Montag, 3. Oktober 2022

Nobelpreis für Archäogenetik: Svante Pääbo wird für seine Neandertaler-Forschung ausgezeichnet

Svante Pääbo, Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, erhält den Nobelpreis für Medizin für die Sequenzierung des Neandertaler-Genoms und die Entdeckung der Denisovaner.

 

Svante Pääbo 2014
(Foto: Jonathunder [GNU-Lizenz für freie Dokumentation] via WikimediaCommons)


Nobelpreise im weiten Kontext  historischer Forschung sind sehr selten, da die Preise die Kulturwissenschaften bestenfalls mit dem Nobelpreis für Literatur abdecken - dessen zweiter Preisträger 1902 der Althistoriker Theodor Mommsen war. (M.E. hängt das hartnäckige Festhalten der Altertumswissenschaften an monographischen Publikationen an dem damit begründeten hohen Ansehen der Buch-Publikation?). So sind es die naturwissenschaftlichen Methoden, die preiswürdig erscheinen, weniger die historische Interpretation. Neben dem Nobelpreis für Medizin für Svante Pääbo ist der Nobelpreis für Williard F. Libby zu nennen, der 1960 für die Radiocarbonmethode den Nobelpreis für Chemie erhalten hat.


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Mensch und Tier

Eine schöne Dokumentation auf ARTE  zur Geschichte von Mensch und Tier von den Anfängen bis zum Mittelalter (u.a. mit Freilichtlabor Lauresham):

in der Mediathek 

und auf youtube: 

Montag, 19. September 2022

Windenergie: Energiebranche beschuldigt Denkmalschutz

Im April 2019 hat die "Fachagentur Windenergie an Land" ein Hintergrundpapier  Windenergie und Denkmalschutz vorgelegt. Damals wurde festgestellt, dass sich aus der Betrachtung der Windenergienutzung im Verhältnis zum Denkmalschutz kein grundsätzlicher Vorrang für einen der beiden Belange ergebe und beide Aspekte gleichberechtigt nebeneinander stünden. Inzwischen haben sich mit der neuen Ampel-Bundesregierung und der Energiekrise in Folge des russischen Kriegs gegen die Ukraine und den Westen die Prioritäten verschoben. Selbst Bayern will mit der bevorstehenden Änderung des Denkmalschutzgesetzes den bislang verzögerten Bau von Windrädern erleichtern. 

Aktuell kommuniziert die Windkraftbranche jedoch, der Ausbau der Windenergie ginge wegen des Denkmalschutzes nicht voran. 10% der Projekte lägen des wegen auf Eis.

Ein Bericht des rbb stellt einen Fall aus dem Norden Brandenburgs dar, in dem Anwohner tatsächlich mit Hilfe des Denkmalschutzes Windräder verhindern möchten. Wie so oft, gibt es nur eine formale lapidare Begründung, wonach die "gestalterische Komposition und das Erscheinungsbild" des Gartendenkmals Damitzow "in erheblicher Weise beeinträchtigt" werde. Dem Laien ist so etwas unverständlich, zumal offenbar schon der Denkmalcharakter eines alten Gutshauses und des zugehörigen Gartens nicht ausreichend erklärt ist. 

Wirtschaftsgebäude des Gutshofs von Damitzow
(Foto: Florian Koppe [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)


 

Eine Reportage von ntv geht speziell auf Darnitzow ein und verweist ebenfalls auf die bayerische Gesetzesinitiative:

Es ist ungut, wenn der Denkmalschutz instrumentalisiert wird, um ein paar Windräder zu verhindern. Denkmalschützer sollten sich bewusst sein, dass unerklärte/ unerklärliche Entscheidungen auf die Denkmalpflege zurückfallen, die dann leicht zur Zielscheibe wird. Im Unterschied zu anderen Energiegewinnungen sind die Einbußen in punkto Ästhetik reversibel. Wenn es Bedenken wegen Umweltproblemen und Folgen für die Gesundheit gibt, sollten das auch die Ansatzpunkte sein.

Weit problematischer sind die Bodeneingriffe, die für so ein Windrad erforderlich sind, da sie alle eine Zufahrtsmöglichkeit für Schwerlasttransorte brauchen, was massive Eingriffe in Bodendenkmäler bedeutet. Wenn sich hier die Zufahrten nicht so legen lassen, dass keine Bodendenkmäler tangiert werden, muss eben das Instrument der Rettungsgrabungen greifen, das mittlerweile meistens über das Verursacherprinzip finanziert ist. 

Betroffen sind dabei auch Flächen, die man lange für weitgehend gut geschützt ansah: Immer wieder weichen Windparks auch in Waldgebiete aus, die in oft in eher abgelegenen Gebieten liegen, die aber dicht mit Kulturlandschaftsrelikten von vorgeschichtlichen Grabhügeln und Ringwallanlagen über Altflure bis zu neuzeitlichen Kohlemeilern (letztlich übrigens Zeugen einer früheren Energiewende, die andeuten, dass nicht alles nachhaltig ist, was grüne Energie liefert) durchsetzt sein können.

Die Angriffe der Windenergiebranche auf den Denkmalschutz konzentrieent sich auf die Bau- und Kunstdenkmalpflege, die Archäologie wird auch in dem genannten Hintergrundpapier nicht thematisiert. Das kann erst mal positiv bedeuten, dass hier kein wesentliches Problem gesehen wird, kann aber auch bedeuten, dass bei künftigen Anpassungen der Denkmalschutzgesetze als Kollateralschaden auch die Archäologie leidet.

Die Diskussion um Windenergie und Denkmalschutz ist wichtig - bedenklich ist nur der Tenor, der Denkmäler als Problem und nicht als gesellschaftliches Gut darstellt. Deutlich wird, dass Grundbelange der Denkmalpflege nicht richtig vermittelt sind. Wenn etwa der bauliche Zustand oder die Tatsache dass oberirdisch nichts mehr sichtbar ist, als Argument gegen die Denkmaleigenschaft angeführt wird, zeigt sich, dass hier Erklärungsbedarf besteht. - Wobei auch in den Denkmalwissenschaften oft ein Denkmalbegriff gepflegt wird, der auf die Archäologie gar nicht anwendbar ist. Hier fehlt es vor allem an der Kommunikation des Denkmals als historische Quelle. Diese Eigenschaft wird nicht durch das Windrad beeinträchtigt, sondern allenfalls durch die vorgenommenen Bodeneingriffe.


Die Novellierung des Bayerischen Denkmalschutzgesetzes

Das bayerische Kabinett beschloss Anfang August 2022 eine Novellierung des Bayerischen Denkmalschutzgesetzes, das Solaranlagen auch auf Dächern von denkmalgeschützten Häusern, energetische Sanierungen an denkmalgeschützten Gebäuden und auch Windkraftanlagen im direkten Umfeld von Denkmälern erlauben soll. Ausgenommen sind von dieser Regel nur einige wenige Anlagen wie Schloß Neuschwanstein oder die Befreiungshalle in Kelheim. Vorgesehen ist, dass bei Windkraftanlagen auf eine Erlaubnispflicht verzichtet werden soll.

Da der Gesetzesentwurf mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege abgestimmt wurde, sollte davon auszugehen sein, dass dadurch die Belange der archäologischen Bodendenkmalpflege nicht einfach vergessen worden sind und vorliegende Erfahrungen aus der Praxis auch eingeflossen sind (was keineswegs selbstverständlich ist, siehe NRW).


 
Windräder in Rheinhessen (Foto: R. Schreg)

 

Verfahrensabläufe

Im konkreten Fall Damitzow wird der Vorwurf erhoben, dass sich die Denkmalpflege nicht bereits in die Regionalplanung eingebracht hätte und die denkmalpflegerische Ablehnung nun ganz überraschend gekommen sei (was nicht ganz stimmt, denn bereits vor mehr als einem Jahr hat das Handelsblatt am Beispiel Damitzow über denkmalpflegerische Bedenken und einen Entscheid vom Dezember 2020 berichtet).

Wichtig sind die jeweiligen Abläufe in den Genehmigungsverfahren. Ein Verzicht auf eine Erlaubnispflicht, darf nicht bedeuten, dass die Anträge gar nicht mehr der Denkmalpflege vorgelegt werden. Die Zeitschrift "Erneuerbare Energien" verweist auf das Beispiel eines Hügelgrabs ebenfalls in Brandenburg, in dessen Umgebung kein Windrad genehmigt wurde, Zitiert wird dazu Nadine Haase, Kommunikationsleiterin des Energieunternehmens Enertrag, die nicht versteht, dass auch die Umgebung eines Hügelgrabs unter Schutz steht und dass es völlig irrelevant ist, ob das Hügelgrab als solches gekennzeichnet ist und dass darauf ein Hochsitz steht. Sie denkt nur an den klassischen Umgebungsschutz im Sinne eines Sichtfelds. Wahrscheinlich aber dürfte bei der denkmalpflegerischen Entscheidung auch eine Rolle gespielt haben, dass im Umfeld des Grabhügels durchaus mit weiteren Bestattungen zu rechnen ist.

Energiewende und Denkmalpflege waren schon in letzter Zeit immer wieder ein Thema, aber offenbar gibt es da noch grundlegenden Kommunikationsbedarf.

