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Mittwoch, 13. September 2023

Australopithecus und homo naledi kommen aus dem Weltall (fast...)

Mit dem Schwachsinn der Ancient Aliens hat das nichts zu tun, wohl aber mit einem merkwürdigen, unethischen Umgang mit Wissenschaft und archäologischen Funden.

Fossilien des Australopithecus sediba  (ca. 2 Mio Jahre alt) und des Homo naledi (ca. 250.00 Jahre alt) wurden von dem Unternehmer Timothy Nash zusammen mit einer Flagge Südafrikas in einer Karbon-Box auf den dritten Touristenflug der privaten Firma Virgin Galactics. Der Flug an Bord der VSS Unity führte am 8. September in den suborbitalen Raum etwa 88,5 Kilometer über der Erdoberfläche.

VSS UNity, 2016
(Foto: Ronrosano CC BY SA 3.0 via WikimediaCommons)

Initiiert hat diese PR Aktion der Anthropologe Lee Burger, der schon früher einige Auseinandersetzungen um sein Wissenschaftsgebaren ausgelöst hat. Dabei ging es zumeist jedoch um die Art der Publikation seiner Forschungsergebnisse, die ohne peer review im open access erscheinen.

 

Lee Berger
Lee Berger und Australopithecus sediba 2011
(Foto Brett Eloff, courtesy of Lee R. Berger and the University of the Witwatersrand,
CC BY SA 3.0 via WikimediaCommons)

 

Von den südafrikanischen Behörden, der South African Heritage Resources Agency (SAHRA) war die Aktion genehmigt worden. Begründet war der Antrag Bergers mit der  Werbung für Wissenschaft und eine globale Anerkennung der Frühmenschenforschung in Südafrika  Dabei wurde das Risiko für die Funde offenbar als gering eingestuft, wobei diese als paläontologische, nicht als menschlche Überreste klassifiziert worden sind. Die Situation analysiert die Archäologin Natsicle auf Twitter / X: 

Der Antrag stand wohl irgendwo zum Kommentieren online, doch gab es da keine Rückmeldungen.

Timothy Nash ist ein südafrikanischer Milliardär, der sich seit langem für die menschliche Evolution interessiert und der den Landstrich mit der Rising Star-Höhle (Dinaledi-Höhle) aufgekauft hat und nun sein Privateigentum nennt. Die Höhlen sind seit 1999 UNESCO-Welterbe.

Motive

Eine Pressemeldung der Universität Wittswaterrand in Johannesburg nennt einige Begründungen für die Mitnahme der Fossilien ins All:

"Die Mitnahme dieser Fossilien soll als symbolische Hommage an das menschliche Streben nach Weltraumerkundung dienen. ("a tribute to the contribution of all human ancestors and ancient human relatives for their part in making the ultimate gesture of human exploration and technological advancement possible – space fligh)"

Es gehe um eine Anerkennung für den Beitrag der Vorfahren der Menschheit ("appreciation of the contribution of all of humanity’s ancestors and our ancient relatives" Lee Berger) ". 

Die Fossilien wurden nicht nur wegen ihrer symbolischen bedeutung, sonder auch weil sie die am besten dokumentierten menschlichen Fossilien sind, die mit Abformungen, Scans und Bildern dank der Open Access-Politik überall auf der Welt verfügbar sind (“The fossils were carefully chosen not only for their symbolic importance, but also because they are among the most documented fossils of hominins in existence, with casts, scans and images available across the world due to our scientific and open access efforts” (Bernhard Zipfel, Curator of Collections at the University of the Wittwatersrand).

Die Expedition sei eine Hommage an Wissenschaft und Entdeckung und bedeutet die Möglichkeiten, unsere Vergangenheit mit unserer Zukunft zu verbinden. (“This expedition is a tribute to science and discovery and signifies the possibilities of connecting our past with our future." (Zeblon Vilakazi, Vice-Chancellor and Principal of the University of the Witwatersrand)).

Festzuhalten ist: Es ging nicht um irgendwelche spacigen Fragestellungen und Experimente, sondern tatsächlich nur um die PR.  Vielmehr ist geplant, dass die Fossilien zusammen mit Erinnerungsstücken aus dem Flug in Museen und anderen Institutionen in Afrika und auf der ganzen Welt nach ihrer Rückkehr nach Südafrika ausgestellt werden. ("It is the intention for the fossils, along with memorabilia from the flight, to be placed on display in museums and other institutions in Africa and around the world after their return to South Africa.)"

