Montag, 31. Oktober 2022

Es geht nicht nur um Objekte - es geht um Menschen. zum Beispiel um Sussy Dakaro

Die Restitutionsdebatte ist in vollem Gang. Es geht um Objekte in Museen und menschliche Skelettreste in anthropologischen Sammlungen. 

Aber es geht auch um Menschen. Am 23. Juni 1885 ist in Eberfeld bei Wuppertal ein junges Mädchen verstorben. Sie war eine indigene Australierin und wurde mit 14 zusammen mit einer ganzen Gruppe weiterer Aboriginees von der australischen Inselgruppe Palm Island verschleppt und als »exotische Wilde« in den USA und dann in europäischen Zoos vorgeführt. Täter war Robert A. Cunningham, ein Menschenhändler und -jäger, der auch den berühmten Zirkus Barnum in den USA belieferte. Bei dessen Völkerschau ("Grand Ethnological Congress") ging es aber nicht um die Vermittlung fremder Kulturen, sondern um Schauereffekte und die Erhöhung der eigenen weißen Identität. 

Das Mädchen vom Wuppertaler Friedhof ist ein Opfer dieser rassistischen Haltung. Sie hieß Sussy Dakaro, doch ist ihr eigentlicher Name, den sie von ihrer Famile erhalten hatte, unbekannt, 

Den Männern, die 1882 mit Sussy Dakaro verschleppt wurden, wurden Knochen ins Gesicht gebohrt, damit sie besser als "letzte Kannibalen" vermarktet werden konnten. Schon in den USA war Sussy's Partner Kukamunburra, genannt Tambo verstorben. Sein Leichnam wurde mummifiziert, um ihn an ein Kuriositätenkabinett verkaufen zu können.  1993 wurde er in einem Bestattungsinstitut in Cleveland/Ohio wieder entdeckt. Die mediale Aufmerksamkeit regte eine wissenschaftliche Aufarbeitung (Poignant 2004) an, die auch die Toten in Deutschland ins Bewusstsein rief. 2017 wurde Sussy Dakaro an ihrem Grab ein Gedenkstein gesetzt. Recherchen des Spiegels führten 2021 zu einer Einladung an ihre Verwandten und zur erneuten Diskussion um eine mögliche Rückführung ihres Leichnams nach Palm Island. Den Journalisten war es gelungen, im Museum für Völkerkunde in Dresden sieben lebensgroßen Büsten zu finden, die von Mitgliedern der Aboriginee-Gruppen gefertigt wurden, mit denen  Zirkusunternehmer und Entführer Cunningham tourte. Bereits vor Sussy waren andere Mitglieder der Gruppe in Chemnitz und Darmstadt verstorben. Ihre Gräber scheinen unbekannt.


Gedenkstein an der Grabstelle von 'Sussy Dakaro'
im Alten Evangelischen Friedhof in Wuppertal-Sonnborn, gegenüber des Zoos
(Foto: Atamari [CC BY SA 4.0] via WikimediaCommons)

 
Die Restitutionsdebatte, die neben ethnologischen auch archäologische Objekte betrifft, fokussiert stark auf die Objekte in Museen, die durch Ausstellungen in unserer Gegenwart sichtbar sind. Sie betrifft auch menschliche Präparate in Sammlungen, jedoch kaum die verschleppten, versklavten und oft genug mishandelten Menschen, die in der Ferne begraben liegen. Im Falle der australischen Aboriginees ist die Bestattung in der Heimaterde ein wichtiges Gut, nicht nur für die Verstorbenen, sondern auch für die Nachfahren. 
Hier ergibt sich auch ein Berührungspunkt mit der Archäologie der Moderne, deren Aufgabe nicht die Exhumierung sein kann, die aber doch in besonderem Maße ein Potential hat, sich mit diesen Menschen ohne Stimme und ohne Rechte auseinanderzusetzen. Sie wird daher immer wieder in die Situation kommen, in der menschliche Reste als archäologische Funde auftauchen - und in der es wichtig ist, sich bewusst zu sein, dass es nicht um Objekte, sondern um Menschen geht.

 Links

 

Literaturhinweis

  • Poignant 2004: R. Poignant, Professional Savages. Captive Lives and Western Spectacle (New Haven 2004) -  ISBN 978-0-300-10247-5

 interner Link

Samstag, 29. Oktober 2022

Bauernhofbüro online

 Heute benötigt das Management in der Landwirtschaft ein eigenes Büro - so könnte man "Bauerhofbüro" verstehen. Aber darum geht es nicht. 

Das Bauerhofbüro war eine 1934 gegründete Einrichtung der Fachgruppe Bauwesen im NS-Bund Deutscher Technik. Das deutsche Bauertum und das klassische Dorf waren ein wichtiger Bestandteil der NS-Ideologie. "Blut und Boden", "Erbbauernhöfe" aber auch der "Generalplan Ost" verweisen auf ein idealisiertes Bild bodenständigen deutschen Bauerntums, das weit in "germanische" Zeit zurückreichen sollte.