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Freitag, 16. September 2022

DGUF: Gravierende Lücke in der universitären Archäolog*innen-Ausbildung!

Die DGUF weist darauf hin, dass es Archäolog*innen-Karrieren gibt, die wir in der universitären Lehre bisher völlig vergessen haben...

 

King Charles III
(Foto: Annabel Moeller (for the House of Lords)
[CC BY SA 2.0]
via WikimediaCommons)

 


  

Besonders pikant: Charles III hat sein Studium der Archäologie in Cambridge abgebrochen und stattdessen einen BA in Geschichte gemacht.

Mittwoch, 14. September 2022

Wie aus der Ägyptologie vor 200 Jahren eine historische Archäologie wurde

Porträt des Jean-François Champollion (1790-1832)
Ölgemälde von
Leon Cogniet 1831
(Louvre, Paris [gemeinfei] via WikimediaCommons)

 

Die Entzifferung der Hieroglyphen war indes nur ein erster Schritt zur Entwicklung eiiner historischen Archäologie denn allzu leicht gewinnen die Texte das Übergewicht über die Archäologie, die leicht als bloßer Lieferant neuer Textfunde misverstanden werden kann. Das spannende ist , die Aussagen von Texten mt den Zeugnis des Materiellen abzugleichen. Darin steckt - auch für recht jonge Perioden - großes Potential.


Mittwoch, 7. September 2022

Archäologie und Ethik

Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege 76/2, 2022
ISSN: 0029-9626
 

Archäologie und Ethik ist in der deutschsprachigen Archäologie ein lange vernachlässigtes Thema - obgleich es gerade in der deutschen Forschungsgeschichte (z.B. unter dem Label Archäologie und Nationalsozialismus) genügend Anlässe gegeben hätte, darüber zu reflektieren oder gar zu diskutieren.

Auf Archäologik gibt es schon lange das Label Ethik in der Archäologie, unter dem im Lauf der Zeit ganz unterschiedliche Aspekte angesprochen wurden: der Umgang mit menschlichen Überresten, der Umgang mit Ansprüchen und Ansichten indigener Gruppen, aber auch die Frage von Raubgrabungen und Antikenhehlerei, oder der politische Misbrauch der Geschichte (Archäologie und Politik sowie Archäologie und Gesellschaft), wobei die letzteren  unter jeweils eigenen Labeln geführt sind.

In einer Rezension zu Gnecco/Lippert 2015 (https://archaeologik.blogspot.com/2015/07/ethische-fragen-in-der-archaologischen.html) waren schon einmal auf Archaeologik die Themen archäologischer Ethik aufgelistet, die sich gegenüber Individuen, gegenüber Minderheiten, gegenüber der gesamten Gesellschaft, aber auch gegenüber unseren archäologischen Quellen selbst ergeben:. Ich möchte das inzwischen geringfügig erweiterm und modifizieren:

  • Ansprüche der Gesellschaft/Öffentlichkeit (Wem gehört die Vergangenheit?)
    • Information / Öffentlichkeitsarbeit - Transparenz
    • Eigentumsfragen
    • Einbindung von Laien
    • Umgang mit nicht-wissenschaftlichen Interessen
  • Instrumentalisierung und Kommerzialisierung: Der Missbrauch der Vergangenheit für Partikularinteressen und politische Propaganda
    • z.B. Umgang mit der Propaganda des Daesh ('IS') 
    • z.B. Geschichte als russische Kriegsrechtfertigung 
  • Wissenschaft als Methode
    • gute wissenschaftliche Praxis im Fach
    • Umgang mit Parawissenschaften 
    • Selbstkritik
  • Konservierung, Schutz und Präsentation der Fundstellen
    • Erhaltung der Authentizität
    • Privilegien für Großkonzerne (z.B. Befreiung vom Verursacherprinzip für Braunkohleabbau) 
    • Bevorzugung einzelner Perioden
    • Umgang mit Funden (Probleme der Selektion, der praktischen Konservierung, Archivierung, Ausstellung)
    • Umgang mit jüngeren Befunden (die häufig die Untersuchung älterer Befunde stören und oft genug entsorgt werden) 
    • Problem der 'Lustgrabung'
  • Antikenhandel und Schutz vor Raubgrabungen 
    • Publikation und Begutachtung von Funden fraglicher Provenienz
    • Erwerb aus fraglichen Quellen
    • Waffeneinsatz gegen Kulturzerstörer?
  • Umgang mit fremden Traditionen und Kulturen
    • Minderheiten
    • benachbarte Gesellschaften
    • Einheimische
    • kolonialistische Interpretationsmuster
  • Der Umgang mit menschlichen Resten
    • pietätvoller Umgang
    • wissenschaftliche Bearbeitung mittels invasiver Methoden
    • Verdin
    • Lagerung/Wiederbestattung
    • Identifizierung

Deshalb ist eine neue Publikation wichtig, wenngleich diese etwas unscheinbar in Heft 2/2022 der Österreichischen Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege erfolgt ist und im Wesentlichen auch nur einen - aber einen wichtigen - der vielen Aspekte herausgreift. Auf über 80 Seiten ist hier ein internationales Fachgespräch vom 19. August 2021 in der Kartause Mauerbach dokumentiert. Schwerpunktmäßig geht es um menschliche Überreste als archäologische Forschungsgegenstände, wobei unterschiedliche Aspekte beleuchtet werden, nämlich Ethik und Denkmalschutzrecht, die Perspektive von Nachfahren und von Religion, aber auch die Rolle der Forensischen Archäologie für die Aufarbeitung von Gewaltverbrechen. Die meisten Beispiele haben einen Österreich-Bezug, zeigen also, dass es kein fernliegendes Thema ist, das nur Staaten mit indigenen Völkern angeht,

Inhalt

  • Claudia Theune - Archäologie und Ethik 
  • Kurt Remele - Kinderleichen, Schrumpfköpfe und Respekt vor den Toten. Zur ethischen Dimension der Archäologie 
  • Reinhard Bernbeck / Susan Pollock - Menschen als archäologische Forschungsgegenstände? Von der Ethisierung zur Sensibilisierung der Wissenschaften 
  • Thomas Kersting - Ethik und Denkmalschutzrecht im deutschsprachigen Raum – Theorie und Praxis 
  • Cyrill von Planta - Die Ethischen Prinzipien von ICOMOS: Anleitung zu moralischem Handeln auf internationalem Parkett? 
  • Christoph Bazil - Handel mit Kulturgütern, Restitution, Provenienzforschung – ein österreichisches Anliegen zwischen Recht und Ethik? 
  • Sarah Heer - Forensische Archäologie und die Aufarbeitung von Gewaltverbrechen durch internationale und nationale Gerichtshöfe 
  • Margit Berner - Ethische Fragen an die anthropologischen Sammlungen des Naturhistorischen Museums (NHM) Wien 
  • Barbara Hausmair - Kann un/moralisches Handeln in der Vormoderne archäologisch erforscht werden? Ein Votum für eine kritische Archäologie 
  • Georg Spiegelfeld-Schneeburg - Ein Diskussionsbeitrag eines Nachfahren 
  • Astrid Steinegger - Ein Exkurs: Ist alles was bleibt, ein Wams? Überlegungen zur Öffnung der Stubenberggruft in der Pfarrkirche hl. Jakobus der Ältere auf der Frauenburg im Jahr 1971 
  • Shmuel Yechiel Shapira - Archäologie aus der Perspektive des jüdischen Gesetzes der orthodoxen Auslegung 
  • Bernhard Hebert - Ein kurzes Nachwort 

 

Der Artikel von Susan Pollock und Reinhard Bernbeck beschreibt am Beispiel der Knochenfunde vom Areal des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik in Berlin-Dahlem das Dilemma, das sich aus wissenschaftlicher und ethischer Perspektive ergeben kann. 2014 war bei Bauarbeiten eine Grube mit menschlichen Knochen entdeckt worden. Die nachfolgenden Ausgrabungen erbrachten etwa 16.000 Fragmente sterblicher Überreste. Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie war zutiefst in die Menschenversuche der NS-Zeit verwickelt, für die Versuchsopfer aus KZs herangezogen wurden. Daraus ergab sich der Verdacht, in der Grube könnten sich Reste von NS-Opfern befinden. 

"Einerseits möchte man wissen, ob die Funde aus Auschwitz sind. Auf der anderen Seite würden, wenn dies stimmte, die jüdischen Halacha-Regeln gelten, die genau diese Analyse verbieten. Aus diesem Dilemma gibt es keinen Ausweg."  

Um zu wissen, welcher Umgang genau mit den Skelettresten richtig ist,  sind Untersuchungen notwendig, die möglicherweise genau diesem korrekten Umgang widersprechen. Durch eine optische, also nicht-invasive Untersuchung der Knochen wurde deutlich, dass die geborgenen menschlichen Reste aus Kontexten rund um die Welt und von prähistorischen Zeiten bis zum 20. Jahrhundert u. Z. stammen können, da das Institut auch über Skelettsammlungen kolonialer wie archäologischer Herkunft verfügte.

