschungen zur mittelalterlichen und neuzeitlichen Keramik in Ostösterreich (Niederösterreich, Burgenland, Steiermark, Kärnten)
 


Deutlich wurde, dass der Stand der Forschung sehr ungenügend ist und in vielen Fällen wichtige Fundkomplexe nicht vorgelegt - oder mancherorts gar nicht erst vorhanden sind. Im Jahre 1997 war von Dorothee Ade et al. ein Überblick über den Stand der südwestdeutschen Forschung zur mittelalterlichen Keramik vorgelegt worden. Dabei wurden 156 Fundkomplexe aus Baden-Württemberg aufgelistet, die wichtige Keramikbestände umfassen. Davon waren circa 18 publiziert (darunter aber auch kaum greifbare Dissertationsdrucke), 138 unbearbeitet oder unpubliziert. In den vergangenen 25 Jahren wurden von den 138 damals unpublizierten Fundstellen nur ca. 10 vorgelegt, viele Manuskripte wurden bis heute nicht gedruckt (geschweige denn online gestellt). Durch die Einführung der kommerziellen Archäologie sind zahlreiche neue Fundkomplexe hinzugekommen, die mehrheitlich der Wissenschaft aber auch nicht zugänglich sind. Problematisch ist, dass das Verursacherprinzip nur die Ausgrabung nicht aber die Auswertung umfasst. Vielfach erweisen sich die Fundlisten, die von den Grabungsfirmen vorgelegt werden als wissenschaftlich unbrauchbar, da sie von Fehlbestimmungen durchsetzt sind. 

Die Vorträge der Tübinger Tagung zeigten, dass diese mangelhafte Situation - unter einzelnen Aspekten vielleicht mit Ausnahme des Elsass und der Nordschweiz - nicht nur Baden-Württemberg betrifft. Für Südbayern konnten Christian Later und Eleonore Wintergerst in ihrem Überblick im Wesentlichen nur auf die Städte Regensburg, Ingolstadt und neuerdings München verreisen, für die ein einigermaßen hinreichender Forschungsstand erreicht ist. 

Noch immer beruhen die Kernaussagen auf den Pionierarbeiten der 1960er und 70er Jahre von Uwe Lobbedey, Barbara Scholkmann, Hermann Dannheimer und Sabine Felgenhauer-Schmidt. Der jüngeren Forschung ist es nicht gelungen, deren Chronologiesysteme und Aussagen grundlegend abzusichern und zu präzisieren. Punktuell wurden sogar eher Rückschritte gemacht, indem etwa das Relativchronologiesystem von Uwe Lobbedey, das zunächst allgemeine Anwendung gefunden hat, seit den 1990er Jahren nicht weiterverfolgt und ausgebaut wurde. Ohne dass genügend fest datierte Referenzkomplexe publiziert oder Stratigraphien ausgewertet worden sind, ging die Forschung auf absolute Datierungen über, die öfters modifiziert werden mussten. Damit ist eine sehr unübersichtliche Forschungslage entstanden. 

Bis heute zeigen sich chronologische Unstimmigkeiten, insbesondere an den Grenzen der Arbeitsgebiete der modernen Forschung. Beispielsweise zeigen sich zwischen der Nordschweiz und dem Bodenseeraum mit der Konstanzer Marktstätte Abweichungen in der Datierung der Leistenränder im 11./12. Jahrhundert, also gerade in einer Zeit bei der für das Verständnis siedlungsgeschichtlicher Entwicklungen wie Stadtentstehung, Dorfgenese oder Burgenbau eine genaue chronologische Auflösung entscheidend wäre. Zwischen Württemberg/Schwaben einerseits und Oberbayern andererseits ergeben sich Datierungsdifferenzen bei nachgetreten Keramik von mindestens zwei Jahrhunderten. Bei der Auswertung vermeintlich frühmittelalterlicher Siedlungen im Großraum München, wie beispielsweise Kirchheim bei München, blieb unter dem Eindruck der merowingerzeitlichen Hofgrablegen die Literatur zu hoch- und spätmittelalterlicher Keramik völlig unberücksichtigt, so dass hier tendenziell viel zu frühe Datierungen vorliegen. Daneben gibt es terminologische Abweichungen in den verschiedenen Bearbeitungsregionen, was z.B. den Karniesrand angeht oder auch den Begriff der rauwandigen Drehscheibenware, der sich in Südwestdeutschland auf das Frühmittelalter, in Oberfranken aber auf das Spätmittelalter bezieht. Ein weiteres Forschungsdefizit, das auf der Tagung aber nicht weiter thematisiert wurde, ist der eklatante Mangel an weitergehender sozial- oder wirtschaftsarchäologischer Interpretation der Keramikfunde. Im Mittelpunkt des Interesses steht immer noch die Chronologie, so dass weitergehende Analysen zu Herstellungstechnik, Gebrauchsspuren oder Schadensbilder weitgehend fehlen (vgl. Schreg im Druck). 