Aufbauend auf älteren Arbeiten nahm die Bauernhausforschung in der NS-Zeit einen großen Aufschwung. Neben dem Bauernhofbüro gab es auch eine "Mittelstelle
deutscher Bauernhof in der Arbeitsgemeinschaft für deutsche Volkskunde" beim Amt Rosenberg. In Bayern beispielsweise wurde 1935 unter dem Dach des "Bayerischen Heimatbunds" ein "Ausschuss für Bauernhausforschung", ab 1937 eine "Landesstelle für Bauernhofforschung" eingerichtet, Es war die Aufgabe dieser Einrichtung, die Fragen der Hofgestaltung und des Hausbaues zu untersuchen, die »für die Erkenntnis einer rassengeschichtlichen und rassenbedingten Volkskunde von Wert sind« (Selheim 2015, 263). Dabei sollte die Entwicklungsgeschichte des germanischen Bauernhofes vom Nordischen, nicht vom römisch=südländischen Standpunkt aus, aufgezeigt werden. Vorausgesetzt wurde dabei eine weitgehend durchgehende Tradition von der Vorzeit bis in die Gegenwart, was beispielsweise auch Einfluss auf die archäologischen Hausrekonstruktionen hatte (vgl. Schreg 2006, vgl. Behn ).

Das Bauernhofbüro verfolgte ein groß angelegtes Projekt. E sollte im gesamten damaligen Deutschen Reich typische Bauernhöfe dokumentieren. Dazu wurden Lagepläne, Ansichten, Grundrisse, Schnitte und unterschiedlichste Detailzeichnungen angefertigt, die allerdings nicht wie die moderne Bauforschung als verformungsgetreue Aufmessungen, sondern als Idealpläne angefertigt sind. Die Materialsammlung erfolgte 1934-1944, wobei ein erster Band des geplanten Werkes durch den Leiter des Bauernhofbüros Gustav Wolf 1940 zu den Höfen in Schleswig-Holstein publiziert wurde (Wolf 1940). In der Nachkriegszeit erschienen auf dieser Grundlage noch weitere Publikationen (Folkers 1961; Schepers 1961).

Das Bauernhofbüro hat in der Forschung verschiedentlich Aufmerksamkeit gefunden, einerseits wegen der Fortführung mancher alter, zum Teil problematischer  Traditionen der Hausforschung, andererseits weil sich alte Hausdokumentationen angesichts eines masiven Verlustes historischer Bausubstanz mittlerweile als eine wichtige Quelle der Forschung erwiesen haben.

Die Unterlagen des Bauernhofbüros  (>5000 Pläne) befunden sich heute im Archiv LWL in Münster. Die Pläne sind heute vollständig erschlossen und digitalisiert, wenn aus Urheberrechtsgründen auch nicht alle online zur Verfügung stehen:

Das Bauernhausbüro hat Süddeutschland nicht so intensiv bearbeitet wie den Norden, zu dem dann ja auch Publikationen vorgelegt wurden. Dennoch finden sich auch hier einige Gebäudedokumentationen. Exemplarisch genannt sei die Obere Roggenmühle im Eybtal, heute regional vor allem als Ausflugslokal bekannt. 1939 wurden hier verschiedene Ansichten und Schnitte der Mühle und ihrer Nebengebäude aufgenommen, aber auch Teile der Inneneinrichtung dokumentiert. Die Bauzeichnungen sind als technische Zeichnungen angelegt, d.h. mit dem Lineal gezeichnet. Umbaumahmen sind hier nicht zuverlässig zu erkennen.

Aufnahme der Oberen Roggenmühle im Eybtal 1939
(Archiv des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe 846 / Kartensammlung, Nr. 846/3988
via DFG-Viewer:)

Literatur

  • Folkers 1961: U. Folkers, Haus und Hof deutscher Bauern, Bd. 3: Mecklenburg (Münster 1961)

  • Freckmann 1982: Klaus Freckmann, Hausforschung im Dritten Reich. In: Zeitschrift für Volkskunde 1982/II, 169-186

  • Freckmann 1985: Klaus Freckmann, Zur Foto- und Plandokumentation in der Hausforschung der 30er und 40er Jahre. Das Beispiel des ehemaligen "Bauernhofbüros" Berlin/Münster. Zeitschrift für Volkskunde 1985/I, 40-50

  • Freckmann 2000: K. Freckmann, 50 Jahre Arbeitskreis für Hausforschung. AHF. - http://www.arbeitskreisfuerhausforschung.de/files/Freckmann_50Jahre_AHF.pdf

  • Grossmann 2008: G.U. Großmann, Völkisch und national- Der "Beitrag" der Hausforschung zum Wiederaufleben der Runenkunde des SS-Ahnenerbes. In: U. Puschner / G. U. Großmann (Hrsg.), Völkisch und national. Zur Aktualität alter Denkmuster im 21. Jahrhundert. (Darmstadt 2009,) 31-64. - https://d-nb.info/1210742500/34

  • Hoppe 2015: Elisa Hoppe, Das westfälische Bauernhaus als Kulturgut. Zur Bauernhausforschung in nationalsozialistischer Zeit am Beispiel des „Bauernhofbüros“ in Münster. Denkmalpflege in Westfalen-Lippe 2015/1, 18-23

  • Hohmann/ Höötmann 2009: Jessica Ann Hohmann/ Hans-Jürgen Höötmann, Die Überlieferung und Digitalisierung von Aufmaßen im Archiv des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe. Archivpflege in Westfalen-Lippe 71,| 2009, 51-54. - https://www.lwl.org/waa-download/archivpflege/heft71/51-54_hohmann-hoeoetmann.pdf

  • Schepers 1960: J. Schepers, Haus und Hof deutscher Bauern, Bd. 2: Westfalen-Lippe (Münster 1960)