Teil der PR-Aktion ist auch National Geographic, die Lee Berger als National Geographic Explorer in Residence führt. Timothy Nash gehört dem Advisory Board von National Geographic an.

Anders als bei den beiden vorherigen kommerziellen Flügen der VSS Unity gab das Unternehmen die Namen der Passagiere erst nach der Landung bekannt und verzichtete auch auf einen Webcast, sondern berichtete nur in den Social Media.

Kritik

Die PR-Aktion löste einige Reaktionen bei Archäolog*innen und Anthropolog*innen aus - soweit zu sehen einhellig ablehnend.

Die Kritik setzt an vielen Punkten an:

  • das Risiko für die Funde
    • durch die Reise selbst
    • durch Weltraumstrahlung 
    • Es handelt sich um einzigartige Funde, sogar um jene, an denen die Arten definiert worden sind.
  • der Umgang mit menschlichen Überresten 
    • die hier offenbar als paläontologisch klassifiziert wurden, da sonst eine Genehmigung hätte verwehrt werden müssen - eine bewusste Entmenschlichung
    • die Individuen hätten ihre Reise in die obere Atmosphäre nicht verstanden
  • die finanziellen Interessen
  • nationale Interessen
     
Möglicherweise, aber das ist hier nur zu vermuten, spielt es auch eine Rolle, dass aktuell verschiedene Nationen wieder mit Weltraumabenteuern ihr nationales Selbstbewusstsein aufzupolieren versuchen und Südafrika hier vorerst nicht mitspielt.

Eine PR-Aktion ist per se nicht unbedingt verwerflich, die Frage, die sich hier stellt, ist die nach dem ethischen Umgang mit Funden von Frühmenschen, die hier nicht als Menschen anerkannt werden, obwohl gerade ihr Beitrag für unsere Kultur herausgestellt werden soll. Fraglich ist auch, ob die Risikoabwägung angemessen war. 
Zwar nennt die Pressemeldung der Universität Witwatersrand zwar einige Motive für die Aktion, aber eine klare Botschaft, die vielleicht das Risiko hätte aufwiegen können, wurde mit der Aktion nicht verbunden. Die Notwendigkeit, sorgsam mit archäologischen Funden umzugehen, wäre durchaus eine wichtige Botschaft - aber so funktioniert das natürlich nicht. Aber vielleicht nur ein gut platziertes Statement gegen Ancient Aliens-Mythen, die offenbar immer mehr um sich greifen? So ist das leider nur angeberische Selbstdarstellung, die Wissenschaft nicht fördert, sondern diskreditiert.

Donnerstag, 30. Juni 2022

Älteste Bestattungen des Homo sapiens - aus gutem Willen (?) eingegraben und vernichtet

Seit Jahren gab es in Australien eine Auseinandersetzung, wie mit den archäologischen Funden zweier Bestattungen zu verfahren sei, die 1969 bzw. 1974 am Lake Mungo in New South Wales bei Ausgrabungen entdeckt worden sind. Man datiert beide heute um etwa 40.000 v.Chr.. Sie sind nicht nur ältestes Zeugnis der Besiedlung Australiens, sondern gehören überhaupt zu den ältesten Gräbern unserer Spezies homo spaiens.

Mungo Man
(Foto James Maurice Bowler [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)

 

Nach der Ausgrabung verblieben die Skelettreste in einem Safe der Australian National University in Canberra und wurden 1992 bzw. 2017 offiziell an Australiens Ureinwohner zurückgegeben, die der pietätlosen Aufbewahrung in der Fremde und in einem Safe widersprochen haben. 

Sie wurden jeweils in den Mungo National Park überführt. Mungo Lady wurde dort in einem Ausstellungszentrum wiederum in einem Safe aufbewahrt, Mungo Man wurde 2017 nach einem Zeitungsbericht der FAZ auf dem Gelände des Besucherzentrums in einem Sarg beigesetzt. 

Die Umweltministerin Sussan Ley der inzwischen abgewählten Regierung kündigte Anfang April 2022 an, dass Mungo Man und Mungo Lady sowie 100 weitere prähistorische sterbliche Überreste an 26 unbekannten Stellen im westlichen New South Wales beigesetzt werden sollen. Entsprechende Forderungen waren von Aboriginees seit langem erhoben worden. - Allerdings gab es auch Stimmen, die für einen Keeping Place sprachen, an dem die Überreste so bestattet werden sollten, dass sie für künftige Generationen – und potenziell auch für die Wissenschaft - erhalten bleiben. Tatsächlich gelten mehrere Stämme als "traditional owners" und sie haben die Pläne auch vor Gericht erfolgreich angefochten. Ihre Stimme wurde bei der Entscheidung zur Bestattung übergangen.

