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Montag, 16. März 2026

Realsatire Weltkulturerbe in Baden-Württemberg

Die in Ravensburg ansässige 'Schwäbische' berichtet aktuell über das UNESCO-Welterbe Eiszeitkunst als einer Realsatire.


Der Unesco-Titel für die Eiszeitkunst auf der Schwäbischen Alb war 2017 eine riesige Ehre, doch bereits fünf Jahre nach der Verleihung zeigten sich ernsthafte Schwächen im Konzept. Der einst zentrale Archäopark Vogelherd, getragen von der Gemeinde Niederstotzingen, wurde 2022 aus Geldnot geschlossen. Der Bau des Archäoparks Vogelherd war ein größeres Gemeinschaftsprojekt, bei dem die Stadt Niederstotzingen die Bauherrin war. Die Gesamtkosten für den Bau beliefen sich auf über 4 Millionen Euro. Finanziert wurde das Projekt aus Zuschüssen vom Land Baden-Württemberg, Mitteln der Europäischen Union und einem Eigenanteil der Stadt Niederstotzingen von 900.000€.

Für Besucher, die sich vom Welterbe-Status angezogen fühlen, ist die Realität heute ernüchternd: An der Autobahn stehen große Hinweisschilder, vor Ort steht ein verrammeltes Museum, dessen einzige Perspektive es ist, dass es  als Kindergarten weiter genutzt werden kann. Anwohner beschreiben die Situation vor Ort mit Worten wie "Wüste" oder "Sauerei". Die eigentlichen Welterbe-Höhlen im Lonetal – darunter der Fundort des berühmten „Löwenmenschen“ – sind teils unzugänglich oder instabil. 

Zwar wurde inzwischen der Welterbefonds BW aufgelegt, mit dem das Land Baden-Württemberg Projekte an seinen Welterbestätten mit Millionenbeträgen fördert. Im Lonetal wurde spekuliert, ob Gelder stattdessen in die nun groß angelegte Kelten-Initiative des Landes geflossen seien, eine Vermutung, die das Land jedoch zurückwies. Ende 2025 wurde eine Förderung des Landes von 540.000 € für das Welterbe Eiszeitkunst gewährt, das in  Maßnahmen fliesst, die sich dem Schutz und der Vermittlung der weltweit einzigartigen eiszeitlichen Kunstwerke widmen. Dazu zählen die Herstellung von 3D-Repliken des Löwenmenschen, konservatorische Verbesserungen im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren, der Schutz von Fledermäusen an der Bocksteinhöhle sowie die Planung des Welterbetags 2026. Eine dauerhafte Finanzierung lehnte die Landesregierung jedoch ab. Die Politik scheint zwar punktuelle Projekte zu finanzieren, doch für eine nachhaltige, laufende Unterstützung von Kulturstätten, die langfristig Strahlkraft entwickeln sollen, fehlt es oft am politischen Willen und an Haushaltsmitteln.

Leider ist der Status als Weltkulturerbe vielfach ein hohes Risiko, dass Authentizität und historisch-archäologischer Quellenwert eher verloren gehen oder gar zerstört werden. Am Ende läuft das möglicherweise dem gesellschaftlichen Auftrag der Archäologie - Bildungsarbeit und ein Bewusstsein für die Dimension der Zeit den Quellenwert historischer Überreste - sogar entgegen, weil es sozial zu wenig nachhaltig ist und am Ende den Eindruck von Geldverschwendung und Irrelevanz vermittelt.

Weißes (am Kreisel) und braunes Mammut als Wegweiser
(Foto: M. Decoster, 31.10.2020)


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Interne Links

 

Samstag, 18. Oktober 2025

Wrackfunde doch unverkäuflich - ein Gerichtsurteil 10 Jahre nach der Entdeckung der San José vor der kolumbianischen Küste

Vor 10 Jahren sorgte die Entdeckung des Wracks der 1708 mit 55 t Gold und Silber gesunkenen Galeone San José für große mediale Aufmerksamkeit - und für Proteste da die Regierung Kolumbiens beschloss, die Bergung gegen 50% Gewinnbeteiligung an eine private Firma zu übertragen. International wurde dagegen protestiert - auch durch die UN. Dazu gab es auch mehrere Blogposts auf Archaeologik.

Inzwischen hat man in Kolumbien an den Verträgen mit verschiedenen Firmen gearbeitet und diese auch gerichtlich ausgehandelt. 2018 war das Wtack aber als nationale Kulturerbe registriert worden und nun untersagte ein Gericht, Kulturerbe zu Geld zu machen.

 

Diese Meldung hat kaum Resonanz gefunden - ganz anders als die Unterwasserfotos, die Kanonen und Goldmünzen des Wracks zeigen. 2024 wurde eine genauere Erkundung des in 600 m Tiefe liegenden Wracks begonnen.

 

Seeschlacht vor Cartagena 8. Mai 1708: 
Die San José wird von britischen Kriegsschiffen versenkt.
Gemälde von Samuel Scott vor 1772
(National Maritime Museum in Greenwich, Public Domain 
via Wikimedia Commons)

 

Donnerstag, 2. Januar 2025

Gold und Gedöns - „Ramses II. und das Gold der Pharaonen“ in Köln

Jutta Zerres

Seit dem 13. Juli 2024 macht die internationale Wanderausstellung mit insgesamt 180 Exponaten aus ägyptischen Sammlungen im „Abenteuermuseum Odysseum“ ihre einzige Station in Deutschland. Zuvor gastierte die Schau in den USA, Frankreich und Australien und ab 6. Januar 2025 reist sie weiter nach Asien.

Leben und Wirken Ramses II., einer der bekanntesten Herrscherpersönlichkeiten des Alten Ägypten, stehen im Mittelpunkt. In seinen 90 Lebens- und 67 Regierungsjahren entstanden zahlreiche Bauten und Monumente, mit denen er sich im Bewusstsein der Zeitgenossen und der Nachwelt zu verewigen wusste. Über den Mann gibt es also viel zu erzählen und damit eignet er sich bestens als Tourismusbotschafter seines Landes.


Einen einzigen Makel hat das Sujet: Es mangelt an einer prunkvollen Grabausstattung à la Tutanchamun. Wie so oft waren die Grabräuber schneller. Ramses Grab im Tal der Könige (KV 7) war bereits seit der Antike geplündert und von Wassereinbrüchen beschädigt, die Mumie hatte sicherheitshalber im Cachette von Deir-el-Bahari eine ungeplante letzte Ruhestätte gefunden. Alles spannend, ohne Frage, aber aus Sicht der Ausstellungsmacher nicht genug Material für einen fulminanten Schlusspunkt mit hohem Goldgehalt.

 

Odysseum
(Foto: J. Zerres)


Das Thema der altägyptischen Jenseitsvorstellungen, das auf die Erzählung von Ramses’ Leben folgt, kann also nicht mit Hilfe seiner Grabausstattung dargestellt werden. Dieser Teil wird mit Objekten anderer Grabherren unterschiedlicher Abschnitte der ägyptischen Geschichte bestritten.
Die Ausstellungsmacher setzen auf Überwältigung und Staunen. Als ob man den exquisiten Exponaten alleine diese Wirkung nicht zutraut, kommen Filme, Fototapeten, Landschaftsinszenierungen, Beleuchtungseffekte bzw. Verdunkelung und eine Dauerbeschallung mit Musik in einem Übermaß zum Einsatz.
Wer dann noch nicht genug Lametta hat, kann sich noch auf eine Virtual-Reality-Reise durch den großen Tempel von Abu Simbel und das Grab der Nefertari begeben. Ramses hätte das gefallen. Der 15-minütige VR-Ausflug ist nicht im Eintritt inbegriffen und kostet 15 €. Überhaupt ist die Pharaonenschau kein preisgünstiges Vergnügen: Für einen Erwachsenen sind je nach Tag und Uhrzeit ab 22 € fällig. An Tagen mit voraussichtlich hoher Besucherfrequenz müssen bis zu 34 € berappt werden. Es werden aber auch Familien- und Gruppentickets sowie ermäßigte Eintritte für Kinder, Senioren und Studenten angeboten. Für einen Multimedia-Guide für’s Handy oder eine geführte Besichtigung fallen zusätzliche Kosten an, ebenso sowie für die Nutzung eines Gepäckschließfaches. Familienfreundlichkeit stelle ich mir anders vor.