  • Schreg 2006: R. Schreg: Die Archäologie des mittelalterlichen Dorfes in Süddeutschland. Probleme – Paradigmen – Desiderate. Siedlungsforschung 23, 2006, 141-162. - https://www.academia.edu/242745 bzw. https://www.uni-bamberg.de/fileadmin/histgeo/Arkum_Zeitschrift_Siedlungsforschung/sf24-2006.pdf

  • Selheim 2015: Claudia Selheim, Erich Kulke (1908–1997): Wandervogel, Volkskundler, Siedlungsplaner und VJL-Vorsitzender. In: E. Conze/ S. Rappe-Weber (Hrsgg.), Ludwigstein: Annäherungen an die Geschichte der Burg. Jahrb. Jugendbewegung und Jugendkulturen. 11 (Göttingen 2015) 253–272. - https://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/6859/1/Selheim_Erich_Kulke_2015.pdf

  • Wolf 1940: G. Wolf, Haus und Hof deutscher Bauern, Bd. 1: Schleswig-Holstein (Berlin 1940.)

Links

 

Freitag, 14. Oktober 2022

Leicht mal zu viel erhofft und versprochen - das ehemalige Paläon in Schöningen

2020 war für viele Museen ein Problemjahr: Besucher blieben aus, Einnahmen weggebrochen. 2021 war wenig besser, 2022 drohen zumindest Winterschließungen.

Manche archäologische Museen kämpfen aber schon seit langem mit strukturellen Problemen. Sie liegen oft abseits der heutigen Zentren und sind mit ihren Themen doch sehr speziell und schaffen es selten, Besucher wiederholt anzuziehen. Hinzu kommen wacklige Finanzierungsmodelle, die oft überzogene Erwartungen haben.

Aktuell geht es dem Archäopark Vogelherd in Niederstotzingen an den Kragen.

Die Schöninger Speere

Solche strukturellen Probleme hatte seit Jahren auch das Paläon, jetzt Forschungsmuseum Schöningen. Im Mittelpunkt des Museums stehen die 1994 im Braunkohletagebau entdeckten Schöninger Speere des Altpaläolithikums, die tatsächlich mal zu Recht als Sensationsfunde gelten können, wenn sie selbst auch eher unscheinbar sind. Die Rechnung auf Grundlage einer rein ökonomischen Bewertung ging aber leider nicht auf.
 
Fundstelle der Schöninger Speere
Blick vom Westrand des Tagebaus nach Osten auf die archäologische Fundstelle (2012)
(Foto: TangeInfoto [CC BY 3.0] via Wikimedia Commons)

Bald nach der Entdeckung der Speere 1994 war vor Ort die Idee entstanden, diese in einem Museum zu präsentieren. Erst 2008 gelang es, in der Landesregierung dafür Unterstützung zu gewinnen.  Mit Mitteln aus dem Konjunkturpaket II wurde ab 2011 der moderne Neubau des Museums errichtet und im Juni 2013 eröffnet. Als Träger fungierte die Paläon GmbH, die regionale Akteure wie den Landkreis Helmstedt, die Stadt Schöningen sowie Stiftungen und den Förderverein Schöninger Speere – Erbe der Menschheit e. V.  zusammenschloss.

Das Paläon in Schöningen
(Foto: PtrQs [CC BY 4.0] via WikimediaCommons)

 
Von Anbeginn gab es skeptische Stimmen, die das Vorhaben als Steuergrab brandmarkten. Der Bund der Steuerzahler verlieh dem Paläon 2018 den Negativ-Preis "Faß ohne Boden". 2016 war die finanzielle Schieflage mit einem Defizit von 300.000€ bekannt geworden. Das Museumskonzept ging von 100.000 Besuchern pro Jahr aus, tatsächlich kamen nur etwa 20.000.  Außer den 15 Mio € aus dem Konjunkturpaket zum Bau des Museums sollten keine weiteren Steuergelder in das Projekt fließen, das als finanzieller "Selbstläufer" kommuniziert wurde.

Ein Erfolgsbild zeichnet die Image-Broschüre von 2019: Im selben Jahr wurde die Paläon GmbH jedoch aufgelöst und das Museum vom Land übermommen und dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege als Forschungsmuseum Schöningen angegliedert. Seitdem ist es gelungen, Drittmittel für ein Forschungsprojekt über die DFG und für eine energetische Optimierung aus EU-Fördermitteln einzuwerben.

Die Übernahme durch das Land gilt indes nur als eine Zwischenlösung. Nun versucht man als Forschungsmuseum via Senckenberg Anschluß an die Leibniz-Gemeinschaft. Außerdem arbeitet man an einem Antrag auf UNESCO-Weltkulturerbe.

Dienstag, 11. Oktober 2022

Zu spät! Abbruch in Sachsenburg spricht für Verbandsklagerecht

 Der Abbruch der Kommandantenvilla des KZ Sachsenburg hat begonnen.

Das vermelden die Neuigkeiten zur Petition, die eigentlich den Abriß verhindern wollte.

 

Es ist ein Skandal, dass überhaupt eine Abbruchgenehmigung erteilt wurde - und gleich noch ein zweiter, dass die Auflagen zum denkmalgerechten Abbruch mit Dokumentation und Bergung von Teilen anscheinend misachtet werden.

Der Fall ist ein gutes Argument für die Einführung eines Verbandsklagerechts im Denkmalschutz.


Interner Link

Montag, 10. Oktober 2022

"Rückbau" nur zur Kelleroberkante - Petition für Archäologen trotzdem interessant!