Trotz des laufenden Verfahrens fanden jedoch am 24. Mai die anonymen Bestattungen auf Anweisung der Regierung an nicht nachvollziehbaren Orten statt. Es steht der Verdacht im Raum, dass die Regierung angesichts ihrer drohenden Abwahl noch rasch Fakten schaffen wollte. Die zuständige Umweltministerin Sussan Ley, die der Morrisson-Regierung angehörte, die sich vehement gegen Klima- und Umweltschutz engagiert hat,  hat beispielsweise auch wichtige Schutzregelungen für den vom Aussterben bedrohten Tasmanischen Teufel noch schnell außer Kraft gesetzt.

Nun soll eine unabhängige Untersuchung klären, wie es zu der illegalen Bestattung, die in der Art und weise, wie sie durchgeführt wurde einer Zerstörung deer Funde gleich kommt, kommen konnte.


Links

Mungo National Park: http://www.visitmungo.comau/ 



Literatur

  • Tim H. Heupink, Sankar Subramanian, Joanne L. Wright, Phillip Endicott, Michael Carrington Westaway,Leon Huynen, Walther Parson, Craig D. Millar, Eske Willerslev, and David M. Lambert: Ancient mtDNA sequences from the FirstAustralians revisited. PNAS 113/25, 2016, 6892–6897. - https://www.pnas.org/doi/full/10.1073/pnas.1521066113

Sonntag, 4. Oktober 2020

Covid19 - die Keule des Neandertalers?

Noch immer wissen wir wenig darüber, was bei Covid19 zu schweren Krankheitsverläufen führt. Früh wurde eine Risikogruppe identifiziert, nämlich Menschen in höherem Alter und mit Vorerkrankungen. Das erklärt aber nicht alles, denn letztendlich scheint nicht klar, warum derzeit die Quote derer, die eine Intensivbehandlung im Krankenhaus benötigen so viel geringer ist, als im Frühjahr. Die größere Erfahrung bei der Behandlung, die Schutzmaßnahmen, aber auch die saisonal bedingten andersartigen Übertragungswege, scheinen hier wichtige Faktoren zu sein.

Corona-Beiträge auf Archaeologik
Viren
(biology pop [CC BY SA 4.0]
via WikimediaCommons)

Nun kommt ausgerechnet aus der Archäologie – genauer gesagt aus der Paläoanthropologie – eine Studie, die zeigt, dass es Faktoren gibt, die wir nicht beeinflussen können und dass es eben sehr schwierig ist, die komplexen Zusammenhänge jetzt schon zu überblicken. 

Schon länger wurde vermutet, dass auch genetische Faktoren eine Rolle spielten und eine erste im Juni 2020 publizierte Studie (Zeberg/ Pääbo 2020) identifizierte zwei Bereiche in den Genen, die mit schweren Krankheitsverläufen verbunden scheinen. Einer der beiden Bereiche konnte in einer Folgestudie bestätigt werden. Es handelt sich um einen Abschnitt auf Chromosom 3, von dem eine Variante deutlich mit schweren Krankheitsverläufen von Covid19 assoziiert ist. Eben diese Ausprägung ist im Erbgut des homo sapiens als ein Einfluß des Neandertalers und der Denisova-Menschen anzusehen. Seit einigen Jahren weiß man, dass es zu Vermischungen zwischen dem ‚modernen‘ homo sapiens und Neandertalern kam. Wie diese Kontaktperiode im Einzelnen zu verstehen ist, ist noch Gegenstand aktueller Forschungen, zu denen etwa erst jüngst nach einer Aktualisierung der Kalibrationskurven für die Radiocarbondatierung neue chronologische Ergebnisse publiziert wurden (Bard u.a. 2020).

Das menschliche Genom (die Gesamtheit seines Erbguts) umfasst 23 Chromosome, die sich von ihrer Länge und Gendichte unterscheiden. Ein Chromosom enthält verschiedene Proteine, vor allem aber Desoxyribonukleinsäure (DNA), die der eigentliche Träger der Erbinformationen, also die materielle Basis der Gene ist. Ein Gen ist ein Abschnitt eines Chromosoms.