Die Backblechmethode 

Auf der Tagung wurden Ursachen und mögliche Problemlösungen dieser Situation diskutiert. Bemängelt wurde verschiedentlich, dass die universitäre Ausbildung in den letzten Jahren die Materialkenntnisse zugunsten theoretischer Themen vernachlässigt hätte. Das ist sicherlich nicht ganz falsch, doch sind universitäre Abschlussarbeiten in keiner Weise geeignet, die Unzahl von unpublizierten Ausgrabungen und relevanten Komplexen aufzuarbeiten, zumal damit unerfahrenen Studierenden sehr komplexe Aufgaben übertragen werden, die eigentlich sehr viel Erfahrung voraussetzen. Problematisch sind aber auch die Fundberichte der kommerziellen Grabungsfirmen, die zumeist der Forschung gar nicht zugänglich sind und sich in der Regel auf die Befunde konzentrieren. Die Funde werden in kaum verwertbaren Listen, häufig mit falschen Ansprachen abgearbeitet. Andreas Heege hat daher die "Backblech"- Methode vorgeschlagen. Anstelle ungenügende Klassifikationen vorzunehmen, sollten die Grabungsfunde besser in Übersichtsfotos (auf Backblechen beispielsweise) vorgelegt werden, die zwar keine detaillierte Vorlage ersetzen, aber dem Experten doch viel eher einen Überblick über das (Keramik-)Fundspektrum einer Fundstelle geben. Das Landesamt für Denkmalpflege in Baden-Württemberg hat in diesem eine Änderung der Richtlinien für Grabungsfirmen bereits ins Auge gefasst. 

BaLISminK 

Die Tübinger Tagung war auch Gelegenheit zum ersten Mal BaLISminK vorzustellen. BaLISminK ist das Bamberger Lehr- und Informationssystem zu mittelalterlicher und neuzeitlicher Keramik, das derzeit in einer Vorabversion vorliegt. 1997 war das Buch ‘Keramik aus Südwestdeutschland’ von Rainer Schreg in der ersten Auflage erschienen. Es war eine Bestimmungshilfe für Keramik vom Neolithikum bis zur Neuzeit, die vor allem Typentafeln und kurze Beschreibungen enthielt, aber als damals studentische Arbeit von Anbeginn an relativ oberflächlich war und inzwischen eben über 30 Jahre alt ist. Schon lange war an eine Neubearbeitung gedacht worden, die auch mit Lehrveranstaltungen an den Universitäten Tübingen und Heidelberg in Angriff genommen war. Dabei zeigte sich jedoch, dass es sinnvoll ist, hier künftig auf eine digitale stets aktualisierbare Form zu setzen. So ist BaLISminK entstanden, bei dem es sich um ein Wiki-System handelt, das Handwerkstechniken, Werkstoffe, Formen, Warenarten und relevante Fundkomplexe beinhaltet. Die Zielgruppe sind weniger die Expert*innen als vielmehr Studierende, Grabungsfirmen, aber auch interessierte Laien. BaLISminK umfasst derzeit bereits etwa 270 Einträge, die mehrheitlich aus Schreg 1997 übertragen, teilweise aber auch im Rahmen von Lehrveranstaltungen (neben den genannten in Tübingen und Heidelberg nun auch in Bamberg) aktualisiert und ergänzt worden sind. 