Wissenschaftliche Untersuchungen führen unweigerlich zu einer problematischen Verdinglichung der menschlichen Reste. Bisweilen wird dies durch das wissenschaftliche Selbstverständnis nicht begünstigt. Bernbeck & Pollock zitieren hierzu den amerikanischen Archäologen Kent Flannery, der betont, ihm ginge es nicht um die einzelnen Menschen, sondern um die historischen Strukturen hinter Menschen und ihren Objekten. 

Der Wille derjenigen, deren Überreste in der Knochengrube in Berlin-Dahlem gefunden wurden, bleibt uns unbekannt. Sie könnten Wert auf einen Umgang mit ihren sterblichen Überresten nach ihren religiösen Regeln gelegt haben, andererseits aber vielleicht selbst Interesse daran gehabt haben, dass sie identifiziert und namentlich erinnert werden können.  Möglich ist hier nur das Gespräch mit den Nachfahren und den Mitgliedern potentiell betroffener Gruppen zu suchen.

In der ÖZKD kommen daher auch Angehörige zu Wort, deren Vorfahren bei archäologischen Ausgrabungen  geborgen wurden, wobei sich ein Kommunikations- und Sensibilitätsdefizit zeigt.

Barbara Hausmair plädiert für eine kritische Archäologie. "(Selbst)kritische Reflexionen über archäologische Wissensproduktion ist ein erster wesentlicher Schritt zu einer ethisch verantwortungsvollen Erforschung der Vergangenheit (S. 76). Als kritische Archäologie versteht sie offenbar, dass Archäolog*innen "darüber diskutieren, welche Fragen sie generell an materielle Hinterlassenschaften stellen, ob sich diese kritisch mit vergangenen Verhältnissen und der Produktion von Ungleichheiten und Machtgefügen auseinandersetzen und in welchem Verhältnis diese Fragen zu den eigenen Wertesystemen und Gesellschaftsdiskursen stehen" (S. 76). Dazu gehört etwa jeweils auch die Reflektion darüber, welche Gruppen der Vergangenheit man mit seinen Forschungen im Auge hat: Nur die Eliten oder eben auch das Leben und Schicksal von Randgruppen? Ein seriöses Geschichtsbild muss alle Akteure einbeziehen.

Bislang sind ethische Fragen in den deutschen Denkmalschutzgesetzen nicht geregelt und fehlen beispielsweise auch in den rein technisch gehaltenen Grabungsrichtlinien Baden-Württembergs (Landesamt Bad.-Württ. 2019) und Bayerns (Bayer. Landesamt 2020). In Österreich ist nun immerhin eine Passage in den Richtlinien zur Durchführung archäologischer Maßnahmen aufgenommen worden (Bundesdenkmalamt 2022).

Die prinzipielle Ablehnung naturwissenschaftlicher Analysen scheint mir persönlich ebenso unethisch, die deren bedenkenloser Einsatz. Es gibt viele Fälle, in denen es erst solche Analysen ermöglichen, angemessen mit den menschlichen Überresten umzugehen, indem erst dadurch über den kulturell adäquaten Umgang entscheiden werden kann. Zudem sind gerade im Bereich der Archäogenetik viele Erkenntnisse für die Gegenwart von teils gar lebenswichtiger Bedeutung. Dies gilt beispielsweise für die Erforschung von Krankheiten und das Verständnis von Epidemien (vgl. Archäologie der Erreger; Möglicherweise ist der Kot sprichwörtlich Gold).

Literaturhinweise

Samstag, 27. August 2022

Die genetische Datierung eröffnet neue Perspektiven

 Die Tatsahe, dass bei archäogenetischen Untersuchungen die wenigsten Proben genaue chronologisch datiert sind, hat eine Forschergruppe in Lund animiert, die Möglichkeiten der genetischen Uhr  und der KI auszunutzen, um eine neue Datierungsmethode zu entwickeln. Anhand moderner DNA-Analysen sollen menschliche Skelettreste genau datiert werden können - genauer als die 14C-Datierung das verspricht.

  • Sara Behnamian /Umberto Esposito /Grace Holland /Ghadeer Alshehab /Ann M. Dobre /Mehdi Pirooznia /Conrad S. Brimacombe /Eran Elhaik, Temporal population structure, a genetic dating method for ancient Eurasian genomes from the past 10,000 years. Cell Reports Methods 2/6, 2022 Nr. 100270. - https://doi.org/10.1016/j.crmeth.2022.100270

Bislang wurde aus verschiedenen Gründen die 14C-Datierung nur für ausgewählte Skelettreste eingesetzt - einerseits wegen des nicht-zerstörungsfreien Ansatzes, wegen der Kosten und - jedenfalls in einigen Teilbereichen der Archäologie - wegen Vorbehalten der Forschung gegen 14C-Datierungen. die moderne, routinemäßige AMS-Datierung benötigt mindestens 60–200 mg  des Knochens, abhängig von der Protein-Erhaltung und der extrahierungsmethoden sogar 500 mg bestenfalls 1000 mg.

Der neue Ansatz nennt sich temporal population structure (TPS). Die Genetik eines Lebewesens (und, wie wir dank Corona alle wissen, auch eines Virus) verändert sich laufend durch Mutationen. Die klassische genetische Uhr kalkuliert die durchschnittliche Zeit, bis es zu erfolgreichen Mutationen kommt. TPS hingegen nutzt diese Veränderungen aus, indem sie sie mit KI modelliert. Mit einem speziell trainierten Algorithmus wird in den analysierten Genomen nach bestimmten Veränderungen an genetischen Markern gesucht. An- und Abwesenheit von Zehntausenden solcher zeitlicher Marker ("time informative markers (TIMs"), erlaubt eine äußerst präzise Datierung. TIMs funktionieren ähnlich wie die regionalen Merkmale ("ancient ancestry informative markers (aAIMs)"), die für die üblichen Herkunfts- und Abstammungsanalysen eingesetzt werden, die in erster Linie auf einer räumlichen Betrachtung basieren.

Graphischer Abstract (aus Behnamian et al. 2022 [CC BY 4.0 ])

 

TPS wurde für Genome vom späten Mesolithikum bis heute erarbeitet. Sie beruht initial auf 3591 alten und 1307 modernen Genomen von Eurasierst. TPS-Datierungen stimmten mit bekannten Datierungen überein und spiegeln auch nachgewiesene Verwandtschaftsbeziehungen korrekt wieder. Zur der Entwicklung der Methode wurden verschiedene Tests durchgeführt, statistische, wie auch die Betrachtung konkreter Fundstellen.

Die Autoren versprechen sich, dass TPS genetische Daten in eine chronologische Ordnung bringt und auch als Datierungsmethode eingesetzt werden kann, wenn die Radiokohlenstoffdatierung nicht durchführbar oder unsicher ist. Im Lauf der Zeit sollte die genetische Datierung auf der Basis größerer Datensätze eine noch größere Genauigkeot erlernen. "Therefore, our results should be considered a lower bound to the full potential genomic dating."

Chancen und Risiken

Die Daten, die Behnamian et al. für ihre Studie herangezogen haben stammen aus der Allen Ancient DNA Resource (AADR) (V50) Datenbank  (https://reich.hms.harvard.edu/allen-ancient-dna-resource-aadr-downloadable-genotypes-present-day-and-ancient-dna-data), Es geht hier aktuell um das komplette Genom, das moderne Analysetechnik voraussetzt, die aktuell noch kostspielig ist, künftig aber wohl deutlich günstiger werden wird.

Insbesondere für die Untersuchung vollständiger Gräberfelder wird die Methode gesonderte Datierungsserien möglicherweise überflüssig machen. Gleichwohl ist daran zu denken, dass die TPS-Methode ein statistisches Verfahren ist, das gleichwohl auf Referenzdatierungen beruht.  Die Studie hat regionale Datenreihen untersucht, denn es ist in Rechnung zu stellen, dass sich im Lauf der Zeit einzelne Populationen periodenweise isoliert haben und somit einzelne Zeitmarker in einzelnen Regionen ausfallen können. Die Genetik selbst liefert im Prinzip nur eine relative Chronologie (ein  [wenn auch aus der Geologie übernommenes] primär archäologisch-kulturwissenschaftliches Konzept, das in dem naturwissenschaftlichen Artikel von Behnamian et al. 2022 keine Rolle spielt), die KI statistisch zwischen die chronologischen Fixpunkte mittelt. Dass TPS tatsächlich deutlich genauer ist als 14C, wird sich zeigen müssen. Einerseits ist die statistische Grundlage, andererseits aber auch die Populationsdynamik eine noch schwer einzuschätzende Fehlerquelle.

 

TPS workflow. Die Graphik zeigt links (A) die Entwicklung des Datierungmodells und rechts (B) die Anwendung. für die Datierung neuer Proben
(aus Behnamian et al. 2022 [CC BY 4.0 ])

 

Zu warnen ist davor, dass die Methode, wie das mit naturwissenschaftlichen Methoden in der Archäologie so oft passiert, nun euphorisch zum Standard erhoben wird, ohne den kein Projekt mehr als "innovativ" gelten und sich Chancen auf eine Förderung ausrechnen kann.  Begeisterung als Datierungsmethode seriell einsetzt sollten explizite Fallsttudien laufen, die die verschiedenen Datierungsansätze gegeneinander abgleichen. Außer den genannten gibt es ja noch einige mehr (TL, OSL, Rehydroxilation...).