Chromosom 3 besteht aus 199 Millionen Basenpaaren als kleinste Informationseinheit der DNA. Auf dem Chromosom 3 befinden sich zwischen 1100 und 1500 Gene, das sind etwa 6,5 % der gesamten DNA einer menschlichen Zelle.  Die riskante Variante findet sich nun auch in den Genen der Neandertaler.

„Es hat sich herausgestellt, dass moderne Menschen diese Genvariante von den Neandertalern geerbt haben, als sie sich vor etwa 60.000 Jahren miteinander vermischten“, sagt Zeberg. „Die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen, die diese Genvariante geerbt haben, bei einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 künstlich beatmet werden müssen, ist etwa dreimal höher.“ (https://www.mpg.de/15446134/neandertaler-gene-covid19)

 

Der DNA-Abschnitt des Neandertal-Gens auf Chromosom 3 im  Genome DataViewer https://www.ncbi.nlm.nih.gov


Vielleicht – und spätestens hier muss ich nochmals betonen, dass ich kein Archäogenetiker bin – erklärt sich aus diesem Zusammenhang ja auch, der bislang überraschend glimpfliche Verlauf der Covid19-Pandemie in Afrika, wo der Neandertaler eben kaum genetische Spuren hinterlassen hat. Allerdings ist auch hier die Forschung im Fluss (Chen u.a. 2020), da eine neue Population nun auch bei Personen aus Afrika das Neandertal identifizieren konnte – allerdings wohl als Folge jüngerer Migration nach Afrika.

Warum das „Neandertaler-Gen“ ein erhöhtes Covid-19-Risiko hervorruft, ist bisher unklar. Die Studie zeigt bislang nur eine statistische Korrelation. Dem Neandertaler-Gen werden nach neueren Studien noch andere Folgen für die betreffenden Genträger zugeschrieben. Er scheint auf bestem Weg zum Mythos zu werden, wie die darauf beruhenden Schlagzeilen nahe legen:

Hier reihen sich nun Berichte über das erhöhte Covid19-Risiko ein:

Die Deutsche Welle hat den Artikel in ihrer Berichterstattung ebenfalls aufgegriffen und stellt die naheliegende Frage: „Haben die Erkenntnisse Einfluss auf die Therapie?“

Der Artikel weist die Studie zurecht als Grundlagenforschung aus und zitiert den Mitarbeiter Stephan Schiffels vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena: „Es ist eine abstrakte Erkenntnis, die zunächst einmal keinen direkten Nutzen hat, die aber über COVID-19 erstaunlich aktuellen Bezug bekommt."  Die Opfer, derzeit aber wohl eher die Einschränkungen führen bei Vielen zu einer gewissen Verunsicherung. Der Blick in die Vergangenheit kann hier Orientierungswissen und weitergehend Erklärung und Sicherheit liefern. OK - meine Blog-Überschrift ist da nicht so hilfreich...

 

Literaturhinweise

  • Bard u. a. 2020
    E. Bard/T. J. Heaton/S. Talamo u. a., Extended dilation of the radiocarbon time scale between 40,000 and 48,000 y BP and the overlap between Neanderthals and Homo sapiens. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 117, 35, 2020, 21005–21007. – <doi: 10.1073/pnas.2012307117>
  • Chen u. a. 2020
    L. Chen/A. B. Wolf/W. Fu u. a., Identifying and Interpreting Apparent Neanderthal Ancestry in African Individuals. Cell 180, 4, 2020, 677-687.e16. - <doi: 10.1016/j.cell.2020.01.012>
  • Zeberg/ Pääbo 2020
    H. Zeberg/ S. Pääbo, The major genetic risk factor for severe COVID-19 is inherited from Neanderthals. Nature (2020). - https://doi.org/10.1038/s41586-020-2818-3 https://www.nature.com/articles/s41586-020-2818-3

Interner Link

 zu den Gegenwartsbezügen ("Grundlagenforschung", "Orientierungswissen" siehe:

Sonntag, 18. Februar 2018

Dunkelhäutig und blauäugig - DNA-Analysen passen nicht in mancher Weltbild

In den vergangenen Tagen ging die Meldung durch die britischen Medien, wonach DNA Analysen nachgewiesen haben, dass der älteste "Brite" dunkelhäutig und blauäugig war:

Der Schädel des 1903 entdeckten Cheddar Man
(C. G. Seligman - F. G. Parsons:
The Cheddar Man: A Skeleton of Late Palaeolithic Date.
The Journal of the Royal Anthropological Institute
of Great Britain and Ireland 44, 1914, 241-263
[Public Domain] via WikimediaCommons)
Übrigens: Der Befund dunkeklhäutiger Bevölkerung in Europa ist nicht neu. Schon 2014 hat eine DNA-Studie ein entsprechendes Ergebnis an mesolithischen und neolithischen Skelettresten auf dem europäischen Festland erbracht (das damals über Doggerland auch noch fest mit der Insel verbunden war).
  • I. Lazaridis/N. Patterson/A. Mittnik u. a., Ancient human genomes suggest three ancestral populations for present-day Europeans. Nature 513, 7518, 2014, 409–413. - doi 10.1038/nature13673 -  https://www.nature.com/articles/nature13673
  • I. Mathieson/I. Lazaridis/N. Rohland u. a., Genome-wide patterns of selection in 230 ancient Eurasians. Nature 528, 7583, 2015, 499–503. - doi 10.1038/nature16152 - https://www.nature.com/articles/nature16152

Reaktionen in den Social Media

Neben eher witzigen und launigen Kommentaren finden sich im Netz zahlreiche Reaktionen, die erkennen lassen, wie manche ihr rassistisches Weltbild angegriffen fühlen und nun von Betrug und marxistischer Verschwörung schwafeln.
Dass solche ein Befund diese Reaktionen hervorruft zeigt, dass das Konzept der Rasse in den Köpfen eben doch immer noch mit der Nation verbunden und für Viele identitätsstiftend ist. Deshalb wird solch eine Erkenntnis als "War on Whites" und fake news gelabelt und natürlich auch als Verschwörung verstanden: "Turns out Britons were black, so let's replace all Europeans with migrants NOW!!!"
Bisweilen geben sich die Kommentare seriös, verweisen auf die Einzelprobe des Cheddar Man, stellen in Frage, wie man nach 100 Jahren auf einmal die Erkenntnis haben könnte, Cheddar Man hätte dunkle Haut, nachdem man ihn zuvor immer weiß rekonstruiert hätte. Es gäbe keine Möglichkeit, zu wissen, welche Haut- und Augenfarbe gehabt haben könnte. Wissenschaftlicher Fortschritt wird einfach augeblendet, nebenbei wird die Evolutionstheorie angezweifelt. Das Problem liegt nicht in einer Unkenntnis der Existenz moderner Methoden, sondern in der Selektion dessen, was ins bereits bestehende (sogar zugegeben rassistische) Weltbild passt.
Eine Passage im obigen Interviewe ist bemerkenswert: "The scientists and these anti-racist campaigns at the run are just stupid. So they think, that we [!] think it is only skin color, so that if they could convince them, that he had black skin, haha, they all suck it to all the racists out there." Wenige Sekunden zuvor, hat er jedoch noch postuliert, dass aufgrund der blauen Augen eine eigene "branch" von Menschen angenommen werden müsse und bestätigt eben damit, dass Äußerlichkeiten als Abgrenzungskriterium dienen.

Unsinnige und rassistische Kommentare zu den Meldungen in den Social Media haben verschiedene Beiträge gesammelt:
Dem anzugliedern ist ein Tweet des republikanischen Trump-Anhängers und Kongresskandidaten Paul Nehlen, der auf Twitter die Gesichtsrekonstruktion des Cheddar Man über ein Bild von Meghan Markle montiert und mit dem Kommentar "Honey, does this tie make my face look pale?" versehen hat, um sie als nicht-weiß zu brandmarken.


Die Debatte folgt auf eine ähnliche, die im August 2017 ein Comic über das römische Britannien ausgelöst hatte, das passend zu der Vielzahl der Bevölkerungsgruppen des Römischen Reiches und DNA-Analysen auch dunkelhäutige 'Römer' dargestellt hatte:

Natürlich steckt hinter solchen Meldungen eine Agenda, nämlich die, alte, aber falsche Vorstellungen aufzubrechen. Wenn davon Begriffe betroffen sind, mit denen Parteien Politik machen, dann ist das zwangsläufig eine politische Agenda, ob wir wollen oder nicht. Themen können nicht ad acta gelegt werden, nur weil sie politisch werden könnten. Wissenschaft würde ihren Sinn verlieren, nämlich Klarheit über unsere Lebensbedingungen zu erhalten.
Das ist generell eine Aufgabe der Wissenschaft, insbesondere der Geisteswissenschaften.  Sie ist hier unter anderem auch auf die Medien angewiesen, die häufig einem Thema erst die nötige Aufmerksamkeit verschaffen. Entsprechende Ergebnisse wie beim Cheddar Man liegen schon seit einigen Jahren von anderen mesolithischen und neolithischen Skelettresten vor, die bei weitem nicht diese Aufmerksamkeit gefunden haben. Die Untersuchung des Cheddar Man war eine Auftragsstudie für die BBC und hat das Thema tatsächlich publik gemacht - leider mit einer problematischen, nach wissenschaftlichen Kriterien unzulässigen Vereinfachung. Cheddar Man als Brite zu bezeichnen ist Unsinn, funktioniert aber eben, um Aufmerksamkeit zu erhalten.