Schon 2015 hat der Stadtrat von Frankenberg in Sachsen beschlossen, die in kommunalem Eigentum befindliche  Kommandantenvilla des KZ Sachsenburg abzureißen. 

Eine Rechtfertigung wurde erst 2019 mit statischem Gutachten nachgereicht. Jetzt steht der Abbruch unmittelbar bevor, Viele Fachleute hatten sich damals schon gegen den Abbruch ausgesprochen - leider nicht die zuständige Denkmalschutzbehörde (wobei in der Diskussion auf die nicht vorhandenen spezifischen fachlichen Kompetenzen im Denkmalamt hingewiesen wird) und auch nicht das Bundesministerium für Kultur und Medien (BKM). Geplant wurde nun mit staatlicher Förderung eine Gedenkstätte, die gleichwohl den Abriß bis auf Kelleroberkante vorsieht. Das archäologicshe Denkmal im engeren Sinne bliebe also erhalten.

Wiederum gibt es eine Petition:

Sie kommt sehr spät. Der Abbruch ist beauftragt und soll zum 31.12.2022 abgeschlossen sein.

Zur hsitorischen Einordnung führt die Petition aus:

"Das im Mai 1933 eingerichtete KZ Sachsenburg war ab 1934 das einzige KZ in Sachsen und zwischen Ende 1934 und Mitte 1936 eines von nur wenigen KZs in ganz Deutschland. Es war Ausbildungsstätte für die SS-Wachtruppe der KZ, aus denen später die SS-Totenkopfverbände hervorgingen, die ihrerseits eine der Keimzellen der späteren Waffen-SS waren. Damit stellt das KZ Sachsenburg eine „Brücke“ zu den nach 1936 errichteten Großlagern wie Buchenwald und Sachsenhausen dar. 

Die Kommandantenvilla war der zentrale Täterort in Sachsenburg. SS-Männer wie Karl Otto Koch, der spätere Kommandant des KZ Buchenwald und des KZ Majdanek, oder Arthur Rödl, später Kommandant des KZ Groß-Rosen, begannen hier ihre „Karrieren“. Die Kommandantenvilla stellt dabei einen der wenigen noch erhaltenen Täterorte in einem frühen KZ in Deutschland dar."

 

Kommandantenvilla des KZ Sachsenburg
(Foto: Selbstauslöser [CC BY SA 4.0] via WikimediaCommons)


Sehr viel fachliche Einwände gegen einen Abbruch gab es seit 2019:

Zu den Plänen

 

Nach den Plänen bleiben die archäologischen Befunde unter dem Boden unberührt. Gerade bei der Archäologie der Moderne wird jedoch deutlich, dass wir hier nicht disziplinär denken dürfen. Ohne das Aufgehende hat auch die Archäologie viel zu verlieren. Gerade aktuell zeigen viele Untersuchungen die Bedeutung einer Auseinandersetzung mit den materfiellen Relikten der NS-Zeit, die vielfach eher in der Erinnerungsarbeit als in neuen - unbestreitbar möglichen und gar erwartbaren - Erkenntnissen liegt. Ein Bodendenkmal hat selbst bei der Errichtung von Silhouettenrahmen nicht denselben Erinnerungswert wie ein Gebäude. Die historische Archäologie zeigt auch, wie widersinniog es ist, ein Gebäude abzureissen, um es später vielleicht mal ausgraben zu können... Darum ist die Petition auch für alle Archäologie-Interessierten durchaus relevant.


Weitere Links

Literaturhinweis

  •  C. Theue, Archäologie an Tatorten des 20. Jahrhunderts (Darmstadt 2016). - ISBN 978-3-8062-3379-7

Sonntag, 9. Oktober 2022

Russische Geschichte in Personalunion mit dem Geheimdienst

Anlässlich der Einrichtung einer Außenstelle der Russischen Historischen Gesellschaft im illegal annektierten ukrainischen Mariupol, das die Russische Armee zuvor weitgehend zerstört hat, erschien ein Bericht auf der Website Odna Rodina“ (odnarodyna.org), die einige Aspekte aktueller russischer Geschichtspolitik erkennen lässt. 

In automatisierter Übersetzung heißt es da:

"Seit 1991 haben die Kiewer Behörden darum gekämpft, die Geschichte der Ukraine und zusammen mit Russland neu zu schreiben, aber Kiew war besonders eifrig dabei, ukrainische historische Mythen nach dem Putsch im Jahr 2014 zu schaffen. Es scheint, dass sich keiner der Vertreter der ukrainischen Behörden für die völlig wilden „historischen Fakten“ in den Geschichtsbüchern geschämt hat. All dies wurde Kindern als „ultimative Wahrheit“ präsentiert, an die Sie sich nur erinnern müssen. Ist es heute ein Wunder, dass junge Menschen, die mit solchen Mythen aufgewachsen sind, ein sehr perverses Geschichtswissen haben? Diese Situation muss so schnell wie möglich korrigiert werden.

Im April, als in Mariupol noch gekämpft wurde, beschloss das Präsidium der Russischen Historischen Gesellschaft (RIO), ihre Zweigstellen in den Volksrepubliken Donezk und Lugansk zu gründen. Laut dem Vorsitzenden des RIO, dem Direktor des Auslandsgeheimdienstes der Russischen Föderation, Sergej Naryschkin, ist dies für die rasche Eingliederung der Donbass-Republiken in einen einzigen historischen und kulturellen Raum notwendig."