Viele Methoden haben so viel Anfangsbegeisterung hervorgerufen, dass sie vorschnell in Serie eingesetzt wurden und darüber eine solide Grundlagenforschung vergessen wurde und wir seit Jahrzehnten Ungenauigkeiten, Risiken und Fehlinterpretationen mit schleppen. Beispiele sind die Strontium-Isotopie, die noch immer für Migrationsnachweise eingesetzt wird, obwohl sie das aufgrund der Variabilität des natürlich verfügbaren Strontiums in der Landschaft gar nicht leisten kann und ihr Potential viel eher in der m.E. auch sehr viel relevanteren Rekonstruktion lokaler Landnutzungsstrategien liegt. Ein weiteres Beispiel ist die klassische 14C-Datierung, deren Anwendung in der Archäologie bis heute zwischen den Polen der Datengläubigkeit und der totalen Ablehnung schwankt. In Deutschland wirkt in manchen Kreisen bis heute die Skepsis nach, mit der ihr Vladimir Milojcic ihr begegnet ist. Auf der anderen Seite steht die vorbehaltslose Akzeptanz der Nobelpreis-gekrönten Methode. Tatsächlich lassen sich zahlreiche Faktoren benennen, die bei 14C-Datierungen öfters bedacht werden müssten. Das betrifft altbekannte Aspekte wie Altholz- und Meereswassereffekte, aber auch Fraktionierungen durch Ernährungsweise oder wiederkehrende Fehldatierungen etwa bei Schlacken. Hier gibt es durchaus wichtige Ansätze, die Datierungen zu verbessern. Die Kalibration hat sich als grundlegend erforderlich durchgesetzt, aber gezielte Beprobungsstrategien, wie etwa das Whiggle-Matching finden oft nicht die nötige Aufmerksamkeit.

Es will genau überlegt sein, was man datiert. Die genetische Datierung liefert am ehesten den Zeitpunkt der Zeugung (oder späterer Mutationen im Laufe des Lebens?), während 14C-Datierungen den Zeitpunkt des Todes (unter Berücksichtigung der Geschwindigkeit des Zellumbaus) und archäologische Datierungen einen kulturell bedingten Zeitpunkt zwischen Entwurfsidee und letztem Aussondern einer Objektkategorie liefert. Nicht immer entspricht das dem, was man eigentlich gerne wissen/ datieren möchte... Auch künftig wird die reflektierte Radiocarbonmethode für archäologische und historische Fragestellungen nicht überflüssig werden, zumal die TPS vorerst auf den Menschen beschränkt ist.


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Donnerstag, 25. August 2022

Geldwäsche mit Antiken - eine Aufgabe für Lindners Bundesfinanzkriminalamt

Der Bundesfinanzminister kündigt ein Bundesfinanzkriminalamt zur Bekämpfung der Geldwäsche an. Deutschland hat da erhebliche Defizite und gilt als Geldwäscheparadies.  Am Donnerstag soll  ein Bericht der internationalen Institution gegen Geldwäsche, der Financial Action Task Force (FATF) vorgelegt werden, der für Deutschland wohl nicht gut aussehen wird.

In den bisherigen Berichten etwa der tagesschau ist von illegalen Immobilengeschäften zur Geldwäsche die Rede.  Der Kunstmarkt scheint hier nur beiläufig auf. Die Erfahrungen mit dem IS/Daesh in Syrien und dem Irak haben in den vergangenen Jahren jedoch gezeigt, dass der Antikenhehlerei bei verschleierten Geldflüssen an Terroristen eine wichtige Rolle zukommt. Bei vielen der Geschäften sieht es so aus, als stecke organisierte Kriminalität dahinter  (vgl. Arrchaeologik 27.8.2015).

Es wäre jedenfalls hilfreich, wenn die neue Behörde auch den Antikenmarkt genauer betrachten würde. Die so häufig gefälschten Provenienzen machen deutlich, dass hier eine erhebliche Intransparenz besteht, die nicht nur zum Schaden der Archäologie und der Gesellschaft Raubgrabungen fördert, sondern  obendrein kriminelle Netzwerke oder gar Terroristen unterstützt.


(CC0 via PublicDomainPictures)

In Großbritannien beziehen die Maßnahmen gegen die Geldwäsche den Kunstmarkt nit ein. Beispielsweise gibt es gemäß einer gesetzlichen Regelung von 2017 Anti-Money Laundering Guidelines, die unter anderem die Beteiligten am Kunstmarkt betreffen. Bei Finanztransaktionen über 10.000 £ müssen die Geschäftsbeteiligten bekannt sein und registriert werden.


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Samstag, 20. August 2022

Finde den Fehler 3: Goldfund mit Wiener Flohmarktprovenienz

Die Geschichte um den Goldfund vom Flohmarkt wird in zweitrangigen Medien aufgegriffen und als Krimi oder Thriller stiliisiert

österreichisches rechtskonservative Boulevardblatt exxpress::

Die Kernaussage: "Über 381.000 Euro darf sich der anonyme österreichische Verkäufer (55) nun freuen. Bei einem einstigen Kaufpreis von 10.000 Schilling in den 1990er Jahre ein beachtlicher Gewinn."

Ähnlich das Portal vikendi (ohne Impressum): 

Der vermeintliche Krimi ist für sie, dass der Flohmarkthändler Erwin Richter zur Richter Art Gallery, Vienna wurde. Den eigentlichen Kriminalfall des illegalen Handels mit Raubgrabungsgut sehen sie jedoch nicht. Mit Beteiligung eines vordergründig renommierten Auktionshauses wäre das doch eine gute Geschichte.

Vermutlich sind beide Artikel in Nachfolge zu dem Beitrag des Standards erschienen, bei dem Olga Kronsteiner als Autorin angegeben ist, die offenbar tatsächlich selbst recherchiert hat. 

Fehler 3: Fehlendes Hintergrundwissen bei den Journalisten (bzw. fehlende einfache Informationsangebote der Archäologie?)

 

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Freitag, 19. August 2022

Finde den Fehler 2: Goldfund mit Wiener Flohmarktprovenienz

Die Geschichte des Wiener Standards zur neolithischen Goldscheibe vom Wiener Flohmarkt versäumt nicht nur die Problematik der Raubgrabung darzustellen:

Die Autorin wundert sich zwar, dass die Richter Gallery ein Flohmarktstand war und recherchiert neugierig den Anbieter von 1991. Der sagt, er  habe die Funde von "Jugos" bekommen. Goldscheibe und Tonfiguren passen in der Tat zu einem Fundort in Ex-Jugoslawien.

Dumm nur, dass Sotheby's angibt, die Scheibe sei zuvor in einer "Kranz collection" in Norddeutschland gewesen sein, die den Fund ihrerseits 1966 in Berlin erworben haben soll.

Standard hat auch mit dem jetzigen anonym bleibenden Verkäufer gesprochen, der die Flohmarktgeschichte bestätigt, auf den also die Story mit der Kranz collection eher nicht zurück geht.

Wo also kommt die Flohmarkt-Geschichte her? Hat Sotheby's selbst die etwa erfunden? Um zu suggerieren, der Fund sei alt genug, um legal im Handel zu sein? 

 

Warum dückt der Standard diese Zweifel nicht klar aus?

 

Fehler 2: die angebliche Provenienzgeschichte ist widersprüchlich und schlicht falsch. Der eigentliche, offensichtliche Skandal - ein Auktionshaus bietet eine mit wenig Recherche als falsch identifizierbare, vielleicht aber auch selbst kosntruierte Provenienzgeschichte - bleibt im Artikel ungenannt.


interner Link

Donnerstag, 18. August 2022

Finde den Fehler: Goldfund mit Wiener Flohmarktprovenienz

Richtig: Es wird nicht erwähnt, dass die Funde ganz offenbar aus Raubgrabungen stammen und es nicht ganz unwichtig wäre, den Fundort der Objekte zu kennen.  Die ursprüngliche Provenienz solcher Objekte ist immer eine archäologische Fundstelle, keine Sammlung, kein Dachboden und auch kein Flohmarkt. Ist kein Fundort angegeben, ist eine Raubgrabung seeeeehr naheliegend.

Donnerstag, 11. August 2022

Das Rätsel der Sozialarchäologie

Übrigens: Zu denr in einem vorigen Post (bzw. auf AMANZ-notiz-Blog) genannten Vorlesung gab es am Ende eine Klausur. Das Kreuzworträtsel daraus möchte ich hier teilen:

 


Viel Spaß beim Rätseln. Eine Lösung wird später (vielleicht) bereit gestellt, wenn mindestens 50 Leute gerätselt oder recherchiert haben.

Dienstag, 9. August 2022

Tagung in Linz: Das 19. und 20. Jahrhundert im Fokus der Historischen Archäologie

Das 19. und 20. Jahrhundert rücken immer mehr in den Fokus der Archäologie - auch jenseits der Schlösser und Schlachtfelder. 

Die Österreichische Gesellschaft für Archäologie des Mittelalters ÖGM tagt im September in Linz:

Montag, 1. August 2022

Sozialarchäologie - Lehren aus der Lehre

Originalpost auf AMANZ-notiz-blog   (31.7.2022)

In diesem Sommersemester habe ich an der Universität Bamberg eine Vorlesung "Grundzüge einer Sozialarchäologie" gehalten - und parllel ein Seminar angeboten, das  "Von der Sozialstruktur zur Sozialen Praxis - neue Forschungsansätze in der AMaNz" betitelt war.

