Freitag, 11. September 2020

Rücktritt der Bergbau-Chefs: Verantwortung für Kulturgutzerstörung

Der Geschäftsführer (CEO) des Bergbauunternehmens Rio Tinto tritt zurück, melden am 11.9.2020 mehrere Nachrichtenagenturen.
Wirtschaftsnachrichten auf Archaeologik? Ja, denn dies ist die Folge, dass das Bergbauunternehmen für eine bessere Ausbeutung eines Erzlagers in Australien im Mai zwei Kulturstätten der Aboriginees gesprengt hat. 

In der Pilbara-Region in Westaustralien lagen an der Juukan-Schlucht zwei Felsdächer bzw. Höhlen, in denen eine umfassende Stratigraphie und mehrere Bestattungen nachgewiesen werden konnten. Sie reichen zurück in die späte Eiszeit, bis zu 46.000 Jahre v.h. Die Fundstellen lagen bei der Mine Brockman 4 der Gesellschaft Rio Tinto. Trotz Einspruchs der indigenen Landbesitzer wurden zwei der Höhlen am 24. Mai 2020 von der Bergbaugesellschaft gesprengt

Die Fundstelle Juukan 2 erbrachte eine durchgehende Stratigraphie und war eine der wenigen, in der Artefakte und faunistisches Material in einem Kontext zu finden waren, was sie zu einer einzigartigen Quelle für die kultur- und Umweltgeschichte macht. Gegraben wurde indes nur ein einzelner 'test pit' von gerade mal einem Quadratmeter. Eine wissenschaftliche Dokumentation hat vor der Zerstörung also nicht stattgefunden (Slack u. a. 2009).

Zwar besitzen die Aboriginees ein gewisses Mitspracherecht bei der Entwicklung ihres Landes, das ihnen de facto aber wenige Möglichkeiten bietet, eine "bergbauliche Inanspruchnahme" zu verhindern. Kulturgutstätten bzw. archäologische Stätten haben nur einen gewissen Schutz, wenn sie von Anfang an gelistet waren. Meist fehlen aber eingehende archäologische Surveys und eine Inventarisation. Seit 2010 haben Bergbaukonzerne die Sprengung von 463 historischer Stätten der Aborigines beantragt.  Formal war die Sprengung der Fundstelle legal, denn im Falle der Jukaan-Schlcht wurde die Bedeutung der Fundstelle erst erkannt, nachdem 2013 der Erzabbau genehmigt worden ist. Die Publikation von 2009 ergab ein Alter von 'lediglich' 32.000 Jahren doch haben weitere Forschungen in der Pilbara Region gezeigt, dass dieser Typ von Fundstellen in der Region weiter, bis etw 46.000 Jahre vor heute zurück reicht (Morse u.a. 2014).

Die Sprengung löste heftige Proteste der Aboriginees aus und hat nun eine Revision des Aboriginal Heritage Act, sowie eine Untersuchungskommission der Regierung zur Folge. 
Mit einer Petition wurde eben dieses von der Regierung eingefordert.
Die Zerstörung von Rio Tinto trifft in die Zeit einer verstärkten Rassismus-Debatte und so ist die Affäre um die Höhlengräber eng mit Fragen von sozialer Gerechtigkeit und Menschenrechten verknüpft.



Neben dem Vorstandsschef von Rio Tinto müssen zwei weitere Vorstandsmitglieder gehen. Schon Ende August wurden die Boni des Vorstands gekürzt (4,6 Mio A$ allein des CEO) und Rio Tinto musste sich vor dem australischen Senat  für die Zerstörung entschuldigen. Doch die Investoren hatten weitere personelle Konsequenzen gefordert. Bemerkenswert ist dabei, dass der Aktienkurs der Rio Tinto Group von den Vorgängen anscheinend unbeeinflusst blieb. Wenige Tage vor der Sprengung hatte er indes aus einem Coronakrisen-Tief deutlich gewonnen und inzwischen fast wieder sein altes Vor-Krisen-Niveau erreicht.
Der Rio Tinto Konzern bemüht sich um Schadensbegrenzung.  Rio Tinto in Spanien bei Huelva ist ein berühmtes antikes Bergbaugebiet, insofern trägt die Rio Tinto Group eine Verpflichtung zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Kulturerbe schon in ihrem Namen. Um so beschämender ist der Vorang für das Unternehmen.
Auf der Rio-Tinto-Homepage wurde nun eine Seite zu Cultural Heritage, die über Maßnahmen etwa auf der Burrup Halbinsel, aber auch bei Bergbau in der Mongolei berichtet, eingerichtet:

In einer Presseerklärung stellt das Aboriginal Land Council von New South Wales fest, dass die Rücktritte im Vorstand von Rio Tinto am grundlegenden Problem nichts ändern: "the problems of cultural heritage destruction and inadequate heritage protection legislation are much bigger than these three individuals".

Brockman 4 -Mine in Westaustralien bei einer Sprengung 2018
(Foto: Calistemom [CC BY SA 4.0] via WikimediaCommons)

In Australien ist dies nicht der erste Fall, dass indigenes Kulturgut ohne adäquaten Umgang mit der eigenen Verantwortung vernichtet wird (Archaeologik 16.8.2015). Die Bedrohung der ältesten Felsbilder Australiens durch Bergbau und Pipelines, auf der Burrup Halbinsel hatte das betreffende Gesetz bereits vor Jahren in die Kritik gebracht und die damaligen Pressemeldungen berichten von einer Prüfung des Gesetzes, das aber offenbar nicht geändert wurde. 

Fazit

So geht es letztlich in der Tat nicht um drei Manager, sondern um die grundsätzliche Frage, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit kulturellem Erbe im Kontext von Bergbau auszusehen hat. Die aktuelle Berichterstattung über Rio Tinto in Australien erwähnt mit keinem Wort, dass Bergbau, insbesondere Tagebau sehr häufig für eine enorme Kulturgutzerstörung verantwortlich ist. Eine flächendeckende "Inanspruchnahme" zerstört ganze Kulturlandschaften und weder eine adäquate Finanzierung nach Verursacherprinzip, noch eine vorausgehende systematische inventarisation sind selbstverständlich - auch nicht in Deutschland.
Erinnert sei insbesondere auch an die Zerstörung historischer Minen, wie etwa der ältesten Kupfermine Sakdrisi in Georgen (Archaeologik 10.4.2014), der römischen Minen von Rosia Montana (Archaeologik 23.1.2015).

Die formal juristische Rechtmäßigkeit der Kulturgutzerstörung ist nicht gleichbedeutend mit einer moralischen Rechtmäßigkeit und kann sich als sittenwidrig erweisen.

Die Hoffnung, dass auch in anderen Fällen eine größere Sensibilität von Bergbaukonzernen gegenüber dem Kulturerbe entsteht, darf realistischerweise nicht allzu groß sein, den letztlich geht es wohl auch den Investoren nicht um die Moral, sondern um den Imageschaden, der entstanden ist. Die spezifische Konstellation in Australien, dass eine archäologische Fundstelle als heilige Stätte zu gelten hat und auch symbolisch für die Indigenen-Rechte steht, haben wir in Mitteleuropa für gewöhnlich nicht. Kulturgüter sind heute nicht mehr so identitätsstiftend, dass sie per se eine gesellschaftliche Relevanz und damit eine starke Lobby hätten. Die hohe wissenschaftliche Bedeutung der Fundstellen spielt in der Argumentation und der medialen Berichterstattung auch im Falle des Juukan Gorge so gut wie keine Rolle.


Links

Pressemeldungen auf deutsch
Pressemeldungen aus Australien und der englischsprachigen Welt
wissenschaftliche Publikationen
  • Slack u. a. 2009
    M. Slack/M. Fillios/R. Fullhagar, Aboriginal Settlement during the LGM at Brockman, Pilbara Region, Western Australia. Archaeology in Oceania 44/suppl. 1, 2009, 32-39. - doi:10.1002/j.1834-4453.2009.tb00066.x
  • Morse u. a. 2014
    K. Morse/R. Cameron/W. Reynen, A tale of three caves. New dates for Pleistocene occupation in the inland Pilbara. Australian Archaeology 79, 1, 2014, 167–178. - doi:10.1080/03122417.2014.11682033

Stellungnahme der Universität Melbourne
Statement des World Archaeological Congress
Erklärungen von Rio Tinto

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