Allzuviel Reflexion des Dargebotenen ist nicht gefragt. Die Erklärungstexte in der Ausstellung fallen eher dürftig aus, das gedruckte Werk, welches anderswo als „Begleitband“ oder „Katalog“ bezeichnet würde, heißt hier „offizielles Souvenirbuch“ - im Shop in Package mit Pharaonenschokolade zu erwerben. 

Es fehlt jede kritische Auseinandersetzung mit dem pharaonischen PR-Genie Ramses II. und gerade hier wäre m. E. ein Ansatzpunkt gewesen, um der Ausstellung einen Mehrwert zu verleihen, einen Mehrwert, der über das bloße Bestaunen von Monumenten und Gold hinausgeht. So werden leider wieder nur Klischees bedient. Das Thema der PR könnte eine Brücke in die Gegenwart schlagen und ist zugleich anschlussfähig für ein internationales Publikum. Propagandagetöse aller Art von Schönfärbererei bis Fake-News ist eine globale Erfahrung mit der jeder etwas anfangen kann.

 

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Donnerstag, 19. Dezember 2024

Die Schlächter der Archäologie

Das Archaeological Department der Universität Sheffield wurde zum Ende des Akademischen Jahres 2023/24 geschlossen. Die Website des Departments ist nun tot: https://www.sheffield.ac.uk/hpdh

Die Universität stellt es so dar, dass es weiterhin Archäologie gäbe, sie sei nur anders organisiert. Tatsächlich gibt es nun Archäologie in der School of History, Philosophy and Digital Humanities und in der School of Biosciences. Unter https://www.sheffield.ac.uk/hpdh/research/archaeology findet man "archaeological research", aber die Archäolog*innen sind als History emeritus colleagues  gelistet, die nicht mehr im Dienst sind. Als aktives Personal scheinen nur noch Hugh Willmott und als einziger Professor Bob Johnston gelistet zu sein. Ehemalige Department-Mitglieder, die nun der School of Biosciences zugeordnet sind, wurden bis zur Schließung des Departments völlig im Unklaren gelassen, was mit ihrem Labor geschieht und wie sie eigentlich noch in die Lehre eingebunden seien. Auf der facebook-Gruppe Save Sheffield Archaeology wird deutlich, dass die Schließung im Chaos verlaufen ist. 

Im Podcast  WatchingBrief schildert Umberto Albarello über die strukturellen Probleme der Universität Sheffield - aber auch darüber hinaus.

Die Schließung der Archäologie wurde im Sommer 2021 von der Universitätsleitung aus heiterem Himmel beschlossen - obwohl das Institut zu den renommiertesten im Fach zählt. Sinkende Drittmitteleinwerbungen hängen auch damit zusammen, dass bereits beginnen in den 2000er Jahren die Universität das Personal um mehr als die Hälfte gekürzt hatte. Eine Dokumentation zu dem Widerstand gegen die Schließung des Departments of Archaeology an der Universität Sheffield.

Die Petition gegen die Schließung hat übrigens 42.000 Unterstützer gefunden. Der Protest war international:

Durch das Agieren der Universitätsleitung, die in Folge der Gaza-Krise externe Sicherheitsdienste für fast 250.000 £ gegen protestierende Studierende und Mitarbeiter eingesetzt hat, zugleich aber Mitarbeiter um Gehaltsverzicht gebeten hat, hat die Universitätsleitung keinerlei Vertrauen mehr hat, weder von Mitarbeitern noch von Studierenden. Das zeigt jedenfalls eine von den Universitäts-Gewerkschaften durchgeführte Abstimmung.

Die Schließung des Archäologie-Departments hat die Universität nicht nur in ihrem internationalen Ansehen, sondern auch im Internen schwer beschädigt. In der Folge sind die Studierenden-Zahlen und die Leistungen der Universität so zurück gegangen, dass die Universität Sheffield ihre Listung unter den Top100-Universitäten der Welt verloren hat.

Am schlimmsten war jedoch der Schaden für die Reputation. Die Universität Sheffield ist heute weltweit als die Institution bekannt, die sich so absurd verhalten hat, dass sie einen ihrer bekanntesten und beliebtesten Fachbereiche geschlossen hat. Damit ist sie zum Inbegriff der unternehmerischen und neoliberalen Mentalität geworden, die den akademischen Bereich zu einem so toxischen Arbeitsplatz gemacht hat. Die Universitätsleitung, insbesondere diejenigen, die die Entscheidung zu verantworten haben (der Leiter der Fakultät für Geisteswissenschaften, der frühere stellvertretende Vizekanzler und der Vizepräsident selbst), sowie der Universitätsrat werden für immer als die „Schlächter der Archäologie“ in Erinnerung bleiben.

Der Ansatz, den die Universitätsleitung in die Diskussionen um die Zukunft der Archäologie in Sheffield eingebracht hat, ist typisch für die verkommene Managementkultur, die die Institution in ihren derzeitigen Zustand gebracht hat. Erstickende Kontrolle über Verfahren und Entscheidungsstrukturen, beiseite geschobene oder manipulierte Beweise, um zu den „richtigen“ Schlussfolgerungen zu gelangen, Engstirnigkeit und Gruppendenken, Scheinkonsultationen über vollendete Tatsachen und eine Abkopplung von der Universitätsgemeinschaft als Ganzes." (The closure of Archaeology)

Angesichts sinkender Studierendenzahlen werden Umstrukturierungen an den Universitäten sicherlich nötig werden, aber das sollte mit Strategie, nicht einfach mit Rotstift passieren. In Deutschland werden zwar zwischen den Ministerien und den Universitäten meist mehrjährige Finanzierungen, oft verbunden mit Zielvereinbarungen, geschlossen, daneben stellen aber kurzfristig ausgeschriebene Sonderprogramme, die meist einen hohen finanziellen Eigenanteil der Universitäten einfordern und oft mit kaum kalkulierbaren Folgekosten verbunden sind.  Der Politik dienen diese Mittel nur dazu, der Öffentlichkeit zu zeigen, dass man bestimmte Felder auch fördert. Nachhaltig ist das nicht... 

Vor allem aber geht das immer zu Lasten der Geistes- und Kulturwissenschaften, die vermeintlich  nur Geld kosten aber nichts produzieren. - Jedenfalls wenn man vergisst, dass unsere Gegenwart auf der Vergangenheit und auf Wissenschaft aufbaut.

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Donnerstag, 5. September 2024

Kinder finden beim Spiel mit Metalldetektor römische Münze …

ein Beitrag von Miriam Steinborn


Dieser Beitrag soll nicht von illegalen „Schatzsuchern“ handeln, die in ihrer Gier wie jüngst in Schlierschied/Rhein-Hunsrück-Kreis (Geplünderte Totenstätte: Grabräuber im Hunsrück unterwegs - SWR Aktuell) Fundkontexte zerstören und Kulturgüter rauben. Hier wird nicht auf fragwürdige Werbung für Metalldetektoren eingegangen, die sich beispielsweise bei National Geographic Kids gezielt an Kinder richtet, sondern auf das, was dabei passieren kann.

Ein wissenschaftsinteressiertes Mädchen wünscht sich eine Metallsonde. Die neun- und zehnjährigen Freunde ziehen mit dem neuen Gerät los, spielen damit auf einem Spielplatz in Remagen (Kreis Ahrweiler), graben ein Loch - und finden neben Metallschrott auch gleich eine antike Münze. 

Das Kastell Rigomagus in ihrem Wohnort ist seit 2022 als Teil des Niedergermanischen Limes UNESCO-Weltkulturerbe. Die Münze vom Spielplatz ist zwar augusteisch, gehört aber wohl erst in die zweite  Phase der römischen Siedlung in tiberisch-claudischer Zeit. 