Anhand von konkreten Themen haben wir ausgelotet, welche Aspekte des Sozialen Archäologie, insbesondere die Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit erfassen kann und welche Aussagen sie treffen kann.

Das eher abstrakte und theoretische Fazit der beiden Lehrveranstaltungen sei hier kurz im Blog  geteilt, da die Lehren aus diesen Lehrveranstaltungen mir für eine weitere Diskussion geeignet scheinen.

In der Vorlesung habe ich abschließend 5 Thesen formuliert.

These 1

Sozialarchäologie ist ein junges, noch wenig durchdrungenes Themenfeld

  • Zahlreiche Einzelstudien, aber kaum Synthesen
  • Vielfach noch Verharren in hergebrachten Kategorien z.B.
    • ethnische Gruppen
    • Geschlechterrollen – Rollen
    • Hierarchien: top-down-Denken
    • Kontinuitäten

These 2

Sozialarchäologie ist mehr als die Erforschung von Sozialstrukturen. Es geht um das Zusammenleben von Menschen – und das Funktionieren von Gesellschaften

  • Z.B. auch in Krisensituationen
  • Mensch-Umwelt-Interaktion
  • Wirtschaftsaspekte

These 3

Sozialarchäologie hat einen hohen Theoriebedarf. Notwendig sind z.B. Vorstellungen darüber, wie Objekte soziales Leben widerspiegeln – oder überhaupt wie Gesellschaft funktioniert.
Problematisch sind aktuell oft unbewusst angewandte, veraltete Theorien über Gesellschaft, die aus dem 19. Jh. stammen.
Sozialarchäologie bedarf andauernder kritischer Selbstreflexion (wie im Prinzip jede Wissenschaft).
 

These 4

Sozialarchäologie hat im Kontext von Archäologie & Geschichte ein besonderes Potential,
  • da sie oft jenen eine Stimme gibt, die in den Schriftquellen nur randlich aufscheinen
  • da sie einen Beitrag zur „dichten Beschreibung“ liefert
  • da sie gute Grundlagen liefert, archäologische Theoriekonzepte zu entwickeln und zu prüfen
  • da sie Interdisziplinarität fördert
Diese Möglichkeiten sind in der historischen Archäologie also insbesondere im Bereich der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit wegen und nicht trotz der textlchen Parallelüberlieferung besonders bedeutend

 

These 5

Sozialarchäologie ist stärker mit aktuellen Fragen und ethischen Problemen berührt als andere Zweige archäologischer Forschung. Viele Themen sind auch in aktuellen gesellschaftlichen Debatten wichtige Themen.

zum Beispiel:

  • Gender
  • Umgang mit Krieg
  • Umgang mit Minderheiten oder Indigenen
  • Kolonialismus
  • Umgang mit rezenten Bestattungen
  • Archäogenetik

Sozialarchäologie steht in besonderem Maße im Spannungsfeld von Archäologie & Politik/Gesellschaft  und zeigt, dass auch eine Wissenschaft, die sich primär mit der Vergangenheit befasst gesellschaftliche Verantwortung hat.

 
 

Definition der Sozialarchäologie

Im Seminar haben wir aus einer Diskussion dieser Thesen eine Definition der Sozialarchäologie formuliert:

Sozialarchäologie ist die Erforschung vergangenen sozialen Lebens von Individuen, gesellschaftlichen Gruppen und deren Interaktion. Sie ist eine historische Kulturwissenschaft, die die materielle Kultur in den Mittelpunkt stellt, primär archäologische Quellen nutzt, interdisziplinär und mit Blick auf unsere Gegenwart arbeitet. Kennzeichnend ist eine theoretisch reflektierte, kritische Herangehensweise, die Paradigmen identifiziert und kritisch hinterfragt.

Sonntag, 31. Juli 2022

Britisches Projektdesign expandiert in europäische Dörfer

In England wird seit Jahren eine besondere Art der Bürgerarchäologie praktiziert: Bürger graben ihre Ortsgeschichte aus. Mit kleinen Suchschnitten werden Keramikspektren geborgen, die Aufschluss über die Siedlungsentwicklung geben. Beispielsweise konnten die Auswirkungen der Pest auf ländliche Siedlungen in Ostengland aufgezeigt werden. Maßgebend treibt Carenza Lewis, Professorin für "the Public Understanding of Research" in Lincoln das Projekt voran. Wichtige Impulse kamen aus der 1994-2012 ausgestrahletn britischen Fernsehserie Time Team, bei der in engem Kontakt mit der Dorfbevölkerung mehrfach kleine Forschungskampagnen realisiert wurden.

Es sind zwei Aspekte, die das Projekt methodisch und theoretisch interessant machen, nämlich einerseits die Methode der Testsondagen und der Aspekt der Bürgerarchäologie andererseits. 

Testsondagen

Methodisch ist es bedeutend, in die alten Ortskerne zu blicken und deren Entwicklung nachvollziehen zu können. Wir wissen seit langem (Schreg 2006), dass "das Dorf" erst spät entstanden ist - mit regionalen und individuellen Unterschieden. Oft kennen wir ältere, früh- und hochmittelalterliche Siedlungslagen außerhalb der späteren Ortskerne, was auf einen Prozess der Siedlungskonzentration bzw. Siedlungsverlagerung schließen lässt, über den nur in den Ortskernen genaueres zu erfahren ist.

Problematisch ist, dass bisher nur wenige Aufschlüsse in den alten Ortskernen vorliegen, Inzwischen scheint die Denkmalpflege zwar verstärkt engagiert, aber oft gibt es hier nur geringen Veränderungsdruck, so dass aussagefähige Synthesen noch kaum möglich sind (vgl. Brenner 2022).. 

Idealerweise wären hier die Potentiale in den Braunkohlerevieren zu nutzen, doch war es hier aufgrund der Konzerninteressen bisher nur in Ausnahmen möglich, ganze Dörfer zu untersuchen - und bisher nur in den mitteldeutschen Revieren.  Mit einem Projekt in Kerpen-Manheim, das am Tagebau Hambach liegt und inzwischen bis auf letzte Reste abgerissen ist, haben wir vom Bamberger Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit  mit Finanzierung durch die Stiftung zur Förderung der Archäologie im Rheinischen Braunkohlerevier  ein Projekt mit solchen Testsondagen durchgeführt. Aufgrund der äußeren Bedingungen konnte das britische Modell nicht völlig übertragen werden, sondern musste modifiziert werden. Zwar gelang es mit den Kerpener Heimatfreunden auch die Bürgerschaft einzubinden, aber das Dorf ist bereits "abgesiedelt", so dass es keine Einwohner mehr gibt. Deshalb wurden die Sondagen auch nicht von Hand gegraben, sondern mit einem Bagger angelegt, gleichwohl in Schichten vorgegangen. 170 Schaufeltestsondagen erbrachten ein auswertbares Spektrum an Keramikfunden, deren räumliche Auswertung mittels eines Geographischen Informationssystems die späte Aufsiedlung des Ortsbereichs zeigt (Petersen/Schreg 2021). Weitere Forschungen im Dorfbereich erfolgen nun durch exemplarische Ausgrabungen an einzelnen Hofstellen. Sie sind als bürgerschaftliches Projekt konzipiert, das interessierten Bürgern die Partizipation an den Ausgrabungen ermöglicht, wenngleich eine Grabungsfirma die eigentliche Durchführung übernimmt.

Schaufeltestsondagen ergeben keine a priori auswertbaren Informationen zu den Baustrukturen eines Dorfes, können aber ggf. auftretende relevante Befunde dokumentieren. Damit und mit den letztlich doch sehr geringen Eingriffen in die potentielle archäologische Substanz sind sie jedoch ein effektives Mittel, um Siedlungsdynamiken zu erfassen.  Die besten Ergebnisse sind übrigens anhand der Funde aus dem Oberboden zu erzielen, da hier - anders als in einem Befund - mit einem Fundspektrum zu rechnen ist, das die Siedlungsaktivitäten durch die Zeiten hinweg repräsentiert. Eine Kombination mit Gartenbegehungen bietet sich an, allerdings sind die dafür interessanten Gemüsegärten heute eher selten und durch einen Bodenaustausch nicht ganz unproblematisch.

Bürgerarchäologie

Der Erfolg des britischen Projektdesigns ist grundlegend jedoch mit dem Aspekt der Bürgerbeteiligung verknüpft.

Inzwischen wurde das Projekt „Community Archaeology in Rural Environments Meeting Societal Challenges“ (CARE-MSoC) aufgelegt:

In den Niederlanden, in Tschechien und Polen werden nun mit europäischer Finanzierung entsprechende Dorfprojekte durchgeführt.  CARE-MSoC zielt darauf ab, die Machbarkeit, den Wert und die Effekte solcher Ausgrabungen durch die Einwohner ländlicher Siedlungen in ihren Heimatgemeinden genauer zu untersuchen. Im Vereinigten Königreich wurde dadurch nicht nur eine größere Kenntnis der Ortsgeschiche vermittelt, sondern es zeigten sich weitere soziale und kulturelle Effekte der gemeinsamen Testsondagenausgrabungen.