Die Russische Historische Gesellschaft wurde im Juni 2012 auf Anordnung Putins gegründet, wobei sie sich als Nachfolgerin der bereits zwischen 1866 und 1920 bestehenden "Imperialen [Imperatorskoe] Russischen Historischen Gesellschaft" sieht. Der Artikel lenkt den Blick auf Sergey Naryshkin, der als Vorsitzender der Gesellschaft und als Direktor des Auslandsgeheimdienstes der Russischen Föderation bezeichnet wird. Die Seite der Russischen Historischen Gesellschaft stellt ihn genauer vor. 

Wiederum automatisch übersetzt heißt es hier:

Seit der Wiederbelebung der Russian Historical Society im Jahr 2012 ist Sergey Naryshkin ihr ständiger Vorsitzender . Unter seiner direkten Beteiligung werden alle wichtigen Veranstaltungen organisiert und durchgeführt - historische und dokumentarische Ausstellungen, Runde Tische, wissenschaftliche Konferenzen, Präsentationen von Buchverlagen und Dokumentarfilmprojekten. Die Russische Historische Gesellschaft bereitete und organisierte Veranstaltungen zu Ehren des 400. Jahrestages der Wahl von Michail Fjodorowitsch Romanow auf den Thron, des 200. Jahrestages des Sieges im Vaterländischen Krieg von 1812, des 100. Jahrestages des Ersten Weltkriegs, des 100. Jahrestages der Großen Russischen Revolution von 1917 und andere wichtige historische Daten. Darüber hinaus wurde unter der Schirmherrschaft der Russischen Historischen Gesellschaft das Konzept eines neuen Schullehrbuchs zur Nationalgeschichte entwickelt.
Sergey Naryshkin ist auch Vorstandsvorsitzender der Stiftung Geschichte des Vaterlandes, die 2016 per Dekret des Präsidenten der Russischen Föderation als Instrument zur Unterstützung der Aktivitäten der Russischen Historischen Gesellschaft gegründet wurde.
Darüber hinaus leitet Sergey Naryshkin das Organisationskomitee für die Vorbereitung von Veranstaltungen zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs und das Organisationskomitee für die Unterstützung von Literatur, Buchveröffentlichung und Lesen in der Russischen Föderation. Sergey Naryshkin leitet auch das Kuratorium des Filmstudios Lenfilm."

Die aufgeführten Aktivitäten - Erinnerungsveranstaltungen an ruhmreiche Episoden russischer Geschichte" zeigen bereits, dass hier ein nationales, identitätsstiftende Narrativ und nicht kritische historische Forschung im Mittelpunkt steht. In der Biographie Naryshkins, die sich der Wikipedia (deutsch, englisch, russisch) entnehmen lässt, zeigt sich, wie stark Geschichte hier politisch vereinnahmt wird.  

Sergei Jewgenjewitsch Naryschkin wurde 1954 in Leningrad geboren. Er gehört in den engeren Kreis der Vertrauten Putins. 2008 bis 2011 war er Leiter der russischen Präsidialverwaltung und vom 21. Dezember 2011 bis 2016 Vorsitzender der Staatsduma Russlands. Er ist ständiges Mitglied im Sicherheitsrat der Russischen Föderation und Mitglied des Oberen Rates der Partei „Einiges Russland“. 

Aktuell ist Naryschkin Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR. Bekannt wurde er im Westen, als er kurz nach dem russischen Angriff auf die Ukraine von Putin öffentlich im Fernsehen bloßgestellt wurde, da er von der "Aufnahme der Donezker und der Luhansker Volksrepubliken in den Bestand der Russischen Föderation" gesprochen hat. In der offiziellen Sprachregelung ging es damals aber nur um die Anerkennung der Unabhängigkeit der separatistischen Volksrepubliken.

Schon seit 2014 steht Naryschkin auf der westlichen Sanktionsliste.

 

Sergei Naryschkin 2018
(Foto: Andreyklor [CC0] via WikimediaCommons [beschnitten])


Historiker ist Naryschkin nicht. Er hat eine Ausbildung an der Leningrader Mechanischen Hochschule und ein Diplom der Petersburger Internationalen Hochschule für Management. Seine Abschlussarbeit wurde 2015 als weitgehendes Plagiat entlarvt. Angeblich soll er in den 1980er Jahren zusammen mit Wladimir Putin an der KGB-eigenen Hochschule studiert haben.


Sergei Naryschkin (rechts) bei einem Treffen des russischen Präsidenten Wladimir Putin mit Außenminister Sergej Lawrow,
(Foto: Website des Präsidenten der Russischen Föderation [Original unter CC SA 4.0] via WikimediaCommons)

 

Diese enge Bindung der Russischen Historischen Gesellschaft an einen Politiker und Geheimdienstler macht deutlich, dass Geschchte als "nationale Aufgabe" aufgefasst wird, es aber keineswegs um "ein objektives und ehrliches Studium der Geschichte" geht, wie auf der Website der ROI behauptet wird.

Eine Rede Naryschkins formuliert seine Lehren aus der russischen Geschichte, "die wie nichts anderes moralisches Verhalten in der Politik lehren." Große Errungenschaften und Siege seien nur auf der Grundlage der Konsolidierung um die dauerhaften Werte Patriotismus und Staatsbürgerschaft möglich.