Es könnte bei der Schlagzeile bleiben: Kinder finden beim Spielen römische Münze… und den Absatz der Kindersonden weiter fördern.

Oder: die Kinder lernen dabei etwas. Dieser Beitrag berichtet über betriebene Schadensbegrenzung und einen wissenschaftskommunikativen Wert, der aus einer solchen Situation generiert werden kann.

Euphorisiert baten die Nachbarskinder mich als Archäologin um eine Einschätzung der „Echtheit“ ihrer gerade gefundenen Bronzemünze. In den Händen hielt ich ein erdfrisches augusteisches As und steckte in einem Dilemma: Auf der einen Seite feuerte dieser Fund das Interesse der Kinder an der Vergangenheit und ihren materiellen Überresten an. Auf der anderen Seite kann die Begeisterung in ein Schatzfieber umschlagen, dem im schlimmsten Fall eine Karriere als Raubgräber folgt. Nach einer Aufklärung über die Meldepflicht an die Denkmalbehörde entschloss ich, Eltern und Kinder für die Problematik zu sensibilisieren. 

 

Gemeinsames Dokumentieren der Münze
(Foto: © B. Surek, mit Einwilligiung der Eltern)


Das Angebot eines gemeinsamen Workshops zur Erforschung der Münze und ihrer Geschichte wurde begeistert aufgenommen. Am letzten Augustwochenende erschienen die Kinder mit einigen Geschwistern und interessierten Eltern. Dem praktischen Teil wurde der Hinweis auf die Rechtslage hinsichtlich des Einsatzes von Metallsonden vorangestellt – auch im Spiel. Etwas enttäuscht waren die Kinder und versicherten sich: „Dann dürfen wir also nicht einfach losziehen und suchen?“ Der Kastellbereich, die Ausfallstraßen mit den Gräberfeldern und damit einem Großteil der Remagener Kernstadt sind seit 2020 Grabungsschutzgebiet. Eltern und Kindern wurde die Relevanz unberührter Fundkontexte für die Wissenschaft erklärt, indem gemeinsam die Fundstelle genauer hinterfragt wurde. Im Fall ihres Fundes ist der Archäologie glücklicherweise kein Schaden entstanden: Das Fundgebiet liegt außerhalb des Schutzgebietes und das Erdreich wurde bei der Anlage des Spielplatzes in den frühen 1990er Jahren aufgeschüttet. Aufgrund dieser Verlagerung ist der ursprüngliche Kontext nur näherungsweise zu bestimmen.

Der zweite Teil des Workshops nahm das Forschungsinteresse der Kinder ernst. Das Landesamt  (GDKE in Koblenz) hatte nach einer ersten Prüfung dem Verbleib der Münze in den Händen der Familie zugestimmt, aber noch einige Informationen angefordert. Daher wurde der Fund vermessen, gewogen und fotografiert. Beim Zeichnen erfassten die Kinder die Details der Münze. Ihre Beobachtungen wurden nach und nach mit Kontextwissen ergänzt, sodass sie schließlich eine Vorstellung des ursprünglichen Gegenwerts „ihres“ Fundes besaßen. „Die Münze war ja nur so viel Wert wie ein Döner!“ 


Die Doku der jüngsten Teilnehmerin (fast 6 Jahre)
(Foto:  B. Surek)

Die Objektgeschichte wurde im Zusammenspiel mit der Entwicklung des Remagener Auxiliarlagers erzählt, das die Teilnehmenden bei einem anschließenden Besuch im Römischen Museum und den wenigen offen zugänglichen Überresten für sich erschlossen. Die Strecke führte entlang der Kastellhauptstraßen, die noch heute den Straßenverlauf in der Innenstadt prägt und die als Denkmalzone ausgewiesen sind, hinunter zum Rhein. Hier warteten ein Eis und der Blick in das enge Flusstal, der die Position des Sperrkastells an der Wasserstraße verdeutlichte. Auf dem steilen Weg zurück ins Kastellareal erfuhr die Gruppe seine hochwassersichere Topografie am eigenen Leibe. 


Auf den Spuren der Fundstelle im Römischen Museum Remagen
(Foto: @ Surek, mit Einwilligiung der Eltern)

Während die Kinder am Ende etwas erschöpft zusammenpackten, zogen die erwachsenen Begleiter ihr Fazit: „Das hat Spaß gemacht und obwohl ich mich dafür sonst nicht interessiere, hab ich noch was gelernt. Und das will schon was heißen!“ Die Münze öffnete an diesem Nachmittag den Blick der Kinder und ihrer Eltern für die archäologischen Grundlagen, mit denen eine vergangene Welt erforscht werden kann.

Das Wort „Schatz“ fiel übrigens nur einmal. Im Zusammenhang mit dem Wort „Schatzregal“. 

Mit dem Kids-Workshop wurde innerhalb weniger Tage auf den Fund reagiert, um das Interesse der Kinder zu befriedigen, aber auch, weil der üblichen Entdeckergeschichte so die Botschaft beigegeben werden kann, dass es um sensible archäologische Funde geht. Sie erzählen uns vieles über unsere Geschichte, aber genau deshalb sollten sie eben nicht einfach aus dem Boden gerissen werden..

 

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Mittwoch, 31. Juli 2024

Dank an Rio Tinto für die Zerstörung einer einzigartigen archäologischen Quelle

Ein aktueller Artikel in Quarternary Science Review (Slack u.a. 2024) wertet archäologische und paläoökologische Untersuchungen am Juukan 2 Rockshelter in Australien detailliert aus und liefert neue Informationen über die frühere Besiedlung des Pilbara-Hochlands im Nordwesten Australiens. Ausgangspunkt sind Testsondagen, die 2014 zur Erkundung des Tagebauareals vorgenommen wurden. Die Auswertung von Steinartefakten, Faunen, Pollen, alter DNA und Datierungen mittels  14C, optisch stimulierter Lumineszenz und einer Bayes'scher chronologischer Modellierung, zeigt, dass die Aborigines das westliche Hamersley Plateau bereits vor 47.000 Jahren (47 ka) besiedelten. Damit bestätigem sich frühere Vermutungen eines solch hohen Alters (Morse u.a. 2014).
Das Abri Jukaan 2 ist damit eine der ältesten und aussagekräftgsten Fundstellen zur Vorgeschichte Australiens. Zusammen mit der Höhle Juukan 1 ist Juukan 2 die einzige bekannte archäologische Stätte in Australien,  die eine Siedlungskontinuität im australischen Binnenland während der letzten Eiszeit zeigt.
Auch für jüngere Perioden sind in Juukan 2  einzigartige Funderhaltungen zu verzeichnen. Anhand von etwa 3500 Jahre alten geflochtenen menschlichen Haaren können genetische Verbindungen zwischen den früheren Bewohnern der Abris und heutigen Populationen gezeigt werden.

Dank an Rio Tinto für die Zerstörung einer einzigartigen archäologischen Quelle

Juukan 2 ist also eine Fundstelle von höchster Bedeutung und eine Schlüsselquelle für eine wichtige Phase der Menschheitsgeschichte. - wäre eine wichtige Quelle gewesen, wenn der Bergbaukonzern Rio Tinto sie nicht 2020 komplett in die Luft gesprengt.
 
Grabungen im Abri Jukaan 2 im Jahre 2014
(Foto: Scarp Archaeology and PKKP Aboriginal Corporation CCBY 4.0 aus Slack u.a. 2024)

 
Immerhin ist die neue wissenschaftliche Publikation - die die Sprengung nur in einem Postscript thematisiert, sondern sich im Gegenteil bei Rio Tinto für die Hilfe bedankt - Anlass, dass die Sprengung nochmals eine gewisse Medienresonanz gefunden hat.

"We would like to thank Rio Tinto Iron Ore for facilitating the project and for support in the field,"

 ...

"Postscript: Juukan 2 rockshelter was destroyed on the first Sunday of NAIDOC week (May 21, 2020) by RIO Tinto as part of its development of the Brockman 4 Iron Ore Mine under permits issued by the Western Australian Government.2


Konsequenzen?