Deutschland ist bislang nicht dabei, aber in Kooperation zwischen dem Exzellenzcluster ROOTS der Christian-Albrecht Universität Kiel, dem Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie in Schleswig, dem Archäologischen Landesamt Schleswig-Holstein sowie dem Leibniz-Institut für Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik läuft ein ähnliches Projekt auch in Schenefeld bei Itzehoe. An zwei Wochenenden im März und Juni 2022 wurden mehrere Somdagen gegraben und dabei von den Anwohnern einige Funde geborgen, die Geschichte unmittelbar vermitteln.


Ausgräber am Grabungsschnitt
Schenefeld, Juni 2022  Bürger-Ausgräber an ihrem Sondageschnitt
(Foto: R. Schreg 2022)


Mein Dank geht an Carenza Lewis, die sich die Zeit genommen hat, mir die laufenden Arbeiten in Schenefeld zu zeigen - ein tolles Projekt, bei dem man allen Beteiligten, vor allem auch den Familien und Nachbar*innen ansieht, wie viel Spaß und Interesse sie dabei haben.

Bleibt zu hoffen, dass die Pilotstudien in Europa die Grundlagen schaffen, um solche Projekte fortzuführen. Ich wüsste bereits einige Dörfer, in denen dieser Ansatz sehr vielversprechend scheint.

Links

Medienberichte

Schenefeld

Mannheim

    Literatur

    • Lewis u.a. 2022: Carenza Lewis, Heleen van Londen, Arkadiusz Marciniak, Pavel Vařeka & Johan Verspay: Exploring the impact of participative place-based community archaeology in rural Europe: Community archaeology in rural environment meeting societal challenges, Journal of Community Archaeology & Heritage 2022,  - DOI : 10.1080/20518196.2021.2014697 
    • Lewis 2016: C. Lewis, Disaster recovery? New archaeological evidence from eastern England for the impact of the ‘calamitous’ 14th century. Antiquity 90, 2016, 777–797. 
    • Petersen/Schreg 2021: P. Petersen/R. Schreg, Kleiner Bagger vs. großer Bagger. Ein Schaufeltestsurvey zur Dorfgenese von Manheim (Stadt Kerpen, NRW) im Rheinischen Braunkohlerevier. Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit 34, 2021, 147-156 


     

    Sonntag, 24. Juli 2022

    Probleme mit dem Populismus

    Instrumentalisierung der Vergangenheit durch die Politik ist ein altbekanntes Phänomen. Dieser Tage führt Vladimir Putin dies mit der Begründung für seinem Krieg gegen die Ukraine vor Augen (Archaeologik 22.1.2022).  Auch Trumps "Make America great again!" beschwört ein Bild der amerikanischen Geschichte, das hochgradig selektiv ist. Auch demokratische Parteien berufen sich in ihrem Wahlkampf oft auf die Vergangenheit.

     

    Die Bilder der Vergangenheit, die hier beschworen werden, sind meist unabhängig von den Quellen und Disziplinen, die dahinterstehen, sondern sind Mythos. Zu dessen Legitimation und Propagandierung fördern populistische Regierungen gerne wissenschaftliche oder auch parawissenschaftliche "Forschung" - auch in der Archäologie, die medienwirksamere Bilder liefern kann als klassische Archivarbeit. Forchungsgeschichtlich sei nur daran erinnert, dass die ur- und frühgeschichtliche Archäologie ihren entscheidenden Ausbau an den Universitäten während der NS-Zeit erfahren hat. Auch die Archäologie des Mittelalters - wenngleich damals noch gar nicht als akademisches Fach etabliert - war hier in verschiedener Weise betroffen (vgl.  Archaeologik 2.7.2020).

    Wenn also Wissenschaft auch per se unpolitisch sein sollte, so kann sie es in der Praxis gar nicht sein, gerade, weil ihre Ergebnisse eben nicht im luftleeren Raum stehen und reiner Selbstzweck sind. Davon sind wohl alle Wissenschaften betroffen. Dabei geht es in vielen Disziplinen darum, dass die wissenschaftlichen Ergebnisse auf Widerstand stoßen, weil sie nicht in bestehende Menschen- und Weltbilder passen oder Wirtschaftsinteressen stören. Beispiele sind etwa die Klimaforschung, jüngst die Virologie, aber auch die Kulturwissenschaften wenn es etwa um Sex und Gender geht. Vor allem aber im Bereich der Geschichte mit ihrer identitätsstiftenden Erinnerungskultur ist sie auch anfällig für Manipulationen, bisweilen im Rahmen wissenschaftlicher Interpretationsspielräume, oft aber auch mit para- und pseudowissenschaftlichen Argumentationen.

    Wissenschaft kann ihren eigenen Ansprüchen der Seriosität, der Verpflichtung auf wissenschaftliche Methoden und einer Verantwortung der Gesellschaft gegenüber nur gerecht werden, wenn sie sich gegen solche Manipulationen wehrt. Geschichte und Archäologie dürfen sich daher nicht ausschließlich mit der Vergangenheit befassen, sondern müssen auch die Rezeption durch die moderne Gesellschaft(en) im Auge behalten und gegebenenfalls darauf reagieren.

    Das Bewusstsein für die Problematik steigt - auch in der Archäologie.

    Im letzten Heft des Jahrgangs 2021 des European Journal of Archaeology ist ein Meinungs-/ Diskussionsbeitrag erschienen, der das derzeit leider extrem wichtige Thema des Populismus und des Einflusses von Identitätsstiftung und Politik auf die Archäologie aufgreift. Er fasst Beiträge zusammen, die auf eine Session bei der EAA-Konferenz 2019 in Bern zurückgehen. Auf dieser Tagung wurde das EAA-Statement zu Archäologie und Demokratie verabschiedet (Archaeologik 22.9.2019).

    • Daniela Hofmann, Emily Hanscam, Martin Furholt, Martin Bača, Samantha S. Reiter, Alessandro Vanzetti, Kostas Kotsakis, Håkan Petersson, Elisabeth Niklasson, Herdis Hølleland, Catherine J. Frieman: 24/4, 2021, 519-555 - doi: https://doi.org/10.1017/eaa.2021.29
      Open Access: direkt zum  PDF
    Der Artikel vereint die Beiträge vieler Kolleg*innen, die unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben und keineswegs immer einer Meinung sind. Dennoch gelingt es, einige wesentliche Aspekte des Problemfelds aufzuzeigen.
    Ich möchte hier einerseits auf solche Aspekte hinweisen, die in diesem Zusammenhang auf Archaeologik bereits ein Thema waren, andererseits solche hervorheben, die mir neue Perspektiven zu bieten scheinen.

    Die Agitation der Populisten

    Kennzeichen des Populismus sind nach einer Analyse des Politikwissenschaftlers Jan-Werner Müller Elitenkritik, Antipluralismus, vermeintliche moralische Überlegenheit und Identitätspolitik. Er ist damit zwar überwiegend, aber nicht ausschließlich ein Phänomen rechter Parteien.
    Der Populismus ist heute jedoch nicht nur einigende Ideenwelt unzufriedener oder desillusionierter Massen, sondern wird von gut finanzierten und gut strukturierten politischen Parteien organisiert, schreiben die Autor*innen. Moderner Populismus ist mehr als nur Vehikel für den klassischen Wahlkampf. "Es geht um Ideologien, die sich oft durch falsch konstruierte Narrative der Vergangenheit und der Zukunft begründen. Während Populisten in der Vergangenheit Pionierarbeit beim Missbrauch von Massenmedien, insbesondere von Radio und Filmen, geleistet haben, sind die heutigen Populisten geschickte Manipulatoren von sozialen Medien wie Facebook und Twitter" (S. 529).

    Es soll an dieser Stelle nicht um die zunehmenden Relativierungen nationalsozialistischer Verbrechen gehen, die mittlerweile viele Verquertdenker-Demonstrationen auszeichnen. Es geht europaweit um Geschichtsdarstellungen, die bestimmte Werte legitimieren sollen. Der EJA-Artikel präsentiert dazu Beispiele populistischer Kampagnen aus Tschechien, der Slowakei, Italien, Griechenland und Skandinavien. 

    Als neu nehmen die Autor*innen wahr, dass "die immer lauter werdende und allgegenwärtige populistische Auseinandersetzung die diskursiven Grundlagen einer rationalen Argumentation bedroht (an ever more vocal and pervasive populist debate (...) threatens the discursive foundations on which rational argument is possible)" (S. 520). Es geht also nicht nur um die Instrumentalisierung der Geschichte durch etablierte Regierungsparteien (wie z.B. in Ungarn oder Russland), sondern um populistische, bisweilen auch nur populäre Geschichtsbilder, die für politische oder auch wirtschaftliche Partikularinteressen nicht nur ausgenutzt, sondern auch (bewusst) verbogen werden.

    Mit historischen (Schein-)Begründungen werden meist konservative "Werte" propagiert, die in einer modernen liberalen Gesellschaft als restriktiv und intolerant mehrheitlich nun eher abgelehnt werden. Oft ist es die bloße Wiederholung, oft der Keim des Zweifels, der über die modernen Massenmedien des Web gesät werden. Langfristig können damit "alternative", letztlich völlig erlogene Weltbilder geschaffen werden. Wenn dies in autoritären Regimen mit einer Beschränkung der Presse- und Meinungsfreiheit einhergeht, kann dies ein wichtiges Element der Machtsicherung durch "Wahrheitsmonopol" werden.