Der Vorwurf, an die Ukraine, sie hätte historische Mythen geschaffen und ihre Bevölkerung indoktriniert, reiht sich damit ein in das Muster russischer Schuldumkehr, die ihre eigenen Verbrechen leugnet und dem Gegener zuweist. Das war bei den Massaker von Butscha so, aber auch bei Luftangriffen auf Mariupol und wohl auch beim Beschuss des Atomkraftwerks Saporischschja. 

Interpretationsspielräume, die ich in meinem vorigen Blogpost noch gesehen habe, schränken sich damit erheblich ein. Die Variante, dass es den Beteiligten eventuell tatsächlich vor allem um den Schutz der Museen und Kulturgüter ginge, ist widerlegt.

Die Nähe der Archäologie zu dieser politisch instrumentalisierten Geschichte ist auch nicht erst in den letzten Monaten entstanden. Bereits im Kontext des Bürgerkriegs in der Ukraine haben sich Archäologen bereitwillig der Propaganda-Show in Palmyra hergegeben, wo die russische Intervention und der Sieg über den IS (der danach aber nochmals wiederkam) im Theater von Palmyra mit einem Konzert inszeniert wurde.


Nikolaj Makarov 2016 in Palmyra
(Foto: Russisches Verteidigungsministerium [CC BY 4.0] via WikimediaCommons)



Schon 2020 hat die Stiftung Wissenschaft und Politik eine Studie veröffentlicht, die die russische Geschichtspolitik und die historischen Narrative untersucht:

Die Analyse untersucht den offiziellen russischen Umgang mit negativ wie positiv konnotierten Ereignissen der russischen und sowjetischen Geschichte sowie das Geschichtsnarrativ insgesamt. Das Narrativ betont sehr stark die Kontinuität der Geschichte und die Rolle russischer Siege. Damit wird der russische Großmachtsanspruch legitimiert und geschchtsdeterministisch dargestellt.

Umbrüche werden negativ aufgefasst, was direkte politische und gesellschaftliche Konsequenzen hat. Susan Stewart schreibt dazu:  

"Dies wird besonders deutlich am Beispiel der Revolutionen von 1917 und dem sich anschließenden Bürgerkrieg. Auch hiermit sind Botschaften nach innen wie nach außen verbunden. Den russischen Bürgerinnen und Bürgern wird vermittelt, solche Phasen seien gefährlich für das Land und sollten vermieden werden. Damit einher geht die Botschaft, dass man von Protest absehen sollte bzw. dass Repression als Antwort darauf legitim sei, weil es zu den Aufgaben der Führung gehöre, das Land vor Unruhestiftern zu schützen. Untermauert wird diese Botschaft durch die Einschätzung, das Chaos revolutionärer Zeiten werde durch ausländische Kräfte zumindest verschärft, wenn nicht gänzlich verursacht. Mit dieser Aussage wird der Gesellschaft implizit eine eigene Handlungsfähigkeit abgesprochen"

In anderer Hinsicht ist solch ein Geschchtsbild ebenfalls problematisch: Politik orientiert sich auf die Vergangenheit, Wandlungsprozesse werden als negativ aufgefasst. Das sind außerordentlich schlechte Voraussetzungen für eine zukunftsorientierte Politik. Das Problem ist nicht der hohe Stellenwert der Geschichte an sich, sondern das normierende und legitimierende Narrativ dahinter.

Die russische Botschaft in Deutschland hält auf ihrer Website einen Vortrag von Sergei Naryschkin bereit, der den Hitler-Stalin-Pakt rechtfertigt. Hier soll es nicht um Naryschkins Sicht der Dinge gehen, die nebenbei bemerkt jede Kritik an Sowjetrussland zurückweist, das alles richtig gemacht habe. Die Schuld am Zweiten Weltkrieg wird dem Westen zugewiesen, störende "Details", wie das Massaker von Katyn werden übergangen. Interessant scheinen die abschließende Bemerkung,

"dass der wichtigste Grundsatz der Geschichtswissenschaft den Umgang mit dem Gestern von der Warte der Gegenwart ausschließt. Nur eine vertiefte Auseinandersetzung mit der in Frage stehenden Zeit, der Rückgriff auf authentische historische Quellen und Rücksichtnahme auf kompetente Meinungen von Berufshistorikern ermöglichen es, aus der Vergangenheit zeitrelevante und nützliche Lehren zu ziehen."

Gerade diese Prinzipien - übrigens mit starken Anklängen an den alten deutschen Historismus (vgl. Archaeologik 25.7.2020)- befolgt die politisch motivierte russische Forschung ja eben nicht. Naryschkin ist kein Berufshistoriker. Vielmehr gibt die Politik die Sicht vor, die Wissenschaftler*innen dienen nur der Bestätigung und Legitimierung. Freiraum für ernsthafte Forschung und sinnvollere historische Narrative - wie die Auseinandersetzung mit Krisen - gibt es nicht.

Für viele Kolleg*innen ist das möglicherweise ein persönliches Dilemma. Andere tun sich in vorderster Front hervor.
 

 

imterne Links

 

 

Samstag, 8. Oktober 2022

Mammut-Blamage? Petition sucht Unterschriften für den Erhalt des Vogelherd-Parks

Wieder Mal ist ein prominentes Zentrum archäologischer Vermittlungsarbeit in kommunaler Trägerschaft von der Schließung betroffen. Der Archaeopark Vogelherd, der Teile des UNESCO-Welterbes der Höhlen und Eiszeitkunst der Schwäbischen Alb präsentiert soll nach einem Gemeinderatsbeschluß geschlossen werden. Dabei sind die Besucherzahlen im Archaeopark gar nicht schlecht.