Welche Konsequenzen wurden gezogen?

Es gab einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss, eine Gesetzesänderung (die unter Lobby-Druck inzwischen wieder zurück gezogen wurde) und eine Stiftung "Juukan Gorge Legacy Foundation" gegründet.

Der entlassene CEO wurde mit fast 19 Mio $ entschädigt.

Ach ja:Rio Tinto betreibt greenwashing.  

Dazu hat das Unternehmen mehrere Berichte vorgelegt.

Auffallend ist, dass sich die Diskussion um das Cultural Heritage auf die Rechte der Indigenen konzentriert, aber der Wissensverlust und die Heritage Sites als Erkenntnisquelle so gut wie keine Rolle spielen. Das Konzept der Rettungsgrabung - so problematisch das ist - wird erst gar nicht erwähnt - nicht einmal "archeology" wird in irgendeiner Form in den Berichten erwähnt - mit der Ausnahme eines Projektes in den USA, wo Rio Tinto in Arizona mit dem Tonto National Forest Service und sieben First-Nation-Gemeinschaften Einheimische in archäologischen Survey-Techniken ausgebildet hat (report 2022).  Anzumerken ist, dass in Juukan nicht die Unkenntnis der archäologischen Stätte das Problem war. Die Grabungen 2014 wurden als Voruntersuchung von Rio Tinto finanziert - deshalb der Dank der Quarternary Science Review-Autor*innen  - , doch dem Unternehmen waren die Ergebnisse einfach egal. Die durch den neuen Artikel abgesicherten Ergebnisse zur datierung hatte bereits der Vorbericht Morse u.a. 2014, sechs Jahre vor der Sprengung angedeutet. Sechs Jahre, die man wenigstens für Notgrabungen hätte nutzen können. Zeitverzögerung und Kosten werden um jeden Preis vermieden und mittels einer Beschwichtigungsstrategie verhindert, dass das Thema zu große öffentliche Aufmerksamkeit findet.

 Links

Rio Tinto zur Frage des Cultural heritage

Literatur

  • Morse u. a. 2014; K. Morse/R. Cameron/W. Reynen, A tale of three caves. New dates for Pleistocene occupation in the inland Pilbara. Australian Archaeology 79, 1, 2014, 167–178. - https://doi.org/10.1080/03122417.2014.11682033 
  • Slack u.a. 2024: Michael J. Slack, W. Boone Law, Adelle C.F. Coster, Kane Ditchfield, Judith Field, Jillian Garvey, Luke A. Gliganic, Patrick Moss, Jarrad W. Paul, Wendy Reynen, Ingrid Ward, Sally Wasef,  A 47,000 year archaeological and palaeoenvironmental record from Juukan 2 rockshelter on the western Hamersley Plateau of the Pilbara region, Western Australia, Quaternary Science Reviews,338, 2024, Nr. 108823, - https://doi.org/10.1016/j.quascirev.2024.108823.

 Interner Link

 

Mittwoch, 13. September 2023

Australopithecus und homo naledi kommen aus dem Weltall (fast...)

Mit dem Schwachsinn der Ancient Aliens hat das nichts zu tun, wohl aber mit einem merkwürdigen, unethischen Umgang mit Wissenschaft und archäologischen Funden.

Fossilien des Australopithecus sediba  (ca. 2 Mio Jahre alt) und des Homo naledi (ca. 250.00 Jahre alt) wurden von dem Unternehmer Timothy Nash zusammen mit einer Flagge Südafrikas in einer Karbon-Box auf den dritten Touristenflug der privaten Firma Virgin Galactics. Der Flug an Bord der VSS Unity führte am 8. September in den suborbitalen Raum etwa 88,5 Kilometer über der Erdoberfläche.

VSS UNity, 2016
(Foto: Ronrosano CC BY SA 3.0 via WikimediaCommons)

Initiiert hat diese PR Aktion der Anthropologe Lee Burger, der schon früher einige Auseinandersetzungen um sein Wissenschaftsgebaren ausgelöst hat. Dabei ging es zumeist jedoch um die Art der Publikation seiner Forschungsergebnisse, die ohne peer review im open access erscheinen.

 

Lee Berger
Lee Berger und Australopithecus sediba 2011
(Foto Brett Eloff, courtesy of Lee R. Berger and the University of the Witwatersrand,
CC BY SA 3.0 via WikimediaCommons)

 

Von den südafrikanischen Behörden, der South African Heritage Resources Agency (SAHRA) war die Aktion genehmigt worden. Begründet war der Antrag Bergers mit der  Werbung für Wissenschaft und eine globale Anerkennung der Frühmenschenforschung in Südafrika  Dabei wurde das Risiko für die Funde offenbar als gering eingestuft, wobei diese als paläontologische, nicht als menschlche Überreste klassifiziert worden sind. Die Situation analysiert die Archäologin Natsicle auf Twitter / X: 

Der Antrag stand wohl irgendwo zum Kommentieren online, doch gab es da keine Rückmeldungen.

Timothy Nash ist ein südafrikanischer Milliardär, der sich seit langem für die menschliche Evolution interessiert und der den Landstrich mit der Rising Star-Höhle (Dinaledi-Höhle) aufgekauft hat und nun sein Privateigentum nennt. Die Höhlen sind seit 1999 UNESCO-Welterbe.

Motive

Eine Pressemeldung der Universität Wittswaterrand in Johannesburg nennt einige Begründungen für die Mitnahme der Fossilien ins All:

"Die Mitnahme dieser Fossilien soll als symbolische Hommage an das menschliche Streben nach Weltraumerkundung dienen. ("a tribute to the contribution of all human ancestors and ancient human relatives for their part in making the ultimate gesture of human exploration and technological advancement possible – space fligh)"

Es gehe um eine Anerkennung für den Beitrag der Vorfahren der Menschheit ("appreciation of the contribution of all of humanity’s ancestors and our ancient relatives" Lee Berger) ". 

Die Fossilien wurden nicht nur wegen ihrer symbolischen bedeutung, sonder auch weil sie die am besten dokumentierten menschlichen Fossilien sind, die mit Abformungen, Scans und Bildern dank der Open Access-Politik überall auf der Welt verfügbar sind (“The fossils were carefully chosen not only for their symbolic importance, but also because they are among the most documented fossils of hominins in existence, with casts, scans and images available across the world due to our scientific and open access efforts” (Bernhard Zipfel, Curator of Collections at the University of the Wittwatersrand).

Die Expedition sei eine Hommage an Wissenschaft und Entdeckung und bedeutet die Möglichkeiten, unsere Vergangenheit mit unserer Zukunft zu verbinden. (“This expedition is a tribute to science and discovery and signifies the possibilities of connecting our past with our future." (Zeblon Vilakazi, Vice-Chancellor and Principal of the University of the Witwatersrand)).

Festzuhalten ist: Es ging nicht um irgendwelche spacigen Fragestellungen und Experimente, sondern tatsächlich nur um die PR.  Vielmehr ist geplant, dass die Fossilien zusammen mit Erinnerungsstücken aus dem Flug in Museen und anderen Institutionen in Afrika und auf der ganzen Welt nach ihrer Rückkehr nach Südafrika ausgestellt werden. ("It is the intention for the fossils, along with memorabilia from the flight, to be placed on display in museums and other institutions in Africa and around the world after their return to South Africa.)"

Teil der PR-Aktion ist auch National Geographic, die Lee Berger als National Geographic Explorer in Residence führt. Timothy Nash gehört dem Advisory Board von National Geographic an.

Anders als bei den beiden vorherigen kommerziellen Flügen der VSS Unity gab das Unternehmen die Namen der Passagiere erst nach der Landung bekannt und verzichtete auch auf einen Webcast, sondern berichtete nur in den Social Media.

Kritik

Die PR-Aktion löste einige Reaktionen bei Archäolog*innen und Anthropolog*innen aus - soweit zu sehen einhellig ablehnend.