    Wie sollen wir darauf reagieren? Wie gehen wir damit um, dass Populisten dabei auch auf archäologische Themen schielen? Wie gehen wir damit um, wenn oft lautstarke Gruppen in der Öffentlichkeit mit vorgefertigten Meinungen oder gar bewussten Missdeutungen an die Geschichte herangehen, gezielt wissenschaftlichen Ergebnissen und Überzeugungen widersprechen oder auch einfach nur über das methodisch aus den verfügbaren Daten Erschließbare hinausgehen?

     

    Populistische Geschichtsnarrative

    Viele historische Narrative nehmen Bezug auf einzelne historische Gruppen. In gängigen Geschichtsbildern geschieht dies heute nur noch gewohnheitsmäßig. Ich habe oft den Eindruck, dass die fehlende Theoretisierung und Selbstreflektion wesentlichen Anteil daran hat, dass sich keine zeitgemäßeren und historisch realistischeren Narrative durchgesetzt haben. Anstelle nationaler Geschichte, die meist eher wenig erklärt, bieten beispielsweise eine Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, insbesondere aber eine Umweltgeschichte viele wichtige Entwicklungslinien, die es wert sind, erzählt zu werden - und die Anlass bieten, kritisch über die Gegenwart nachzudenken.
    Populistische Narrative setzen den Bezug auf Völker und Nationen bewusst ein, um Ideologien zu legitimieren, die eigene Stärke und moralische Überlegenheit zu demonstrieren und eine durch gemeinsame Ahnen und Geschichte abgegrenzte Gruppe zu propagieren - und vermeintlich Fremde auszuschließen. Nationen und Völker werden hier als natürliche, weitgehend unveränderliche Größen gedacht (vgl. Archaeologik 15.11.2016).
    In Norditalien wird im Umfeld der Lega Nord die keltische Vergangenheit Norditaliens propagiert, während die historisch hier ansässigen Bevölkerungsgruppen wie Ligurer und Veneter oder auch Etrusker marginalisiert werden. Was die Kelten heute in Norditalien politisch attraktiv macht, ist wohl nicht zuletzt ihr Marsch auf Rom und dessen Eroberung 390 v.Chr. (S. 536ff.). Solche sozialen Prozesse der Selbstinszenierung durch die Erfindung von Traditionen spielten im Übrigen bereits in der Spätantike eine wesentliche Rolle, als sich viele Stämme und Völker erstmals formierten.

     

    1922: Faschisten unter Mussolini auf dem Marsch auf Rom -
    Heute haben die norditalienischen Kelten, die 390 v.Chr. gegen Rom marschiert sind, unter den norditalienischen, separatistischen Rechten der Lega Nord Konjunktur
    (Foto: unbek. Fotograf [PD] via WikimediaCommons)


    Der Kulturbegriff

    Der EJA-Beitrag weist darauf hin, dass das Festhalten an im Fach althergebrachten Kategorien, wie dem Kulturbegriff ein veraltetes und im Kern längst als zu simpel erkanntes Geschichts- und Gesellschaftsbild für die Öffentlichkeit bekräftigt. Es geht um die Vorstellung von Kulturen und Völkern als einer natürlichen, unveränderlichen Gemeinschaft, die primär auf eine gemeinsame Abstammung zurückgeht.

    Deutlich wird das Problem insbesondere bei so etablierten Kategorien wie "Germanen", "Kelten" oder - wie in vorliegendem Artikel auch von skandinavischen Kollegen thematisiert - "Wikinger". Noch immer bedienen sich ihrer Museen, um Publikum in Ausstellungen zu locken. Baden-Württemberg verwendet die "Kelten" bedenkenlos für touristische Werbung.

    Bei den Wikingern ist festzustellen, dass sie in der Mehrheit der Bevölkerung ihre nationalistische Bedeutung verloren haben, wirtschaftlicher Opportunismus aber dennoch ihre Fahnen hochhält und dieselben Narrative bedient. Håkan Petersson konstatiert (S. 540ff.), die Museen seien auf diese Situation völlig unvorbereitet. Auf der einen Seite sehen sie die Probleme und widersetzen sich auch, konkurrieren aber zugleich kommerziell um die Gunst des Publikums und lassen sich auf die überholten Stereotype und Narrative ein. Frustriert stellt Petersson fest, fünfzig Jahre moderner Forschung und archäologischer Funde hätten das traditionelle Bild kaum verändert.  Die Fachleute haben ihre Deutungshoheit und ihre Rolle als Übersetzer und Präsentatoren der Geschichte an wirtschaftliche Interessen verloren.

    Seit langem als Problem sind auch die zu vereinfachenden Labels erkannt, die die moderne Archäogenetik oft zur Bezeichnung ihrer aus der DNA definierten Gruppen verwendet, die eben keineswegs Völker im traditionellen Verständnis darstellen. Martin Furholt greift diese Thematik S. 526ff. auf.

    Völker oder Gruppen mit auch heute noch auftretenden genetischen Eigenschaften wirken fast zwangsläufig identitätsstiftend. Kontinuitäten weit in die Vergangenheit wirken legitimierend aber auch ausgrenzend und sind daher ein beliebtes Narrativ insbesondere für rechte Kreise. 

    Da auch das traditionelle, aus dem 19. Jahrhundert herrührende Geschichtsbild an solchen Kontinuitäten ausgerichtet ist, fehlt oft das Gespür für die Diskontinuitäten und Brüche. Es scheint mir kein Zufall, dass das wissenschaftliche Geschichtsverständnis in den USA (anders als das von ExPotUS D.Trump), sehr viel eher auch Kollapssituationen und soziale Interaktion thematisiert, da die moderne amerikanische Geschichte für fast alle Gruppen mit einer Zäsur (Auswanderung, Deportation, Vertreibung, Krieg, Seuchen) beginnt.  Geschichte bedeutet Veränderung und kennt nur ausnahmsweise Kontinuitäten. Die wichtigste Kontinuität ist meist der andauernde Wandel.

    Der EJA-Artikel zieht in diesem Zusammenhang die Chronologiediskussion zur Linearbandkeramik heran, wo ebenfalls klassische typochronologische Gruppen die alte Vorstellung von einheitlichen Gruppen verfestigen würden. Gerade dieses Beispiel zeigt aber m.E. dass es hier nicht um die Einforderung einer generellen Aufgabe der Suche nach kulturellen Gruppen gehen kann und gehen darf. Denn in einzelnen historischen Perioden und Räumen kann sich durchaus eine Gruppenidentität entwickeln, die exklusiv und auf Abstammung orientiert ist. Dies darf nur nicht paradigmatisch vorausgesetzt werden. Dieses Problem mit dem der mangelnden Akzeptanz der 14C-Chronologie in Deutschland zu vermengen (S. 520f.), erscheint mir nicht korrekt. Ihr einen unbedingten Vorrang gegenüber Argumenten aus archäologischen Vergesellschaftungen und Gruppen einzuräumen, scheint mir verfehlt, ist es doch nicht der Einsatz moderner Methoden, sondern erst die Fähigkeit, Widersprüche in den Aussagen verschiedener Quellen und Daten zu finden und durch eine umfassende Kritik auf allen Seiten aufzuklären, was moderne Interdisziplinarität ausmacht. 

     

    Verfestigung von konservativen Welt- und Menschenbildern

    Die permanente Wiederholung nationaler Narrative verfestigt die Idee einer historisch legitimierten Gemeinschaft mit konservativen Werten. Das führt zum Beispiel dazu, dass quellenkritisch erforderliche Diskussionen um frühere Rollenverhältnisse als unseriös abgelehnt werden. Genderdebatten in der Geschichte bedeuten nicht, dass moderne Gender-Ideale in die Vergangenheit übertragen werden, sondern, dass erst mal überlegt wird, wie stichhaltig eine Verallgemeinerung traditioneller Sichtweisen ist. Sehr oft zeigt sich, dass andere Modelle zumindest denkbar sind - und hergebrachte Begriffe zu überdenken sind.

    Es scheint auch weder zukunftsweisend noch vergangenheitserklärend, den alten Germanen-Begriff weiter zu verwenden, In Berlin und Bonn wurde 2020/21 eine große Ausstellung "Germanen" präsentiert, die zwar auch die Problematik des Germanen-Begriffs angesprochen hat, ihn aber dennoch verwendet hat, weil sich  "bestimmte Begriffe nicht aus dem allgemeinen Sprachgebrauch und Bewusstsein wegdenken lassen“. Ist es aber nicht die Aufgabe von Historikern und Archäologen, Geschichte zu erzählen, wie sie war, nicht wie wir sie uns vorstellen wollen? Man hat stattdessen den Germanen-Begriff groß in die Medien gebracht, was bei der großen Masse der Rezipienten wohl eher affirmativ wirkt, wenn auch durch die Pressearbeit zahlreiche Medienberichte das Problem aufgegriffen und damit sogar getitelt haben, wie etwa Spektrum der Wissenschaft, das titelte "Germanen - gab's die wirklich?" oder auch die Welt "Die Germanen hat es nie gegeben". Es scheint sinnvoll, hier eine eingängige Terminologie zu entwickeln, die "Germanen" vermeidet, aber eben auch nicht ungelenk von der "eisenzeitlichen und römisch-kaiserzeitlichen Bevölkerung der Gebiete rechts des Rheins" spricht. Von Germanen sollte eben nur dort gesprochen werden, wo die zeitgenössischen schriftlichen Quellen diesen Terminus auch verwenden. 