Eine Petition an den Landtag Baden-Württemberg sammelt  nun Unterschirften für einen Erhalt des Parks.

 

Kleine Gemeinden können solche Projekte auf Dauer nicht stemmen, die Länder zögern hier häufig, finanzielle Verpflichtungen einzugehen und fördern daher bestenfalls befristete Projekte, nicht aber die problematischen dauerhaften Kosten.

Das Paläon, betrieben als GmbH in Schöningen - gewidmet den berühmten Schöninger Speeren -  hat vor Jahren eine solche Krise durchlaufen, ehe es (offiziell nur als Ziwschenlösung) als Forschungsmuseum dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege angegliedert wurde. 

Soeben hat das Land Baden-Württemberg nach mehreren Jahren diese Problematik beim Heuneburgmuseum durchgestanden und mit der Staatlichen Schlösser- und Gärtenverwaltung nun einen Träger gefunden, der allerdings mit den archäologischen Inhalten nicht so richtig unzugehen weiß - und sich mit einem weiteren solchen Projekt überfordert sieht.

Häufig sind sowohl auf lokaler Ebene die Erwartungen eines Freizeittourismus viel zu groß. Seriöse Wissenschaft kann auf diesem Sektor kaum mit Phantasy-Parks mithalten, die keine Einschränkungen in der Darstellung durch wissenschaftliche Erkenntnisse oder Erkenntnisunsicherheiten haben, Die Präsentation von Archäologie hat Bildung und nicht Unterhaltung oder finanziellen Gewinn zum Ziel. Bisweilen lässt sich das gut verbinden, bisweilen entstehen durch eine Kommerzialisierung aber auch unsinnige Vermittlungskonzepte.

Weißes (am Kreisel) und braunes Mammut als Wegweiser
(Foto: M. Decoster, 31.10.2020)

 

Das Problem ist schom daher nicht neu und auch im Falle von Niederstotzingen und dem Vogelherd-Park schon länger bekannt. Das zuständige, von der CDU geleitete Bauministerium betont, einerseits an einer Lösung zu arbeiten, dementiert aber Pressemeldungen über eine zugesicherte Unterstützung.  Obwohl klar st, dass sich solche Einrichtungen kaum kostendeckend selbst tragen können, werden immer wieder neue Projekte begonnen, für die zwar Sondermittel eingeworben werden, eine solide langfristige Finanzierungsplanung aber fehlt, weshalb anschließend die Projekte von Ministerium zu Ministerium und von Träger zu Träger hin und hergeschoben oder gar geschlossen werden - mit fatalen Folgen für die Arbeit vor Ort.

So drohr Baden-Württemberg eine kulturpolitische Blamage, angesichts des Status als UNESCO-Weltkulturerbes eine internationale Blamage...


Die Vermittlung von Archäologie- und Geschichtsthemen auf wissenschaftlicher Basis ist eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe. Der Blick in die Vergangenheit schafft Orientierung in der Gegenwart, bringt eine bessere Einschätzung von Krisensituationen und stärkt die gesellschaftliche Resilienz gegenüber unrealistischen Zukunftsversprechungen und Verschwörungsmärchen - vorausgesetzt, es gibt einen seriösen wissenschaftlichen Hintergrund, der der Mystifizierung und Instrumentalisierung der Vergangenheit entgegentritt. Eine Kommerzialisierung sei es privatwirtschaftlich oder als Landesbetrieb ist daher gefährlich.

Die Darstellung des Lebens in der letzten Eiszeit ist ein wichtiger Beitrag zur historischen Bildung, zeigt doch gerade der Kontrast mit den heutigen Lebensverhältnissen, wie vielfältig menschliche Kulturen sind und dass sich Gesellschaften auch stetig verändern. Er trägt dazu bei, die zeitliche Dimension zu verstehen, was Voraussetzung ist, um Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen.


Presseberichte

eine Zusammenstellung unter https://www.openpetition.de/petition/blog/wir-fordern-finanzielle-unterstuetzung-des-welterbes-hoehlen-und-eiszeitkunst-der-schwaebischen-alb#petition-main

 Offener Brief von Nicolas Conard an die Landesregierung

mit zahlreichen Unterschriften von Fachkolleg*innen insbesondere der deutschen Urgeschichtsforschung

Links

Freitag, 7. Oktober 2022

Ukraine: Die Bilanz der Zerstlörung in Folge der russischen Invasion

Laut UNESCO wurden Stand 30. September 2022 bestätigt 197 Kulturgutstätten beschädigt: 83 Kirchen, 13 Museen, 37 historische Gebäude, 36 Kulturhäuser wie z.B. Theater, Archive, 18 Denkmäler, 10 Bibliotheken. 

Die UNESCO führt sie einzeln auf:


interner Link

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Donnerstag, 6. Oktober 2022

Russische Historiker- und Archäologendelegation in den annektierten Gebieten der Ukraine

Russland reklamiert mit gefakten Abstimmungen die besetzten Gebiete der Ukraine für sich - und eine Delegation von Archäologen und Historikern hilft wenige Tage nach der völkerrechtswidrigen Annektierung diese illagale und hochgradig perfide Aktion mit historischer Umerziehung der Bevölkerung zu stützen.