Die Kritik setzt an vielen Punkten an:

  • das Risiko für die Funde
    • durch die Reise selbst
    • durch Weltraumstrahlung 
    • Es handelt sich um einzigartige Funde, sogar um jene, an denen die Arten definiert worden sind.
  • der Umgang mit menschlichen Überresten 
    • die hier offenbar als paläontologisch klassifiziert wurden, da sonst eine Genehmigung hätte verwehrt werden müssen - eine bewusste Entmenschlichung
    • die Individuen hätten ihre Reise in die obere Atmosphäre nicht verstanden
  • die finanziellen Interessen
  • nationale Interessen
     
Möglicherweise, aber das ist hier nur zu vermuten, spielt es auch eine Rolle, dass aktuell verschiedene Nationen wieder mit Weltraumabenteuern ihr nationales Selbstbewusstsein aufzupolieren versuchen und Südafrika hier vorerst nicht mitspielt.

Eine PR-Aktion ist per se nicht unbedingt verwerflich, die Frage, die sich hier stellt, ist die nach dem ethischen Umgang mit Funden von Frühmenschen, die hier nicht als Menschen anerkannt werden, obwohl gerade ihr Beitrag für unsere Kultur herausgestellt werden soll. Fraglich ist auch, ob die Risikoabwägung angemessen war. 
Zwar nennt die Pressemeldung der Universität Witwatersrand zwar einige Motive für die Aktion, aber eine klare Botschaft, die vielleicht das Risiko hätte aufwiegen können, wurde mit der Aktion nicht verbunden. Die Notwendigkeit, sorgsam mit archäologischen Funden umzugehen, wäre durchaus eine wichtige Botschaft - aber so funktioniert das natürlich nicht. Aber vielleicht nur ein gut platziertes Statement gegen Ancient Aliens-Mythen, die offenbar immer mehr um sich greifen? So ist das leider nur angeberische Selbstdarstellung, die Wissenschaft nicht fördert, sondern diskreditiert.

Samstag, 8. Oktober 2022

Mammut-Blamage? Petition sucht Unterschriften für den Erhalt des Vogelherd-Parks

Wieder Mal ist ein prominentes Zentrum archäologischer Vermittlungsarbeit in kommunaler Trägerschaft von der Schließung betroffen. Der Archaeopark Vogelherd, der Teile des UNESCO-Welterbes der Höhlen und Eiszeitkunst der Schwäbischen Alb präsentiert, soll nach einem Gemeinderatsbeschluß geschlossen werden. Dabei sind die Besucherzahlen im Archaeopark gar nicht schlecht.

Eine Petition an den Landtag Baden-Württemberg sammelt  nun Unterschirften für einen Erhalt des Parks.

 

Kleine Gemeinden können solche Projekte auf Dauer nicht stemmen, die Länder zögern hier häufig, finanzielle Verpflichtungen einzugehen und fördern daher bestenfalls befristete Projekte, nicht aber die problematischen dauerhaften Kosten.

Das Paläon, betrieben als GmbH in Schöningen - gewidmet den berühmten Schöninger Speeren -  hat vor Jahren eine solche Krise durchlaufen, ehe es (offiziell nur als Ziwschenlösung) als Forschungsmuseum dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege angegliedert wurde. 

Soeben hat das Land Baden-Württemberg nach mehreren Jahren diese Problematik beim Heuneburgmuseum durchgestanden und mit der Staatlichen Schlösser- und Gärtenverwaltung nun einen Träger gefunden, der allerdings mit den archäologischen Inhalten nicht so richtig unzugehen weiß - und sich mit einem weiteren solchen Projekt überfordert sieht.

Häufig sind sowohl auf lokaler Ebene die Erwartungen eines Freizeittourismus viel zu groß. Seriöse Wissenschaft kann auf diesem Sektor kaum mit Phantasy-Parks mithalten, die keine Einschränkungen in der Darstellung durch wissenschaftliche Erkenntnisse oder Erkenntnisunsicherheiten haben. Die Präsentation von Archäologie hat Bildung und nicht Unterhaltung oder finanziellen Gewinn zum Ziel. Bisweilen lässt sich das gut verbinden, bisweilen entstehen durch eine Kommerzialisierung aber auch unsinnige Vermittlungskonzepte.

Weißes (am Kreisel) und braunes Mammut als Wegweiser
(Foto: M. Decoster, 31.10.2020)

 

Das Problem ist schon daher nicht neu und auch im Falle von Niederstotzingen und dem Vogelherd-Park schon länger bekannt. Das zuständige, von der CDU geleitete Bauministerium betont, einerseits an einer Lösung zu arbeiten, dementiert aber Pressemeldungen über eine zugesicherte Unterstützung.  Obwohl klar ist, dass sich solche Einrichtungen kaum kostendeckend selbst tragen können, werden immer wieder neue Projekte begonnen, für die zwar Sondermittel eingeworben werden, eine solide langfristige Finanzierungsplanung aber fehlt, weshalb anschließend die Projekte von Ministerium zu Ministerium und von Träger zu Träger hin und hergeschoben oder gar geschlossen werden - mit fatalen Folgen für die Arbeit vor Ort.

So drohrt Baden-Württemberg eine kulturpolitische Blamage, angesichts des Status als UNESCO-Weltkulturerbes eine internationale Blamage...


Die Vermittlung von Archäologie- und Geschichtsthemen auf wissenschaftlicher Basis ist eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe. Der Blick in die Vergangenheit schafft Orientierung in der Gegenwart, bringt eine bessere Einschätzung von Krisensituationen und stärkt die gesellschaftliche Resilienz gegenüber unrealistischen Zukunftsversprechungen und Verschwörungsmärchen - vorausgesetzt, es gibt einen seriösen wissenschaftlichen Hintergrund, der der Mystifizierung und Instrumentalisierung der Vergangenheit entgegentritt. Eine Kommerzialisierung, sei es privatwirtschaftlich oder als Landesbetrieb, ist daher gefährlich.

Die Darstellung des Lebens in der letzten Eiszeit ist ein wichtiger Beitrag zur historischen Bildung, zeigt doch gerade der Kontrast mit den heutigen Lebensverhältnissen, wie vielfältig menschliche Kulturen sind und dass sich Gesellschaften auch stetig verändern. Er trägt dazu bei, die zeitliche Dimension zu verstehen, was Voraussetzung ist, um Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen.


Presseberichte

eine Zusammenstellung unter https://www.openpetition.de/petition/blog/wir-fordern-finanzielle-unterstuetzung-des-welterbes-hoehlen-und-eiszeitkunst-der-schwaebischen-alb#petition-main

 Offener Brief von Nicolas Conard an die Landesregierung

mit zahlreichen Unterschriften von Fachkolleg*innen insbesondere der deutschen Urgeschichtsforschung

Links

Sonntag, 24. Juli 2022

Probleme mit dem Populismus

Instrumentalisierung der Vergangenheit durch die Politik ist ein altbekanntes Phänomen. Dieser Tage führt Vladimir Putin dies mit der Begründung für seinem Krieg gegen die Ukraine vor Augen (Archaeologik 22.1.2022).  Auch Trumps "Make America great again!" beschwört ein Bild der amerikanischen Geschichte, das hochgradig selektiv ist. Auch demokratische Parteien berufen sich in ihrem Wahlkampf oft auf die Vergangenheit.

 

Die Bilder der Vergangenheit, die hier beschworen werden, sind meist unabhängig von den Quellen und Disziplinen, die dahinterstehen, sondern sind Mythos. Zu dessen Legitimation und Propagandierung fördern populistische Regierungen gerne wissenschaftliche oder auch parawissenschaftliche "Forschung" - auch in der Archäologie, die medienwirksamere Bilder liefern kann als klassische Archivarbeit. Forchungsgeschichtlich sei nur daran erinnert, dass die ur- und frühgeschichtliche Archäologie ihren entscheidenden Ausbau an den Universitäten während der NS-Zeit erfahren hat. Auch die Archäologie des Mittelalters - wenngleich damals noch gar nicht als akademisches Fach etabliert - war hier in verschiedener Weise betroffen (vgl.  Archaeologik 2.7.2020).