 

Schreg 1999

Noch ist BaLISminK nicht öffentlich zugänglich (und deshalb hier auch nicht verlinkt), da in einem kleineren Kreis von Kolleg*innen erstmals Inhalte konsolidiert und Arbeitsroutinen entwickelt werden sollen. Auch technisch sind noch einige Verbesserungen notwendig, so z.B. eine Nutzerverwaltung mit abgestuften Schreibrechten, eine organisierte Literaturverwaltung und möglicherweise auch ein integriertes WebGIS. Museen und archäologische Institutionen sollen als Partner gewonnen werden, die das Projekt mit Bildern unterstützen, die möglichst, wie BaLISminK überhaupt unter eine CC-Lizenz gestellt werden können. 

 

BaLISminK

 

Derzeit werden Kolleginnen gesucht die aktiv in dieser Entwicklungsphase mitarbeiten möchten, insbesondere auch solche, die Kenntnisse mit Wikimedia-Projekten mitbringen. (um es klarzustellen: es wird eine unentgeltliche Mitarbeit erwartet, da aktuell keinerlei Finanzierung vorliegt. Interessierte wenden sich bitte an Rainer.Schreg[at]uni-bamberg.de ). BaLISminK soll nicht nur der Keramikforschung eine Plattform für Austausch und Koordination bieten, sondern auch als Element archäologischer Wissenschaftskommunikation dienen. 

 

 Literaturhinweise 

  • Ade-Rademacher et al. 1997: D. Ade-Rademacher/U. Gross/M. Dumitrache/B. Jenisch/S. Kaltwasser/C. Keller/R. Marti/C. P. Matt/J. Pfrommer/R. Röber (Hrsg.), Mittelalterliche Keramik in Baden-Württemberg und den Schweizer Kantonen Basel-Stadt, Baselland und Schaffhausen. Fundstellen und Forschungsstand (Hertingen 1997). 
  • Dannheimer 1973: H. Dannheimer, Keramik des Mittelalters aus Bayern. Beitr. Volkstumsforsch 21/ Kat. Prähist. Staatsslg. 15 (Kallmünz/Opf. 1973). 
  • Felgenhauer-Schmiedt 1977: S. Felgenhauer-Schmiedt, Das Fundmaterial des Hausbergs zu Gaiselberg, NÖ. Arch. Austr. 61/62, 1977, 209–336. 
  • Lobbedey 1968: U. Lobbedey, Untersuchungen mittelalterlicher Keramik vornehmlich in Südwestdeutschland. Arbeiten zur Frühmittelalterforschung 3 (Berlin 1968). 
  • Scholkmann 1978: B. Scholkmann, Sindelfingen, obere Vorstadt. Eine Siedlung des hohen und späten Mittelalters. Forschungen und Berichte der Archäologie des Mittelalters in Baden-Württemberg 3 (Stuttgart 1978). 
  • Schreg 1997: R. Schreg, Keramik aus Südwestdeutschland. Eine Hilfe zur Beschreibung, Bestimmung und Datierung archäologischer Funde vom Neolithikum bis zur Neuzeit. Lehr- und Arbeitsmaterialien zur Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit (Tübingen 1997). 
  • Schreg im Druck: R. Schreg, Pottery in Medieval Rural Households Archaeological Research Perspectives in Southern Germany. In: Ruralia XIV (vorauss. 2023) 

Interne Links

 

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Montag, 9. Mai 2022

140 Löcher in Manching


So was kann kein Sondengänger mehr schön reden (von wegen Pflughorizont, nix gewusst, eigenes  Geschichtsinteresse etc.): Über eine laufende Grabung in einer der prominentesten  archäologischen Fundstellen Bayerns fallen Sondengänger her und hinterlassen 140 Löcher. Mindestens 140 Funde, die fehlen um zu datieren, Nutzungsareale und letztlich den Alltag im Oppidum von Manching zu rekonstruieren. Mit zu vielen Löchern ist das Gesamtbild nicht mehr das, was es mal war. 
In Manching wurden im Lauf der Jahrzehnte zwar schon viele Flächen gegraben und es gibt schon viele Funde, aber für eine wissenschaftliche Rekonstruktion braucht es einen möglichst vollständigen Datensatz. Pflug und Baumaßnahmen machen schon genug kaputt, da braucht es nicht auch noch Idioten mit Sonde statt Hirn...
 