Link



Donnerstag, 4. Januar 2018

Paläoanthropologie: Durch fehlenden Open Access zur Fake Science?

In den Kommentaren auf facebook zu einem Presseartikel zu zwergwüchsigen Menschenfunden von Palau hat deren Entdecker, der südafrikanische Anthropologe Lee Berger einen längeren, sichtlich verärgerten Kommentar geschrieben, nachdem Donald Johanson, bekannt als Entdecker von Lucy vor fake science gewarnt hat.




Small-Bodied Humans from Palau, Micronesia
(aus der OpenAccess-Publikation
L.R. Berger - S.E. Churchill - B. De Klerk - R.L. Quinn:
Small-Bodied Humans from Palau, Micronesia.
PLoS ONE 3(3), 2008: e1780.
https://doi.org/10.1371/journal.pone.0001780
unter CC BY 4.0)
Jenseits früherer persönlicher Auseinandersetzungen der beiden, die hier sicher eine Rolle spielen, verdient die knappe, schnell auf dem Handy runtergeschriebene Darstellung Bergers durchaus Beachtung. Mangelnde Zugänglichkeit von Fossildaten sowie schlechte konventionelle Abbildungen, wie sie die Forschergeneration von Johanson zu verantworten habe, mache die Paläoanthropologie zur Fake Science. 

Berger stellt Open Access und digitale 3D-Modelle als grundlegend für den modernen Wissenschaftsbetrieb heraus.

Montag, 21. September 2015

Homo naledi warnt!

Homo naledi - ein Neufund menschlicher Fossilien aus Südafrika - ging die letzten Wochen durch die Presse. Interessant: Die Diskussion um Ansprüche, Medialisierung, die Rolle der Politik und das wissenschaftliche Publizieren.

"Homo naledi"
(Foto: Lee Roger Berger research team [CC BY 4.0] via Wikimedia Commons)

Problematisch ist die Bestimmung als neue Art (mehrfach werden Stimmen laut, die homo naledi in der Variationsbreite des homo erectus sehen) und die Behauptung, es würde sich um eine Bestattung handeln. 
Die Finanzierung und Präsentation des Fundes durch die südafrikanische Regierung und die Beteiligung von National Geographic haben sicherlich zur Medialiserung beigetragen. Für Verwunderung sorgt die wissenschaftliche Publikation, die nicht in einer hochgerankten Zeitschrift erschienen ist. Lee Berger erklärt, die Zeitschrift "nature" habe mit ihrem Artikelformat nicht genug Platz geboten, um den Fund angemessen zu beschreiben. Schließlich ist die Publikation in der Zeitschrift eLife erschienen, die bewusst auf Open Access und ein Ranking verzichtet, das mehr vom Namen der Zeitschrift als vom Inhalt bestimmt sei. Auch hier hat der Artikel ein peer review durchlaufen. 
In der Wissenschaft wird es teils positiv aufgenommen, dass die Publikation sich nicht am Geschäftsmodell von 'Nature' orientiert, sondern den eigenen Bedürfnissen Rechnung trägt.
Teils wird aber auch hinterfragt, ob ein Artikel in 'Nature' deshalb nicht zustande gekommen sei, weil es eben zu wenig stichhaltige Argumente für die Bestimmung einer neuen Art und einer bewussten Bestattung gäbe. Tatsächlich stehen grundlegende Untersuchungen - wie die Datierung des Fundes - noch aus. Der Spiegel thematisiert die langen Publikationszeiträume von Fossilfunden.
Der homo naledi konfrontiert uns also mit der Frage:
Welchen Raum bietet man außerwissenschaftlichen Interessen an einer Publikation? Die Forscher um Berger haben sich auf eine Medialisierung durch Regierung und NG eingelassen, aber (womöglich nicht ganz freiwillig) die Kommerzialisierung durch einen Wissenschaftsverlag zurück gewiesen und sich für eine rasche Publikation und Open Access entschieden.

Links:

Nachtrag (21.9.2015):