Wenn also Wissenschaft auch per se unpolitisch sein sollte, so kann sie es in der Praxis gar nicht sein, gerade, weil ihre Ergebnisse eben nicht im luftleeren Raum stehen und reiner Selbstzweck sind. Davon sind wohl alle Wissenschaften betroffen. Dabei geht es in vielen Disziplinen darum, dass die wissenschaftlichen Ergebnisse auf Widerstand stoßen, weil sie nicht in bestehende Menschen- und Weltbilder passen oder Wirtschaftsinteressen stören. Beispiele sind etwa die Klimaforschung, jüngst die Virologie, aber auch die Kulturwissenschaften wenn es etwa um Sex und Gender geht. Vor allem aber im Bereich der Geschichte mit ihrer identitätsstiftenden Erinnerungskultur ist sie auch anfällig für Manipulationen, bisweilen im Rahmen wissenschaftlicher Interpretationsspielräume, oft aber auch mit para- und pseudowissenschaftlichen Argumentationen.

Wissenschaft kann ihren eigenen Ansprüchen der Seriosität, der Verpflichtung auf wissenschaftliche Methoden und einer Verantwortung der Gesellschaft gegenüber nur gerecht werden, wenn sie sich gegen solche Manipulationen wehrt. Geschichte und Archäologie dürfen sich daher nicht ausschließlich mit der Vergangenheit befassen, sondern müssen auch die Rezeption durch die moderne Gesellschaft(en) im Auge behalten und gegebenenfalls darauf reagieren.

Das Bewusstsein für die Problematik steigt - auch in der Archäologie.

Im letzten Heft des Jahrgangs 2021 des European Journal of Archaeology ist ein Meinungs-/ Diskussionsbeitrag erschienen, der das derzeit leider extrem wichtige Thema des Populismus und des Einflusses von Identitätsstiftung und Politik auf die Archäologie aufgreift. Er fasst Beiträge zusammen, die auf eine Session bei der EAA-Konferenz 2019 in Bern zurückgehen. Auf dieser Tagung wurde das EAA-Statement zu Archäologie und Demokratie verabschiedet (Archaeologik 22.9.2019).

  • Daniela Hofmann, Emily Hanscam, Martin Furholt, Martin Bača, Samantha S. Reiter, Alessandro Vanzetti, Kostas Kotsakis, Håkan Petersson, Elisabeth Niklasson, Herdis Hølleland, Catherine J. Frieman: 24/4, 2021, 519-555 - doi: https://doi.org/10.1017/eaa.2021.29
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Der Artikel vereint die Beiträge vieler Kolleg*innen, die unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben und keineswegs immer einer Meinung sind. Dennoch gelingt es, einige wesentliche Aspekte des Problemfelds aufzuzeigen.
Ich möchte hier einerseits auf solche Aspekte hinweisen, die in diesem Zusammenhang auf Archaeologik bereits ein Thema waren, andererseits solche hervorheben, die mir neue Perspektiven zu bieten scheinen.

Die Agitation der Populisten

Kennzeichen des Populismus sind nach einer Analyse des Politikwissenschaftlers Jan-Werner Müller Elitenkritik, Antipluralismus, vermeintliche moralische Überlegenheit und Identitätspolitik. Er ist damit zwar überwiegend, aber nicht ausschließlich ein Phänomen rechter Parteien.
Der Populismus ist heute jedoch nicht nur einigende Ideenwelt unzufriedener oder desillusionierter Massen, sondern wird von gut finanzierten und gut strukturierten politischen Parteien organisiert, schreiben die Autor*innen. Moderner Populismus ist mehr als nur Vehikel für den klassischen Wahlkampf. "Es geht um Ideologien, die sich oft durch falsch konstruierte Narrative der Vergangenheit und der Zukunft begründen. Während Populisten in der Vergangenheit Pionierarbeit beim Missbrauch von Massenmedien, insbesondere von Radio und Filmen, geleistet haben, sind die heutigen Populisten geschickte Manipulatoren von sozialen Medien wie Facebook und Twitter" (S. 529).

Es soll an dieser Stelle nicht um die zunehmenden Relativierungen nationalsozialistischer Verbrechen gehen, die mittlerweile viele Verquertdenker-Demonstrationen auszeichnen. Es geht europaweit um Geschichtsdarstellungen, die bestimmte Werte legitimieren sollen. Der EJA-Artikel präsentiert dazu Beispiele populistischer Kampagnen aus Tschechien, der Slowakei, Italien, Griechenland und Skandinavien. 

Als neu nehmen die Autor*innen wahr, dass "die immer lauter werdende und allgegenwärtige populistische Auseinandersetzung die diskursiven Grundlagen einer rationalen Argumentation bedroht (an ever more vocal and pervasive populist debate (...) threatens the discursive foundations on which rational argument is possible)" (S. 520). Es geht also nicht nur um die Instrumentalisierung der Geschichte durch etablierte Regierungsparteien (wie z.B. in Ungarn oder Russland), sondern um populistische, bisweilen auch nur populäre Geschichtsbilder, die für politische oder auch wirtschaftliche Partikularinteressen nicht nur ausgenutzt, sondern auch (bewusst) verbogen werden.

Mit historischen (Schein-)Begründungen werden meist konservative "Werte" propagiert, die in einer modernen liberalen Gesellschaft als restriktiv und intolerant mehrheitlich nun eher abgelehnt werden. Oft ist es die bloße Wiederholung, oft der Keim des Zweifels, der über die modernen Massenmedien des Web gesät werden. Langfristig können damit "alternative", letztlich völlig erlogene Weltbilder geschaffen werden. Wenn dies in autoritären Regimen mit einer Beschränkung der Presse- und Meinungsfreiheit einhergeht, kann dies ein wichtiges Element der Machtsicherung durch "Wahrheitsmonopol" werden.

Wie sollen wir darauf reagieren? Wie gehen wir damit um, dass Populisten dabei auch auf archäologische Themen schielen? Wie gehen wir damit um, wenn oft lautstarke Gruppen in der Öffentlichkeit mit vorgefertigten Meinungen oder gar bewussten Missdeutungen an die Geschichte herangehen, gezielt wissenschaftlichen Ergebnissen und Überzeugungen widersprechen oder auch einfach nur über das methodisch aus den verfügbaren Daten Erschließbare hinausgehen?

 

Populistische Geschichtsnarrative

Viele historische Narrative nehmen Bezug auf einzelne historische Gruppen. In gängigen Geschichtsbildern geschieht dies heute nur noch gewohnheitsmäßig. Ich habe oft den Eindruck, dass die fehlende Theoretisierung und Selbstreflektion wesentlichen Anteil daran hat, dass sich keine zeitgemäßeren und historisch realistischeren Narrative durchgesetzt haben. Anstelle nationaler Geschichte, die meist eher wenig erklärt, bieten beispielsweise eine Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, insbesondere aber eine Umweltgeschichte viele wichtige Entwicklungslinien, die es wert sind, erzählt zu werden - und die Anlass bieten, kritisch über die Gegenwart nachzudenken.
Populistische Narrative setzen den Bezug auf Völker und Nationen bewusst ein, um Ideologien zu legitimieren, die eigene Stärke und moralische Überlegenheit zu demonstrieren und eine durch gemeinsame Ahnen und Geschichte abgegrenzte Gruppe zu propagieren - und vermeintlich Fremde auszuschließen. Nationen und Völker werden hier als natürliche, weitgehend unveränderliche Größen gedacht (vgl. Archaeologik 15.11.2016).
In Norditalien wird im Umfeld der Lega Nord die keltische Vergangenheit Norditaliens propagiert, während die historisch hier ansässigen Bevölkerungsgruppen wie Ligurer und Veneter oder auch Etrusker marginalisiert werden. Was die Kelten heute in Norditalien politisch attraktiv macht, ist wohl nicht zuletzt ihr Marsch auf Rom und dessen Eroberung 390 v.Chr. (S. 536ff.). Solche sozialen Prozesse der Selbstinszenierung durch die Erfindung von Traditionen spielten im Übrigen bereits in der Spätantike eine wesentliche Rolle, als sich viele Stämme und Völker erstmals formierten.