     

    Verschiebung des Sagbaren

    Durch andauernde Provokationen und Grenzüberschreitungen erreichen viele rechtspopulistische Parteien aber auch eine Verschiebung des Sag- und Denkbaren. Was einst ein Skandal war, wird allmählich normal und auch von Parteien der Mitte aufgenommen. Was wichtige neue Perspektiven auf Vergangenheit und Heute werfen könnte, wird von vorn herein diskreditiert. Die permanente Darstellung kulturellen Erbes als ein nationales Erbe lässt mittel- bis langfristig Migration in einem anderen Licht erscheinen - völlig unabhängig von Fakten oder humanitären Werten. Der Artikel verweist hier nicht auf das deutsche Beispiel der AfD mit ihrem "Vogelschiß", sondern auf verschiedene skandinavische Rechtspopulisten. In diesem Kontext darf man aber sicherlich auch die überbordende Verwendung von Hakenkreuzen und anderen rechten Symbolen sehen.

     

    Populistische Strategien

    Einfluss auf Erinnerungs- und Bildungspolitik ist daher für Populisten immer wieder von Interesse. Leider fehlen im EJA-Artikel Beiträge von Kollegen aus Polen und Ungarn, wo die Populisten längst in der Regierung sitzen, und tatkräftig durch alternative Forschungsinstitute ihre eigenen Geschichten schnitzen - oder missliebige historische Themen schlicht zu verbieten versuchen.

    Aus Norwegen berichtet Herdis Hølleland, wie die populistische Rechte danach strebt, die Macht von der Elite auf „das Volk“ zu verlagern. Neoliberale Entbürokratisierungsmaßnahmen, wie sie kürzlich von der derzeitigen Koalitionsregierung in Norwegen eingeführt wurden, können dazu führen, dass fachliche Expertise aus Entscheidungsprozessen gedrängt wird und der politische Einfluss zunimmt. Ziel der Kulturpolitik der norwegischen Fortschrittspartei beispielsweise ist die Stärkung der nationalen Identität durch Schutz und Pflege nationaler archäologischer Stätten, die Herkunft und Macht versinnbildlichen. Um ihre Kulturerbepolitik umzusetzen und zu finanzieren, versuchen sie, staatliche Gelder von multikulturellen Initiativen und Institutionen wegzulenken, die sich mit zeitgenössischer Kunst und Weltkulturen auseinandersetzen. Bürokratieabbau ist sicher an vielen Punkten ein wichtiges und gerechtfertigtes Anliegen, doch ist es wichtig zu sehen, dass er auch ein Einfallstor für Populisten sein kann.

    Es sind nicht nur die Narrative nationaler Größe oder einer kriegerischen Vergangenheit, sondern auch bestimmte Kommunikationsformen, die Populismus kennzeichnen. Der Artikel bietet dazu eine Tabelle, die verschiedene Formen der Kommunikation zwischen Archäologie und Öffentlichkeit sehr summarisch auflistet:


    Für die akademische Wissenschaft steht hier die klassische top-down Kommunikation, die sich bei allen modernen Überlegungen zur Wissenschaftskommunikation auch nicht wird völlig ersetzen lassen. Die Archäologie muss zwar stärker die Interessen der Gesellschaft einbinden und auch die Stimmen aus der Gesellschaft wahrnehmen, aber Grabungsergebnisse werden am Ende nun mal präsentiert - selbst wenn bei den Ausgrabungen die Bürgerschaft involviert war.

    Der Autor Herdis Hølleland sieht aber auch eine top-down Promotion durch Politiker und einige einflussreiche Archäologen (vgl. Archaeologik), eine bottom-up-Perspektive, die sie als "revenge archaeology" (Rache-Archäologie) charakterisieren, die anti-elitär oft von Hobbyforschern vertreten wird und schließlich die Perspektive der Wissenschaftspopularisierung durch Vermittler, für die beispielsweise auf Heinrich Schliemann verwiesen wird (vgl. Archaeologik 39.4.2019). Neben den Facharchäologen sind hier noch zahlreiche weitere Akteure involviert.


    Handlungsoptionen: 6 Thesen

    Dass Wissenschaftler*innen hier nicht einfach zuschauen dürfen, scheint mir außer Frage. Die Vorstellung, Archäologie und generell Wissenschaft sei unpolitisch und könne sich heraushalten, ist viel zu simpel. Vergangenheit hat einen Gegenwartsbezug, der sehr vielschichtig ist. Natürlich ist Geschichte auch immer perspektivisch, aber eben auch nicht beliebig. Die sich wechselnden Perspektiven ergeben sich aus neuen Fragestellungen und Methoden, in der Archäologie oft auch aus neuen Quellen, sprich: Ausgrabungen. Aber sie ergeben sich auch aus verschiedenen theoretischen Ansätzen. Sie dürfen nie paradigmatisch sein, sondern müssen jeweils methodisch kritisch sein (was etwas Anderes ist, als viele Parawissenschaftler oder Querdenker darunter verstehen).

    These 1: Eingriffe in die Wissenschaftsfreiheit beispielsweise im Rahmen der Hochschulpolitik oder die Begrenzung wissenschaftlicher Expertise in den Denkmalschutzgesetzen müssen genau beobachtet und mit den Mitteln der Demokratie aktiv verhindert werden.

    These 2: Die Archäologie darf nicht nur Materialvorlagen und Ausgrabungsberichte publizieren und die Interpretation dann Laien überlassen. Sie muss auf wissenschaftlicher Basis - theoretisch fundiert und erklärt - auch historische Interpretationen anbieten.

    "Die Rolle der Archäologen und der Archäologie muss und sollte jedoch nicht nur darin bestehen, die Voraussetzungen für die Interpretation unserer Forschungsergebnisse und Daten durch andere zu schaffen. Daran können und müssen wir aktiv mitwirken" (S. 533). 

    These 3: Die Bedeutung unterschiedlicher theoretischer Ansätze bzw. Hintergrundkonzepte für die Interpretation muss aktiv und offen vermittelt werden. Es ist zu zeigen, dass es nicht um erfundene sog. "alternative Fakten" oder "alternative Wahrheiten", sondern um zulässige - und notwendige - alternative Perspektiven auf der Ebene von Hypothesen oder auch Theorien geht.  Seriöse Wissenschaftsvermittlung beinhaltet zwangsläufig auch eine Vermittlung theoretischer Grundlagen.

    These 4: Wissenschaft muss den Dialog mit der Öffentlichkeit suchen und sollte die wesentlichen Stakeholders kennen lernen (vgl. S. 539). Der Umgang mit der Öffentlichkeit muss reflektiert erfolgen, um zu verhindern, dass nicht-wissenschaftliche Narrative die Oberhand gewinnen. Dieses Risiko ist im Kontext von Reenactment, Living History, aber auch von Citizen Science - die alle wichtiges Potential haben, Geschichte zu vermitteln -  zu reflektieren. Leicht geraten hier falsche oder irrelevante Inhalte wie niedliche Ponys und stinkende Schweine in die Vermittlung.

    These 5: Wir müssen genauer überlegen und kommunizieren, was die Archäologie denn tatsächlich an Relevantem zu vermitteln hat. Das ist m.E. nicht, wie die Gewandung um 760 im Vergleich zu 930 n.Chr. ausgesehen hat. Das Potential der Archäologie liegt in der Vermittlung der zeitlichen Dimension, dabei kann die Gewandungsfrage didaktisch interessant werden. Vor allem aber sollte die Archäologie m.E. die Bedeutung langer Zeiträume, aber auch die Möglichkeit kurzfristiger historischer Umschwünge aufzeigen und so wichtiges Orientierungswissen liefern. Ohne ein Verständnis für die Dimension der Zeit kann keine verantwortungsvolle Zukunftsplanung erfolgen. Und wir sollten es vermeiden, populäre, letztlich aber überholte Begriffe zu benutzen, da dies fasche, überholte Weltbilder  zementiert. Nicht immer wird die kritische Diskussion weiter vermittelt, so dass - wie bei der oben erwähnten Germanen-Ausstellung - am Ende ein affirmativer Charakter bleibt.

    These 6: Wir benötigen eine umfassende Auseinandersetzung mit archäologischer Vermittlungsarbeit, mit ihren Zielen, Methoden und Medien, ihrer Resonanz und ihren Defiziten. Das sollte auch nicht das Hobby einiger Weniger sein, da es alle betrifft, die mit Archäologie befasst sind und deswegen Kontakt zur Öffentlichkeit haben. Es ist nicht nur ein Thema für Museen, sondern auch für Universitäten, Denkmalpflege und all jene, die in diesen Bereich freiberuflich tätig sind und meistens am direktesten mit der Öffentlichkeit zu tun haben.


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