Nach einem Bericht der Russischen Historischen Gesellschaft (RIO) hat eine Delegation der RIO, unter anderen mit  Nikolai Makarov, Mitglied des Präsidiums der RIO, Vizepräsident der Russischen Akademie der Wissenschaften und Direktor des Instituts für Archäologie der Russischen Akademie der Wissenschaften die "neuen Regionen, die Teil Russlands wurden," besucht. Das Präsidium der Russischen Historischen Gesellschaft hat bereits am 24. und 25. Mai 2022 beschlossen, in den Volksrepubliken Donesk und Luhansk RIO-Zweigstellen zu gründen. Am 12. August wurde auch beschlossen, Zweigstellen von RIO in Mariupol und Melitopol zu gründen. "Das erste Treffen der regionalen Zweigstelle der RIO in Mariupol fand an der Staatlichen Universität Mariupol statt. Es diskutierte die Fragen der Interaktion zwischen Bildungs- und Lokalgeschichteorganisationen von Mariupol mit Partnern aus anderen Regionen Russlands, die Restaurierung des Mariupol-Museums und die Erneuerung seiner Ausstellung."

"Die Hauptaufgabe von RIO besteht jetzt darin, die schnelle und vollständige Integration der Mariupoler Historiker in die große russische Familie zu fördern. „Wir müssen auch das schwer verwundete Mariupol Museum retten. Heute finden Konsultationen mit dem stellvertretenden Ministerpräsidenten der Volksrepublik Donezk, dem Kulturministerium und dem Bürgermeister von Mariupol statt. Es gibt bereits einen Erlass der russischen Regierung zur Restaurierung des Museums. Ich hoffe, dass sich das Heimatmuseum von Mariupol weiter entwickelt“, 

Das Museum von Mariupol ging im Beschuss russischer Truppen unter, das Museum von Melitopol wurde unter obskuren Umständen seiner wertvollsten Funde erleichtert (Archaeologik 3.5.2022).

Makarov erklärte "Es ist jedoch notwendig, nicht mit archäologischen Ausgrabungen zu beginnen, sondern mit der Restaurierung des Museums und der Schaffung einer wissenschaftlichen Infrastruktur.“  

Nikolaj Makarov ist ein erfahrener und seriöser Kollege, der klassische nationale Narrative durchaus kritisch sieht. Er war russischer Repräsentatnt in der Ruralia-Gesellschaft, ehe wir im Frühjahr die Kontakte formal auf Eis gelegt haben.

Es ist schwer zu beurteilen, was hier ggf. hinter den Kulissen abläuft. Archäologische Forschung ist Besatzern in besetzten Gebieten durch internationales Recht verboten, weshalb die Ukraine in den vergangenen Jahren auch ganz genau die russischen Aktivitäten auf der Krim beobachtet (vgl. Archaeologik 22.1.2018) und auch dort arbeitende russische Kollegen international zur Fahndung ausgeschrieben hat (vgl. Archaeologik 22.7.2017). Andererseits fordert die Konvention von Den Haag auch die Unterstützung der Besatzer für lokale Anstrengungen des Kulturguterhalts und es ist auch verständlich, wenn sich Archäolog*innen in besetzten Gebieten für die Durchführung von Rettungsgrabungen und Kulturgutsicherung einsetzen.

Der Bericht der RIO hält sich bedeckt, lässt aber daran denken, dass es um die Verbreitung der Putin'schen Geschichtsdarstellung geht, mit der der Ukraine die Souveränität abgesprochen wird.

 

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Montag, 3. Oktober 2022

Nobelpreis für Archäogenetik: Svante Pääbo wird für seine Neandertaler-Forschung ausgezeichnet

Svante Pääbo, Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, erhält den Nobelpreis für Medizin für die Sequenzierung des Neandertaler-Genoms und die Entdeckung der Denisovaner.

 

Svante Pääbo 2014
(Foto: Jonathunder [GNU-Lizenz für freie Dokumentation] via WikimediaCommons)


Nobelpreise im weiten Kontext  historischer Forschung sind sehr selten, da die Preise die Kulturwissenschaften bestenfalls mit dem Nobelpreis für Literatur abdecken - dessen zweiter Preisträger 1902 der Althistoriker Theodor Mommsen war. (M.E. hängt das hartnäckige Festhalten der Altertumswissenschaften an monographischen Publikationen an dem damit begründeten hohen Ansehen der Buch-Publikation?). So sind es die naturwissenschaftlichen Methoden, die preiswürdig erscheinen, weniger die historische Interpretation. Neben dem Nobelpreis für Medizin für Svante Pääbo ist der Nobelpreis für Williard F. Libby zu nennen, der 1960 für die Radiocarbonmethode den Nobelpreis für Chemie erhalten hat.


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Mensch und Tier

Eine schöne Dokumentation auf ARTE  zur Geschichte von Mensch und Tier von den Anfängen bis zum Mittelalter (u.a. mit Freilichtlabor Lauresham):

in der Mediathek 

und auf youtube: 

Sonntag, 2. Oktober 2022

Klimawandel: Neue Gletscherfunde

 Vor 30 Jahren war der Fund von "Ötzi" eine Riesen-Sensation.

Fundort der Gletschermumie "Ötzi"
(Graphik: Kogo [GNU-Lizenz für freie Dokumentation] via WikimediaCommons)

Heute sind Funde aus den Alpen-Gletschern jeden Sommer an der Tagesordnung. Aktuell berichtet die NZZ über neue Funde zweier neuzeitlicher Gletscherleichen sowie den Stand der Gletscherarchäologie in der Schweiz.

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