 

1922: Faschisten unter Mussolini auf dem Marsch auf Rom -
Heute haben die norditalienischen Kelten, die 390 v.Chr. gegen Rom marschiert sind, unter den norditalienischen, separatistischen Rechten der Lega Nord Konjunktur
(Foto: unbek. Fotograf [PD] via WikimediaCommons)


Der Kulturbegriff

Der EJA-Beitrag weist darauf hin, dass das Festhalten an im Fach althergebrachten Kategorien, wie dem Kulturbegriff ein veraltetes und im Kern längst als zu simpel erkanntes Geschichts- und Gesellschaftsbild für die Öffentlichkeit bekräftigt. Es geht um die Vorstellung von Kulturen und Völkern als einer natürlichen, unveränderlichen Gemeinschaft, die primär auf eine gemeinsame Abstammung zurückgeht.

Deutlich wird das Problem insbesondere bei so etablierten Kategorien wie "Germanen", "Kelten" oder - wie in vorliegendem Artikel auch von skandinavischen Kollegen thematisiert - "Wikinger". Noch immer bedienen sich ihrer Museen, um Publikum in Ausstellungen zu locken. Baden-Württemberg verwendet die "Kelten" bedenkenlos für touristische Werbung.

Bei den Wikingern ist festzustellen, dass sie in der Mehrheit der Bevölkerung ihre nationalistische Bedeutung verloren haben, wirtschaftlicher Opportunismus aber dennoch ihre Fahnen hochhält und dieselben Narrative bedient. Håkan Petersson konstatiert (S. 540ff.), die Museen seien auf diese Situation völlig unvorbereitet. Auf der einen Seite sehen sie die Probleme und widersetzen sich auch, konkurrieren aber zugleich kommerziell um die Gunst des Publikums und lassen sich auf die überholten Stereotype und Narrative ein. Frustriert stellt Petersson fest, fünfzig Jahre moderner Forschung und archäologischer Funde hätten das traditionelle Bild kaum verändert.  Die Fachleute haben ihre Deutungshoheit und ihre Rolle als Übersetzer und Präsentatoren der Geschichte an wirtschaftliche Interessen verloren.

Seit langem als Problem sind auch die zu vereinfachenden Labels erkannt, die die moderne Archäogenetik oft zur Bezeichnung ihrer aus der DNA definierten Gruppen verwendet, die eben keineswegs Völker im traditionellen Verständnis darstellen. Martin Furholt greift diese Thematik S. 526ff. auf.

Völker oder Gruppen mit auch heute noch auftretenden genetischen Eigenschaften wirken fast zwangsläufig identitätsstiftend. Kontinuitäten weit in die Vergangenheit wirken legitimierend aber auch ausgrenzend und sind daher ein beliebtes Narrativ insbesondere für rechte Kreise. 

Da auch das traditionelle, aus dem 19. Jahrhundert herrührende Geschichtsbild an solchen Kontinuitäten ausgerichtet ist, fehlt oft das Gespür für die Diskontinuitäten und Brüche. Es scheint mir kein Zufall, dass das wissenschaftliche Geschichtsverständnis in den USA (anders als das von ExPotUS D.Trump), sehr viel eher auch Kollapssituationen und soziale Interaktion thematisiert, da die moderne amerikanische Geschichte für fast alle Gruppen mit einer Zäsur (Auswanderung, Deportation, Vertreibung, Krieg, Seuchen) beginnt.  Geschichte bedeutet Veränderung und kennt nur ausnahmsweise Kontinuitäten. Die wichtigste Kontinuität ist meist der andauernde Wandel.

Der EJA-Artikel zieht in diesem Zusammenhang die Chronologiediskussion zur Linearbandkeramik heran, wo ebenfalls klassische typochronologische Gruppen die alte Vorstellung von einheitlichen Gruppen verfestigen würden. Gerade dieses Beispiel zeigt aber m.E. dass es hier nicht um die Einforderung einer generellen Aufgabe der Suche nach kulturellen Gruppen gehen kann und gehen darf. Denn in einzelnen historischen Perioden und Räumen kann sich durchaus eine Gruppenidentität entwickeln, die exklusiv und auf Abstammung orientiert ist. Dies darf nur nicht paradigmatisch vorausgesetzt werden. Dieses Problem mit dem der mangelnden Akzeptanz der 14C-Chronologie in Deutschland zu vermengen (S. 520f.), erscheint mir nicht korrekt. Ihr einen unbedingten Vorrang gegenüber Argumenten aus archäologischen Vergesellschaftungen und Gruppen einzuräumen, scheint mir verfehlt, ist es doch nicht der Einsatz moderner Methoden, sondern erst die Fähigkeit, Widersprüche in den Aussagen verschiedener Quellen und Daten zu finden und durch eine umfassende Kritik auf allen Seiten aufzuklären, was moderne Interdisziplinarität ausmacht. 

 

Verfestigung von konservativen Welt- und Menschenbildern

Die permanente Wiederholung nationaler Narrative verfestigt die Idee einer historisch legitimierten Gemeinschaft mit konservativen Werten. Das führt zum Beispiel dazu, dass quellenkritisch erforderliche Diskussionen um frühere Rollenverhältnisse als unseriös abgelehnt werden. Genderdebatten in der Geschichte bedeuten nicht, dass moderne Gender-Ideale in die Vergangenheit übertragen werden, sondern, dass erst mal überlegt wird, wie stichhaltig eine Verallgemeinerung traditioneller Sichtweisen ist. Sehr oft zeigt sich, dass andere Modelle zumindest denkbar sind - und hergebrachte Begriffe zu überdenken sind.

Es scheint auch weder zukunftsweisend noch vergangenheitserklärend, den alten Germanen-Begriff weiter zu verwenden, In Berlin und Bonn wurde 2020/21 eine große Ausstellung "Germanen" präsentiert, die zwar auch die Problematik des Germanen-Begriffs angesprochen hat, ihn aber dennoch verwendet hat, weil sich  "bestimmte Begriffe nicht aus dem allgemeinen Sprachgebrauch und Bewusstsein wegdenken lassen“. Ist es aber nicht die Aufgabe von Historikern und Archäologen, Geschichte zu erzählen, wie sie war, nicht wie wir sie uns vorstellen wollen? Man hat stattdessen den Germanen-Begriff groß in die Medien gebracht, was bei der großen Masse der Rezipienten wohl eher affirmativ wirkt, wenn auch durch die Pressearbeit zahlreiche Medienberichte das Problem aufgegriffen und damit sogar getitelt haben, wie etwa Spektrum der Wissenschaft, das titelte "Germanen - gab's die wirklich?" oder auch die Welt "Die Germanen hat es nie gegeben". Es scheint sinnvoll, hier eine eingängige Terminologie zu entwickeln, die "Germanen" vermeidet, aber eben auch nicht ungelenk von der "eisenzeitlichen und römisch-kaiserzeitlichen Bevölkerung der Gebiete rechts des Rheins" spricht. Von Germanen sollte eben nur dort gesprochen werden, wo die zeitgenössischen schriftlichen Quellen diesen Terminus auch verwenden. 

 

Verschiebung des Sagbaren

Durch andauernde Provokationen und Grenzüberschreitungen erreichen viele rechtspopulistische Parteien aber auch eine Verschiebung des Sag- und Denkbaren. Was einst ein Skandal war, wird allmählich normal und auch von Parteien der Mitte aufgenommen. Was wichtige neue Perspektiven auf Vergangenheit und Heute werfen könnte, wird von vorn herein diskreditiert. Die permanente Darstellung kulturellen Erbes als ein nationales Erbe lässt mittel- bis langfristig Migration in einem anderen Licht erscheinen - völlig unabhängig von Fakten oder humanitären Werten. Der Artikel verweist hier nicht auf das deutsche Beispiel der AfD mit ihrem "Vogelschiß", sondern auf verschiedene skandinavische Rechtspopulisten. In diesem Kontext darf man aber sicherlich auch die überbordende Verwendung von Hakenkreuzen und anderen rechten Symbolen sehen.