Mona Lisa mit 140 Raubgrabungslöchern
(verändert nach Leonardo da Vinci via WikimediaCommons)



 

Link

Info zum Oppidum von Manching:

Interne Links

Kulturgutsicherung in Kyiv

Die Bilder der Stadtverwaltung Kyiv sind möglicherweise etwas zu ästhetisch für ihren tragischen Hintergrund - aber sie setzen den Bemühungen der Menschen vor Ort ein Denkmal, die sich um den Schutz ihres Kulturerbes kümmern. 

 

alle Bilder: Stadtverwaltung Kyiv, Oleksiі Samsonov [CC BY 4.0] via WikimediaCommons

Mittwoch, 4. Mai 2022

Spendenaufruf für den Kulturgutschutz in der Ukraine

Das Deutsche Archäologische Institut, das Kulturgutretter-Projekt, der SiLK (SicherheitsLeitfaden Kulturgut, die  Notfalllverbünde, die Deutsche Gesellschaft für Kulturgutschutz und Blue Shield Deutschland haben gemeinsam eine großangelegte Spendensammelaktion für den Schutz ukrainischer Kulturgüter gestartet. Diese antwortet auf das offizielle Hilfeersuchen der Ukraine bei der EU, in dem um konkrete Materialspenden ersucht wird. 

Am 21.3.2022 hat die Kulturstaatsministerin Claudia Roth das Netzwerk Kulturgutschutz Ukraine ins Leben gerufen, in dem neben den bereits Genannten auch das Römisch-Germanische Zentralmuseum in Mainz, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und das Technische Hilfswerk beteiligt sind.


Der Spendenaufruf bittet um Geld- und Sachspenden für den Kulturgütershutz in der Ukraine. Wir sehen hier die in Kriegssituationen üblichen Kollaterialschäden, aber offenbar auch ganz gezielte Attacken auf ukrainische Kultur und Identität. Objekte müssen also in vielfältiger Hinsicht verpackt und in Sicherheit gebracht werden.

 

Schutzmaßnahmen am Kyrill-und-Method-Denkmals in Kyiv, 28.3.2022
(Foto: Stadtverwaltung Kyiv,
Oleksiі Samsonov [CC BY 4.0] via WikimediaCommons)



Als eingetragener, gemeinnütziger Verein - der anders als die beteiligten öffentlichen Institutionen nicht an die kompelxen bürokratischen Bestimmungen des Vergaberechts gebunden ist - übernimmt Blue Shield Deutschland vorrangig die Sammlung von Geldspenden, die für den gezielten Kauf von solchen Materialien genutzt werden, die bei den Sachspenden fehlen oder nicht in ausreichender Menge eingehen. Aktuell sind dies vor allem mobile Brand- und Einbruchmeldeanlagen. Als Verein kann Blue Shield Deutschland Geldspenden annehmen und Spendenbescheinigungen ausstellen, was den anderen Einrichtungen nur bedingt möglich ist.

Die Geldspenden werden über Blue Shield Deutschland entgegengenommen:

Deutsches Nationalkomitee Blue Shield e.V.
IBAN: DE59 1005 0000 0190 7671 46
BIC: BELDEBEXXX
Verwendungszweck: Spendenaktion Ukraine

In München, Stuttgart, Köln, Halle/Saale, Weimar, Dresden und Berlin werden von den jeweiligen Notfallverbünden, teils mit Unterstützung der lokalen Feuerwehr und der Ortsverbände des THW, vor Ort Materialsammelstellen eingerichtet, um die Sachspenden entgegenzunehmen und für den Weitertransport über Berlin nach Polen und in die Ukraine vorzubereiten. Die Liste der Materialien, die das Netzwerk sammelt steht auf der Seite der Notfallverbünde als pdf bereit. Benötigt werden geeignete Verpackungsmaterialien, aber zum Beispiel auch Feuerlöscher, Absperrband oder kugelsichere Westen, Bauhelme oder kugelsichere Schutzhelme. Hinweise zu den Sammelstellen finden sich ebenfalls auf der Seite der Notfallverbünde.

Den Transport der Güter in die Ukraine übernimmt das THW.


Links

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