 

Populistische Strategien

Einfluss auf Erinnerungs- und Bildungspolitik ist daher für Populisten immer wieder von Interesse. Leider fehlen im EJA-Artikel Beiträge von Kollegen aus Polen und Ungarn, wo die Populisten längst in der Regierung sitzen, und tatkräftig durch alternative Forschungsinstitute ihre eigenen Geschichten schnitzen - oder missliebige historische Themen schlicht zu verbieten versuchen.

Aus Norwegen berichtet Herdis Hølleland, wie die populistische Rechte danach strebt, die Macht von der Elite auf „das Volk“ zu verlagern. Neoliberale Entbürokratisierungsmaßnahmen, wie sie kürzlich von der derzeitigen Koalitionsregierung in Norwegen eingeführt wurden, können dazu führen, dass fachliche Expertise aus Entscheidungsprozessen gedrängt wird und der politische Einfluss zunimmt. Ziel der Kulturpolitik der norwegischen Fortschrittspartei beispielsweise ist die Stärkung der nationalen Identität durch Schutz und Pflege nationaler archäologischer Stätten, die Herkunft und Macht versinnbildlichen. Um ihre Kulturerbepolitik umzusetzen und zu finanzieren, versuchen sie, staatliche Gelder von multikulturellen Initiativen und Institutionen wegzulenken, die sich mit zeitgenössischer Kunst und Weltkulturen auseinandersetzen. Bürokratieabbau ist sicher an vielen Punkten ein wichtiges und gerechtfertigtes Anliegen, doch ist es wichtig zu sehen, dass er auch ein Einfallstor für Populisten sein kann.

Es sind nicht nur die Narrative nationaler Größe oder einer kriegerischen Vergangenheit, sondern auch bestimmte Kommunikationsformen, die Populismus kennzeichnen. Der Artikel bietet dazu eine Tabelle, die verschiedene Formen der Kommunikation zwischen Archäologie und Öffentlichkeit sehr summarisch auflistet:


Für die akademische Wissenschaft steht hier die klassische top-down Kommunikation, die sich bei allen modernen Überlegungen zur Wissenschaftskommunikation auch nicht wird völlig ersetzen lassen. Die Archäologie muss zwar stärker die Interessen der Gesellschaft einbinden und auch die Stimmen aus der Gesellschaft wahrnehmen, aber Grabungsergebnisse werden am Ende nun mal präsentiert - selbst wenn bei den Ausgrabungen die Bürgerschaft involviert war.

Der Autor Herdis Hølleland sieht aber auch eine top-down Promotion durch Politiker und einige einflussreiche Archäologen (vgl. Archaeologik), eine bottom-up-Perspektive, die sie als "revenge archaeology" (Rache-Archäologie) charakterisieren, die anti-elitär oft von Hobbyforschern vertreten wird und schließlich die Perspektive der Wissenschaftspopularisierung durch Vermittler, für die beispielsweise auf Heinrich Schliemann verwiesen wird (vgl. Archaeologik 39.4.2019). Neben den Facharchäologen sind hier noch zahlreiche weitere Akteure involviert.


Handlungsoptionen: 6 Thesen

Dass Wissenschaftler*innen hier nicht einfach zuschauen dürfen, scheint mir außer Frage. Die Vorstellung, Archäologie und generell Wissenschaft sei unpolitisch und könne sich heraushalten, ist viel zu simpel. Vergangenheit hat einen Gegenwartsbezug, der sehr vielschichtig ist. Natürlich ist Geschichte auch immer perspektivisch, aber eben auch nicht beliebig. Die sich wechselnden Perspektiven ergeben sich aus neuen Fragestellungen und Methoden, in der Archäologie oft auch aus neuen Quellen, sprich: Ausgrabungen. Aber sie ergeben sich auch aus verschiedenen theoretischen Ansätzen. Sie dürfen nie paradigmatisch sein, sondern müssen jeweils methodisch kritisch sein (was etwas Anderes ist, als viele Parawissenschaftler oder Querdenker darunter verstehen).

These 1: Eingriffe in die Wissenschaftsfreiheit beispielsweise im Rahmen der Hochschulpolitik oder die Begrenzung wissenschaftlicher Expertise in den Denkmalschutzgesetzen müssen genau beobachtet und mit den Mitteln der Demokratie aktiv verhindert werden.

These 2: Die Archäologie darf nicht nur Materialvorlagen und Ausgrabungsberichte publizieren und die Interpretation dann Laien überlassen. Sie muss auf wissenschaftlicher Basis - theoretisch fundiert und erklärt - auch historische Interpretationen anbieten.

"Die Rolle der Archäologen und der Archäologie muss und sollte jedoch nicht nur darin bestehen, die Voraussetzungen für die Interpretation unserer Forschungsergebnisse und Daten durch andere zu schaffen. Daran können und müssen wir aktiv mitwirken" (S. 533). 

These 3: Die Bedeutung unterschiedlicher theoretischer Ansätze bzw. Hintergrundkonzepte für die Interpretation muss aktiv und offen vermittelt werden. Es ist zu zeigen, dass es nicht um erfundene sog. "alternative Fakten" oder "alternative Wahrheiten", sondern um zulässige - und notwendige - alternative Perspektiven auf der Ebene von Hypothesen oder auch Theorien geht.  Seriöse Wissenschaftsvermittlung beinhaltet zwangsläufig auch eine Vermittlung theoretischer Grundlagen.

These 4: Wissenschaft muss den Dialog mit der Öffentlichkeit suchen und sollte die wesentlichen Stakeholders kennen lernen (vgl. S. 539). Der Umgang mit der Öffentlichkeit muss reflektiert erfolgen, um zu verhindern, dass nicht-wissenschaftliche Narrative die Oberhand gewinnen. Dieses Risiko ist im Kontext von Reenactment, Living History, aber auch von Citizen Science - die alle wichtiges Potential haben, Geschichte zu vermitteln -  zu reflektieren. Leicht geraten hier falsche oder irrelevante Inhalte wie niedliche Ponys und stinkende Schweine in die Vermittlung.

These 5: Wir müssen genauer überlegen und kommunizieren, was die Archäologie denn tatsächlich an Relevantem zu vermitteln hat. Das ist m.E. nicht, wie die Gewandung um 760 im Vergleich zu 930 n.Chr. ausgesehen hat. Das Potential der Archäologie liegt in der Vermittlung der zeitlichen Dimension, dabei kann die Gewandungsfrage didaktisch interessant werden. Vor allem aber sollte die Archäologie m.E. die Bedeutung langer Zeiträume, aber auch die Möglichkeit kurzfristiger historischer Umschwünge aufzeigen und so wichtiges Orientierungswissen liefern. Ohne ein Verständnis für die Dimension der Zeit kann keine verantwortungsvolle Zukunftsplanung erfolgen. Und wir sollten es vermeiden, populäre, letztlich aber überholte Begriffe zu benutzen, da dies fasche, überholte Weltbilder  zementiert. Nicht immer wird die kritische Diskussion weiter vermittelt, so dass - wie bei der oben erwähnten Germanen-Ausstellung - am Ende ein affirmativer Charakter bleibt.

These 6: Wir benötigen eine umfassende Auseinandersetzung mit archäologischer Vermittlungsarbeit, mit ihren Zielen, Methoden und Medien, ihrer Resonanz und ihren Defiziten. Das sollte auch nicht das Hobby einiger Weniger sein, da es alle betrifft, die mit Archäologie befasst sind und deswegen Kontakt zur Öffentlichkeit haben. Es ist nicht nur ein Thema für Museen, sondern auch für Universitäten, Denkmalpflege und all jene, die in diesen Bereich freiberuflich tätig sind und meistens am direktesten mit der Öffentlichkeit zu tun haben.


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